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Full text of "Archiv für Frankfurts Geschichte und Kunst"

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Archiv für Frankfurts 
Geschichte und Kunst 

Frankfurter Verein für Geschichte und 
Landeskunde, Verein für Geschichte und . 



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ARCHIV 

ftir 

FRANKFURTS GESCHICHTE 

und 

KUNST. 



Neue Folge. 



Herausgegeben 
von dem 

Vereine für Geschichte und Altertumskunde 

zu Frankfurt am Main. 

Sechster Hand. 
Mit Abbildungen. 



FRANKFURT n. M. 

Im Selbst - Verlage des Vereins. 

In Counnissiou von Carl Theodor Völokor'a Verlag. 

1877. 



901 

.PIA 



Druckerei von Augu*t Osterrieth in Frankfurt a. M. 



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Inhalt. 



Der Streit über die unbefleckte Empfängniss der Mari» zu Frankfurt a. M. 
im Jahre 1500 und sein Nachspiel in Hern 1509. Von Dr. thcol. 
Georg Eduard Stcitz, Consistorialrath und Senior des Ministeriums . 

Der Humanist Wilhelm Ncsen, der Begründer des Gymnasiums und erste 
Anregor der Reformation in der alten Reichsstadt Frankfurt a. M. 
Lebensbild, auf Grund der Urkunden dargestellt von G. E. Steitz, 
Dr. der Theologie, Senior des luther. Ministeriums und Consistorialrath 

Vaterstädtisches und Vaterländisches. Auszüge aus S G. Finger'a Tage- 
büchern von 1795 bis 1818. (Zusammengestellt von Lorenz Friedrich 
Finger) 

Johann Nicolaus Kürner. Ein Frankfurter Naturforscher des vorigen Jahr- 
hunderts. Von Dr. Max Schmidt, Director des zoologischen Gartens 
in Frankfurt a. M. (Mit Körner's Hildniw) 

Vierter Aufsatz Uber frankfurter Medaillen, historische Münzen, für Local- 
gebrauch gefertigte Jettons und andere Münzen. Von Dr. Eduard 
Rüppell. (Mit einer Tafel Abbildungen) 

Register über die vier Abhandlungen mit den Besehreibungen der Me- 
daillen etc 

Frankfurt in den Topographien und Rcisebeschreibungen des 1(5. und 17. 
Jahrhunderts. Zusammengestellt von Dr. med. W. Stricker 

Conrat Gobcl, Giesser zu Frankfurt um die Mitte des 16. Jahrhunderts. 
Von Dompräbcndat Friedrich Schneider in Mainz. (Mit 5 Tafeln Ab- 
bildungen) 

Zusatz von Justizrath Dr. Euler 

Nachtrag zu dem Aufsatze Uber mittelrheinische Chronisten im fünften 
Bande des Archivs. Von Dr. F. Falck in Worms . 



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Der Verein für Geschichte und Alterthumskunde hat bis jetzt folgende 

Schriften veröffentlicht: 

1) Archiv für Frankfurts Geschichte und Kunst. Neue Folge. Band I.— V. 
Mit Abbildungen. Frankfurt 1860. 1H62. 1865. 1869. 1872. (Schliesst sich 
an das gleichnamige von der Gesellschaft für Frankfurts Geschichte und 
Kunst in 8 Heften 1839-1858 herausgegebene Archiv an.) 

2) Mittheilungen an die Mitglieder des Vereins. Band I. IL III. IV. V. 1-3. 
Frankfurt 1860—1877. (Diese schliesseu sich an die periodischen Blätter an, 
welche von 1853 — 1857 der Frankfurter Verein in Verbindung mit andern 
Vereinen herausgegeben hat, nämlich periodische Blätter der Geschichts- uud 
Altcrthums-Vereine zu Cassel, Darrostadt, Frankfurt, Mainz und Wiesbaden, 
Jahrg. 1853, Nr. 1-4; Jahrg. 1851, 1855, 1856, Nr. 1-12, sodann der Vereine 
zu Cassel, Darmstadt, Frankfurt und Wiesbaden, Jahrg. 1857, Nr. 1-4.) 

3) Des Canonicus Baldemar von Peterweil Beschreibung der kaiserl. Stadt 
Frankfurt am Main aus dem 14. Jahrhundert. Urschrift mit Uebers. und Erl. 
Herausgegeben von Dr. L. H. Euler. Frankfurt 1858. (Ist besonderer Ab- 
druck aus Nr. 1 der Mittheilungen ) 

4) Das steinerne Haus und die Familie von Mtlem in Frankfurt. Frankfurt 1859. 
(Besonderer Abdruck aus Bd. I. Nr. 3 der Mittheilungen.) 

5) Neujahrsblatt für 1&59. - Dorf und Schloss Rödelheim. Beiträge zu der 
Geschichte derselben von Dr. L. II. Euler. Frankfurt 1859. 4°. 

6) Desgl. lür 1860. — Der Frankfurter Chronist A. A. von Lcrsner, vou Dr. 
E. Heyden. Frankfurt 1860. 4». 

7) Desgl. für 1861. — Die Melanchthons- und Lutherherbergen zu Frankfurt 
am Main: Claus Brommen Haus, Lisas von Rückingen Haus, Wolf Parente's 
Haus. Eine Untersuchung zur topograph. Geschichte der alten Reichsstadt 
von G. E. Steitz, Doctor der Theologie. Frankfurt 1861. 4°. 

8) Desgl. für 1862. — Samuel Thomas von Sömmering, der Heilkunde Doctor, « 
k. baier. Geheimerath, nach seinem Leben und Wirken geschildert von Dr. med. 

W. Stricker. Frankfurt 1862. 4». 

9) Desgl. für 1863. — Drei römische Votivhände ans den Rheinlanden, von Dr. 
J. Becker. Frankfurt 1863. 4». 

10) Desgl. für 1864 und ffir 1H65. Johann David Passavant. Ein Lebensbild 
von Dr. A. Cornill. Abth. I. II. Frankfurt 1864. 1865. 4°. 

11) Desgl. für 1866. — Die deutsche Schrift im Mittelalter, ihre Entwickelung, 
ihr Verfall, mit besonderer Rücksicht auf Frankfurt und seine Umgegend, von 
Dr. Friedrich Schärft. Mit 8 Tafeln. Frankfurt 1866. 4». 

12) Desgl. für 1867. - Geschichte der Dr. Senckenbcrg'schen Stiftshäuser von 
Sebastian Alex. Scheide!. Mit 5 Tafeln. Frankfurt 1867. 4«. 

13) Desgl. für 1868. — Grabschrift eines römischen Panzcrreiter-Officiere aus 
Rödelheim bei Frankfurt a. M., erläutert von Dr. phil. Jacob Becker. Mit 
2 Tafeln Frankfurt 1868. 4°. 

I I) Desgl. für 1869. - Der Staatsrath Georg Steitz und der Fürst Primas Karl 
von Dalberg. Ein Blatt aus Frankfurts Geschichte im Anfange des XIX. 
Jahrh. Mit urkundlichen Beilagen, von G. E. Steitz, Doctor der Theologie. 
Frankfurt 1869. 4°. 

15) Desgl. für 1870. - Die Baugeschichtc der Paulskirche (Barfüsserkirche) zu 
Frankfurt am Main. 1782—1813. Nach den Acten bearbeitet von Dr. Wilh. 
Stricker. Mit 1 Lithographie und 10 Holzschnitten. Frankfurt 1870. 4°. 



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16) Deegl. fttr 1871. — Jacob Heller und Albrecht Dürer. Ein Beitrag zur Sitten- 
und Kunst-Geschichte des alten Frankfurt am Main um 1500 von Otto Cornill. 
Mit 2 Abbildungen und 4 Holzschnitten. Frankfurt 1871. 4«. 

17) Desgl. für 1872. — Das erste städtische Theater in Frankfurt a. M. Ein 
Beitrag zur äusseren Geschichte des Frankfurter Theaters. 1751—1872. Nach 
den Acten bearbeitet von Dr. A. H. E. von Oven, Senator. Mit 1 Abbildung. 
Frankfurt 1872. 4°. 

18) Desgl. für 1873. — Mitteilungen aus dem Frankfurter Stadt- Archive. — Ur- 
kunden und Schriften betreffend den Zog der Armagnaken (1439—1444). 
Herausgegeben von Ernst Wülcker, Archiv-Sccretär. Frankfurt 1873. 4». 

19) Desgl. für 1874. — Zur Rechts-Geschichte der Reichsstadt Gelnhausen von 
Dr. L. H. Euler, Juatizrath. Mit einer Siegcltafel. Frankfurt 1874. 4<>. 

20) Desgl. für 1875. — Das AufruhTbuch der ehemaligen Reichsstadt Frankfurt 
am Main vom Jahre 1525. Zum ersten Male herausgegeben von G. E. Steitz, 
Doctor der Theologie. Frankfurt 1875. 4°. 

21) Desgl. für 1876. - Frankfurter Concert Chronik von 1713—1780. Zusammen- 
gestellt von Carl Israel. Frankfurt 1876. 4». 

22) Desgl. für 1877. - Mittheilungen aus dem Frankfurter Stadt- Archive. - Ur- 
kunden und Acten betreffend dio Belagerung der Stadt Neuss am Rheine. 
(1474—75). Herausgegeben von Ernst Wülcker. Frankfurt 1877. 4°. 

23) Die neddernheimer Vbtivhand, eine römische Bronce aus der Dr. Römer 
Büchner'schen Sammlung, der XX. Versammlung deutscher Philologen, Schul- 
männer und Orientalisten zur chrerb. Begrüasung vorgelegt von dem Verein 
für Geschichte und Alterthumskunde. Frankfurt 1861. 4°. (Mit dem innom 
Titel: Die Heddernheimer Broncehand. Ein Votivdenkmal des Jupiter Doli- 
chenua mit den übrigen Dolichenus-Denkmälern aus Heddernheim zusammen- 
gestellt von Prof. Dr. J. Becker.) 

24) Aerzte, Heilanstalten, Geisteskranke im mittelalterlichen Frankfurt a M. Zwei 
Abbandlungen von Dr. G. L. Kriegk. Der Dr. Senckenberg-Stiftung zur 

• Feier ihres 100jährigen Bestehens dargebracht von dem Verein für Geschichte 

und Alterthumskunde. Frankfurt 1863. 4°. 

25) Ocrtliche Beschreibung der Stadt Frankfurt am Main von Johann Georg 
Battonn, gew. geistl. Rath, Custos und Canonicus des St. Bartholomäusstifta. 
Aus dessen Nachlass herausgegeben von dem Vereine für Geschichte und 
Alterthumskunde durch den zeitigen Director desselben Dr. jur. L. H. Euler. 
Heft I— VII. Frankfurt 1861-1875. (Dem letzten Heft« sind die Bildnisse 
Battonn's und des Schöffen J. C. von Fichard beigegeben.) 

26) Die Deutach-Ordcns-Commende Frankfurt am Main. Ein Beitrag zu deren 
Geschichte aus dem Nachlasse des Inspectors Andreas Niedormayer. Heraua- 
gegeben im Namen des Vereins für Geschichte und Alterthumskunde zu 
Frankfurt a. M. von dessen Director Justizrath Dr. Euler. (Mit einer Ansicht 
des Deutschen Hauses in Sachsenhausen um 1400.) Frankfurt 1874. 

27) Tagebuch des Canonicus Wolfgang Königstein am Liebfrauenstift über die 
Vorgänge seines Capitels und dio Ereignisse der Reichsstadt Frankfurt am 
Main in den Jahren 1520-1548. Im Namen dea Vereins für Geschichte und 
Alterthumskunde zum erstenmale nach der Originalhandschrift herausgegeben 
mit Ergänzung des verlornen Theils aus den Schurgischen Collcctaneen von 
Dr. theol. G. E. Steitz. Franklurt 1876. 



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Der Streit 

Uber die unbefleckte Empfangniss der Maria zu Frankfurt a. M. 

im Jahre 1500 
und sein Nachspiel in Bern 1509. 

Von Dr. theol. Georg Eduard Steilz, Consistorialratb und Senior des Ministeriums. 

Es ist allgemein bekannt, dass im Jahre 1500 in Bern vier 
Dominikaner öffentlich verbrannt wurden, weil sie den Versuch gewngt 
hatten, durch betrügerisch veranstaltete Erscheinungen der Jungfrau 
Maria und anderer Heiligen ihrer Ordensdoctrin von der Erapfangniss 
der Himmelskönigin den Sieg zu erschleichen. Weniger bekannt durfte 
es sein, dass die ersten Anlässe zu diesem Ereignisse von Frankfurt 
ausgingen und in einem Streite lagen, den der Dominikaner Wigand 
Wirt mit dem Stadtpfarrer der Bartholoraäuskirche führte. Die Mit- 
theilungen, welche der gleichzeitige Franziskaner Thomas Murner in 
seiner Schrift de quatuor haeresiarchis über die Frankfurter Vorgänge 
gemacht hat, sind nur von wenigen Kirchenhistorikern wie Schröckh 
(XXXI11, 384) und Gieseler (II, IV, 384 Anm. u der ersten Auflage) 
flüchtig berührt worden. Völlig unbekannt ist es bis jetzt geblieben, 
wer der Stadtpfarrer gewesen, der in diesem Streite eine Rolle ge- 
spielt hat, wenigstens hat denen, welche darüber Auskunft geben zu 
können geglaubt haben, selbst die genügende Auskunft gefehlt und 
sie mussten sich darum auf unsichere und verwirrende Vermuthungen 
beschränken. Eine noch unbenützte handschriftliche Quelle des hiesigen 
Stadtarchiv'« setzt den Verfasser dieser Blätter in den Stand darüber 
die erste urkundliche Mittheilung zu machen. Zur Orientirung 
des Lesers sendet er einige Bemerkungen über die streitige Lehre 
voraus. 

Obgleich die Verehrung der Gottesgebärerin in der altkatholischen 
Kirche sich frühe schon anbahnte und die Anerkennung ihrer jung- 
fräulichen Reinheit zu ihrer Voraussetzung hatte, dachte man doch 
VI. 1 



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in der patristischen Periode ihre Heiligkeit nur als Freiheit von eigenen 
Sünden. Ausgehend von der Ueberzeugung , dass die Erbsünde das 
allen Menschen ausnahmslos gemeinsame Verhängniss sei, nehmen 
alle Väter von Augustin bis auf Anselm von Canterbury an, dass 
auch Maria vermöge ihrer Abstammung von Adam her aus sündlichem 
Samen erzeugt, empfangen und geboren und darum dem Tode erlegen, 
aber durch Gottes Gnade von aktuellen Sünden bewahrt worden sei. 
Ihre EmpfUngniss in der Erbsünde stand mithin bis in das zwölfte 
Jahrhundert als unbestrittene Thatsache fest. Erst im Jahre 1140 
geriethen einige Canoniker in Lyon auf den Einfall, sie sei auch 
unsündlich empfangen, und feierten zum Gedächtniss dieses wunder- 
baren Ereignisses ein Fest Sie fanden einen nachdrücklichen Bc- 
streiter ihrer Meinung in dem gefeiertsten Theologen ihrer Zeit, in 
dem heiligen Bernhard von Clairvaux, der ihnen die Ansicht entgegen- 
stellte, Maria sei zwar in der Erbsünde empfangen, aber nach der 
sündlichen Empfangniss im Mutterschoosse geheiligt und mit einer 
solchen Segensfülle überströmt worden, dass sowol ihre Geburt als 
ihr späterer Wandel rein und unbefleckt geblieben sei. Die grossen 
Scholastiker des 13. Jahrhunderts, Alexander von Haies, Albrecht der 
Grosse, der heilige Bonaventura und Thomas von Aquino, schlössen 
sich der Ansicht des heiligen Bernhard an und beschäftigten 
sich nur noch mit der Erörterung der Frage nach dem Zeit- 
punkte , in welchem der reinigende Akt eingetreten sei ; sie gelang- 
ten zu dem Ergebnisse : da dieser Akt die Existenz der vernünftigen 
Creatur zur Voraussetzung habe, so könne derselbe erst nach dem 
Augenblick stattgefunden haben, in welchem dem seelenlosen Embryo 
durch schöpferische Wirkung die vernünftige Seele eingepflanzt wor- 
den sei. Gleichwohl war Thomas von Aquino, der Urheber und Re- 
präsentant der officiellen römischen Theologie, weit davon entfernt, 
die Begehung des Festes, das zu seiuer Zeit nur einigen Partikular- 
kirchen angehörte, aber von Rom geduldet wurde, zu verwerfen : nach 
seiner Ansicht sollte es indessen nur das Gedächtniss jenes göttlichen 
Aktes wunderbarer Heiligung der Jungfrau im Mutterschoosse be- 
wahren, dessen Zeitpunkt sich nicht mit Gewissheit bestimmen lasse. 
Erst der Franziskauer Johannes Duns Scotus, der scharfsinnigste und 
kühnste unter den Scholastikern des Mittelalters, entwickelte und 
vertheidigte die entgegenstehende Ansicht, dass Maria vor der Erb- 
sünde präservirt und mithin auch ohne alle Sünde empfangen worden 
sei. Seitdem vertraten die Dominikaner die ältere, die Franziskaner 
die jüngere Ansicht von der Empfangniss; in den Visionen der 
schwedischen Heiligen Brigitta entschied sich Maria selbst für das 



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3 - 



Frauziskanerdograa, in deuen der heiligen Katharina von Siena für 
den Lehrsatz der Dominikaner und des Thomas. Das Fest verbreitete 
sich unterdessen von Diöcesc zu Diöcese. Der Streit zwischen Tho- 
misten und Scotisten, zwischen Maculisten und Immaculisten nahm 
zu an Ausdehnung und Heftigkeit. Die öffentliche Meinung neigte 
sich immer entschiedener den Minoriten zu, die ermuthigt durch den 
Erfolg selbstbewusster auftraten. Die Dominikaner wussten sich in 
ihrer Aufregung nicht mehr zu fassen und Hessen sich in ihrer Pole- 
mik zu den leidenschaftlichsten Ausbrüchen fortreissen. Ein Bruder 
Richard behauptete: „Sie war befleckt, besudelt und verunreinigt im 
Mutterleibe". Bruder Adam von Soissons predigte: „Wäre Maria vor 
dem Leiden und Tode Jesu abgeschieden, so wäre sie, weil mit der 
Erbsünde empfangen, zur Hölle gefahren". Bruder Johann von Ade 
fragte seine Zuhörer: „Wollt ihr denn aus Maria durchaus eine Göttin 
machen"? All dies Poltern konnte den bedrängten Dominikanern nicht 
zum Siege verhelfen. Als im Jahre 1389 ihr Ordeusbruder Johann 
von Montesono die Ansicht der Miuoriten in öffentlicher Disputation 
für schrift- und glaubens widrig erklärte, forderte die Universität zu 
Paris Widerruf, selbst der Papst entschied sich gegen ihn, die reni- 
tenten Dominikaner wurden vierzehn Jahre lang von den Lehrstühlen 
der Hochschule ausgeschlossen und das Volk rächte sich dadurch an 
ihnen, dass es ihnen die Almosen entzog, ihre Kanzeln und Beicht- 
stühle mied und sie mit öffentlichem Spott verfolgte. Selbst die auf- 
geklärtesten Theologen Frankreichs, wie Peter d'Ailly, nahmen gegen 
sie Parthei, der Kanzler der Universität Paris, Johannes Gerson, sah 
in dem scotistischen Dogma eine neue Offenbarung des heiligen Geistes 
an die Kirche und gründete auf diese von ihm angenommene 
Thatsache eine bis dahin unbekannte Theorie der Tradition, welche 
die älteren Merkmale des Begriffs von Grund aus umstürzte. Schon 
damals kam die Streitfrage ihrer Entscheidung unmittelbar nahe : die 
allgemeine Kirchenversammlung zu Basel difßnirte am 17. Sept. 1437 
die scotistische Lehre feierlich als Dogma. Schade nur, dass bereits 
Papst Eugen IV. sich von dem Concile losgesagt hatte und dieses 
dadurch schismatisch geworden war! Ein neuer Hoffnungsstern ging 
den Franziskanern auf, als ihr General, der Cardinal del Rovero, der 
selbst in einer eigenen Schrift die Ordensdoctrin vertreten hatte, un- 
ter dem Namen Sixtus' IV. den apostolischen Stuhl bestieg ; der neue 
Papst bestätigte zwar das Fest der Empfängniss der unbefleckten 
Jungfrau — von einer unbefleckten Empfängniss selbst sprach er nicht — 
und knüpfte an die Feier desselben ftlr alle Theilnehmer einen reichen 
Ablass, aber sieben Jahre später bedrohte er jede der beiden Partheien 

1* 



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mit Excommunication, wenn sie sich unterstünde die entgegenge- 
setzte Meinung als häretisch und das Festhalten derselben als Tod- 
sünde zu bezeichnen. Trotzdem fand der Lehrsatz des Scotua 
immer gewichtigere Vertreter und wurde die Losung nicht allein der 
bedeutendsten, sondern auch der freisinnigsten Gelehrten. l ) 

Einen derselben haben wir vor Allen im Zusammenhang mit 
dem Frankfurter Streite hervorzuheben. Es war der gelehrte 
Johann von Trittenheim, bekannt unter dem Namen Trithemius, der 
es vom fahrenden Schüler, als welcher er in Heidelberg den Unter- 
richt des Rudolf Agricola genossen, in Kurzem dahin gebracht hatte» 
dass er im Alter von 21 Jahren zum Abte des Benediktinerklosters 
Sponheim erhoben wurde und auch in dieser Stellung hielt er es 
nicht unter seiner Würde, sich von Conrad Celtes und Johannes 
Reuchlin unterrichten zu lassen, der Freund der besten und gelehr- 
testen Männer seiner Zeit, der unermüdliche Pfleger wissenschaft- 
licher Bildung unter seinen Mönchen, auch auf dem Gebiete der Ge- 
schichte durch die von ihm verfassten Chroniken der Kloster 
Hirschau, Sponheim und St. Jacob (bei Würzburg) berühmt, 
gestorben 1516. 

Ein Anderer war Johann Ruchrat von Wesel (de Wesalia), 
vielgenannt unter den sogenannten „Reformatoren vor der Re- 
formation," von 1456 ::n Professor der Theologie in Erfurt, 1458 
Rector, 1460 Prediger in Mainz und später in Worms, welcher den 
Freimuth, womit er dio kirchlichen Missbräuche bekämpfte, 1479 mit 
feierlichem Widerruf und lebenslänglicher Gefangenschaft im 
Augustinerkloster zu Mainz büsste, aus der ihn etwa zwei Jahre 
später der Tod erlöste. Beide Männer, obwohl zu den aufgeklär- 
testen Theologen zählend, denen es um innerliche Erneuerung der 
Kirche zu thun war, hielten nichtsdestoweniger an der unbefleckten 
Empfängniss der Maria unerschütterlich fest; so sehr entsprach 
diese Lehre dem Geiste und dem Bedürfnisse der Zeit und so ent- 
schieden mochte die Abneigung gegen den Obscurantismus zur 
Opposition gegen seine Verfechter, die Predigermönche, drängen. 

Damals lebte in Frankfurt der Dominikaner Wigand Wirt 
(Cauponis) als Lector und Prediger im Kloster seines Ordens, wie 
ihn Trithemius in der Sponbeimer Chronik schildert, ein nicht unge- 
lehrter, aber anmassender und hochmüthiger Mann, der sich im 



>) Vergl. meine Abhandlung: Maria, die Mutter des Herrn, in der ersten Auflage 
von Herzogs Realcncyclopädie für protest. Kirche und Theologie. 



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Kampfe für die streitige Lehre seines Ordens' gegen den berühmten 
Abt die Palme verdienen wollte. Er richtete unter dem Namen 
Pensans manus (Wieg -Hand) 1494 einen Brief an ihn, worin er 
gegen ihn den Vorwurf erhob, er habe unrichtig über die Concep- 
tion der Jungfrau geschrieben. Trithemius erwiederte dem ihm un- 
bekannten Schreiber, wie er selbst zu dem gedachten Jahre erzählt: 
„Ich würde deine Schmäh- und Scheltworte, anonymer Leser, schmerz- 
lich empfinden, wenn ich dich nicht in so schwere Geisteskrankheit 
gefallen sähe, dass du die Kunst des Fürsten der Aerzte, des Aesculap 

selbst bedarfst Wenn du ein Religiöser" (ein frommer Mönch), 

„ein Freund der brüderlichen Liebe bist, so enthalte dich des Schmähens 
und Scheltens und vertraue nicht auf deine Weisheit zum Unglimpf 
der unbefleckten Gottesmutter. Verschmähst du diesen Rath, so wirst 
du seiner Zeit zu deinem Kummer inne werden, dass deine Schriften, 
mit allem Spott, den sie verdienen, auf dein eigenes Haupt zurück* 
fallen." Mit diesem Briefe sandte er um Advent einen Mann nach 
Frankfurt, um sich im Predigerkloster nach dem „W T ieg-Hand" zu 
erkundigen. Der Bote brachte dem Abte die Nachricht zurück, es 
sei der Lector Wigaudus Wirt, und nun entspann sich zwischen 
beiden Männern ein Schriftenwechsel, au welchem sich bald auch an- 
dere Gelehrten betheiligten. Eine von W T irt noch 1494 herausgegebene 
Streitschrift führt den Titel: Dialogus apologeticus fratris Wigandi 
Wirt, sacrae theologiae professoris, contra Wesalianicam per- 
fid iam atquedivi ordinis fratrum porsecutores, ac demum contra cos, 
qui de conceptione iminaculatissimac virginis Mariae male sentiunt, 
studiosa operatio in laudem eiusdein gloriosac virginis Mariae, sie ist 
in Oppenheim gedruckt und hat 40 Blätter in 4°. Bis ins folgende 
Jahr zog sich der Streit, dann gelang es dem Rector der Cölner 
Universität Ulrich Kreitwis von Esslingen am 12. September 1495 
die Hadernden zu vertragen. Wigand musste die im Buche vorge- 
tragene Ansicht über die Conceptiou abschwören, den Trithemius 
förmlich um Verzeihung bitten und beide Theile mussten geloben, 
mit Niederlcgung aller bisherigen Beleidigungen, sich fortan aller In- 
vectiveu gegen einander in ihren Schriften zu enthalten. Auf Tri- 
themius Seite standen übrigens nicht nur die Cölner, sondern auch 
die Pariser und die Tübinger Universität, *) sowie die Orden der 



») 1495 starb in Tübingen der letzte Scholastiker des Mittelalters, Gabriel Biel, 
der bereits in der Thatsacbe der Festteier die Prämisse sah, aus der die conceptio 
immaculata sich mit logischer Notwendigkeit ergebe. Seines Käthes hatte sich 
Herzog Eberhard bei der Gründung der Universität vorzugweise bedient. 



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Minoriten und Carmeliter. Die Cölner Hochschule bcschloss am 12. 
September M95, fortan alle an ihr zu promovirenden Theologen aot* 
das Dogma der unbefleckten Empfängniss zu verpflichten, 1497 und 
1490 trat diesem Beschlüsse auch die Pariser Hochschule bei 

Die Predigermönche beruhigten sich bei dem Cölner Schieds- 
sprüche nicht, sie setzten Alles in Bewegung, um von der römischen 
Curie und Papst Alexander VI. eine günstige Sentenz zu erwirken, 
aber ohne Erfolg. Auch Wigand Wirt blieb dem von ihm eidlich 
gegebenen Gelöbniss nicht treu: das Interesse ihres Ordens stand 
diesen Menschen höher als die Rücksicht auf Pflicht und Gewissen, 
auf Religion und Sittlichkeit. So lagen die Dinge, als Wirt den 
Streit in Frankfurt erregte. Wir verdanken über denselben verläs- 
sige Nachrieht der Schrift des bekannten Minoriten Thomas Murner *): 
De quatuor haeresiarchis ordinis Praedicatorum de Observantia nun- 
cupatorum, apud Suitenses in civitate Bernensi combustis anno Christi 
M.D. IX. Sie hat mehrere Auflagen erlebt und ist — nicht ganz 
correct — von Hottinger in seiner Historia ccclesiastica Novi Testa- 
menti Pars V, 334 — 113 wieder veröffentlicht. Den Theil, welcher 
die Frankfurter Vorgange erzählt, hat Böcking aus der Editio prin- 
ceps genau wiedergegeben 3 ). Wir lassen seinen Bericht in deut- 
scher Uebersetzung folgen: 

„Ein gewisser Wigand mit dem Beinamen Wirt, war Professor 
der Theologie und Magister des Predigerordens von der Observanz, 
ein verschmitzter und kecker Mann. Zu der Zeit, da ihm in Frank- 
furt das Amt eines Predigers (im Dominikanerkloster) übertragen war, 
reizte ihn, ich weiss nicht welcher, Kitzel oder Muthwille zu Krän- 
kungen gegen den Stadtpfarrer (plebanus) dieser Stadt; in seinen 
öffentlichen Predigten erlaubte er sich gegen ihn grössere und frechere 
Beleidigungen, als einem frommen Säemann des göttlichen Wortes 
ziemt, und erregte dem Manne so die Leber und den Zorn, dass auch er 



') Vergl. Böcking in den Supplementen zu Hutteu's Werken II, 1, 508, Index 
biographicus sab norainibus: Trittenheini und Wirt. 

*) Dass dieser der Verfasser ist, siehe Böcking Hutteni opp. I, 237 und 
Supplem. II, I, 424. Murner predigte in Frankfurt 1511 in der BarfÜBser Kloster- 
kirche, in der Weise, wie es Geiler von Kaiaerbcrg früher Uber Sebastiau Brant's 
NarrensebifT zu Strassburg gethan hatte. Aus diesen Predigten erwuchsen später 
seine Gedichte: „Narrenbeschwörung" und „Schelmenzunft." Neben der Schrift 
Murner's ist die wichtigste Quelle namentlich für die Berner Vorgänge: Valerius 
Ant.hclm'8 Berner Chronik, herausgegeben von Stierlin undWyss B. III, 369—481. 
IV, 1-52. 

») Böcking L c. Q, I, 30'J seq. 



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öffentlich in seinen Predigten vor der seiner Seelsorge anvertrauten 
Gemeinde seine Beschwerden laut werden Hess und nicht Gleiches 
mit Gleichem, sondern" (Schärfe) „mit grösserer Schärte vergalt — 
ein Verfahren, das schwachen und kleinmüthigcn Herzen nie zur 
Erbauung gereicht Denn wer steht der Christenheit so fremd, dass 
es ihn nicht mit Betrübni s erfüllen muss, wenn er die, welche die 
Aufgabe haben das christliche Volk zu bilden, ungescheut Aerger- 
uiss geben sieht, indem sie sich von beiden Seiten wie öffentliche 
Dirnen schimpfen und sich in reichem Mauste dessen schuldig machen, 
was sie an ihren Untergebenen nicht scharf genug zu rügen wissen. 
Da aber jener, unser Wigandus, hörte, dass auch er von dem Stadt- 
pfarrer in seinen Predigten augegriffen werde, beschloss er denselben 
persönlich beizuwohnen; er stellte sich ihm so gegenüber, dass er 
von ihm gesehen werden musste, und lauschte mit gespannter Auf- 
merksamkeit, ob er s'ch einen beleidigenden Ausfall gegen ihn er- 
lauben werde. Dem Pfarrer, dem die Gegenwart des Frechen uner- 
träglich war, stieg die Galle uud, sich selbst in der Leidenschaft ver- 
gessend, schleuderte er zwei Beleidigungen gegen Wigand, er sprach 
seine Freude darüber aus, dass er nicht zu denen zähle, welche den 
Kaiser Heinrich" [VII] „mit Gift oder dem vergifteten Sacrament 
gemordet hätten, sodann aber tadelte und geiselte er die, welche den 
Rosenkranz der Jungfrau Maria nicht hoch genug erheben und em- 
pfehlen könnten und sich dennoch unterstünden ihre Empfönguiss 
mit dem Makel der Erbsünde zu beflecken und dadurch den Kranz 
und das Haar der Jungfrau selbst mit dieser Hundsblume der Erb- 
sünde (canino hoc flosculo originalis delicti) zu entehren und eine so 
schmähliche Kose in die Krone der hohen Jungfrau zu flechten. Als 
Wigand das hörte, brüllte er mit lauter Stimme: Du lügst und hast 
deine Lügen wie ein Ketzer ausgespieen. Die übrige Gemeinde hörte 
das mit Missfallen und Aergerniss, die Freunde des Stadtpfarrers 
und solche, welche ihrem Hirten und Führer Beistand zu schulden 
glaubten, empfanden es, wie sie sich selbst ausdrückten, übel, dass ein 
bekutteter Mönch (cucullatus monachus) in der Haupt- und Pfarr- 
kirche einer so berühmten Stadt sich solche Frevel erlaubt und ohne 
Rücksicht auf sie und die Versammlung Widerspruch einzulegen ge- 
wagt habe, und drohten ihm, wo er auch seine Zuflucht suchen 
werde, den Tod. Als er dies vernahm, rettete er sein Leben durch 
die Flucht. Aber die durch das Kanzelgericht und Urtheil des Frank- 
furter Stadtpfarrers Getroffenen wandten sieh ob der ihnen wider- 
fahrenen bittern Kränkung an den römischen Stuhl oder richtiger 
an des römischen Stuhles Couservator mit ernster Klage gegen den 



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Stadtpfarrcr, der, abgesehen von einzelnen Personen, des ganzen Or- 
dens Redlichkeit angegriffen und ihm Verbrechen vorgeworfen habe, 
die Niemand in den Sinn gekommen wären. Sie forderten darum 
von dem apostolischen Stuhl oder von dem Conservator ihres Or- 
dens Recht und Genugthuung, und nachdem ihnen als Commisaür 
[Richter] der Dr. Wolff, ein in solchen Dingen sehr erfahrener 
Mann, bestimmt worden war, luden sie den Stadtpfarrer vor. Dieser 
leistete Folge und wählte zu seinem Anwalt den berühmten Dr. Se- 
bastian Braut. Nachdem des Handels Anlass, Anfang, Mitte und 
Ende, auch der raaasslose Excess des Wigand, der selbst Stummen 
Stimme zu leihen vermocht hätte, erwogen war, wurde in der Sache 
so entschieden, dass Wigand in Zorn und Unwille abfuhr, weil der 
Stadtpfarrer nicht, wie er gewollt und was er nach seiner Meinung 
und Absicht gehofft hatte, bei lebendigem Leibe geschunden worden 
war. Aber unser Wigand wagte dafür auch an dem Commissär, . 
dem Advocaten und mehreren Andern Rache zu nehmen. Er schrieb 
nämlich oder vielmehr er schmierte ein Büchlein, strotzend von Be- 
leidigungen, zusammen, worin er so freigiebig seinen Hass ausschüt- 
tete, dass er Niemandes Ehre noch Würde schonte und kein Wahn- 
sinniger es ihm darin hätte gleich thun können. Dem Richter warf 
er vor, er habe sich mit Geld bestechen lassen, weil er den Frank- 
furter Stadtpfarrer, statt ihn zum Widerruf zu verurtheilen , frei- 
gesprochen habe; den Bernardiuus von Busti, einen ausgezeichneten 
(iesetzeskenner, beschrieb er, weil sich derselbe für die reine Em- 
pfängniss der Jungfrau ausgesprochen hatte, als einen verlogenen 
und schändlichen Sachwalter; den Generalvicar des Ordens der Mi- 
noriten von der Observanz und seine Brüder, die zu Heidelberg für 
die unbefleckte Einpfangniss disputirt und in dieser Richtung ihre 
Beschlüsse gefasst hatten, verhöhnte er: sie dürften sich nicht dess- 
halb für heiliger halten, weil sie sich mit groben Stricken gürteten, 
sich in rauhere (mordari?) Kutte (cappa) kleideten und unförmliche 
Holzsandalcn trügen, während ihre Lehre von verfluchten Lästerun- 
gen, Lügen, Trug, ihr Leben aber von Heuchelei, Scheinheiligkeit 
und unvertilgbarem Neide strotzte; den Sebastian Brant, einen Mann 
von vielbewunderter Gelehrsamkeit und unsterblichem Namen, 
zerriss er bei lebendigem Leibe so mit seinen Schmähungen, 
wie selbst wilde Thiere einen ausgestossenen Leichnam nicht zu zer- 
fleischen pflegen. Nächst ihm schmähte er den Johannes Speng- 
ler, Bruder des Mi nor itenordens von der Observanz, in 
einer Weise, dass er seinen Ruf und sein Leben schwärzte und ver- 
dunkelte. Er begnügte sich übrigens nicht, die Lebenden anzutasten, 



9 



er konnte es auch nicht verwinden, dass verdienten Lehrern wegen ihres 
Kiters für die Christenheit Ehrennamen beigelegt, dass der heilige 
Bonaventura der Seraphische, Alexander [von Uales] der Unwider- 
legbare (irrefragabilis), Scotus der Scharfsinnige [subtilis] genannt 
werden: er behauptet, indem er eine Fabel von eüaem Käse 1 ) auf- 
tischte, es hätten diejenigen schmählich geirrt, die diesen Männern 
durch solche Bezeichnungen Ehre erwiesen hätten. Der Erzbischof von 
Mainz .... befahl bei Strafe der Excommunication die sämmtlichen 
Exemplare deB Libell's zu verbrennen und verbot ihren Verkauf 
und Ankauf. Dadurch erhielten die widerrechtlich Beschuldigten 
Genugthuung, ihre gekränkte Ehre wurde hergestellt, der böswil- 
ligen Verläumdungssucht und Anmassung des Wigand ward Einhalt 
gethau. Johannes Spengler aber, der sich vor den Uebrigeu ge- 
k rankt, fühlte, reiste nach Koni, um gegen Wigands Injurien zu 
klagen, Wigand wurde nach Rom citirt, um sich wegen seiner 
masslosen und frivolen Excesse zu verantworten. Ueber den 
Verlauf dieser Vorladung und Handlung zu berichten, wäre zu weit 
läufig." 

Soweit Murner über den Frankfurter Streit und dessen Ausgang. 
Derselbe schwebte zwischen dem Lector Wigand Wirt Predigerordens 
und einem Frankfurter Stadtpfarrer, was stets ein Canoniker des 
Bartholomäusstiftes war. Murner hat den Namen desselben nicht 
genannt, Kitter giebt an, derselbe habe Hans Sprenger geheissen 
und dem Franziskanerorden angehört; da aber von 1474 bis zum 
9. April 1505 Conrad Heneel Plebanus war, und sein Nachfolger Peter 
Scheu von Wickersheim, wie er meint, erst 1507 sein Amt auge- 
treten habe, so schliesst er daraus, es habe eine zweijährige Vacanz 
bestanden und während dieser könne gar wohl der Franziskaner 
Hans Sprenger die Stelle des Plebanus vertreten haben. Kirchner 
geht noch weiter, er berichtet, was Ritter nur vermuthete, als That 
sache: Sprenger habe von Hensels Tod 1505 an bis zu des Nach- 
folgers Eintritt 1507 im Dome gepredigt. ') Allein das Alles sind 



•) Hottingcr hat caeeo, Söcking casco, was ich für einen Druckfehler 
halte. Dio angedeutete Fabel ist mir unbekannt. 

?) Ritter, Evang. Denkmahl 8. 10 flg., Kirchner, Geschichte der Stadt 
Frankfurt I, 516. Fiehard, der in seiner Kritik gegen Kirchner oft wahrhaft 
kleinlich verfährt, tadelt, dass derselbe hier jede Zeitangabe versäumt habe, er 
hält ihm in* schulmeisterlichem Ton vor, der Streit habe 1500, der Dominikaner- 
convent zu Wimpfen 1504 (!) statt gefunden; beides unter ninweisung auf 
Ritter, aber der Convent zu Wimpfeo war 1506 und der Streit miisste nach 
Ritters falschen Voraussetzungen erst 1505—1507 ausgebrochen sein. Ich kann hier 



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unmögliche Annahmen. Denn schon 1505 kommt Peter Scheu von 
Wickersheim, S. Theo]. Dr., als Plebanus am Bartholomäusatiftc 
urkundlich vor und noch 1510 wird er als Inhaber dieses Amtes er- 
wähnt; in diesem Jahre wird der berüchtigte Dr. Peter Meyer sein 
Nachfolger; die angenommene Vacanz zwischen Heusei und Scheu 
kann also nicht bestanden habet). Was aber den Hans Sprenger 
betrifft, so ist dessen Name ohne Zweifel aus dem des Johannes 
Spengler entstanden, jeues Franziskaners, den Murner als Theil- 
nehmer an der Heidelberger Disputation aufführt, der darum von 
Wirt auf das gehässigste verläumdet wurde und ihn desshalb in Rom 
verklagte Nur die Unvollständigkeit von Murners Bericht konnte 
es verschulden, dass man diesen mit dem Stadtpfarrer identificirte. 
Der letztere kann nur Conrad Hensel gewesen sein. 

Wir sind indessen nicht auf blosse Combinatiouen über Wirt's 
Gegner angewiesen. Das Stadtarchiv besitzt unter den Handschrif- 
ten des aufgehobenen Dominikanerklosters noch einen Band Akten 
des erwähnten Processes, die uns in den Stand setzen Murners Be- 
richt zu controliren und zu ergänzen. Dieser Band, Nr. 5 der ge- 
schriebenen Bücher des Dominikaner- Archivs, trägt auf dem äus- 
seren Pergamcntumschlage die kurze Inschrift: Praedicatores contra 
Henscb'um plcbanum ffurt 1501, auf der inneren Seite von alter Hand: 
causa nra contra henselium plebanum fftensem. Der erste Theil ent- 
hält auf 63 nicht paginirten Blättern eine Eeihe von Vollmachten, 
Protokollen, Schriften und Gegenschriften, der zweite Theil auf 37 
Blättern die Aussagen von neunzehn Zeugen zu Gunsten der Domi- 
nikaner. Als Kläger (actor) erscheint Peter Syber, Professor der 
Theologie und Provincial des Predigerordens in Deutschland, als 
Beklagter Conrad Hensel, der Theologie und Canones Doctor und 
Plebanus der Bartholomäuskirche zu Frankfurt Mainzer Diöcese. Die 
Klage wurde angebracht vor dem Forum Albrechts, Bischofs von 
Strassburg, „Richters und Conservators der Rechte und Privilegien 
des Predigerordens in verschiedenen Theilen der Welt ausserhalb 
des französischen Reichs". Als Subconservator und Richter an seiner 
statt hatte er den Thomas Wolf bestellt, Doctor der Rechte, Probst 



die Bemerkung nicht unterdrücken, dass Fichard's Kenntnisse in der Kirchenge- 
sebichte beschränkt und seine Urtheile (Iber die Reformationsgeschichtc einseitig 
und meist Vorurtheile sind. 

») Nach Valerius Ansbelm's Hemer Chronik III, 372 hatte er früher dem Berner 
Kloster angehört und war damals im Minoritenkloster zu Basel. Auch Aushehn 
rühmt seine Tätigkeit bei der Heidelberger Disputation. 



— 11 - 

zu St. Michael und Petrus zu Strassburg. Der Dominikanerpro- 
vincial halte zu seinem Proeurator den Andreas Hartmann, beider 
Rechte Licentiaten und Advocaten erwählt; der Rechtsbeistand 
Hensel's unterzeichnete dessen Duplik: Sebastianus Brant, U. J. 
doctor et Cancellarius urbis Argentinensis. Es war kein Geringerer 
ab der berühmte Verfasser des Narrenschiffs, früher Lehrer de« 
Rechts zu Basel, seit 1500 Rechtsconsulent, seit 1503 Stadtschreiber 
seiner Vaterstadt Strassburg und kaiserlicher Rath, er naunte sich 
gerne Kanzler oder gar £rzkanzler der Stadt Strassburg. Die Ver- 
handlungen, die jedenfalls in Strassburg geführt wurden, begannen 
am 24. September 1501, die Akten, welche übrigens nicht vollständig 
Bind und in denen das Urtheil fehlt, reichen bis zum 4. Februar 1503. 

Das Zeugen verhör wurde 1502, ohne Zweifel in Frankfurt, vor 
dem Notare Zacharias Beck gehalten. Wir besitzen nur die Aus- 
sagen derjenigen Zeugen, welche zu Gunsten des Ordens auftraten. 
DieBc können, was auch Brant geltend machte, zum grössten Theilc 
nicht als unbefangene Männer in dem Procesee gelten. Wir finden 
unter ihnen Handwerker, welche für das Kloster arbeiteten, den Er- 
heber der Klostergefälle, Geistliche, die entweder, wie ein Mönch 
von Haina, ohne Erlaubniss ihrer Oberen nicht deponiren durften, 
oder, wie der Canonikus Eberhard Becker am Bartholomäusstifte, 
nachweisbar mit dem Stadtpfarrer in Feindschaft lebten. Von 
Rathsgliedern traten auf der jüngere Bürgermeister Clas von 
Rückingen und die Rathsglieder Heinrich von Rhein und Jacob 
Heller, alle drei nicht nur durch Geschäfts- und Familienverhältnisse 
unter sich, sondern auch durch ein leicht zu errathendes Interesse 
gegen Conrad llensel verbunden. 

Gleichwohl bilden diese Zeugenaussagen eine wichtige Quelle 
ftir die in Frankfurt stattgehabten Vorgänge, da sie zusammenge- 
halten mit der Beurtheilung, welche Sebastian Brant gegen sie ge- 
übt, die Möglichkeit gewähren, von der Controverse ein einiger- 
maassen klares Bild zu entwerfen. Die gerichtliche Klage war auf 
Injurien gerichtet und es kam für die Kläger darauf au, die injuriösen 
Worte, deren sich der Stadtpfarrer gegen den Orden schuldig ge- 
macht, festzustellen. Auch diess ist nicht gelungen, die Aussagen 
der Zeugen sind meist unklar oder stehen unter einander in Wider- 
spruch, jedenfalls reichen sie nicht aus, die Ausdrücke, deren sich 
der Beklagte bedient hatte, in der formellen Genauigkeit zu con- 
statiren, wie sie das Verfahren in derartigen Processen fordert; über- 
haupt tadelt es Brant, dass das Zeugenverhör die deutlichen Spuren 
der Irregularität trage. 



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- 12 - 



■ 

Der Anfang; des Streites geht auf die Disputation zurück, welche 
die Immaculisten zu Gunsten ihrer Partheiansicht gegen die Domini- 
kaner 1500 zu Heidelberg veranstaltet hatten 1 ). An ihr hatte sich 1 
auch Honsel betheiligt, der denselben Standpunkt vertrat. Als er, 
nach Frankfurt zurückgekehrt, zum ersten Male wieder seine Kanzel 
bestieg — es war an dem Sonntage nach Pfingsten , da man das 
Evangelium vom grossen Abendmahle las, also (nach katholischer 
Perikopenordnung) dem zweiten Sonntag nach Pfingsten — behandelte 
er in seiner Predigt den streitigen Gegenstand und erzählte: die 
Predigermönche seien feldflüchtig geworden, 2 ) weil der Pfalzgrat 
ihnen abgeneigt gewesen und sie sich zu schwach gefühlt hatten, 
um sich zu zeigen; 3 ) er fügte hinzu: sie wären „v er st oben' 1 , er 
und die Andern wollten sonst gern das Beste gethan haben. Unter 
diesen Andern rühmte er besonders einen Bruder des Minoriten- d. h. 
BarfUsscrklosters zu Frankfurt, einen Gelehrtereu als den habe er 
nie gehört, er selbst und seine Capläne wollten an demselben Tage 
zu ihm in die Kirche gehen, auch die Gemeinde möge sich dahin- 
begeben und seine Predigt hören. 4 ) Ich bezweifle keinen Augen- 
blick, dass dieser Minorite jener Johannes Spengler gewesen ist, der 
nach Valerius Anshelm so erfolgreich den M. Wigand bekämpft 
hatte, dass er dessen ganzen Unwillen erregte; zwar war jener nach 
Anshelm Bruder der Franziskaner zu Basel, während der fünfte Zeuge 
ihn ausdrücklich Barfusser zu Frankfurt nennt, aber abgesehen 
davon, dass die Franziskaner häufig ihre Klöster wechselten und dass 
es also gar wohl möglich war, dass er eine Zeitlang dem hiesigen 
Barfüsserkloster angehört haben kann, liegt doch näher die andere 
Vermuthung, dass er nach dem Siege in Heidelberg mit Hensel nach 



») So einstimmig Anshelm und der 5., 7. und 15. Zeuge. 

2 ) Nach Zeuge 5 und 7 bat es den Anschein, als seien die Dominikaner 
in Heidelberg gar nicht erschienen. Aber ubgescheu von der Frage, wer dann 
die Gegner der Immaculisten gewesen sein sollen, beweist der Ausdruck 
Hcnsels: „sie seien veretoben", ihre Anwesenheit und Bctheiligung, sie können 
daher nur die Disputation im Gefühle ihrer Ohnmacht abgebrochen haben, was 
Hensel nach Zeuge 7 Büberei nennt. Das barbarische Wort se abstentissent in 
der Protokollaussage des 5. Zeugen scheint mir nicht durch abstinuissent zu er- 
klären, sondern Schreibfehler für das nicht minder barbarische sc absentisseut 
sie hätten sich absentirt, seien feldflüchtig geworden. Der 7. Zeuge wirft Hensel 
geradezu vor, er habe gesagt, praedicatorcs non comparuissc, vielleicht soUte damit 
nur gesagt sein, das« sie nicht in „hellen Haufen", sondert in kleiner Zahl ge- 
kommen. 

*) Nach dem siebten Zeugen habe Wigand erwiedert, sie seien desshalb 
nicht erschienen, weil der Pfalzgraf ihnen zu schweigen befohlen habe. 
4 ) Vergl. besondere Zeuge 5. 



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- 13 - 



Frankfurt gereist sei, wo der Streit zwischen beiden Orden — deut- 
liche Spuren in den Akten weisen darauf hin — wohl schon länger 
im Gange war, um auch hier als Gast entscheidend einzugreifen. 
Diese Vermuthung hat, wie ich glaube, alle Wahrscheinlichkeit für 
sich, da ihn Hensel vor der Heidelberger Disputation nicht gekannt, 
sondern auf ihr erst Gelegenheit gehabt zu haben scheint, seine Ge- 
lehrsamkeit zu bewundern. So erklärt sich auch, dass er mit seinen 
Caplänen an demselben Tage zum Barfüsserkloster gehen will und 
die ganze Gemeinde auffordert, ihn dorthin zu begleiten, offenbar, 
um den gefeierten Gast zu hören. Aus den Erfolgen Spenglers 
begreift man, warum der Hass Wigand's in seiner von Murner er- 
wähnten späteren Schmähschrift sich vornehmlich gegen ihn richtete, 
nicht minder erfuhr ihn der Generalvicar der Minoriten , der 
gleichfalls in Heidelberg gegenwärtig und thätig gewesen war, und 
der Franziskaner Bernardino de Busti, der durch seine zu Mailand 
1403 gedruckten sechzig Predigten über die Marienfeste, namentlich 
durch die neun ersten, die unter dem herausfordernden Titel : perpetuum 
silentium, die unbefleckte Empfängnis» „theologisch, philosophisch 
und juristisch behandeln", nicht wenig zur Verbreitung seines Ordens- 
dogma beigetragen hatte. *) 

Wigand Wirt, dem von der Predigt Hensel's Kunde geworden 
war, blieb auf der Kanzel die Antwort nicht schuldig: „Durch den 
erlauchten Pfalzgrafen vom Rhein, Churfürsten Philipp, sei seinem 
Orden Stillschweigen geboten worden, sonst wollte er mit den Seinen 
auch in hellen Haufen erschienen sein." Seitdem verstummte 
nach der Aussage der Zeugen die Controverse nicht mehr, ein 
heftiges Wort von der einen Seite rief ein heftigeres auf der andern 
hervor und bald schlug der Streit in hellen Flammen auf. Die Be- 
völkerung stand der weit überwiegenden Mehrzahl nach auf der 
Seite ihres Plebanus, dessen Predigten meist von tausend Zuhörern 
besucht wareu und in diesem Punkte die Ansicht verfochten, welche 
damals als die frömmere und kirchliche galt. Die Dominikaner er- 
fuhren daher nicht nur allgemeine Missgunst, sondern erlitten auch 
erhebliche materielle Einbussen. Unter diesen Umständen erachteten 
es Prior und Convent für gerathen, sich in einem Schreiben an den 



') Mariale eximii viri Bernardini de Basti, ordinis Seraphici Frnncisci de 
singnlis fesrivitatibus beatae Virginis per modum Sermonum tractans. Schon 
1494 wurde in Mailand, 1498 in Strasburg eine Ausgabe veranstaltet. Vergl. 
Schröckh XXXIII, 372 flg. Gieselcr II, 4, 335, 337 Anm. o. Bernardino starb 
1500. Das perpetuum silentium war wohl die Hauptstütze, an die sieb die Im- 
maculisten in der Disputation hielten. 



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- 14 - 



Dechant und das Capitel von St. Bartholomäi mit dem Ersuchen zu 
wenden, man möge den Plebanus zum Frieden und zur Einstellung 
seiner aufreizenden Predigten mahnen. Am nächsten Sonntag — es 
war wahrscheinlich der siebte nach Pfingsten, las dieser das Schreiben 
in der Kirche vor und knüpfte daran die Worte: „Sie schreiben von 
Frieden und doch schänden die Orden einander; der eine (Domini- 
kaner) spricht, des andern Ordens (Minoriten) seien Viele ver- 
brannt worden, der andere spricht, die Prediger haben vergeben 
(vergiftet) einen Kaiser, desshalb müssen sie das Sacrament mit der 
linken Hand nehmen, und also schänden wir einander, ist lauter 
thöricht Ding." 1 ) Im weiteren Verlaufe seiner Rede soll er mit 
Hinweis auf Wigand gesagt haben: „Mir ist noch furkommen, dass 
er am Sonntag noch ein schändlicher Predig hab gethan, das wisst 
ihr wohl, die dabei gewesen, wie dass er hab gercdt: sie seien alle 
Huren, Maria und Anna" 8 ) — eine jedenfalls unvollständig und untreu 
wiedergegebene Aeusserung. Da trat Wigand Wirt, der der Kanzel 
gegenüber am Ottilienaltar gestanden, hervor, unterbrach den Redner 
mit dem Ausruf: „Nota, notate ! Herr Pfarrer , es ist nit also ge- 
redt worden, 3 ) das protestir ich!" und dann sich zur Gemeinde wen- 
dend: „dess nehm ich euch zu Zeugen vor allen Menschen, dass es 
nit also ist. 4 ) Die meisten Zeugen stimmen in der Schilderung des 
Eindrucks , den diese Polemik machte, überein : das Volk stand 
erst staunend, dann brach ein ungeheurer Tumult in der Gemeinde 
aus, so dass Wigand, dem offenbar der Ausbruch des allgemeinen 
Unwillens galt, schleunigst die Kirche verliess. 5 ) Nach seiner Ent- 
fernung ergriff der Plebanus aufs Neue das Wort: er tadelte die 
Gemeinde, weil sie geduldet habe, dass er in seiner Predigt in solcher 
Weise unterbrochen und gereizt werde: „Wenn solches zu Erfurt 
oder an einem andern Orte geschähe, die Frauen schlugen ihn mit 
Predigstühlen zu Tod". 6 ) Diess ist der Vorgang, den Murner er- 
wähnt. Die Akten bieten uns das Material, die incriminirten Aeus- 
serungen näher zu beleuchten, und werfen zugleich Licht auf die 
Stellung der Partheien. 

Was zunächst die Aeusserung über die Vergiftung eines Königs 



•) Test XIV und XVIII. cf. Test. II, III und VII. 

*) Testis XIV. 

») Test. XIV. 

♦) Testis L 

») Test. IV, XIV. 

«) Test V. 



- 15 — 

betrifft, so war dieselbe nach der Versicherung eines Zeugen durch 
Wigand selbst provocirt worden. Dieser soll nämlich zuerst brüstend 
den BarfUssern vorgeworfen haben, es seien mehrere Minoriten, die sich 
nachweisen Hessen (certos), und zwar wegen ihrer Irrthümer verbrannt 
worden. Auf diese Aeusserung habe der Plebanus in der nächsten 
Predigt gesagt : „Was darf er sagen von Verbrennen, man findet von 
ihnen geschrieben, sie sollen einen Kunig vergeben haben, geheissen 
Kunig von Schwarzenberg, lieg in dem Chor zu Sant Bartholomes zu 
Frankfurt, und dess zu Buss oder Gedächtniss sollen sie das Sacra- 
ment niessen mit der linken Hand" *). Es läuft hier Richtiges und 
Unrichtiges durch einander. Dass Wigand zuerst den Minoriten vor- 
geworfen, es seien mehrere aus ihrem Orden, die er namhaft machen 
könne, als Ketzer verbrannt worden, hat die Wahrscheinlichkeit für 
sich, eben so mag die Aufwärmung der alten Geschichte von Ver- 
giftung eines deutschen Königs durch die Dominikaner ein Gegen- 
schlag des für die Ehre seines Ordens eifernden Barfussera gewesen 
sein : so erklärt sich der Tadel , den Ilensel über die gegenseitigen 
Verkleinerungen der streitenden Mönchsorden ausspricht Eine Injurie 
konnte daher in seinem Urtheil nicht liegen. Auch Sebastian Braut 
hebt in der Replik hervor, er habe keine Behauptung aufgestellt, 
sondern nur Dinge referirt, die längst bekannt seien und deren Er- 
wähnung er mit den Worten eingeleitet habe : „Man findet geschrie- 
ben". Dagegen wird der Plebanus von St. Bartholomäi bei dem durch 
einen Dominikaner vergifteten König schwerlich an den in dem Chor 
seiner Kirche beigesetzten Günther von Schwarzburg gedacht haben, 
dessen im Jahre 1349 erfolgten Tod alte Gerüchte der Vergiftung, die 
einen durch einen Juden, die andern durch den Arzt Freidank, wieder an- 
dere durch den Dominikaner Jacob zuschrieben 2 ), sondern vielmehr an 
Kaiser Heinrich VII. von Luxemburg, den im Jahr 1313 ein Domi- 
nikaner mit dem Spülkelch zu Benevent vergiftet haben soll. Der 
Dominikanerorden suchte sich gegen diesen Verdacht durch ein Zeug- 
niss zu schützen, das er sich von Heinrichs Sohn, dem König Johann 
von Böhmen, ausstellen liess 3 ). Der Frankfurter Pfarrer Martin Difen- 
bach hat 1685 einen ausführlichen Tractat: De vero mortis genere, ex quo 
Henricus VII. Imperator obiit, veröffentlicht. 

Völlig unklar erscheint der von fast allen Zeugen bestätigte Vor- 
wurf, den Conrad Hensel gegen die Dominikaner und insbesondere 



«) Test. IX. 

») Vergl. Kirchner, Gesch. von Frankf. I, 271. 
») Gieseler II, 3, S. 19. 



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- IG 



gegen Pater Wigand geschleudert haben soll: Bie wollten unsere liebe 
Frau zu einer Hure machen. Auch hier geben die Akten Licht. 
Conrad Honsel hatte in einer seiner Predigten gesagt : „die Prediger- 
mönche gehend mit dem Rosenkranz umb und wollend ein hässliche, 
wohlriechende Blumen voran an den Kranz setzen". *) Bekanntlich ist 
der Rosenkranz, die Verbindung von je zehn Ave Maria mit einem 
PaternoBter, eine Erfindung der Dominikaner, welche dadurch ihre 
Devotion gegen die Jungfrau an den Tag legten. Die hässliche Blume, 
die der Plebanus ironisch als eine wohlriechende bezeichnet, ist die 
Schmach, die sie in Widerspruch mit ihrer Devotion der Gebeuedeiten 
durch die Behauptung anthaten, dass sie in der Erbsünde empfangen 
sei. Auf diesen Vorwurf replicirte zunächst Wigand in einer Predigt : 
„Es sind Etliche, die unterstond mir ein Hundsblumen ufsitzen, ich 
will ihr aber nit, und dieselben unterstond sie ufzusetzen Marien (?), 
Sant Annen und allen Gottes Heiligen und Jungfrauen und unterstond 
sie alle zu Huren zu machen". Dies berichtet der 14. Zeuge mit dem 
Zusätze, diese Aeusserung habe Hensel gereizt und im Unmuth darüber 
sei er am Sonntag darauf in die Worte ausgebrochen : „Mir ist noch 
vorkommen, dass er am Sonntag noch ein schändlicher Predig hab 
gethon, das wissent ihr wohl, die dabei gewesen, wie dass er hab ge- 
redt, sie seien alle Huren, Maria (?) und Anna". Die Ungenauigkeit 
der Zeugen in der Wiedergabe der Worte beider Gegner würde uns 
ihr Vcrständniss unmöglich machen, wenn uns nicht der Vertheidiger 
Brant den Schlüssel dazu gegeben hätte. Auch er macht darauf auf- 
merksam, dass die incriminirten Worte ursprünglich nicht von Hensel, 
sondern von Magister Wigand herrührten. „Als dieser, sagt er, wenige 
Tage vorher seine abscheuliche Frechheit und verwerfliche Meinung 
zum Nachtheil der seligen Jungfrau vertheidigte , wagte er öffentlich 
auf der Kanzel zu behaupten, wenn man jenen Satz, die selige Jung- 
frau sei ohne Erbsünde empfangen, als wahr annehme, so müsse man 
auch zugeben, dass dio übrigen Töchter der seligen Anna, die 
Schwestern der höchstseligen Maria Dirnen [richtiger Bastarde] 2 ) 
wären, gleich als wären sie aus anderm Samen als die 
selige Jungfrau empfangen, aber wie es um diese Behauptung 
stehe, werde jeder Christ leicht einsehen". Ist diese Darlegung, wie 
ich nicht bezweifle, richtig, dann kann auch Hensel in Beiner Ent- 
gegnung nicht] die sinnlosen Worte gesagt haben, welche ihm die 
Zeugen in den Mund legen, sondern er wird Wigand vorgerückt 



>) Test III. 

>) Auch der 4. Zeuge hat iu der Wiedergabe der Worte Wigands mererrices, 
die Andern alle „Hurenkinder". 



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- 17 - 



haben, er biete der heiligen Jungfrau Schmach, wenn er als Maculist 
nicht nur ihre Erapfängniss als eine befleckte bezeichne, sondern auch 
der Ansicht der Immaculisten die frivole Deutung unterlege, dass 
ihre Schwestern, die übrigen Töchter der heiligen Anna, Bastarde 
seien. Es ist übrigens charakteristisch, dass selbst ein Sebastian Brant, 
einer der aufgeklärtesten Männer seiner Zeit, der unbefleckten Empfang- 
niss das Wort redet und die ältere Tradition des Mittelalters geradezu 
der Impietät und Frivolität bezichtigt und zwar zu einer Zeit, in 
welcher sich bereits das Vorgefühl der reformatorischen Bewegung 
in bemerkbaren Zuckungen ankündigte. Doch wird man dabei in 
Betracht zu ziehen haben, dass Luther noch im Jahre 1527 annahm, 
Maria sei schon beim Eingiessen der Seele in den embryonischen 
Leib von der Erbsünde gereinigt worden <). 

Die Zeugen berichten noch mehrere scharfe Worte, welche der 
entrüstete Plebanus gegen seine Gegner geschleudert haben soll: 
„Wigand predigt nichts Anders denn Fabeln und Ketzerei *) ; er 
thut auf der Kanzel nit Anders denn fluchen und schwüren 3 ); er 
hat in einem halben Jahre nie kein wahres Wort geseit oder ge- 
predigt" *). Darum habe Hensel seinen Pfarrkindern förmlich ver- 
boten, seine Predigten zu besuchen; wenn Wigand gegen die 
selige Jungfrau Maria predige und ferner mit seinon gewohnten Auf- 
reizungen vorgehen wolle, so müssten die Christgläubigen von ihm 
zurückgehen ; wollten aber Prior und Gonvent einen anderen Prediger 
stellen, so möchten sie den besuchen 5 ). „Aber der Prior hat den 
Wiganden zu lieb, man sollte ihn gen Prägen in die Ketzerschulc 
schicken oder führen" *). Nur auf die letzten Worte lässt sich Se- 
bastian Brant näher ein und deutet sie sophistisch, aber mit bitterem 
Spotte in einem der Autfassung der Zeugen allerdings entgegenge- 
setzten Sinn: „Diese Worte enthalten keine Injurie. Ist doch wahr 
lieh durch sie einem so gelohrten Magister und Theologen keine 
Ehrenkränkung zugefügt, da zu den im Glauben Irrenden und zu den 
Ketzern, wie es diese Böhmen zum grossen Theile sind, Niemand 
anders geschickt werden dürfte als Männer vom grössten und her- 



talis 



<) Kflstlin, Luthers Theologie II, 375. 
») Test. IV. 
3) Test. IX. 
♦) Test. X. 
5) Test. IX. X. 

«) Test. VII. Auch der 14. Zeuge deponirt die aus Ilcnsers Mund vernoni 
Worte: Si aliquis esset, qui de hac virgine contrariuui praedicarc vellet, 
deberet raitti ad civitatem Pragcnsem vel alia loca hacreticorura. 



VI. 




i 



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— 18 — 



vorragendsten Wissen und eigentliche Theologen , als deren Einer 
Magister Wigand mit seiner kühnen Beredsamkeit und ausgezeichneten 
Gelehrsamkeit raänniglich bekannt ist. Wer aber von solchem Geiste 
getrieben wird, der dürfte leicht im Stande sein nicht nur die Prager, 
sondern auch ganz Böhmen zum rechten Glauben zurückzuführen und 
zu bekehren. Wenn daher der Herr Stadtpfarrer eben diesen Magister 
Wigand als einen in der Vertheidigung seiner Meinungen beharrlichen 
und zähen Mann bezeichnet hat, ja wenn er sogar den Rath ertheilt 
liätte ihn zur Vertheidigung des katholischen Glaubens nicht nur zu 
den Pragern, sondern bis an die Enden der Erde und zu den hart- 
näckigsten Ungläubigen zu schicken, so würde er damit nur der Er- 
wartung Ausdruck gegeben haben, dass derselbe der Christenheit neue 
Söhne zeugen und ihr reiche Frucht und Heil bringen würde. Daher 
ist es eine hinfällige Behauptung, dass jene Worte mit der Absicht 
der Ehrenkränkung ausgesprochen seien. Im Gegentheil ist dem Herrn 
Stadtpfarrer dadurch die schwerste Ehrenkränkung zugefügt, dass ihn 
Magister Wigand, wie aus den Aussagen des letzten und des zweiten 
Zeugen erhellt, als häretischen Sectircr verdächtigt und verleumdet hat". 

Aber nicht nur vor dem Besuche der Predigten des Dominikaners 
warnte der Plebanus seine Gemeinde, er mahnte sie auch ab, dem 
Predigorkloster Almosen und Geschenke in Lebensmitteln zu geben. 
Mehrere Zeugen bestätigen seine Worte: „Sie haben mehr Weins, 
Korns und Holzes denn alle Geistlichen in Frankfurt" l ). Der siebte 
Zeuge, der Erheber der Klostergefalle, erzählt, seit dieser Predigt 
seien den Dominikanern von Vielen die Almosen versagt worden und 
sie selbst bei der Bürgerschaft In grosse Verachtung gekommen, sie 
seien ihres Lebens und ihrer Habe nicht sicher gewesen. Als er in der 
Stadt die Gefälle erhoben, sei er oft in gehässiger Weise von der 
Thüre gewiesen worden. Der Bürger Hut habe ihm nachgerufen: 
„Gott geb dir und den München das fallend Uebel, man sollt' sie mit 
Hunden hetzen". Antonius Seiler habe ihm erwiedert: „Sie sind Buben 
und ich will in die Kirch nit gon, dieweil der Wigand hie ist, auch 
im Kloster weder essen noch trinken". Kilianus Seiler habe gedroht : 
„Wollte sie gerne mit Steinen zu Tode helfen werfen". Man sieht, 
diese Angriffe Conrad Hensel's waren auf fruchtbaren Boden gefallen. 
Wie Jacquin in seinem handschriftlichen Chronicon Dorainicanomm 
auf der Stadtbibliothek I, 354 und 357 mittheilt, pflogen sie wegen 
des Weinmangels Rath und beschlossen zum Ankauf ein Anlehen von 
300 fl. aufzunehmen; die täglichen Weinportionen wurden für die Patres 

') Test VII, XIII, XVI. 



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auf eine Kanne (cantinum), fllr die jungen Priester auf eine Flasche 
(bicarium) herabgesetzt, denn die eigene Jahrescrescenz des Klosters 
trug nur 58 Ohm ein. Auf die Anklage des Ordens in diesem Punkte 
antwortete Sebastian Brant: „Was ist es für eine Ehrenkränkung zu 
sagen, die Predigermönche hätten Ueberfluss an Temporalicn, und 
was könnte besser sein als das Almosen den Dürftigen zu geben? Was 
ist es, du guter Gott, für eine Ehrenkränkung Dinge zn sagen, die 
vollkommen wahr, der ganzen Welt bekannt, im göttlichen und mensch- 
lichen Rechte begründet sind? Denn obgleich die Predigermönche 
dem Namen und Wort nach Bettler heissen, sind doch viele Andere 
ärmer und der Almosen bedürftiger, die, wie Justinian sagt, in Mangel 
und obdachlos mit ihrem Leibe arbeiten und doch sich den not- 
wendigen Unterhalt nicht beschaffen können, die Mönche aber, ob- 
gleich ihre Säcke durchlöchert scheinen, schwelgen mit vollem Munde 
und laben sich an unerschöpflichem Füllhorne." 

Sebastian Brant bleibt indessen bei der Widerlegung der einzelnen 
Beschuldigungen nicht stehen: er tritt auch mit positiven Beweis- 
gründen gegen die Ankläger auf. Er sagt, „Ueberdies bestätigen viele 
Zeugen durch ihre Aussagen, wie bescheiden, wie würdig und fromm 
der Herr Stadtpfarrer die Gemeinde gelehrt und für die Aufrecht- 
haltung des Glaubens gearbeitet, ebenso dass er die Ehre der seligen 
Jungfrau verständig (discrete) und ehrbar vertheidigt hat und dass die 
Gemeinde nichtsowohl durch die W orte des Herrn Stadtpfarrers, als durch 
das Benehmen und wüste Geschrei des Magister Wigand in Aufregung 
gerathen ist, vornehmlich durch die, welche vor der Gemeinde ihr 
ewiges Mühlengeklapper vertheidigen wollen, denn was konnte dieser 
lästiger und bitterer werden als jenes leere Geschwätz anhören zu 
müssen, dass die heilige Jungfrau nicht ohne Erbsünde empfangen 
sei. Doch dies ist eine scholastische Disputation, die nicht auf der 
Kanzel oder auf offenem Markte und in öffentlicher Volksversammlung 
verhandelt werden durfte, weil sie nnter dem Volke mehr Aergerniss 
als Andacht und Frömmigkeit erzeugt" 

Wir haben oben des Johann Ruchrath von Oberwesel gedacht, 
der von 1456 an Professor, 1458 Rector der zum Mainzer Churfursten- 
thum gehörigen Universität Erfurt gewesen war und den 1494 
Wigandus Wirt noch im Tode, ebenso wie den Trithemius im Leben, 
in seiner Verketzerungssucht litterarisch bekämpft hatte. Erfurt zeichnete 
sich damals durch die Freisinnigkeit des seine Hochschule beherrschen- 
den Geistes und durch die Fülle seines wissenschaftlichen Lebens auB. 
Hier hatte sich dem Humanismus in Deutschland die erste Freistätte 
geöffnet. Hier war die devote Anhänglichkeit an das herrschende 

2* 



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- 20 - 

Kirchthum ebenso unbekannt als die Abgeschlossenheit gegen die 
freieren Tendenzen der Zeit. Hier vereinigten sich die bedeutendsten 
Kräfte in der Opposition gegen die mittelalterlichen Traditionen und 
die scholastischen Systeme. Der antihierarchische Geist der Univer 
sität Hess daher auch von vorn herein eine ganz andere Beurtheilung 
der hussitischen Bewegung zu. Nicht nur Professoren, sondern auch 
Studierende hatten, jene ihre akademischen Grade, diese ihre erste 
Bildung in Prag empfangen. Die sprüchwörtliche Bezeichnung: Erfordia- 
Praga 1 ), bezeugt die geistige Verwandtschaft, in welcher mau beide 
Hochschulen dachte. Dieser Geist dor Opposition hatte in Johann von 
Wesel eine stark ausgeprägte Gestalt gewonnen: er war ihr erster 
Repräsentant auf dem Gebiete der Dogmatik. Vom Standpunkte eines 
strengen Augustinismus aus hatte er den Ablass, den Bann, die kirchliche 
Gewalt mit demselben Freimuthe wie später Luther bestritten. Dieser be- 
kennt unumwunden: „Johann von Wesalia hat zu Erfurt mit seinen 
Büchern die hoho Schule regiert, aus welchen ich daselbst auch bin 
Magister worden" a ). Die Auserwählten, lehrte Johann, würden durch Got- 
tes Gnade selig geworden sein, auch wenn kein Papst je gewesen wäre. 
Wenn der heilige Petrus das Fasten angeordnet hätte, habe er es vielleicht 
desswegengethan,um seine Fische desto besser verkaufen zu können. „Ich 
veracht, sagt er, den Papst, die Kirch und die Goncilia, ich loh 
Christum, das Wort Christi wohnet in uns reichlich". Unter den An- 
klagen, die gegen ihn erhoben wurden, findet sich auch die, dass er 
mit den Böhmen in Verbindung gestanden habe 3 ). Der Orden des 
Magister Wigand spielte in seinem Processe und seiner Verurtheilung 
die Hauptrolle. Nun empfangen wir durch den 19. Zeugen gegen 
Dr. Hensel, durch den Vicarius am Bartholomäusstifte Eberhard Brun, 
die Uberraschende Mittheilung, er habe mehrere Predigten des Ma- 
gister W T igand gehört, worin er des Dr. Wesalia frommen Gedächt- 
nisses, des verstorbenen Lehrers des Herrn Plebanus, gedacht und 
gesagt habe, derselbe sei als Ketzer verschieden. Diese Behauptung, 
glaube er, hätte den Herrn Plebanus als ehemaligen Schüler und 
Zögling desselben Doctors gereizt, derselbe habe daher durch einen 
Boten bei den Augustinern in Mainz anfragen lassen, wie der Doctor 
verschieden sei, und die Antwort erhalten, er sei uls katholischer 



i) Vcrgl. Kampschultc, Universität Erfurt. Einleitung Lnther's Briefe, cd. de 
Wette II, 5: Proverbio . . . dictum est: Erfordin Pragn. 

*) Kampschultc I, 20. 

») Gieseler a. a. 0. IV, II, 481 flg. 



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- 21 - 

Christ gestorben und habe die Sacramente der Kirche empfangen. 
Dies habe er auch von der Kanzel verkündigt. In Uebereinstiinmung 
damit versichert der zweite Zeuge, Wigand habe in einer seiner 
Predigten gesagt: „Er hat solche Wort und Stücklein von seinem 
Meister Wesalia behalten". Damit stimmt ferner, dass nach dem 
fünften Zeugen Hensel dem aus der Bartholomäuskirche fluchtenden 
Gegner nachgerufen habe: „Wäre solches zu Erfurt geschehen, die 
Frauen hätten ihn mit Kirchstühlen todtgeschlagen". Wir erhalten so- 
mit das interessante Resultat, dass der Stadtpfarrer, ein geborener 
Oasselaner, vor 1460 in Erfurt studiert und ein Schüler des Johann 
von Wesel gewesen ist, dass W T igand, wie Eberhard Brun weiter 
mittheilt, desshalb gegen ihn Hass gehegt und durch die Hervor- 
hebung des Verhältnisses zu seinem Lehrer ihn der Ketzerei be- 
zichtigen wollte, dass endlich Hensel ihn nur mit gleicher Münze 
bezahlte, wenn er den Rath gab, ihn nach Böhmen zu den Ketzern 
zu schicken. 

Das Zeugenverhör hat für uns aber noch ein anderes Interesse. 
Es tritt nämlich darin als fünfzehnter Zeuge der bekannte Tuch- 
händler und Schöffe Jacob Heller auf, von dem uns auf Anlass seines 
dem Dominikanerkloster gestifteten grossartigen Geschenkes, des von 
Albrecht Dürer geschaffenen Altarbildes: die Himmelfahrt der Maria, 
Herr Otto Comill indem Neujahrsblatt 1871 ein anschauliches Lebens- 
und Charakterbild gezeichnet hat. Wie dieses Geschenk und die reichen 
'Vermächtnisse seines Testaments für dieses Haus, so orweisen ihn auch 
die von ihm gemachten Zeugenaussagen in dem schwebenden Processc 
als eifrigen Freund des Predigerordens. Er sagt, obgleich er in 
mehreren Gegenden, Provinzen und Städten sich aufgehalten, habe er 
doch kaum irgendwo eine strengere Beobachtung der Regel und eine 
andächtigere Gottes Verehrung gesehen als in dem Predigerkloster zu 
Frankfurt, doch wolle er damit den anderen Orden und Mönchen nicht 
zu nahe treten. Er erzählt, Prior und Convent der Dominikaner hätten ihm 
den an das Bartholomäusstift gerichteten versöhnlichen Brief in Abschrift 
mitgetheilt, er habe ihn einigen Herren vom Rathe vorgelegt und im 
Rathe selbst verlesen, dieser habe dann auf sein Andringen der ganzen 
Bürgerschaft den strengsten Befehl ertheilt und ertheileu lassen, die 
Predigermönche nicht zu beunruhigen, denn man habe gefürchtet, dass 
mehrere Laien in ihrer Aufregung gegen dieselben sie vielleicht in 
nicht geringe Gefahr bringen könnten. Es muss dieser Rathschluss 
dem Sommer 1500 angehören, hat aber wohl keinen Erfolg gehabt. 
Conrad Hensel fährt fort gegen seine Gegner zu eifern. Dies 
beweift ein weiterer gleichartiger Beschluss vom Donnerstag nach 



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- 22 



Martini (12. November) 1501, *) den Lersner II, 1J, 168 mittheilt: 
„Als Prior und Convent zu den Predigern schreiben und klagen über 
Dr. Conrad Henselin, Pfarrer zu St. Bartholomäi seiner Predigt 
halber: Sollen des Raths Freund aus den Handwerken bei ihrer 
Gemeinschaft in ihren Zünften den Personen sagen und sie bitten, 
sich der Zwietracht zwischen dem Pfarrer und den Predigermünchen 
nit zu bekümmern, sondern sie ihre Sache mit Recht gegen einander 
austragen lassen." 

Wie Heller aus seiner persönlichen Vorliebe für die Domini- 
kaner kein Geheimniss machte, so gab er auch seinem Hass gegen 
Conrad Honsel unverhohlenen Ausdruck. Er allein sagt im Wider- 
spruche mit andern Zeugen aus, nicht Wigand habe den Plebanus, 
sondern dieser habe jenen zuerst gereizt und der ganze Anlasss zum 
Streite sei auf seiner Seite zu suchen. Er behauptet in geradezu 
hämischer Weise, der Plebanus sei wegen seiner hessischen Mundart 
(loquela Hassalis) schwer zu verstehen, er versichert in affectirter 
Gleichgültigkeit und geflissentlicher Geringschätzung, er selbst, Hel- 
ler, habe seinen Platz (stacio) fern von der Kanzel und pflege ausser- 
dem spät in die Kirche zu kommen, daher habe er nur aus den hef- 
tigen Bewegungen des Mannes schliessen können, dass er mit Affect 
gegen die Dominikaner predige, aber den Sinn seiner Worte habe 
er nicht verstanden. Auch die Frage, wie es denn unter solchen 
Umständen möglich gewesen, dass eine so grosse Zuhörerschaar sich 
um ihn versammeln konnte, brachte Heller nicht in Verlegenheit. 
Er gab zu, dass die Predigten des Pfarrers allerdings von tausend 
Menschen gehört würden , aber wegen seiner ungefügen Sprache 
(propter suam indispositam loquelam) könnten sie ihn durchaus nicht 
verstehen, sie kämen nur aus Gehorsam. Schon der Eingang seiner 
Vernehmung macht keinen günstigen Eindruck. Auf die Frage nach 
seinen Personalien hebt er mit dem vornehmen Selbstgefühl eines 
begüterten und einflussreichen Patriciers hervor, er befinde sich, wie 
er hoffe, in guten Verhältnissen und lebe von den Einkünften seines 
eigenen Vermögens, das ihm von dem allmächtigen Schöpfer be- 
schert sei. 

Die Verstimmung gegen - Conrad Hensel hatte ihren Grund 
nicht allein in seiner Partheinahme für die Dominikaner und in der 
Engherzigkeit seiner kirchlichen Frömmigkeit, welche manche Be- 
stimmungen seines Testamentes verrathen, sondern zugleich in der 
Entrüstung über den freimüthigen Tadel, womit der kühne Prediger 



■) Es muss wohl 15Ü0 heissen. 

* 



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die angesehensten Glieder des Rathes nicht verschonte, wenn sie ihm 
durch ihre Handlungen zur Rüge Anlass boten, und überhaupt alle 
Schäden des Gemeinwesens und der Verwaltung rücksichtslos aufdeckte. 
Schon im Jahre 1491 waren desshalb gegen ihn Beschwerden er- 
hüben worden und der Rath hatte am Dienstag den (3. December 
denBeschluss gefasst: „Als der Pfarrherr Dr. Conrad Henselin uf der 
Kanzel des Raths, des Gerichtes, der Richter, Schreiber und Anderer 
gedenkt, dadurch sie in Argwohn gegen das gemeine Volk beweget 
werden und Unrath entstehen mag: Soll man ihn vorm Capitel ver- 
klagen durch Meister Johann Reise Stadtschreiber. Darauf die 
Herrn uf der Pfarr Autwort geben haben, wie der Pfarrherr alle 
furgehaltenen Artikeln in gemein geredet habe: Soll man ihnen 
widersagen, der Rath habe des Pfarrherrn Verantwortung gehört, 
wolle es auch itzund in Geduld aufnehmen, doch sofern, wo es 
mehr nicht geschehe, sonst gedenke der Rathes nicht dabei zu lassen. *) 
Im Jahre 1498 erfolgten neue Augriffe, wie es scheint, persön- 
licher Art von Seite des Plebanus. In diesem Jahre trieben näm- 
lich die Nürnberger mit Genehmigung Kaiser Maximilian's ihre 
Juden aus. Die Reicheren derselben siedelten nach Frankfurt über 
und verlegten hierher die grosse Synagoge für Deutschland, die 
früher ihren Sitz in Nürnberg gehabt hatte. Die Zahl der Juden 
wurde gegen früher erheblich vermehrt. Es war dies nicht ohne 
Mitwirkung des Rathes geschehen, die Majorität desselben hatte 
zugestimmt, dass man an die Flüchtlinge eine förmliche Einladung 
ergehen Hess; als die Urheber der bei der Bürgerschaft höchst un- 
populären Maassregel nannte man die beiden Bürgermeister Karl 
llynaberg und Michael Schwarzenberger und neben dem erstcren, 
der als llauptattentäter galt, den Schöffen Johannes vom Rhein. 
Furchtlos und kühn griff Hensel beide von der Kanzel an und durfte 
sich dabei der dankbaren Zustimmung und des lauten Beifalles der 
Bürgerschaft versichert halten. Allein die Stellung des freimuthigen 
Redners war durch die Privilegien und Immunitäten seines Stiftes 
geschützt und den öffentlich angegriffenen Vätern der Stadt blieb 
nur der Weg der Beschwerde bei dem Capitel offen. Sie schlugen 
ihn ein, ob sie damit einen Erfolg erzielt haben, wird nicht ge- 
meldet. *) 

>) Leraner a. a 0. 

2) Vergl. des Canonikua Schurg handschriftliches Chronicon Francof. auf 
der Stadtbibliothek p. 223 flg., und die von mir herausgegebene Chronik deB Cano- 
uikus Job Kohrbach im Archiv für Frankfurts Gcschichto und Kunst, N. F. 
III, 98, Anm. 156. 



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Zwei Jahre nach diesen Vorgängen brach der Streit zwischen 
dem Stadtpfarrer und den Dominikanern aus und unter den Zeugen, 
welche für Wigand Wirt auftraten, fallen uns drei durch ihren 
Rang auf. Der Eine ist der Schöffe Jacob Heller, der Andere der 
Rathsmann Heinrich vom Rhein, der Dritte der jüngere Bürger- 
meister Clas von Rückingen. Sie gehören sämmtlich der Gesell- 
schaft Alt Limburg, jener Oligarchie enge und solidarisch verbun- 
dener Geschlechter-Familien, an, aus der vorzugsweise der Rath sich 
zusammensetzte und in deren Händen die städtische Gewalt fast 
ausschliesslich ruhte. Jene drei aber waren unter einander noch 
durch nähere Interessen verknüpft. Im Jahre 1487 hatte Jacob 
Heller mit Clas von Rückingen und Hans Heinrich von Oppenheim 
einen Handelsvertrag errichtet: sie standen einem gemeinsamen 
Handelshause vor oder waren, wie man heut zu Tage sagen würde, 
Associds. *). Heinrich vom Rhein, der Bruder jenes von Hensel vor- 
zugsweise angegriffenen Johann vom Rhein, war mit Jacob Heller's 
Schwester Agnes verheirathet, Heller's Schwägerin aber, die Schwester 
seiner Frau Katharina, Ursula von Meiern, war in erster Ehe die 
Gattin Walter's von Schwarzenberg, des älteren Bruders jenes 
Michael Schwarzenberg, gewesen, der im Jahre des Judenzuzuges 
in Frankfurt 1498 mit Karl von Hynsberg Bürgermeister war. 
Nach ihres Mannes 1494 erfolgtem Tode hatte Ursula in zweiter 
Ehe den Bernhard Rohrbach, Karl's von Hynsberg Schwager, ge- 
heirathet 2 ). Wir haben also zureichenden Grund, in den genannten 
drei Zeugen die Genossen eines Geschlechterbundes zu vermuthen, 
welche die Angriffe des Stadtpfarrers auf die Einschwärzung der 
Juden zu rächen entschlossen waren und hinter denen noch andere 
Glieder der sogenannten guten Gesellschaft jener Zeit standen. 
Zwar ist das Zeugniss des Clas von Rückingen, des Vaters jener Lisa 
Bromm, die 1539 neun Wochen lang Melanchthon in ihrem Hause 
zum Falken beherbergte, würdig, sogar kühl gehalten. Er be- 
zeichnet kurz den Streitpunkt, findet dass beide Theile sich leiden- 



2 ) Kriegk, deutsches Rürgerthnra im Mittelalter N. F. S. 446. Clas von 
Rückingen wird im Vertrag von Heller als sein Schwager bezeichnet, allein die 
Verwandtschaft war eine weitere: Heller's Schwiegermutter, Greda Meiern, und 
Clas' Mutter, Katharina von Rückingen, waren Schwestern, beide geborene 
Dorfelder, Clas und Katbarina Heller also Geschwisterkinder. Schwager ist 
demnach in dem mittelalterlichen Sinne gemeint, worin es auch einen weiteren 
nngeheiratheten Verwandten bezeichnen kann, vergl. „Archiv" N. F. IV, S. 19. 

») Vergl. Kulcr's Aufsatz über die Familie Meiern in den Mittheilungen 
unseres Vereines I, 210 flg. und die Chronik Job Rohrbach's. 



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25 — 



schaftlich bekämpft haben, und stellt die Beurtheilung der Frage 
dem zuständigen Richter anheim. Es macht den Eindruck, als 
habe er sich zu diesem Verhöre nur verstanden, um seinem Com- 
pagnon und Vetter einen Dienst zu erweisen. Heinrich vom Rhein 
dagegen constatirt die den Dominikanern materiell nachtheilige Be- 
hauptung des Plebanus, dass sie mehr an Wein, Korn und Holz be- 
sässen als alle Geistlichen Frankfurts zusammen. Heiler's Zeugniss 
endlich ist das gehässigste, es athmet leidenschaftliche Abneigung 
gegen den yolksfreundlichen, freimüthigen Prediger, man fühlt es 
seinen Aussagen an, dass er die Seele seiner Feinde im Rathe ist, 
er zieht in kleinlicher, boshafter Weise unwesentliche Aeusscrlich- 
keiten in der Erscheinung des Gegners zu seiner Verkleinerung 
hervor und verräth in seiner Schilderung derselben die ganze hoch- 
gradige Nervosität seines reizbaren Temperamentes. 

Von Conrad Hensel besassen wir bisher nur ein verblasstes Bild, 
das fast wie eine Sage aus dem Dunkel der Vergangenheit in unsere 
Zeit herüberdämmerte. Wir hoffen, dass es unserer Untersuchung 
gelungen ist, die Züge desselben ohne Zusatz fremder Farben wieder 
an zufrischen und ihnen neues Leben einzuhauchen. Fassen wir diese 
Züge zusammen! Er war in Cassel geboren, hat seine Studien auf 
der damals durch ihren freien Geist ausgezeichneten churmainzischen 
Universität zu Erfurt gemacht, wo sein Lehrer Johannes de Wesalia 
war und wo er auch ohne Zweifel den Doctorgrad der Theologie 
und des canonischen Rechtes sich erworben hat. Im Jahre 1474 
wurde er Canonikus und Stadtpfarrer am Bartholomäusstifte zu 
Frankfurt am Main. Volksmann im vollen Sinne des Wortes reiht 
er sich würdig an Männer wie Sebastian Brant und Geiler von 
Kaisersberg, als deren Geistesverwandten ihn sein Wirken erkennen 
lässt. Ohne Ansehen der Person strafte er die im Schwange 
gehenden Laster bei Hohen und Niederen. Je beliebter bei den 
Bürgern, desto hochmüthiger wurde er von der Raths Aristokratie 
beurtheilt, die ihn ebenso sehr um seinen Einfluss beneidete, als sie 
seine volksthümlich derbe Beredsamkeit fürchtete. Insbesondere gab 
er 1498 der Antipathie der Bürgerschaft und der Zünfte gegen den 
von dem Rathe betriebenen Zuzug reicher Juden lebhaften Ausdruck. 
Nach der Heidelberger Disputation trat er 1500 in den Streit über 
die unbefleckte Erapfanguiss der Maria ein, der in Frankfurt 
zwischen Dominikanern und Barfüssern wohl bereits als Ordens- 
controverse im Gange war, und focht ihn gegen den Lector des 
Predigerklosters Wigand Wirt von der Kanzel aus. Die plumpe 
Art, mit welcher der letztere den hochgeachteten Mann öffentlich 



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bekämpfte und ihn vor der Gemeinde in einer Predigt unterbrach, 
erregte gegen ihn den allgemeinen Unwillen der Bürger und 
entschied in der öffentlichen Meinung seine Niederlage, die noch 
demüthigender wurde, als in Folge der glänzenden Vertheidigung 
Heusers durch Sebastian Braut auch das Urtheil des geistlichen 
Gerichtes zu Strassburg gegen ihn entschied. Am Mittwoch vor 
Palmsonntag 1505, den 12. März, verschied Conrad IJensel nach 
einer einunddreisaigjährigen Wirksamkeit in unserer Vaterstadt. 
Als er die Nähe des Todes fühlte, Hess er mit allen Glocken läuten ; 
unter den Klängen derselben, die mit feierlichem Ernste Uber der 
Stadt verschwebten, verhauchte er seine Seele. Sämmtliche Zünfte 
bogleiteten, was vor und nach ihm keinem Bürger je widerfuhr, 
seine sterblichen Ueberreste zur Gruft. Die Verehrung der dank- 
baren Gemüther überdauerte die Schranken seiner Erscheinung. 
Die kommenden Geschlechter legten ihm einen prophetischen Geistes- 
blick in die Zukunft bei. Der spätere Dekan des Bartholomäusstiftes 
Johann Latomus berichtet als Aeusserung aus seinem Munde: „Von 
dem Stuhle, auf welchem ich jetzt stehe, werden Ketzer predigen, 
hier, hier werden sie stehen in grauen Böcken, glaubt ihnen nicht!' 1 , 
wahrscheinlich eine sagenhafte Umdichtung der Worte, die er nach der 
Aussage des fünften Zeugen am 7. Sonntag nach Pfingsten 1500 auf 
der Kanzel gegen Wigand Wirt und Consortcn gesprochen : „Liebeu 
Kind! ich hab euch lang gesagt von den falschen Propheten, wie 
sio kommen worden und verführen das Volk". *) Während die 
katholische Parthei des Reformationszeitalters sich so auf seine 
Auctorität stützte, rühmen ihn die späteren Lutheraner nach Vorgang 
des Pfarrers Difcnbach als Vorläufer der Reformation, der „mit 
seinen christeifrigen Predigten die Gemüther in Frankhirt zur nach- 
maligen willigen Aufnahme des Evangeliums disponirt habe". *) 
So ungetheilt war das Ansehen des längst Dahingeschiedenen bei 
der Nachwelt, daBS jede der entgegengesetzten Richtungen im 
heftigen Streite der Meinungen noch seinen Namen auf ihr Banner 
heftete. 



') Die ursprüngliche Abzwcckung des Ausspruches bezeugen die unmittelbar 
folgenden Worte : „Wicdtinkt euch nun utub die Ketzerei? der Münch prediget dies», 
ich bitt euch, ihr wollent nit auf seine Predigen gon. Er betrügt euch wahr- 
lich, er kann wohl reden, denn es sind böhmische Stuck : man sollt ihn zu den 
Böhmen schicken, und wenu ihr's nit lassen wollend, so han ich euch zu 
gebieten". 

J ) Vergl. meine Einleitung zu Job Itohrbach's Chronik a. a. 0. S. 08, 
Anm. 156. 



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Der Streit zu Frankfurt war mit dem Strassburger Urtheil 
entschieden, aber seine Folgen erstreckten sich noch bis zum Jahre 
1500 und gaben ihm ein blutiges Ende. Die Frankfurter Quellen 
versiechen mit dem Jahre' 1502, aber Murner's Darstellung tritt 
ergänzend ein und an sie schliesst sich der Fortgang unserer Er- 
zählung. *) Es ist bereits erwähnt worden, dass Wigand Wirt ton 
Johannes Spengler in Rom verklagt und dorthin vorgeladen wurde. 
Die Dominikaner hielten im Jahre 1500 ein Capitel zu Wimpfen 
und in der Befürchtung, dass der Ausgang des Procesaes vor dem 
römischen Gerichtshofe kein besserer sein werde als zu Strassburg, 
fassten Einige von ihnen *) — nicht Alle, bemerkt der Berichterstatter — 
den verwegenen Beschluss, dem tief gesunkenen Ansehen des Ordens 
bruders mit List und Betrug zu Hülfe zu kommen. Sie ersahen 
zum Orte der Ausführung zuerst Frankfurt, den Sammelplatz der 
deutschen und französischen Kaufleute, welche die Kunde des gelungenen 
Werkes am raschesten nach allen Richtungen verbreitet haben würden. 
Die Furcht vor dem Scharfblick des Erzbischofs von Mainz, zu dessen 
Diöcese Frankfurt gehörte, lenkte indessen bald ihre Pläne auf die 
Königin unter den Reichsstädten, Nürnberg. Da ihnen aber der 
geweckte und aufgeklärte Sinn der Bürger als schwer zu Uberwindeudes 
Hinderniss erschien, verfielen sie auf Bern, dessen bäuerliche und 
ungebildete, aber kriegerische und tapfere Bürgerschaft ihren Ent- 
würfen besseren Erfolg versprach. 

Im dortigen Predigerklostcr fanden sich die Hände zur Ausführung 
des sträflichen Beginnens. Es waren der Prior Johannes Vetter 3 ), 
der Prediger des Hauses Dr. Theol. Stephanus Bolshorst, der Sub- 
prior Franz Ulschi und der Procurator des Conventes Heinrich 
Steinecker. Dürfen wir der Versicherung Murner's Glauben schenken, 
so hatten die vier Männer zur schwarzen Kunst ihre Zuflucht 
genommen und dem Satan, der ihnen leibhaftig in der Gestalt und 
Farbe eines Aethiopiers erschien, mit ihrem Blute ihre Seelen zum 



') Murner's Darstellung ist die kürzere und insofern unserem Zwecke 
entsprechendere, weil unser Hauptinteresse den Frankfurter Vorgängen gilt, 
während Anshelra diese nur kurz berührt, dagegen mit breiter Ausführlichkeit 
die Berner Ereignisse schildert. Beide unterscheiden sich nur in unwesentlichen 
Einzelheiten und in der Reihenlolge der Ereignisse. Aktenstücke zum Process 
in Ilaller's Bibliothek der Schweizergeschichte III, 17—32. 

l ) Anshelm macht die hervorragendsten unter ihnen namhaft a. a. 0 III, 
372 flg. 

») Anshelm nennt ihn III, 377 Vater. 



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Eigenthum verschrieben *). Sie bedienten sich für ihre Pläne als 
willenlosen Werkzeuges eines beschränkten Schneidergescllen, Johannes 
Jetzer aus Zurzach, dem sie früher wegen seiner vermeintlichen 
Armuth die begehrte Aufnahme beharrlich versagt hatten, den sie 
aber jetzt um so freudiger als Novizen zuliessen, da er ihnen für 
ihre verwerfliche Zwecke brauchbar erschien und ihnen überdies 
gegen ihre Erwartung einen Mahlschatz von 53 Gulden und einen 
Vorrath von seidenen Tüchern und anderen Werthgegenst&nden ein- 
händigte, den sie sofort unter sich vertheilten. 

In einer der nächsten Nächte erschien in seiner Zelle der Subprior 
Franz Ulschi als Geist, in ein langes, schleppendes Gewand gehüllt, 
und bat den Entsetzten unter grauenvollem Geheul, dass er ihn durch 
acht Messen *), durch acht Ave Maria und achttägige Selbstgeiselung 
bis auf das Blut aus den Qualen des Fegfeuers erlöse. Das Alles 
wurde nach dem Rathe der Väter iu der Capelle des heiligen 
Johannes öffentlich vollzogen, das Volk wohnte in staunender 
Bewunderung der Handlung bei, der Pater Prediger gab der Stimmung 
die wünschenswerthe Richtung auf den beabsichtigten Zweck durch 
Ausfälle auf die Minoriten, die die Almosen in üppigen Gelagen 
verprassten, und der Prediger der Minoriten sah sich genöthigt, sein 
Kloster mit der Entgegnung in Schutz zu nehmen, dass es denen 
nicht die Gastlichkeit versagen dürfte, die es mit ihren Gaben 
unterstützten. Bei seinem zweiten Besuche war der Abgeschiedene 
von zwei bösen Geistern begleitet, die ihm zur Plage beigegeben 
waren, und eröffnete dem Bruder, dass die schwersten Qualen, die 
er 160 Jahre erduldet, ihm bereits abgenommen worden seien, dass 
aber zu seiner vollständigen Erlösung noch dreissig Messen erforderlich 
seien. Er belehrt ihn über die Wohlgefälligkcit des Predigerordens, 
über die Richtigkeit der tbomistischen Lehre von der Empftngniss 
und den Irrthum der Minoriten. Alexander von Haies (?) und Scotus, 
offenbarte er ihm, schmachteten im Fegfeuer, jener als Abtrünniger 
von der rechten, dieser als Verbreiter der irrigen Lehre, ein neuer 
Papst werde die beiden Orden versöhnen. Wäre der Bruder, wie 
er früher beabsichtigt habe, in den Kartliäuserorden getreten, so 
würde er von fünf schwarzen Hunden zerrissen worden sein, eine 
heilige Jungfrau, die ihn am Feste der Verkündigung besuchen werde, 



') Auch Anshclm weiss von dieser Versen reib ung, aber erst in spätcrem 
Verlaufe des Betrugs, III, 420, 461 flg. 

*) Nach Anshelm 500 Paternoster und ebenso viele Ave Maria, die sämmtlichc 
Laienbrüder mit ihm abbeten sollten. 



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habe ihn vor dem Selbstmorde bewahrt, schliesslich entdockte er 
ihm, sein Name sei einst Heinrich Kaltenberger, seinem Stande nach 
sei er Weltpriester zu Solothurn gewesen, und verlangte, dass sein 
Name in das Anniversarium des Klosters eingeschrieben werde. 

In der Nacht des Festes der Empfäuguiss trat ein schönes Weib, 
unter deren Larve sich der Subprior Franz Ulschi barg, in die Zelle 
des Bruders, kündigte sich ihm als die heilige Barbara au und nahm ein 
Blatt mit einer Reihe von Fragen mit sich, welche der Klosterprediger 
Stephau aufgesetzt hatte, unter Anderem : ob Hieronymus Savonarola 
mit Recht oder Unrecht von Alexander VI. zum Feuer verurtheilt 
wordeu sei? ob dieser Papst desshalb im Fegfeuer büsse? ob es 
wahr sei, dass der heilige Bernhard nach seinem Tode den Leben- 
den mit einem Fleck auf der Brust erschienen sei, weil er gelehrt 
habe, dass Maria in der Erbsünde empfangen sei? ob wirklich auf dem 
Grabe des heil. Bonaventura Wespen gesehen worden seien, weil auch 
er die Meinung der Minoriten in diesem Punkte getheilt habe (? !) *), 
ob die Lehre des heil- Thomas von der Empfangniss die richtige 
sei? Die heilige Barbara schied mit dem Versprechen, dass ihm nun 
Maria selbst erscheinen und diese Fragen beantworten werde. Warum 
hätte auch der Subprior die Rolle der Maria nicht ebenso gut über- 
nehmen sollen als die der Barbara? Maria erschien zur Zeit der Frühmette 
dem Bruder, sie theilte ihm mit, der Geist, den er gesehen, sei ein 
guter gewesen, er habe nun Ruhe gefunden und werde nicht mehr 
zurückkehren; sie weissagte, ein neuer Papst werde das thomistische 
Dogma feierlich proclamiren, sie werde dem Bruder zur Bestätigung 
und Kräftigung ein mit dem Blute ihres Sohnes besprengtes Kreuz 
vom Himmel schicken, auf welchem drei jener Thränen, die er einst 
über Jerusalem geweint, die drei Stunden bedeuteten, die sie in der 
Erbsünde verbracht habe, sie schenkte ihm Windeln, in denen einst 
Christus auf der Flucht nach Aegypten geruht, und ein Glas voll seines 
Blutes; sie verkündigte ihm, an einem imCh'ore vor dem Sacramente 
stehenden Kreuz würden sie fünf Blutstropfen finden, welche die fünf 
Schmerzen bedeuteten, die sie selbst unter dem Kreuz empfunden 
habe. Beide Kreuze möge er nach Rom zu Papst Julius schicken, 
sie seien heiliger denn alle Reliquien des Erdkreises, darum müsse 
das eine auch wieder nach Bern zurückkehren zum unfehlbaren und 



') Anshelm rechnet dagegen Bonaventura mit Recht unter die Doctoren, 
welche die Lehre den Duns Scotus in diesem Punkte noch nicht theilten, 
III, 399. 



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- 30 — 



ewigen Zeugniss so grosser Wunder. Bei ihrer zweiten Erscheinung 
erklärte die falsche Maria den Bruder gewürdigt die fünf Wunden- 
male Christi zu tragen, die weder der heilige Franz, noch die heilige 
Katharina von Siona empfangen hätte ; er zog furchtsam seine Hand 
zurück, die Bio mit kräftigem Griffe erfasste und mit einem Nagel 
durchbohrte, dass der Unglückliche laut aufschrie. Nachdem sie ihn in 
der folgenden Nacht abermals besucht hatte, um ihm Muth einzuflössen 
und etwaige Zweifel zu zerstreuen, versetzten ihn die vier Rädels- 
führer durch einen betäubenden Trank in einen Zustand völliger Be- 
wusstlosigkeit, brachten ihm während desselben mit einer ätzenden 
Flüssigkeit die andern vier Wunden bei und milderten mit einem 
kühlenden Wasser den Brand derselben. *) Hierauf wiesen sie ihn in eine 
Stube, deren Wände mit Bildern der Passion geschmückt waren, und 
lehrten ihn den Gang des Herrn während derselben, wie er auf diesen 
Bildern dargestellt war, nachahmen. Die Stube war so eingerichtet, 
dass man ihr Inneres von aussen völlig übersehen konnte, und nun 
riefen sie die Bürger und Geistlichen herbei, verkündigten ihnen, was ge- 
schehen und welche Offenbarungen ihnen durch den Bruder zu Theil 
geworden seien, dann forderten sie die Versammelten auf, sich von der 
Wirklichkeit der Wunden zu überzeugen und die Geberden dieses 
Nachfolgers Christi zu beobachten, allein diese waren so ungelenker 
und ungefüger Art, dass sie mehr Anlass zum Lachen als zur Andacht 
gaben. Am folgenden Abend trat Maria wieder bei dem Schneider- 
gesellen ein und redete ihn mit holdseligem Grusse an — aber diesmal 
erkannte er trotz der Vermummung den Klosterprediger Dr. Stephan 
Bolahorst an der Stimme, denn ihm pflegte er stets zu beichten, und 
rief laut : „O Gott, die Lügner haben mich betrogen ! das böse Krenz 
über dich ! Gott verderbe dich sammt deinen Spiessgesellen , die ihr 
michAermsten hinter das Licht geführt habt." Verwirrt floh Stephan 
zu dem Prior, der ihn mit dem Erbieten beruhigte, er wolle statt 
seiner die Rolle der Maria übernehmen und weiter spielen , ihn habe 
der Schneider nur selten reden gehört und werde ihn gewiss nicht an 
der Stimme erkennen. Alles komme darauf an, ihm wieder Glauben und 
blindes Vertrauen einzuflössen. Er zeigte ihm hierauf eine blutrotl» 
gefärbte Hostie und ein angeblich mit dem Blute Christi gefülltes 
Glas, vor welchen alle Blendwerke des Satans in nichts zergehen 
raüssten. Aber auch ihn erkannte de:- misstrauisch gewordene Laien- 
bruder, wie sorgfältig er auch seine Stimme verstellte; wüthend griff 



») Etwa« abweichend Anshclm III, 417, nach welchem die Wunden ihm in be 
wussteni Zustande mit einem scharfen Eisen beigebracht wurden. 



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— 31 - 



er nach einem Messer und verwundete den Prior am rechten Knie, 
der seiner Seits eine zinnerne Schüssel fasste und sie nach dem 
kampfgerüsteten Gegner schleuderte. Es ist kaum glaublich, dass der 
Subprior Franz Ulschi noch einen Versuch der Täuschung wagte, 
indem er als heilige Katharina von Siena bei Nacht in seine Zelle trat 
und ihm verkündigte, dass Gott die Stadt Bern zu zerstören be- 
schlossen habe, weil ihre Bürger eine jährliche Pension vom König 
von Frankreich bezögen und die Minoriten nicht austrieben. Der 
Bruder hörte in verdächtigem lautlosem Schweigen diese Reden an. 
Der Zauber der himmlischen Erscheinungen hatte seine Wirkung auf 
ihn verloren. Die Furcht, dass ihr gescheiterter Plan sich an ihnen 
empfindlich bestrafen und sie in endlose Verlegenheiten stürzen werde, 
bestimmte die Väter endlich, sich auf Vorstellungen und Bitten zu 
verlegen. Sie gestanden dem Getäuschten ein, dass die Geister- und 
himmlischen Erscheinungen allerdings ein Trug seien, nicht aber auch 
die Wunden, von denen er selbst nicht wisse, wie er zu ihnen gekom- 
men sei, und die ihm darum nur von Gott als besonderes Gnaden- 
zeichen verliehen sein könnten. Als Sohn ihres Hauses werde er an 
ihnen nicht zum Verräther werden wollen, auch die Sorge für sich 
selbst müsse ihm dies verbieten ; verlasse er sie, so erwarte ihn Armut 1 1 
und Elend ; unterstütze er sio auch ferner, so werde er mit ihnen zu 
Reichthum und Ehre gelangen. Der einfältige Mensch willigte in 
Alles ein und es wurde nun zu einer neuen Posse geschritten. Das 
Kloster besass in einer Capelle seiner Kirche ein Marienbild, dasselbe 
wurde von einem vertrauten Maler Namens Lazar mit feinen Farben 
restaurirt und einige Thränen auf die Wangen so täuschend an- 
gebracht, dass man den Eindruck empfing, als ob sio eben frisch 
flössen. Einige alte Weiber liefen, nachdem sie das vollendete Werk 
gesehen, durch die Stadt und riefen laut: Maria weint. Mittelst eines 
Nachschlüssels — denn die Capelle wurde Nachts verschlossen und 
der Sacristan verwahrte den Schlüssel — brachten sie frühe Morgens 
den Bruder in die Capelle und schlössen die Thüre wieder ab. Als 
sie später geöffnet wurde , fand man den Bruder in unbeweglicher 
Stellung auf dem Altar knien. Befragt, wie er dahin gekommen, erklärte 
er, ein Geist habe ihn erfasst, durch die verschlossene Thüre getragen 
und auf den Altar gesetzt, er könne nicht herabsteigen, wenn nicht 
vier hochgestellte Männer der Stadt kämen und er in ihrer Gegen- 
wart das Sacrament orapfinge. Um den Eindruck des Wunders zu 
erhöhen, rausstc auch Maria selbst ihre holde Stimme vernehmen lassen, 
denn Dr. Stephan stand hinter dem Bilde und sprach durch ein im 
Rücken desselben angebrachtes Röhrchen, als ob Maria selbst redete. 



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Hierauf schickton sie nach dem Minoritenkloster und Hessen den 
Schultheissen Rudolf von Erlacb, der dort seine Andacht zu verrichten 
pflegte, einladen. Als er mit dem Patricier Wilhelm von Diesbach in die 
Capelle trat, erklärte ihnen der Schneider, Maria weine, weil sie ihm, 
ihrem Propheten, nicht geglaubt, weil sie die Minoriten nicht ver- 
trieben hätten, weil man in Bern meine, Maria sei ohne Erbsünde 
empfangen. Eine blutfarbene Hostie lehnte er ab; nachdem er die 
Partikel einer andern, gewöhnlichen genossen — sie musste ihm, da 
er den Kopf nicht wandte, von der Seite her in den Mund gesteckt 
werden — erhob er sich frei, stieg, als habe er eben erst wieder den 
freien Gebrauch seiner Glieder, vom Altar herab und zog in Procession 
mit den Mönchen nach dem Chor. Diesbach versicherte, er für seine 
Person habe die Maria nicht weinen sehen. Dem Schultheissen schien 
der ganze Vorgang verdächtig, er mahnte die Mönche zur Vorsicht, 
bis ein edler Rath erwogen habe werde, was zu thun sei. Allein be- 
reits war es der Besonnenheit nicht mehr möglich dem wilden Tau 
mel Einhalt zu thun. Von allen Seiten strömte das Volk zusammen 
und der Enthusiasmus wuchs, als die hochwürdigen Patres von dem 
angeblichen Blute in dem Glase auf reine Tücher sprengten mit dem 
Vorgeben, es sei aus der blutenden Hostie geflossen. 

Indessen musste sich der Bruder bald überzeugen, wie wenig es 
den Vätern mit ihrem Versprechen Ernst war ihm zu einem behag- 
lichen Leben zu verhelfen. Es kam ihnen im Gegentheil darauf an, 
ihn, den sie zu der nicht eben beneidenswerthen Rolle eines Heiligen 
ersehen hatten, mit abgehärmter Miene und durch Fasten geschwächter 
Kraft dem Volke vorzuführen, sie beschränkten daher seine Nahrung 
auf das Aeusscrste. Bald traten Ereignisse ein, die ihm den Muth 
gaben, seine Fesseln zu sprengen. In einem Zimmer des Klosters 
waren die vier Anstifter des Unternehmens zur Berathung versammelt; 
der Laienbruder, der sich als Mitwisser des Geheimnisses fühlte, hielt 
sich für berechtigt ohne Anmeldung einzutreten, aber wer beschreibt 
sein Staunen, als er sie in seidenen Gewändern , deren Stoffe er in 
das Kloster mitgebracht hatte, in einer Gesellschaft üppiger Weiber 
überraschte! Als er einige Tage später an derselben Thüre vorüber- 
ging, belauschte er sie in der Beratschlagung, wie sie den lästigen 
Mitwisser am sichersten aus dem Wege räumen könnten. Drei Versuche 
ihn zu vergiften, einen stellten sie mittelst einer Hostie an, scheiterten 
an seinem Misstrauen. Jetzt schritten sie zur Gewalt, sie legten ihn an 
eine Kette und peinigten ihn mit Zangen, bis er feierlich beschwor, 
dass er sie nie verrathen werde. Er hielt sich indessen nicht für ver- 
pflichtet, den gezwungenen Eid zu halten, sondern benutzte die erste 



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— 33 - 

Gelegenheit zur Flucht aua dem Kloster und zur Anzeige der Ränke 
schmiede vor dem Käthe. Sie wurden darauf vorgeladen und in ihrem 
Beisein legte Jetzer ein umfassendes Geständniss ab. Die Herren vom 
Käthe waren von der Wahrheit seiner Aussage vollkommen überzeugt, 
gleichwohl gaben sie sich den Schein, als ob sie derselben den Glau- 
ben versagten, um die Schuldigen in völlige Sicherheit zu wiegen 
und unterdessen ihre Maassregeln ungestört vorzubereiten. Stephan 
Bolshorst und Franz Ulschi reisten damals im Auftrage des Provinciais 
ihres Ordens nach Korn *). Während ihrer Abwesenheit sandte der 
Kath den Jetzer in der Stille an (Ten Bischof von Lausanuc, zu dessen 
Sprengel Bern gehörte. Dieser nahm von allen Vorgängen Kenntnis* 
und schickte ihn dann wieder nach Bern. Obgleich gewarnt, wagten 
die beiden Hauptatteutäter sich nach dem Schauplatz ihrer Verbrechen 
zurück. Sofort leitete der Rath das peinliche Verfahren ein ; Jetzer 
wurde in das öffentliche Gefängniss, die vier Dominikaner in Ketten 
in abgesonderte Zellen ihres Klosters gelegt und von Stadtwächtern auf 
Kosten des Conventes behütet; alle Kleinode, Gülten und Einkünfte 
desselben wurden inventarisirt, eine Gesandtschaft reiste nach Rom 
und erbat sich dort die Bestellung von Commissären ; mit diesem 
Auftrag wurden die Bischöfe von Lausanne und Wallis (Valesia) 2 ) 
betraut, in ihrer und einiger Rathsglieder Gegenwart fand das Ver- 
hör statt; als Dr. Stephan Bolshorst an den Stricken aufgezogen wurde, 
legte der anwesende Provincial in verständlicher Pantomime den Finger 
an den Mund, wurde aber sofort ausgewiesen und begab sich nach Constanz, 
wo er aus Aerger über den Scandal starb und bei den Dominikanern begra- 
ben wurde. Papst Julius sandte darauf den Bischof Achilles de Grassis von 
Castcl 3 ), der, mit ausgedehnter richterlicher G ewalt bekleidet, gemeinsam 
mit den beiden andern Bischöfen und unterstützt durch einige Rathsglie- 
der den Proccss zu Ende führte. Man beschloss die Geständnisse geheim 
zu halten und nur einige besonders gravirende Artikel zur Begrün- 
dung des Urtheils öffentlich zu verlesen. Demgemäss wurden die vier 
Dominikaner zum Feuertode verdammt, weil sie Gott abgeschworen, 
das Sacrament mit rother Farbe verunziert, dem Bilde der Maria 



') Nach Anshelm um sich Kath in diesem Handel hei dem Generalvicar des. 
seihen, Thomas de Vio Cajctaims, zu holen, der sie aber hart anHees III, 477. 

») Es ist der Bischof von Sitten gemeint, siehe Anshelm IV, 5; B. 7 wird er 
Mathäus Schinner, Herr von und zu Wallis, der Bischof von Lausanne Aymo de 
Montefalcone genannt. 

s ) Anshelm schildert ibn IV, 80 als einen gelehrten Mann , der elfenbeinerne 
Zähne getragen, später Cardinal geworden, aber wegen seiner Söhne und Töchter 
es nicht zum Papste gebracht habe. 
VI. 3 



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— 34 - 

Thränen aufgemalt und die fünf Wunden des Erlösers und seiner 
Passion dadurch verspottet hätten, dass sie dieselben dein ehemaligen 
Schneiderpesellen eingruben. Hierauf entkleidete sie der Bischof 
Achilles dcGrassis auf öffentlichem Markte ihrer priesterlichen Abzeichen 
und Gewänder, erklärte sie ihrer Würde verlustig und übergab sie 
dem Arme der weltlichen Obrigkeit mit der üblichen Bitte, nicht* 
Grausames an ihnen zu verüben. Sie wurden zunächst in das Stadt- 
gefängniss gebracht, acht Tage später aber, am 31. Mai 1509, ausser- 
halb der Stadt auf der Schwellenmatte jenseits der Aar verbrannt 
und ihre Asche in den Fluss zerstreut. Ihr Tod war ein furcht- 
barer, der Wind löschte die Flammen aus, und als bereits ihre Ftisse 
verkohlt waren, warf der Henker neue Scheiter auf sie, die ihnen 
noch vor dem Tode die Schädel zerbrachen. Jetzer, zu lebensläng- 
licher Haft verurtheilt , entkam mit Hülfe seiner Mutter aus dem 
Kerker in Frauenkleidern. Er wandte sich nach Baden im Aargau. 
heirathete, wurde aber vom Rathe gefangen genommen und den Bernern 
zur Auslieferung angeboten, aber der Rath dieser Stadt, den der 
Process 8000 Gulden gekostet, verzichtete darauf, um nicht neue 
Kosten tragen zu müssen. Jetzer starb wenige Jahre später. *) Die 
Dominikaner boten selbstverständlich Alles auf, um die Ungerechtig- 
keit des Urtheiles der Welt glaublich zu machen und die Verbrecher 
als Märtyrer zu glorificiren ; sie wagten es sogar den Papst, den 
Bischof de Grassis und deu Rath von Bern zu verunglimpfen — zur 
Abwehr dieser Angriffe und zur Steuer der Wahrheit hat Thomas 
Murncr die Feder ergriffen. 

Der Plan der Dominikaner war darauf gerichtet, ihrer Ordens- 
doctrin über die Empfangniss der Maria zum Siege zu verhelfen, die 
Minoriten aus Bern zu verdrängen, vor Allem aber ihr Kloster zu einer 
Gnaden- und Wallfahrtsstätte und dadurch zugleich zu einer Schatzkam- 
mer weltlicher Reichthümer zu erheben. Sie wollten, wie Murner sagt, 
„eine Fahrt des heiligen Bluts" gründen. Wer fühlt sich nicht bei 
diesen Geschichten unwillkührlich an die Erscheinungen der notre 
damc de Lourdes, an die Wundenmale heiliger Jungfrauen und ähnliche 
Kundgebungen erinnert? Aber während die damaligen Bischöfe in 
den Berner Vorgängen einen öffentlichen Scandal sahen, den sie mit 
allen ihnen zu Gebote stehenden Mitteln unterdrücken zu müssen glaub- 
ten, damit aus ihm der Kirche keine Schmach erwachse, so werden 
die Wundergeschichten von Lourdes von den heutigen Würdeträgern 



«) Vergl. Auheim IV, 47-». 



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der Hierarchie in Schutz genommen und die Wallfahrten zu dem 
Gnadenort nicht nur empfohlen, sondern in Person feierlich geleitet. 
Das ist der Fortachritt, den die Bildung von 1500 bis heute gemacht, 
die Signatur, die der Jesuitismus durch sein Pflegekind, den Ultra - 
montan?8inus, der katholischen Kirche aufgeprägt hat. Für uns ist es 
jedenfalls lehrreich, die Maschinerie kennen zu lernen, durch welche 
damals die Marienerscheinungen in Sceue gesetzt wurden und viel- 
leicht noch heute in Scene gesetzt werden. 



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Der Humanist Wilhelm Nesen, 

der Begründer des Gymnasiums und erste Anreger der 
Reformation in der alten Reichsstadt Frankfurt a. M. 

Lebensbild, 
auf Grund der Urkunden dargestellt 

von Gesrg Eduard Sleilz, Doctor der Theologie, Senior des lutherischen 
Ministeriums und Consistorialrath. 

Der Humanist Wilhelm Nesen ist eine in vieler Beziehung merk- 
würdige Erscheinung des XVI. Jahrhunderts. Eine schriftstellerische 
Thätigkeit hat er eigentlich nicht geübt. Ein Dutzend Briefe etwa 
und eine satyrische Comödie ist Alles, was aus seiner Feder auf uns 
gekommen ist — und doch stand er, hochgeachtet in seiner Zeit, mit 
den Besten in vertraulicher Beziehung und von ihrer Anerkennung 
getragen. Seine amtliche Wirksamkeit beschränkte sich auf die dritthalb 
Jahre, während deren er der lateinischen Schule in Frankfurt vor- 
gestanden hat, deren Gründer er gewesen ist — und doch ist diese 
unter seiner Leitung zu einer Bltlthe gediehen, die sie in der Schätzung 
der Zeitgenossen den ersten Anstalten dieser Art würdig an die Seite 
stellte und bis auf den heutigen Tag ist sein Name irJ den Annalen 
unserer Vaterstadt nicht verklungen. Er hatte kaum das dreissigste 
Jahr überschritten und seine eigentliche Aufgabe noch nicht einmal 
zu lösen begonnen, als ein tragisches Geschick ihn von der kurz be- 
messenen Bahn des Strebens und Wirkens gewaltsam hinwegriss und 
seine Zukunft in den Wellen der Elbe begrub — und doch betrauer- 
ten die grössten Männer seines Jahrhunderts in Lied und Wort das 
dunkle Verhängniss, das so plötzlich und ungeahnt seinen hellen Stern 
erbleichen liess, und sahen in seinem Hinscheiden einen unersetzlichen 
Verlust für Wissenschaft und Kirche. Es hat ihm darum auch die 
Beachtung der späteren Geschlechter nicht gefehlt. Die Frankfurter 
Pfarrer Difenbach und Johann Balthasar Ritter sind sorgsam den 



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spärlichen Spuren nachgegangen, welche sie über die kurze Zeit seiner 
Frankfurter Thätigkeit aufzufinden vermochten. Sehelhorn hat in 
den Analektcn über ihn und seinen Bruder Conrad an Notizen und 
Urkunden gesammelt, was gelehrter FlciBs damals aufzubringen im 
Stande war. Amadeus Wendt und Haupt in Zittau haben ziemlich 
umfassende Biographien Uber ihn geschrieben, ( lassen hat ihm das 
fünfte Capitel seines Jacob Mieyllus gewidmet und im Programm von 
1861 zum ersten Male seine Verschreibung veröffentlicht. Auch ich 
habe Manches über seinen Frankfurter Aufenthalt ergänzend hinzu- 
gefügt. ») Aber noch ist nicht AUps gethan — noch gilt es das reich- 
haltige Quellenmaterial vollständig zusammenzufassen, Fehlendes zu 
ergänzen, verjährte Missverständnisse und Irrthümer zu berichtigen 
und insbesondere den Wendepunkt nachzuweisen, der in Nescn's Ent 
wicklung den Uebergang von dem ausschliesslich humanistischen 
zum reformatorischen Interesse bezeichnet Es ist dies die Aufgabe, 
die ich mir für die folgenden Blätter gestellt habe. 

I. Nesen's Herkunft. 

Wilhelm Nescn 2 ) wurde 1493 3 ) in dem damals Hessen-Rhcin- 
fcld'schen, später Nassauischen Städtchen Nastätten geboren. Ueber 
seine Jugendzeit fehlen alle Nachrichten. Nur das Eine dürfen wir 
aus dem Epicedion MieyH's, dessen Vertrautheit mit den Verhält- 
nissen seines Freundes wir wohl voraussetzen können, schliessen, dass 
sein Vater, wahrscheinlich ein Landmann, ihn und seine jüngeren 
Brüder, deren Einer, Conrad, gleichfalls die gelehrte Laufbahn cin- 



') Martin Difenbach, Anmerkungen über Grabow'» Gymnasii Francofurtani 
gewesenen Rectors Sendschreiben, Frankf. 1692, Vorrede. Job. Balth. Ritter, 
Ev. Denkmal der Stadt Frankf. a. M. 1726, S. 31. Schelhorn in Comroercii 
cpistolaris llffenbachiam sclectis IV, 299 seq. Amadeus Wendt, Wilhelm Nescn, 
Reformationsalroanach 1821. Haupt, Wilhelm und Conrad Ncsen, Zittau 1843. 
Nebe zur Geschichte der ev. Kirche in Nassau, dritte Abtheilung, Denkschrift 
des Herborner Seminars 1866, Seite 24—35. Steitz, Reformator. Persönlich- 
keiten im Archiv für Frankfurts Gesch. und Kunst N. F. IV, 57 flg. 

Bei der unglaublichen Willkübr, womit die Zeit der Reformation in der An- 
gabc der Namen verfuhr, darf es nicht befremden, dass Nescn bald Nissenus, bald 
Messenus, bald Nessenus geschrieben wurde. Merle d'Aubigne hat gar Nesse. 
Luther nennt ihn einmal Georg. Wilhelm unterzeichnet die Dedication an Dig- 
nover G. Ncsenus Anaxipolitanus. Anaxipolis ist Nastätten. 

3) So Pietschmann, Dubia vexata histor. eccles. HI, 125. Vgl. Eoban Hesse's 
Epicedion (opp. poet. fanrago S. 147 b seq.) : Vix iam transieras sexti confinia 
lustri II Et poteras animi dotibus esBe senex. 



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schlug, in beschränkten Verhältnissen mit Mühe und Sorgen erzog. 
Mieyll legt nämlich dem Vater bei dem Eintreffen der Nachricht von 
dem Tode des ältesten Sohnes folgende Klage in den Mund: 

Arloit und Noth hat früh des Lebens Kraft mir verzehret, 

Unter dem lastenden Druck schwanden die Tage' mir hin ; 
Bis ich dich, theuerstcr Sohn, mit den kleinen Brüdern erzogen, 

Hat das bescheidene Haus Last nur auf Last mir gehäuft. 
Oft hat des Schlummers Erquickung mein feuchtes Auge gemiedeu, 

Bis der nahende Tag dämmernd dem Müden erschien; 
Hat nicht Spciso noch Trank mir die matten Kräfte belebet, 

Iii» die sinkende Nacht dunkelnd die Landschaft umfing. 
War ein Jahr mir gesegnet mit reicheren Früchten der Ernte, 

Euch kam jeder Ertrag, niemals dem Vater zu gut. 
Wozu hab' ich in Sorgen die langen Nachte durchwacht nun? 

Wozu hat Hunger und Durst lange mich Annen gequält? 
Zwei Geschlechter fast hat der gealterte Greis überdauert, 

Noch hat der Tod, mir zum Schmerz, schonend mein Haupt nicht berührt — 
Dich in der Blüthc der Jugend, im ersten männlichen Streben 

Raffte dein kläglich Geschick rasch und gewaltsam dahin. 1 ) 

IL Nesen in Basel (1514—1516). 

Keine Andeutung gestattet uns eine Vermuthung, auf welcher 
lateinischen Schule und auf welcher Universität Nesen seine erste 
Bildung erhalten hat. Erst 1514 begegnet er uns als cinundzwanzig- 
jähriger Jüngling in Basel wieder. Eb blühte damals in dieser Stadt 
ein schönes wissenschaftliches Leben. Um den Fürsten der Buch- 
drucker Johannes Frobcnius hatte sich ein Kreis von Kunstgenossen 
und Gelehrten gesammelt: Johannes Amerbach und seine ihm nach- 
eifernden Söhne, Beatus Rhenanus, damals als Corrector in Frobcn's 
Officio thätig, Heinrich Loriri aus Mollis im Glarner Land (daher 
Glareauus), der Universitätsfreund Zwingli's; Johannes Fabricius 
Capito, gleichfalls längst mit Zwingli befreundet; Oekolampad und 
Andere. In diesem Kreise finden wir auch Nesen, der gleichfalls 
in den Buchdruckerwerkstätten die Herausgabe der Werke der Ge- 
lehrsamkeit unterstützte und förderte. Um diese Zeit weilte Desi- 
derius Erasmus, dessen neues Testament, eben in erster Ausgabe bei 
Frobenius gedruckt wurde, acht Monate bis Pfingsten 1514 in Basel. 
Auch in den folgenden zwei Jahren 1515 und 1516 hat er sich dort 



*) Epiced. in mortem Neseni in Silvia 1, 8. Die Vermuthung Wendt's, 
daas Neacn's Vater Pfarrherr zu Nastätten gewesen, ist völlig aus der Luft ge- 
griffen. 



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wieder aufgehalten. 1 ) Im Jahre 1514 kam auch Zwingli, damals 
Pfarrer in Glarus, zum besuche nach Basel, und wie er die alten 
Freundschaften erneuerte, trat er auch in warme Beziehungen zu 
Erasmus und Nesen und es bereitete sich der längere briefliche Ver- 
kehr vor, welcher seitdem zwischen den drei Männern gepflogen 
wurde. •) 

Iu einem Gedichte, worin Johann Sapidus (Witz), Rector zu 
Schlettstadt, den Basler Freundeskreis feiert 3 ), werden als Genossen 
desselben aufgeführt: Lystrius, der Coramentator von Erasmus' Moria, 
Bruno und Basilius Amerbach (der dritte Bruder Bonifacius war . 
.Jurist), Beatus Rhenanus, Corrector der Fioben'schcn Buchdruekerei, 
Nesen, „der Aufrichtige" (Candidus), Glareauus, „Helvetieus unver- 
gänglicher Schmuck, erprobt in Wissenschaft und Charakter", 
Oekolampad, „der tadellose Ausleger göttlicher Weisheit, dreier 
Sprachen Kenner", den Erasmus seinen Theseus nannte (nach dem 
Sprüchwort: ovx avtv dijutw;, Plutarch. T lies. 29), der Jurist Nikolaus 
Gerbel, Retius, Fontejus, der gelehrte Buchdrucker und Lehrer. Das 
Gedicht gehört dem Jahre 151(3 an. Erasmus antwortet darauf dem 
Sapidus 4 ): Nie habe er eine so glückliche Genossenschaft gefunden, 
Jeder verstehe lateinisch, jeder gricchiseh, die Meisten hebräisch, der 
Eine glänze durch Geschichtskcuntniss, der Andere sei in der Theo- 
logie zu Hause, der Dritte in der Mathematik, dieser in der Alter- 
tumskunde, jener in der Rechtswissenschaft. Ein Sinn beseele Alle. 
Er bezeichnet den Kreis als sein Museum. 

In demselben Jahre 1514, in welchem so bedeutsame persönliehe 
Verhältnisse sich anknüpften, erschien in der Officin des Miehael 
Furter zu Basel der über parochialis curatoruin, eine Anweisung zur 
Führung des geistlichen Amtes von Michael Lochmaier. Nesen hat 
der würdigen Ausstattung des Buches seine aufmerksame Sorgfalt 
zugewendet und es dem Johannes Dignauer (Dignoverus) gewidmet, 
einem Jugendfreunde des Schweizer Reformators, der von 1507-1517 
Pfarrer in der Züricher Gemeinde Kirchberg war und welehem Zwingli, 
als er ihn 1517 an, den Rath von Winten hur empfahl, das Zeugniss 
gab, „er sei ein ehrlicher, geboruer Züricher, des Vogt's von 



') Zwingiii Opp. ed. Schaler et Schalthess, VII, 10. Herminjard, Correspon- 
danee des Reformatcurs, I, 18. Anna. I. Herzog, Oekolampad I, 71 flg. Strausa, 
Hutten 82. 117. 

i) Christoffel, Ulr. Zwingli, S. 14. 

«) Opp. Erasmi Roterod. Leydcner Ausgabe, HI, Epist. 217, Co). 201, nach 
der wir immer citiren. Der dritte Theil enthält die Briefe. 
*) Epist. in Append. 96. Col. 1581. 



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Kyburg erblicher Freund, sieben freier Künste ein wohlgelahrter 
Meister, weise, gottesfürchtig, treu, mit dem der Rath bass dann 
mit ihm versorgt wäre" Die Lobsprüehe, welche Neten dem treff- 
lichen Manne in der Dedication crtheilt, machen zwar den Eindruck 
der Ueberschwänglichkeir, deuten aber zugleich das hohe Ziel au, 
welches dem begeisterten Streben des Jünglings vorschwebte, und er- 
öffnen uns damit den Blick in seine Ideale. „Wen, so schreibt er, 
sollte nicht, liebevoller Mann, die Liebe erwärmen, womit du die 
göttlichen Dinge, die feineren Wissenschaften, alles Sittliche und 
• Heilsame*) umfassest! Ist doch in der grossen Schaar der heiligen 
Schriftsteller (auetores arcanorum) wie der Dichter und Geschieht- 
Schreiber nicht ein Einziger, mit dem du nicht vertraut wärest und 
dessen Schatz du nicht ausgebeutet hättest. Daraus ist dir die reiche 
Bclesenheit, daraus die ungewöhnliche Beredsamkeit, daraus das Wachs- 
thum deines tadellosen Lebens geflossen und jene geregelte Ordnung in 
deinen Verhältnissen, der du Alles verdankst, worüber du verfügst. 
Denn wahrlich, ohne eine sichere Regel des Lebens ist auch jede 
Leistuug desselben mangelhaft und muss uns zum Ueberdrusse 
werden. Mag sich Jemand mit Eifer den Lehren der Philosophie 
oder dem Studium der antiken Beredsamkeit oder endlich der 
Religion widmen, sobald er verkehrte Wege einschlägt, zeigt der 
Ausgang, dass er umsonst gearbeitet und nichts gefordert hat. Um 
aber vom Allgemeinen zum Besondern überzugehen, bitte ich dich, 
dass du diesen Unterricht für Priester mit freundlichem Entgegen- 
kommen aufnehmest, nicht als ob du selbst seiner bedürfest — du 
hast längst schon gelernt, ohne Kork zu schwimmen — sondern damit 
du Andern ihn empfehlest und dich stets als Gönner des Büchleins 
annehmest, das zwar in seinem Style kein Muster feingebildeten Ge- 
schmackes ist, aber doch gewiss die keusche Wissenschaft der Alten 
nicht verleugnet. Lebe wohl! Geschrieben zu Basel in guter Ge- 
sundheit im Monat Juli, im Jahr des Herrn 1514" s ). 

Ein Jahr später schreibt am 17. April 1515 Beatus Rhenanus 
von Basel an Erasmus, dessen Ausgabe des Öeneca damals bei 
Frohen gedruckt wurde und der Sorge mehrerer seiner jüngeren 
Freunde, vor Allem Ncsen's, anvertraut war: „Seneca schreitet schön 
vorwärts, beredter Mann, denn er wird auf zwei Pressen gedruckt. 



«) Zwingiii opp. VII, 9 u. 31. 

2 Statt utiK'm lese ich unbedenklich utile. 

») Schelborn Analecta p. 302 seq. 



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Nesen ist in der Durchsicht ungemein genau und ich möchte mir 
selbst wünschen, in der Herstellung des Textes so glücklich zu sein, 
als er einen scharfen Blick in dem Auffinden der Fehler bewährt 
(quam hic in olfaciendis erratis lion est naris obesac) .... Nesen 
grüsst dich, er wünscht wohl dem angestrebten Ziele so nahe zu sein, 
als er kaum aus den Schranken getreten" (d. h. als er sich ihm noch 
ferne fühlt. 1 ) Wenige Tage später schreibt Beatus am 30. April 
dem Erasmus: .,Es grüssen dich und wünschen bei deiner Rückkehr 
dich zu küssen Frobenius, seine Hausfrau Gertrudis, die Amerbache 
und Nesen" 2 ). Damit verbinden wir einen der drei Briefe Ncsen's 
an Erasmus, welche wir noch besitzen. Der Briefsteller war 1516 
eben im Begriffe eine Reise anzutreten und schrieb, ehe er das 
Schiff bestieg, folgende Zeilen an den Mann, in welchem er das 
Vorbild der von ihm angestrebten Bildung verehrte : „In den Werken 
des Sencca, welche du mit der grössten Anstrengung den Jüngern 
der feineren Wissenschaften wiederhergestellt hast, fand ich am 
Rande von deiner Hand Einiges als unächt und untergeschoben be- 
zeichnet, mit der Bemerkung: dies ist von einem Taugenichts zuge- 
fügt. Obgleich ich zu ungelehrt bin, als dass ich von dem Gelehr- 
testen einen Brief * erwarten dürfte, ersuche ich dich doch, mir zu 
antworten, ob ich jene Stelle tilgen oder mit dem Uebrigen abdrucken 
lassen soll. Lebe wohl, hochgelehrter Erasmus, und zähle auch mich 
unter deine Diener. In Eile beim Schiffe." 3 ) Alle diese Briefe be- 
weisen, dass Nesen während seines Aufenthaltes in Basel neben den typo- 
graphischen Arbeiten, die ihm zunächst seinen Unterhalt einbrachten, 
rastlos an seiner Bildung arbeitete und sich sein Ziel nicht hoch 
genug zu stecken wusste. Sie deuten zugleich an, welche geachtete 
Stellung er in den Basler Kreisen einnahm und wie nahe er dem 
Erasmus getreten war, dem diese Andeutungen von Beatus Rhenanus 
gemacht wurden. Sic zeugen endlich für den gewissenhaften Fleiss, 
den er auf die Ausgabe des Seneca verwendete, was hier um so mehr 
hervorzuheben ist, weil Erasmus später, als seine Beziehungen zu 
Nesen sich getrübt hatten, der Sorglosigkeit des jungen Freundes 
die Mängel dieses Werkes zur Last legte. 

Auch die beiden andern Briefe Nesen's an Erasmus von 15 U> 
verdienen unsere Beachtung. Es lag in den litterarischen Verhält- 



') Epistol. Erasmi 21 des Appcnd. CoL 1537. 
J) Epist. 23 des Append. Col. 1539. 
*) Epiet 107 des App. Col. 1589. 



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— 42 — 



nissen jener Zeit, dass Gelehrte ihre Schriften nicht ohne Dcdicatiouen 
in die Oeffentlichkeit sandten, theils um sich hochstehende Männer 
zu Gönnern zu machen, auch wohl von ihnen Autorgescheuke zu er- 
halten, die zu einer Zeit, wo Honorare noch nicht gegeben wurden, 
dio einzige Belohnung schriftstellerischen Fleisscs waren, theils um 
jüngere Männer zu ermuthigen und sie zum Gegenstande der Beach- 
tung in weiteren Kreisen zu machen. Auch unserem Nesen muss 
eine derartige Auszeichnung von Erasmus in Aussicht gestellt worden 
sein. Er scheint mit Sicherheit darauf gerechnet zu ha"beu, dass sein 
Name vor die von Erasmus veranstaltete lateinische Uebersetzung 
der griechischen Grammatik des Theodor von Gaza gestellt werde, 
und als er sich in dieser Erwartung getäuscht sah, muss ihm Eras- 
mus in verhüllten Andeutungen zu verstehen gegeben haben, das» 
die Schrift de duplici copia rerum et verborum ihm zugeschrieben 
werden solle. So schliesse ich wenigstens aus den Aeusserungen des 
humoristischen Briefes, welchen Nesen in dem Jahre 1510 von Frank- 
furt aus an Erasmus gerichtet hat 1 ): „Ich empfinde es' schmerzlich, 
sagt er darin, und zwar in hohem Grade, dass die Unsterblichkeit, 
welche du, ciuzigcr Mann, allein gewähren kannst, von einem quali- 
ficirteu Spitzbuben (nebulo quidam insignis) mir vor don Augen weg- 
gerissen worden ist, obgleich ich diese höher schätze, als zehn Tajo 
oder Paktolos 2 ) und was sonst diese trügerische Welt gewähren 
kann .... Ich beklage es, dass Theodor einem andern Taugenichts 
zugeschrieben worden ist, ich beklage es ausserordentlich, weil ich 
gehofft hatte, er werde zu mir zurückkehren, den Namen des Neeen 
au der Stirne, von dem ich nicht weiss, wie vortrefflich, wohl aber, 
dass er nicht ganz verwerflich ist, doch gebe ich die Hoffnung nicht 
auf, dass raein Erasmus mir bei anderer Gelegenheit willfahren wird." 
In Betreff der Copia sagt er : „Ich habe sie zwar noch nicht gesehen, 
denn zu Frankfurt, nicht zu Basel, empfing ich deinen Brief, worin 
du mir schriebst, sie gehöre mir; wie ist das möglich, mein Erasmus, 
dass du mich anerkennst, obgleich ich in der Wissenschaft auf der 
untersten Stufe stehe und keinen Empfehlungsbrief an der Stirne 
trage ?" Am Schlüsse fügt er zu : „Lebe wohl, bester Erasmus, und 
sorge dafür, dass der Glanz deines Geistes einst auch mich bestrahle. 
Verzeihe meiner Unwissenheit. Geschrieben in der Herberge zu 
Frankfurt; in Basel werde ich dir ausführlich schreiben." 



') Krasmi epist. 1U6 Append. Coi 1588. 

i) Der T*jo oder Tojo (Tagus) in Spanien und Portugal und der Paktolus 
in Lydien, goldführende Flüsse. 



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Ohne Zweifel ist der Brief in der Herbstmesse *) zu Frankfurt 
geschrieben, wohin sieh Nesen im Auftrage Froben's begeben hatte, 
iuu die neuen Bücher einzusehen und für Basel Einkäufe zu machen. 
Was er dem Erasmus sonst schreibt, bezieht sich auf die typo- 
graphischen Novitäten, die er in Frankfurt gefunden. Schwerlich 
war dies das einzige Mal, dass er zur Messe nach Frankfurt kam. 
In einem Briefe an Zwingli vom 8. Mai 1516*) bemerkter, dass der 
Krieg Maximilian'« mit den Venetianern diese verhindert habe ihre 
Bücher nach Frankfurt zu bringen und diesem Umstände möge er es zu- 
schreiben, dass er die litterarischen Wünsche desselben nicht vollständig 
befriedigen könne. Wir dürfen darnach vermuthen, dass er bereits 
zur Osterracssc* Frankfurt besucht habe. Bei diesen Besuchen wird 
er mit dem humanistischen Kreise in Frankfurt bekannt geworden 
sein und werden sich die Beziehungen zu dein Stalburgischen Hause 
geknüpft haben, die bald für Ncsen's weiteren Lebensgang entscheidend 
werden sollten. 

Als Nesen im Herbste 1516 von Frankfurt nach Basel zurück- 
kehrte, fand er dort das Manuscript der Copia vor mit dem Dedi- 
catiousschreiben seines Gönners. Dieses Buch : de duplici copia verborum 
ac rcrura, abgedruckt im ersten Theile der Leydener Ausgabe der Werke 
des Erasmus, ist eine Anleitung zu Redeübungen in zwei Abschnitten, 
deren erster bestimmt ist in die Grundsätze der lateinischen Gram- 
matik einzuführen, während der zweite mehr lexikalischer Art den- 
selben Gedanken in den manuichfachsten Wendungen mit Eleganz 
auszudrücken lehrt. Diese Widmung, welche den feinen Geschmack 
ihres Verfassers und die ganze Anmuth seiner Darstellung athmet, 
lautet 3 ) : „Mag dich, bester Nesen, das unbestochene Urtheil oder 
der Eifer deiner Liebe zu mir dabei leiten, jedenfalls machst du die 
Abhandlungen über die Copia, die mir selbst nicht ganz genehm 
waren,*) dem Erasmus dadurch, dass du sie mit Lob überhäufst und 
sie den Dein igen (tuis) vorträgst, so angenehm, dass sie durch die 
Art, wie du sie gebrauchst, mehr dein Eigenthum werden, als das 
meinige, der ich sie geschrieben habe. Nach deinem Wunsche habe 
ich sie auf der Seefahrt durchgesehen, damit mir auch diese Zeit für 



') Ich schliesse dies daraus, das« nach demselben das Manuscript der Copia 
während Nesen'6 Abwesenheit eben nach Kasel gekommen war, so dass erst am 
23. August 1517 (siehe unten) das gedruckte Buch dem Erasmus vorlag. 

2 ) Zwingiii opp. VII, 14. 

3) Abgedruckt bei Schelhorn, Analecta p. 305 und bei Haupt S. 59. 

♦) ßi nuw tquoplovs Erasmo, ein nicht wiederzugebendes Wortspiel! 



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die Wissenschaft nicht ganz verloren gehe. Deine Sorge wird es 
nun sein, dass sie mit Froben'schen Majuskeln gedruckt möglichst 
correct in die Oeffentlichkeit gelangen und dadurch wenigstens Bei- 
fall finden, wenn sie durch Gründlichkeit den Leser weniger befrie- 
digen. Lebe wohl, theuerster Nesen. Antwerpen, 7. September 1516." 
Wenn die „Tui" nur Schüler sein können, denen Nesen Unterricht cr- 
theilte, so ersehen wir daraus, das3 dieser bereits in Basel sich mit 
der Ertheilung von Unterricht beschäftigte. Es ist mir wahrschein- 
lich, dass sich unter diesen Jünglingen bereits der Lucerner Ludwig 
Carinus (eigentlich Kiel) befand, der uns später wieder in Paris als 
Nesen'» Schüler begegnet und an dessen Bildung sich auch Glareanus 
bctheiligt hatte, wenigstens findet sich unter dessen Etegien auch eine 
an Carinus 1 ). 

Nesen liess die Dedication nicht unbeantwortet Noch in dem- 
selben Jahre 1516 schrieb er an Erasmus 2 ): „Obgleich die Geschicke 
der Sterblichen meist der Art sind, dass sie nicht gleich auf den 
ersten Eindruck als süss oder bitter beurtheilt zu werden pflegen, 
so würde doch Ambrosia und Noktar mir Ekel erregen, wenn ich 
um ihretwillen eine Gelegenheit dir zu schreiben versäumeu sollte. 
O dürfte ich sie so gelehrt benützen, wie ich gerne wollte, und so 
beredt vor dir die Tiefen meines Herzens erschliessen, als ich that- 
sächlich nur meine Unfähigkeit empfinde. Dann würdest du freilich 
deinen Nesen so tief unter den Niedrigsten erblicken, als er dich in 
seinen Gedanken über die Höchststehenden weit erhebt Aber dieses 
Uebel wird nicht durch solche ohnmächtige Wünsche gehoben. Kaum 
jedoch vermag ich dir zu sagen, mit welcher Freude, mit welchem 
geheimem Stolze es mein Herz erfüllt hat, dass du deine Erörte- 
rungen über die Copia mir zugeschrieben hast, denn es ist eine herr- 
liche T hat, die mir unsterblichen Ruhm einträgt und mir werthvoller 
erscheint als dreihundert Crösus oder Crassus; nicht als hätte etwas 
der Art mein redliches Streben und meine Trefflichkeit verdient, die 
mich nur eine geringe Redefülle erreichen Hessen, sondern weil man 
von mir sagen wird, dass ich den Erasmus, einen Mann von wahr- 
haft himmlischem Gcmüthe, zum Freunde gehabt habe. Ich werde 
Sorge tragen, dass die Copia so rasch und so reinlich als möglich 
an das Licht gestellt werde." 

Die Anmerkungen, welche Erasmus seiner in diesem Jahre 



') Zwingli Opp VI, p. l'J Anra. 2. 
0 Erasmi epist 10? App. Coi. 1580. 



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• / 



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erschienenen Ausgabe und Uebersetzung des neuen Testamentes zu- 
gefügt hatte, waren den zähe an den alten kirchlichen Ueber- 
lieferungen hängenden Theologen ein besonderer Anstoss und schärften 
den Hass, welchen sie längst gegen den Vertreter einer freien, 
humanen Wissenschaft, gegen den witzigen Bekämpfer des kirch- 
lichen Aberglaubens hegten. Es ist von Interesse, das Urthcil zu 
vernehmen, das auch darüber Ncsen am Schlüsse des letzt erwähnten 
Briefes fällt: „Es ist erstaunlich — fast wäre es mir entfahren — 
wie theologisch d. h. wie arrogant die Theologen deine An- 
merkungen oder richtiger deine lichtvollen Erläuterungen beurthcilt 
haben, aber schon ist die Kraft ihrer alten Lästerung erschlafft und 
der Dunst ihres Ruhmes glücklich verflogen. Nicht nur die Bered- 
samkeit gestehen sie dir zu, welche sie niemals erreicht, sondern 
auch die Gottesgelehrsamkeit, die sie mehr affectirt, als besessen 
haben. Lebe wohl, mein Leben, beredter Erasmus, und halte mich 
als deinen dienten fest .... Basel, im Jahre 1516." 

Dass das Wohlwollen deB Erasmus und die Lobsprüehe, die er 
Nesen ertheilt, keine Phrasen waren, beweist ein Schreiben, das er 
am 21. Februar 1516 an den Pariser Wilhelm Budäus richtete und 
dem wir folgende Stelle entheben 1 ): „PasBend hast du mich daran 
erinnert, was ich selbst oft bewundert habe, dass das Geschlecht der 
Wilhelme mir so anhänglich ist, mag dies auf einer Fügung des 
Geschicks oder auf Zufall beruhen." Nachdem er hierauf einen Ge- 
spielen seiner Kindheit aus dem zehnten, dann einen Studiengenossen 
aus dem siebzehnten und eine Reihe seiner Freunde aus seinen 
späteren Jahren genannt, welche Alle diesen Namen geführt, fügt er 
hinzu: „In Basel lebt Wilhelm Nesen, ein begeisterter Jünger der 
schönen Wissenschaft und mir so ergeben, dass ich ihn mit vollem Rechte 
raeinen Pylades 8 ) nennen kann: dieser würde kein Bedenken 
tragen, jede, auch des eigeneu Lebens Gefahr ftlr seinen Erasmus 
auf sich zu nehmen." Auch in andern Briefen kommen ähnliche 
Versicherungen über die für ihn providentielle Bedeutung des Namens 
Wilhelm vor. Ich beschränke mich auf die Stelle eines Briefes an 
den Cardinal und Erzbischof von Toledo, Wilhelm de Croy, im 



») Erasmi epist 203. Col. 184. 

*) Dass es indessen mit dieser Bezeichnung nicht allzu viel auf sich hatte, 
sehen wir daraus, dass er Epist. 59, Col. 52. von vielen amicitiae Ryladcae spricht, in 
denen er Täuschungen erfahren, und dass er Ep. 676, Col. 045, einen sonst nicht 
von ihm genannten Mann Namens Thomas Grevii unter seine Pyladische 
Freunde zählt 



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Jahre 1518 4 ) : „Wenn du diesen Erasmus würdigst, unter deine 
Dienerschaar aufgenommen zu werden, so will ich es damit vergelten, 
das« ich dir einen hervorragenden Platz unter den Wilhelmen ein- 
räume, da ich sehe, dass dieser Name mir, wie durch eine Fügung 
des Geschickes, ein befreundeter und glückverheissender ist." 

III. Nesen in Paris 1517—1519 

Das Jahr 1516 war das letzte, welches Nesen in seiner alten 
Stellung in Basel verlebte. Der Drang nach vielseitiger Belehrung 
hatte in ihm das Bedürfniss erweiterter wissenschaftlicher Kreise, 
reicherer Anregungen und Bildungsmittel erweckt. Im Früh- 
ling des Jahres 1517 bezog er die Universität Paris, deren 
ausgezeichnete Lehrkräfte seinem Wissensdurst« volle Befriedigung 
verhicssen. Ohne Zweifel bot der Auftrag, die beiden Söhne des 
Frankfurter Patriciers Claus Stalburger, Claus und Crato (Kraft), in 
Paris zu bilden und zu erziehen, die Mittel, die ihm dort seine Exi- 
stenz sicherten. Claus Stalburger, geboren 1460 und vermählt mit 
Margaretha vom Rhein, gehörte der Frankfurter Geschlechtergesell- 
schaft Altlimburg an und gebot Uber so reiche Mittel, dass ihm seine 
Mitbürger den Beinamen des Reichen gaben. Im Jahre 1496 hatte 
er sich das prachtvolle Steinhaus auf dem Kornmarkte — da wo jetzt 
die deutsche reformirte Kirche steht — an der Stelle von vier nieder- 
gelegten Häusern erbaut und „zur grossen Stalburg" benannt. Dieses 
kastellartige Gebäude im gothischen Style mit seinen Zinnen und 
Eckthürmchen, mit dem zierlichen Eisenworke an seinem alterthüm- 
lichen Portale, über welchem ein grosses Marienbild stand, mit seinem 
in hoher Thurmspitze aufsteigenden Erker, mit den Elephanten- 
köpfenr am Dache, durch deren Rüssel der Regen aus den Rinnen 
abfloss, mit seinem getäfelten Saale, welchen reiche Frescobilder mit 
Sprüchen altväterlicher Weisheit schmückten, bildete durch die Pracht, 
womit es verschwenderisch ausgestattet war, eine vielbewunderte Zierde 
der alten Reichsstadt und ist erst einer anders gewordenen Zeit zum 
Opfer gefallen, deren schnörkelhafter Zopfgeschmack die Kunst- 
schöpfungen der Väter als Barbarei verachtete. Die Seitenflügel des 
Altars in der Hauskapelle, die den Erker ausfüllte, bildeten die 1504 
gemalten Bilder des Erbauers und seiner Gemahlin, welche jetzt in 
dem altdeutschen Saal der Städcrschen Sammlung aufgestellt sind 



«) Eraami epist 341, Col. 361. 



- 47 — 

und auf den schwarzen Kähmen die Inschriften tragen : Clas Stal- 
bnrgk. Also was ich gestalt, do ich 35 jar was alt. Margret Stal- 
burgern. Was ich gestalt, do ich zwanzig jar was alt. l ) Claus 
Stalburger ist am 15. November 1524 verschieden 2 ) und Tags darauf 
in dem Carmeliterkloster, dessen Kreuzgang er mit ausgezeichneten 
Wandmalereien geschmückt hatte 3 ), im Beisein aller Priester und 
Mönche bestattet worden. 4 ) Das war der Mann, dessen Söhne zu 
erziehen die nächste Aufgabe unseres Nesen bildete.'') Mit ihm 
wandte sich auch Ludwig Carinus nach Paris, um unter Nesen's Leitung 
seine Studien fortzusetzen, im Juni 1517 folgte auch Glareanus ihnen 
nach Paris nach. 6 ) 



») Vergl. Batton's örtliche Beschreibung der Stadt Frankfurt a. M., V, 82 flg. 
Gwimier, Kunst und Künstler in Frankfurt a. M. 1862, S. 45 flg. 

>) Vergl. das von mir herausgegebene Tagebuch des Canonikus Königstein 
von 1520-1548, Nr. 200. 

3 ) Zwei dieser Bilder sind dem Archiv für Frankfurts Geschichte und Kunst, 
Heft VI und VIII als artistische Beilagen beigefügt. 

♦) Königstein a. a. 0. Fichard zieht in seiner handschriftlichen Geschlechter- 
geschichte aus dieser Bestattung den Schluss, dass Claus Stalburger noch im 
alten Glauben gestorben sei, ein neuer Beleg für die vielen irrigen Vor- 
stellungen, dio derselbe mit der Zeit der Reformation verband. Noch gab es im 
Jahre 1524 keine evangelische, sondern nur eine katholische oder christliche 
Kirche, in welcher sich damals zwei Partheien bekämpften, deren eine auf 
Reformen drang, die andere das Alte zähe zu conservieren suchte. 

5 ) Wann eigentlich Nesen nach Paris zog, steht nicht ganz fest, wahrscheinlich 
erst im Frühjahre 1517, wenigstens schreibt ihm Erasmus am 17. April desselben 
Jahres von Löweu aus: „Was hast du mit Rom zu schaffen, zumal im Sommer?" 
(Epist. 127, App. Col. 1000.) Er scheint also kurz vor seiner Uebersiedelung 
noch andere Pläne gehegt und erst der Frankfurter Auftrag den Ausschlag für 
Paris gegeben zu haben. 

r ) Vergl. Simlers Notiz in Zwingli Opp. VII, 21. Anm. 1. und Zwingli an 
Vadian d.d. 13. Juni 1517 cbendas. S. 24. Dass Glarean am 27. April noch in der 
Schweiz verweilte, beweisen die Grösse, welche Nesen Zwingli an ihn aufträgt. Auch 
Erasmus beauftragt Nesen in dem Anm. 5 erwähnten Briefe Glarean zu grüssen, 
falls er bereits in Paris angekommen sei. Glarean sammelte auch in Paris, wie 
früher in Basel, eine Colonie junger Schweizer, etwa zwanzig, denen er gegen 
Honorar Tisch und Wohnung gab und Vorlesungen über die lateinischen Classiker 
hielt. Er hatte sie republikanisch organisirt, er selbst stand ihnen als Consul 
vor, unter ihm ein Prätor, ihre Abtheilungen hiessen Comitien (vergl. Herminjard 
Correspondance des Reformatcure I, 31). Unter ihnen befand sich auch Valentin 
Tschudi (Scutus), Zwingli's Nachfolger im Pfarramte von Glarus, mit seinen 
beiden Vettern Peter und Aegidius Tschudi (der letztere der Schweizer Ge- 
schichtsschreiber). Ueber Valentin führt Glarean bittere Klage (Zwingiii opp. VII, 
p. 27) und spricht sich selbst später noch über ihn zweifelnd aus, als ihn Nesen 
um seiner Kenntnisse, seiner Gaben und seines Charakters willen rühmte jj>. 65). 



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Unter den Pariaer Lehrern zeichneten sich damals Cyprianus 
Talens (mit seinem italiänischen Namen Talea), Wilhelm Budüus (de 
Hude), Jacob Faber Stapulensis (Lefevre d'Etaples, dessen Bibel- 
übersetzung wenigstens für das neue Testament und die Apokryphen 
die Grundlage der von der reformirten Kirche reeipirten geworden 
ist) und der Jurist Nikolaus Beraldus (Be*rauld) aus, der sich des 
juristischen Formalismus überdrüssig von der Jurisprudenz zu der 
griechischen Litteratur und von der Universität Orleans, an der er 
Professor gewesen, nach Paris gewandt hatte 1 ), Alles Männer, mit 
denen Erasmus in Briefwechsel stand. Mit ihnen finden wir aueh 
Nesen in regem persönlichem Verkehr, er wurde von ihnen mit Ach- 
tung und Vertrauen behandelt und ihrer Correspondenz mit Erasmus 
verdanken wir manche hierher gehörige Nachricht. 

Unter ihnen nahm die erste Stelle auch nach Nesen's Urthcil 
Wilhelm de Bude* (Budäus) ein, geb. zu Paris 1467 aus angesehener 
Familie, deren Glieder obrigkeitliche Acmter bekleidet hatten, in den 
meisten Wissenschaften, namentlich der classischen Litteratur Auto- 
didakt, durch le Fevre d'Etables mit Liebe für die Mathematik er- 
füllt. 2 ) Wir können uns nicht versagen, die glänzende Schilderung 
hier einzurücken, welche ein Freund des Erasmus, Ludwig Vives, 
von ihm in einem Briefe an Erasmus im Jahre 1521 entworfen hat. 3 ) 
„Bei Christus, welch ein Mann, mag man auf seinen Geist oder auf 
sein Wissen oder seinen Charakter, oder, was bei ihm das letzte ist. 
auf seine glänzende Lage blicken. Geboren ist er aus edelcm Ge- 
sehlechte, schon seinem Staude nach mit angeerbter Würde bekleidet, 
aber auch mit Gütern ausgestattet, welche seiner Abkunft vollkommen 
ebenbürtig sind.. Doch darf er nicht um dieser Vorzüge willen ge- 
schätzt werden, denn das Ucbrige verdunkelt, wie die Sonne die 
Gestirne, den Stern seines Reichthumes und seines Geschlechtes .... 
Wie Vieles hat er gelesen, wie ausserordentlich viel ! Alles, was er 
geschrieben, zeigt, dass er nichts ungelesen gelassen und Alles doch 
auf das Genaueste gelesen hat ... . Latein schreibt er und spricht 



Glarcan benutzte aber auch den Pariser Aufenthalt zu Beiner eigeuen Fortbildung, 
namentlich hörte er bei Johannes Laskaris die Erklärung von Homer's Odyssee 
und des Detnosthenes Kcden. 

•) Herminjard I, 33. Anna. 1. 

J ) Herminjard I, 27. Anm. 1. 

*) Erasmi epist. 610, Col. G86. L. Vives, geboren 1492 zu Valencia in 
Spanien, gebildet in Parin uud Löwen, Bpäter Lehrer der katholischen Maria von 
England, gestorben zu Brügge 1540. Vergl. Haupt, S. G4 Aum. 10. 




- 49 - 

er so, dass er selbst, wenn er zu Ciccro's Zeiten gelebt hätte, den 
Namen des Grossen verdient haben würde, griechisch aber so, das« 
selbst die Griechen gestehen, sie könnten von ihm ihre Sprache 
lernen." Unter seinen Schriften hebt Vives besonders seine An- 
merkungen zu den Pandekten und seine Bücher über das römische 
As hervor. „Dieses Werk, sagt er, hat die Hermolaos, die Picus, 
die Politiane, die Gaza, die Valla, das ganze Italien zu Schanden 
gemacht." 

.Nächst ihm verdient Cyprianus Taleus unsere Aufmerksamkeit, 
weil sich durch seine Vorträge Nesen am meisten gefesselt fühlte 
und ihnen den grössten Eifer widmete. Am 29. Januar 1518 
schreibt er von Paris anZwingli 1 ): „Bei uns ist Cyprian aus Venedig, 
der die Naturgeschichte des Plinius vorträgt. Bei dem ewigen Gott, 
welche mehr als freie Beredsamkeit, welches ungewöhnlich reiche 
Wissen, welche Schärfe des Urthcils finde ich hier!" Ausführlicher 
berichtet er an denselben am 27. April 1518 *): „Wenn du mich 
glücklich preisest, dass es mir zu Theil wurde, unter Cyprian, einem 
nicht nur durch Bildung und Charakterreinheit, sondern auch durch 
seltene Klugheit und Welterfahrung ausgezeichneten Mann, zu dienen 
(mererej, so ist dies, mein hochgelehrter Ulrich, nicht allein mein, 
sondern der besten Wissenschaften Glück, denen ein solcher Gönner 
aufgegangen, um sie aus der Versunkenheit und Gewalt der Barbaren, 
die ihrem Aufblühen mit allen Kräften Widerstand leisten, zur 
ehemaligen Freiheit zu erheben. Denn er ist, um mit drei Worten 
meine Ueberzeugung auszusprechen, ein Mann wie ganz Frankreich 
keinen zweiten hat, obgleich nach dem Urtheile aller Gelehrten 
Bude die erste Stelle einnimmt. Cyprian nämlich hat noch keinen 
Beweis seines Geistes veröffentlicht und darum ist sein Ruf weniger 
in Aller Munde. Und doch halte ich für die wahren Gelehrten 
nicht die, welche, wenn sie drei Fehler bei einem Schriftsteller von 
einigem Ansehen aufgefunden haben, ihr Verdienst vor den Studieren- 



») Zwingiii opp. VII, 20. Das Datum 29. Janaar 1517 kann nicht richtig 
sein. Seinem Inhalte nach gehört der Brief in das Jahr 1518. 

*) Ebendas. 8. 21. Gleichfalls, wie auch Herminjard I, 37 Not. 2 annimmt, 
in das Jahr 1518 zu verweisen. Dagegen ist das Honatsdatum V. Cal. Majas 
nicht als 28. (Herminjard), sondern als 27. April zu bestimmen. Damit stehen 
nicht in Widerspruch die Grösse, die darin Nesen an Glarean bestellt, der seit 
Juni 1517 in Paris weilte, denn aus dem Briefe Valentin Tschudi's vom 26. April 
(Zwingl. opp VII, 42) sehen wir, dass Glarean zehn Tage vorher in die Schweiz 
gereist war. 

VI. 4 



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den herausstreichen und sich so triumphirend geberden, als wenn 
sie Babylon von Neuem erobert hätten, sondern die, welche mit 
hoher Gelehrsamkeit den entsprechenden Charakter vereinigen und 
keine Spur von Hochmuth zeigen. So ist, wenn irgendwer, mein 
Cyprian." Aber auch Erasmus urtheiltc nicht anders über diesen 
Mann *) : „0 drei, ja viermal glücklicher Nesen , hatte er schon am 
18. Januar 1518 einen Brief an diesen fast mit denselben Worten 
eingeleitet, dem das Glück gelächelt, unter Cyprian Taleus, einem 
nicht nur durch Bildung und Charakterreinheit, sondern auch durch 
seltene Klugheit und Welterfahrung ausgezeichneten Manne, den 
Musen zu dienen »)! Da zu seinen übrigen Vorzügen auch noch die 
Kenntniss der griechischen Sprache gekommen, so sehe ich nicht 
ein, was für ein weiterer Zuwachs seinen Reichthum noch vergrößern 
könnte, denn in allen ehrbaren Wissenschaften ist er schon längst 
so vollendet und so frei von Selbstüberhebung, daBs ich ihm keinen 
Andern an die Seite zu setzen weiss. Darum siehe auch du mehr 
und mehr zu, dass du nicht selbst deinem Glücke Abbruch thuest: 
bewähre dich nun als Deutschen, besiege Frankreich, plündere es, 
entblösse es von den feineren Wissenschaften, so wird es dir gelingen, 
es verarmt zurückzulassen, selbst aber mit dem schönsten Gewinn 
bereichert in dein Vaterland zurückzukehren. Hierin, hierin müssen 
wir uns tapfer und unbesiegbar zeigen und nicht zugeben, dass die 
Deutschen von den Franzosen an Geist übertroffen werden." 

Der patriotische, deutsche Sinn, zu dessen Bewährung im edelsten 
Wettkampfe hier Erasmus seinen Nesen ermahnt, erfüllte jedoch 
längst dessen Herz. Jeder Zoll an Nesen war deutsch. In dem 
letzt erwähnten Briefe an Zwingli vom 27. April 1518 schreibt er 8 ): 
„Was deine Mittheilung betrifft, dass du von der Ansicht derer ab- 
gegangen seist, die auf das Zustandekommen eines Bündnisses mit 
euern Franzosen hoffen, so lobe ich dich von Herzen, denn hüte 
dich, hochgeehrter Zwingli, dass nicht auch dich, wie die meisten 
Schweizer in deinen Verhältnissen das Geld endlich fortreisse und 
die französisch gesinnten Schweizer dich auf ihre Seite ziehen. Wen 



«) Erasroi Epist 299. Col. 291. 

*) Die merkwürdige Übereinstimmung dieser Worte in dem Briefe des 
Erasmus vom 18. Januar 1518 mit den Ausdrücken Nesen'a in seinem .Schreiben 
an Zwingli vom 27. April desselben Jahres erklärt sich nur so, dass der Brief 
»les Erasmus jenem vorlag oder dass dessen Worte sich ihm tief eingeprägt 
hatten. 

«) Zwingli Opp. VII, 21. 



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- 51 - 

würde nicht deine ausgezeichnete und doch volkstümliche Bered- 
samkeit blenden? Wen nicht, selbst wider Willen, vom rechten 
Wege ablenken? Doch ein ganz Anderes verbürgt uns dein Sinn, 
der bis dahin durch keine Bitten, keine Drohungen, keine Rücksicht 
auf Bestechung erschüttert werden konnte, jenen dich anzuschliessen. 
Ueberdies begreifst du, dass die Schweizer besser berathen wären, 
weuu sie jene unsinnigen Kriege aufgäben und zu Hause ihr Land 
beateilten, was ihnen auch mehr Lob und mehr Frucht bei den 
Auswärtigen einbringen würde." So schreibt in hochherzigem 
Freimuth der fUnfundzwanzigjährigc Nesen an den um neun Jahre 
älteren, völlig gereiften Mann. Aber bereits bedurfte es solcher 
Mahnungen an diesen nicht mehr. £r hatte schon im Sommer 1510 
sein Pfarramt zu Glarus mit der Predigerstelle im Kloster Einsiedeln 
und zwar nur darum vertauscht, weil die französische Parthei, welche 
nach der Schlacht bei Marignano dahin wirkte, dass der Bund mit 
Mailand und dem Kaiser von der Schweiz aufgegeben und durch 
einen Vertrag mit Franz I. ersetzt werde, in Glarus durch Bestechung 
die Majorität für sich gewonnen hatte. „Ich habe, schrieb er am 
13. Juni 1517 an Vadian *), mein Amt mit einem andern vertauscht, 
nicht aus Laune oder Lust, sondern durch die Ränke der Franzosen 
bewogen, und bin nun in Einsiedeln." Mit welchem sittlichem Ernste 
aber der Reformator später als Pfarrer in Zürich gegen die ßünd 
nisse mit fremden Herrn, das Reisslaufen, den Peusioncnunfug und 
die dadurch genährte Ueppigkeit und Sittenverderbnisse geeifert 
hat, bedarf hier als allgemein bekannt keiner ausführlichen Schil- 
derung 2 ). 

In ganz gleichem Sinne äussert sich Nesen an Zwingli in einem 
am 30. Januar 1519 nach dem Tode Kaiser Maximilian's von Paris aus 
geschriebenen Briefe 3 ): „Hier wird beharrlich versichert, der aller- 
christlichste König Franz I. sei an des verstorbenen Maximilian'« 
Stelle gewählt worden. Ist das wahr, so ist es zunächst um uns und 
dann auch um euch geschehen. Hier darf man ausrufen : Wozu 
zwingst du nicht die sterblichen Herzen, verfluchter Golddurst? So 
verrathen wir um Geld die Freiheit, die wir unmittelbar aus der 
Väter Händen überkommen haben! Ich bitte dich, welcher Scharf- 
sinn könnte diesen Rostfleck Deutschlands tilgen? Es wäre ein Geringes, 
mit Waffen besiegt worden zu sein, aber für Gold des Reiches 

») Opp. Zwingl. VII, 24. Vergl. Christoffel, Zwingli S. 15. 
») Vergl. Zwingl. Opp. II, 2, 288 flg. und die Mittheilungen aus Bullinger's 
Chronik daselbst 8. 350 flg. 
J) Opp. Zw. VII, 65. 

4* 



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- 52 — 



Majestät verratben zu haben — wer könnte dies mit geduldigen 
Ohren ohne Abscheu vernehmen ! Doch ich warte ab, was du mir 
darauf schreiben wirst, denn ich möchte mich nicht im Gram ver- 
zehren, bevor mir der Anlass zum Grämen zweifellos gewiss ist." 

So glücklich und befriedigt sich indessen Nesen auch in dem 
wissenschaftlichen und persönlichen Verkehr zu Paris fühlen mochte, 
diese deutsche Gesinnung, die ihn beseelte, und die Antipathie, die 
er gegen das französische Wesen empfand, wurden dadurch nicht in 
ihm überwunden und fanden in dem scharfen Spott, womit er sich 
Uber die Zustände der Hauptstadt ausliess, ihren unumwundenen Aus- 
druck. Wir flechten zum Beleg den Bericht ein, den er über einen 
öffentlichen Aufstand im Paris am 27. April 1518 seinem Freunde 
Zwingli erstattete. ') Franz I. hatte nämlich die pragmatische 
Sanction von Bourges, welche die Rechte der gallicanischen Kirche 
gewährleistete , aufgehoben und dafür ein diese Rechte förmlich 
preisgebendes Concordat mit Leo X. 1516 geschlossen. Die Pro- 
clamation desselben erregte allgemeinen Unwillen. Der Glems von 
Paris trat für die Freiheiten seiner Kirche ein (20. März 1518). 
Das Parlament weigerte sich das Concordat zu registrieren. Die Uni- 
versität begnügte sich nicht mit dem blossen Protest dagegen (28. März 
1518), sondern verbot allen ihren Druckern bei Verlust ihrer Privi- 
legien den Abdruck desselben. Am weitesten gingen die Studenten, 
sie verbreiteten Pasquillen, sie hefteten an den öffentlichen Plätzen 
Schmähgedichte gegen den Papst an , sie schritten zum otlenen 
Aufstand und beleidigten am 22. April den Beamten, der das Con- 
cordat in den Strassen von Paris verkündigen sollte. *) Diesen 
Vorgang schildert Nesen in nachfolgendem humoristischen Bericht 
„Der allerchristlichste König von Frankreich hat, um das den 
Spaniern abgenommene Neapel seinem Reiche einzuverleiben (diese 
Absicht vermuthe ich von Weitem), dem römischen Bischof auf dessen 
inständige Bitten die pragmatische Sanction als Preis geboten, den 
Leo ohne Zögern annahm. Als die Zeit das Edict zu veröffent- 
lichen gekommen war, wurde dasselbe durch einen öffentlichen 
Beamten der Stadt Paris ausgerufen. Wie es zu geschehen pflegt, 
liefen einige Studenten zusammen, um zu hören, waB der Herold 
bekannt mache. Sobald sie den Untergang ihrer Sanction vernommen 



0 Es ist dies der mehrerwühnte Brief in Zwingli'a Werken VII, 21. Diese 
Ereignisse sind die Ursachen, warum wir als das fehlende Jahresdatum des 
Schreibens mit Herminjard I, 37. Anm. 2. 1518 ergänzen müssen. 

*) Herminjard I, 34—37. 



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- 53 — 

hatten, zogen sie ihre Degen und drangen auf den Herold ein. Dieser, 
von dem unerwarteten Anfall erschreckt, fiel von der Eselin und 
suchte das Heil in der Flucht, die Eselin aber, die nicht so behende 
war und nirgends eine Zuflucht ersah, musstc den ganzen Kriegs- 
schaden tragen. Es begegnete ihr nämlich ein ähnliches Missgeschick, 
wie es in der Passionsgeschichte von dem Malchus erzählt wird. 
Tags darauf wurden Trabanten zusammengezogen, um dieselbe 
Tragödie zu wiederholen. Ihnen begegneten Studenten in nicht 
grosser Menge und doch kam es an diesem Tage nicht zum Kampfe, 
weil die Diener der öffentlichen Ordnung, deren Zahl sich auf etwa 
vierhundert belaufen haben mag, sich vor ihnen zurückzogen. Aber 
an demselben Tage wurden alle Bürger aufgeboten, den kommenden 
Vormittag gegen 10 Uhr zum Kampfe wohl gerüstet zu erscheinen, 
denn bereits schien Gefahr im Anzüge. Gegen achttausend Menschen 
strömten zusammen und es hatte ganz das Ansehen, als sollten sämmtliche 
Collegien von Grund aus zerstört werden. Aber der Ausgang Hess 
meine Erwartung weit zurück. Ich stellte mir im Geiste die "Wuth 
der Angreifenden von beiden Seiten vor, das Geschrei der Kämpfen- 
den, Lanzen, Schwerter, Dolche, triefend von Menschen- und Bürger- 
blute, den abschreckenden Anblick der Sterbenden und die Raserei 
der Streitenden — doch was geschah ? Schon standen die Bürger auf 
dem Markte in Reih' und Glied zur Schlacht gerüstet, die Büchsen 
waren geladen, langsam rückte die französische Jugend zu Fusse 
heran, in ihren Reihen die Anführer; als der Ort erreicht war, 
wurden die Stärksten der ganzen Rotte in die erste Reihe gestellt: 
o hättest du ihre Gesichter gesehen, bleich vor Furcht, den gewissen 
Tod beim ersten Angriff vor Augen ! Da geschah es, als sie an den 
Collegiengebäuden, die auf Befehl des Rectors verrammelt waren, 
vorüberzogen, dass zufällig ein vom Winde losgerissener Ziegel 
vom Dache fiel, und sofort wandten sich die Krieger in der Meinung, 
man werfe auf sie mit Steinen aus den Fenstern, zur Flucht. Und 
nicht genug, dass sie in ihrer Feigheit schimpflich flohen, obgleich 
eigentlich nur der tapfere Ziegel es gewagt hatte sich so gewaltigen 
Kriegern entgegenzuwerfen, nahmen sie auch, um desto sicherer zu 
fliehen, ihre Zuflucht zu den Tempeln der Götter und nicht wenige 
flehten hier weibisch um Abwendung der schmählichen Metzelei. 
Als sie wieder zu sich selbst gekommen waren und ihre aus Furcht ent- 
schwundenen Geister wieder gesammelt und sich überzeugt hatten, 
dass ein einziger Dachziegel sie in die Flucht geschlagen hatte, 
fingen sie an ihre Reihen wieder herzustellen und fester zu 
schlic8sen Die Feldherren führten ihr Heer durch die Strassen, 



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- 54 - 



schon schien ihnen der Kampf zu Ende, als Einer der Bewaffneten, 
denn es waren viele Landleutc zusammengelaufen und standen dicht 
gedrängt, einem Weibe auf den Fuss trat. Dieses nicht faul, ballte 
die Hand uud schlug ihm mit der Faust in's Angesicht, wodurch aufs 
Neue eine solche Verwirrung in dem Heere entstand, dass sicher 
mehrere Zuschauer zerstossen und erdrückt worden wären und das 
ganze Fussvolk schleunigst die Flucht ergriffen hätte, wenn nicht ein 
Beherzter, um den Kriegern Muth zu machen, laut gerufen hätte: 
Nur ein Weib hat es gethan. Ich habe diese Geschichte in diesen 
Brief cingeflochten, um dir eine Stunde zu erheitern, mich aber von 
dem Hufe der Faulheit und Kürze im Schreiben zu befreien. 
Auch gehört es zu meinem Vergnügen, mich meiner bittern uud 
ernsten wie meiner muthwilligen Stimmungen in die Ohren meiner 
Freunde zu entlasten, in deren Verzeichniss ich dich um deiner 
hohen Geistesgaben willen mit stiller Verehrung so fest eintrage, 
dass keine Sturmesgewalt deinen Namen herausreissen kann." Bei 
den wenigen Schriftstücken, die wir von Nesen besitzen, durfte ich 
an dieser Zeichnung nicht vorübergehen. Sie wirft ein helles Streif- 
licht auf den heitern Humor, der, durch den Anflug leichten Spottes 
gewürzt, seinen Umgang den Freunden so reizend und seine Persön- 
lichkeit so liebenswürdig erscheinen lässt— eine Natur, die mit leisem 
Hauche des Scherzes die schweren Lasten zu bewegen wusste, welche 
der mühsame Gang des Lebens auf ihr Haupt und ihr Herz 
wälzte. 

Noch haben wir eines Briefes des Erasmus an Nesen aus dem 
ersten Jahre seines Pariser Aufenthaltes zu gedenken. Es ist in 
Löwen am 23. August 1517 geschrieben. *) Beachtung verdient 
schon der vorangestellte Gruss: Erasmus Roterodamus bonarum 
artium professori M. Guilelmo Neseno s. d. Mit dem Titel : Professor 
der schönen Künste kann nicht wohl gemeint sein, dass Nesen 
öffentlicher Lehrer an der Universität Paris sei, sondern nur dass er 
die schönen Künste zu seinem Lebensberufe gemacht und dieselben, wenn 
auch vorerst nur in Privatvorlesungen, lehre. Wichtiger ist das 
Prüdicat Magister, das er ihm hier zum ersten und einzigen Male 
beilegt und welches die Vermuthung gestattet, dass Nesen kurz 
zuvor in der Artistenfacultät den Grad eines Meisters der sieben 
freien Künste sich erworben habe. Der Brief bezieht sich fast 
ausschliesslich auf die Schrift de duplici Copia, die dem Erasmus 



•) Epist. 163 App. Col. 1623. 




— 55 - 

im Drucke zugekommen war. Er bezeugt seinem jungen Freunde, 
dass er sie schön ausgestattet habe (belle tu am Copiam ornasti). 
Dann beruhigt er ihn über einige scherzhafte Acusscrungen, die sich 
darüber Wilhelm Bude" in einem Briefe an Erasmus erlaubt den der 
Schreiber wohl selbst Nesen vorgelesen hatte: „Du hast keinen 
Grund zum Unmuthe gegen Budäus, denn so liebt dieser mit dem 
Freunde zu scherzen: er ist ein gelehrter Freund und ich habe ihm 
genügend geantwortet." Das Uebrige betrifft Aufträge, die er ihm 
für Basel ertheilt. Er soll Frobenius zureden, die andern Schriften 
des Erasmus ebenso würdig auszustatten und den Druck zu be- 
schleunigen. Auch der Zusatz : „Das Uebrige wirst du aus des 
Beatus oder vielmehr aus meinem Briefe an Beatus ersehen zeugt 
gleichfalls für den fortdauernden regen Verkehr, in welchem Nesen 
mit dem Basler Freundeskreise geblieben war. Die Schlussworte : 
„Grüssc unseren Ludwig, zu dessen Fortschritten ich Glück wünsche", 
gelten Nesen's Schüler, dem Ludwig Carinus, der wohl schon im 
Jahre 1514 des Erasmus Wohlwollen in Basel gewonnen hatte. 
Erasmus hörte auch ferner nicht auf, ihn wohlwollend zum fort- 
gesetzten Eifer zu ermahnen. Carinus richtete später von Paris 
aus einen ausführlichen Brief als Probe der unter Nesen's Leitung 
gewonnenen Sicherheit und Eleganz im lateinischen Ausdruck an 
Erasmus und Nesen versicherte in einem gleichzeitigen Schreiben, dass 
soin Schüler den Brief ohne fremde Beihülfo entworfen habe. Darauf 
autwortet ihm der Altmeister des Humanismus von Löwen am 27. 
Februar 1510*); „Dass du so freundschaftlich mir geschrieben, 
mein geliebter Carinus, dafür danke ich dir; dass so gelehrt, 
dazu wünsche ich dir Glück. Kaum konnte Nesen mich überzeugen, 
dass der Brief deine selbständige Arbeit sei, aber er hat mich gleich- 
wohl Uberzeugt, sowohl weil er ein glaubwürdiger Mann als weil 
mir deine glückliche Beanlagung längst bekannt ist. Fahre fort, 
mein Carinus, dein Glück fest zu begründen, das wirst du, wenn 
du wahre Wissenschaft mit Reinheit des Charakters verbindest. 
Das Uebrige werden dir die himmlischen Mächte auch ohne deine 
Bemühung gewähren. Lebe wohl!" 

So lange Nesen in Paris verweilte, blieben auch wohl die beiden 
jungen Stalburger unter seiner geistigen Pflege und Leitung. Auch 



} ) Es ist wohl der Brief Bude s vom 7. Juli 1517 gemeint (Erasmi epist. 
257, CoL 256), worin derselbe anknüpfend an den Titel Copia über den Gegen- 
satz von Plutus und Penia mit Beziehung auf Erasmus und sich scherzt. 

') Epist. 391, Col. 419. 



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seine Freunde schenkten ihnen ihr Wohlwollen. Im Jahre 1518 
gab Beatus Rhenanus die Colloquia familiaria, die bis dahin mir 
handschriftlich existirt hatten, bei Frohen (ohne Jahreszahl in 4°) 
heraus. Die erste Seite des zweiten Blattes füllt die Dedication des 
Herausgebers, welche wegen der Seltenheit der ersten Ausgabe von 
Förstenmnn l ) wieder publicirt ist: „Beatus Ehenanus entbietet dem 
Claus und Crato Stalberger, Patriciern aus Frankfurt, des Claus 
Söhnen, seinen Gruss. So oft ich des brennenden Eifers gedenke, 
mit welchem ihr nicht nur der lateinischen, sondern auch der 
griechischen Sprachwissenschaft euch befleisset, sinne ich darauf wie ich 
eure Fortschritte unterstützen kann. Denn glaubt mir, was ich in 
Wahrheit bezeugen darf, es liegt ebenso sehr mir als eurem berühmten 
Vater Claus Stalberger und eurem Lehrer Nesen am Herzen, dass 
ihr ein durchgebildetes Wissen mit den besten d. h. christlichen 
Sitten verbunden euch aneignet, weil ich hoffe, dass ihr, in edlen 
Wissenszweigen und christlichen Ueberzeugungen unterrichtet, einst 
im öffentlichen Leben Allen und im Privatleben den Einzelnen 
nützet, wenn ihr in den Rath gewählt oder sonst mit Kathschlägen 
dem Gemeinwesen dienet oder euch selbst und Andere wohl berathet. 
Als ich daher mit Hülfe eines gelehrten jungen Mannes, des Lambert 
Hollonius, die Muster für freundschaftliche Gespräche erhielt, die 
Erasmus vor etwa 20 Jahren oder länger zum Frommen, wenn ich 
nicht irre, des Caminadus, der einige Knaben aus Seeland (Selandos 
quosdam pueros) unterrichtete, während seines Aufenthaltes in Paris 
zumzeitvertreib niedergeschrieben hatte, Hess ich sie sofort bei 
Frobenius drucken, nicht nur um euch damit zu dienen, sondern 
auch, damit andern Studierenden dieser Schatz zugänglich werde, 
der bis dahin bei einigen Missgünstigen wie jenes goldne Vliess von 
wachsamen Drachen aufbewahrt und von Caminadus selbst ein und 
das andere Mal zu hohem Preise verkauft worden ist Das Büchlein 
selbst verräth durch die Schönheit, die Leichtigkeit und deu Geschmack 
seines Styles, dass es aus der Hand des Erasmus hervorgegangen 
ist. Ausserdem enthalt es nichts, dessen man sich zu schämen hätte, 
nichts Triviales, sondern nur elegante Formeln, die aus den besten 



') Neue Mittheilungen aus dem Gebiete der historisch antiquarischen 
Forschungen IV, 2, 181. Die zweite von Erasmus selbst besorgte Ausgabe 
ist dem Johannes Erasmus Frobenius, dem damals sechsjährigen Söhnchen 
des Basler Buchdruckers gewidmet und diese Widmung dann in den späteren 
Ausgaben stehen geblieben (cf. Catalogus lucubrationum Baail. 1523, Bogen A. 
fol. 8 a.) 



- 57 



Autoren gewählt sind. Da die Handschrift an vielen Stellen ver- 
derbt war, habe ich einige selbst verbessert, die Herstellung der 
übrigen aber dem Verfasser selbst vorbehalten, welcher dieses 
Büchlein längst verloren geglaubt hat. Lebet wohl mit eurem 
Lehrer, Wilhelm Nesen, dem ebenso rechtschaffenen als gelehrten 
Mann. Basel, den 22. November 1518. *) 

Auch unter denen, welche mit ihm in Paris studiert hatten, hatte 
sich Nesen manche warme Freunde gewonnen. Der Eine, welcher 
in der Correspondenz des Erasmus häufig genannt wird und unter 
dessen Freunde zählte, mit dem auch Nesen später wieder in dem 
Hause des Erasmus zu Löwen zusammentraf, war Hermann 
Hurapius aus Friesland, daher Frisius genannt, der Andere, auf den 



>) Es sei mir gestattet, hier noch einige Blicke auf den späteren Lebenslauf 
der beiden Zöglinge Nesen'» zu werfen. Am 3. Januar 1524 schreibt Mclanch- 
thon an den Breslauer Theologen Johann Hess: „Von einem Frednde, einem 
vortrefflichen Mann, dem reichen Frankfurter Bürger Stalberger, wurde an mich 
ein Sohn gesandt, der entweder zu Leipzig oder zu Breslau einem Kaufinaune 
als Handlungsdiener empfohlen werden soll. So pflegen es nämlich jene zu 
machen. Zu Leipzig fand ich Niemand, bei dem ich ihn anbringen konnte. 
Bei unserer Freundschaft bitte ich dich, sorge dem Jüngling bei euch für einen 
Principal und sehreibe mir darüber sobald als möglich. Die Angelegenheit 
erleidet keinen Aufschub. Ich beschwöre dich, mein Hess, zeige mir darin, wie 
gerne du dich mir gefällig erweisest." Am Schlüsse noch die Nachschrift: 
„Mache, dass er einem guten Mann empfohlen werde, damit das jugendliche 
Geraüth keinen Falsch lerne" (Corp. Ref. I, 647). Der Brief zeigt, welche 
nahe Beziehungen zwischen Melanchthon und Claus Stalburger dem Vater 
bestanden. Sie waren durch Nesen vermittelt. Der junge Mann kann nur Crato 
gewesen sein , dtr sich der Kaufmannschaft widmete und dem Stalburgerschen 
Handlungshaus nach des Vaters in demselben Jahre erfolgten Tode vorstand. 
Dieses scheint seine Hauptgeschäfte mit Genua und Venedig gemacht zu haben. 
Crato, geboren 1502, war mit Jacob Botzheimer von Hagenau associert und 
zog bald, jedenfalls vor 1536, nach Genua, wo er sich vor der porta nuova 
< in Haus kaufte. Er blieb Junggeselle, lebte aber, wie die meisten Deutschen 
in Italien, mit einer Curtisane, einer „weissen Mohrin", wahrscheinlich einer 
Maurin. Als er 1554 nach Frankfurt zurückkehrte, reiste ihm die Mohrin mit 
ihren fünf Kindern nach; er fand sich mit ihr ab und behielt zwei der Kinder 
bei sich, hat sie aber alle in seinem letzten Willen bedacht Er trat 1556 in 
den Rath, wurde 1571 Schöffe und starb am '20 Februar 1572. Als Vertreter der 
merkantilischen Interessen des Harnes hat er das Haus auf dem Kornmarkt ge- 
erbt und bewohnt.* Sein älterer Bruder Claus, geboren 1501, trat gleich nach 
des Vaters Tode am 27. April 1525 in den Rath, wurde 1529 Schöffe, 
1562 Stadtschulthei8s. In erster Ehe war er seit 1525 mit Anna Frosch, 
in zweiter seit 1582 mit Dorothea von Stralenberg vermählt Er «starb 1571 am 
1. April. Vergl. Fichard's handschriftliche Gescblechtergeschichte, Familien 
Stalburg und Stralenberger. Claus und Crato waren die beiden einzigen Söhne 
Claus des Reichen. 



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— 58 - 



wir unten ausführlicher zurückkommen werden, war der Engländer 
Thomas LupBet (Lupsetus). Die Zeit, in welcher Nesen Paris 
verliess, wird verschieden angegeben und kann erst durch sorg- 
fältigere Untersuchung festgestellt werden. 

IV. Erasmus wählt Löwen zum Aufenthalte 1516. 

War bis zum Jahre 151 6 das Leben des Erasmus eine unruhige 
Wanderschaft gewesen, so gründete er sich von jetzt an für die 
nächsten Jahre in Löwen eine Heimath, wie er auch hier sein 
eigenes, stets zu seinem Aufenthalt eingerichtetes Haus besass 
Diese Stadt sagte ihm durch Lage und Clima, durch ihre Univer- 
sität, den Reichthum ihrer wissenschaftlichen Htilfsmittel und die 
Menge ihrer Professoren und Gelehrten vor allen zu. Wir dürfeu 
uns dafür auf einen Brief beziehen, worin er am 13. August 1521 
von Brügge einen damals in England weilenden Freund, den 
Wilhelm Taleus , einladet gleichfalls in Löwen seinen Wohnsitz zu 
nehmen *) : „Wann wirst du aufhören dich zu beklagen, dass ich 
deinen Namen in dem Verzeichnisse der Wilhelme gestrichen hätte? 
Stünde er auch nicht in dem Verzeichnisse, meinem Herzen ist er 
nie fremd geworden. Das Denkmal deiner Liebe gegen mich trage 
ich stets mit mir umher, wohin ich mich begebe. Möchte es uns 
doch zu Theil werden zu jener alten Lebensgemeinschaft wieder 
zurückzukehren und sie, wie wir sie in Ferrara begonnen und dann 
in England erneuert haben, glücklich bis zum Ende zu bewahren. 
Möchte eine günstige Fügung dich auch zu deinem Vortheil in unser 
Brabaut zurückführen! Löwen hat ein Clima, welches du selbst dem 
geliebten Italiänischen vorziehen würdest, nicht bloss angenehm, 
sondern auch der Gesundheit zuträglich. Nirgends studiert man 
ungestörter, nirgends gedeiht glücklicher der Geist, nirgends ist 
grösser und mehr zur Hand die Menge der Professoren. Wenn 
diese Vortheile dich nicht locken, so ist es doch sicher gerathen dich 
der Pest zu entziehen, die, wie ich höre, dort Niemand verschont." 
In demselben Jahre schreibt er am 5. Juli dem Bischof Daniel 



') Müller, Erasmus v. Rotterdam S. 301. 

2 ) Epist 586, Col. 653. In welchem Verhältnisse Wilhelm zu Cyprian 
Taleus stand, ob beide eine und dieselbe, oder zwei verschiedene Personen 
waren, wage ich nicht zu entscheiden, da ich mich vergebens nach Material 
zu dieser Entscheidung umgetban habe. 



- 59 - 

Taispillus 1 ): „Die Universität Löwen steht heut zu Tage keiner 
andern- ausser Paris nach. Die Zahl [der Studierenden] beläuft sich 
auf ungefähr 3000 und täglich strömen ihr noch mehr zu." 

Was aber Erasmus vorzugsweise an Löwen fesselte, war eine 
wissenschaftliche Stiftung, welche während seines dortigen Aufenthaltes 
entstand, zu deren Blüthe er durch seinen Rath und Beistand wesent- 
lich mitgewirkt hat, deren Pfleger und Gönner er bis zu seinem Tode 
geblieben ist. Es ist dies das Collegium Buslidianum oder Trilingue *). 
Sein Stifter war ein warmer Freund der Wissenschaft und Gelehrter, 
Hieronymus Busleiden (Buslidius), Probst zu Aire in Artois und könig- 
licher Rath, der am 27. August 1517 auf der Reise nach Spanien, 
wohin er den niederländischen Kanzler als Gesandten Karl's V. be- 
gleitete, an der Rippenfellentzündung (pleuritis) gestorben war. Auch 
sein Bruder Franz, Bischof von Bcsancon, hatte in Spanien vor ihm 
den Tod gefunden. 3 ) Hieronymus Busleiden hatte für diese Stiftung sein 
ganzes Vermögen, nämlich mehr als 25,000 Franken (Ep. 305, Col. 305) 
oder, wie Erasmus an anderer Stelle sagt, viele tausend Ducaten be- 
stimmt (Ep. 314, Col. 319). Am 5. Juli 1521 entwirft er eine Be- 
schreibung des Collegs in einem Briefe an den Bischof Daniel 
Taispillus *) : „Das Collegium hat nur wenige Hausbewohner, einen 
Vorsteher, dem die Verwaltung und die Aufsicht anvertraut ist, drei 
Professoren und, wie ich glaube, zwölf Jünglinge mit kostenfreier 
Verpflegung, ausser diesen noch Wenige, die auf ihre Kosten bei dem 
Vorsteher und den Professoren leben. Das Auditorium ist wie die 
Akademie zahlreich besucht und hat nicht unter dreihundert Zuhörer. 
Die Localität ist anständig und nicht ohne Geschmack gebaut. 5 ) Die 
Besoldung ist im Verhältniss zu den Einkünften ziemlich grosB, aber, um 
es offen zu sagen, für die Bedürfnisse der Professoren zu beschränkt, 
könnte jedoch in Berücksichtigung der Personen und ihres Eifers durch 
Anordnung der Testamentsvollstrecker etwas höher gegriffen werden. 
Es ist indessen mit Grund zu hoffen, dass in Kurzem durch die Er- 
giebigkeit der Fürsten die Einkünfte des Collegiums wachsen, zumal 



') Epiat. 584, Col. 652. 

J) Vergl. N6ve, Memoire historique et litterairo sur lc Coll&ge des trois- 
langues a l'universite de Louvain. Bruxelles 1556. 

3) Erasm. Eplst 35, Col. 36. Ep. 268, Col. 263. Ep. 360, Col. 378 Ep. 174 
App. Col. 1629. Cf. Böcking Hütt. Opp. Suppl. II, 1, 327. Ncve giebt als Grenzpunkt 
der Reise Busleiden's S. 43 Bordeaux, Erasmus allgemein apud Vaucones an. 

♦) Ep. 584. Col. 652. Die Zahl der Zöglinge giebt Neve auf dreizehn an (S.47). 

*) Es l»g nach Neve S. 51 am Fiscbmarkt und stiess ausserdem auf zwei 
Strassen. 



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wenn du und deines Gleichen ihm ihre Gunst zuwenden. Es ist ein 
frommes Werk und wird einst dieser Universität und dem Herrscher 
Karl zur Ehre gereichen. Der Ruhm gebührt in erster Linie dem 
Hieronymus Busleiden, der seine ganze Habe dieser Stiftung zu- 
gewendet und sie sogar seinen Brüdern entzogen bat, doch wurde 
ihnen dadurch der Antheil an seinem Ruhmo nicht entzogen, da sie 
dieselbe durch ihre Zuschüsse bedeutend unterstützten; denn es kann 
der Kachwelt nicht verborgen bleiben, was einst in drei Sprachen mit 
beredtem Munde wird geschrieben werden." Die drei Professoren des 
Collegs hatten die Verpflichtung öffentlich und unentgeldlich die drei 
Sprachen, nämlich die lateinische, griechische und hebräische zu lehren *). 
Das Collegium wurde rasch, nämlich schon am 1. September 1518 *) 
eröffnet, was besonders dem Eifer des Hauptes der Familie, Aegidius 
Busleiden, eines der höchsten Finanzbeamten, zuzuschreiben war, der 
Alles aufhot, um die Ausführung des letzten Willens seines Bruders 
zu beschleunigen, und den Bemühungen des Erasmus, der nach allen 
Bichtungen hin thätig war, um die geeigneten Lehrkräfte zu gewinnen. 

Eb ist eine traditionelle , in den Biographien NeBen's allent- 
halben wiederkehrende Behauptung, dass Erasmus diesen im Jahre 1518 
eingeladen habe, am Collegium trilinguc zu lehren und dass der 
Antrag, von ihm angenommen worden sei 3 ). Ich habe mich vergebens 
nach einer urkundlichen Stütze für diese Angabe umgesehen. Auch 
Neve in seinem ausführlichen Werke über das Collegium weiss nichts 
von ihr. Sie gehört aber auch sowohl was den Zeitpunkt der Berufung, 
als auch was die Sache selbst betrifft, in das Reich der Unmöglich- 
keiten. Zunächst beBitzen wir ein genaues Verzeichniss der sämmt- 
lichen Professoren des Buslidianums. Als ersten Professor der latei- 
nischen Sprache führt Neve den Adrian van Barlandt (Barlandus) 
vom 1. September 1518 bis November 1519 an, sein Nachfolger war 
derWestphalc Conrad Goclenius vom 1. December 1519 bis 1550*). 
Als ersten Professor der griechischen Sprache nennt er Rutger Ressen 
(Iiescius) vom 1. December 1518 bis 1545 5 j; als Lehrer der hebräi- 
schen Sprache den Juden Matthäus Adrian vom 1. September 1518, 



*) Erasmus an Glarean 1517. Ep. 235 App. Col. 1655. 
») Neve 52. 202. 

3 ) So Haupt S. 10. Classen, Micyllus S. 38, Nebe, Hcrborncr Denkschrift 
1*65. 1866. S. 26. Haupt kennt sogar den Monatstag der Berufung, nämlich 
20. März 1518 und das Schreiben des Eraeiuus, das sich in seinen Briefen nirgends 
findet 

*) Neve S. 140 und S. 144. 
») Neve S. i02 flg. 



- 61 - 



der indessen nur kurze Zeit dieses Amt bekleidete, da er schon am 
16. April 1520 in Wittenberg angestellt war, und als seine Nachfolger, 
den Engländer Robert Wackefield (Wackfeldus) von August bis Du- 
cember 1519, Robert Shirwood (lehrte nur einen Monat im December 
1519) und Jan van den Campen (Campcnsis von Anfang 1520 bis 1531 *). 
Nur über Adrians Abgang vom Colleg fehlt uns jede Zeitbestimmung, 
aber da Nesen auch nicht das Hebräische, sondern nur das Lateinische 
und Griechische gelehrt haben könnte, so dürfen wir ohne Gefahr 
eines Irrthums annehmen, dass er dies nicht an dem Buslidianum 
gethan haben kann, da die unmittelbare Succession der Professoren 
in diesen Fächern jede Möglichkeit dazu ausschliesst. 

Ueberhaupt aber lässt sich leicht der Nachweis führen, dass Nesen 
im Jahre 1518 und in der ersten Hälfte dea folgenden 1519 in Paris 
gelebt und nur besuchsweise nach Löwen gekommen ist. Wir treten, 
den Beweis in folgenden Regesten an. Am 10. März 1518 schreibt 
Nicolaus Berauld dem Erasmus, er bezweifle nicht, dass die zweite 
Ausgabe des neuen Testamentes im Druck vollendet sei, wenigstens 
habe ihn dies Nesen versichert, der zugleich Ludwig de Berquin bei 
dessen neulichen Aufenthalt in Paris mitgetheilt habe, er habe selbst 
Erasmus' lichtvolle Erklärungen zum Römerbrief gesehen 2 ). Am 
1. Juli sendet Berauld abermals einen Brief an Erasmus, und zwar 
ist der Ueberbringer Nesen, der mithin um diese Zeit zum Besuche 
nach Löwen gegangen sein muss 3 ). Dabei schreibt er : „Den Wilhelm 
Nesen , den ich aus. andern Gründen stets hochgeschätzt habe , liebe 
ich vor Allem darum und lobe ihn, weil ich ihn stets so beflissen für 
dich gefunden habe, ein Vorzug, den er zwar mit vielen Andern ge- 
mein hat, den ich aber gleichwohl für einen grossen und löblichen 
halte. Da er jotzt nach Löwen zu dir reist, wollte ich ihn nicht ohne 
einen Brief von mir scheiden lassen, theils um seinem W r unsche genug- 
zuthun, theils um dir Veranlassung zur Beantwortung zu geben/ 1 
Am 1. August 1518 antwortet Erasmus: „Nun komme ich zu dem 
Briefe, den mir Nesen eingehändigt hat, der mir mit Wenigen treu 
und aufrichtig ist." *) Auch jetzt ist Nesen nicht in Löwen geblieben, 
sondern wieder nach Paris zurückgekehrt, denn am 30. Januar 1519 
schreibt er von Paris aus an Zwingli, der kurz vorher am 1. Januar 



') Neve S. 228 (vergl. auch Geiger, Studium der bebr. Sprache in Deutsch- 
land S. 41 flg.) über Adrian und S. 231-244 über Adrian'a Nachfolger. 
*) Erasm. Epist. 308. Col. 308. 
s ) Epist. 322, Col. 330. 
♦) Epist. 327, Col. 336. 



- 62 



sein Leutpriesteramt am Münster von Zürich angetreten hatte, und 
spricht ihm seine Freude darüber aus, dass er den ihm innig befreun- 
deten jungen Valentin Tschudi, dem er das Zeugniss umfassender 
wissenschaftlicher Bildung giebt und den er dem Glarean geradezu an die 
Seite stellt, an die früher von Zwingli bekleidete Pfarrstelle zu Glarus 
befördert habe. Der Brief schliesst mit den Worten *) : „Wenn du 
etwa an die erste Zierde deines Vaterlandes, den Vadian, schreibst» 
so bitte ich dich, du wollest meiner, wenn ich dir nicht unverschämt 
erscheine, Erwähnung thun, denn um seine Freundschaft werbe ich 
mit allem Eifer. Den Oswald 1 ), den Leiter eurer Schule, grüsse von 
mir vielmals, denn ich bin noch eingedenk, mit welcher Humanität 
er mich unlängst (nuper), als ich dort weilte, aufgenommen hat." Wir 
ersehen daraus, dass nicht lange vorher Nesen eine Reise nach Zürich 
und St. Gallen unternommen hatte und wieder nach seinem gewöhn- 
lichen Wohnort Paris zurückgekehrt war. Keine Spur lässt darauf 
schliessen, dass er auf dieser Reise auch nach Löwen gekommen sei. Am 
21. März 1519 berichtet Erasmus an Nesen über die feindselige Stellung, 
die der Bischof Augustinus von Nebbia gegen ihn selbst eingenommen 
haben soll , uud mahnt ihn zur Vorsicht in seinen Briefen 3 ). Wir 
werden darauf unten zurückkommen. Welch ein schönes Verhältnis» 
innigen Vertrauens überhaupt damals zwischen Erasmus und Nesen 
bestand, beweist die Aeusserung des Ersteren an Ludwig Ruseus in 
Paris vom 16. März 1519. Nachdem er diesem seine Verehrung gegen 
Bude* versichert, sagt er*): „Zeugen dafür sind Glarean, Wilhelm 
Nesen und Beatus Rhenanus, denen ich meine geheimsten Gedanken 
mitzutheilen pflege." Am 9. April 1519 schreibt Le Fevre d'Etables 
an Beatus Rhenanus nach Basel 6 ): „Du darfst unseren gemeinsamen 
Freund Nesen nicht der Nachlässigkeit beschuldigen, denn er hat 
mich ein und das andere Mal dringend an die Bücher gemahnt, die 
du von mir verlangtest, allein ich habe davon keines bei mir. Einige 
Schriften habe ich schon längst in schlechter Handschrift meinem hoch- 
würdigen Herrn, dem Bischof von Meaux, geschenkt, der jetzt in 

seiner Diöcese verweilt Sobald Se. Hochwürden nach Ostern 

nach Paris zurückkehren, werde ich versuchen, sie wo möglich zu 



>) Zwingl. Opp. VII, 65. 

*) Es ist der Humanist und Theologe Myconius, seit 1516 Vorsteher der 
Stifteschule zu Zürich, durch dessen Bemühung vornehmlich die Bemlung Zwingli'» 
erfolgt war. 

•) Epist. 397. CoL 422. 

♦) Epist. 393. Col. 421. 

») Herminjard 1, 42. 



Digiti. 



- 63 - 

erhalten. Verfuge darüber bei Nesen oder Conrad. l ) In einem Briefe 
vom 9. Juni 1519 endlich schreibt Valentin Tschudi von Paris, wohin 
er gereist war, an Zwingli 2 ): „Uebrigens ist Nesen vor nicht gar langer 
Zeit bei Erasmus gewesen, und hat von dort einige Apologien zu uns 
mitgebracht" Es ist dies die letzte Nachricht, die uns über Nesen's 
Anwesenheit in Paris bekannt ist; bald darauf muss er nach Löwen 
zu Erasmus übergesiedelt sein, denn am 16. Oktober 1519 benach- 
richtigt Erasmus den Engländer Thoraas Lupsetus von Löwen aus s ) : 
„Deinem Hermann [Humpius] Frisius und Nesen geht es hier mit 
Carinua und den Andern wohl." Daraus geht mit unumstösslicher Ge- 
wissheit hervor, dass von einer Berufung Nesen's nach Löwen im 
Jahre 1518 und von einer Wirksamkeit desselben am Buslidianura 
Uberhaupt keine Rede sein kann. 

V. Der Kampf der Lowener Theologen gegen Erasmus 

1519. 

Als Erasmus nach Löwen überzog, fand er auch bei den Glie- 
dern der theologischen Facultät eine nicht ungünstige Aufnahme. Am 
23. August 1517 schreibt er an Ludwig Berus [Bär] nach Basel : 
„Unterdessen sitzen wir in Löwen, wo uns alle Theologen mit der 
grössten Humanität aufnahmen. Ich lasse mir das um so lieber gefallen, 
weil ich höre, dass die Carmeliten, ich weiss nicht welche, aber doch 
gewiss nur wenige, ich weiss nicht was im Schilde führen", und in 
• demselben Jahre äussert er gegen Glarean: „Wärest du hier, so 
würdest du deinen Erasmus täglich unter den magistris nostris auf 
hohem Stuhle erblicken". 4 ) Allein dieser harmlose Verkehr hielt nicht 
lange vor. Der Gegensatz zwischen der gebundenen scholastischen 
Methode der Wissenschaft und der freien humanistischen trat auch hier 
nur allzubald hervor. Schon das Studium der griechischen Sprache, 



«) Conrad Resch, Buchhändler in Basel und Paris, Froben's Vetter, 
»i Zwingl. Opp. VII, 80. Ueber die Apologien später. 
*) Epist. 467. Col. 506. 

♦) Epist. 162 App. Col. 1623 und Epist. 234 App. Col. 1654. Die Magistri nostri 
sind nicht, wie Wcndt S. 167 meinte, die einheimischen Magister im Unter- 
schiede von den auswärtigen, sondern wie der köstliche Streit im ersten Briefe 
der Obscur. virorum zeigt, ob der zum theol. Doctorgrade zn Promovirendc 
Noster magistrandus oder Magister nostrandus genannt werden müsse , die Doc- 
toren der Theologie, die sich aus affectirter Demuth so nannten, im Unterschiede 
von den artistischen Magistern auch wohl solche, die überhaupt einen theologischen 
Grad hatten und in einer theologischen Facultät lehrten. 



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das indessen nicht mehr rückgängig zu machen war, gab den Mönchen 
Anstoss, die Beschäftigung mit dem Hebräischen aber galt ihnen seit 
dem Reuchlin'schen Streit geradezu als Ketzerei. Dazu kam der Neid und 
die Missgunst, womit die am Hergebrachten Hängenden die wachsenden 
Erfolge des Humanismus betrachteten, und der kecke Uebermuth, womit 
dieser im Gefühle seiner Ueberlegenheit die Gegner behandelte. Bereits 
unterschied man die beiden Heerlager als die der Bilingues und Tri- 
lingues. In Löwen war es besonders die Stiftung des Collegium tri* 
lingue und dessen unbefangene, von allen mittelalterlichen Traditionen 
unabhängige Lehr weise, die den Hass verschärfte. Schon im Jahre 1518 
schreibt Erasmus scherzend an den Abt Antonius a Bergis „Hier wird 
das Collegium trilingue aus dem Vermächtnisse Busleiden's gegründet, 
aber Einige widerstreben , denn sie wollen lieber bilingues (Zwei- 
sprachige, hier mit dem Neben begriffe : Doppelzüngige) sein, was sie 
in der That sind, alte Papageien, die keine Hoffnung haben ihre 
Sprache zu ändern." Auch die Anmerkungen zum Neuen Testamente 
mit ihren von der traditionellen römischen Exegese vielfach abwei- 
chenden und überall auf den Grundtext gestützten Erklärungen mussten 
in diesen Kreisen verstimmen. Der eigentliche Kampf wurde erst 
durch Jean Briard und Jacob Masson (LatomuB), beide Glieder der 
theologischen Facultät, eröffnet. Es wird zum Verständnis» dieses 
Kampfes, in den auch Nesen verwickelt werden Bollte, nothwendig und 
förderlich sein, die Persönlichkeit dieser Magistri nostri, insbesondere 
ihres Collegen Egmontanus, näher in das Auge zu fassen. 

An ihrer Spitze stand der Vicekanzler der Universität Johannes 
Briard von Ath, daher von Erasmus stets Atensis genannt. Noch im 
Jahr 1517 schreibt er an den Engländer Cntbert Tunstall 8 ): „Die 
Löwen'schen Theologen finde ich freundlich und human und vor Allem 
den Kanzler der Universität Johannes Atensis, einen Mann von unver- 
gleichlicher Gelehrsamkeit und seltener Humanität. An theologischem 
Wissen gibt er den Parisern nichts nach, aber er ist weniger 
sophistisch und hochmüthig." Der Streit begann im Anfang des 
.Jahres 1519. Erasmus hatte eine Schrift: Encomion matrimonii ge- 
schrieben, in welcher er den Segen der christlichen Ehe schilderte. 
Briard erlaubte sich als Vorsitzender bei der Promotion eines Car- 
lneliten Ausfälle gegen die , welche die Ehe über das ehelose Leben 
stellen. Der College Briard's war Jacob Masson, bekannter unter dem 
Namen Latomus, aus Cambrai, der 1500 bereits zu Löwen lehrte, 



») Epist. 353. Col. 367. 
i) Epist 293. Col. 98& 



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— 65 - 

■ 

Inquisitor der ketzerischen Bosheit, Todfeind der Lehre Luther'«, 
eifriger Vertheidiger des päpstlichen Primates und der Mönchsorden l ). 
Dieser liess gleichzeitig mit der Inauguralrede seines Collegen eine 
Schrift unter dem bezeichnenden Titel: Dialogus de tribus Unguis et 
ratione studii Theologici erscheinen. Erasmus blieb die Antwort nicht 
schuldig, er vertheidigte gegen Briard seine Schrift über die Ehe am 
1. März 1519 und widerlegte das Geschrei des Latomus in einer Apo- 
logie am 28. März desselben Jahres*). 

lieber diesen Streit gibt uns Erasmus in dem 1523 zu Basel erschie- 
nenen Verzeichniss seiner Schriften 3 ) folgenden Bericht: „Es trat gegen 
mich Jacob Latomus auf, damals Bewerber um den theologischen Lorbeer- 
kranz [Latomus war nur Licentiat], der, ich weiss nicht warum, schon 
mehrere Jahre zu Löwen kaum Einem zu Theil geworden ist, wenn 
er nicht vorher einen Beweis seiner SykophantenkUnsto gegeben hatte. 
Die Schrift dieses Mannes habe ich, weil er seinen Geist in gehässigen 
Ränken (obliquis strophis) entfaltete, mehr als lakonisch beantwortet, 
doch mit M&ssigung meines Affectes, weil ich damals noch hoffte, er 
werde gelindere Saiten anschlagen. Ich habe damit drei Tage ver- 
loren, abgerechnet die Zeit, die ich auf die Leetüre seiner Schrift 
verwendete *)." 

„Hierauf stifteten sie gegen mich den Atensis an, einen recht- 
schaffenen Mann und in der Theologie dort Allen Uberlegen, auch 
nicht inhuman ynd mir ziemlich befreundet, aber von reizbarem Ge 
müthe, denn es waren dort Ränkeschmiede, die auch ein sanftes 
Gemuth zur Raserei treiben konnten und ihn wenigstens bis zum Tode 
gehetzt haben s ). Denn weder sein Alter noch seine Gesundheit waren 

gemacht solche Tragödien zu ertragen. Diesen Mann stifteten sie an, 
« 



>) Vergl. BÖcking Opp. Hutten. SuppL I, 468. Annot. 35. 

*) Beide Apologien stehen im 9. Band der Leydener Ausgabe. Sie sind es, 
die Nesen laut dem Brief Valentin Tschudi's vom 9. Juni 1519 (siebe oben S. 03) 
von Löwen mit nach Paris brachte nnd überdies stellte er eine dritte Apologie 
gegen den Engländer Lee in Aussicht. Siebe unten. 

s ) Catalogus omnium Erasmi Kot. lucubrationum ipso atiture, cum aliis non- 
nullia, Basil. 1523. Bogen B. Bl. 6. Ich habe mich fttr diese Schrift der editio 
prineeps bedient. 

4 ) Doch hat er einmal auch ein milderes Urtheil über ihn, Ep. 603. Cd. 674 
schreibt er 1521: A Latomo invitus dissentio, vel ob eruditionem non prorsua 
aspernandam vel ob qnalecunque commercium cum Musis amoenioribus. Doch ist 
zu beachten, dass dieses auf Schrauben gestellte Lob sich in einer Beschwerdeschrift 
an die theologische Facultät befindet, worin er gerade den Latomus unter denen 
nennt, die ihm Tragödien bereiten. 

*) Briard war bereits im Februar 1520 gestorben, vergl. unten S. 78 Anm. 1. 
VI. 5 



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— 66 - 



dass er mich in öffentlicher Vorlesung, bei feierlichem Actus, mit selt- 
samen Schmähungen und Spottreden angriff und sogar der Ketzerei 
bezichtigte, weil ich mehr als recht die Ehe gelobt hätte. Er hatte 
mir übrigens bereits Genugthuung gewährt, da er als Vermittler in 
dieser Sache den Martin Dorpius und Aegidius Delphius an mich gesandt 
und sich dann persönlich mit mir besprochen hatte. Als ich daher 
bald darauf meine Schrift gegen ihn herausgab, begegnete ich nicht 
dem Atensis, sondern dem Verdachte der Leute, indem ich mehr 
seine als meine Vertheidigung ftihrte. Aber weil dies [dieser Angriff] 
auf Verabredung geschehen war, so folgte Tumult auf Tumult. Denn 
so, hofften sie, würden sie mich aus der Akademie hinausschlagen 
und alle Sprachen zusammt den schönen Wissenschaften in Verfall 
kommen." 

Von einem dritten Gegner entwirft er in dem Catalogus l ) fol- 
gende Schilderung: „In Löwen ist ein Theologe, ein Carmelite, der 
sich zn rühmen pflegt, er habe statt der Feder eine Zunge, und 
allerdings hat er eine Zunge, aber würdig, dass man mit ihr ver- 
fahre, wie Catullus anzeigt 2 ). Dem gewährt es einen Zeitvertreib 
den Erasmus bei Zechgelagen, in theologischen Vorlesungen und 
selbst in öffentlichen Predigten einen Ketzer zu nennen und er er- 
reicht damit nur, dass er bei Allen, die gesunden Menschenverstand 
haben, für wahnsinnig gehalten wird." Nachdem er mitgetheilt, dass 
der Carmelite es ihm in Beinen Vorlesungen zum »Verbrechen ge- 
macht habe, dass er in Beiner Ausgabe des Neuen Testamentes bei 
der Stelle 1 Cor. 15, 51 einer von der Vulgata 3 ) abweichenden, aber 
in griechischen Handschriften bezeugten Lesart gefolgt sei, worauf 
er, Erasmus, mit einer Brochure, ohne ein gehässiges Wort zu ge- 
brauchen, ja ohne den Namen des Gegners zu nennen, mit kurzer 
Widerlegung geantwortet habe, fährt er fort, „derselbe Mann hat in 
den Colloquien 4 ) vier Ketzereien entdeckt und triumphirt desshalb 
allenthalben in Zechgelagen, Predigten, Unterredungen und Öffent- 
lichen Vorlesungen. Auch auf diese Verleumdung haben wir mit 



•) B. 7b, 8a. 

*) Dignam usu, quem indieavit Catullus. Es ist wohl die Stelle carm. 1QK 
in Cominium geweint: 

Non equidem dubito, quin primmu inimica bonorum 
Lingua exsecta avido sit data volturio. 
s ) Die Vulgata hat: Omnes quidem reaurgemus, sed non ornncs imroutabimur 
ErafiUiUB : fldm? piv . . ov notfArjdqoofiidu, nätit; di ulkay7joöpt&u. 
♦) Es sind die Colloquia familiaria gemeint. 



- 67 - 

wenigen Worten geantwortet. Nichts empfiehlt Luther mehr dem 
Volke, als das Gcbahren solcher Menschen." 

Der Carmelitc, dessen Name Erasmus in dem Katalog ver- 
schweigt, war Nikolaus Egmondanus (aus Egmond). (regen ihn ist 
der Brief an die Löwencr Theologen geschrieben, den Erasmus seinem 
Kataloge angehängt hat. Wir erfahren daraus, dass der gegen die 
Colloquien erhobene Vorwurf der Ketzerei sich auf vier Aeusserungen : 
Uber das Fleischessen, das Fasten, die Ablässe und die Gelübde 
stützt. Erasmus schreibt in dem Briefe mit tiefempfundener Ent- 
rüstung ') : .,Er schreit, in meinen Büchern stecke der ganze Luther, 
Alles darin quelle über von Ketzerei .... Ich weiss, dass der ganze 
Mensch euch missfällt, ausser zweien oder dreien seiner Zechbrüder 
und einem Verschmitzten, der sich seiner Dummheit zur Befriedigung 
seiner Lüste bedient. Aber erst dann würde euer Missfallen an ihm 
Allen unzweifelhaft, wenn ihr den Unverbesserlichen aus eurer Ge- 
nossenschaft auswieset. Zwar weiss ich wohl, dies ist schwer, aber 
doch fordert es die Ehre eures Standes (ordinis), dem ich mit Recht 
wohl will. Lebet wohl ! a 

Auch in den Briefen des Erasmus wird Egmondanus oft ge- 
nannt. Er spielt darin geradezu die lustige Person. Seine Vor- 
lesungen über Paulus, berichtet Erasmus 1519 an den Rector der 
Universität, Gottschalk Rosemund*), habe Egmondanus mit dem Ge- 
bete eröffnet, dass wie dieser Apostel aus einem Verfolger der Kirche 
zu einem Lehrer derselben geworden, so auch Luther und Erasmus 
sich dereinst bekehren möchten. Am 25. Oktober 1520 schreibt er 
demselben von Calais 3 ): „Die Güte des Fürsten hat wahrlich diese 
Universität nicht gegründet, dass dort drei oder vier nach ihrem 
Belieben schalten, sondern damit hier zum Frommen seines ganzen 
Landes alle ehrbaren Studien blühen. Nämlich nach dem Gcschmacke 
des Egmondanus soll die Poetria — denn so nennt er die Dichtkunst 
(poetice), die er so wenig kennt, dass er nicht einmal ihren Namen 
weiss — in Verbannung gehen. 14 Am 25. Mai 1523 theilt er von 
Basel aus dem Nikolaus Everard, Präsidenten der Landschaft Holland, 
mit 4 ), dass Nikolaus Egmondanus als Viaitator seines Ordens zu Brüssel, 
gegen seine Carmcliten wegen Verkehrs mit Weibern gewüthet und 
sie nicht nur mit Verweisen, sondern auch mit Schlägen bestraft 



') Bogen F. 3 a, F. 7. 

*) Epist. 491. Col. 537. 

*) Epist. 539. Col. 589. 

♦) Epiat. 679. Col. 796 n. 798. 

5» 



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— 68 - 



habe, wozu er Rieh der Stadtknechte bediente, damit die Sache zum 
öffentlichen Scandale würde; der Wein sei seine einzige Freude. In 
einem Baalor Schreiben an den Datarius Clemens' VII., den Vero- 
neser Bischot Johann Matthias Giberti, vom 2. September 1524 
rühmt er *) die Blüthe der Wissenschaft, in welcher die Universität 
Lüwen selbst der Pariser nicht nachstehe; keine sei weniger durch 
die lutherische Sache vergiftet. „Auch darf nicht ihr als Schuld an- 
gerechnet werden, fährt er dann weiter fort, dass Nikolaus Egmon- 
danus die päpstlichen Interessen unglücklich vertreten hat, denn wie 
vermöchte etwas Besseres ein von Natur alberner Mensch von ge-' 
ringem Wissen, ungebildeten Sitten, ungezügelter Heftigkeit, der nur 
seinen Vortheil im Auge hat. Ihm hat Hadrian VI. in einem Breve 
Stillschweigen über mich geboten, denn in öffentlichen Vorlesungen 
hat er in Worten gebellt, wie sie selbst Orestes in seiner Raserei 
gegen Niemand gebraucht haben würde. Jetzt nach Hadrian's Tod 
hat er aufs Neue angefangen zu belfern, wird aber von Allen ver- 
lacht." Noch am 1. Juli 1528 schreibt er von Basel den Löwener 
Theologen 2 ): „Papst Hadrian hat dem albernen Geschrei des Egmon- 
danus Schweigen geboten, ihr aber verheimlicht es." Am 29. April 
1527 benachrichtigt er den kaiserlichen Kanzler Mercurinus Gat- 
tinarius von dem Tode seines hartnäckigen Gegners 3 ) : 8 der Allen 
unerträgliche Egmondanus ist am Erbrechen durch Erstickung ge- 
storben, nachdem er kurz vorher seine Dienerin fortgeschickt, weil er 
sein Brevier beten wollte." Noch verdanken wir dem Erasmus eine 
Notiz, welche den Eifer des Egmondanus in der Ketzerbestrafung und 
Ketzerbekehrung in ein helles Licht setzt. Am 1. Juli 1523 endeten 
in Brüssel die beiden ersten protestantischen Märtyrer, die Augustiner 
Johannes Esch und Heinrich Voes, auf dem Scheiterhaufen, deren 
todesfreudigen Glaubensmuth Luther durch ein Lied geehret hat*). 
Ein Dritter war in das Gefiingniss gebracht und heimlich aus dem 
Wege geschafft worden. Auch Erasmus, der sich darüber auf Anlass 
des Martyriums seines Freundes Ludwig de Berquin in Paris 5 ) in 
einem Briefe an Karl Utenhofen am 1. Juli 1529 ausspricht, hebt 



') Epist, 694. Col. 812. 
*) Epist 963. CoL 1087. 
3 ) Epist. H59 Col. 974. 

♦) Vgl. Luthcr's »riefe ed. de Wette IT, 358 und sein Lied Erlanger Ausgabe 
f.6, 340. 

*) Vgl. Herzog's Uealencyclopädie IX, 182. Berquin wurde am 22. April 
1589 an! dem Greveplatz verbrannt. 



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69 - 



nachdrücklich ihren Glaubensmuth hervor und erzählt dann dass 
die Ketzerrichter das lächerliche Gerücht verbreitet hätten, einer der 
Verbrannten sei einem Augustiner erschienen und habe diesem ver- 
kündigt, ihre Seelen seien, weil sie sich auf dem Scheiterhaufen be- 
kehrt hätten, durch die Fürbitte der heiligen Jungfrau gerettet 
worden. Der Carmelite Nikolaus habe ihnen dies durch seinen Eifer 
verschafft. Der Scharfrichter jedoch, über die angebliche Bekehrung 
gefragt, hätte dieselbo geleugnet .und im Gegentheil ausgesagt, sie 
hätten auf dem Wege zur Kichtstätte sich als Christen bekannt, und 
als die Flammen um sie her aufschlugen, erst das apostolische Glau- 
bensbekenntniss und dann das Te Deum mit lauter Stimme gesungen, 
bis diese vom Flammenhauche erstickt wurde. 

Aber nicht allein in Löwen, sondern auch an andern Orten und 
in andern Ländern erhoben sich Gegner wider Erasmus. Am 21. 
März 1519 schreibt dieser von Mecheln an Nesen in Paris : „Ich er- 
sehe aus den Briefen der Freunde, dass dort Augustinus, Bischof von 
Nebbia heftig gegen Erasmus schreit, obgleich ich mich noch nicht dazu 
entschlieasen kann es zu glauben. Wenn es wahr ist, so beobachten 
wir beide ein sehr entgegengesetztes Verfahren: während ich seine 
Redlichkeit lobe , zieht er mich durch. Es ist mir eiuo ausgemachte 
Sache, dass die Barbaren überall sich verschworen haben , nichts un- 
versucht zu lassen, um die edleren Wissenschaften zu unterdrücken. 
Iiüte dich, dass du mich nicht durch dein Schreiben in Gefahr bringest, 
denn die Briefe, welche von dort kommen, werden häufig aufge- 
fangen *)." 



>) Epist. 10G0. Col. 1207. 

l ) Erasnii Epist. 397. Col. 422. Ucber Augustinus Justinianus, Bischof von 
Nebbia auf Corsika (gestorben 1536), einen mit den orientalischen Sprachon wohl- 
vertrauten Mann, der damals in Paris lehrte, macht Valentin Tschudi in einem 
llriefc von Paris an Zwingli ain 10. Januar 1511» (Zwingl. Opp. VII, t>2) folgende 
Mittheilung: „Die hebräische Sprache lehrt Augustinus Justinianus, Uischof von 
Nebbia, ein um seiner Sprachkenntnisse willen bewunderungswürdiger Mann, der 
Verfasser des Oktaplon (Psalterium Octaplum, Genuae 1516, siehe Herzogs Keal- 
encyclopädie, II, 1J>7), das du vielleicht selbst gesehen hast und welches, zu 
Genua gedruckt, den hebräischen Text mit der griechischen, arabischen, chal- 
däischen und drei lateinischen Übersetzungen zusammenstellt Er wird, mit 
einem Gehalt des Königs von Frankreich ausgestattet, zwei Jahre oder länger 
hier bleiben, um das Hebräische zu lehren." Also wie es scheint ein trilinguis 
und doch Obscurant! 



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- 70 



VI. Nesen's vereitelte Pläne in Löwen, 1519 — 1520. 

Nesen, zu dem wir zurückkehren, kam allerdings in der Absicht 
nach Löwen, um dort Vorlesungen zu halten , allem nicht an dem 
Collegium trilinguc, dessen drei Professuren Bümmtlich besetzt waren, son- 
dern an der Universität. Es ist bekannt, dass ihm dies verboten wurde, 
ohne Zweifel in Folge der Ränke, welche die theologische Facultät 
gegen ihn oder vielmehr gegen Erasmus in Bewegung setzte, denn 
diesem galt mittelbar der Schlag, den man gegen seinen Liebling 
führte. Es war nach Nevc's ') Versicherung nicht ungewöhnlich, daas 
man jungen Humanisten gestattete an der Universität öffentliche d. h. 
allen zugängliche Vorträge über eine wissenschaftliche Disciplin zu 
veranstalten. Aber als im Jahre 1519 der Latinist Alardus oder 
Adelardus aus Amsterdam öffentlich seine Absicht ankündigte eine 
»Schrift von Erasmus erklären zu wollen, wurde ihm dies am 8. März 1519 
untersagt und zwar auf Grund eines alten Statutes, das man hervor- 
suchte und nach welchem die Zulassung zu einem derartigen Akte au 
die Erlaubnis» geknüpft war, die der Rector im Namen der Univer- 
sität zu ertheilen hatte. Auch dieser Schlag zielte selbstverständlich 
auf Erasmus. Ein noch empfindlicherer sollte ihn treffen. Nesen be- 
absichtigte unentgeltlich auf der Universität die Geographie des 
Spaniers Pomponius Mela zu lesen, zu welcher der St. Galler Staats- 
mann Joachim Vadian einen gelehrten Commentar 1517 zu Wien 
veröffentlicht hatte, der in den nächsten Jahren in neuen Auflagen in 
Basel und Paris wieder abgedruckt wurde. Auch diese Vorträge wur- 
den wie die von Alardus beabsichtigten verboten und zwar auf eine 
Bestimmung desselben Statutes hin r ). Folgen wir der Reihenfolge der 
Erasmischen Briefe, so empfangen wir die erste Andeutung darüber 
in einem vom 7. Januar 1519 datirten Briefe an den Brabantischen 
Rath Jodocus Noctius. Er schreibt 3 ): „Wenn der berühmte und 
kluge Kanzler in dieser Sache die Freiheit der Studien fordern will, 
wird er in dem Sinne unseres Königs handeln, der ohne Zweifel 
den Flor seiner Universität in allen ehrbaren Disciplinen wünscht. Was 
Einige von einer beabsichtigten Supplieation dagegen (de supplicando) 
sagen, ist eine reine Erdichtung und schon schämen sich Mauehe dieses 



') A. a. 0. S. 134. 
J ) Vergl. Nevc 135. 
3) Epiat. 381. Cot m. 



- 71 - 

Planes, obgleich er eine blosse Erdichtung ist. Die Sache ist durch 
einige Verschworene in das Werk gesetzt worden, die, mit ihrer 
Lehrweise selbstzufrieden, mehr auf Förderung ihres Gewinnes als 
der Wissenschaft ausgehen und weniger bedacht sind den Jünglingen 
zu nützen als nach ihrem Gutdünken in Löwen zu herrschen. Nir- 
gends besteht eine Universität, die bescheidenere und zum Tumultuiren 

weniger* aufgelegte Jünglinge hat als heutzutage Löwen Wenn 

Aeusserungen der Unzufriedenheit und Tumulte vorkommen, so rühren 
sie von jenen her, nicht von den Jünglingen. Für mich giebt es hier 
weder ein Saat- noch ein Erntefeld; ich lese Niemanden, noch höre 
ich Jemanden. Von Niemanden erhebe ich (colligo nämlich Honorar), 
unterstütze aber Einige. Gleichwohl bewegt mich das gemeinsame 
Interesse der Studien. Nesen ist hier Fremdling (hospes) und unserer 
Sprache unkundig: um so mehr muss man sich des sonBt gelehrten, 

rechtschaffenen und bescheidenen Mannes annehmen Empfiehl 

mich seiner Magnificenz dem Kanzler." Steht die Erwähnung Nesen'B 
am Schlüsse, wie ich nicht bezweifle, mit den im Vorhergehenden ge- 
schilderten Intrigucn und Tumulten in Zusammenhang, so kann der 
Zweck der letzteren nur die Fernhaltung des jungen Humanisten von 
der akademischen Wirksamkeit gewesen sein, die man um so mehr 
fürchtete, da er unentgeltlich zu lesen beabsichtigte, also auch einen noch 
grössern Zudrang von Hörern erwarten durfte, als ihm sein bereits weit 
bekannter Name und die Gönnerschaft des Erasmus gewährleistete. Die 
wenigen Verschworenen sind die Glieder der theologischen Facultät, 
jene magistri nostri, deren Bild die Briefe des Erasmus uns oben 
entworfen haben, und die sogar die Studenten zu einer Supplication 
zu bereden suchten, um den Liebling des Erasmus an dem Gelingen 
seines Vorhabens zu hindern. Erasmus sucht durch den Brabantischen 
Rath auf den Burgundischen Kanzler zu wirken, um seinen Beistand zum 
Schutz der Studienfreiheit und Nesen's insbesondere gegen die Finster- 
linge zu erlangen. Die Angelegenheit muss also noch im ersten Treiben 
gewesen sein. Um so verdächtiger ist das Datum des 7. Januar 1519. Der 
Brief setzt nämlich voraus, dass Nesen bereits seinen dauernden Aufent- 
halt in Löwen genommen hatte, dies ist aber, wie wir oben gezeigt haben, 
erst in der zweiten Hälfte des Jahres 1619 geschehen. Die zweite 
Voraussetzung ist, dass der Streit zwischen Erasmus und den magistris 
nostriB schon im Gange war. Erasmus aber schrieb seine Apologien 
gegen Briard und Latomus erst im März 1519, die Angriffe der Theologen 
gegen ihn können darum kaum vor Februar angenommen werden. 
Der Brief muss endlich zu einer Zeit geschrieben sein, wo Nesen sich 
um die Erlaubuiss beworben hatte, an der Universität Löwen öft'ent- 



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lieh und unentgeltlich zu lesen und die magißtri nostri die ersten 
Cabalen dagegen in's Werk gerichtet hatten, aber die endgültige Ent- 
scheidung noch nicht getroffen war. Alle diese Umstände machen 
es mehr als wahrscheinlich, dass der Brief nicht vor dem Juli 1519 
verfasat sein kann. Zu diesen Gründen kommt noch die bekannte 
Unzuverliissigkeit der Eraamischen Briefdatirung in den gedruckten 
Ausgaben (sogar der Leydener), die längst zu dem Grundsatz geführt 
hat, dass das einzelne Datum nur dann als glaubwürdig angenommen 
werden dürfe, wenn es durch den Inhalt des Briefes seine Bestäti- 
gung empfängt 1 )- 

Am 1. December 1519 war die Zurückweisung Nesen's vom 
öffentlichen Katheder schon vollendete Thatsache. Unter diesem 
Datum nämlich berichtet Erasmus dem Dekan von Mecheln, Johann 
Kobinus, einem der Curatoren des Buslidianums, Uber die Angriffe 
der Magistri nostri gegen Iiutger Rescius, Lehrer der griechischen 
Sprache an demselben und fahrt dann fort'): „Auch haben sie den 
Nesen in seinem Vorhaben die Geographie des Pomponius Mela zu 
lesen gehindert. Hätte er in seiner Wohnung ein Frauenhaus er- 
richtet, so hätte man ihm durch die Finger gesehen." 

Ausführlicher läsat er sich in einem Briefe ohne Datum aus dem- 
selben Jahre 1510 an Ludwig Vives aus 3 ). „Schon früher habe ich 
die Nachsicht und Humanität der Pariser Universität bewundert, dass 
sie so viele Jahre den Faustus*) geduldet und nicht allein geduldet, 
sondern auch gehegt und gefordert hat Wenn ich den Faustus 
nenne, fällt dir gewiss Vieles ein, was ich dem Papiere nicht anver- 
trauen möchte. Mit welcher Leichtfertigkeit pflegte dieser gegen die 
theologische Facultät sich auszulassen; wie lasciv war sein Unterricht; 
Jeder weiss, wie es um seinen Wandel stand. So viel Schlimmes 
hielten die Franzosen der Gelehrsamkeit zu Gute, die sich doch nicht 
über die Mittelmässigkeit erhob. Die Matadoren (proceres) der hiesigen 
Universität ertragen nicht einmal das Collegium trilinguc, das unent- 
geltlich die öffentlichen Studien unterstützt und eine Zierde nicht 
bloss dieser Stadt, sondern des ganzen Landes ist. Sie ertragen 



') Vcrgl. Geiger, Studium der bebr. Sprache, S.43. Alm. 1. Herzog, Oeko- 
lampad I, 117, Anm. 

') Epist. 480. Col. 523. Es kann daher nicht richtig »ein, wenn Novo 
S. 135 das Verbot von Nesen's Vorlesungen erst in das Jahr 1520 setzt 

3 ) Epist. 489. Col. 535. 

Es ist der Poet Faustus Andrclinus, Trofcssor zu Paris, gemeint, der 
Erklärer der erotischen Gedichte der Alten und selbst Dichter in dieser Gattung. 
Vergl. Zwingiii Opp. VII, 26. Anm. 1. Strauss, Hurten S 75. 



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nicht die Professoren, deren Sitten tadellos, deren Unterricht keusch 
und dem des Faustus weit vorzuziehen ist- Die Pariser Universität 
nimmt sicherlich in den Wissenschaften, die sie pflegt, stets den ersten 
Rang ein und doch freut sie sich, wenn ihr nach irgend einer Seito 
ein neues Feld wissenschaftlicher Interessen sich erschliesst, und man 
räumt dann denen, welche irgend etwas, um welchen Lohn auch 
immer, zu lesen beabsichtigen, gern einen Lehrstuhl ein. Als es 
Wilhelm Nesen hier unternahm die Geographie des Pomponius Mela 
unentgeltlich zu lesen, setzten sie sich dagegen mit solchem Eifer, 
als wenn er vorhätte die ganze Stadt in Brand zu stecken .... 
aber alle diese Tragödien verdanken wir zweien oder 
dreien *)." 

Die Intriguen, deren sich die Gegner dabei bedienten, werden 
nochmals angedeutet in dem Schreiben, das er 1521 (ohne Monats- 
datum) an Ludwig Vives gerichtet hat*). „In Deutschland sind fast 
so viele Universitäten (academiae) als Städte. Unter diesen ist keine, 
die nicht um hohen Gehalt Professoren beriefe .... Mit welchen 
Tumulten haben sich zu Löwen die Matadoren dagegen gesetzt, dass 
nicht Jemand irgend eine ehrbare Disciplin, wenn auch unentgeltlich 
lese! Wie hat man sich verschworen gegen eine Sache, die nicht 
allein der Universität, sondern der ganzen Gegend zum Nutzen und 
zur Zierde gereicht haben würde! Eine alte Verordnung wurde neu 
hervorgeaucht, die ganze Universität wurde zur Hülfe aufgeboten, 
der Schutz des königlichen Hofes angefleht , man suchte den Bei- 
stand der weltlichen Obrigkeit 3 ), zuletzt wandte man sich an die 
Stadtdiener (lictores), kein Stein blieb unbewegt, nichts unversucht 
. . . . Und mit diesem ganzen Aufwand von Mitteln suchte man cur 
zu verhindern, dass nicht Jemand die akademischen Studien fördere, 
besonders wenn diese den Geist der Sittlichkeit athmen und die Pro- 
fessoren reiner Sitte waren und keusch lehrten, während man nicht 
selten auf den Kanzem Dinge zu hören bekam, welche den guten 
Sitten weniger förderlich sind. Zu Paris durfte Faustus alle Dichter 
bis zu den Priapeischen Liedern erklären und zwar, um nichts 
Anderes zu sagen, in Faustinischer Weise. In Löwen wurde dem 
Nesen verboten die Geographie des Pomponius Mela vorzutragen. 
Rom selbst, Mailand, um von den andern Universitäten zu schweigen, 
bewerben sich um solche, die Sprachen lehren, und berufen sie. Bei 



>) Latomus und Egmondanus nebst Jean Briard. 

*) Epfst 611. Col. 689. 

3 ) Offenbar der städtischen Behörde. 



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uns bekämpft man mit allen Ränken des Fanatismus das durch die 
Munificenz der Busleiden'schen Familie gestiftete Dreispracheneolleg, 
das allen Zweigen des menschlichen Wissens ebensoviel Nutzen als 
dieser ganzen kaiserlichen Landschaft Zierde eintragen soll." 

Das war der Kampf der Lowener Bilingues oder Magistri nostri 
gegen Nesen. Mit welcher Bitterkeit ihre Intriguen ihn erfüllten und 
mit welchem Hasse er die ihm in s Angesicht geschleuderte Heraus- 
forderung annahm, werden uns die folgenden Abschnitte zeigen, 
welche sein Eintreten in die Arena und die vernichtenden Streich 
schildern, die er gegen die Gegner führte. 

VII. Der Dialog der BiUngues und Triüngues. 

Am 1. November 1519 schrieb der Augsburger Canonikus 
Bernhard Adelmann von Adelmannsfelden an Wilibald Pirckheimer 
in Nürnberg 1 ): „Du schreibst mit Recht, dass der Dialog des Na- 
stätters dem Erasmus angehöre. Ich las heute die Namen 'derjenigen, 
gegen welche er geschrieben worden ist. Alle sind Löwener." 
Böcking *) hält den von Pirckheimer und Adelmann erwähnten Dialog 
für die im folgenden Abschnitt zu besprechende Epistola Nesen's 
de magistris nostris ad Zwinglium. Dies ist ein Irrthum; der in 
Rede stehende Dialog ist vielmehr die dem Jahre 1510 angehörende, 
äusserst seltene Schrift: Eruditi adulescentis Chonradi Nastadiensis 
Gerraani Dialogus sane festivus bilinguium ac trilinguium sive de 
funere Calliopes. Sub scuto Basileensi venale comperies. Sie ist 
abgedruckt bei Haupt S. 77 flg. nach einem Exemplare der Editio 
prineeps, die keine Jahrszahl hat, sondern nur auf dem Titel ge- 
schrieben: 1519 m. Octobr. Das von Schelborn benutzte Exemplar 
der weiland Uffenbach'schen Bibliothek hat am Ende die Jahreszahl 
1520, auf dem Titel stand: Exactissime ad autoris archetypum re- 
coguitus; es scheint der zweite Druck gewesen zu sein 8 ). 

Dem Dialoge geht ein Vorwort voraus, das Sehelhorn und Haupt 
wiedergeben : „Conrad von Nastätten, ein Deutscher, dem befreundeten 
Leser Gruss zuvor! A1b ich sah, dass der angestrengte Studienfleiss 
eine Ausspannung durch begleitende Scherze bedürfe und dass es zu 
Paris hergebrachte Sitte sei, dass in diesen Tagen, welche uns mit 
den unmittelbar bevorstehenden Quadragesimalfasten bedrohen, die 



') Heumann, Documenta litteraria p. 177. 

»] Butteni Opp. I, 314, Anni. 26. 

*) Haupt S. 28 flg., Schelborn S. 331 flg. 



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Jugend sich unbeschränkter im litterarischen Scherze übe, beschloss 
auch ich nach gemeiner Sitte der Thorheit zu huldigen und als Fast- 
nachtsspiel den Dialog der Bilinguen und Trilinguen zu schreiben, 
der zwar auf den Zustand dieses Zeitalters anspielt, aber so leicht, 
dass ich selbst nicht von meiner Absicht Rechenschaft zu geben 
weiss Wer du auch »eist, der dieses liest, entrunzele deine Stirnc 
und zeige die Miene, welche des Gegenstandes und der Zeit würdig 
ist. Lebe wohl! Paris, den 25. Februar." 

Wer ist Conradus von Nastätten gewesen? Wilhelm Nesen hatte 
einen Bruder Conrad, 1495 geboren (Haupt S. 7), der sich in dem 
von Förstemann 1840 herausgegebenen Album der Universität 
Wittenberg 1525 als Conradus Nysenus Nastadicuus einschrieb, 
später Stadtsyndicus, zuletzt Bürgermeister von Zittau wurde und am 
25. Juui 1560 starb. 

Ks wäre das Natürlichste an ihn zu denken. Allein dass Conrad 
Nesen 1519 in Paris gewesen, wird sonst nirgends gemeldet und man 
hat es nur aus dieser Schrift geschlossen. Man darf indessen nicht 
vergessen, dass diese ein Fastnachtsscherz sein soll. Auch in der 
Vorrede ist Alles fiugirt. Sie ist auch nicht in Paris, sondern in 
Löwen entstanden, das zeigen persönliche Anzüglichkeiten aufLöwencr 
Persönlichkeiten, die Feinde des Erasmus, die so copirt sind, dass 
schon Pirckheimer und Adehnann von Adelmannsfelden sich über 
sie nicht täuschen konnten und desshalb gerade auf Erasmus als 
Verfasser riethen. Sie ist ebensowenig am 25. Februar, sondern im 
Herbste 1519 entstanden und jenes Datum, das gerade in die Carne- 
välszcit fällt (Fastnacht traf im Jahre 1519 auf den 8. März) sollte 
den Dialog nur als einen Carnevalsspuk bezeichnen; die handschrift- 
liche Angabe auf dem Leipziger Exemplar bemerkt richtig den 
Oktober, in welchem der Dialog wohl die Presse verlassen haben 
mag. Dem Allen entspricht es, dass Nesen, um die Leser zu necken, 
verhüllt auftritt, zwar unter der richtigen Angabe seines Geburts- 
ortes, der die Freunde sogleich auf die Spur des Verfassers leiten 
musste, aber unter dein Vornamen seines Bruders Conrad, dessen 
Existenz gewiss nur Wenigen bekannt, in Löwen aber und im weitern 
litterarischen Verkehre völlig unbekannt war. Es war mithin auch 
ganz gefahrlos für Conrad, dass er seinen Namen zu den ergötzlichen 
Bosheiten seines Bruders hergeben musste. Endlich scheint die Form 



■) Lusi dialoffuin bilinguimn et trilinguiuoi , ad hnius aetatis statuta 
»Hudens, sed ita leviler, ut ipse non possirn instituti roei ratioticiu reddere. 



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de» Dialogs gewählt, um diese Satyre desto kenntlicher und greif- 
barer als die neckische Seitengänger in des Dialogus des Latomus 
zu bezeichnen, der gerade die tres linguac zum Ziele seiner Angriffe 
gemacht hatte. Schon Simler hat darum ganz richtig gesehen, wenn 
er in der von ihm besorgten Ausgabe von Gesner's Bibliotheca unter 
dem fingirten Conrad den Wilhelm Nesen vermuthete. 

Das Gespräch wird zwischen drei Trilingues und Mcrcurius ge- 
führt, der im Begriffe steht nach der Stadt Frankfurt zu gehen, deren 
nicht eben schmeichelhaft gedacht wird. Er will dort den Diebeu, 
Betrügern, Meineidigen, Wucherern und Gauklern (nugivendis) 
seinen Beistand zu ihren Unternehmungen leihen. Die Trilingues 
heissen Baramia, Titus und Pomponius ') und sind die Repräsentanten 
der drei alten Sprachen. Der Gott umgiebt die Humanisten mit 
einem Nebel, durch welchen sie wie durch einen Augenspiegel*) 
schärfer sehen, was in einiger Entfernung vorgeht. Sie erblicken 
durch denselben einen Leichenzug, welchen die Theologen und Mönche 
der von ihnen der Häresie und Majestätsbclcidigung angeklagten 
Calliopc, der Muse der epischen Dichtung, veranstalten , die» sie 
lebendig zu Grabe tragen. Als altes, gichtbrüchiges Weib, deren 
Gift tausendmal an Schärfe dem der gefährlichsten Insecten überlegen 
ist, schreitet Ate , die heillose Verblendung, voran. Ihr folgen mehrere 
Gottheiten, aus denen sich die Genossen der Löwener theologischen 
Facultät mehr oder minder deutlich entpuppen. Sie sind die Glieder, 
durch welche die Ate wirkt. Der Erste, Phenacus (<fira*. Betrüger, 
Fälscher) genannt, ist die Seele der Ate, die bald in diesen, bald in 
jenen Körper wandert. Da er als Podagrist gezeichnet wird, so 
scheint damit Jean Briard gemeint. Kenntlicher ist der Zweite. Das 
weisse Gewand, unter welchem er ein schwarzes trägt, das gleich- 
wohl hell erscheint neben seinem schwarzen Gemüthe, ein Costüm» 
wie es der Dialog dem Elias beilegt, sowie das Merkmal der Trief- 
augen s ) weisen auf Egmondanus hin. Es ist Momides, der Abkömm- 
ling des Tadelgottes (Momus), ein reiner Sykophant, der auf alles 
Gute und Rechte mit unsauberer Zunge schmäht. Der Dritte ist der 
Vetter der Eitelkeit (tpdavrfa), er trägt auf seinem Hute einen Kopf- 



») Sollten sich die kundigen Leser nicht durch dieses Namens Klang unwill- 
kührlich an den Vorgang mit dem Pomponius Mela erinnert fühlen? 

*) Augenspiegel = perspicilluin, Brille, vergl. Grimm's Wörterbuch s. v. 

») Auch in dem unten mitzutheilcnden Brief des Erasmus an Jonas wird 
Egmondanus lippus genannt. 



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schmuck, der den Einen als Rebhuhn 1 ), den Andern als Eule, den 
Dritten als Falke erscheint. Es ist der Wandelgott ( Vertumnus), der in 
jedem Augenblick seine Gestaltender! Der Vierte endlich wird Phtho 
nides, Sohn des Neides, genannt, sein Gift ist gefährlicher als das des 
Skorpions. Hierauf folgt ein ungeheurer Eber, der einen ganzen 
Haufen von Schweinen führt, der Enkel des Sophisten Grillus, der 
bei Plutarch mit Ulysses disputirt, aber dem Abkömmling hat Circe 
den Verstand genommen , er redet nicht wie seine Ahnen griechisch, 
sondern französisch oder vielmehr er grunzt; er ist geil wie ein 
Satyr und wurde jüngst auf dem Ehebruch betroffen ; da er floh, ver- 
renkte er sich die Knöchel und hinkt seitdem. Die übrigen Schweine 
sind Jünglinge, die er mit Circe's Gabe verwandelt hat, denn wer 
mit ihm aus einem Troge frisst, verwandelt sich in ein Schwein. 
Unter Grillides ist wohl Latomus verborgen 8 ). Die Schweine 
stimmen mit grunzendem Tone einen Chorgesang an in einem Latein, 
einem Rythmus und Reime, der den Briefen der obscuren Männer 
nachgebildet ist und den auch wir in der Uebersetzung nachahmen 3 ): 

Hin zum Grabe tragen wir, 

Eine Muse, mit Recht! so sagen wir, 

Ist sie doch allein der Grnnd, 

Dass Sophistik jetzt heisst ungesund, 

Drum wollen die Magistri sie begraben, 

Ihr Vcrthcid'gung nicht bewilligt haben, 

Denn der Ketzerei ist sie beschuldigt, 

Weil scholasfscher Lehrart Bie nicht huldigt, 

Die, nun schmählich in den Bann erklärt, 

Doch allein den Ketzertrotz bekehrt. 

Bei genauerer Beobachtung reden sämmtliche Theilnehmer des 



i) Cacabus ist ein Kochgeschirr, griech. xaxx«/?ij, was auch Rebhuhn be- 
zeichnet Jch vermuthe, dass Nesen die letztere Bedeutung mit dem lateinischen 
Cacabus verbindet, dem sie fremd ist 

*) Erasmus nennt ihn im Briefe an Jonas (siehe unten) claudus. 
a) Nos portamus ad sepulchrum 

Unam Musam, quod videtur nobis pulchrum, 
Quae est causa maxima 
, Quod Sophistica nunc dicitur pessuna. 

Propterea volunt eam Magistri nostri sepelire, 

Nec eius defensionem auriire, 

Et ideo dicunt eam cbsc haereticam, 

Quia spernit Theologiam peripateticam, 

Quam ineipiunt nunc etiam contemnere isti moderniores, 

Cum tarnen haec sola confundit hacreticos contumaciores. 



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Zuge» mit zwei Zungen ! ), denn mit der einen schmeicheln, mit der 
andern verleumden sie; mit der einen behaupten sie öffentlich, mit 
der andern leugnen sie standhaft das Gesagte, mit der einen rathen sie 
zu, mit der andern mahnen sie cbendavon ab. Doch Apollo liisst 
seine Schwestern nicht ungestraft verhöhnen: den Köcher mit Pfeilen 
gefüllt, eilt Er, in Helm und Panzer stürmt Pallas, mit Waffen 
die übrigen Musen herbei; Apollo zielt, da stürzt Ate, die Andern 
Milchten, Grillides, jetzt nicht lahm, flieht, als hätte er Flügel, den- 
noch ereilt ihn der Pfeil, den Phthonides führen die Musen gefangen 
fort, um an ihm die Strafe des Marsyaa zu vollziehen. Momides 
geräth in der Eile in einen tiefen Sumpf, wovon er bis jetzt halb 
schwarz, halb weiss geblieben ist (die Ordenstracht der Carmeliten); 
die Humanisten können den Wunsch nicht unterdrücken, es möchte 
der Sumpf eine Senkgrube gewesen sein. Phenacus bittet kniefällig 
um Gnade, dem Wandclgott wirft Pallas einen Strick um, weil sie 
ihn ihres Lanzenstiches nicht werth hält; Calliope erhebt sich unter 
Lachen und umarmt ihren Bruder: nie hat die Welt eine fröhlichere 
Leichenfeier gesehen. 

Das Fastnachtsspiel gehört zu der Gattung mythologisch-alle- 
gorischer Satyren, die dem Geschmacke der Humanisten in jener Zeit 
ebenso sehr zusagte s ) als sie dem unserigen widerstrebt. Die per- 
sönlichen Anspielungen alle zum vollen Verständniss zu bringen, würde 
eine ungleich grössere, in das Einzelne gehende Vertrautheit mit den 
Eigenheiten der in Frage kommenden Gegner erfordern, als sie mir 
zu Gebote steht. Eben darum aber kann der Dialog nur aus der 
Feder eines in Löwen lebenden und mit allen persönlichen Verhält- 
nissen innig bekannten Mannes geflossen sein, der überdies durch 
die Bitterkeit, die seinen Humor durchzieht, die Stärke der 
erfahrenen Kränkung und seiner eigenen Abneigung verräth. Das 
Alles trifft nicht auf Conrad, sondern nur auf Wilhelm Nesen zu, 
der zwar erst seit Kurzem in Löwen seinen Wohnsitz aufgeschlagen, 
aber schon viele Erfahrungen gesammelt hatte und welchem Erasmus in 
seinen Gesprächen und Charakteristiken ein so reiches Material zur 
Verfügung stellte, dass die Zeitgenossen diesen für den Verfasser 
halten konnten. 



•) Pomponius: Verum dum propiue intueor, video bihngues oiuncs — 
nämlich im ethischen Sinne doppelzüngig, falsch. 

J ) Wir erinnern an den Apclles Aegyptius sive Calumnia dos Micyllus, nur 
dass in diesem das allegorische Element vorwaltet und das mythologische zurück- 
tritt. Vergl. : Clussen, Micyll 8. 85 flg. und meine Ausführungen in dieser Zeit- 
schrift Band V. N. F. S. 233 flg. 



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VIII. Der Brief Nesen's an Zwingli über die Magistri 

nostri zu Löwen. 

In der Schuler-Schulthess'schen Aasgabe der Werke Zwingli's 
befindet Bich ß. VII., 36 flg. ein Brief von G. N. N. an Ulrich Zwingli 
mit der Ueberschrift: Epistola de Magistris nostris Lovaniensibus, quot 
et qnales «int , quibus debemus magistralem illam da nmationem 
Lutherianam. Datirt ist derselbe 1518 Mense Aprili. Die Initialen 
G. N. N. werden übereinstimmend Gnilielmus Nesenus Nastadiensis 
erklärt, gewiss mit unbestreitbarem Rechte. Dagegen ergiebt sich die 
Unrichtigkeit der Jahreszahl schon durch die Erwähnung der Ver- 
dammung Luther's von Seiten der Löwener Theologen, welche wir in 
der Ueberschrift lesen. Am 22. Februar 1519 nämlich schickten die 
Löwener Theologen, die das Jahr zuvor den öffentlichen Verkauf 
von Luther's Schriften verboten hatten, einige aus denselben gezogene 
Artikel an die Cölner theologische Facultät und forderten deren Ur- 
theil, am 30. August erfolgte die Cölner Verwerfung. Hierauf 
sprachen die Löwener am 7. November gleichfalls die Verdammung 
aus. Mithin kann der Brief nicht im Jahre 1518 geschrieben sein. 
Hat Herminjard, wie ich glaube, Recht, wenn er I, 44 Anm. 6 die 
Rückdatirung als eine absichtliche bezeichnet — er nimmt das Jahr 
1520 an — , so wird auch auf den April als Monatsangabe für die 
Abfassung kein Gewicht zu legen sein , sondern wir werden uns 
einfach mit der Gewissheit begnügen müssen, dass der Brief nach 
dem 7. November 1519 geschrieben sein muss, wahrscheinlich aber 
nicht allzulange nachher, unter dem frischen Eindrucke der kurz vor- 
her gemachten Erfahrungen *). Schon als eines der wenigen Schrift- 
stücke, die aus Nesen's Feder uns bewahrt sind, verdient er in voll- 
ständiger Uebersetzung mitgetheilt zu werden: 

„Scham verbietet mir, mein bester Zwingli, dir zu schreiben, 
was sich hier einige Theologen nicht schämen ohne Maske zu begehen 
(designare), obgleich es so thörichte Dinge sind, dass auch der unver- 



») Dass er nicht im April 1520 geschrieben sein kann , geht daraus 
hervor, dass Jean Briard darin noch als lebend vorausgesetzt wird. Aber schon 
am 7. Februar 1520 schreibt Frobenius an Zwingli (Opp. VII, 112) auf Nach- 
richten, die er von Erasmus empfangen: Lovanii Thcologi insaniunt . . . caput 
Theologorum, Atensis cgit in agone, incertum, an luortuus Am 0. April 1520 
schreibt Krasmns an Jonas: Pcriit Atensis (siehe unten). 



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— 80 — 

schärateste Coraödiant Aehnliches zu thnn nicht einmal hinter seiner 
Maske wagen würde. Hauptpersonen dieses Schauspiels sind folgende : 
Johann Briard von Ath, ein Mensch kaum zwei Fuss 1 ) hoch, aber 
zugleich voll Heuchelei, überdies halber Franzose (Galliculus), denn 
er gehört jener Mischrace (colluvies) an, die aus Deutschen und 
Franzosen zusammengeflossen und darum unserem Deutschland um 
so feindlicher gesinnt ist, das vor andern Nationen nicht allein die 
edleren Wissenschaften mit Erfolg anbaut, sondern auch die aJte 
Freiheit in Schrift und Wort wieder an sich nimmt (usurpat). Obgleich 
dieser Mann ein Greis ist und überdies an schlechten Säften leidet, 
die bald in seinen Füssen, bald in seinen Seiten, bisweilen auch in 
seinem Haupte sich fühlbar machen, hat er dennoch zum Arzte den 
Johann Wink« 1, einen jungen Mann von ausgezeichneter Unwissenheit, 
der aber wegen seines Reichthumes bis zum Wahnsinn in sich selbst 
verliebt ist, überdies von nicht minder verleumderischer Zunge als 
Atcnsis selbst, der das reinste Gift ist. Ihn zieht er zu Rathe, wenn 
er an schlimmem Schleim leidet. Er macht den Unsinnigen noch 
unsinniger *)." 

„Unter andern Hetzern, deren nicht wenige sind, nehmen den 
ersten Rang ein der Magister noster Jacob Latomus, der aus der 
niedersten Hefe und dem Collegienungeziefer (ex collegiaticis pediculis) 
bis zur Bekanntschaft mit dem ehrwürdigen Cardinal de Croy 3 ) empor- 
gekommen ist, dessen trefflichen Charakter er mit seiner Krankheit 
d. h. mit seinen Narrenspossen (naeniis) anzustecken sucht: seitdem 
ein Mensch von unerträglicher Anmaassung. Ausserdem Ruard von 
Enckhuysen (Encusanus). ein armseliger Stammler und doch zugleich 
in hohem Grade schmähsüchtig, nach Verstand, Gestalt, Zügen, Gang 
und Wissen ganz mönchisch geartet, wenn er auch selbst kein Mönch 
ist. Diese Männer verwandeln sich wie Polypen in jede Gestalt 



«) Vix bipedalis. Drollig übersetzt Wendt: „der kaum zwei Beine hat." 

2 ) Auffallend muss dies scharfe Urtheil Nesen's über Briard darum erscheinen, 
weil es dem des Erasmus widerspricht, der sich meist milde, bisweilen sogar mit 
Hochachtung über ihn äussert, aber theils mag dies in der Verbitterung Nesen's 
über die Chikanen der Löwencr Theologen seinen Grund haben, theils pflegte 
Erasmus sein Urtheil in der Oeffentlichkeit vorsichtiger auszusprecheu als im 
engen Freundesverkehr. 

•) Wilhelm de Croy, Erzbischof von Toledo und Cardlnaldiakonus, stürzte 
zu Worms Anfangs Januar 1521 als dreiundzwanzigjähriger Jüngling vom 
Pferde und starb. Er war der Gönner und Mäcen von Erasmus' Freund, Ludwig 
Vives. Vergl. EpUt 565. Col. 634 über seinen Tod. 



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- 81 — 

(habitus) denn wenn Atensis krank ist, sind sie krank, wenn er 
tobt, toben auch sie 2 ). Mit Müsse habe ich sie alle sorgfältig beob- 
achtet, die Krankheit ihrer Seelen verrathen sie schon durch ihre 
leibliche Bildung. Anderer Namen verschweige ich mit kluger Schonung, 
obgleich auch sie, wenn es nöthig ist, öffentlich in fanatischer Wuth 
gegen alles Gute schreien." 

„Aber der Albernste und Frechste yon allen ist Egmondanus 3 ), 
würdig wegen seiner Dummheit Camelit zu heissen. Ihn hat die 
Natur selbst zum Mönchthum oder zur Bruderschaft 4 ) gebildet, denn 
er hat kaum eine Stirn (nihil frontis), noch woniger Verstand, um so 
mehr Zungenfertigkeit r '), aber ohne alle Beredsamkeit, und obgleich er 
von Allen am dümmsten spricht und handelt, gefällt er sich doch 
selbst in allen Stücken so sehr, dass man sich wundern rauss, warum 
nicht unter seinem Fusstritte Rosen erblühen. Wegen seines bleiernen 
Gehirnes ist er in der Dialektik wenig bewandert, aber doch stieg 
die Bestie durch jene solennen Grade bis zur Würde eines Magister 
noster auf. Um indessen die Albernheit seines Eselsverstands zu ver- 
bergen, wollte er lieber als Texterklärer (toxtualis) 6 ) auftreten, da ein 
solcher nicht vielen Scharfsinn bedarf. Nachdem er so seine Würde 
als Magister noster gleich einem Herrscherthrone eingenommen, begann 
er, der in seinem Elende nicht hatte, womit er seinen Hunger stillte, 
an den Glanz des Lebens zu denken. Denn einst hatte er, als wären 
es solenne Gastmähler, von den Geldern, die er armon Scholastikern 
schmutzig auspresste, seinen Bauch erhalten. Er sah aber, dass bei 
Keinem die Albernheit und die Unverschämtheit mehr Glück mache, 
als bei den Mönchen, welche Bettler genannt werden, in der That 
aber Satrapen und Tyrannen sind. Unter diesen benagten ihm am 
meisten die Predigermöuche, deren Orden stets die tüchtigsten, vor 
keinem Verbrechen zurückbebenden Aufwiegler aufzuweisen hatte. 
Dieses Lob missgönnen sie nämlich den Uebrigen und rühmen uns 



>) Im Dialogus bilmguium et trilinguium heisst es (bei Haupt 71) von 
Phenacus : Ad hunc polypus non est polypus. 

J ) In dem Dialogus wird Phenacus die Seele der Ate genannt, die bald in 
diesen, bald in jenen Körper wandert, die Uebrigen sind daher ihre «Wieder. 

J ) Nesen schreibt Edmundauus oder EdnmndenBis. Ich habe die richtigere 
Form restituirt. . 

*) Fratralitas, fratralis, barbarische Wortbildung, wie sie im Mönchslatein 
üblich war. 

») Erasmus pflegte von ihm zu sagen, er habe statt der Feiler seine Zunge. 
«) Textualis, qui textura s. littcram explicat, ct. du Cangc s. v. 
VI. C 



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- 82 - 

ihre Alvarus, Thomas, Sylvester und Hochstarten 1 ). Aber aus einem 
Scotisten Thomist zu werden war schwer. An den Minoriten missfiel 
ihm die Entbehrung und die harte Lebensweise, an den Augustinern 
die aufrichtig gemeinte Armuth. Dagegen sah er, dass die Carme- 
liten in dieser einfältigen Bevölkerung mit Erfolg herrschen, vorzüg- 
lich durch die Gunst der Frauen, daher wurde das Camel ein Camelit 
zu Mecheln, einer Stadt, die schöne Weiber erzeugt und der Venus 
geheiligt ist, denn aus keinem andern Grunde sind die Frauen diesen 
Taugenichtsen so geneigt, als weil diese sich Frauenbrüder nennen. 
O glückliche heilige Jungfrau, die solche Stiere unter ihrem Mantel 
sammelt! Daraus lässt sich abnehmen, dass dieses Vieh nicht um der 
Religion willen Carmelite geworden ist, weil er in demselben Jahre, 
in welchem er sich auf die Regel der Carmelitcn verpflichtete, Ter- 
minarius, wie sie es nennen, zu Löwen wurde, um Käse und Eier 
zusammenzubetteln und zugleich an den gewohnten solennen Gast- 
mählern und Ehren Theil zu nehmen. Denn nirgends werden die, 
welche sich um einen Grad bewerben, um üppigere Gastmähler gebüsst 
und nirgends anderswo trinken die Magistri nostri zügelloser (liberius) 
als zu Löwen. Sodann schien es ihm wie ein Thronbesitz (regnum), 
von den Pedellen eingeladen zu werden, sich als Magister noster 
begrussen zu lassen, auf hoher Estrade zu thronen, von wo das 
Scharren und der Staub der Füsse über die Häupter der Baccalaureeu 
und der Magister, die nicht nostri sind*), dahinzieht. Solche Ehreu 
konnte freilich der der Welt abgestorbene Mensch nicht verachten. 
Nun betrachte die Unverschämtheit dieses Menschen, der das Ordens- 
haus verlässt und die Kegel verleugnet, um andere Klöster zu reformiren 
und Andere einzusperren, während er selbst die Clausur seines 
Hauses nicht zu ertragen vermag. Doch hatte er unterdessen reiche 
Weide für seinen gefrässigcn Bauch, für seine durstige Kehle und 
seinen wollüstigen Kitzel gefunden. Denn jetzt ergötzt er sich be- 
haglich sogar mit heiligen Jungfrauen, wenn es an Matronen fehlt. 



«) Alvarus Pelagius, gestorben nach 1310, Verfasser der summa de potestate 
ecclesiastica , war übrigens nicht Dominikaner, sondern Franziskaner. Thomas 
de Vio Cajetanus, Cardinalis Sancti Sixti f 1534, der bedeutendste scholastische 
Theologe zu Anfang der Reformation, der jedoch seit dem Gespräche mit Luther 
zu Augsburg freisinnigere Hahnen verfolgte. Sylvester Prieriaa, Magister sancti 
palatü in Rom, der abgeschmackte Gegner Luthers im Ablassstreite, starb als 
Ordensgeneral der Dominikaner 1523 an der Pest; in ihm verehrte Hochstraten 
dankbar seinen Gönner. Vcrgl. Böckiug Hütt. Opp. Suppl. II, 471 flg. 

*) D. h. die nicht der theologischen , sondern nur der philosophischeu 
Facultät angehören. 



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- 83 - 

Siehe, wie der eifrige Mensch seinen Ordenspflichten nachkommt 
Nachdem er durch TestamentsfalBchung, durch unverschämt gepredigte 
Ablässe, durch Bussumwandlungen (ex compositionibus) und durch 
unerlaubte Schmeicheleien, womit er in der Predigt die Herzen der 
Weiber, besonders der alten Vetteln, sich erobert, vieles Geld zu- 
sammengebracht hat, erbaut er sich in seiner Heuchelei, welcher er 
sich ganz ergeben, zu Löwen ein Nest, ein künftiges Carineliten- 
kloster, als wäre Mangel an solchen müssigen Bettlern, die nur allzusehr 
die Welt belästigen. Damit noch nicht zufrieden, macht er auch den 
Schenkwirth, er verpflegt in seinem Hause nicht wenige Knaben — 
diese unterrichtet er in der Unwissenheit, denn an der Stelle der 
Grammatik liest er ihnen die Sprüche Salomo's vor — »nd diesen 
Erwerb, der in Löwen Viele ernährt, reisst der unersättliche Mensch 
au sich. Er hält auch in seinem Hause Vorträge über den Psalter, 
wobei er ein bis daliin unbekanntes Kunststück aufführt, er knüpft 
nämlich Psalmen, die weder von demselben Verfasser, noch zu der- 
selben Zeit geschrieben sind, gewaltsam zusammen, wie man etwa 
Leintücher au einander knüpft, als ob sie einen ununterbrochen fort- 
laufenden Text bildeten. Diese Vorträge würzt er nach seiner Art 
mit giftigen Schmähungen, indem er gegen die Redner, gegen die 
feine Ausdrucksweise, gegen die griechische Litteratur und die F reunde 
der Wissenschaft sich Ausfalle erlaubt, die eines solchen Blockes 
würdig sind. Eines Tages sprach er bei den Vestalischen Jung- 
frauen 1 ): Was ist Poetria? Nichts anders als so reden, wie mau im 
Frauenhause spricht. Dieses Ungeheuer hassen und verlachen auch 
die andern Theologen, aber nachdem sie sich gegen die edlere 
Wissenschaft verschworen hatten, schien es ihnen nützlich, diesen 
dummen , unverschämten , marktschreierischen , eigensinnigen und 
rasenden Comödiantcn oder vielmehr Cyclopen zu ihrem Zwecke zu 
gebrauchen, denn seine Wuth zeigt er niebt bloss in Worten, er trägt 
sie auch selbst in Miene und Gang zur Schau; mit einem Worte, 
wenn man seiner Mönchskappe noch Ohren mit Schellen anhinge, 
so würde man an ihm nichts vermissen. Diesen Hanswursten (morio) 
haben sie zu solchen Rollen ihres Spektakelstückcs missbraucht, die 
ihnen für sich selbst zu unanständig dünkten — su albern schreit 
dieser oft vor dem Volke gegen die Sprachen, gegen die Poetria 
(denu so nennt er die Poetik, wie icli glaube, hat er diese Sprache 
aus dem Katholikon) 4 ), gegen das Neue Testament des Erasmus, 

*) Den Nonnen. 

J ) Das Katholikon des Johann Balbns de Janua (d. i. Genua), vollendet um 
1286, war ein Lehrbuch der Orthographie, des Acccnts, der EtjTnologie, der 

6* 



- 84 - 

von dem er gleichwohl bekennt, dass er es niemals gesehen habe 
oder sehen wolle. Alle seine Predigten, die, an heiliger Stätte ge- 
sprochen, heilig sein sollten, hat er mit solchen Sykophantien vergiftet 
und beschmutzt, indem er mit Seitenhieben (oblique perstringens) 
gegen ausgezeichnete und um die ' edlere Wissenschaft verdiente 
Männer losschlägt. Bei solchen Thaten traut er sich noch gesunden 
Menschenverstand zu, befragt keinen Arzt und begehrt nicht Nies- 
wurz. Als Luther's »Schriften erschienen, fürchtete der Elende für 
«einen Erwerb, da er wohl wusste, welche Summen er zusammen- 
gebracht hatte, und für die apostolischen Indulte. Noch hatte er 
nicht eine Seite [in jenen Schriften] gelesen und bei der Stumpfheit 
seines Geistes würde er sie auch umsonst gelesen haben, aber er 
hatte bei den Pokalen von den mit ihm zechenden Theologen gehört, 
es stehe Manches darin, was ihren Erwerb mit Schmälerung bedrohe. 
Sofort sprang er vor das Volk und wirrte mit unsinnigem Geschrei 
Alles zusammen , sprach von nichts als Verftlhrern , Ketzereien, 
Antichristen und schrie, die Welt gehe uuter, wenn er sie nicht mit 
seinen Schultern stütze. Ich, mein Zwingli, bin weit davon entfernt, 
mir das Verständniss von Luther's Schriften anzumaassen, die manche 
mir ferne liegende Frage behandeln, auch mische ich mich nicht in 
seine Sache, da er solche Schützer nicht bedarf. Doch bin ich nicht 
so stumpf, um mich zur Bewunderung der Stupidität von Jenem her- 
zugeben. Aus einem Beispiel magst du ersehen, wie der Esel die 
Lehrsätze Luther's versteht. Mehr als hundertmal hat er vor dem 
Volke geschrieen, Luther lehre, es sei nicht nöthig die Todsünden zu 
beichten ausser die offenbaren. Luther meinte dabei die uns offen- 
baren, das heisst, die, welche wir als Todsünden beurtheilen, was 
wenigstens, wie ich glaube, nicht Jeder vermag; jenes Vieh meint, 
nur die seien offenbar, welche auf öffentlichem Markte begangen 
würden 1 ). Was in aller Welt soll man mit solchen dummen Mönchen 



Figuren und der Prosodie und im Mittelalter beim Unterrichte viel gebraucht. 
Vergl. Bbcking Suppl. II. in Hütt. Opp. 390. 

') Man vergleiche des Erasmus Brief vom 1. November 1519 an den Cardi- 
nal von Mainz ep. 477. OoL 514: „Nun bemühen sich einige Theologen, die ich 
kenfie, nicht Luther zu ermahnen und zu belehren, sondern mit unsinnigem Ge- 
schrei denuncieren sie ihn, misshandcln ihn mit ihren giftigen Schmähungen und 
sprechen von nichts als Ketzereien, Ketzern, Härcsiarchen, Spaltungen und Anti- 
christen. Es lässt sich nicht leugnen, dass hier [in I^öwcn] vor dem Volk von 
solchen gehässig geschrieen worden ist, welche Luther's Schriften nie gesehen haben. 
Es liegt am läge, dass Einige namentlich verdammten, was sie nicht verstanden 



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- 85 - 

anfangen? Ununterbrochen schreit er auch jetzt gegen Luther und 
hat bereits soviel zu Wege gebracht, dass die Leute an vielen Orten 
Luthcr's Bücher kaufen, weil sie überzeugt sind, es müsse etwas 
Gutes sein, was diesem Cäsarius *) ein solches Missbehagen erregt. 
Und hinterher beklagen sich diese Menschen, dass Luther's Bücher 
gekauft werden, obgleich sie selbst nicht allein den Appetit darnach 
durch ihr albernes Geschrei reizen, sondern auch den Frieden der 
Kirche gefährlichen Spaltungen preisgeben! Dieser Mönch meint, er 
sei heilig, wenn er Mittwochs kein Fleisch isst, sondern sich mit Eiern 
und Fischen bis zum Erbrechen mästet, aber mit so offenbaren Lügen, 
so verbrecherischen Verläumdungen den Ruf eines braven Mannes 
zu schänden, mit solchen Verdächtigungen die Herzen und Ohren 
der Hörer zu vergiften, hält er für keine Sünde. Es schreit Latomus, 
es schreit Egmondanus, es stammelt Ruard gegen Luther als einen 
Ketzer, einen Unwissenden, einen Albernen und doch ermahnt, be- 
lehrt, widerlegt ihn keiner, obgleich jener belehrt zu werden fordert, 
gehört zu werden und zu hören verlangt. Was für ein Mann Luther 
sei, weiss ich nicht, ausser, was seine bisher herausgegebene Bücher 
bezeugen, dass er in der Theologie, nicht sowohl der alten als der 
neuen, wohl bewandert ist und dass er ausserdem einen gesunden 
Geist und ein mit vielen uud manniebfachen wahrhaft christlichen 
Gaben ausgestattetes Gemüth hat Jene aber kenne ich als Leute 
in deren Gesellschaft ich, wenn es nicht andere Christen gäbe, so 
wahr mich Gott liebe, nicht Christ sein möchte, denn sie sind 
voll Hochmuth und Ehrgeiz. Niemanden bringen sie Nutzen, Nie- 
manden wollen sie wohl, ausser sich selbst, sehr Vielen bringen sie 
Schaden und wollen unter dem Vorwande der Religion gefürchtet 
sein. Auch ärgert sie an Luther nicht, dass er des Papstes Majestät 
nicht glimpflich genug behandelt, die sie selbst nicht allzuhoch ver- 
ehren, nicht, dass er die Ablässe zerzaust, denen auch sie nicht das 



haben. Dafür nur ein Beispiel: Luther hatte geschrieben, wir seien nur gehalten, 
offenbare Todsünden zu beichten, und verstand unter offenbaren solche, die nur 
den Beichtenden bekannt seien. Dies legte Einer dahin aus, offenbar seien solche, 
die öffentlich begangen worden Beien, und eiferte heftig gegen einen Satz, den 
er gar nicht verstanden hatte." 

«) Cäsarius hielt ein Philologe, mit dem ich mich besprach, für verderbt 
und wollte dafür cessariuB d. h. Bummler lesen. Allein Nesen's Latein ist in 
diesem Briefe absichtlich nicht streng classisch, sondern bisweilen mittelalterlich. 
Nun erklärt du Cange Caesar ia durch mulier cauponia. Darnach würde Caesariiis 
etwa einen lüderlichen Mensehen, einen Kuppler oder Hurenwirth bedeuten. (Auch 
taberna cauponia wurde Caesaria genannt, vergl. Du Cange s. v. Clcpsedraria.) 



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— 86 — 



Wort reden, wenn sie unter einander verhandeln, sondern darum rauss 
ihnen Luther ein Ketzer sein, weil er den Thomas [von Aquino] 
verachtet, den die Predigermönche als den fünften Evangelisten ange- 
sehen wissen wollen ') ; darum, weil er gegen die Magistri nostri zu 
Felde gezogen ist, denen sie ein hochheiliges Ansehen zuerkannt wissen 
wollen; weil er die scholastischen Dogmen nicht vor Augen hat, denen 
die Welt, um nichts Anderes zu sagen, so viele Unterschiede der 
Mönchsorden, so viele Ceremonien, so grosso Schädigung, wenn nicht 
Vernichtung der christlichen Religion, so viele unwissende Theologen 
und Verachtung der guten Schriftsteller verdankt. Ueber diese 
Dogmen hat der Magister Latomus ein drittes Buch *) in Aussicht 
gestellt, aber da er sah, dass die beiden ersten von allen Gelehrten 
mit so grossem Gelächter aufgenommen worden sind, scheint es ihm 
gerathener es zurückzuhalten, als wieder zu so grosser Schmach für 
die scholastische Theologie auf die Bühue zu treten. Das ist die 
Ursache ihres Geschreies, diese Wunde schmerzt sie und daher kommen 
die sinnlosen Tumulte. Sie wollen lieber, glaube ich, die Lehre 
Christi verschüttet schon, als etwas von der Majestät zweier oder 
dreier Magistri nostri fahren lassen. W r ahrlich weniger bin ich Uber 
die Carmelitcn und Predigermönchc, die sich nur durch die Farbe 
ihrer Gewänder unterscheiden, unwillig : sie dienen dem Magen und 
um des Magens Interessen handelt es sich; ich staune vielmehr 
darüber, dass Andere diesen Bestien unterwürfig sind. Eguiondanus 
meint, seine dumme Zunge werde gefürchtet (denn dessen rühmt er 
sich öfter von der Kanzel, die 3 ) unser Hutten eine Burg der Unver- 
schämtheit zu nennen pflegt), weil brave Leute nicht gegen den 
Rasenden rasen wollen. Kun höre, ich bitte dich, ihre Einfalt, höre! 
Sie erwarten, dass Luther gefangen genommen werde? Was heisst 
das Anders als nach Menschenblut dürsten. Da sie unfähig sind zu 
belehren, so wollen sie doch wenigstens verderben. Heisst das die 
Scharfrichter oder die Theologen spielen*)? Welche Entrüstung wird 



«) Erasmus sagt in dem zuletzt citierten Briefe Col 615: „Luther hat gewagt 
des Thomas Sätze zu verdammen, während doch dio Dominikaner sie fast den 
Evangelisten vorziehen ..... er hat gewagt die scholastischen Dogmen zum 
Theil gering zu schätzen, während sie selbst sie allzuhoch stellen und nichts- 
destoweniger über sie unter einander streiten. 44 

l ) Seines Dialogs de tribus Unguis etc. 

s ) In suggestu, quod: es ist wohl quem zu lesen. 

*) Mm ii vergi. den angeführten Brief des Erasmus Col. 515: „Menseben, 
welchen vor Allem Milde ziemen würde, scheinen nur nach Menschenblut zu 
dürsten, deashalb verlangt sie so darnach, dass Luther gefangen genommen, dass 
er zu Gründe gerichtet werde, aber das heisst Scharfrichter sein, nicht Theologe. 4 * 



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- 87 — 



die Nachwelt empfinden, wenn sie lesen wird, Luther sei ein treff- 
licher Mann gewesen, von wunderbarer Reinheit des Lebens, scharf- 
sinnig, gelehrt, geistvoll, ein ächter Christ, überdies ein Deutscher 
— und doch, weil er zuerst bei der so grossen Verkehrtheit der 
Theologen, bei der so verabscheuungswürdigen Tyrannei der Mönche 
gewagt habe freimüthig zu warnen und den von kleinlichen Menschen- 
satzungen längst schmählich geschändeten, ja mit Füssen getretenen 
Christus zu vertheidigen, sei er nicht mit Gründen noch mit Zeug- 
nissen der heiligen Schrift, mit denen er im Gegentheil stets unbesiegbar 
»eine* Unschuld geschützt, sondern durch Cabale und tyrannische Ver- 
schwörung der Schelme überwunden worden. Wenn Einige so viel 
Kühnheit l ) } wie diese hätten , würde in Kurzem die ganze Welt 
wissen, welche schmähliche , schimpfliche und ehrlose Thaten unter 
ihren weissen und schwarzen Gewfindern sich verbergen, und die, 
welche die Religion hochschätzen, würden lieber Bjjren oder Affen 
oder auch Vipern nähren als Viele von jenen Gattungen, denn ich 
will nicht Alle anklagen, obgleich der Ausnahmen, wie ich glaube, 
nur wenige sind. Woher diese Entweihung der Religion unter uns V 
diese gottlose Frömmigkeit? diese unwissende Gelehrsamkeit? dieser 
schmutzige Cölibat? Ich fühle es mit Unmuth, dass diese prachtvolle 
Stadt, dieBC hochberühmte Universität, so reich an cdeln Geistern, 
durch diese wenigen und unwissenden Schelme verpestet wird. In 
den übrigen Wissenschaften ist Atensis nicht ungelehrt, doch der 
Zorn beherrscht ihn ohne Maass — und was kann ein Zorniger be- 
u rt heilen ? was ein Feindseliger zur Entscheidung bringen? Egmon- 
danus ist zu dumm, als dass ihm auch nur Uber die Kochkunst ein 
Urtheil zustünde, und doch maasst er sich dessen an und zwar mit 
solchem Eifer, daBs er desshalb Bruder Kehle (Gula) genannt wird, 
weil sein Gaumen feiner ist als sein Geist Und nun verdammt er, 
was er weder gelesen hat noch versteht. Wenn die Pfleger der 
edeln Wissensehaft ihren Vortheil verstehen, so schärfen sie alle gegen 
diese ihre Federn, denn sie verdienen keine Schonung, es sind wilde 
Thiere, nicht Menschen. Man ziehe ihro Geheimnisse an das Licht, 
da sie selbst nicht aufhören wollen zu rasen. Ich höre, es sei in 
Einiger Händen ein Buch betitelt: Von den Denkwürdigkeiten der 
Predigermönche und Carmelitcn, wovon uns Nikolaus Quandus in 
einem seiner elegantesten Briefe einen Geschmack gegeben hat 8 ). 

') Insania, was hier nicht den Sinn von Raserei, sondern nur von Kühnheit 
haben kann. 

*) Angeführt in der Oesui-r'schen Bibliotheca universalis mit der Bemerkung: 
Nequitia istorum inonachorum his littcris depicta est. 



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Die Götter mögen verhüten, dass er unsere Erwartung nicht zu lange 
spanne. Wenn jene, wie sie heucheln, die Sache des Glaubens trieben, 
so würden sie ihre inquisitorischen Verhöre gegen die Bücher des 
Alvarus, des Sylvester, des Thomas de Vio richten *), aber von den 
Irrthümern der Predigermönche kein Wort! Soweit ich vermuthen 
kann, gelten ihre Angriffe nicht Luthern [allein], der hinlänglich gegen 
ihre Tyrannei geschützt ist, sondern allen edleren Wissenschaften, 
denn diese haben sie nicht gelernt und sind zu träge sie zu lernen, 
sondern zur Heuchelei geboren und erzogen, bergen sie sich hinter 
einem blendenden Vorwand. Sollten, was die Götter verhüten wollen, 
ihre Unternehmungen gelingen, so wird man sehen, wohin die Raserei 
der Bösewichter führen wird. Ich weiss, wozu sich diese verbreche- 
rischen Menschen, deren Namen, wie ich glaube, die Welt in Kurzem 
kennen und verabscheuen wird, verschworen haben. Diese Tyrannen 
unschädlich zu machen halte ich für nützlicher als die trotzigsten 
Türken über den Haufen zu werfen oder die noch verbrecherischeren 
Juden. Ich bewundere die Lindigkeit des Erasmus, dass er nicht 
mit seiner glücklichen Darstellungsgabe nachdrücklicher gegen jene 
ausfahrt, aber wie er in reiner Gesinnung Christ ist, so ist er auch 
allem Streit abhold und sucht seinen Trost in wahrhaft heiligen 
Studien. Er hat sich wieder der paraphrastischen Erklärung des 
Paulus zugewandt und wird sie den nächsten Winter vollenden. Und 
wie er das edelste Interesse pflegt, so sollten Andere nicht die Sache 
der Studien im Stiche lassen. Doch genug davon! Deinen letzten 
Brief habe ich die vorige Messe beantwortet Da sich mir hier gegen 
Erwartung ein sicherer Bote angeboten hat, so wollte ich dich nicht 
in Unkenntniss lassen und es war mir erwünscht meinen Unniuth 
vor dir auszugiessen. Hutten 's letztes Erzeugniss gefällt allen Ge- 
lehrten ausserordentlich. Möge er es noch über Nestor's Jahre 
bringen! So besiegt sich immer selbst jener glückliche und frucht- 
bare Geist. Unser Carinus strebt mit vollen Segeln nach der vollendeten 
Kenntniss beider Sprachen, wir dürfen hoffen, dass er in Kurzem 
nicht nur die Schweiz, sondern auch unser Deutschland mit dem 
Eeichthum seines Geistes verherrlichen wird. Diese Stadt und fast 
ganz Brabant ist von der Pest unberührt, aber wir leiden an einer 



') Vergl. den Brief des Ernsmns an Albrecht von Mainz, Col. 515: ,,Luther 
hat gewagt sich etwas maasslos über die Gewalt des Papstes auszulassen, über 
welche indessen jene früher allzu maasslos geschrieben hatten, unter welchen die 
Hauptsächlichsten drei Predigermönche sind: Alvarus <V), Sylvester und der 
Cardinal Sancti Sixti." Alvarus war übrigens Franziskaner. Vergl oben S. 82 Anm. 1. 



- 89 - 



Pest , die schädlicher ist als jene gemeine. In Löwen bei den 
Sykophanteu, den M[agistris] N[ostris] und ihren Fratres. Du, hoch- 
gelehrter Zwingli, fahre fort den lauteren Christus in die Herzen deines 
Volkes zu pflanzen. Im Jahre 1518, im Monat April. 11 

Dies ist der berühmte Brief Nesen's, die empfindliche Züchtigung, 
die er für das Verbot seiner akademischen Vorlesungen über des 
Pomponius Mela Geographie den Anstiftern, den Magistris nostris, 
angedeihen Hess. Das Schriftstück athmet die ganze Derbheit, aber 
auch den unerschöpflichen Humor und Witz, deren der Humanismus 
gegen seine Gegner fähig war; jede Zeile ist ein Schwertstreich, ein 
Keulcnschlag , der wohlgezielt auf die Häupter der Feinde des 
klassischen Alterthums und der aus dem Studium desselben auf- 
gehenden Aufklärung niederfiel. „Dieses Schriftchen, sagt Hagen 1 ), 
machle grosses Aufsehen, weil es mit schonungsloser Wahrheit die 
einzelnen Männer, welche dort die grossen Herren spielten, in ihrer 
ganzen Blosse hinstellte." Die Züge, in denen Nesen die Charakter- 
bilder der Gegner entwirft, sind den Schilderungen entlehnt, in denen 
sie Erasmus im trauten Kreise seiner Freunde portraitirte und die er, 
nur mit mehr zurückhaltender Vorsicht, auch seinen Briefen anver- 
traute. Auch Nesen lässt wie Erasmus die ganze Wucht seines Un- 
muthes auf den Carmeliten Egraondanus fallen,. wenn auch dieser nur 
der Sack ist, auf den er schlägt, während er den Esel, in diesem Falle 
ein Collectivbegriff, meint. Ich habe als Parallelen einige Stellen aus 
des Erasmus Brief an den Churfürsten von Mainz vom 1. Novem- 
ben 1519 beigefügt. Sie sind von Nesen treu bentttzt. Dieser Umstand 
seheint mir zur Feststellung der Zeit, in welcher Nesen's Brief ge- 
sehrieben wurde, beachtenswerth. Ich glaube, dass beide Schriftstücke 
so ziemlich derselben Zeit angehören und der Ausdruck derselben Stim- 
mung sind, in welcher beide Männer sich begegneten. Des Erasmus 
Brief ist vom 1. November 1519 datirt, der des Nesen an Zwingli 
wird nicht lange nach dem 7. November, dem Tage der Löwener Ver- 
dammung, jedenfalls noch vor Ablauf des Jahres 1519*), ge- 
schrieben sein, wenn er auch erst später im Laufe des Jahres 1520 
zum Drucke befördert worden ist 3 ). Die stellenweise Benützung des 



') Deutschlands littcrarische und religiöse Verhältnisse im Zeitalter der Re- 
formation, 2. Aufl. H, 39. 

J ) Die Richtigkeit dieser Zeitbestimmung wird bestätigt durch die Erwäh- 
nung der Pest, die gegen Ende 1519 in Deutschland und namentlich in Zürich 
wüthete und von der auch Zwingli ergriffen war, vcrgl. Opp. VII, P. 97. 99. 1(X». 

») Der erste Druck, angeführt aus der Bibl. Scheurl. Xorirob. iu dem4. BaTideder 
Erlanger Ausgabe vonLuther's Opp. var. argum. S. 176 bat einen Anhang, aber weder 





- 90 



Schreibens des Erasmus macht es wahrscheinlich, daBS dieses dem 
Nesen bei der Abfassung des seinigen vorlag. Auffallend kann es nur 
erscheinen, dass Nesen bei aller Anerkennung, die er Luther s 
Charakter und Schriften zu Theil werden lässt, gleichwohl sich noch 
mit einer gewissen Zurückhaltung ausspricht und jede nähere Be- 
ziehung zu seiner Theologie ablehnt Auch Erasmus betheuert es in seiner 
(Korrespondenz mit Cardinal Albrccht von Mainz feierlich, dass er mit 
Luther sowenig als mit Reuchlin etwas gemein habe und ihrer Sache 
persönlich vollkommen ferne und fremd stehe. Aber was bei Erasmus nur 
furchtsame und feigherzige Politik war, hatte bei Nesen noch volle Wahr- 
heit und war aufrichtig gemeint. Er fühlte sich von den humanisti- 
schen Interessen noch so sehr durchdrungen , dass er für Luther vor- 
erst nur die Theilnahme empfand, die ihm der Humanismus Uberhaupt 
als dem kühnen Bestreiter des Mönchthums und der Scholastik , als 
dem freisinnigen Beförderer der Aufklärung zuwandte. Für die tieferen 
religiösen Impulse, die den deutschen lieformator bewegten, hatte er 
noch kein Verständniss. Während Erasmus sich im engeren Kreise 
ganz anders und mit unverhohlener Freude über Luthers Erfolge 
äusserte, führte Nesen, ein Charakter aus einem Stück uud Guss, in 
dessen Seele kein Hinterhalt war, auch hier die gleiche Sprache 
Wir haben dafür einep unzweideutigen Beweis. Durch warme Freund- 
schaft war er in Paris mit dem Friesen Hermann Humpius verbunden 
gewesen. Als er die französische Hauptstadt mit Carinus veriiess, um 
sich in Löwen zu habilitiren, wollte sich Hermann von dem Freunde 
nicht trennen, sondern begleitete ihn nach Belgien. Am IG. Oktober 1519 
konnte Erasmus den gemeinsamen Pariser Freund Nesen's und Her- 
mann's , den Thomas Lupsetus in England, des Wohlbefindens der 
drei Ansiedler in Löwen versichern. Allein eine Verstimmung, deren 
LTrsache Nesen selbst nicht angeben konnte oder vielleicht nicht wollte, 
hatte, wie er am 20. April 1520 an denselben Lupset schrieb, den 



Druckort noch Jahrezahl. Der Herausgeber Schmidt nimmt richtig dafür das Jahr 1520 
an. Damit erklärt sich auch die Aeusserung des Burkard Wirz an Zuingli vom 
8. April 1521: „Schon längst erschien ein Brief über die Magistri nostri zu 
Löwen, von einem unbekannten Verfasser an dich geschrieben, den ich dir als 
Geschenk geschickt hätte, wenn ich nicht voraussetzte, dass cc dir bereits zuge- 
kommen wäro (Zwingli. Opp. VII, 172). Auch Schelborn führt (a. a. 0. S. 317) 
die Ausgabe des Briefes von 1520 mit dem Anhang: Vita S. Nicolai sive stul- 
titiac oxcmplar, einer satyrischen Biographic des Egraondanus, nn, welcho letztere 
wahrscheinlich gleichfalls aus Nesen's Feder geflossen ist. Es ist mir bis jetzt 
nicht möglich gewesen ihrer habhaft zu werden. 



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Hermann veranlasst wieder nach Paris zurückzukehren *). Von hier 
aus nun richtete dieser am 14. März (1520) einen Brief an Luther 
folgenden Inhalts 3 ): „Als ich jüngst (nuper) zu der Haus- und Tisch- 
gesellschaft (contuberuium) des Herrn Erasmus gehörte, — denn etwas 
über oder unter acht Monate lebte ich mit ihm zusammen — erkannte 
ich deutlich, wie hoch dieser Mann von feinem Urtheile Luther schätzte 
und zwar gegenüber seinen Tischgenosseu (naqa rolg bftoiQaniCois), denen 
er als treuer Genosse alle Empfindungen seines Herzens anzuver- 
trauen pflegte. Derselben Ansicht war auch Wilhelm Nesen (sein Name 
ist irrthümlich Messenus geschrieben), der Luther nur nicht so hoch 
verehrt (adorat). In eben dem Maasse, als ich mich an dem gewich- 
tigen Urtheile Beider erfreute, musste jene voreilige Verdammung der 
Cölncr und Löwener Theosophisten mein Gemüth betrüben. u Auch 
für die Bestimmung der Abreise Nesen's von Paris ist die Stelle 
wichtig. Ist es nämlich höchst wahrscheinlich, dass Hermann der Friese 
mit Nesen und Carinus zugleich nach Löwen übersiedelte und ist der- 
selbe etwa zu Endo Februars oder Anfangs März 1520 nach Paris zurück- 
gekehrt und zwar, wie er selbst erklärt, nach einem Aufenthalt von 
etwa acht Monaten in Löwen, so wird wohl auch Nesen im Juli 1519 
Paris verlassen haben und nach Löwen gekommen sein, was mit 
meinen oben gegebenen Ausführungen vortrefflich zusammenstimmt. 



IX. Der Streit des Erasmus mit Eduard Lee und Nesen's 
Antheil an demselben 1519 und 1520. 

Die Jahre 1519 und 1520 wnrden für Erasmus nicht nur durch 
die Angriffe der Löwener Theologen, mit denen die Pariser und 
Cölncr enge verbunden waren, sondern auch durch die Angriffe von 



») Siehe den Brief in Abschnitt IX. 

») Mitgetheilt in den von Henke und Bruns 1781 herausgegebenen Acta 
Hteraria I, 481 und abgedruckt bei Haupt S. 68 Anm. 14»'- Die Jahrszahl fehlt, 
kann aber, wie schon Henke und Bruns wegen der Erwähnung der Löwener 
Censur mit gutem Grunde annahmen, nur 1520 sein. Der Name HermanmiB Hum- 
pius Phryso kommt nur hier vor, in den Briefen des Erasmus wird er entweder 
Hermannus Frisius oder Hajo Hcrmannus Frisius genannt. Ich habe keinen Grund 
an der Identität der Person unter diesen drei Bezeichnungen zu zweifeln. 
Hermann der Friese blieb auch später zu Erasmus in vertrauter Beziehung und 
wird von diesem um seiner glücklichen Anlagen, seines reichen Wissens und 
seines vielversprechenden Strebens willen in seinen Briefcu vielfach gerühmt 



- 92 - 

Eduard Lee verbittert ! ). Dieser, ein Engländer oder Schotte, der in 
Löwen die griechische Sprache lehrte, hatte sein Wissen darin vor- 
nehmlich dem Erasmus zu danken, dessen Unterricht er lange genossen 
und mit dem er in freundschaftlichem Verkehre gestanden hatte; aber 
sowohl des Erasmus Freunde als er selbst schildern ihn als einen 
anmaassenden, ruhmbegierigen und rachesUchtigen Charakter, dessen 
Eifersucht es nicht ertragen konnte Andere in höherer Achtung als 
sich selbst zu sehen. Diese Eigenschaften, die sich schon frühzeitig 
in dem Knaben verriethen, seien in dem Jüngling und dem Manne noch 
schärfer hervorgetreten und in seiner Naturanlage so tief begründet, 
<lass er sie auch als Greis nicht verleugnen werde *). Schon im 
Jahre 1517 klagt Erasmus, dass er im Bunde mit den Löwencr Do- 
minikanern chrenwerthe Männer verdächtigt und dadurch Streitigkeiten 
hervorgerufen habe 3 ). Die Anmerkungen, welche Erasmus zum Neuen 
Testamente geschrieben und die bei seinen zahlreichen Verehrern 
ebensoviel Anerkennung und Bewunderung gefunden hatten, als sie 
den Obscurauten anätössig waren, weckten in ihm den ehrgeizigen 
Gedanken durch eine kleinliche Kritik den Ruhm des Gefeierten zu 
vernichten. Er schrieb gegen hundert Gegenbemerkungen, durch 
welche er des Erasmus Erklärungen zu widerlegen und so das 
ganze Werk desselben zu beleuchten beabsichtigte. Aber statt mit 
dieser Gegenschrift offen und frei hervorzutreten, zeigte er sie zwei 
Jahre lang nur seinen Verbündeten , den Löwcner Feinden des 
Gegners, namentlich den Mönchen; während er in dem eigenen Heer- 
lager die Meinung verbreitete, dass Erasmus überwunden sei, benahm 
er diesem die Möglichkeit seine Auffassung des biblischen Textes zu 
rechtfertigen. „Wenn du Allen nützlich werden" willst, achreibt ihm 
darum Erasmus am 15. Juli 1519 4 ), warum giebst du dein Werk 
nicht heraus? wenn du mich dadurch belehren willst, warum soll es 
mir allein versagt bleiben dasselbe zu losen?" Seinen Schüler und 
Nesen's Freund, den Genossen des Collegiums Corporis Christi zu 
Oxford, Thomas Lupsetus, versichert er am 16. Oktober I519 8 ), er 
werde sich ein unsterbliches Verdienst erwerben , wenn er ihm dazu 



•) Ausser den Briefen des Erasmus selbst sind eine Ilauptquclle für die 
Geschichte dieses Streites die Epistolac aliquot cruditnruni, über die wir unten 
eingehender reden werden. 

2 ) Erasmus Brief an Pirckheimer vom 5 Sept. I52U Ep. 527, Col. 57G. 

») Erasmus an Johann Botzemius 16. Mai 1517. Ep. 248, Col. 2.'W. 

♦) Epist 44«, Col. 471. 

») Epist. 467, Col. 508. 



- 93 — 



verhelfen könne, dass ein Exemplar davon in seine Hände komme. 
Besonders schmerzlich war es ihm, dass selbst Wohlwollende, wie der . 
spätere Bischof von London Cutbert Tunstall, anstatt den Druck des 
Buches beim Gegner zu betreiben, diesen aus Schonung für Erasmus 
zu bereden suchten von der Veröffentlichung abzustehen J ). In allen 
Künsten der Intrigue gerieben, verschmähte Lee kein Mittel seinen An- 
hang zu vergrössern, er hielt sich mehrere Schreiber und schleuderte 
durch diese unzählige Briefe nach allen Richtungen, um den Erasmus 
zu verkleinern ; er suchte alle nach Löwen kommende Landsleute auf, 
bewirthetc sie reichlich, hielt sie von Erasmus fern und entHess sie 
erfüllt von den Anklagen , welche er gegen den Verhasstcn erhob. 
Er machte den Klöstern, besonders solchen, deren Bewohner im Ge- 
rüche ausgezeichneter Heiligkeit standen, reiche Geschenke au Wein 
und Speisen, um sich ihrer Gunst und Unterstützung zu versichern; 
er besoldete allenthalben Werkzeuge, welche mit Geschick die ihnen 
zugetheilte Holle in diesem Intrigucnspiele ausführten 2 ). Gegen Hein- 
rich VIII. von England machte Erasmus kein Hehl aus dem Verdacht, 
den er bisweilen wieder zurücknahm, dass Lee in dem Dienste solcher 
stehe, die selbst nicht mit offnem Visier gegen ihn aufzutreten wag- 
ten 3 ). Noch ehe sein Buch in die Oeffentüchkeit gelangt war, er- 
hoben sich in Deutschland zahlreiche Gegenstimmen zu Gunsten des 
Angegriffenen und es wurden Schriften gegen den Angreifer ver- 
breitet. Erasmus hatte Mühe die Ungeduld seiner Verehrer zu zügeln 
und bat sie dringend, was sie auch thäten, sich wenigstens jeder 
Schmähung des englischen Volkes zu enthalten*). 

Am 15. März 1520 schreibt er an Franz Chieregati, djen päpstlichen 
Staatssecretär 6 ), dass das Buch Lee's erschienen und er mit einer 
maassvollen Gegenschrift beschäftigt sei Mit dieser ersten Nachricht 
verbindet er in einem Briefe an Pirckhcimer vom 19. März 1520*) 
die weitere Mittheilung, dass er auf dieses Buch, gegen welches die 
Schriften Hochstraten's und Pfefferkorn's Honig seien, bereits ge- 
antwortet habe. Er Hess dieser ersten Apologie im folgenden Jahre 
noch zwei andere folgen T ). Lee's Buch erschien unter dem Titel : 



•) Brief an Tunstall vom 16. Okt. 1519, Epist. 471, Col. 609. 

*) Erasmus an Tirckhcimer von Löwen 5. Sept. 1519, Epist. 707, Col. 575. 

») Epist. 631 vom 14. Sept. 1620, Col. 5S1. 

♦) An Johann Fischer, Bischof von Rochester, 2 August 1519, Ep. 449, Toi. 481. 

Epist. 498, Col. 543. 

Append. Ep. 472, Col. 1081. 
') Sie stehen im 9. Bande der Leydener Ausgabe seiner Werke, der über- 
haupt die Apologien enthält. 



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I 



- 94 — 

Annotationum libri duo in Annotationes Novi Testament*! Doraini 
Erasmi Basil. 1520 *). Nach einer Mittheilung Wolfgang Capito's 
von Basel am 17. März 1520 2 ) hat es Conrad (Rcsch, Froben's Ver- 
wandter) in Paris gedruckt und nach Basel gebracht. Da Resch 
auch eine Handlung in Basel besass, so lässt sich daraus der ange- 
gebene Druckort erklären, ohne dasa es nöthig wäre auf zwei Aus- 
gaben zu schliessen. 

Der Angriff des Eduard Lee entfesselte in allen humanistischen 
Kreisen einen wahren Sturm der Entrüstung. Von allen Seiten liefen 
Briefe an Erasmus ein, welche diesem Gefühle unverhohlenen Aus- 
druck gaben. Der berühmte Rechtsgelehrte Ulrich Zasius, dessen 
Unheil Bonifatius Amerbach am 19. März 8 ) Erasmus mittheilte, nannte 
Lee einen Wurm, der aus der Finsterniss hervorkriecht, um ein herr- 
liches Saatfeld zu benagen, in der Grammatik einen Stümper, in der 
Dialektik einen plumpen Mörserstösser , in der Philosophie einen 
Ignoranten, in der Theologie das Echo derer, welche ihm ihre Ge- 
danken leihen. „Wehe, ruft er, über dich Sophisten! Wehe dem 
Gestirne, das über deiner Geburtsstunde geleuchtet! Wenn die deut- 
schen Gelehrten deine Abgeschmacktheiten gesehen, was wird dir 
widerfahren, wie erbärmlich wirst du behandelt, wie schmählich an 
den Pranger gestellt werden ! Man wird sich nicht begnügen, dich 
zu zerreissen , sondern dich langsam bis zum Tode zerstücken." 
„Nach Ruhm dürstet der elende Wicht, schreibt am 17. März Wolf- 
gang Capito 4 ) an den Gekränkten, und er soll trinken, wonach er 
dürstet, bis zum Ueberdruss. Wenn die deutschen Federn etwas 
vermögen, so wollen wir ihm einen noch glänzenderen Namen als 
den des Herostratus bereiten. Mir schmeichelt er mit heuchlerischem 
Lob und hält mich für so stumpfsinnig, dass ich solche Künste nicht 
wittere. Er behalte sein Lob! Kein Deutscher wird sich einen 
solchen Lobredner gefallen lassen, dessen Zustimmung entehrender 
ist als sein Tadel. Er schmeichelt auch Hutten und Capnio in 



«) Böcking a. a. 0. Suppl. I, 466 Annot. 38. 
*) Epist aliquot erud. Bog. F. 4a cf. Bog. B. 2. 
3 ) Ebendaselbst G. 2 und 3. 

♦) Ebendaselbst F. 4. Capito stand damals gerade im Begriffe nach Mainz 
überzusiedeln. Vor seiner Abreise schrieb er am 11. April 1520 an Zwingli 
(Opp. VII, 129) : „Ein gewisser Lee , ein Engländer , ein ungelehrter aber ehr- 
geiziger Mann, hat die giftigsten Schmähungen gegen Erasmus einfältig, schmutzig, 

stinkend alle zusammengeschauert und bat dennoch seine Bewunderer 

Gegen ihn denke ich nach der Reise zu schreiben, denn nach drei Tagen werde 
ich von hier nach Mainz aufbrechen." 



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- 95 - 



seiner Dummheit. Er hält uns für Stöcke, nicht für Menschen, aber 
als Menschen soll er uns kennen lernen, nicht als Schwämme. Die 
Krähe wird nach Verdienst behandelt werden und es soll uns 
wahrlich nicht genug sein ihr die fremden Federn auszureissen. Ich 
höre, dass Hutten's Feder schon in Bewegung ist. Oekolampad ist 
sanft und mild und doch entbrennt ob solcher Verleumdungen sein 
wahrhaft christliches Gemüth Deine wiederholten Ermah- 

nungen werde ich befolgen, so weit ich kann. Denn dass ich, wie 
du räthst, gar nicht antworten soll, kann ich meinem Herzen nicht 
gebieten ; dass ich, was du weiter wünschest, mit Bescheidenheit ant- 
worten soll, werde ich mir gesagt sein lassen, so woit es seine Un- 

bescheidenheit zulässt Sein Volk werde ich schonen, wie du 

befiehlst, und du befiehlst es mit Recht. Er selbst hat keine Scho- 
nung verdient, nicht mehr als ein Garten, in dem Schirling wuchert 
statt dass darin der beste Kohl gedeihe." Hermann von dem Busche 
nennt ihn in einem Briefe an Erasmus vom 5. Juni 1520 1 ) einen 
Mistkäfer, der zu seinem grössten Verderben sich einen Adler zum 
Kampfe ausgesucht habe. Nicht minder scharf hat unter den Deut- 
schen gegen ihn Hutten seine Feder gespitzt in einem Briefe, den er 
am 20. Mai an ihn von Mainz a ) aus schrieb. Im Eingangsgruss 
wünscht er ihm Genesung zu gesunder Vernunft (Huttenus eques 
Eduardo Leo resipiscere!). Er bedroht ihn mit vernichtendem An- 
griff, wenn er nicht seine Verunglimpfungen gegen Erasmus öffentlich 
widerrufe und sich förmlich dessen Verzeihung erbitte. „Das, schliesst 
er, betrachte als die einzige Sühne, um die Strafe von dir abzu- 
wenden, denn ich sage, dass du in Allem, was du geschrieben, 
gelogen, ich erkläre dich für ruchlos und unsauber und werde dich, 
wenn du uns nicht genug thust, der Nachwelt als solchen bezeugen 
und Uberliefern. Ich habe es dir im Voraus verkündigt." Mit unum- 
wundener Entrüstung lässt sich am 30. April 1520 Pirckheimer gegen 

Erasmus vernehmen 8 ): „Ich habe deine Apologie gelesen Ich 

wünschte, du hättest ganz geschwiegen oder einem solchem Menschen 



') Eraami Ep. 513, Col. 559. Die Epistolae aliquot Erudit. geben als Datum 
die nonac Junii, den 5. Juni, die Leydener Ausgabe den 7. Juli an. 

») Böcking Hutten! Opp. 1, 348. Epist. al. Eruditor. App. B. 2a, wo aber 
als Datum XIV Cal. .hin., der 19. Mai, angegeben ist. 

s ) Epist. aliqu. Erudit Append. A. 2. 3. Erasm. Epißt. cd. Lugdun. 504. 
Col. 549 bO(|. Einen undatirten Brief hat Pirckheinu-r in demselben Jahre und 
jedenfalls um dieselbe Zeit geschrieben, aber vielleicht nicht abgesandt, wenig- 
stens wurde von Erasmus nur der erste beantwortet (Ep. 527, Col 576), hat die 
1 eydener Ausgabe Ep. 5G1, Col. 617. 



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nach Gebühr geantwortet Ich weiss, dass du kein ungeübter 

Maler bist, aber Niemand^konnte den Lee besser conterfeien, als er 

selbst gethan hat Hättest du einen Menschen dargestellt bis 

zum Wahnsinn ruhmbegierig und ao in sich selbst verliebt, dass er 
es nicht begreift, warum sich nicht unter seines FusBes Berührung 
Alles in Rosen verwandele, der allein seine Gelehrsamkeit und seine 
Reinheit bewundert, während er nichts von dem Allem besitzt und 
nur Gift in seinem Busen trägt, so würdest du, obgleich du die 
volle Wahrheit gesagt hättest, vielleicht doch nicht bei Allen Glauben 
gefunden haben. Nun aber hat sich Lee selbst ao dargestellt." 

Aber auch unter den eigenen Landsleutcn fand Lee ungünstige 
Beurtheiler. Thomas Morus hatte bereits am 30. April 1519 ein 
ausführliches Mahn- und Warnungsschreibeu an ihn erlassen l ). Sein 
eigener Bruder Galfred, der in Löwen damals studierte, war mit 
seinem Treiben nicht einverstanden, hatte aber keinen Einfluss auf 
ihn. Thomas Lupsetus mahnte ihn persönlich, nicht als Jüngling mit 
dem Greise, nicht als Lehrling mit dem Altmeister zu streiten. Er 
zog sich dadurch nur dessen Hass zu 2 ). Derselbe schrieb von Oxford 
am 1. April [1520] an den Attentäter selbst 3 ): „Es ist mir nicht 
unbekannt, wie viel du dem Erasmus nicht nur im Lateinischen, 
sondern auch, wenn du etwas davon verstehst, im Griechischen ver- 
dankst. Hätte seinen angestrengten Bemühungen dich zu unter- 
richten dein Fleiss entsprochen, so würdest du es dahin gebracht 
haben im Griechischen heute Andern so gross zu erscheinen, als k du 
dir selbst scheinst." 

Die Urtheile hochangeschener und gelehrter Männer brachten 
in Erasmus einen Plan zur Reife, den wir aus einem höchst 
interessanten Briefe desselben an Jonas, damals noch in Erfurt, kennen 
lernen. Dieser Brief 4 ), der auch für Nesen von grosser Wichtigkeit 
ist, lautet 5 ): 



') Epist. aliqu Erudit B, 3a. -F. la. 

*) Thora. Lupsetius l'aynello in Epist. aliquot Erudit F. 2b eeq. 
3 ) Lupsetus Eduardo Leo, F. la seq. 

*) Er befindet sich im Cod. 399 des Staatsarchivs in Gotha. Ich verdanke 
der Güte des Herrn Pastor Krafft in Elberfeld eine Abschrift desselben und die 
Krlaubniss ihn zu veröffentlichen. 

») Eximio Jodoco Jonae Erasmus Roterodamus S. Accepi postreroas literas 
tuas amantissimas. Leo responsum est, ut ille non habeat posthac, quod 
hiscat, nisi velit convicia congercre, quod in promtu est et meretrieibus. Nunc 
supere8t alter actus, ut aiuici scribant literas censorias in Leum, sed ita ut 
laudent et doctos et prineipes Augliac doctia faventes, Leum unum onerent et 



„Erasmus von Rotterdam an den trefflichen Jodocus *) Jonas." 

„Meinen Gruss! Ich habe Deinen liebreichen letzten Briet* em- 
pfangen. Dem Lee ist so geantwortet worden, dass er künftig 
schweigen wird, wenn er nicht, wozu auch lose Dirnen bereit sind, 
Schmähungen häufen will. Jetzt ist noch der zweite Akt übrig, dass 
die Freunde beurtheilende Briefe gegen Lee schreiben, aber so, dass 
sie die Gelehrten und die den Gelehrten günstig gestimmten Grossen 
Englands loben, den Lee aber als den allein Schuldigen darstellen, 
doch ihn mehr als einen thörichten, ruhmredigen Schwindler ver- 
lachen, als bekämpfen. Ich wünsche viele solcher Briefe gesammelt 
zu sehen, damit er um so schwerer belastet werde. Die Gelehrten 
mögen sie sammeln und durch zuverlässige Leute an mich einsenden; 
ich selbst will sie durchsehen und ihre Veröffentlichung: besorgen. 
Ich habe dem Nesen Material gegeben, um euch Anweisuug zu er- 
theilen. Sie müssen durch grosse Manichfaltigkeit fesseln. loh 
möchte nicht, dass die Predigermönch e wüssten, welchen 
Freund ich Luther zugeführt habe. Die hiesige Universität 
ist von unheilbarer Raserei ergriffen — Atensis ist verschieden, 
aber gehässiger treiben es Egmondanus 2 ) und Latomus, deren (jener 
triefäugig, dieser lahm ist. Grüssc alle Freunde, und wer unter ihnen 
den Erasmus liebt, der behandle nach Gebühr den Lee. Zu Löwen 
am Ostermontage (0. April) 1520. Dein Erasmus." 

Auch Reuchlin hatte sechs Jahre früher (1514) die Briefe aus- 
gezeichneter Gelehrter an ihn (clarorum virorum epistolae), die ebenso- 
viele Zeugnisse für ihn waren, herausgegeben. Ein ähnliches Unterneh- 
men beabsichtigte jetzt Erasmus. Er wollte das Urtheil der gesammteu 



hunc magis videant [rideantV] ut stultulura, ut gloriosum ut fucatulutn, quam 
ut insecteutur. Cupereni colligi multas cpistolaB tales, quo inagis obruatur. 
Colligantur a doctis et ad me mittantur per certos homines, ipsc recognosenm et 
curabo aedendas. Sit in his magna varietas. Dedi Wilhclmo Noseno, quo 
vos instituat Nolim scire praedicatores, qualem amicum prae- 
stiterim Luthero. Haec Academia coneepit imraedicabilem insaniam. Pcriit 
Atensis, sed odiosiua agunt Edmondcnsis et Latomus, altor lippus, alter claudus. 
Saluta amicos omues et si quid amat [si qui ainantV] Erasiuum, hunc Leum 
tractent, ut dignus est. Bone vale. Lovanii postridie Paschac anno 1520. 
Tuup Erasmus. 

>) Jonas, der Freund und Verehrer Luther's, hiess eigentlich Jodocus Koch, 
des Jonas Koch Sohn. Er nannte sich anfangs Jodocus Jonä, später Justus 
Jonas. Vergl. Beine Biographie von Prcssel S. 1. 

*) Erasmus schreibt hier ausnahmsweise Edmondensis (wie Nesen) statt 
Egmondanus. 

VI. 7 



- 08 - 



llumanistenschaar Deutschlands gegen seinen Widersacher, aber mit 
möglichster Schonung der englischen Nation, provocieren. In diesem 
Sinne hatte er bereits selbst an Capito und Andere geschrieben und 
wandte er sich nun auch an den ihn feiernden Kreis in Erfurt. 
Nesen erhielt den Auftrag selbst dorthin zu reisen l ) und den Freunden 
den vollständigen Feldzugsplan mitzutheilen, der auf die Verurtheilung 
und moralische Vernichtung des Gegners durch die öffentliche Mei- 
nung abgesehen war. Der Freund, den er Luthern gestellt hatte, 
dessen Ansehen, wie aus dem Briefe hervorgeht, schon damals in 
Erfurt hoch stand, war selbstverständlich Nesen und die Freundschaft 
hatte dieser Luther bereits durch die Veröffentlichung der epistola 
de Magistris nostris und durch die zermalmenden Keulenschläge er- 
wiesen, welche er darin auf die Urheber des Löwener Verdammuugs- 
urtheils geführt hatte. 

Auch mit soinem Freunde Thomas Lupset in Oxford unterhielt 
Nesen eine lebhafte Correspondenz, die einen Thcil der Briefe einiger 
gelehrter Männer bildet und um denselben Gegenstand und dieselbe 
Person sich bewegt. Nachdem Lupset in einem Schreiben an Nesen 
vom 14. März 1520 8 ) sich über Lee's Annotationes erst im Allge- 
meinen ausgesprochen, weist er ihm eine Reihe von Irrthümern und 
Verkehrtheiten nach; dann sagt er gegen das Ende: „Aber mein 
Brief ist über Gebühr lang geworden. In einem einzigen kurzen 
Büchlein werde ich euch überreichen Stoff zum Lachen geben. Eine 
Probe des Werkchens wollte ich dich indessen zum Voraus kosten 
lassen. Dich aber bitte ich, theuerster Nesen, bei den Heiligthümern 
der Musen, in die wir gemeinsam eingeweiht sind, und bei der auge- 
nehmen Gemeinschaft des Lebens; welches wir zu Paris geführt, dass 
du vor Allem deine Deutschen überzeugest, es gebe kein Volk, dem 
diese That mehr missfällt, als die Engländer. Ich weiss nicht, was 
er thun würde, wenn er hörte, mit welchem Gekicher, Gelächter und 
Spott Alle seine prahlerischen Annotationes begleiten und welche 



«) Dios Klaube M> aus den Worten: Dcdi Wilhelrao Ncseno, quo vos insti 
tont, 8chlies8en zu dürfen, denn die Anweisung, die ihm Nesen geben sollte, kann 
gewiss nicht eine schriftliche gewesen sein, auch werden wir sogleich sehen, dass 
Nesen eben um die Zeit, da Erasmus schrieh, auf einer Keise in Deutschland 
begriffen war. 

») Epist. aliquot Erudit. A. 2-B. 2. Der Brief ist vom Jahre 1519 datirt, 
gehört aber nach seinem Inhalte dem Jahre l. r >20 an, ohnehin dem einzigen, in 
welchem Lupsct seinen Freund am 13. März in Löwen anwesend glauben 
konnte. 




- 99 — 



Flüche, Verwünschungen, Vermaledeiuugen sie auf sein Haupt herab- 
beschwören. Wäre ich Lee, ich würde mir einen Baum suchen, um 
mich autzuhängen. Wenn du daher kannst, so überrede Alle, dass 
er kein Engländer sei , sondern anders woher , aus Sarmatieu, oder 
wenn du lieber willst, aus der liöllc uns zugesandt, ü wie wünschte 
ich, dass dem so sei! wie betrübt es mich, dass eine solche Kukuks- 
brut aus einem Nest mit mir ausgekrochen ist! Welche Unheil ver- 
hängende Gottheit hat diesen unheilvollen Sinn dem Lee einge- 
pflanzt." Den Briet' begleiteten noch einige andere Briete von 
Lupset und von Thomas Moore nach Löwen. 

Nesen fand das Schreiben bei seiner Kückkehr aus Deutschland 
in Löwen vor und beantwortete es sofort am 20. April 1520 l ). Wir 
theilen seinen Brief bis auf eine Stelle mit, die wir unterdrücken 
müssen, weil sie beweist, mit welcher Derbheit selbst die Vertreter 
der humanen Bildung und des feinen Geschmacks sich damals in 
ihrer Polemik zu ergehen wussten: „Aus Deutschland zurückgekehrt, 
fand ich in Löwen den Faseikel deiner Briefe an mich. Es konnte 
mir nichts Angenehmeres begegnen. Nicht besser gefiel das Buch 
Eduard Lee's den Deutschen als nach deiner Mittheilung den Eng- 
ländern. Es wurde von allen Gelehrten verlacht Sie fragten mieh, 
was für Aerzte wir in diesem Lando hätten und ob nirgends Nieswurz 
wachse. In Frankfurt wurde das Buch feilgeboten , aber von 
Niemand des Ankaufs werth gehalten. Einige, die es gekauft, for- 
derten Tags darauf ihr Geld zurück, sie sagten: Ich wollte ein Buch 
kaufen, du hast mir nicht ein Buch, sondern Wahnsinn aufgebunden. 
Alle Deutschen knirschten und ergossen sich in Drohungen und 
Verwünschungen. Wozu du mich ermahnst, das habe ich von freien 
Stücken gethau, weil P^rasmus mich dringend darum bat. Dieser 
hatte, noch ehe Lee's Buch erschien, sorglich in Briefen alle oder 
doch seine vornehmsten Freunde gebeten, sie möchten nicht zu heftig 
gegen ihn auftreten und sich nicht in Schmähungen auslassen. Ebenso 
that er in Löwen und zeigte sich dabei nach meinem Urtheilc so 
sehr für Lee besorgt, dass er einige seiner Freunde verstimmte. Denn 
Lee hat des Mannes Humanität missbraucht, indem er, der vorher 
nicht sein Haupt zu erheben wagte, bald darauf in trunkenem Sieges- 
wahn ihn zu beschimpfen und sogar mit einer neuen Schlacht zu 
bedrohen wagte. Ich traue dem Menschen nicht viel Kopf zu, halte 
ihu aber nicht . für so kopflos , dass er sich dies unterstehen wird. 



2 ) Ibidem B. 3 n. 4. Der Brief hat keine Jahrszahl, kann aber nur 1520 
geschrieben sein. 

7* 



- 100 - 

Vielleicht wird er, was auch die Kuppler und Dirnen können, 
schimpfen, aber niemals auf die Anmerkungen mit Gründen ant- 
worten, wie keck er auch damit droht, da er nicht Wenige hat, die 
ihm das Material dazu geben, denn in dem eigenen Hause hat er 
nur Gift. Entweder täuscht mich raein Sinn oder er wird nach 
Verdienst behandelt, trotz der Einwendungen des Erasmus. Nur 
Eins wird den Wünschen des Erasmus gewährt: die Nation wird 
geschont, Lee aber, was seiner Thaten wcrth ist, empfangen, damit 
er verlerne zu schmähen. Die Herzen der Deutschen werden es 
nicht ertragen in solcher Weise den angegriffen zu sehen, der ihr 
Ruhm ist. Nicht wird der geschont werden, welcher einen um Alle 
wohlverdienten Mann in keiner Weise geschont hat Schon glüht 
in Vielen die Lust: sie wünschen nichts mehr als Lee vor sich zu 
haben. Hier und dort hörte ich: O wäre er da, dürften wir ihn 
mit Gastgeschenken bewirthen! Wenige Tage nach dem Erscheinen 
von Lee's Buch trug sich hier folgende artige Geschichte zu. Er 
hatte sein Buch in der Bibliothek der Minoritcn aufstellen lassen, 
denn die Predigermönche haben es zurückgewiesen, weil er darin, 
wie sie sagen, den Feind ihres Ordens, den Capnio, gelobt habe. 
Vorsichtig wurde es an eine Kette gelegt gleich am Eingange der 
Bibliothek, damit es ja Allen zur Hand sei. Es war dort aufgestellt 
worden, damit nach diesem von Lee durchgesehenen Exemplare die 
ITebrigen ihre Handschriften verbesserten, denn er selbst bezweifelte 
nicht, dass das Buch von Allen einstimmig gebilligt werden würde." 
Nesen erzählt nun, dass den Minoriten eine Schenkung an Wein ge- 
macht worden, dass sie zufällig an dem Tage, an welchem der Codex 
in ihrer Bibliothek aufgestellt wurde, ein Gelage gehalten, dass 
Einer in seiner Trunkenheit den kostbaren Schatz als Abort benützt 
und in einen ganz abscheulichen Zustand versetzt habe. Die Mönche 
beabsichtigten gegen den unbekannten Thäter die Excommunication, 
fanden aber doch bei genauerer Erwägung den Anlass zu schmutzig. 
Die Humanisten verewigten den Vorfall in Epigrammen, deren Nesen 
zwei seinem Freunde zusendet und die vielleicht seiner eigenen 
poetischen Ader entflossen waren. Er selbst giebt Rathschläge, wie 
die Gegner das Corpus delicti als Reliquie zweckmässig verwenden 
könnten. Dann fährt er fort: „Dein Buch erwarten wir mit Ungeduld, 
denn der Vorschmack , den wir davon empfangen haben, mundet 
uns ausserordentlich. GJaube mir, du wirst dir .die Gunst aller 
Freunde der edeln Studien erwerben, für welche Deutschland jetzt 
zu den Waffen zu greifen bereit ist. Dieses Land verflucht Lee so, 
dass es sogar sein Lob verschmäht. Unser Hermann [Humpius 



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- 101 - 



Phryso oder Frisius] hat sieb, ich weiss nicht, wodurch verletzt, nach 
Paris zurückbegeben, um dort ungestörter den edeln Studien zu 
leben, obgleich hier hinlängliche Ruhe herrscht und noch grössere 
herrschen würde, wenn nur das eineCarael 1 ) fortwäre. Lebe wohl, 
trautester Genosse. Löwen, 20. April" [1520]. 

Der Brief verlässigt uns, dasB Nesen um die Zeit, als Erasmus 
den seinigen an Jonas schrieb (9. April), in Deutschland verweilte. 
Wir dürfen zugleich daraus schliesscn, dass er zur Zeit der Fasten- 
messe sich in Frankfurt aufhielt, wahrscheinlich hat er hier die 
litterarischen Neuigkeiten für den Freundeskreis des Erasmus besorgt. 
Wir müssen bedauern, dass wir über die Dauer und die Ausdehnung 
seiner Heise nicht genügend unterrichtet sind. Wir können daher 
auch nicht beurtheilen, ob die Notiz Pirckheiraer 's in einem un- 
datirten, aber nach seinem Inhalte in diese Zeit fallenden Briefe 
vom Jahre 1520 an Erasmus: „Wilhelm Nesen hat dir dos Latus 
Schriften geschickt*)," auf die Ausdehnung derselben bis Nürnberg 
schliesscn lässt oder dahin zu verstehen ist, dass Nesen in Frankfurt 
durch Nürnberger Buchhändler die Sendung Pirckheimer's zur Be- 
förderung au Erasmus empfangen habe. 

Die Absicht, welche Erasmus mit der Reise Nesen's nach Deutsch- 
land verband, wurde erreicht. Viele Briefe liefen von allen Seiten 
ein. Indessen mochte gerade die Leidenschaftlichkeit, welche die- 
selben athmeten und zu deren Steigerung sein junger Freund, wie 
wir aus dessen Antwort an Lupset sehen, gegen den Wunsch des 
Meisters beigetragen hatte, dem maassvollen Sinn und cler ängst- 
lichen Vorsicht des letzteren nicht zusagen. Er verzichtete daher 
auf die Herausgabe. Am 5. September 1520 theilt er Pirckheimer 
mit s ), dass mehrere Gelehrte an ihn ganze Hefte oder richtiger 
Bände von Briefen eingesandt hätten, worin sie den Lee Glied für 
Glied zerstückten, er aber (habe dieselben zurückbehalten (pressi) 
und Niemanden zu leseu gegeben, theils weil er damit die Tragödie 
abschliessen , theils weil er Lee nicht den Schein einer Bedeutung 
dadurch beilegen wollte, dass so viele und so grosse Männer ihre 
Griffel gegen ihn gespitzt hätten. In gleichem Sinne sehreibt er 
von Cöln am 11. November 1520 (um die Zeit, wo er daselbst das 
berühmte Urtheil Uber Luther gegen den Churfürsten von Sachsen fällte) 



•) Egmondanus. 

*) Epiat. 561. Col. 619. Vergl. darüber oben S. 95. Anm. 1. 
') Ep. 527, Col. 577. 



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- 102 — 



an Jodocua Jonas *): „Die Briefe gegen Lee habe ich, obgleich er 
Härteres verdient, dennoch unterdrücken zu sollen geglaubt, theils 
aus andern Gründen , theils und vornehmlich darum, damit wir ihm 
nicht eine Parthei zusammenbringen, da auch unsere Gegner nichts 
von ihm wissen wollen." 

Allein bereits hatte das Feuer, das er selbst unter seinen Ver- 
ehrern angezündet, um sich gegriffen und er war nicht mehr im 
Stande die hervorbrechenden Flammen zu beschwören. Der Erfurter 
Kreis unter Eoban Hesse'» königlicher Leitung gab, angeregt durch 
Petrejus Eberbach, eine Reihe von Epigrammen heraus, in denen 
ausser diesen beiden Euricius Cordus, Anton Niger und Adam Crato 
den „öffentlichen Feind" der Verachtung und dem Spotte der Zeit- 
genossen blossstcllten 2 ). 

In Antwerpen erschien eine kleine Sammlung von Briefen ge- 
lehrter Männer gegen Lee unter dem Titel: Epistolae aliquot Erudi- 
torum nunquam autehac excusae, multis nominibus dignae, quac 
legantur a bonis omnibus, quo magis liqueat, quanta sit insignis cuius- 
dam Sycophantae virulentia. Das Buch umfasst vierzehn und einen 
halben Bogen und ist beschrieben von Böcking Hütt. Opp. I, Ind. 
bibliogr. S. 02 Nr. 52. Allein es hat auch einen offenbar etwas 
später hinzugekommenen Anhang: Appendix epistolarum, quibus 
eruditi viri detestantur Eduardi Lei virulentiam, den Böcking nicht 
kannte. Er umfasst zehn Blätter, am Schlüsse ist Druckort und 
Verleger angegeben: „Antwcrpiac apud Michaelem Hillcnium Hoch 
stratanum" (d. h. aus Hoogstraten). Das Werk gehört jedenfalls dem 
Jahre 1520 an. Das Buch selbst enthält die Briefe des Thomas 
Lupset an Nesen, Lee und Pavnellus, den Brief Nesen's an Lupset, 
zwei Briefe des Thomas Moore an einen Mönch, der die Richtigkeit 
der Erasmischcn Uebersetzung von Joh. 1, 1: In prineipio erat 
sermo, bestritt s ), zwei Briefe von Wolfgang Capito und von Boni- 
facius Amcrbach. Da fünf dieser Briefe ohne Zweifel zum Faseikel 
gehören, den Lupset am 14. März 1520 Nesen zusandte und dieser 



') Ep. 543, Col. 592. 

3 j In Eduarduui Lcum Quorundam c sodalitatc Litcraria Erpburdicnai Eras- 
mici Hominis studiosorum Epigrauimata. Erph. ap. Cnapp 1520. Ich kenne das 
seltene Buch nur aus Kampschulte's Werke: die Universität Erfurt in ihrem 
Verhältnisse zu dem Humanismus und der Reformation I, 255. 

a ) Im (atologus lucubrationum B. 6 erzahlt Erasmus, in London, Paris und 
Brüssel hätten die Mönche in vielen Predigten gegen ihn geeifert , das» er 
verbum mit sermo vertauscht hätte. Eine besondere Apologie im 9. Bande der 
Leydener Ausgabe ist bestimmt diese Ucbersetzung zu rechtfertigen. 



- 103 - 



bei seiner Rückkehr aus Deutschland um den 20. April in Löwen 
vorfand, so stehe ich nicht an. Nesen für den Herausgeb er 
sowohl des Buches als des Anhangs zu halten, welcher 
vier Briefe, nämlich von Wilibald Pirckheimcr und Hermann von dem 
Busche an Erasmus, von Ulrich Hutten an Lee, von Gerhard Listrius an 
Beatus Rhenanus bietet Als charakteristisch hebe ich aus dem 
letzteren hervor, dass Listrius, der damals eine Schule in Zwoll leitete, 
seine »Schüler zur Uebung in der lateinischen Versification Epigramme 
gegen Lee componiren Hess und vier der gelungensten seinem gelehrten 
Freunde von der Baseler Zeit her mittheilte. Sein Brief schliesst : „Solche 
.Jungen hat unsere Schule aufzuweisen, die an Wissen dem Lee nicht 

wenig Uberlegen sind Seid ihr in Wahrheit Deutsche, so 

lasset des Menschen Frechheit nicht ungestraft, was auch Erasmus 
über ihn verfügen wird, dem seine Milde oft schon geschadet hat." 
An das Exemplar der Sammlung, welches die hiesige Stadtbibliothek 
besitzt, knüpft sich noch das besondere Interesse, dass es Nesen's 
Handexemplar war. Aehnlich wie Erasmus zu thun pflegte, hat auch 
Nesen auf den Titel geschrieben: Sum Neseui nec niuto dominum. 
Ebenso ist das Verzeichniss der Verfasser der Briefe auf der Rück- 
seito des Titelblattes von seiner Hand geschrieben. Das Exemplar 
gehörte später meinem Ahnherrn Hartmann Beyer und kam mit dessen 
und seines Sohnes grosser Büch er Sammlung au die Stadtbibliothek. 
Noch in demselben Jahre 1520 wurde eine zweito Ausgabe der 
Sammlung mit etwas verändertem Titel von Nesen's Freund und 
Gönner Frobenius in Basel veranstaltet. Was ich darüber bei Böcking 
lese, lässt mich annehmen, dass darin die Briefe des Appendix mit 
den übrigen zu einem Ganzen vereinigt sind. 

Unter den Satyren, welche die Gegner des Humanismus ver- 
spotten, hat eine auch den Eduard Lee in den Kreis ihrer humo- 
ristischen Behandlung gezogen. Es ist dies der Dialog : „der triumphi- 
rende Hochstraten" *), in welchem dieser Ketzermeister, der zugleich 



') Hochstratus ovans. Dialogus festivus. Böcking hat ihn in Suppl. I in 
Opp. Hutfcni abgedruckt. Auf dem Titelblattc des Exemplars, welches Herr 
Pastor Kraflt in Elberfeld besitzt, befinden sich folgende drei Autographen : 
(Judiciums Ncsenus Carino suo dono mittit* Carums Spalatino stto muneri 
dedit. Dann von Spalatmus' Hand : Jo. a Taubcnhcyin legat et remittat 15'JO. 
Demnach muss das Buch schon um die Mitte des Jahres 1630 gedruckt sein- 
Der Verfasser scheint ein Oberländer gewesen zu sein , da er »ich mit den 
Speyerer Verhandlungen so vertraut zeigt, dass die Schrift als historische Quelle 
für diese I'hasc des Rcuehlin'schen Processes gelten kann. Wir werden die 
Wichtigkeit dieser Dedicationen unten näher beleuchten. 



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— 104 - 



den Namen Herostratus führt, mit Eduard Lee und dem Dominikaner, 
Bruder Lupoid, sich in dem Tone der obscuren Männer unterredet, 
seine bisherigen Erfolge und ferneren Entwürfe triumphierend heraus- 
streicht und in übermtithiger Zuversicht den nahen Sieg über den 
verhassten Gegner als den sichern Lohn zehnjähriger Bemühungen 
ruhmredig verkündigt. Wir haben es hier lediglich mit der Rolle 
zu thuu, die Lee darin zugetheilt ist. Er tritt als Hund auf und 
erzählt über seine Metamorphose Folgendes: Als Beichtvater in den 
DienBt der Königin von England berufen, habe ihn gleich nach seiner 
Ankunft unter heftigem Kopfweh der Tod überrascht, Merour habe 
ihn untersucht und mit seinem wuiidcrkräftigen Stabe seine Seele in 
ein Schwein versetzt, welches die Predigermönche in Löwen damals 
mästeten , den Apollo aber habe Mercur beredet ein wesenloses 
Schattenbild an soiner Stelle als Lee bei der Königin amtieren zu 
lassen. In seiner verwandelten Gestalt belauschte er ein Gespräch, 
worin Hochstraten dem Carmeliten Egmondanus (der hier Ermundensis 
genannt und gleichfalls als Camelite bezeichnet wird) seinen Kummer 
Uber das Einschreiten Sickingen's in den Reuchlin'schen Process aus- 
schüttete. Als dann beide mit Latomus über die weiter vorzunehmenden 
Schritte sich während der Nacht beriethen, wehrte er durch lautes 
Grunzen von den drei in tiefes Nachdenken versunkenen und auf 
Eingebungen von oben wartenden Männern den Schlaf ab. Schliesslich 
wird Lee, nachdem er eine Zeitlang Kleien gefressen, selbst ge- 
schlachtet und sein Fleisch stückweise von den Predigermöncheu ver- 
zehrt, seine Seele aber wandert auf der Proserpina Spruch in einen 
Hund und in dieser Gestalt nimmt er an dem Gespräche Theil 1 ). 
In Wirklichkeit stieg Lee durch die Begünstigung der katholischen 
Parthei in England von Stufe zu Stufe: von 1531 — 1544 bekleidete 
er den erzbischöflichen Stuhl von York, in der Provinz, in welcher 
die Unwissenheit des Volkes am grössteu, der Katholicismus am 
festesten eingewurzelt war und darum die Reformen des Königs auf 
den hartnäckigsten Widerstand stiessen. 

Am 5. Juni*) 1520 trug Hermann von dem Busche dem Erasmus 
noch Grüssc an Nesen in Löwen auf. In seiner Antwort schreibt 
Erasmus am 31. Juli : „Nesen hat sich überdrüssig der Tragödien, 
welche hier Einige ohne Ende aufführen, zu euch [d. h. nach Deutsch- 
land] begeben." Ob er sich sofort nach Frankfurt verfügte, wo er 
für einige Jahre einen erwünschten Wirkungskreis erhielt, ist uns 



') Bei Böcking, Hochstratus evans. § 6. 

l ) Oder 7. Juli. Siehe oben Seite 96 Anm. 1. 



- 105 — 



unbekannt, wenigstens trat er erst um die Mitte Septembers sein Amt 
daselbst an. Auch über die neuen Tragödien in Löwen wissen wir 
nichts zu berichten. Die Aeusserung des Erasmus möchte ich dahin 
verstehen, dass Nesen, der in Löwen nur ein Schlachtfeld mit stetem 
Kampf, nicht ein Arbeitsfeld mit stetiger Thätigkeit gefunden und 
trotz aller Anstrengung die Feinde doch nicht zur völligen Nieder- 
lage gebracht hatte, im Gefühle des Ueberdrusses Löwen verlassen 
habe. Ging es doch auch Erasmus selbst nicht besser, der nicht nur 
um der Officin seines Verlegers näher zu sein, sondern -weil er der 
fortwährenden Anfeindungen der Finsterlinge müde war, fünfviertel 
Jahre später, mit Anbruch des Winters 1521 seinen Wohnsitz von 
Löwen nach Basel verlegte. 

Wir können Nesen nicht von Löwen scheiden lassen, ohne uns 
nach seinem Zögling Carinus umzusehen. Er war, wie wir wissen, 
mit seinem Lehrer von Paris nach Löwen gezogen ; so lange Nesen 
dort weilte, hat er sich nicht von ihm getrennt, sondern den Aufent- 
halt an der Universität zu seiner eigenen Fortbildung benützt. Im 
Briefe de Magistris nostris stellte ihm, wie wir sahen, sein Lehrer ein 
glänzendes Zeugniss aus. Noch am 26. April 1520 schreibt Erasmus 
von Antwerpen an einen Jüngling, an welchem er warmes Interesse 
nahm, den Livinius Algotius in Löwen *) : „Von Carinus Seite weiche 
nicht einen Finger breit. Er ist zwar nicht viel älter als du, aber 
von solcher Redlichkeit des Charakters und solchem Wissensdurst, 
dass du kaum in eines Andern Umgang besser und gebildeter werden 
könntest. Die Natur hat dir schöne Anlagen verliehen, um deren 
willen wir dich beglückwünschen, aber nur dann loben können, wenn 
du deine natürlichen Vorzüge wie einen fruchtbaren Boden mit Fleiss 
ausbildest, während du nur Schmach ernten wirst, wenn du es an 
Einem fehlen lässest. Es ist dir nicht unbekannt, was deine guten 

Eltern von dir erwarten und nicht unerwähnt will ich endlich 

lassen, was du mir schuldest, der dich nie wie seinen Diener, sondern 
stets wie seinen Sohn gehalten hat, wenigstens spannt es die Er- 
wartung, die Viele von dir hegen, dass du im vertrauten Umgange 
mit Erasmus gelebt hast." Lange kann indessen der Aufenthalt des 
Carinus in Löwen nicht mehr gedauert haben ; wahrscheinlich zog er 
mit Nesen im Anfang des Sommers ab und trat nun in die Dienste 
Capito's, der seit dem April 1519 ah Hofprediger und Rath des Chur- 
fUrsten in Mainz angestellt war. Er wurde an der Seite seines jungen 



') Epist, 502, Col. 546. 



— 106 — 



Landsmanns Hartmann von 1 lallwill Schreiber des nachmaligen 
Reformators von Strassburg Wie nahe waren sich nun Lehrer und 
Schüler wieder gerückt und wie leicht musste es ihnen werden den 
alten Verkehr in treuer Pflege fortzusetzen. Ohne Zweifel ist 
Carinus auch von Mainz aus in den ersten Monaten 1523 in die Ver- 
wesung der lateinischen Schule zu Frankfurt eingetreten und Nesen's 
Stellvertreter geworden. 

X. Nesen's Uebergang vom ausschliesslich huma- 
nistischen zum reformatorischen Interesse und Ent- 
fremdung von Erasmus, 1520. 

Wir ersahen aus dem berühmten Briefe an Zwingli de Magistris 
nostris, dass zu Ende des Jahres 1510, wo er denselben schrieb, Nesen 
noch ganz und gar Humanist war, dass er zwar für Luther s Person 
eine grosse Hochachtung hegte, aber seiner Sache sich noch fremd 
fühlte; er scheint in der That Luther's Schriften nicht gelesen zu 
haben, denn die einzigo Stelle, worin er sich auf eine theologische 
Meinung desselben einläset, ist fast wörtlich aus dem fast gleichzeitigen 
Briefe des Erasmus an den Cardinal Albrecht von Mainz vom 
1. November 1519 entlehnt. Aus dem Schreiben des Hermann 
Frisius au Luther vom 14. März 1520 (Siehe oben S. 91) vernahmen 
wir ferner, dass im engeren Kreise der Haus- und Tischgenosscn 
zwar Erasmus sich noch mit Entschiedenheit für Luther aussprach, 
dagegen Nesen, obgleich Luther hochachtend, doch nicht mit so un- 
bedingter Verehrung von ihm redete. In Frankfurt treffen wir im 
folgenden Jahre 1521 Nesen als den begeisterten Anhänger und 
thatkräftigen Verfechter der Lutherischen Sache, ja als er 1523 seine 
Stellung in Frankfurt aufgab, zog er nach Wittenberg und schloss 
sich den dortigen Kreisen mit unbedingter Hingebung au. Der 
Wendepunkt in seiner Entwicklung liegt offenbar in dein Jahre 152i>, 
und wenn uns auch in den (Quellen bestimmtere Nachrichten darüber 
fehlon, so gelingt es doch vielleicht auf dem Wege der historischen Com 
bination das Fehlende eiuigcrmaassen zu ergänzen. Den unmittelbaren 



>) Vergl. Bauin „Capito und Butxer" S. 43. 56. Capito reiste am 2K April 1520 
imch Mainz ab, ebenda». S. 45. Wenn aber Bauin die beiden jungen Schweizer 
gleichzeitig von Base) mit C.ipito nach .Mainz gehen lässt, so beruht dies auf 
Irrt In ms Noch uass Carinus ruhig in Löwen und hat dies wühl nicht frtther ab 
Nesen verlassen. 



- 107 — 

* 

Anstoss zu diesem Umschwünge suche ich vor Allem in den Be- 
ziehungen, in die er zu Erfurt getreten war. 

Erfurt 1 ) war die erste deutsche Hochschule gewesen, die schon 
im 15. Jahrhunderte dem Humanismus ihre Hörsäle geöffnet hatte. 
Auf keiner andern hat er sich in Deutschland kräftiger und blühender, 
selbst kampflustiger entfaltet als an dieser. Hier hatte sich im An- 
fange des Jahrhunderts um den Gothaer Canonikus Mutianus (Muth) 
. Ruft» und seine Freunde, Georg Spalatin und den Cisterzienser 
Heinrich Urban, ein Kreis von jüngeren Männern gebildet, die mit 
warmer Begeisterung ihre Liebe der wiederbelebten Alterthums- 
wissenschaft zuwendeten und einen poetischen Jugendtraum in der 
Nachbildung der classischen Dichter der Römer und Griechen ver- 
lebten. Wir erinnern an die Namen Eoban Hesse, Crotus Rubianus, 
Kuricius Cordus, Petrejus Eborbach, Jodocus (Justus) Jonas, Adam 
(Kraft) Crato, Drakonides (Drach), die als helle Gestirne an dem 
Himmel der Gelehrtenwelt glänzten. Auch Hutten berührte sich viel- 
fach mit diesem Kreise. Durch den Angriff der Cölner Theologen 
gegen Reuchlin sahen die Erfurter den ganzen Humanismus bedroht ; 
mit satyrischen Schriften griffen sie in den Streit ein und bekämpften 
mit herbem Spott die Mönche. Es ist bekannt, dass dio Briefe der 
obscuren Männer, das Gegenstück zu den 1514 von Reuchlin heraus- 
gegebenen epistolis clarorum virorum, vornehmlich dem Crotus und 
Hutten ihren Plan und ihre Abfassung zu danken hatten. Der 
Reuchlinismus stand damals in Erfurt in voller Blüthe. Als 1517 
Mutian sich zurückzog — Spalatin war bereits 1609 als Erzieher des 
Prinzen Johann Friedrich an den chursächsischen Hof gerufen 
worden -— und Eoban Hesse als „König" an die Spitze des huma- 
nistischen Kreises getreten war, trug sich die Verehrung, die man 
zuerst Reuchlin gewidmet hatte, auf Erasmus über und steigerte sich 
zu einem förmlichen Cultus seines Genius. Im Herbste 1518 unter- 
nahm Eoban Hesse eine Fusswanderung nach Löwen, um dem gefeierten 
Gelehrten seine Huldigung zu Füssen zu legen. Er fand Erasmus 
krank und beschäftigt: ein kurzes Gespräch mit ihm war der ganze 
Ertrag seiner mühevollen Wallfahrt: dennoch fühlte er sich dadurch 
reich entschädigt und hochbeglückt und hat diese Reise als den lichten 
Höhepunkt seines Lebens ausführlich in Hexametern besehrieben *). 
Sein Werk widmete er dem Canonikus und Professor der Rechts- 



% ) Man vcrjfl. für das Folgende Kampschnltp's oben angeführte! Werk 
l ) Helii Eobani Hcssi A profectiono ad Desiderium Erasmnm Kot. Hodot- 
poricon. Sine loco. 



— 108 - 



Wissenschaft Jodocus Jonas in Erfurt und erregte dadurch in diesem 
den Wunsch nach gleichem Glück. In der That sehen wir bereits 
im Frühjahr Jonas und seinen Freund Caspar Schalbus auf dem 
Ritte nach Löwen begriffen. 

Erasmus gewährte den beiden Ankömmlingen in den letzten Tagen 
des Mai 1519 nicht allein huldvoll eine Audienz, sondern beglückto 
auf ihre Bitte auch Jeden von ihnen mit einem Handschreiben, was da- 
mals als eine beneidenswerthe Gabe des Geschickes galt. Ohne Zweifel 
waren Bie auch die Ueberbringer der Briefe, die er in diesen Tagen 
an Luther, Spalatin, Friedrich den Weisen und Eoban Hesse schrieb 
Dem letzteren sprach er am 30. Mai sein Wohlgefallen an den beiden 
jungen Männern aus, unterdrückte aber nicht die Bemerkung, dass 
solche Besuche nie ohne Schaden für seinen Ruf gewesen wären. 
Gleichwohl entwickelte Bich von da an ein warmes Verhältniss zwischen 
ihm und Jonas. Während er den Ausdruck der überschwänglichen 
Verehrung in dem Briefe des Schalbus an demselben Tage mit feiuer 
Ironie beantwortet, richtet er am 1. Juni an Jonas ein ausführliches 
Schreiben, welches seine persönliche Theilnahme in väterlichen Worten 
ausdrückte. Jonas hatte sein Interesse von der Rechtswissenschaft 
auf die Theologie gewendet und war in die von Wittenberg ausge- 
gangene Richtung eingetreten. Erasmus wünscht ihm zu der Ver- 
änderung seiner Lebensaufgabe Glück, ermahnt ihn nicht bloss sein 
Wissen , sondern auch sein Herz dem neuen Berufe ungetheilt hin- 
zugeben, nicht scholastische Subtilitäten, sondern die Lebensweisheit 
Christi zu lehren: nicht aus Eitelkeit und Gewinnsucht, sondern aus 
der innersten Liebe seines Gemüthes, er räth ihm sich auf seine 
Predigten nicht durch weltliche Gespräche und Geselligkeit, sondern 
mit Gebet zu bereiten. So warm bethätigt er seine Theilnahme für 
ihn, dass er ihm von seinem Landsitze Anderlech aus am 13. Juni 
noch in einer umfassenden Denkschrift die Charakteristik zweier vou 
ihm um ihrer Sittenreinheit und Frömmigkeit willen vor AUon, die 
er je kennen gelernt, hochgeachteten Theologen, des französischen 
Franziskaners Johann Vitrier und des Engländers Johann Colet, ent- 
wirft, damit er sie in den Katalog seiner Heiligen setze und ihrem 
Vorbilde nachstrebe , auch wenn sie niemals von einem Papste 
canonisirt werden sollten 2 ). Schon war indessen in Erfurt ein neuer 
Geist eingezogen, seitdem Johannes Lange 151(3 von Luther als 



«) Epist 424—429. 431. Col. 443-448. 

*) Epist. 435. Col. 451-461. Uebersetzt in MQller'a Leben des Erasmus 
v. Rot. S. 125 flg. 



- 



— 109 - 



Prior des Augustinerklosters bestellt worden war. Der Humanismus 
Latte sich mit enthusiastischer Begeisterung der Theologie zugewandt. 
Der Arzt und Dichter Euricius Oordus eröffnete 1519 theologische 
Vorlesungen ; Eoban Hesse erklärte in demselben Jahre des Erasmus 
„Handbuch des christlichen Streiters" *) ; Jonas betrat den theologischen 
Lehrstuhl mit Vorlesungen über die Corintherbriefe und wurde am 
21. Juni 1520 von Luther darob mit Freude bcgrüsst. Die Universität 
lehnte am 29. Deccraber 1519 auf Luthcr'a Wunsch das ihr angetragene 
schiedsrichterliche Gutachten über die Leipziger Disputation förmlich 
ab. Keine deutsche Hochschule hatte so entschieden Luther's Sache 
zu der ihrigen gemacht als die Erfordia-Praga. Man muss sich diese 
Verhältnisse und diese Stimmung vergegenwärtigen, um es zu verstehen, 
warum sich Erasmus in seinem Schreiben vom 9. April 1520 gerade 
an Jonas und die Freunde in Erfurt wandte, um ihre Urtheile gegen 
Lee herauszufordern. Wir wissen, dass er seineu Nesen beauftragte 
die Angelegenheit dort einzuleiten. 

Auch fUr Nesen war die Verbindung, in die er mit Jonas und 
den Erfurtern trat, gewiss von tiefeingreifender Wirkung. Wann 
sich dieselbe geknüpft habe, dürfte schwer zu ermitteln sein. Am 
9. Juni 1519 schreibt zwar Valentin Tschudi von Paris an Zwingli, 
Nesen sei vor nicht gar langer Zeit zum Besuche bei Erasmus in 
Löwen gewesen, und eben in die letzten Tage des Mai war die An- 
wesenheit des Jonas und Schalbus daselbst gefallen — gleichwohl 
würde mir die Annahme, dass Nesen mit den Erfurtern dort zusammen- 
getroffen sei, gewagt erscheinen, der Ausdruck in Tschudi's Brief 
non multo ante ist ihr offenbar nicht günstig 31 ). Dagegen müssen 
die Eindrücke, die er nach so langer Abwesenheit auf der deutschen 
Reise empfing, für ihn bewältigend gewesen sein. Allenthalben sieht 
er den Kampf, in welchem eine neue Zeit mit der alten ringt ; an 
allen Orteu tritt ihm eine Begeisterung für Luther entgegen, die er 
in Löwen nur in einzelnen Kreisen wahrgenommen ; in Frankfurt auf 
der Messe lebt sein Name in aller Mund und wird von der Ungeheuern 
Mehrzahl mit verehrender Bewunderung, von Wenigen mit Abscheu 
genannt; ein einziger Buchhändler setzte auf einer Messe gerade im 
Jahre 1520 1400 Exemplare seiner Schriften ab; „nichts wird häufiger 
gekauft, nichts begieriger gelesen, nichts eifriger behandelt' 1 , schreibt 
von Frankfurt im September 1520 Spalatin 3 ). Und nun erst der Ein- 



( ) Enchiridion militis Chriatiani. 
») Zwingl. Opp. VII, 80. 
■) Kampschulfe II, 80. 



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- 110 - 



druck des geistigen Lebens, des religiösen und refotmatorischcn 
Enthusiasmus, den er in Erfurt autnimmt und dem er Bich gewiss 
nicht verschliessen kann. Von jetzt an steht er in einem fortwährenden 
litterarischen Verkehre mit den neuen Freunden, der ihn als ihren 
Geistesverwandten kennzeichnet. Den Spalatin lernte er wohl in 
Frankfurt persönlich kennen , wo dieser zur Zeit der Herbstmesse 
weilte, denn am 14. des Monats September trat Neseu dort sein Amt an. 
Auch Carinii* , sein Zögling uud Schüler, war in den Freundesbnud 
hineingezogen; den Hochstratus ovans schickt Ncsen dem Cariuus 
zum Geschenke, dieser widmet ihn dem Spalatin, der ihn wiederum 
Taubcnhcim leiht uud von ihm zurückerbittet, das Alles noch im 
.Jahre 1520. Diese innige Verbindung dauerte auch in den folgenden 
Jahren fort Am 20. November 1521 sendet Spalatin dem Jonas den 
Brief zurück, den dieser von Nesen aus Frankfurt empfangen und 
ihm zugeschickt hat *). 

Indessen werden noch andere Factoren mitgewirkt haben, um 
Nesen's Urtheil zu Gunsten Luthers uud der Reformation zu stimmen. 
Zu dem Erasmischen und zu dem Erfurter Kreise stand Ulrich von 
Hutten in gleich naher Beziehung. Wir haben gehört, mit welcher 
Spannung Nescn dessen schriftstellerischer Thatigkeit folgte und 
welche Hoffnungen er auf die Zukunft derselben setzte. Seit der 
Leipziger Disputation wandte sich Hutten immor entschiedener dem 
reformatorischen Interesse zu; er sah in Luther's Werk nicht mehr 
ein System unfruchtbarer theologischer Spitzfindigkeiten — dem 
Humanisten nur ein Gegenstand feinen Spottes — sondern ein Mittel 
zur Wiedergeburt des nationalen Lebens; mit dein Rufe: „Es lebe die 
Freiheit, ich hab's gewagt", trat er 1520 in den Kampf gegen Korn. 
Wie musste des patriotischen Neseu Herz freudig schlagen, als die 
litterarische Thätigkeit Hutten s seine kühnsten Erwartungen uoch 
weit überholte! welchen Eindruck mussten auf ihn dessen jüngste 
Dialogen, insbesondere „die römische Dreifaltigkeit" mit ihren scharfen 
Schwertstreichen 2 ) gegen die römische Wirthschaft machen! und nun 
wurde er selbst nach Frankfurt gerufen von eben den Männern, mit 
welchen dort Hutten persönlich und brieflich verkehrte und unter 
denen sich jener Arnold Glauburgcr befand, der in dem Dialoge 
unter dem Namen Ernhold redend eingeführt ist, nun tritt er in den 
Kreis der Freunde Huttens, eines Haman llolzhausen , eines Philipp 



') Corp. Ref. I, 486. 

*) Vergl. meine Auszüge im 4. Ii. dieser Zeitschrift S. 81 Hg. Der Dialog 
erschien im Frühjahr Kt'AK 



111 - 



Fürstenbcrger, jener beiden Brüder Glauburg, deren nahe Verwandte 
dieses Namens Kunigunde*) das Ziel der heiss gehegten, aber 
auch zu Anfang des Jahres 1520 schmählich gescheiterten Wünsche 
und Hoffnungen des fahrenden Ritters gewesen war. Es ist geradezu un- 
denkbar, dass beide Männer bei den häufigen Besuchen Hutten's in der 
Reichsstadt und den Conflicten des Jahres 1522, an denen sie beide bethei- 
ligt waren, sich nicht persönlich nahe getreten wären ; war doch, um nur 
Eins anzuführen, Otto Brunfels ihr gemeinsamer Schützling, Oekolampad 
ihr gemeinsamer Freund. 

Am mächtigsten und entscheidendsten aber wirkte wohl auf Nesen 
der Glanz, der Luther's Haupt gerade im Jahre 1520, in der ritterlichsten 
Periode seines Lebens, verklärend umleuchtete. Je drohender die 
Gefahr, die seit dem Leipziger Gespräche über ihm schwebte, je 
beunruhigender die Gerüchte, die von Rom einliefen, und je zuversicht- 
licher der Muth und die Todesfreudigkeit, womit er selbst der dunkeln 
Zukunft unverzagt in das Auge blickte, desto höher hob Bich seine 
Gestalt in den Augen der Zeitgenossen. Die Schriften, die im Jahre 
1520 seiner Feder entflossen: An den christlichen Adel deutscher 
Nation, von der babylonischen Gefangenschaft der Kirche, vor Allem da« 
auf der nie wieder erreichten Höhe seines Schriftthums verfasste köst- 
liche Büchlein „von der Freiheit eines Christmenschen," diese Reihe 
von Schriftwerken, in denen nicht mehr der Theologe nur zu den 
Theologen, sondern der deutsche Mann zu den Besten seines Volkes 
sprach und alle Saiten der nationalen Gesinnung anschlug, in denen 
der lebendige Odem christlich deutschen Geistes mit Sturmesgewalt 
seine Bande brach und im Vollgefühle seiner Erlösung dem alten 
Erbfeinde deutscher Freiheit den Kampf aüf Tod und Leben an- 
kündigte, endlich die ritterliche That, womit er auf dem Scheiter- 
haufen veralteter Traditionen vor dem Elsterthore zu Wittenberg die 
päpstliche Bulle beantwortete, wirksamer noch als mit dem Büchlein 
„von der Bulle des Endchristes" — wahrlich Nesen hätte nicht 
Nesen, nicht der Mann ächt deutschen Charakters und Gesinnung 
unter dem glänzenden Gewände antiker Bildung sein müssen, wenn 
das Alles nicht sein Herz in Flammen gesetzt und seinen Schritt auf 
der betretenen Bahn unaufhaltsam vorwärts getrieben hätte. Ich 



') Vergl. meine Untersuchung a. a. 0. S. 74 flg. Stratiss, der in der ersten 
Auflage seines Hutten [, 369 flg. den Namen seiner Geliebten nicht zu er- 
mitteln wusste, hat in der zweiten Auflage S. 282 meine Entdeckung benützt, 
ohne nur den Namen des Entdeckers zu nennen. Wio ganz anders Böcking 
Sopplem. II, 796 flg. ! 



— 112 - 



spreche damit nicht eine Vermuthung, sondern eine Thatsache aus: 
ging doch einer der Vorwürfe, welche am 14. März 1522 der Vicarius 
in 8piritualibus zu Mainz den Frankfurter Abgeordneten machte, 
dahin, „dass ein erbar Rath ein Schulmeister haben soll, der Luthers 
Bücher in teutsch transferire" *), und ich habe Grund zu vermuthen 
dass sich unter diesen Uebersetzungen auch die von der babylonischen 
Getängniss der Kirche befand. Luther's Besuch in Frankfurt im 
April 1521 gab , wenn es dessen Uberhaupt noch bedurfte , dem bis 
dahin geschilderten Entwicklungsgange Nesen's seine Vollendung und 
seinen Abschluss. 

Die vollkommen entgegengesetzte Wendung trat seit dem Jahre 
1520 2 ) in dem Leben des Erasmus ein. Die Zeitgenossen haben all- 
gemein in Heuchlin und Erasmus die Erneuerer der schönen Wissen- 
schaften und der Alterthumsstudien und eben darum die Vorläufer 
der Reformation gesehen ; die Gegner der letzteren haben daher beide 
Männer ebenso kräftig gehasst, als die Freunde ihr Verdienst be- 
wundernd anerkannten. Erasmus hat sich gelegentlich gerühmt, dass 
er, was Luther 's Schriften Wahres enthielten, längst gesagt, nur von 
seinen Paradoxien habe er sich frei gehalten, unter den letztern aber 
verstand er gerade das, was den innersten Kern und Lebensnerv 
der Reformation ausmachte und sie von der humanistischen Auffassung 
des Christenthums unterschied: die augustinische Lehre von der Un 
freiheit des Willens und von der absoluten Wirksamkeit der Gnade, 
die Lehren von der Rechtfertigung und dem Verhältnisse des Glau- 
bens und der Werke. Luther konnte darum auch von vorn herein 
kein rechtes Vertrauen zu Erasmus fassen 3 ), Erasmus sich mancher 
Bedenken gegen Luther nicht erwehren. Aber auch in allem TJebri- 
gen ging ein scharfer Gegensatz, auf dem innersten Wesen beider 
Persönlichkeiten beruhend, durch alle ihre Bestrebungen hindurch. 
Erasmus' Aufgabe war die Bildung des feinen Geschmacks, der huma- 
nen Gesinnung und Sitte, die Pflege einer aus dem Studium der 
classischen Litteratur erwachsenen vorurtheilsfreien , für alles Gute 
und Schöne empfänglichen, heiteren Weltansicht ; Luther ganz und gar 
von religiösen Impulsen bewegt, war selbst zum religiösen Genius 
seines Jahrhunderts geworden. Erasmus wollte aufklären, Lutlier von 



*) Vergl. meine Darstellung a. a. 0. S. 115. 

*) Man vergl. darüber Stichart, Erasmus von Rotterdam, Leipzig 1S70, der 
gerade die Stellung des Mannes zur Kirche und zu den kirchlichen Bewegungen 
seiuer Zeit zum Gegenstände seiner Untersuchungen gemacht hat, bes. von S. 326 an. 

») Vergl. Luthers Brief an Lauge vom 1. Marz 1517 bei de Wette I, 52. 



- 113 — 



Grund aus erneuern. Erasmus bekämpfte den kirchlichen Aberglauben 
mit den Waffen der Satyre und des feinen Spottes, Luther pflegte 
den christlichen Glauben mit dem tiefen Ernste und der heiligen 
Begeisterung eines frommen Gemüthes. Erasmus war ängstlich, vor- 
sichtig und weltklug; Luther schrieb und sprach mit der kühnen, 
rücksichtslosen Selbstgewissheit der in schwerem inneren Kampfe er- 
rungenen und gestählten Ueberzeugung. Des Erasmus Wirkungskreis 
waren die für die classische Litteratur empfänglichen Stände : die 
Spitzen der Hierarchie, die Staatsmänner, die Gelehrten; das Feld, 
welches Luther mit seiner Arbeit bestellte, war das arme Volk 
mit seiner Noth. Erasmus suchte reiche, mächtige Gönner und 
Mäcene, Luther trostbedUrftige, verschmachtende Herzen. Erasmus 
wollte das System der mittelalterlichen Kirche in Lehre und 
Verfassung mit seinen wesentlichsten Grundlagen bewahren, aber es 
in den Dienst der Vernunft stellen, dafür hoffte er selbst Papst, 
Cardinäle und Bischöfe zu gewinnen; Luther riss unerbittlich nieder, 
was mit dem Geiste des ursprünglichen Christenthums unvereinbar 
war, um auf gereinigtem Boden nach Maassgabe der Schrift aufzu- 
bauen. Erasmus hatte sich trotzdem von aller Scholastik frei gemacht; 
Luther verachtete sie als Sophisterei , arbeitete aber nichtsdestoweni- 
ger noch vielfach mit scholastischen Begriffen und Formeln. Erasmus 
bedurfte ruhige, f ungestörte Müsse und aller Streit war ihm zuwider; 
Luther's Element war der Kampf und in der Hitze desselben verlangte 
ihn sogar nach dem Martyrium. Joner rang um menschliche Aner- 
kennung, Luther's Heldenkruft war bei allem Selbstbewusstsein , das 
sie hob, durch Demuth gegen Gott verklärt. Erasmus' Sanftmuth und 
Mässigung entsprang vielfach aus innerer Schwäche und war voll 
reizbarer Empfindlichkeit, beleidigt rächte er sich durch kleinliche, 
giftige Ausfälle selbst an den früheren Freunden; Luther hatte bei aller 
Hochherzigkeit ein leidensc haftlich ungestümes Temperament und sein 
Zorn brauste auf in ungezügelter Heftigkeit, aber sein Kampf galt nicht 
persönlichen Feinden, sondern nur dem Glauben, den er als seinen Aug- 
apfel gegen jede Antastung wahrte. Der Gegensatz Beider beherrscht 
noch heute als Gegensatz der Richtungen die Welt: die heitere, 
humane Weltanschauung des Erasmus behauptet noch immer ihr Recht 
in den Kreisen der weltlichen Bildung und die persönliche Liebens- 
würdigkeit, die seine Briefe in der glücklichen Periode seines Lebens 
atlunen, hört nicht auf trotz aller menschlichen Schwächen, die ihr 
zur Seite gehen, zu fesseln mit magischer Gewalt; Luther's Theologie 
B&hlt ihre Anhänger unter den Theologen und confessionalistisch ge- 
richteten Laien , aber sein Tiefsinn , seine schöpferische Kraft und 
VI. 8 



- 114 - 

die Grossartigkeit seines Wesens wird nur von den denkenden 
Forschern vollkommen verstanden und gewürdigt, auch wenn sie 
nicht mehr auf sein Dogma schwören. 

Gleichwohl gingen die Interessen Beider in den ersten Jahren 
der Reformation Hand in Hand. So lange Luther innerhalb der 
Kirche stand und nur die Schärfe seiner Streitaxt an ihre Missbräuche 
legte, sah Erasmus in ihm den willkommenen Bundesgenossen gegen 
Einrichtungen, die wie der Ablas» ihm selbst anstössig waren, gegen 
die Mönche, deren Feindschaft er zur Genüge erfahren, gegen den 
verdummenden Aberglauben, in dessen Bekämpfung er ergraut war. 
Allein er hütete sich wohl offen für ihn Parthei zu nehmen: 
wenn er an Leo X. , an Albrecht von Mainz , an Cardinäle und 
Bischöfe schrieb, erwähnte er Luther's Absichten mit diplomatischer 
Klugheit; er nannte sie wohl löblich und gut gemeint, vergass aber 
nie hervorzuheben , dass er ihm völlig fremd stehe, dass er kaum 
einige Blätter in seinen Schriften gelesen, dass er weit entfernt sei 
seine Ansichten in allen Stücken gut zu heissen; er nahm sich seiner 
an gegen die Verfolgung seiner Feinde, weil sie auch seine Feinde 
waren, Hess aber stets ein Wort des Bedauerns und des Tadels über 
Luther s Heftigkeit und ungestümes Wesen einfliessen. Nur den leiden- 
schaftlichen und plumpen Angriffen der Gegner maass er es bei, dass 
der Strom der refonnatorischen Bewegungen so mächtig angeschwollen 
sei; er bezeichnete diese gern mit denselben Ausdrücken, womit er 
die Sceuen belegte, welche ihm die Dominikaner und Carmeliten 
bereiteten : er nannte sie Tragödien, Tumulte. Auch in den wenigen 
Briefen, die er an Luther geschrieben, wird die Anerkennung, die 
er spendet, sofort durch vornehme Kälte und Mahnungen zur Mässigung 
beschränkt. Aber diese vorsichtige Zurückhaltung Hess er im vertrau- 
ten Kreise fallen ; hier gönnt er lange auch seiner Freude Uber Luther's 
Erfolg freien Lauf, und wie er Jonas mit unverkennbarer Absichtlich- 
keit unter den Fuss giebt, er wünsche nicht, dass die Dominikaner 
erführen, welchen Freund er in Nesen Luthern zugeführt, so mag er 
auch sonst mit dem Ausdruck seiner Billigung und Zustimmung un- 
ter den Haus* und Tischgenossen nicht gegeizt haben. Diese Stimmung 
hielt aber nicht über das Jahr 1520 hinaus vor. Als Luther die drei 
entschiedenen Schriften dieses Jahres als Manifeste in die Welt ge- 
schleudert, als der römische Bannfluch gleich einem Wetterleuchten 
Uber sein Haupt dahingezuckt, als die Bulle in den Flammen des 
Scheiterhaufens zur Asche verglüht und der Riss zwischen der Re- 
formation und der Cierisei unheilbar geworden war, war auch für 
Erasmus die Zeit der Vermittlung vorüber. Die Freunde Luther's 



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- 115 - 



forderten den unumwundenen Anschluss au die Reformation, die sie 
vom Manne der Aufklärung zu erwarten sich berechtigt hielten ; die 
Gegner drangen auf thätige Unterstützung in der Bekämpfung der 
Ketzerei ; in dieser Alternative gab es für ihn nur eine Wahl : er 
wollte zwar nicht darauf verzichten gegenüber der Barbarei der 
Mönche und Fanatiker der Vertreter der Freisinnigkeit und Auf- 
klärung zu sein, aber je weniger es ihm gelang das Misstrauen in den 
hierarchischen Kreisen durch eine zweideutige Haltung zu beschwich- 
tigen, desto entschiedener zog er sich auf den Boden der alten Kirche 
zurilck, in welcher seine Verbindungen, seine Hoffnungen, seine 
Sympathien und die Voraussetzungen seiner Theologie wurzelten, 
und desto feindseliger wurde seine Stellung zur Reformation. Bald 
trat er gegen Luther als offener Gegner in die Arena und bestritt 
die Grundlagen seines Systems. Klage ihn darum Niemand des Ab- 
falles von seiner Vergangenheit an ! Erasmus hatte Luther innerlich 
niemals angehört; er hatte an ihm von vorn herein viel zu tadeln 
gehabt, er konnte sich von seinen Erfolgen im besten Falle nur eine 
Unterstützung im Kampf gegen den Obscurantismus versprechen, nur 
insofern hat er sein Unternehmen mehr im Stillen als öffentlich ge- 
fördert. Ueberdies erkannte er schon damals, dass der Eifer für die 
Reformation der Liebe zu den Humaniora Eintrag thue. In der That 
hatte für Luther als Kirchenmann die classischc Litteratur nicht den 
Werth einer selbständigen Wissenschaft, sondern nur einer Vorschule 
für das theologische Studium und nur zu bald bildete sich innerhalb der 
neuen Kirche, nicht bloss der deutschen, sondern auch der schweizeri- 
schen, eine Richtung aus, welche von der hingebenden Beschäftigung mit 
dem Alterthum heidnische Denkart und Gesinnung befürchtete und 
sie geradezu verfolgte J ). Der Erfurter Humanistenkreis löste sich in 
Kurzem auf und seine versprengten Glieder irrten theils unstät um- 
her und suchten Unterkunft, theils gingen sie wie Jonas mit aller 
Entschiedenheit in das lutherische oder wie Crotus in das katholische 
Heerlager Uber, die aber, welche der alten Liebe zu den classischen 
Studien treu geblieben waren, wie Eoban Hesse, sahen unter der 
Herrschaft der hereinbrechenden neuen Barbarei trauernd den er- 
loschenen Jugendtraum der Freiheit zerfliessen. Der Humanismus in 
der Form, in welcher er eine geschichtliche Erscheinung des 15. und 



V» Vergl. Haaren, Deutschlands litterarischc und religiöse Verhältnisse im 
Koformationszeitalter, III, 26 flg. In Frankfurt eröffneten diesen Kampf die Zwingli- 
sehen Prfidicanten seit lf>.'H) gegen Micyllns. Vorgl. meine Abhandlung über diesen 
im V. Hände N. F. dieser Zeitschrift. 

8* 



16. Jahrhunderts bedeutet, ist der Reformation, anfangs seiner Bundes- 
genossin, später seiner Gegnerin erlegen ; die Mission der Aufklärung, 
der er sich unterzogen hatte, ging nach langer unthätiger Ruhe in dem 

17. Jahrhundert in die Hände der Philosophie über und wurde seit 
dem Emporkommen des englischen Deismus in dem 18. vornehmlich 
von der Popularphilosophie mit Erfolg geübt; in unseren Tagen wird 
sie von der Naturwissenschaft als Domäne beansprucht und um so 
eifriger betrieben, je rücksichtsloser diese ihre Grenzen verkennt 
und überschreitot. 

Das Jahr 1520 ward in diesem Gange der Ereignisse auch der 
Grenzpfahl, an welchem des Erasmus und Nesen's Wege sich schieden. 
Zwar verleugnete Nesen auch später nicht die Gefühle der Pietät 
gegen den alten väterlichen Lehrer und Führer, aber Erasmus konnte 
sich des Misstrauens und der Verstimmung gegen den jUngern Freund 
nicht erwehren, den er auf eben der Bahn rüstig und begeistert fort- 
schreiten sah, aus der er selbst gewichen war; er gab zwar dieser ver- 
änderten Stimmung nicht den offenen, unumwundenen Ausdruck, das 
Hess seine diplomatische Klugheit nicht zu, aber in einzelnen Aeusse- 
rungen brach sie doch unwillkührlich, wenn auch nur andeutungsweise, 
durch. Die erste Aeusserung dieser Art begegnet uns in einem warnenden 
Briefe an den Lehrer der lateinischen Sprache am Collegium trilingue, 
M. Conrad Goclenius aus Waldeck, den Freund Nesen's und Carinus', 
vom Jahre 1522 *). Er schreibt diesem am 0. Februar von Basel: 
„Mit Ludwig [Carinus, damals in Mainz] pflege freundlich Freund- 
schaft. Wenn du an Nesen schreibst, thue es mit Vorsicht Jener war 
mir ein unglückseliger Freund (amicus infelicissimu*). Er behält nichts 
für sich (nihil continet) und überlegt nicht, was und wann er reden 
soll. Auch nützt er weder den schönen Wissenschaften, noch der 
lutherischen Sache, noch seinen Schülern. Nur der ist weise, der es 
gelernt hat sich in diesem Zeitalter mit Klugheit zu benehmen (hoc 
saeculo sapere), denn kaum darfst du dir selber trauen." Worin be- 
stand aber das Verhängnissvolle von Nesen's Freundschaft für Erasmus ? 
Dieser hatte ihm seine geheimsten Gedanken mitgetheilt, gegen ihn 
hatte er nur Sympathien für Luther laut werden lassen, und nun da 
er sich immer mehr in das katholische Heerlager zurückzog, mochte 
er von Nesen's Offenheit und Arglosigkeit unvorsichtige Kund- 



') Epist. 564, Col. <>33. Der Brief trägt zwar die Jahreszahl 1521 , gehört 
aber seinem Inhalte und dem Schreibort Basel nach in das Jahr 1522. Auch der 
Herausgeber hat auf dem letzten Blatte der Vorrede das falsche Jahresdatum 
berichtigt. 



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- 117 - 



gebungen befürchten, Nesen aber auch seiner Seite von mancher 
Aeusserung Gebrauch gemacht haben, um den Vorwurf der gehässigen 
Feindschaft wider Luther von dem alten Freunde abzuwenden. Einer 
speziellen Beschwerde des Erasmus werden wir unten gedenken. 

XL Nesen's Wirken in Frankfurt am Main. 

Am 31. Juli 1520 berichtet Erasmus dem Hermann von dem 
Busche als Neuigkeit, dass Nesen, der Tragödien in Löwen müde, 
nach Deutschland gereist sei. Er kann also nicht lange vorher die 
niederländische Hochschule verlassen haben. Damit widerlegt sich 
von selbst die in jüngster Zeit traditionell gewordene Annahme, dass 
er schon zu Ostern 1520 in seinen neuen Wirkungskreis in Frankfurt 
eingetreten sei 1 ). 

Der Frankfurter Pfarrer Difenbach sucht den Anlass zur Grün- 
dung der Frankfurter Gelehrtenschulc darin, dass zur Kaiserwahl im 
Jahre 1519 mit den Fürsten viele gelehrte Leute in des Reiches Wahl- 
stadt gekommen seien und der Rath dadurch sich überzeugt habe, 
welche Zierde es sei und welchen Nutzen es bringen werde, wenn 
man dem Studiereu wohl und fleissig obliege und aus der Alten Bücher 
und Schriften klug und verständig werde 2 ). Ritter meint, dass man 
zu diesem Zwecke den Rath des Erasmus erbeten habe, der sich gar 
willfahrig bezeugt und 1520 mit gutem Empfehlungsschreiben Nesen 
nach Frankfurt abgefertigt habe 3 ). Allein es bedurfte nach unserer 
jetzigen Kenntniss der Verhältnisse zur Berufung Nesen's weder der 
Veranlassung durch den Wahltag zu Frankfurt noch der Empfehlung 
des Erasmus, die auf blosser Vermuthung beruht und mit des Erasmus 
Aeusserung über die Ursache des Abganges Nesen's von Löwen im 
Widerspruche steht. Bereite hatte sich in Frankfurt ein humanistischer 
Kreis mit nationaler und antihierarchischer Tendenz gebildet , zu 
welchem Ilutten's Freunde Philipp Fürsteuberger, die beiden Glau- 
burger, Haman von Ilolzhauscn und sein Bruder Gilbrecht zum 
Goldstein zählten. Von diesen Männern wird auch der Autrag aus- 



•) (.'lassen stützt diese Annahme auf einen unten anzuführenden Eintrag im 
Bürgermeisterbuch, der das Datum feria quinta post Dionysii trägt, was Classen 
durch den 13. April erklärt, allein der Dionysiusteg liegt nicht, wie Classen glaubt, 
im April, sondern ist der 9. Oktober. Der Donnerstag nach Dionysii war mithin im 
Jahre 1520 der 11. Oktober. 

J ) Vorrede seiner Anmerkungen über Herrn Grabow's Sendschreiben. 1692. 

») Evangel. Denkmahl S. 32. 



gegangen »ein , auf welchen am Dienstag den 20. December (Feria 
A* in Vigilia Sti Thomae) 1519 der Rath den Beschluss fasste: „Soll 
man nacli einem redlichen, gelehrten und von Mores geschickten 
Gesellen trachten, der die jungen Kinder in der Lehr anhalten, und 
demselben Jahresbcsoldung als einem Söldner geben , doch einen 
Söldner minder zu halten" Ebenso hatte man sich nicht erst an 
Erasmus' Empfehlung zu wenden, um ejne geeignete Persönlichkeit 
zu finden. Eine solche war bereits dem Claus Stalburgcr in Nescn, 
dem Erzieher seiner beiden Söhne, genugsam empfohlen. Es bedurfte 
daher nur die Ablösung Nesen's von Löwen und seines Erscheinens 
in Frankfurt, um sofort den längst gehegten Plan zur Ausführung zu 
bringen. 

Am Tage der Kreuzeserhöhung, dem 14. September 1520, unter- 
zeichnete Nesen seine Bestallungsurkunde, welche Classen im Frank- 
furter Gymnasialprogramm 1861 nach dem Original veröffentlicht hat. 
Dieselbe lautet: „Ich, Guilielmus Ncscnus, bekenne öffentlich mit 
diesem Briefe, mit meiner eigen Hand geschrieben, dass ich der ersamen 
und weisen Bürgermeister und Rath der Stadt zu Fraukfort, meiner 
günstigen Herren, diese folgend drei Jahr Diener worden bin, ihre 
und gemeiner Stadt Kindere in derselben meiner Kunst zu Latein 
zu lernen, so fern mir möglich , um eine ziemliche Belohnung. Ich 
soll auch allen Tag ein Stunde öffentlich lesen, wo ich erbarc Hörer 
haben mag, in meinem Hub oder in einem Kloster. Doch ob mir 
fremde Kinder zugethan werden, die mag ich meins Gefallens an- 
nehmen und mit den, wie mir ebent 2 ), überkommen. Und wiir es Sach, 
dass ich in Zeit meines Dienstes mit einigen Jungen oder sunst mit 
Burgeren irrig [werden] oder in Streit gcrathen würde 3 ), welcher 
Gestalt das sein mochte, darumb soll und will ich auch Recht und 
Bescheidenheit 4 ) geben und nehmen vor des heiligen Reichs und 
ihrem 5 ) Gericht, oder wo es der Rath hinweiset, und sunst nirgend 



•) Lersner II, 2, 107. 

*) Wy mir ebent = eben oder genehm ist; vergl. uuten: wy In füglich 
und eben ist. 

*) Zu schicken gewinnen wurde. Zu schickcnc hän heisst im Mittelhoch- 
deutschen: Processieren ; gewinuen zu etwas gelangen. Vergl. ZieniAnn unter 
den beiden Wörtern. 

*) Recht und Bescheidenheit, wofür in MJcyllus Verechreibung : recht uud 
bescheidt. Vergl. Künigstcin, Nr. 258: von geschickt, 300: uss schicklichkcit = 
durch Verhängnis*. 

*) Ihrem, nämlich der Stadt. 



— 119 



ander. Wurden mich die benannten mein lieben Herren mich in 
andern ihren Sachen, es sei zu reden, zu begreifen 1 ) oder zu rathen 
brauchen, da« alles soll ich ohn Weigerung willig thon. Wurde auch 
mir in mittler Zeit etwas Besseres anstehen, es sey in geistlichen oder 
weltlichen Sachen, das soll ich einem erbaren Rath zeitlich ansagen, 
auch ein Andern, ob ich mocht, an mein [St&tt bestellen. Darum 
und darfur sollen die benannten raein lieben Herren mir alle Jahr 
geben fünfzig Gulden und darzu ein Behausuug stellen , wie ihnen 
fuglich und eben ist, und ohne mein Beschweruug. Welcher Zeit 
ich auch mich nit halten wurde binnen gemclter Jahre Zahl, dasB ich 
einem erbarn Rath leidlieh wäre 2 ), so sollen sie mir Urlaub zu geben 
Macht haben, doch dass mir nach Anzahl der Zeit werde, was ich verdient 
hätte, dasselbe soll ich auch williglich annehmen. Ich soll und will 
auch, ob ich eins erbaren Raths Heimlichkeit erfahren wurde, das- 
selbe nummermehr offenbaren , sonder solchs verschweigen. Ich 
soll und will auch eins erbarn Raths und ihrer Burgere Schaden 
warnen, ihr Bestes werben, als fere 3 ) mich Kraft und Macht getragen 
mag, ohne alle Gefährde 4 ). Alle vorgeschrieben Stuck, Punkt und 
Articuln hab ich Guilielmus Nesenus obgemelt mit handgebenden 
Treuen gelobt und darnach ein leiblichen Eid zu Gott und den 
Heiligen geschworen, stet, fest, unverbrechlich zu halten, Gefährde und 
arge List gänzlich ausgeschieden. Dess zu Urkunde han ich, Guilielmus 
Nesenus obgenannt, mit dienstlichem Fleiss gebeten den erbaru und 
fursichtigen Herrn Clasen Stalburgern, Schöffen zu Frankfort, meinen 
gebietenden und gunstigen Herrn, dass er sein Ingesiegel für mich 
an diesen Brief gehangen hat. Der Versiegelung ich, Cloa Stalburg 
obgenannt, also von Bitte wegen, wie obsteht, geschehen erkennen, doch 
mir und mein Erben ohne Schaden. Datum exaltationis sauetae 
crucis anno 1520. 

Die Verschreibung ist fUr uns ungemein belehrend. Zusammen- 
gehalten mit dem, was ich im Eingang dieses Abschnitts bemerkt 
habe, stellt sie klar, dass von einem Probehalbjahr von Ostern bis 
September 1520, wie es Classen und nach ihm Momrasen vermuthete, 
nicht mehr die Rede sein kann & ). Dass Claus Stalburger die Ur- 
kunde mit besiegelt hat. die Nesen in persönlicher Anwesenheit aus- 



') Begryften = coneipicren, abfassen, es sind schriftliche Aufsätze gemeint. 
*) Leidlich — genehm, zufriedenstellend. 
») Als fere = so weit 

*) Geverde = Hinterlist, Verstellung, hier reservatio mentalis. 

») Classen, Progr. von 1861, S. 13, Mommsen, Progr. von 1869, S. 8. 



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120 



gestellt und beschworen, beweist, dass der Vater seiner Zöglinge 
noch immer sein Gönner und Schützer war. Aber auch über die 
Schule selbst und die Stellung Nesen's giebt uns die Verschreibung 
Aufschlüsse. Sie war für Bürgerskiuder bestimmt, mithin stadtische 
öffentliche Anstalt. Die Aufnahme auswärtiger Schulkinder blieb 
Nesen's freiem Willen anheimgestellt und die Festsetzung der Be- 
dingungen gegenseitiger Uebereinkunft vorbehalten. Neben dem 
eigentlichen Schulunterricht übernahm er die Verpflichtung täglieh 
eine Stunde für Erwachsene zu lesen und dio bekannte Notiz 
des 1588 verstorbenen Matthias Ritter *) in den Conveutsakten I, 43 
giebt uns die Gewissheit, dass unter Andern Phil. Fürstenberger, 
Jacob Neuhaus, Haman Ilolzhausen seine Zuhörer (diseipuli) ge- 
wesen sind. Derselbe Matthias Ritter nennt sie zum ersten Male 
Schola Patriciorum (Junkerschule); wenn er bei dieser Bezeichnung 
nicht etwa die Vorlesungen für die Erwachsenen im Auge hatte, was 
auch mir immer unwahrscheinlicher wird, so kann sie nur auf der 
schon zur Zeit Ritter'» herrschenden Vorstellung beruhen, dass die Schule 
ursprünglich nicht nur von dem Patriciat, dessen humanistisch ge- 
richtete Glieder allerdings das llauptverdienst an ihrem Zustande- 
kommen hatten, sondern auch dass sie von demselben für die eigenen 
Söhne gegründet worden sei, ein Missverständniss, das vielleicht von 
jenen Kreisen absichtlich genährt und unterhalten wurde. Nesen's 
Besoldung war auf fünfzig Gulden lixirt. Als Schullokal und Amts- 
wohnung Nesen's habe ich das Haus zum Goldstein auf dem Korn- 
markt am Ecke der heutigen Buchgasse nachgewiesen, das dem 
damals noch unmündigen und in Wertheim bei seinen mütterlichen 
Verwandten lebenden Gilbrecht von Holzhausen erb- und eigentümlich 
zugehörte und ohne Zweifel von seinem Vormunde Haman, dem 
eifrigen Beförderer der Schule, zu dem angegebenen Zwecke an die 
Stadt vermiethet wurde, bis jene 1529 in das BarfÜsserkloster verlegt 
werden konnte 2 ). 

Am Donnerstag den 11. Oktober 1520 (feria quinta post Dionysii) 
wurde die Bestallung Nesen's in der Rathssitzung verlesen und erging 
der Beschluss, den Lersner 3 ) nach dem Bürgermeisterbuch mittheilt: 
„Als Wilhelm Nisenus von Nasstädten, Poet und Erfahrener in 
griechischer und lateinischer Sprach, der etlich Jahr die Bürgers- 



>) Sic ist von mir abgedruckt in den MelanchthonV und Luther'Bherbergcn 
iiu Frankf. Neujahrsblatt 1861, S. 63. Clauen a. a. O. 8. 8. 
») Vergl. raeine Nachweise a, a. 0. S. 30 flg. 
») II, II, 110. 



»ogle 



- 121 - 



kinder zu unterweisen angenommen ist, um das Jahr 50 Gulden 
und ein frei Behausung bestellt, hat man sein Bestallung gelesen, 
die durch ihn gefertigt worden." Die Schule, die mithin im Herbste 
1520 eröffnet wurde, hatte sich bald eines so zahlreichen Besuches 
zu erfreuen, das» Nesen auf die Anstellung eines jungen Lehrers für 
die Elemente des classischen Unterrichts antrug. In dem Bürger- 
meisterbuch findet sich der von Lersner l ) mitgetheilte Eintrag: „Als 
Wilhelmus NyseuuB, Poet, nachdem ihm viele junge Bürgerssöhne, 
die noch nicht wohl verstaut, von den Bürgern zugestellt, bittet ihm 
einen Jungen mit einer ziemlichen Besoldung zu vergönnen : Soll 
man bass bedenken" a ). Nesen war also und blieb wohl auch der 
einzige Lehrer der Anstalt. 

Ueber die Achtung, welche sich Nesen's Schule bald in der 
Schätzung der Zeitgenossen erwarb, und über den Einfluss, den man 
ihr auf die Förderung der Reformation in der Reichsstadt beiinass, 
besitzen wir ein vollgültiges Zeugnis* aus der Feder des damals noch 
in Beiner Sturm- und Drangperiode stehenden trefflichen Wanderpredi- 
gerg, des ehemaligen Franziskaners in Tübingen und Ulm, Johannes 
Eberlin von Günzburg, das uns zugleich zeigt, wie enge derselbe 
noch den Zusammenhang von Humanismus und Reformation auifasste. 
Im Jahre 1521, demselben in welchem er zu Ende Juni aus dem 
Kloster zu Ulm , von seinen Ordensbrüdern ausgestossen , schied, 
wurden in Basel seine fünfzehn Abhandlungen unter dem Namen 
der: ..fünfzehn Bundesgenossen" gedruckt, in welchen er mit unum- 
wundenem Freimuth die socialen und kirchlichen Schäden des deut- 
' sehen Volkes aufdeckte, die Mittel der Besserung nachwies und auf 
Heilung und Erneuerung drang s ). Der erste Bundesgenosse führt 
die Uebcr8chrift: „Ein kläglich Klag an den christlichen römischen 
Kaiser Carolum von wegen Doctor Luther's und Ulrich von Hutten. 
Auch wegen der Curtisanen und Bettelmünch, dass kaiserlich Majestät 
sich nit lass sollich Leut verführen." Wir entnehmen demselben 
folgende Stelle: „Ein christlich Wesen steht darin, dass man ein 
andächtig Herz trag zu Gott und ehrlichen, aufrechten Wandel zu 
dem nächsten Menschen. Wo solichs christlich Wesen pflanzt ist in 



>) A. a. 0. Der Eintrag hat das Datum: 1522 Feria tertüi post Octavas 
trium reguin (Dienstag 14. Januar). 

2 ) Ein ganz anderes Ergebniss weiss Kirchner zu berichten. 

a ) Abgedruckt bei Böcking, Hutten. Opp. II, IUI flg. Vergl. Güdeckc, 
Grundrisal, 205, und insbesondere Bernhard Riggenbach, Job. Eln rlin von Günz- 
burg, 1874, S. 23 und 27 flg. 



- 122 — 



einem Volk, mag vernünftig Regiment deiner kaiserlich Majestät ver- 
fänglich sein" Johann Reuchlin und Erasmus von Rotterdam 

haben den ersten Stein gelegt alles Heils, denen auch viel Andere 
neben behülflich sind gewesen, als Jacob Wimpfiing, Doctor Johann 
von Kaisersberg im Elsas», Doctor Ulrich Krafft von Ulm, Johann 
Oekolampadius in Schwaben mit ihren Anhängern. Hat auch fast 
genützet dem Handel die treu, nützlich Unterweisung vieler frommen 
Schulmeister an vielen Orten, als Gratonis [Kraft] und Sapidi zu 
Sehlettstadt, Michaelis Hilspach zu Hagenau, Spinler [wohl Simmler?] 
und Gerbelius zu Pforzheim, Brassicani und Henrichmanni zu 
Tübingen, Aegidius Krautwasser zu Stuttgart und Horb, Johann 
Schmidlin zu Memmingen, Cochläus zu Nürnberg, Nesenus [er 
schreibt: Nosanus] in Frankfurt u. s. w. Da nun Gott, der Herr, 
vorhin durch Obgemeld'ter und ihres Gleichen Flciss und Arbeit, 
auch durch vieler andächtiger Leut ernstlich Fürbitt zu Gott, bereit't 
hat Sinn und Gemfi th. auch Sitten und Herzen der Deutschen zu 

Begierd christlichen Wesens hat Gott geschickt zwen sunder 

auserwählt, kühn und erleuchte Boten Diese zwecn Gottes- 
boten sind Martinus Luther und Ulrich von Hutten: sie sind beide 
deutsch geboren, hochgelehrt und christliche Männer, die all ihr Tag 
dahin gericht haben, dass Gottes Ehr ein Furgang hätt, wie es sich 
erzeigt in ihrem Ausbruch." WäreMeiner'sVermuthung von einem dama- 
ligen Aufenthalt Eberlin's auf Sickingen's Schloss Ebernburg, die später 
ungeprüft als historische Thatsachc verwerthet worden ist, gegründet, 
so könnte man daraus schliessen, dass Eberlin von dort aus wohl mit 
Nesen in persönlichen Verkehr getreten sei ; allein Riggenbach hat die-' 
selbe a. a. O. S. 21 nach meinem Urtheile gründlich widerlegt Ne- 
sen's Name als Schulmann muas also in Deutschland schon 1521 ein 
weitbekannter gewesen sein und seine Anstalt als Musterschule schon 
kurz nach ihrer Eröffnung gegolten haben. 

Am 14. Mai 1521 kam Luther nach Frankfurt 1 ) und besuchte 
von seiner Herberge zum Strausse aus die Schule Nescn's im gegen- 
überliegenden Goldsteine. Vielleicht sahen sich hier die beiden Männer 
zum ersten Male in das Auge und es knüpfte sich zwischen dem Re- 
formator Deutschlands und dem Jugendbilduer Frankfurts der Freundes- 
bund, der auf der Grundlage ungetrübten Vertrauens bis zu Nesen's 
frühem Tode dauerte. Auch den Justus Jonas, der Luther auf der 



') Vergl. die näheren Ausführungen darüber in meiner Schrift: Die Melanch 
thon's- und Luther s-Herbergen in Frankfurt a. M. Neiijahrsblatt 1861. 



»ogle 



Worniser Reise begleitete, sah Nesen hier wieder. Der Eindruck, 
den er von der gewaltigen Persönlichkeit des Reformators auf dem 
entscheidendsten Heldengangc seines Lebens empfing, wurde auch 
tilr Nesen der Wendepunkt, an welchem sein bereits lebendiges In- 
teresse für die Reformation zur fordernden That wurde. Mit ihm 
beginnt seine eigentliche reformatorischc Periode in Frankfurt und 
mit ihr für den humanistischen Kreis der alten Reichsstadt, dem er 
angehörte, zugleich der Uebertritt aus der antihiorarchischen und vater- 
ländischen Opposition gegen Rom in die Reformation nach ihrer 
kirchlich religiösen Seite. Nur Einer, der bisher diesem Kreise ange- 
hört hatte, schloss sich diesem Uebergange nicht an — der Dekan 
des Liebfrauenstiftes Johann Cochläus. Wie er schon Luther nach 
Worms nachgezogen war, um ihn dort zu bekämpfen , so wurde er 
auch von nun an der entschiedene Gegner Nesen's und seiner Schule, 
die er als „Ketzerschule" verschrie und lästerte. 

Es ist nicht meine Absicht bei dieser Seite von Nesen's Wirken 
in Frankfurt eingehender zu verweilen; ich habe bereits, was die 
Quellen darüber bieten, in dieser Zeitschrift zusammengestellt 1 ) und 
muss mich hier auf Andeutungen beschränken. Ohne Zweifel ist 
es Nesen's Einfluss zuzuschreiben, dass Haman und Blasius Holz- 
hausen, Johann Frosch und Claus Stalburger dem Hartmann Ibach 
als Gast die Kirche des Katharinenklosters zu den ersten evangeli- 
schen Predigten eröffneten ; es waren ihrer im Ganzen drei, welche in 
einer Woche am 9., 11. und 13. März 1522 2 ) gehalten worden waren. 
Der Rath wurde dadurch in Schwierigkeiten mit dem Mainzer Ordi- 
nariate verwickelt, in deren Folge Ibach die Stadt verlassen musste; 
allein daraus folgten neue Verwickelungen mit Hartmuth von Cron- 
berg und andern Rittern am Taunus, die sich theils des Vertriebenen 
annahmen , theils Ansprüche an die Stifter und Klöster geltend 
machten; Hutten trug sogar seinem Freunde Philipp Fürstenbergcr 
und dem Rathe der Stadt Frankfurt nicht undeutlich ein Schutz- und 
Trutzbündniss an, das zunächst allerdings auf die Förderung der Re- 
formation abzweckte, aber die Stadt in Verbindung mit den damals 
hochfliegenden Plänen der rheinischen Ritterschaft und mit der Sickin- 



l ) Steitz, ReformatoriBche Persönlichkeit, Einflüsse und Vorgänge in der 
Reichsstadt Frankfurt, im Archivo unseres Vereins. IV. Band. N. F. S. 59 bis 174. 

3 ) Die bisher allgemein festgehaltene Ansicht, dass diese Predigten an drei 
Sonntagen: Invocavit (9. März), Oculi (23. März) und Judica (& April) gehalten 
worden seien , beruht auf dem Missvcrständniss einer Stelle in dem von mir 
1876 herausgegebenen Tagebuch des Canonikus Königstein (Nr. 101), das ich in 
einer Anmerkung zu der Stelle berichtigt habe. 



- 124 - 



gen'schen Sache gezogen haben würde, wenn man die Hand dazu 
gereicht hätte. Dem Plebanus am Bartholomäusstifte Peter Meyer, 
dem leidenschaftlichen Polterer gegen die Reformation und thätigeu 
Gliede des Bundes der obscuron Männer gegen Reuchlin, kündigte 
Hutten förmlich die Fehde an wegen seiner Denunciationen und Be- 
drohungen gegen Ibach und seinen Schützling Otto Brunfels, der vor 
den Gefahren, die ihm daraus erwuchsen, von der Hutten'schen Pfarrei 
Steinau oder Steinheim bei Steckelberg *), auf die ihn der Ritter gesetzt 
hatte, schutzsuchend nach Frankfurt flüchten musste und dort Auf- 
nahme in Nesen's Schule fand. Als er im Anfang Juli 1522 die 
schützenden Mauern der Reichsstadt verliess, gab ihm Nesen den 
Empfehlungsbrief an Zwingli mit, den ich gleichfalls in der letzterwähn- 
ten Abhandlung in deutscher Uebersetzung mitgetheilt habe. Aus ihm 
ersehen wir, dass in derselben Zeit Oekolampad, der auf der Eberu- 
burg den ersten evangelischen Gottesdienst geordnet hatte, sich gleich- 
falls mehrere Wochen in Nesen's Hause als Gast aufhielt 8 ). Wir 
haben bereits erwähnt, dass das Mainzer Ordinariat sich im März bei 
dem Rathe beschwerte, dass Nesen Schriften von Luther in die deutsche 
Sprache übertrage. Bald, folgte sein Gegenschlag gegen Cochläus ; er 
sandte dessen jüngste Schrift 3 ), welche, wie schon eine frühere, das 
beliebte Thema „Von der babylonischen Gefangenschaft der Kirche" 
polemisch behandelte, an Luther, der dagegen zu Anfang 1523 das 
Nesen dedicirte Büchlein : „Gegen den geharnischten Mann Cochläus" 
schrieb. Cochläus beantwortete diesen Angriff mit der im April 1523 
beendigten Gegenschrift: „Wiederum von der Gnade der Sacramente 
gegen den Minotaurus im Mönchsgewande" 4 ). Luther zog es vor, 



«) Meine frühere Annahme, dass jenes Steinheim, dessen Pfarrei Johannes 
ab Indagine inne hatte, der Hanau gegenüberliegende Ort dieses Namens gewesen 
sei, ist mir jetzt hinfällig geworden. Es war vielmehr dasselbe Steinheim oder 
Steinau an der Strassen, dessen Pfarrei Otto Brunfels nur verwaltete, weil 
Johannes ab Indagine zugleich Dekan am Lconhardsstifte zu Frankfurt war und 
meist hier lebte. Königstein nennt ihn (Nr. 85) zum 25. November 1521, an wel- 
chem er vom Dekanate Besitz ergriff, Pfarrherr zu Steinau. Aus diesem be- 
richtigten Sachverhalte erklärt sieh auch die nahe Beziehung und Correspondenz, 
in die Indagine mit Brunfels nach dessen Flucht trat. Vergl. Ref. Persönlich- 
keiten 139-145. 

*) Vergl. Nesen's Brief a. a. 0. S. 157 und ZwingH's Werke VII, 207. 
a ) Do sacramentorum gratia. 

♦) Den Titel erklärt Cochläus Acta et scripta Lutheri fol. 70: Bei Witten- 
berg sei ein Ochse geworfen worden mit kahlem Haupte und einem kuttenähnlichen 
Felle; die Missgeburt sei das Bild Lnther's, der seinen Mönchshabit von sich 
geworfen habe. Auch Luther hat über diese und eine andere Misegeburt eine 
Flugschrift mit entgegengesetzter Deutung geschrieben, abgedr. Erl A. 29, 1 flg. 



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- 125 — 



seine Zeit nützlicheren Arbeiten zu widmen, als sie in der Fortführung 
des Streites mit diesem Gegner zu verderben. 

Die durch Nesen angeregte reformatorische Bewegung in Frank- 
furt verlief in sich, als Cronberg durch die verbündeten Fürsten 
Richard von Trier, Ludwig von der Pfalz und Philipp von Hessen 
im Oktober 1522 eingenommen wurde, Hartmuth von Cronberg, Hutten 
und Oekolampad nach Basel flüchtig gingen und endlich mit Sickin- 
gen's Tod und dem Falle von Landstuhl im Mai 1523 der Widerstand 
der rheinischen Ritter gebrochen war. Auch Nesen scheint des Streites 
mit seinem Gegner müde geworden zu sein, zu dem sich auch der 
Frankfurter Predigennönch Johannes Dietenberger gesellt hatte; noch 
waren der Anhänger des Alten in der Stadt Viele und ihr Einfluss 
im Rathe überwiegend, wahrscheinlich war durch ihre Anfeindung 
seine Stellung erschüttert, seine Wirksamkeit sogar in der Schule 
erschwert. Es zog ihn von der ihm verleideten Stätte fort. Zu An- 
fang des .Talircs 1523 beredete er sich daher mit seinem Gönner Clas 
Stalburger und eröffnete ihm seinen Entschluss: „nachdem er sich 
auf drei Jahre dem Rathe zu dienen verschrieben, die Jungen zu 
lehren, so sei er Willens in Wittenberg wiederum zu studieren, und 
begehre beurlaubt zu werden". Nach der weitern Verpflichtung, die 
er in seiner Verschreibung übernommen hatte, im Falle einer Kün- 
digung seines Dicnates vor dem Ablaufe des Contractes, selbst einen 
Nachfolger zu stellen, wies er den Rath auf Meister Ludwig Carinus 
hin, der ihn während der Zeit seines Ausbleibens vertreten solle. Am 
Donnerstag den 8. Januar 1523 trug Claus die Sache bei Rathe vor, 
und dieser beschloss: Soll raan's ihm erlauben und Meister Carinus 
die Zeit annehmen 1 ). Um Ostern scheint er, nach der Zeit seiner 
Ankunft in Wittenberg zu schliessen , Frankfurt verlassen zu haben, 
wo sein Name in der dankbaren Erinnerung der Nachwelt noch heute 
fortlebt. Bald brachen hier die kaum beschwichtigten Stürme wieder mit 
Macht herein, im Jahre 1525 musste schon im März der berüchtigte 
Peter Meyer vor dem Unwillen der Bürger mainabwärts flüchten ; am 
2. Ostertag erhob sich der Aufstand in wilder Gährung, den Carl- 
stadt's Schwager Gerhard Westerburg mit Geschick organiairt hatte 
und leitete; am Osterdienstag zog auch Cochliius auf Nimmerwieder- 
kehr ab; der erste der von Westerburg verfassten sechs und vierzig 
Artikel forderte die freie Predigt des Wortes Gottes; die 1523 in das 
Stocken gerathene Reformation in der Reichsstadt kam wieder in 



•) Rathschluss fori« Va. post Trinm Regum bei Lcrsner a. a. 0. 



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126 — 



Fluss; schon Ende Aprils waren die ersten Prädicantcn angestellt und 
begründeten fester, was bis dahin nur in vereinzelten Anläufen ver- 
sucht worden war 1 ). 

Nach Nesen's Abreise leitete Carinus die Schule. Er hatte, seit 
er mit Nesen von Löwen geschieden war, die Stelle eines Secretärs 
hei Capito, dem Hofprediger und geistlichen Rathe des Churfürsten 
von Mainz, bekleidet, der ihn als Schüler. Nesen's und als Schützling 
des Erasmus 1515 in Basel kennen gelernt hatte. Capito kehrte gegen 
das Ende des Reichstags zu Nürnberg im März 1523 nicht wieder 
an den Mainzer Hof zurück. Damit hörte auch die Privatstellung 
auf, welche Carinus bis dahin bei ihm eingenommen hatte, und er war 
nun in der Lage dem Rufe des Freundes und Lehrers zu folgen. 
Seine Leistungen in der Schule fanden Anerkennung, denn schon im 
Sommer 1523 trug sich der Rath mit dem Plane die Leitung dersel- 
ben ihm definitiv zu übertragen. Am Donnerstag nach Ulrici (9. Juli) 
erfolgte der Beschluss*): „Als Ludovicus Carinus halber anbracht 
wird, wie der willig sei, sich anstatt Wilhelmi Niseni bestallen zu 
lassen, soll man den drei Jahr gleich Meister Wilhelm auf Verschrei- 
bung annehmen." Es ist unbekannt, aus welchen Ursachen diese 
Verschreibung nicht zu Stande kam, aber Thatsache, dass am 14. Sep- 
tember desselben Jahres Jacob Micyllus die Ver^chreibungsurkunde 
unterzeichnete. Gleichwohl blieb dieser noch ein volles Jahr in Wit- 
tenberg und traf erst am 27. October 1524 in Frankfurt ein. Bis 
dahin hat Carinus zuerst als Vicar Nesen's, dann des Micvllus die 
Stelle verwaltet. Wenige Tage vor dessen Ankunft 3 ) reiste er mit 
Sigismund (wahrscheinlich Gelenius, dem Leiter der Froben'schen 
Druckerei in Basel) ab. Ich fühle mich verpflichtet, den verdienten 
Mann auch an dieser Stelle gegen ein Misaveratändniss Classen's in 
Schutz zu nehmen. Da nämlich der junge Johann Fichard in seiner 
Selbstbiographie erzählt, dass sein Vater ihn im Jahre 1524 — er 
war damals zwölf Jahre alt — dem Schulmeister J. Espach an der 
Leonhardsstiftsschule zum Unterricht in lateinischer und griechischer 
Grammatik und erst im Jahre 1525 dem Micyllus übergeben habe, 
so 8chlicsst daraus Classen, dass der ZuBtand der Schule unter Carinus 
ein unbefriedigender gewesen sei und dass die Kunde davon Nesen 
veranlasst haben dürfte, im Frühlinge 1524 nach Frankfurt zu reisen. 



') Man vergl. meine Biographie Westerburgs im 5. Bande N. F. dieser 
Zeitschrift. 

i) Lersner a. a. 0. II, II, 110. 

>) Classen, Micyllns 8. 46 nnd S. 51 Anm. 36. 



uigitizeö uy vjüo 



— 127 — 



Ich habe Grund diesen Schluss für einen unzureichenden zu halten. 
Ficbard's Vater war, wie der Sohn selbst erzählt, von Mainz nach 
Frankfurt gekommen, um eine Stelle als ludimagister an der Schule 
des Liebfrauenstiftes zu tibernehmen, später wurde er Gerichtsschrei- 
ber; er wird noch zu Ende des Jahres 1526, was auch der Sohn 
fühlbar genug andeutet, als Anhänger der alten und Gegner der 
neuen Lehre bezeichnet, des Vaters Bruder Conrad wurde l. r >2S 
Canonikus an dem Liebfrauenstift Selbst des jüngeren Fichard Hal- 
tung während der von ihm beschriebenen italienischen Reise verräth 
noch keine Entfremdung von der alten Kirche. Auch das Argument, 
aus dem Stillschweigen de» Camerarius im Jahre 1524 über die Schule 
und ihren Stand in einem Briefe von Frankfurt vom Frühjahr 1524 
fällt unter diesen Umständen nicht schwer in das Gewicht ; gerade 
in den Briefen aus der Reformationszeit vermissen wir oft die Aeus- 
serungen über Dinge, deren Berührung nach unserer Erwartung den 
Schreibern nahe gelegen haben müsste. 



XII. Nesen's Aufenthalt in Wittenberg. Stellung zu 
Erasmus und zur Reformation. Letzte Reise. 

Nesen wandte sich nach Wittenberg, um dort die Rechte zu 
studieren. Im April 1523 benachrichtigt Melanchthon don Spalatin 2 ): 
„Gestern ist Nesen von Frankfurt hierher gekommen, über dessen 
Angelegenheiten ich dir in zwei Tagen Näheres schreiben werde". 
In dem versprochenen Briefe Iässt er sich weiter aus 3 ) : „Nesen ist an- 
gekommen, um sich hier des Rechtsstudiums zu befleissigen , denn 
den Doctortitel wird er kaufen. Unterdessen verbindet er, wie ich 
meine, mit diesen Studien, so weit es möglich ist, auch die Theologie 
(sac a). Er ist ein wunderbar wohlwollender (candidus) Mensch und, wie 
ich sehe, durchaus nicht mürrisch, eine Mitgift, von der du weisst, 
wie selten sie sich bei ausgezeichneten Geistern findet. Ueber- 
haupt dürfte ich hoffen, dass unsere Hochschule sich Belbst wohl be- 
rathen würde, wenn sie fleissigere Rechtsgelehrte zu Lehrern hätte. 
Er wird das Haus des Doctor Christian bewohnen , wovon er sich 
viele Frucht verspricht. Darum wirst du auch dem Doctor Christian 



1) Ficbard's Archiv, II, 14, Königstcin's Tagebuch Nr. 337 und Anm. ; An- 
hang dazu S. 209. 

«) Corp. Ref. I., 611. 
') Corp. Ref. I., 612. 




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— 128 - 



den Mann empfehlen und zugleich ihn selbst mit der Anmuth deiner 
Briefe erfreuen". 

Am 29. Mai (Freitag nach Pfingsten) 1523 richtete Nesen selbst 
einen Brief an Spalatin 1 ): „Dass ich bis jetzt, wohlwollender Mann, 
noch nicht geschrieben habe, daran trägt Erasmus die Schuld. Dieser 
hat an mich einen sehr langen Brief über vertraute Angelegenheiten 
geschrieben. Als ich eben im Begriffe war nach meinem Versprechen 
dir denselben zu übersenden, überraschte mich der Katalog der Werke 
des Erasmus, worin wir nun der Welt enthüllt sehen, wovon ich ge- 
glaubt hatte, es sei mir ausschliesslich geschrieben. Darum wollte 
ich, du möchtest lieber daraus als aus seinem Briefe des Erasmus 
Sinn kennen lernen. Was die drei Dialoge betrifft, die er uns in 
Aussicht stellt , so ist das nur ein Traumbild, denn iu dieser Weise 
streut er, wie du weisst , den ebenso unerfahrenen als gottlosen So- 
phisten Sand in die Augen. W r ir haben nichts von Erasmus zu be- 
fürchten. Besser Ruhe halten als dem heiligen Maun Schwierigkeiten 
bereiten. Jene Parthei steht fester, als dass sie durch seine (illius) 
Beredsamkeit zum Wanken gebracht werden könnte. Du aber, mein 
bester Spalatin, lebe wohl und schütze, wie du thust, tapfer die Wissen- 
schaft. Ich selbst studiere hier die Gesetze und würde wenigstens 
etwas vorwärts bringen, wenn unsere Professoren den Text, wie sie 
es nennen , erklärten und nicht Uber die Behandlung jener abge- 
schmackten (ilosseu die Zeit verlören. Kaum werden sie, wenn sie 
»o fortfahren, in zwei Jahren mit der Interpretation von zwanzig 
Zeilen fertig werden, die für mich nicht den Werth haben, dass ich 
um ihretwillen hier so lange festsitzen möchte. Das AlleB werde ich, 
wie ich hoffe, dir mündlich sagen und den Rath, den du mir darin 
geben wirst, gerne annehmen." 

Der Brief zeigt, wie wenig der sinnige, geistesfreie Neseu seine 
wissenschaftliche Bedürfnisse durch die pedantische Behandlung der 
VVittenbcrger Juristen befriedigt fühlte. Er wirft aber auch kein er- 
freuliches Licht auf Erasmus. Während dieser seinem ehemaligen 
Liebling im Stillen grollt und in seinen Correspondenzen vor ihm 
warnt, hält er noch die Verbindung mit ihm durch Briefe aufrecht, 
die er im alten vertraulichen Tone abfasst und giebt sich den Schein, 
als ob das frühere Verhältniss noch ungetrübt fortbestehe. In der 
That lässt Bich der arglose Nesen täuschen, er bewahrt treu die Ver- 
ehrung gegen den Mann, der seinem offenen Gcmüthe auch jetzt noch 



') Hekelii Manipulua primus epistolartim Bingularium p. 701, abgedr. bei 
Schelhoru, analecta p. 7G, und bei Haupt S. 70, Anm. 19. 



• - 129 - 



derselben würdig erscheint; er giebt sich ihm in rückhaltlosem Ver- 
trauen hin; er fürchtet von ihm nicht einmal für die Reformation, 
sondern sucht die Besorgnisse des schärfer blickenden Spalatin zu 
beschwichtigen. Uebcr den Inhalt der Dialoge, die Erasmus zu schrei- 
ben beabsichtigt, ertheilt der Catalogus lucubrationum ! ) vom Jahre 1523, 
den Nesen eben empfangen hatte, folgende Aufschlüsse. Den Flau hatte 
er auf den Rath der Legaten Carracioli und Aleandcr, des kaiser- 
lichen Beichtvaters Johann Glapio, des Wilhelm von Monjoie und 
des Herzogs Georg von Sachsen gefasst, aber vorerst die Ausführung 
uur in der Anlage überdacht und kaum einige Seiten auf das Papier 
geworfen. Zwei Personen, Thrasybulus und Eubulus, werden darin 
redend eingeführt, jener als Anhänger, dieser als Gegner Luthers. 
Der erste Dialog behandelt die Frage, ob Luther, auch wenn er nur 
Wahres geschrieben, in dieser Weise auftreten und vorgehen durfte; 
der zweite erörtert einige seiner Lehrsätze; der dritte deutet den 
Weg an, wie der Tumult mit dauerndem Erfolge beschwichtigt 
werden könne. Erasmus will so maassvoll schreiben, dass er mehr 
den Unwillen der Gegner als den Luther's befürchten zu müssen 
glaubt, wenn er diesem einen Funken des Verstandes zutrauen darf, 
welchen die Seinen an ihm rühmen. Er wünscht überhaupt den Streit 
so beigelegt zu sehen, dass jeder von beiden Theilen nicht sich, son- 
dern der Wahrheit und der Ehre Christi den Sieg zuerkenne. Er 
habe bereits den Monarchen insgeheim Rath ertheilt, ob sie ihn be- 
folgen wollten. Er bittet schliesslich, man möge über das Buch jedes . 
Urtheil bis zu seinem Erscheinen zurückhalten. Offenbar wollte er 
mit dem Buche selbst der Reaction Sand in die Augen streuen und 
seine Scharte bei ihr auawetzen, mit dem Briefe aber die Witten- 
berger beruhigen, als ob die Tendenz der Dialoge die Spitze 
nicht gegen sie kehre; zur Erreichung des letzteren Zweckes sollte 
Nesen und seine nahe Beziehung zu den Häuptern der Reformation 
dem Schlauen als Werkzeug dienen. 

Ueber den Wittcubergcr Aufenthalt sind dies die einzigen Nach- 
richten, die wir besitzen. Es dürfte dies der geeignete Ort sein über 
die Freunde Ncsen's und damit zugleich über seine Stellung zur 
Reformation zu reden. Wir haben ausführlich des Kreises gedacht» 
der sich in Basel um Erasmus gebildet hatte und dessen Glieder alle 
mit Nesen in naher Verbindung standen, vor Allem Zwingli's, obgleich 
er nur als Gast in demselben vorübergehend verkehrte : mit ihm 



') Abschnitt: De ro Lnthcrana. C. 1* 

VI. y 



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— 130 — 



unterhielt Nesen einen regen Briefwechsel , nnd wenn dieser auch 
später in das Stocken gerathen zu sein scheint, so zeigt doch noch 
der Empfehlungsbrief, den er am 10. Juli 1522 an ihn für Brunfels 
schrieb, dass die alte Liebe und gegenseitige Achtung beider Männer 
dadurch keinen Abbruch erlitten hatte. Auch die Freundschaft, die 
ihn mit Oekolampad und Capito verknüpfte, rührte aus dieser Zeit 
und diesem Kreise, dem beide angehörten. Der Freunde, die er 
während des Pariser Aufenthaltes sich gewann, haben wir gleichfalls 
gedacht, ausser den dortigen Gelehrten und Professoren der Studicu- 
genoasen Hermann des Friesen und des Engländers Thomas Lupset, 
nach der Rückkehr in das Vaterland Professor der lateinischen und 
griechischen Sprache am Collegium Corporis Christi zu Oxford. Unter 
den zahlreichen jüngeren Freunden, mit denen Nesen in Paris anregend 
und fesselnd verkehrte, heben wir den jungen Züricher Jacob Ammann 
hervor, der im Jahre 1519 sich des Umganges und Wohlwollens 
Glarean's erfreute und dessen reiches Wissen auch dieser zu rühmen 
wusste. Im Juli desselben Jahres finden wir dann Ammann in Basel, 
wo er auf Zwingli's Empfehlung täglich den Beatus Rhenanus besucht 
und, wie er selbst gesteht, von jedem Besuche gelehrter zurückkehrt. 
Vom September 1519 weilt er in Mailand, wo er uns noch im Jahre 1520 
begegnet, mit Rudolf Clivanus (Collin), nachmals Professor der grie- 
chischen Sprache in Zürich, enge zusammenlebend. Von hier schreibt 
er am 27. October 1520 an Zwingli 1 ): „Vor nicht gar langer Zeit 
• erhielt ich zwei Briefe aus Deutachland, den einen von Beatus Rhe- 
nanus, den andern von Nesen, nichts als Liebe und Wohlwollen 
athmend". In dem letzten seiner Briefe, den uns die Zwingli'schc Samm- 
lung bietet, schrieb Ammann an den Züricher Reformator in grosser Be- 
drängnisB. Seinem Vater wurden die Kosten zu gross, welche des Sohnes 
Studien und Reisen erforderten, er wollte ihn zu Ende des Jahres 1521 
darum in die Tretmühle (pistrinum) des praktischen Berufes stellen. 
Da dieser Plan dem Jüngling widerstrebte, sandte ihn der Vater 
nach Basel zu seinem mütterlichen Oheim, um dessen Rath einzu- 
holen. Der Oheim,, ein verständiger Mann, ging auf die Wünsche 
des jungen Gelehrten ein; er bot ihm Wohnung, Kost und den Ge- 
brauch seiner Bibliothek und warnte ihn sich von den Humanitäts- 
Studien trennen zu lassen. Ammann bittet nun Zwingli, mit seiner 
Autorität ihm die Zustimmung des Vators zu erwirken 8 ). Jacob Ammann 
wurde später Professor in Zürich. 



«) Zwingiii Opp. VII, 149. Vergl. VII, 73-75. 83. 86. 131. Ul. 
») Zwingiii Opp. VII, 185. 



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- 131 - 

Wir haben erwähnt, dass Oekolampad und der Flüchtling Otto 
Brunfel8 in dem Hanse Nescn's im »Sommer 1522 Aufnahme fanden. 
Man hat daraus so wie aus seiner Freundschaft mit Zwingli folgern 
au dürfen geglaubt, dass er reformirt gesinnt gewesen sei. Wunder- 
bare liechthaberei! — als ob es unter dieser Voraussetzung Nesen 
zu Luther und Melanchthon hätte nach Wittenberg ziehen können, 
als ob man sich überhaupt damals schon des Unterschiedes zwischen 
reformirtem und lutherischem Lehrtypus bewusst gewesen wäre und 
beide in unversöhnlichem Gegensatze gedacht hätte; als ob nicht 
Otto ßrunfels noch 1524 als Schulrector zu Strassburg seine Ausgabe 
einiger Schriften von Huss Luthern dedicirt hätte mit dem Ausdruck 
einer so unbegrenzten, schwärmerischen Verehrung, dass Luther diese 
ablehnen zu müssen glaubte und sich seinem Gebete empfahl, und 
zwar geschah dies zu eben der Zeit, wo Brunfels eine Anzahl von 
Thesen herausgab, worin er den Zehnten für eine durch den neuen Bund 
abgethane alttestamentlichc Einrichtung erklärte *) ; als ob nicht Luther 
noch am 20. Juni 1523 einen warmen Brief an Oekolampad ge- 
schrieben hätte, worin er sich unter Anderra über Erasmus in folgenden 
charakteristischen Worten vertraulich ausspricht *) : „Wie Erasmus in der 
Beurtheilung geistlicher Dinge denkt oder heuchelt, bezeugen deutlich 
seine Büchlein, sowohl die ersten als die letzten 3 ). Ich fühle Stacheln 
hier und dort, aber da er sich stellt, als ob er nicht offen mein Feind 
sei, so stelle auch ich mich, als ob ich seine Kniffe nicht verstünde, 
obgleich ich sie gründlicher verstehe, als er selbst glaubt. Er hat 
gethan, wozu er berufen ist. Er hat den Sprachen den Weg bereitet 
und von gottlästerlichen Studien zurückgeführt Vielleicht stirbt er 
wie Moses auf den Gefilden Moab's, denn zu besseren Studien, welche 

die Frömmigkeit fördern, schreitet er nicht fort Er hat genug 

gethan, dass er das Uebel zeigte, aber das Heil zu zeigen und in 
das Land der Verheissung einzuführen vermag er nicht* Wie er dem 
Erasmus das Verständniss der Schrift abspricht und seine Paraphrasen 
für eine unnütze Arbeit erklärt, so bittet er Gott, dass er den Oeko- 
lampad zu seinem Unternehmen über den Jesaias in Basel zu lesen 
stärke, obgleich ihm geschrieben worden, dass es dem Erasmus miss- 
falle, was ihn nicht kümmern dürfe. Melanchthon höre nicht auf 
ihm täglich den Oekolampad grösser zu zeigen. „Ich weiss, sagt er 



«) Brief Luthcr's an Branfels 17. Okt. 1524 bei de Wette II, 554. Ranke, 
Deutsche Geschichte im Zeitalter der Reform. II. 185. 
*) A. a. 0. n, 352 flg. 

») Er meint offenbar den Prospect der drei Dialoge im Catalogus lucnbratiomim. 

9* 



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— 132 - 



am Schlüsse, dass du meines Trostes nicht bedarfst, Christus, der in 
dir wohnt und durch dich wirkt, wird dich nicht verlassen." Aller- 
dings waren die Gegensätze der Richtungen bereits vorhanden, aber 
noch mochte man sie mehr ahnen als klar erkennen, wenigstens 
sie sich nicht gestehen , noch war durch sie der Friede nicht gestört, 
noch ruhte das Schwert in der Scheide. Nesen aber war von Natur 
zu unbefangen und sein heller Blick zu weit, als dass er sich durch 
die ersten Verstimmungen, die zwischen Wittenberg und den Ober- 
ländern vorerst noch durch ganz andere Anlässo hervorgerufen wur- 
den, in seinen Beziehungen zu den alten Freunden hätte stören oder 
beirren lassen, wenn er auch als Wittenberger galt und es wohl auch 
in demselben Sinne wio Mclanchthon und Micyllus war. Er konnte 
daher auch die Aufgabe der Vermittlung übernehmen und lösen. 

Wir ersehen dies aus seinem Verhalten gegen die Strassburger, 
gegen Capito und Bucer 1 ), müssen aber zum Verständniss desselben 
weiter zurückgehen. Capito, der im Jahre 1515 als Prediger und 
Professor zu Basel mit Erasmus in das innigste Vcrhältniss getreten 
war, hielt auch in seiner Wirksamkeit als Hofprediger und geistlicher 
Rath des Churfürstcn Albrecht von Mainz von 1520 bis 1523 an dem Stand- 
punkte des älteren Freundes fest : er wollte nur das Bestehende bessern, 
nicht umstürzen. In dieser Richtung hat er den Fürsten mit Erfolg 
berathen. Seine damalige theologische Ansicht und ihr Verhältniss zu 
den Principien der Reformation deutete er Melanchthon am 30. Sep- 
tember 1521 zu Wittenberg in einem Gespräch an: Luther sei in 
der Frage des freien Willens zu scharf vorgegangen ; was er gegen 
den Papst geschrieben, gebe er zu, nur dürfe man nicht der Kirche 
die Autorität absprechen, Lehrsätze endgültig festzustellen; es müsse 
in der Kirche gewisse Lehrbestimmungen geben, denen die Lehrer 
zu folgen hätten, sonst würde Jeder die an sich dunkle Schrift nach 
Willkühr auslegen und es würde dann so viele Dogmen als Lehrer 
geben. Er beschwerte sich über Luther 's Heftigkeit und bat um Scho- 
nung für seinen Churfürsten a ). Von Wittenberg reiste er mit dem Arzte 
Stromer an den ch ursächsischen Hof und besprach sich mit Spalatin: 
hier fand er besseres Gehör. Von dieser Seite wurde sofort Luther 
bestimmt seine heftige Schrift : „Wider den Abgott zu Halle" zurück- 
zuhalten, er schrieb aber aus seiner Wüstenei, wie er die Wartburg 



<) Vergl. fllr das Folgende Baum, Capito und Butzer, besonders S. 43 flg. 
G2 flg. S. 211 flg. 8. 2. r )5 flg. 
*) Corp. lief. J, 404 flg. 



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— 133 — 

nannte, am 1. Deceniber einen drohenden Brief an Cardinal Albrecht ( ): 
wo nicht der Abgott innerhalb 14 Tagen abgethan werde, müsse ihm 
das, göttlicher Lehre und christlicher Seligkeit zu gut, eine unver- 
meidliche Ursache sein, sein Büchlein wider den Abgott zu Halle 
ausgehen zu lassen und aller Wolt anzuzeigen den Unterschied 
zwischen einem Bischof und einem Wolf." Am 20. und 21. Deceraber 
legte sich Capito "in's Mittel, er theilte Luther mit, welche Fortschritte 
unter seinem Einflüsse der Cardinal in christlicher Einsicht gemacht 
habe uod fortwährend mache, und rieth zur Mässigung gegen ihn 2 ). 
Am 21. üecember antwortete auch der Churfurst von Mainz in auf- 
fallender Demnth, er versehe sich gänzlich, die Ursache sei längst 
abgestellt, die Luther zu solchem Schreiben bewegt habe; er wolle 
sich, ob Gott wolle, dergestalt halten und erzeigen, als einem frommen 
geistlichen und christlichen Fürsten zustehe, denn er vermöge von sich 
nichts und bekenne, dass er nöthig sei der göttlichen Gnade, wie er 
denn ein armer, sündiger Mensch sei, der sündigen könne und täglich 
sündige, wie er nicht leugne 3 ). Luther argwöhnte in diesem Schreiben 
Mangel an Aufrichtigkeit, in Capito's Briefen sah er ein Gewebe von 
diplomatischen Künsten , das er mit scharfem Schwertesstreich zu 
durchhauen bcschloss. Er that dies in einer Antwort an den Letzteren 
am 17. Januar 1522, die ihn auf das Tiefste verletzte 4 ). Zwar kam 
eiue Verständigung zwischen beiden Männern zu Stande, als Capito 
nach Luther's Rückkehr von der Wartburg ihn am 12. Marz zu 
Wittenberg gegen die Schwarmgeister predigen hörte, aber trotz der 
Ehrlichkeit, womit dieselbe von beiden Seiten gemeint war, mag in 
Capito's Herzen ein Stachel, bei Luther ein Misstrauen zurück- 
geblieben sein. Capito, dessen Ueberzeugung man den evangelischen 
Charakter nicht absprechen kann und dessen lautere Absichten nicht 
zu bezweifeln sind, konnte sich indessen den Widerspruch seiner Ge- 
sinnung und seiner Stellung nicht verhehlen, und je qualvoller er sich 
desselben bewusst wurde , um so sicherer reifte sein Entschluss sich 
davon zu befreien. Noch vor dem Schluss des Nürnberger Reichs- 
tages, zu welchem er den Churfürsten begleitet hatte, zog er sich 
gegen Ende März 1523 nach Strassburg auf seine Pfründe, die Probstei 
von St Thomas zurück und von hier sagte er am 18. Juni dem 
Mainzer Hofe den Dienst auf. Doch scheint es' ihm gelungen zu sein, 



») Bei de Wette II, 112 flg. 

») Abgedr. bei Krafft a. a. 0. S. 35 flg. und S. 38. 

Abgedr. boi Walch, Luther's Werke XIX, 661. 
♦) Luther's Brief bei de Wette II, 129. 



— 134 — 

zuvor von Nürnberg aus eine freundlichere Stimmung zwischen Luther und 
dem Churfürsten Albrecht vermittelt zu haben, denn am Ostersamstag 
(4. April) 1523 benachrichtigt Caspar lledio, der als Nachfolger 
Capito's in Mainz zurückgeblieben war und die Dompredigerstelle 
versah, Zwiugli 1 ): »Wir hoffen das Beste von unserem Fürsten : 
Nesen schrieb von Wittenberg, Luther habe ihm neulich sehr freund- 
schaftlich geschrieben und nicht minder freundschaftlich sei ihm durch 
den Fürsten geantwortet worden." 

Capito und Bucer, der im Mai nach Strassburg gekommen war, 
schlössen den Bund mit dem hier längst im evangelischen Sinne 
wirkenden Matthias Zell und betraten nun mit unumwundener Ent- 
schiedenheit die Bahn der Reformation. Von allen Seiten erhoben 
sich Gegner, hier die römisch gesinnten Priester, unter ihnen auch die 
Chorherren des Thomasstiftes, dort die Freunde des Erasmus, der es 
ohnehin nicht zu verschmerzen vermochte, wenn solche, die früher 
unbodingt in seinem Gcloise gewandelt waren, von ihm sich trennten : 
wie Nesen sollte es bald auch Capito erfahren. Der Jurist Nikolaus Gerbel, 
einst wie Capito Glied des Erasmischen Museums in Basel und auf 
dem Standpunkt des Meisters zähe beharrend, wurde des Probates 
entschiedener Feind und der Zwischenträger zwischen Strassburg und 
Basel und Erasmus Hess es gewiss nicht daran fehlen das Feuer zu 
schüren, wenigstens athmen seine Briefe aus dieser Zeit Bitterkeit 
gegen Capito. Gerbel fasste zur DemUthigung des Gehassten den 
Plan, den verletzenden Brief, welchen Luther am 17. Januar 1522 von 
der Wartburg an Capito geschrieben hatte, in deutscher Sprache*) 
nebst einer Reihe von Aeusserungen Luther's und Melanchthon's über 
Erasmus herauszugeben. Ein naher Verwandter Capito's, der Buch- 
drucker Köpflin in Strassburg, Ubernahm den Druck. Eben in diese 
Zeit fallt ein Brief üedio's aus Mainz an Capito, den Knifft jüngst 
veröffentlicht hat 3 ). Er ist vom 21. Mai 1523 datirt, berichtet zuerst 
den tragischen Ausgang Sickingen's, theilt einige Mainzer Vorgänge 
mit und fahrt dann fort: „Für Capito hego keine Besorgnisse, ich 
habe es angelegentlich (pulchre) bei Luther verhütet, dass nichts von 
dem, was du befürchtet hast, geschehe." Ich wage nicht zu entschei- 



i) Zwingli Opp. VII, 280. 

») Der Brief war ursprünglich in lateinischer Sprache geschrieben und so 
bereits 1522 im Druck erschienen, dann nach de Wette II, 129 mit mehreren 
Aeusserungen der Wittenberger über Erasmus, dies ist wohl die von Gerbel ver- 
anstaltete Sammlung. Die deutsche Uebersetzung sollte wohl dazu dienen diesen 
Brief unter das Volk zu bringen und dadurch Capito zu schadigen. 

') Bricfo und Dokumente aus der Zeit der Reformation, S. 54. 



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- 135 - 



den , worauf die Besorgnisse Capito's sich bezogen ; dass >ie nicht 
ohne Grund waren, setzt Nesen's Aeusserung ausser Zweifel. Neue 
Verstimmung gegen Capito musste in Luther's Gemüthe, vielleicht durch 
Gerbel angeregt, Kaum gewonnen haben und ein drohendes Un- 
gewitter schien aufzusteigen. Was der Mittheilung Hedio's für meinen 
Zweck ihre Wichtigkeit giebt, ist die vermittelnde Stellung Nesen's 
in den Gegensätzen der Personen und Kichtuugeu und der Einfluss, 
den derselbe zur Herbeifilhruug des Erfolges einzusetzen vermochte, denn 
dafür legt sie unwidersprechliches Zeugniss ab. Der Brief Luther's 
an Capito, an dessen Uebersetzung und Verbreitung übrigens 
Luther vollkommen unbetheiligt war, muss im Monat Juli ausgegeben 
worden sein 1 ). 

Erasmus fuhr indessen in seinem Unmuthe fort gegen Capito 
Parthei zu machen. Sein Zorn wurde noch mehr gereizt, als in Strass- 
en rg Ilutten's Expostulatio, diese geharnischte Beschwerdeschrift gegen 
ihn, im Jahre 1524 bei dem Buchdrucker Schott in erster und bald in 
neuer Auflage erschien, diesmal mit gehässigen Bildern ausgestattet und 
mit einem Anhange bereichert, welcher neue Angriffe gegen ihn ent- 
hielt 8 ). Er beklagte sich darüber in zwei Briefen an den Rath zu 
Straesburg vom 27. März und 23. August 1524 3 ) und berief sich auf 
das Missfallen, das Luther selbst und Melanchthon an Hutten's Libcll 
hatten. Der Drucker kam indessen mit einem blossen Verweis davon. 
In einem andern Brief an de la Roche vom 26. März 1524 wagt 
Erasmus sogar zu hoffen, Luther und Melanchthon würden sich ge- 
nöthigt sehen gegen solche Verfechter des neuen Evangoliums zu 
schreiben 4 ). Wahrscheinlich wollte er damit den Übeln Eindruck ver- 
bergen, den auch seine Spongia in Wittenberg gemacht hatte 5 ); sie 
wurde ihm um so mehr verübelt, da sie erst nach Hutten's Tod be- 
kannt wurde. Noch am 6. September 1524 ergoss er seinen Unwillen 
in einen Brief an Melanchthon, worin er nicht Anstand nahm den 
Capito und seine Freunde als Mitschuldige an diesen Publicationen zu 
verdächtigen 6 ). Er entschuldigt sich darin , dass er dem flüchtigen, 

<) Ich schliesse dies aus der ungedruckten, aber von Baum mitgethciltcn 
Epistola apologetica ad Jacobuni Truchsessen, die Capito einem Wittenberger 
Freunde in den Mund legt und die Wittenberg den 30. Juli 1523 datirt ist Vergl. 
Baum a. a. 0. S. 211. 

J ) Hindeutung auf des Otto Brunfcls : Ad Erasmi Rot. Spongiam Responsio. 
Vcrgl. Böcking, Hutten Opp. I, Ind. bibliogr. XLV, No. 2. 

») Ep. 674, Col. 793. Ep. 687, Col. 804. Vergl. Melanchthon, Corp. Ref. 1, 678. 

♦) Ep. 673, Col. 792. 

Vcrgl. Luther's Brief an Erasmus bei de Wette II, 499. 

6) Corp. Ref. I, 667 flg. 



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kranken Hutten daa Gespräch versagt habe. AU Ursache führt er an: 
„Jener suchte dürftig und von allen Hülfsmitteln entblösst ein Nest 
zum Aufenthalt. Ich sollte jenen grossBprechcrischen Krieger mit sei- 
nem Aussätze in mein Haus aufnehmen und mit ihm jenen Chor 
derer, die sich evangelisch nennen, aber auch nur nehmen. Zu Schlett- 
stadt büsstc er alle seine Freunde um Geld. Auch der Geduldigste 
konnte des Mannes Schärfo und Prahlerei nicht ertragen." Später 
folgen die Austalle gegen die Strassburger und Andere: Capito sei 
ihm um seiner Verschmitztheit willen zuwider; Hcdio habe einen 
Possenrcisser, bewogen durch einen Brief des Erasmus, der zu dessen 
Bestrafung geschrieben worden, unterstützt, angeblich aus Mitleid, 
weil er Weib und Kinder habe, und auch jetzt noch sei er für diesen 
und seinen Ruf besorgt '). Oekolampad sei etwas bescheidener als die 
andern und doch vermisse er auch an ihm die evangelische Aufrichtig- 
keit. Zwingli wird der Empörung beschuldigt. Wie vielo Unruhen habe 
er nicht ob der Bilder erregt. „Viele, sagt er, denken sehr schlimm 
von Capito und ich hege gegen ihn gleichfalls Übeln Verdacht Sicher 
ist aus seinem Hause jener Schäbige*) ausgegangen, der das leiden- 
schaftliche Buch zum Druck befördert hat, den Eisenfresser Eppen- 
dorf trug er ja stets im Herzen, darum entschuldigt er sich bald 
schüchtern, bald unumwunden, so dass diese Entschuldigung meinen 
Verdacht nur vormehrt." Melanchthon antwortet ihm am 30. September 3 ). 
Seine Verdächtigungen schneidet er mit feiner Ironie durch die Be- 
merkung ab: „Du webst ein Verzeichniss, in welchem du die gott- 
losesten allor zweibeinigen Geschöpfe mit Oekolampad und ähnlichen 
Männern auf eine Linie stellst , ich bitte dich , wozu war das not- 
wendig ?" 

So von allen Seiten angefochten und mit Misstrauen beurtbeilt, 
glaubten die Strassburger Schritte in Wittenberg versuchen zu sollen. 
Buccr, der mit Üekolompad nach dessen Austritt aus dem Brigitten- 
klostcr zu Augsburg und mit andern Flüchtlingen im Jahre 1521 bei 
Sickingen auf der Ebernburg ein Asyl gefunden, hatte wohl von hier . 
aus Gelegenheit gehabt mit Nesen persönlich bekannt zu werden und 
seine Freundschaft zu gewinnen. An diesen wandte er sich jetzt ver- 



') Es ist der Buchhändler Schott gemeint, vergl. ücb Erasmus Brief au Hcdio 
vom Juni \b2i bei Böcktug, Hutteni üpp. II, 410. 

2 ) Eppendorf, Hutten's Freund und früher des Erasmus Vertrauter, ein ver- 
kommenes Talent. Thatsachc ist es, dass dieser das Mapuscript der Expostulatio 
nach Strasburg zu dem Buchdrucker Schott gebracht hat. 
Corp lief., 674 flg. 



— 137 

trauensvoll in einem Anfangs Mai 1524 geschriebenen ungedruckten 
Briefe, aus welchen» Baum Auszüge mitthcilt üass die Witten- 
berger, schreibt er, auf seine Briefe nicht geantwortet hätten, müsse 
er sich gefallen lassen, bis sie ihm eröffneten, worin er gefehlt habe, 
aber dass man sich so gegen einen Mann wie Capito benehme, könne 
ihn nur schmerzen: „Wer auch Capito früher gewesen sein mag, jetzt 
ist er in der Tbat und Wahrheit der Mann, welcher nicht allein mehr 
als Andere um Christi willen gelitten und geduldet hat, sondern auch, 
obgleich er [als ProbstJ kein öffentliches Predigtamt bekleidet, doch 
die Geheimnisse des Schriftwortes klarer erforscht und tiefer inno 
hat und mit glücklicherem Erfolge. Er ist der Steuermann, welcher 
das ganze Schilf unserer Kirche lenkt und ohne den wir in der 
jetzigen Lage grossen Verlusten nicht entgehen könnten. Das ist so 
wahr, dass selbst Hedio es anerkennt sammt der ganzen christlichen 
Gemeinde. Ich glaube nicht befürchton zu müssen, dass dieser letztere 
sich wegen eures Lobes überheben werde. Er ist fromm und predigt 
Christum mit ebensoviel Geschick als Eifer. Aber auch er erkenut 
wie wir mit grossem Danke an, wie viel ihm der Unterricht Capito's 
genützt hat. Da er nun, wio die Gerüchte verlauten lassen, bei Euch 
Alles gilt und der Andere gar nichts, so können wir nicht umhin, 
dies eher eiuer fleischlichen als geistlichen Beurtheilung zuzuschreiben." 
Zur Erläuterung des Gesagten fügen wir, so weit es Caspar Hedio 
betrifft, eine Bemerkung zu. Hedio war nämlich bis November 1523 
als Domprediger in Mainz geblieben, nachdem aber der Leutpriester, 
der bis dahin die Kanzel Geiler's von Kaiserberg inne gehabt hatte, von 
dieser zurückgetreten war, in dessen Stelle nach Strassburg berufen worden. 
Capito hatte die Berufung für sich gehofft, und da er von dem jüngeren 
Freundo die Ablehnung zuversichtlich erwartet hatte, sah er in dessen 
Annahme eine ihu tief kränkende Undankbarkeit. Wahrscheinlich 
war diese Trübung seines Verhältnisses zu dem Freunde und Lehrer 
die Ursache, dass Hedio seine eigene Wege ging und sich nun um 
so vertrauter an Capito's Gegner, Nikolaus Gerbel, anschloss, der 
sich um so zuvorkommender um seine Freundschaft bewarb. 

Bucer geht iu dem Verlaufe seines Briefes auf dio Beziehungen 
der Strassburger zu Erasmus ein: „Ihr seid über die Maassen unge- 
halten über uns, dass wir so unbillig gegen Erasmus sein sollen. Mein 
lieber Nesen, Erasmus mag zu uns halten oder nicht, immer bleibt 
er uns theuer und werth, aber des3wegen wünschen wir ihm eine 



') A. a. 0. S. 255 uad 257. 



138 



bessere Einsicht und Gesinnung und sind weit entfernt etwas Böses 
gegen ihn im Schilde zu fuhren. Da er aber den Handel des 
Glaubens so geringschätzig betrachtet und es als eine unwesentliche 
theoretische Streitfrage beurtheilt, ob wir durch den Glauben allein 
gerechtfertigt werden, was alle Apostel allenthalben lehren und treiben, 
so können wir ihn hierin weder entschuldigen noch billigen. Wir 
wissen, dass ihr unserer Vertheidigung nicht bedürfet, auch unter- 
fangen wir uns derselben nicht, zumal Einer, Christus, unser Aller 
Schutz und Schirmherr ist. Indessen können wir nicht das Böse gut 
und das Gute böse nennen. Unter einander beklagen wir wohl, dass 
der gelehrte Mann in so verkehrten Sinn dahingegeben ist, zumal 
wir täglich erfahren müssen, wie er die Herzen so Mancher von dem 
freien uud reinen Bekenutniss Gottes und Christi abwendig macht, 
aber Niemand ist unter uns, der irgend etwas gegen ihn hätte." Auch 
an Luther selbst schrieben Capito und Bucer, wie wir unten aus 
Luther's Antwort ersehen werden. 

Nesen war, als der Brief geschrieben und abgesandt wurde, nicht 
in Wittenberg. Er hatte am 16. April Melanchthon auf dessen Reise 
in die Heimath bis Frankfurt begleitet. Während des Aufenthaltes 
des Letzteren in der Pfalz benützten denselben Capito und Sapidus 
zu einer Zusammenkunft und Besprechung mit ihm, von welcher er 
einen günstigen Eindruck mitnahm. Ich bezweifle nicht, dass Melanch- 
thon sofort darüber an Luther berichtete und auch Nesen wird es an 
der Verwendung für die Strassburger Freunde nicht haben fehlen 
lassen, zu der ihn seino vertraute Stellung zu Luther und die Achtung, 
die er bei diesem genoss, berechtigte. Noch ehe die Reisegefährten 
nach Wittenberg zurückgekehrt waren, schrieb Luther am 25. Mai 
überaus freundlich an Capito 1 ): „Wenn ihr, du und Bucer mit dir, 
mein Fabricius, nicht so beharrlich behauptetet, dass Einige das Ge- 
rücht ausstreuten, euere Bestrebungen würden von uns verworfen und 
wir gingen weit auseinander, so würde ich das einem unbegründeten 
Verdacht zuschreiben, den ihr wegen unseres langen Schweigens") 
gegen uns hegtet, zumal ich oben als ich euere Briefe empfing, hörte, 
dass dasselbe von jenen vor drei Tagen zu uns gereisten Brüdern 
auch berichtet werde. Obgleich Christus so in euch herrscht, dass 
ihr keinen Schaden besorgen dürftet, wenn wir von euch abwichen 
oder euere Ansichten missbilligten, so war es mir doch höchst unan- 



■) Bei do Wette II, 522. 

l ) Vergleiche oben S. 137 Bucer an Nesen im Eingang des Briefes. 



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- 139 — 



genehm zu höreD, dass unsere [angebliche] Meinungsverschiedenheit 
hinausgeBchrieen wird , während doch unter uns völlige Uebcrein- 
stimmung und aufrichtige Einigkeit de« Geistes besteht. Da ich nach 
Kräften zu verheimlichen pflege, wo Einige der Unseren von uns 
abweichen, deren Viele, ich weiss uicht welcher Geist treibt, kann ich 
umsoweniger dies Aergerniss und Unrecht gegen die Eintracht und 
den geistlichen Frieden ertragen. Wäre ich daher nicht allzube- 
schäftigt, so würde ich mit öffentlicher Schrift die Lüge jener Ohren- 
bläser und unsere wohlwollende Gemeinschaft in der Sache des 
Christenthums bezeugen": Beachtenswerth ist der Schluss des Briefes: 
„Ich glaube, dass jenes durchaus grundlose Gerücht aus jenem meinem 
Briefe an dich entstanden ist, der, schon so oft gedruckt, jetzt auch 
in unsere Sprache übersetzt worden ist '), ein Umstand der mich fast 
vom Briefschreiben abschreckt, weil ich sehe, dass meine Briefe gegen 
meinen Willen so eilend zur Presse gebracht werden, während doch 
unter Freunden Vieles erlaubt ist und rückhaltloser besprochen werden 
muss, dessen Veröffentlichung nicht frommt. Auch du warst früher 
ein anderer Mann 3 ) und ein Diener des Hofes, jetzt aber bist du, 
weil freigeworden in Christo und Diener des Evangeliums, ganz mein 
und ich ganz dein. Grüsse mir in Christo den M. Bucer mit seinem 
Weibchen und seinen Kindern und alle jene Neuvermählten, besonders 
Hedio 3 ). Unsere Gemeinde grüsst euere Gemeinde . . . Entschuldige 
mich, dass ich Bucer und Andern nicht schreibe. Ich werde es später 
thun, wenn ich frei bin und Müsse haben werde." Luther schrieb 
ihm noch einmal am 15. Juni auf Melanchthon's Anregung und ent- 
wickelte ihm seine Ansichten über den Zehnten. 

Damit waren die Schatten zwischen Strassburg und Wittenberg 
vorläufig gebannt und man kann nur bedauern, dass sie es nicht für 
immer blieben. Luther selbst trug, wie sein Schreiben besagt, an der 
Uebersetzung und Veröffentlichung seines früheren Briefes keine Mit- 
schuld, diese fallt lediglich Gerbel zur Last, dass er aber, wie 
Köstlin 4 ) gegen Baum meint, von der Verstimmung gegon die Strass- 
burger und insbesondere gegen Capito ganz frei gewesen, scheint mir 
durch den Brief nicht bewiesen, sondern nur soviel daraus abzunehmen, 
dass er auf die Schreiben Capito's und Bucer's und auf die Berichte 
Melanchthon's und Neson's von seinen Vorurtheilen gegen sie vorerst 



l ) Es ist die Publication von Gcrbcl gemeint. 

*) Vcrgl. die buchstäbliche Uebereinstimmung mit Bucer an Nescn oben S. 137- 

') Er verheiruthete sich fünf Tage später um 30. Mai. 
*) Küsüio, Martin Luther I, b05, Anm. 2 zu 649. 



I 



- 140 - 

• 

zurückgekommen war. In allem aber, was zwischen Strassburgern 
und Wittenberge™ in den Jahren 1523 und 1524 obgeschwebt, er- 
scheint Ncsen als der Mann des Vertrauens beider Partheien und 
nach bestem Vermögen bemüht auszugleichen und zu versöhnen, ehe 
die Nebelschleier sich zu Gewitterwolken zusammenballten. Obgleich 
ihn Bucer entschieden in die Reihe der Wittenberger stellt, so zeugt 
doch das Vertrauen, das dieser ihm entgegen trägt, und die Stellung, 
• die er selbst nach diesseits und jenseits behauptet, für die Freiheit seines 
Geistes und die Unabhängigkeit seines Urtheils, die ihm auch die Be- 
geisterung für Luther und Melanchthon nicht verrücken konnte. 

Noch dürfen wir hier im Vorübergehen eines Briefes gedenken, 
den Caspar Hedio am 17. September 1523 zu der Zeit, da er noch 
in Mainz weilte, an Nescn in Wittenberg richtete und den K rafft 
S. 53 flg. zuerst herausgegeben bat. Hedio macht ihn darauf auf- 
merksam, dass nach der Mittheilung eines hochgestellten Freundes 
die Kriegsrüstungen, über welche die Fürsten zu Cöln eben beriethen 
oder berathen hätten, nur angeblich gegen die Dänen und Schweden, 
in Wirklichkeit aber gegen Herzog Friedrich (den Weisen) gerichtet 
seien, er werde daher seine Pflicht als braver Mann erfüllen, wenn 
er dies dem Spalatin oder einem Andern eröffne, der bei dem treff- 
lichen Manne Zutritt habe. Alle Wohlgesinnten wünschten das Beste 
dessen, der so trefflich für die Ritterschaft des Evangeliums eintrete, 
wozu ihm von Gott die Gewalt des Schwertes anvertraut sei. Zum 
Verständniss Folgendes! König Christiern II. von Dänemark, der 
Gatte der Infantin Elisabeth von Spanien, der Schwester Karl's V., 
hatte Dänemark in Folge seiner tyrannischen Regierung als Flücht- 
ling verlassen müssen und an seiner Statt hatten die Stände im 
August 1523 seinen Oheim Friedrich gewählt. Der Vertriebene suchte 
Hülfe bei seinem Schwager Karl V., der ihm indessen nur einen 
Jahresgehalt bewilligte; auch der Reichstag zu Nürnberg, an den sich 
Christiern wandte, Hess sich durch sein selbstverschuldetes Missgeschick 
nicht zu seiner Unterstützung bestimmen, dagegen sammelte eben 
damals sein Schwager Joachim von Brandenburg und andere katho- 
lische Fürsten ein Heer, um ihn wieder auf seinen Thron zurückzu- 
führen Dies waren offenbar die Verhältnisse , welche Hedio bei 
seiner übrigens grundlosen Warnung im Auge hatte. Die übrigen 
Mittheilungen des Briefes beziehen sich auf das Schicksal Hartmuth's 



') Vcrgl. Sleidan, Commentarii zum Jahre 1523. Schröckh's Kirchengeschichtc 
seit der Reformation II, 71. 




» 



- 141 - 

von Cronberg, der als Flüchtling mit Weib und Kind in Basel weilte, 
xledio theilt Nesen die Ansicl t der Cronberger Verwandten mit, das« 
es um ihn besser stehen würde, wenn er sich seiner wenig fruchtenden 
reformatorischen Sehriftstellcrci enthalte, und ihren Wunsch, dass 
Melanchthon und Luther um seiner Kinder willen ihn davon ab- 
brächten. Er selbst wolle indessen nichts vorschreiben: was der 
Geist des Herrn vorschreibe, möge ohne Ansehen der Geschöpfe thun, 
wer den allschaueodcn Schöpfer [für sieh] habe. 

Den Erfurter Freund Jodoeus Jona oder, wie er sich jetzt nannte, 
Justus Jonas, den Nesen zuletzt am 14. und 27. April 1521 in Frank- 
furt in Luther's Gefolge begrüsst hatte, fand er in Wittenberg als 
Probst und Pfarrer wieder und erneuerte nun mit ihm den persön- 
lichen Verkehr. Das innigste und zarteste Verhältniss aber gestaltete 
sich zwischen ihm und dem vier Jahre jüngeren Melanchthon und 
Hess ihn reichen Ersatz finden für den Verlust der wandelbaren 
Freundschaft des Erasmus. Erasmus hatte einst seinem Liebling ein 
Schreibrohr aus Nilschilf ') geschenkt, das er selbst vou Henchlin em- 
pfangen und mit welchem er seine meisten Briefe geschrieben hatte. 
Er hatte sein Geschenk mit folgendem selbstbcwussten Distichon 
begleitet 2 ) : 

Siehe den schmächtigen Halm, der so Vieles nnd Grosses geschrieben, 

Als des Erasmus Hand sicher und leicht ihn geführt, 
Ihn, dtn Sprössling des Nil, schenkt' einst Reuchlin dein Erasmus, 

Dann, zur Ruhe gesetzt, kam er in Ncscn's Besitz. 
Der den Diener der Musen, des I'hübus Apollo Geweihten, 

Ewiger Freundschaft zum. Pfand mm als sein Heiligthuru ehrt, 
Dass nicht im Dunkel vermodre, der tausend Namen der Mitwelt 

Im hclllcuchtendcn Glanz späten Geschlechtern bewahrt. 

Melanchthon sandte Ne3cn 1523 gleichfalls ein Schreibrohr, aber 
aus einem Sumpfe Sachsens mit folgendem Epigramm, dessen licbcns- 



>) Im Alterthuro schrieb man auf Papier allgemein mit Sumpfrohren (calamus). 
Die besten kamen aus Aegypten, Knidos und dem Anaitischen Sco und zeich- 
neten Bich vor den schwammigen des Abendlandes durch ihre Härte aus. Sie 
wurden in Bündeln verkauft (Becker, Gallus II, 374.). Die Federn werden znerst 
in der Zeit des Ostgothcnköuigs Theodorich erwähnt, der seinen Namen mit einer 
Feder durch eine Form zeichnete. Der Gebrauch des Calamus oder der Arnndo 
hat sich in Italien bis in das 14., Jahrhundert erhalten (Wattenbach, Schriftwesen 
des Mittelalters S. 157 und 381). 

>) Erasmi Epigrammata Basil. 1518, p. 355. Schelhom a. a. 0. S. 320. 
Haupt a. a. 0. S. 75. Anm. 33. 



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— 142 — 

würdig bescheidener Ton grell gegen den selbstbewussten des Eras- 
mus absticht 1 ): 

Lantcrcr Freundschaft zum Pfand schickt dir, gelehrtester Nesen, 

Auch Philippus ein Rohr, das ihm beim Schreinen gedient. 
Nicht vergleicht sich's jedoch mit der Gabe des grossen Erasmus, 

Arm an Werth und Verdienst, tritt es bescheiden zurück. 
Üenn aus düsterem Sumpf erwuchs es im frostigen Sachsen, 

Fern am sonnigen Nil sprossete jenes empor 
Und erlöste die Welt aus dem Banne dumpfer Betäubung, 

Als ihm des Herrlichen Geist mächtigen Zauber verlieh. 
Nicht hat der goldene Stab des Hermes an Ehren geerndet, 

Was jenes einfache Kohr sich an Berühmtheit erwarb. 
Meinem dagegen sind nur diese wenigen Zeilen entflossen, 

Leih' ihnen freundlich Gehör, nimm auch die Gabe mit Huld! 

Für Nesen sollte die* Gabe mit dem sinnigen Gedichte allerdings 
ein Pfand der Freundschaft seines. Melanchthon's sein, für die Nach- 
welt ist es ein Denkmal derselben und hat für den Biographen 
Nesen's, dem nur so spärliche Quellen fliessen und der den Untergang 
so vieler Documente schmerzlich beklagen musa, einen unschätzbaren 
Werth. 

Es ist eine oft gemachte Erfahrung, dass Menschen, die sich 
gegenseitig verstehen, durch nichts einander näher treten, als durch 
gemeinsame Reisen. Eine solche war Melanchthon noch mit Nesen 
kurz vor dessen frühem Tode beschieden. Am 4. April 1524 wandte 
er sich an Spalatin mit der Bitte ihm Urlaub für die Dauer der 
Universitätsferien zu erwirken 2 ) : „Nesen wird in Kurzem nach Frank- 
furt am Main reisen, er ladet mich ein mit ihm zu gehen, weil ich 
von dort einen Ausflug in meine Heimath unternehmen könnte. Ich 
würde lügen, wollte ich in Abrede stellen, dass ich diesen Wunsch 
lebhaft fühle, denn ich möchte sehr gerne meine betagte Mutter und 
meine übrige Familie besuchen. Dazu kommt der Zustand* meiner 
Gesundheit, der eine Ausspannung unerlässlich macht. Du würdest 
gewiss Mitleid empfinden, wenn du mich bisweilen ganze Nächte 
schlaflos sähest, und doch kommt das nicht allzu selten vor. Daher 
bitte ich dich, leihe mir, wenn du es von dem durchlauchtigsten 
Fürsten ohne zu grosse Mühe erwirken kannst, deinen Beistand und 
vertritt bei ihm meine Sache. Wie ich glaube, kann die Universität 
mich eine so kurze Zeit entbehren, denn innerhalb fünf Wochen 



«) Corp. Ref. X, 487. Carm. II, Nr. 23. Anno 1523. Abgedr. bei Schelhorn 
und Haupt. 

*) Corp. Ref. I, 652: Postridie Qoasimodogeniti. 



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- 143 - 



würde ich wieder zurückkehren ; jetzt sind überdies lange Ferien, 
so dass ihr kaum meine Abwesenheit merken würdet, wenn ich meine 
Abreise beschleunigte. Sie wird aber beschleunigt werden, wenn du 
mir umgehend antwortest." 

Der Urlaub wurde gewährt, denn am IG. April traten die Ge- 
nossen den Ritt nach dem Süden an *), mit ihnen zwei junge Männer, 
Franz Burchard aus Weimar und Johannes Silberborn aus Worms. 
Ihnen schloss sich Joachim Camerarius an. Am 18. April trafen 
sie in Leipzig ein, es war derselbe Tag, an welchem der Humanist 
Petrus Schade, genannt Mosellanus, seinem Leiden dort erlag. 
Melanchthon besuchte mit Camerarius, der früher dessen Schüler ge- 
wesen war, den Sterbenden *). Von Leipzig zogen sie durch die von 
der Fulda durchströmte alte Buchau 8 ) und brachten die Nacht in 
Fulda zu, wo damals Crotus Rubianus und Adam Crato, zwei Glieder 
des zersprengten Erfurter Huraanistcnkreises, lebten und die Reisenden 
gastlich aufnahmen. Hier empfingen diese die ersten gewissen Nach- 
richten über Hutten's letzte Geschicke und Hingang aus dem Munde 
seines vieljährigen Freundes Crotus, welcher einst so entscheidend in 
den Lebensgang des jungen Ritter eingegriffen , der ihn aus dem 
Klosterzwange erlöst und für die neue Wissenschaft gerettet, der mit 
ihm für die nationale Freiheit geschwärmt hatte , aus dessen Feder das 
erste Buch der Briefe der Obscuren , wie aus der von Hutten das 
zweite, geflossen war. In wehmUthiger Trauer ehrten sie mit Crotus 
und Crato das Andenken des Vollendeten , von dem Camerarius oft 
zu sagen pflegte, wenn seinen kühnen Plänen und Unternehmungen 
ebenso grosse Heeresmacht und Gewalt zur Seite gestanden hätte, 
würde er alle Verhältnisse umgestaltet haben und die ganze Welt- 
lage wäre eine andere geworden. So lebhaft waren sie auf der 
Weiterreise von dem Eindrucke dieser Gespräche erfüllt, dass sie 
scharfe Epigramme gegen die Feinde richteten, welche noch den 
Schatten des grossen Todten mit ihren Lästerungen verfolgten. Zwei 
dieser Epigramme sind uns noch in den Gedichten Melanchthon's 
erhalten. Sie sind gegen Ottmar Nachtigall gerichtet und lauten 4 ): 



») Corp. Ref. I, 654. Die Beschreibung der Reise hat Camerarius in seiner 
Schrift: De vita Phil. Melanehthonis narratio, § 25 und 26 gegeben. 

») Camerarius I. c., Melanchthon an Joh. Hess vom 19. April Corp. Ref. I, 
654 seq. 

») Buchononia oder Buchonia , bei deren Erwähnung Camerarius die Be- 
merkung nicht unterdrücken kann, dass der Name von Buche herkomme. 

*) Corp. Ref. X, 514, Carm. I, Nr. 74. In Luscinium proscindentem mortuum 
Huttenum. Ottmar Nachtigall, geboren zu Strasburg 1487, Schuler Jacob 



Weil mit Krallen dein Lied den armen Schatten zerfleischet, 
Heisse Geier hinfort: „Nachtigall" paast nicht für dich 

* 

Weil in schwerem Geschick dn verdiente Strafe nur witterst, 
Treffe dich Hunger und Noth ! Niemand erbarme sich dein! 

Am dritten Tage nach dem Aufbruche von Fulda erreichten ßic 
Frankfurt, wo sich Melanchthon von der Anmuth des Carinus ange- 
sprochen und gefesselt fühlte. Er und die übrigen Mitreisenden 
wurden, wie Camerarius versichert, hier vom Rathe und von Privat- 
leuten auf das Freundschaftlichste aufgenommen Ohne Zweifel werden 
wir zu diesen Gönnern auch den Vater Claus Stalburger rechnen 
dürfen, den Melanchthon in seinem Briefe vom 3. Januar desselben 
Jahres an Johann Hess seinen Freund genannt und für dessen Sohn 
Crato er sich so väterlich bemüht hatte. Auch mag II am mau von 
Ilolzhausen, eben von dem Reichstage zu Nürnberg zurückgekehrt, 
damals zum ersten Male mit Melanchthon zusammengetroffen und in 
dem Entschluss bestärkt worden sein seinen Sohn Justinian mit 
seinem Vetter Johann von Glauburg, dessen Vormund er war, im 
Laufe des Jahres nach Wittenberg zu Eenden: sie wurden dort am 
19. Decembcr 152-4, die ersten von den Frankfurter Patriciersöhncn 
seit den Anfängen der Reformation, immatriculiert 2 ). Ncscn, den be- 
stimmte Veranlassungen nach Frankfurt geführt hatten 3 ), blieb wohl 
hier bei seinem alten Schüler Carinus zurück. Die übrige Gesell- 
schaft setzte zunächst die Reise nach Heidelberg fort, wo die philo- 
sophische Facultät ihrem so berühmt gewordenen Schüler, dem sie 
ciiiBt den Magistertitel versagt hatte, in Gegenwart von Hermann 
von dem Busche und Simon Grynacus durch ihren Dekan Martin 



Wimpfeling's, noch 1521 nutten's Bewunderer, aber dann von den Brüdern Baimund 
und Anton Fugger an ihrer Patronatskirchc St. Mauriz' in Augsburg angestellt, 
um als katholischer Controverspredigcr dem Oekolampad, Urban Rhegius und 
Andern entgegenzuwirken , hat auch Hutten nach seinem Tode in Versen ge- 
schmäht, nach denen sich aber Bleking vergebens umgesehen hat. Entweder ist 
sein Gedicht verloren gegangen oder es hatte nur handschriftliche Verbreitung 
gefunden, denn die Meinung Böcking's, dass er die Schmähungen in Predigten 
ausgesprochen habe, ist darum unhaltbar, weil Melanchthon im ersten Epigramm 
ausdrücklich von einem Gedichte redet: Cum lacercs miscros crudeli carmine 
manes etc. Vergl. übrigens Bücking Suppl. in Hutteni Opp. II, 408 seq. 

>) Acccpti tractatique sumua publice privatimque officiose et benigne. 

2 ) Vergl. Mittheilungen unseres Vereines B. IV, 172. 

s ) Erat Neseno veniendum certis de causis Fraucofortum ad Moenum. Ich 
such«' diese Motive nicht in dem von Classen vorausgesetzten Verfalle der Schule 
unter Carinus' Leitung, den ich bezweifle, sondern in Nesens Wunsche den in- 



145 - 



Frecht am 6. Mai einen silbernen Pokal überreichen Hess '). In Bretten 
stiegen sie bei Melanchthon's Mutter und Stiefvater ab. Von hier 
unternahm Caraerarius mit den beiden Jünglihgen einen Abstecher 
nach Basel zu Erasmus, der sich am 3. Juni 1524 in einem Briefe 
an Pirckheimer über diesen Besuch in folgender Weise ausläset *): 
„Melanchthon hat seine Heimath besucht und würde, wie man sagt, 
mich auch besucht haben, wenn er nicht gefürchtet hätte, mich da- 
durch mit Hass zu belasten 3 ). Er hat an mich einen gewissen 
Joachim [Camerariusj geschickt, den er vor Andern (nnice) liebt und 
über mich sehr liebevoll an Pellican geschrieben." In einem spätem 
Brief vom 21. Juli 1524 kommt er wieder darauf zurück 4 ): „Luther 
schrieb mir neulich freundlich genug (satis humaniter) durch einen 
gewissen Joachim. Wegen der Sykophanten habe ich ihm nicht mit 
gleicher Freundlichkeit zu antworten gewagt, doch habe ich ihm kurz 
geantwortet. Melanchthon wünschto, wie ich höre, sich mit mir zu 
unterreden, aber er wagte nicht mich mit Hass zu belasten. Ich für 
meine Person würde diesen Hass verachtet haben. Er (Melanchthon) 
ist ein junger Mann von hellem Geiste." Welch Gemisch von Menschen- 
fnreht und affektirtem Muthe 5 ) ! Nachdem die Reisegesellschaft sich 
wieder zusammengefunden hatte, trat sie den Rückweg zunächst nach 
Heidelberg an, wo sie wiederum von Hermann von dem Busche **) auf 
das Freundlichste und Ehrenvollste empfangen wurde. In Frankfurt 
mussten sie zu ihrom Bedauern den Franz Burchard zurücklassen, 
der bedenklich erkrankt war. Er blieb den ganzen Sommer über 
bei Carinus und schrieb von hier am 15. Juni an Melanchthon 7 ) : 



leninistischen Urlaub, den er 1523 erhalten hatte, in eine definitive Entlassung zu 
verwandeln, weil er entschlossen war nicht mehr in die alte Stellung nach Frank 
fürt zurückzukehren. 

») Corp. Ref. I, G56 seq. 

») Ep. 327 in App. Col. 1704. 

s ) So sah es allerdings Erasmus an ; für Melanchthon liegt das Motiv näher, 
(Lisa er nicht in Discussionen über das Thema des freien Willens verwickelt 
werden wollte, das Erasmus eben gegen Luther behandelte. 

♦) Ep. 684, Col. 803. 

») Man vergleiche den Brief Luthcr's vom April 1524 bei de Wette II, 498. 

*) Camerarius nennt ihn Greis, aber doch nur in dem römischen Sinn 
der senectus und im Vergleich mit der durchweg jungen Reisegesellschaft, denn 
er war damals f>6 Jahre alt. 

') Corp. Ref. I, 659, von Classen verbessert Unter dem Sokrates sucht 
Claasen den Micyll. Conrad und Clamcr scheinen Frankfurter, die in Wittenberg 
studiert haben, jener vielleicht Conrad Beutinger oder Conrad Grunigen, beide 1518 
immatriculiert, dieser Jobann Clam: vcr^l. unser „Archiv" N. F. V, 95. Anm. 53. 
VI. 10 



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— 146 - 



„Mit Carinii« gehe ich vertraulich um, er gewährt mir freigiebig 
Alles und ich bemühe mich fleissig ihn zu unterstützen. Denn was 
die Schule betrifft, so wird er, soweit es mir raeine Gesundheit ge- 
stattet, meinen Eifer in der Uebung der Knaben nie vermissen. 
Nichts schätze ich ja höher , als die Beschäftigung mit der Wissen- 
schaft und suche ihm mit meinem Fleiss, wenn ich mir solchen zu- 
trauen darf, von freien Stücken au die Hand zu gehen. Ich glaube 
auch von Niemand den Vorwurf der Unbescheidenheit oder des 
niederen Sinnes befürchten zu müssen. Ich selbst weiss, dass nichts 
schöner uud liebenswürdiger ist als die Tugend, wie weit sie auch 
von den Blicken des grossen Ilaufeus abliegt, und bin gewiss, dass 
ich mich niemals einen Finger breit von diesem Grundsatze entfernen 
werde. Unterdessen beschäftigen wir, ich und Carums, uns mit dem 
Leseu der besten Schriftsteller. Wir haben den Homer vorgenommeu, 
aber wie weit wir es damit bringen werden, ruht in der Hand der 
Götter. Vor dem ersten Oktober werde ich , obgleich ich es sehr 
wünsche, nicht zu euch zurückkehren können, denn wie du weisst, 
warte ich auf Carinus, der vor dieser Zeit nicht zu gehen beabsichtigt 
Ich selbst empfehle mich dir und bitte, dass du meine Interessen 
wahrnehmest Carinus lässt dich grüssen, er wird dir aus- 
führlich durch [Johann] Glauburger schreiben. Grüsse von mir 

Nesen, Joachim und euern Sokrates und alle Guten 

Es grüssen dich Conrad und Clamer." 

Wie wohlthuend für Melanchthon die Bekanntschaft des Carinus 
und der Eindruck seiner Persönlichkeit war, hat er auch durch die 
That bewiesen, indem er ihm seine lateinische Uebersetzung der 
ersten Olynthischen Rede des Dcmosthcnes noch in demselben Jahre 
widmete. Ihr war zugleich die Uebersetzung des Caraerarius bei- 
gefügt Die Dedication schliesst mit den Worten : „Wir senden sie an 
dich, damit du ein Erinnerungszeichen an uns beide und ein Pfand 
unserer Liebe gegen dich habest" 1 ). 

Wir kehren zu den Reisenden zurück. Nach der Abreise von 
Frankfurt, unweit der Stadt, begegnete ihnen der junge Landgraf 
von Hessen, der damals noch Gegner der Reformation war und 
gegen die ihr anhängigen Geistlichen in seinem Laude mit Absetzung 
und Gefängniss einschritt. Er ritt auf die Reisegesellschaft zu und 
fragte, ob unter ihnen Melanchthon sei. Als dieser sich ihm vor- 
stellte uud vom Pferde absteigen wollte, gab er das Letztere nicht zu. 



») Epistolft nimcupatoria, C. R. I, 699. 



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Er sagte scherzend: „Wenn ich euch dem Campeggio ausliefern 
wollte, würde ich diesem einen grossen Gefallen thun." Melanchthon 
erwiderte, dass er nichts von dem Fürsten befürchte. Philipp lud 
ihn ein ihn zu begleiten, besprach sich, obwohl mit andern An- 
gelegenheiten beschäftigt und zerstreut, über einige kirchliche Fragen 
und entlies« ihn dann mit dem Ersuchen ihm über die im Gespräche 
berührten Gegenstände ausführlich zu schreiben. Zugleich veranlasste 
er ihn seinen Rückweg möglichst durch sein Land zu nehmen und 
ordnete ein Geleite ftlr ihn von Ort zu Ort an. Melanchthon erfüllte 
den Wunsch des Fürsten im Oktober 1524 in dem „Kurzen Begriffe 
der erneuten christlichen Lehre" 1 ), den er ihm in lateinischer und 
deutscher Sprache Ubersandte. Philipp befand sich bei der Begeg- 
nung mit Melanchthon auf dem Wege nach Heidelberg, wo der 
Churfurst von der Pfalz zur Feier seiner Aussöhnung mit den 
bayerischen Herzogen ein grosses Bogenschiessen veranstaltete. In 
Gotha suchten die Reisenden den Mutianus Rufus auf, der bei dieser 
Gelegenheit wohl Nesen zuerst kennen lernte und den Eindruck, den 
er von seiner Persönlichkeit empfangen hatte, später in einem Briefe an 
Camerarius mit den Worten wiedergab: „Die Anmuth selbst könnte 
nicht anmuthiger sein als Nesen"*). Am 15. Juni, demselben Tage, 
an welchem Burchard von Frankfurt an Melanchthon schrieb, waren 
die Reisenden wieder in Wittenberg 8 ). 

XIII. Nesen's Ende. Liebe und Feindschaft über den 

Tod. 

Nesen's Reise mit Melanchthon und Camerarius war der letzte 
helle Sonnenblick seines Lebens. Schon unterwegs hatte sich den 
Genossen eine Todesahnung aufgedrängt. Als sie auf der Rückreise 
von ihrem Nachtlager in Treisa am frühen Morgen aufgebrochen waren 
und an der vorüberfliessendeu Sehwalm ihre Pferde trinken liessen, er- 
blickte Nesen auf einem nahen Hügel drei Raben, die seltsame Töne 
hören Hessen und in unruhiger Bewegung umherhüpften. Er machte 
Melanchthon aufmerksam und fragte ihn, was dieses Schauspiel 



») Epitomo renovatae ecclesiasticso doctrinao, Corp. Ref. I, 703. 
*) Neseno non esse comior comitas ipsa possit. Schelborn, Analecta I. 
326 Annot. c. 

») Luther an Capito bei de Wette II, 524. 

10* 



weissage; dieser antwortete: „dass Einem von nna Dreien der Tod 
nahe bevorsteht." Camerarius fühlte sich wunderbar bewegt, 
Melanchthon bezog das Vorzeichen auf sich. Aber nach kaum 
drei Wochen sollte das ahnungsvolle Wort an Nesen in ErfiÜlung 
gehen. Er pflegte gern mit Genossen an der Stromfahrt auf der 
Elbe sein Gemüth zu erfrischen. Nach seiner letzten Mahlzeit am 
5. Juli 1524 träumte er im Mittagsschlummer von einem anstossenden 
und schwankenden Kahn, aus dem er in den Fluss stürze. Als un- 
mittelbar darauf Melanchthon nach seiner Gewohnheit zum Besuche 
bei ihm eintrat, erzählte er diesem seinen Traum und scherzte in 
seiner heitern Weise über die Nichtigkeit der Traumgesichte. Er 
licss sich nicht abhalten am Abend mit drei Freunden über den 
Strom zu fahren, da stiess, wie er im Schlafe träumend gesehen, 
der Kahn auf einen unter dem Wasser verborgenen Baumstamm, 
durch die heftige Erschütterung des Stesses wurde Nesen hinaus* 
geschleudert und fand in den Wellen den Tod. Die Kunde des 
Ereignisses erweckte allgemeine Trauer. Abraham Bucholcer erzählt 
in seinem 1580 zu Görlitz gedruckten Index theologicus *), auch Luther 
sei an das Ufer gekommen! und als er den Leichnam dort erblickte, 
in die Worte ausgebrochen: „O Nesen, wenn ich die Wundergabe 
hätte, Todte aufzuerwecken, so wollte ich, wenn Einen, dich jetzt 
erwecken" *). In der Frankfurter Ausgabe dieses Werkes von 
1612 setzt Bucholcer zu: „Das habe ich von meinem Vater gehört, 
welcher damals neben dem weinenden Luther stand." Tags darauf 
schrieb Luther an Johann Lange nach Erfurt 5 ): „Georg (sie!) Nessen 
ist elendiglich in den Fluthen umgekommen zu unserem grossen 
Kummer, zum grossen Jubel der Feinde, vielleicht auch zur grösseren 
Lästerung unseres Evangeliums und des Namens Christi. Beinahe 
hätte auch der Satan unseren Prior hin weggerafft, wenn er nicht 
durch ein besonderes Wunder erhalten worden wäre. Der Herr ist 
in demselben Augenblicke nahe und ferne." Aehnlich muss er sich 



») Zum Jahre 1524. Von hier ist dann die Notiz in Scthi Calvisii Opus 
chronologioum, Frankt. 1685 p. 918* übergegangen. 

») Daraus hat sich schon bei Luther's Lebzeiten die katholische Variante 
gebildet, Luther habe Nesen durch Beschwörung aus dem Tode auferwecken 
wollen. VergJ. Cochläus, Acta et scripta Luthcri: Nesen um postea in Albi 
unsere immersnm spe lniraculi vanis inurmurationibus frustra in vitam revocarc 
tentovit. 

») De Wette II, 529. Als Prior nennt Seckendorf Lib. I, § 182 Additam. 1 
den (Eberhard) Brisgerus, Augustinianus. Vergl. Seideiuann VI, 479, s. n. Brisger. 



- 149 - 



über das Ereigniss gegen Spalatin geäussert liabcn. Dieser sagt in 
seinem Tagebuche *) : „Doctor Martin Luther schrieb an mich : Nesen 
hat der Satan hin weggerafft, aber seiue drei Gefährten wurden durch 
ein Wunder bewahrt, dass er nicht auch sie in'ß Verderben brachte. 
Uns hat er durch dieses Unglück schwor betrübt, aber den Lästerern 
das Maul aufgesperrt, doch wird Gott auch das zu seiner Ehre 
wenden." Am 8. Juli berichtet auch Melauchthon dem Spalatin den 
unersetzlichen Verlust 2 ): „Auf das Tiefste hat der Tod Nesen's uns 
gebeugt, der vor drei Tagen in der Elbe umkam. Ich weiss, dass 
sein Tod dir herbe sein wird, auch um meinetwillen, der in ihm 
einen treu verbundenen, mich innig liebenden Mann verloren hat. 
Glaube mir, eine hohe Zierde ist unserer Uni versität 
entrissen 3 ). So oft ich es näher erwäge, schwindet mir fast das 
Bewusstsein" 4 ). Unmittelbar nach der Rückkehr von der Reise hatte 
er sich bei dem Rathsherrn Hieronymus Baumgärtner in Nürnberg, 
der ihn dringend zum Besuche eingeladen hatte, damit entschuldigt, 
dass ihn Nesen wieder nach Frankfurt zurückgezogen habe 5 ) ; jetzt 
fordert er ihn auf mit ihm seinen Hiugaug zu betrauern 6 ) : „Dieser 
hat uns, die wir Augenzeugen davon waren, so geschmerzt 
dass uns kaum Herberes treffen konnte — und doch ist die Welt so 
beschaffen, dass es fast als Gewinn zu erachten ist, wenn es Einem 
vergönnt worden daraus zu scheiden. Wir haben sein und Moscl- 
lanus' Andenken [in Epitaphien] gefeiert Ich schicke dir die Verse, 
um auch dich zum Schreiben zu ermuntern." Am 1. November 
kommt er in einem Schreiben an Canierarius wieder darauf zurück 7 ): 
„Glaube mir, das klägliche Geschick Nesen's bewegt mich bisweilen 



*) Haupt, S. 72 Anm. 25 aus Scbelhorn's Amoenitates. 
«) Corp. Ref. I, 663. 

*) Ingens DOBtrae scholae ornamentum ereptum est. Dieser Ausspruch 
scheint Jöcher's Angabc (III, 866) zu bestätigen, dass Nesen in Wittenberg 
akademische Vorlesungen gehalten; wenn er weiter anfuhrt, dass er dic*alten 
Sprachen und die Geographie gelehrt habe, so ist dies nicht unwahrscheinlich, doch 
dflrftc der zweideutige Titel einer von Hermann von der Hardt verfassten Schrift : 
In memorium Guil. Nescni, Circo Virgilii et Iloratii ex ^eographia veteri illu- 
strata, die Haupt (S. 21) vergebens gesucht, dafür schwerlich als ausreichender 
Beweis gelten dürfen. 

*) Paeno exanimor. 

») Corp. Ref. I, 660. 

f ) Ibid. Col. 664. Die beiden griechischen Epitaphien auf Hosellanus und 
Wilhelm Nesen linden sich Corp. Kcf. X, 491. Carm. lib. I, Nr. 31 und 32. 
i) Corp. Ref. I, 684. 



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- 150 - 



so tief, dass ich am ganzen Leibe einen Schauer empfinde", und am 
3. December : „Nicht sowohl die Erinnerung an den Freund und das 
Verlangen nach ihm bewegt mich so schmerzlich, als die grauen- 
volle Art seines Todes selbst" l ). Eobanus Hesse schreibt an Me- 
lanchthon 2 ), als er die Todeskundc im Freundeskreise empfing, habe 
er erst geseufzt, dann sei er in Thränen ausgebrochen. n O, ruft er 
aus, lebte doch Ncsen noch, gern wollto ich kein Dichter mehr sein; 
dies, das heisst die Hälfte meines Lebens, gäbe ich mit Freuden für 
sein Leben dahin. Ich verstehe deine Empfindung, wenn du mich 
versicherst, den Tod der einzigen, theueren Tochter würdest du 
gleichmüthiger getragen haben." Indem er Mclanchthon zu trösten 
versuche, steigere sich ihm der eigene Schmerz zum heftigen Sturm. 
Er und Micyllus haben in tiefgefühlten Epicedien diesem Schmerz 
ergreifenden Ausdruck gegeben. Aus dem des Eobanus theilen wir 
nachstehende Stelle in freier Uebersetzung mit 3 ): 

Eben noch schauten wir dich auf der Höhe der sittlichen Bildung 

Und in der Fülle der Kraft hob sich elastisch dein Geist 
Weithin reichte dein Ruhm, durch Pallas' Schulung erworben: 

Beider Sprachen Gesetz hast du mit Freiheit beherrscht. 
Soll schwerfälliger Bände des heiligen Rechts ich gedenken? 

Viel geringerer Geist hat sie mit Mühe verfasst. 
Alle Lehren der Schrift — dir standen sie klar vor der Seele, 

Jede war dir bekannt, keine von dir übcrseh'n. 
Unverdientes Geschick! in der vollen Blüthc des Lebens 

Sankst du plötzlich dahin, mitten im Frühling verwelkt. 
Nichts hat ach dir genützt der gefällige Fluss deiner Rede, 

Nichts deiner Amnuth Zier, sittig und keusch wie dein Scherz. 
Wer darf fortan vertrauen dem Stande der menschlichen Dinge, 

Den der bewegliche Hauch jeglichen Lüftchens verrückt 
Unter dir lagen die Sorgen und freier durftest du athmen, 

Schon gestählt war die Kraft dir im Verlaufe der Zeit. 
Kaum das dreissigste Jahr erst hatte dein Gang überschritten, 

Dennoch glichst du dem Greis, reich an Erfahrung und Geist 

Auch Caraerarius blieb mit seiner poetischen Trauerklage nicht 
hinter den Andern zurück und Sapidus ergoss seinen Schmerz im 
Epigramm. 

Noch im Programm, das Mclanchthon am IG. Januar 1557 im 
Namen des Rectors der Universität Melchior Fasolt schrieb, sagt 



») Corp. Ref. I, 685. 

') Schelborn, Analecta p. 323 seq. 

3 ) Schelborn, Analecta 1. c. p. 321. 



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er 1 ): „Wir erinnern uns, dass der mit reichen Gaben des Geistes 
und mit Tugenden geschmückte Nesen an dem Tage, an welchem er 
gegen Abend in der Elbe seinen Tod fand, fast den ganzen Tag 
in frommen Gesprächen verbrachte Uber den Unterschied der evange- 
lischen Lehre und der Philosophie, über das Trachten nach der 
himmlischen Gemeinde, über das Licht und die Freude, von welcher 
der Sohn Gottes gezeugt hat, als er von den Todtcn auferstand und 
eine ganze Schaar Väter wieder zum Leben aufweckte." 

Nur einer von den alten Freunden blieb bei seinem tragischen 
Ausgang ungerührt und kalt, er grollte ihm sogar noch weit über 
den Tod hinaus: sein ehemaliger Gönner und Freund Erasmus, der 
wieder in Basel lebte , wo selbst die alten Umgebungen ihn nicht 
mit der alten Liebe zu erfüllen vermochten. In seinem Briefe an 
Melanchthon vom 6. September 1524 erwähnt er desselben mit keiner 
Sylbe*). Am 30. September schreibt ihm Melanchthon 8 ): „Wir haben 
hier Nesen verloren, einen treuen dir in Liebe ergebenen Mann. 
Nichts Herberes hat mich je im Leben betroffen als dieses Miss- 
geschick!" Darauf Erasmus am 10. December 4 ): „Nesen's Tod habe 
ich bitter empfunden, er war mir ein wohlwollender und beständiger, 
obwohl keineswegs glückbringender Freund. Bei allen Deutschen 
findet die Treue hohe Anerkennung, während der Kuf der Britten 
darin kein gleich guter ist — aber zu meinem Verhängnisse gehörte 
es, dass ich bei Weitem die aufrichtigsten Freunde unter den Britten 
gefunden habe, bei den Deutschen aber Einige, die ihnen sehr wenig 
gleichen, denn nicht beurtheile ich nach Wenigen Alle." Noch am 
24. März 1528 versuchte Melanchthon ihn vergeblich von der Grund- 
losigkeit seines Verdachts gegen die Gesinnungen seines längBt im 
Grabe ruhenden Freundes zu überzeugen 6 ) : „Ich sehe, dass du Nesen 
grollst Ich wollte, du glaubest mir, dass er bis zum letzten 
Hauche dir ganz und gar zugethan gewesen ist. Stets sprach er von 
dir in der ehrenvollsten Weise. Ich trage kein Bedenken dir eidlich 
zu versichern, dass er dich stets mit besonderer Pietät verehrt hat. 
Es ziemt weder deiner Klugheit noch deiner Humanität dir von dem 
verstorbenen Freund eine entgegengesetzte Meinung ohne Ursache 
zu bilden. Er ist überdies durch eine solche Todesart hin weggerafft 



«) Schclhora, Analecta 1. c. p. 321 seq. 
») Corp. Ref. I, 667. 
») Corp. Ref. I, 675. 
<) Corp- Kef. I, 693. 
>) Corp. Ref. I, 947. 



152 — 



worden, dass wenn er sich auf irgend einem Punkte seines Lebens 
eines Vergehens schuldig gemacht hätte, es zu vergessen Pflicht 
wäre, um nicht den unglücklichen Schatten zu belasten." 

Der Verdacht, den Erasmus gegen ihn gefaast, beruhte auf Ein- 
bildungen, mit denen der reizbare, durch den Gang der Dinge verstimmte 
und grämliche Greis sich selbst quälte. Er hatte im September 1524 
seine Schrift „vom freien Willen" *) veröffentlicht und darin die 
augustinische Grundlage von Luther 's theologischem Systeme in Frage 
gestellt. Luther setzte derselben zu Ende Decembers 1525 seine 
äusserst maassvoll gehaltene Gegenschrift „von dem geknechteten 
Willen" s ) entgegen. Mit maassloser Gereiztheit und Heftigkeit wurde 
sie im Februar 1526 von Erasmus in seinem Hyperaspistes s ) beant- 
wortet. Die Schrift Luther's war in ungleich eleganterem und correc- 
terem Latein geschrieben als die früheren und Erasmus glaubte darin 
die Nachhülfe classisch gebildeter Gelehrten, namentlich Nesen's und 
Melanchthon'B, zu erkennen, obgleich schon das oberflächlichste Nach- 
denken ihm hätte sagen müssen, dass Ncsen bereits todt war, als er 
selbst durch die Veröffentlichung seiner Abhaudlung vom freien 
Willen den ersten Arilass zum Streite gab. Trotzdem sah er in 
Nesen sogar den Hetzer, der Luther zur Entgegnung gereizt hätte. 
Er spricht im Eingange seine Verwunderung aus, warum dieser auf 
seine maassvolle Schrift geantwortet, während er auf die heftigsten 
Angriffe eines Emser, Cochläus, Johann Fisher, Longolius und 
Anderer geschwiegen habe. „Aber darin, fährt er fort, bist du dem 
Rathe deiner Brüder gefolgt, unter denen ich sehr Viele weiss, deren 
Sitten vom Evangelium weit entfernt sind, unter dessen Etiquette 
(titulus) sie sich foil bieten. Es ist mir nicht unbekannt, zu wessen 
Gunsten du so gegen Cochläus und den König von England ge- 
schrieben. Dieser [Hetzer] freilich spielt zwei Rollen in einer Person, 
den höchst einfältigen und ruhmredigen Tbraso und den Speichel- 
lecker Gnatho 4 ). Er war nicht werth, dass du auf seine Anregung 
hin in einer so schwierigen und gefährlichen Frage auch nur einen Brief 
schriebst, vielmehr musstest du in Erwägung ziehen, welcher Aufgabe 



») De libero arbitrio. 
*) Do servo arbitrio. 

3) Der mit dem Schilde deckt, Beschützer. Der Uyperaspistcs steht in dem 
10. Theil der Lcydener Ausgabe Col. 1240, wo sich gleich im Eingänge die 
Ausfalle gegen Ncsen finden. 

♦) Der Eisenfresser Thrasb und der Parasit Gnatho in des Terenz' Lustspiel 
Eunuchus. 



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- 153 - 



du dich unterzogst, wenn du dich unterfängst, das seit mehr als 
1500 Jahren begrabene und verschüttete Evangelium an das Licht zu 
ziehen , das Ansehen der Päpste , Concilien , Bischöfe und Univer- 
sitäten zu beseitigen und dem Erdkreis den bis dahin der Welt un- 
bekannten gewissen und wahren Weg des Heils kund zu thun. 
Dass du dem Atlas gleich ein so schwieriges Werk auf die Schultern 
geladen — ich rede nämlich so, als ob das, was du dir anmaassest, 
wirklich wäre — damit stimmt freilich wenig, dass du, als gelte es ein 
Spiel, mit Possen, Spässen, Witzen und Kichern tändelst und auf 
das Commando eines gewissen Wilheil deinen Styl entweder schärfst 
oder massigst. Derselbe hat auch einen Andern ange- 
stachelt einen Dialog gegen Lee zu schreiben und hat 

diesen ebenso wie dich selbst mit vielen Lügen versehen Du 

pflegst sonst in dem Löwenfell und mit der Keule zu kämpfen. Jetzt 
hast du das Fuchsfell über die Löwenhaut gezogen und salbst mich 
mit vergiftetem Honigseim. Zu diesem Schauspiel musste der Wort- 
künstler (logodaedalus) zu Hülfe genommen werden, um die Bede 
zu glätten und den rhetorischen Flitter aufzutragen, galt es ja doch 
gegen einen der Rhetorik kundigen Mann. Ich kenne, den Ungestüm 
deiner Sprache und jenen mit dröhnendem Donner vom Berge herab- 
stürzenden, Felsblöcke und Stämme wirbelnd mit sich fortreissemien 
Waldstrom. Jenes Wortkünstlers Bede fliesst sanfter und führt doch 
sehr viel Gift mit Bich. Es ist mir nicht unbekannt, wer er ist, und 
es ist mir nichts Neues, dass ich in meinen Wunden seine Federn 

erblicke Jener Redner ist auch ohne Leetüre guter Autoren 

und ohne Kenntniss der Grammatik beredt. 8 Es kann keinem Zweifel 
unterliegen, dass unter diesem Wortkünstler Nesen gemeint ist, der 
mit seiner Feder dem Erasmus Wunden geschlagen, denn Vilheil 
Nissen hatte ihn Luther in der Dedication seiner Schrift gegen den 
geharnischten Mann Cochläus 1 ) mit einer beabsichtigten Variation 
seines Namens genannt 8 ). Wir ersehen aus dieser Einleitung zur 
Schrift des Erasmus zugleich, dass ein Freund Ncscn's den Hochstratus 
ovans gegen Lee geschrieben haben muss, aber welche Perfidie 
des Erasmus, es Nesen zum Vorwurfe zu machen, dass er den Ver- 
fasser dazu angestachelt habe, während Erasmus selbst es war, der 
sich Nesen's als Unterhändler bedient und ihn auf Reisen auBge- 



>) Opp. Utina ad Reformationis historiam pertinentia , Er). Aasgabe VII, 46. 
*) Man vcrgl auch Cochlaeus de actis et scriptis Martini Luthcri. Paris 
1565, Fol. 134*. 



- 154 - 



8 andt hatte , um die litterarische Agitation gegen Lee zu Stande zu 
bringen, wozu sich Nesen nur aus Verehrung gegen seinen Meister 
hergab. Mit dem Erscheinen des Hyperaspistes war der Bruch zwischen 
Luther und Erasmus vollendet, er nennt ihn fortan nur eine Viper, 
deren giftiger Biss tödtet, er verachtet ihn als einen zweiten Lucian 
und Epicur, vor dessen Frivolität ihm graut. Im Jahre 1527 schreibt 
er 1 ): „Mein lieber Herr Doctor Justus Jonas Hess mir keinen Frieden 
mit Anhalten, ich sollte Erasmus ja ehrlich angreifen und demüthiglich 
gegen ihu schreiben. Domine Doctor, sprach er, ihr glaubt nicht, 
wie ein feiner, venerabilis Scnex 2 ) er ist Dessgleichen thät auch 
(wohl ihm!) der feine Mensch Wilhelm Nesenus: ach, wie zulobten 
mir die zwei den Erasmum , wie gar eitel engelisch Ding musst ich 

hören und glauben Nun wie fein ist's gelungen! Ich meine, 

er hab uns Allen wohl gedankt, sonderlich dem unschuldigen, seinem 
günstigen und freundlichen Neseno." Auch des Jonas Verehrung 
für Erasmus war seit dieser Zeit dahin. Der alte Mann hatte sich 
selbst Uberlebt, er vertrauerte sich, entfremdet den innigsten Freunden, 
die er einst gehabt, einsam im trübseligen, grämlichen Alter; selbst von 
Basel vertrieb ihn sein Hass gegen die Reformation , die sich auch 
hier stürmisch Bahn brach, nach Freiburg; er kehrte nur zurück um 
dort zu sterben , wo er einen Theil seines glücklichsten und harm- 
losesten Lebens verbracht hatte. ' Nach seinem Tode 8 ) widerfuhr 
seinen Manen noch die Ehre, dass in einem Verzeichnisse spani- 
scher und römischer Theologen durch Alexander VII. anerkannt und 
durch das Tridentinische Concü bedeutend erweitert, eine Reihe seiner 
Sätze, seiner Briefe und seiner Schriften verdammt wurde. Dieser 
Index expurgatorius umfasst im 10. Bande der Leydener Ausgabe 
64 Foliospalten. 

Die zweite Verunglimpfung und Verdächtigung durch Erasmus 
knüpft sich an eine alte Beschwerde, die aber erst nach des Ge- 
schmähten Tod die bestimmte Wendung gegen diesen erhielt Wir 



«) Auf des Königs in England Unterschrift, Erl. Ausg. 30, 16. 
») Ehrwürdiger Greis. 

3 ) Erasmus starb am 11. Juli 1536 zu Basel. Vergl. den interessanten Brief 
Amerbach's an Spalatin , der auch Mittheilungen über des Erasmus reichen 
Nachlass und letzten Willen enthält, in K rafft'» „Briefen und Dokumenten" 
S. 75. Ausser oinem Schatze von Goldmünzen hinterlicss er eine königliche 
Sammlung goldener und gi Ibener Pokale; seine Bibliothek erbte Job. von Laski. 
Der Tod nahm dem bis nun letzten Haucho thätigen Manne die Feder aus 
der Hand. 



- 155 — 



erinnern uns, wie sehr Beatus Rhenanua am 17. April 1515 die Sorg- 
falt rühmte, welche Nescn damals in Basel der Ausgabe des Seneca 
von Erasmus widmete, und den glücklichen Scharfsinn lobte, womit 
er bei Herstellung des Textes jeden Fehler mit feinem Sinne erkannte. 
Erasmus war mit der Arbeit später nicht zufrieden. Im Catalogus 
lucubrationum von 1523 erzählt er 1 ), dass er damals, in seine Heimath, 
die Niederlande, zurückgerufen, eine Reihe abweichender Lesarten, dio 
ersieh auf Grund mehrerer Canterbury 'sehen Handschriften an dem Rande 
seines Exemplars angemerkt, einigen gelehrten Freunden in Basel, 
denen er felsenfeste Treue im Halten der Versprechungen zutraute, 
mit dem Auftrage übergeben habe, das ihnen dienlich Scheinende aus- 
zuwählen. Er habe aber ' durch die Ausführung die Warnung der 
Cassita bestätigt gefunden : nicht von den Freunden zu erwarten, was 
man mit eigener Kraft vermöge. Er hege sogar Verdacht, dass ein 
Diener die Blätter seines Exemplars, auf welche er jene Notizen 
geschrieben, zum Feueranmachen gebraucht habe, was ihn mit noch 
grösserm Hass gegen die deutschen Oefen erfülle. Erasmus war 
nämlich den geheizten Zimmern und darum auch den deutschen Oefen 
abhold; er will sogar den Hutten in Basel 1622 nur desswegen nicht 
empfangen haben, weil dieser die Ofenwärme nicht entbehren, er sie nicht 
ertragen konnte 8 ). Am 25. December 1525 wendet er sich an den 
Engländer Robert Aldrisius und bittet ihn um nochmalige Zusendung 
einer der Handschriften 8 ): „Ich habe mir, schreibt er ihm, daraus 
Vieles in meinem Exemplare angemerkt und die Herausgabe einem 
Deutschen empfohlen, den ich für den treusten Freund hielt Während 
meiner Abwesenheit gab dieser einen schlimmen Beweis seiner Treue 
bei dem Drucke des Werkes und, damit er nicht überführt werde, 
hat er den besten Theil des Exemplars vernichtet (sustulit)." 

Im Januar 1529 dedicirte er die neue Auflage seines Seneca dem 
Bischof von Cracau und wiederholte 4 ) noch einmal fast mit den 
gleichen Worten die Geschichte. Er will nicht entscheiden, wer die 
grössere Schuld trage, er oder der Freund, dessen unerprobten Schul- 
tern er eine schwere Last, der er nicht gewachsen gewesen sei, auf- 
gebürdet habe ; thörichter sei der, welcher dem Ochsen einen Sattel 
auflege, als der Ochse , der ihn sich auflegen lasse. In einem Briefe 



») A. Fol. 2. 

>) Ad Laurmum von Basel 1. Febr. 1523, als Anhang zum Catologus lucu- 
brationum gedruckt, Bog. C. Fol. 3. Bei Böcking, Hutten! Opp. II, 171. § 64. 
») Ep. 782, Col. 901. 
♦) Epiat. 1010, CoL 1143. 



- 156 - 



endlich desselben Jahres *) spricht er von der grossen Mühe, die ihn 
die Verbesserung des Textes des Seneca gekostet habe, der w&hrend 
seiner Abwesenheit von Basel von einigen nachlässigen Freunden 
herausgegeben worden sei. Es könnte vielleicht bei den wider- 
sprechenden Angaben des Erasmus, der bald einen, bald mehrere») 
Freunde anklagt seinen Seneca verpfuscht zu haben, noch die Frage 
erhoben werden, ob er wirklich Nesen die Schuld beigemessen habe, 
zumal dieser durch die erste Anklage in dem Catalogua, der noch 
bei seinen Lebzeiten erschien , sich nicht getroffen fühlte und sich 
gegen Spalatin mit Wärme des alten Lehrers annahm. Allein die 
letzten Nachrichten, die wir über das Verhältniss des Erasmus zu 
Carinus empfangen, müssen jeden Zweifel daran heben. 

Noch im Jahre 1527 war dieses Verhältniss anscheinend harmlos 
und ungetrübt Am 24. März schreibt Erasmus an ihn in dem 
alten scherzenden Tone 3 ): „Wenn du dich wohl befindest, wollen 
wir dem Jupiter verzeihen, der dich so rauh behandelt, damit du 
verweichlichter Mensch abgehärtet werdest Du giebst zuviel auf 
die Aerate. Wärst da ein Fuhrknecht, so würde es besser um dich 
stellen Deine sechs Kronthaler kann ich noch nicht ver- 
winden: gegen meinen Charakter hast du sie mir aufgedrungen, du 

gewaltthätiger Mensch ! Lasse mich wissen, was du treibst und 

wie es dir geht." Die sechs Kronthaler waren nach Classen's wahr- 
scheinlicher Vermuthung Honorar für ortheilten Unterricht. 

Allein bald darauf muss die Feindschaft zwischen beiden in 
hellen Flammen aufgelodert sein. In einem Briefe, den Schelborn 4 ) 
aus Papendrecht's Analecta Belgica mittheilt, erzählt Vi gl ins von 
Aytta 5 ) folgende ergötzliche Geschichte: „Ludwig Carinus war von 



•) Ad Sadoletum. Epist 1085, Col. 1255. Die erste Ausgabe des Seneca 
war 1515 erschienen. 

>) Soll er vielleicht dem Beatus Rhcnanus die Beaufsichtigung und ücber- 
wachung der Arbeit Nesen's übertragen und Nesen später für das, was er daran 
vermisste, verantwortlich gemacht haben ? 

a ) Von Classcn edirt im Micyllus S. 51, Anm. 38. Sollte die Jahrszahl 
nicht unrichtig und der Brief einige Jahro älter sein? 

♦) Schelborn, Analecta L c. p. 329 bei Papeudrecht II, I, 228, aus Viglius' 
Manuscripten. 

*) Als Professor der Rechte zu Ingolstadt der Reformation nicht abgeneigt 
(vergl. seinen Brief an Molanchthon vom 1. Augast 1541, von Knifft in den 
Briefen und Dokumenten S. 82 aus Papendrecht II, I, 287 abgedruckt) , später 
als Präsident des Gerichtshofs in Brüssel ihr entschiedener Bekämpfer und Ver- 
folger. — Bei diesem Anlass kann ich nicht umhin alle Freunde der Reformations- 



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— 157 



Geburt ein Sch weiser aus Lucern, wo er ehemals ein Canonicat <) 
bekleidete, aber da er sich deu neuen Secten, welche dieses Gemein- 
wesen nicht duldet, zuzuneigen schien, soll ihm, wie ich höre, diese 
Pfründe entzogen worden sein. Früher war er dem Erasmus theuer, 
aber nun sind es sechs Jahre, dass zwischen ihnen die bitterste Feind- 
schaft eintrat. Ich habe vernommen, die Ursache derselben sei, weil 
Carinus es übel empfand, dass Erasmus dem Nesen, der früher sein 
Schüler gewesen war, »Schuld gab, er habe die ihm anvertraute Ver- 
besserung des Textes des Seneca allzunachlässig besorgt. Diese 
Kleinigkeit (?) reizte so sehr den Carinus , dass er dem Erasmus 
Uberall widersprach. Auch ich habe einst zu Dole, wo ich mit 
Carinus einigen Umgang hatte, diese üble Nachrede mit eigenen 
Ohren gehört. Später schlug diese Spannung oder Abneigung in 
offenen Hass um. Lasse dir, wenn du willst, die lächerliche Ge- 
schichte erzählen. In der Froben'schen Druckerei war ein Mann, 
dem Erasmus den Namen Polyphem beigelegt hatte. Dieser pflegte bis- 
weilen die Schriften des Erasmus denen zu überbringen, denen sie 
gewidmet sind. Später wurde er, ich weiss nicht, ob auf Erasmus' 
Empfehlung, königlicher Trabant. Ich meine ihn an Ferdinand's 
Hof gesehen zu haben. Er war ein ungemein langer, geschwätziger, 
lügenhafter, trunk- und händelsüchtiger Mensch, den Erasmus in den 
Gesprächen») mit grosser Kunst gezeichnet hat. Ich höre, er habe 
endlich am Galgen seine Laufbahn beschlossen, weiss aber nicht, ob 
in Mähren oder Polen, am Hofe eines Bisehofs 3 ). Ich komme auf 



peschichte auf die treffliche Sammlung der Gebrüder K rafft hinzuweisen. Fast 
jede Nummer derselben ist eine Perle, viele waren bisher ungedmekt und die 
andern schwer zugänglich. 

*) Es muss diese Pfründe ihm in früher Jugend verliehen worden sein, wie 
es damals öfter geschah, denn von dem Jahre 1514 an hat er sich in seiner 
Vaterstadt nicht mehr aufgehalten. Die Nachricht Freher's im Theatr. vir. 
erudit. p. 1262, dass er eine HaiiBlchrGrstcIIe in der Fugger'schen Familie zu 
Augsburg bekleidet habe, muss auf Irrthum beruhen, da sich in seinem früheren 
Leben dazu kein offener Zeitraum findet und seit dem Jahre 1520 CarimuV frei- 
sinnige reformatorische Tendenz und der streng katholische Sinn der Fugger'schen 
Familie in unvereinbarem Gegensatze standen. 

') Es ist das Gespräch: Cyclops sive Evangeliophoros. 

8 ) Alfred Stern hat in den Güttinger gelehrten Anzeigen 1873 S. 817, selbst 
zweifelnd, die Frage aufgeworfen, ob dieser Polyphem eine Person sei mit dem 
Königsberger Bibliothekar Felix Rex Polyphemus. Allein dies ist unmöglich. 
Beide Persönlichkeiten sind nach Charakter und Stellung durchaus verschieden. 
Der Bibliothekar wird noch 1519 als lebend erwähnt; der Polyphem des Erasmus, 
den dieser selbst mit dem Cyclopen gleichen Namens vergleicht, hatte um 1534 
bereits seine unrühmliche Laufbahn am Galgen beendigt. 






— 158 — 



die Sache selbst zurück. Dieser Mann wurde von Erasmus nach 
Dole wegen eines Geschäftes geschickt; zufällig hielt sich Carinus 
damals in dem benachbarten Besanc/m auf; man zechte, wie Lands- 
leute in der Fremde zu thun pflegen. Als nun Carinus Einiges gegen 
Erasmus zu sagen anhob, fuhr Polyphein, gewissermaassen als Schild- 
knappe (hyperaspistes) des Erasmus, vom Weine erhitzt, darüber auf 
und drohte, er wolle seinen Gürtel gegen Cariuus als Strick ge- 
brauchen. Carinus lief zum Richter der Stadt, Polyphem floh nach 
Basel, Carinus drohte, er wolle gegen Erasmus einen Procesa an- 
strengen, aber da Polyphem entfernt wurde, legte sich der Streit 
bei. Doch glaube ich nicht, dass Carinus sich wieder mit Erasmus 
ausgesühnt hat. Er ist indessen nicht ohne Gelehrsamkeit in beiden 
Literaturen." 

Erasmus berichtet in einem Briefe von Basel an Ludwig Berus 
den 2. März 1529 l ) dieselbe Geschichte als Neuigkeit, mit bitteren 
Ausfüllen gegen Carinus, den er Carcinus (Krebs, Krebsgesehwür) 
nennt. Wenn somit der Vorfall dem Anfange des Jahres 1529 au 
gehurt, so muss die Abfassung des Berichtes des Viglius von Aytta, 
der sechs Jahre später geschrieben ist, wohl in das Jahr 1534 oder 
1535 fallen. 

Dass die Feindschaft zwischen ihm und Carinus zur Zeit, da 
Viglius von Aytta schrieb, in der That noch fortbestand, be- 
stätigt ein ungefähr derselben Zeit angehörendes Schreiben , das 
Erasmus an des Carinus -und Nesen Freund, M. Conrad Goclenius, 
Lehrer am Collcgium trilingue zu Löwen, am 7. November 1533 von 
Freiburg aua richtete. Darin findet sich die Stelle 2 ): „Ich höre, in 
Paris" — dorthin hatte sich Carinus vielleicht in der Absicht begeben, 
um das Studium der Medizin zu beginnen — „sei eine Gesellschaft 
von Deutschen, in welcher Carinus den Vorsitz führe und mich 
grauenvoller Thaten anklage, die er mir um Christi willen vergebe. 14 
Im Jahre 153G hielt sich Carinus in Löwen als Erzieher der Söhne 
Hermann's, eines Freundes von Viglius, auf 3 ). Er lebte später in Basel 
als Arzt und starb daselbst angeschen und geehrt am 17. Januar 1569. 
Wie der Schüler dem Lehrer und Freund im Leben bis zum Grabe, 
ja über dasselbe hinaus, treu und fest verbunden blieb, so verweben 



«) Epist. 1021, CoL 1161. 
*) Epist 1258, Col. 1479. 

>) Vergl. Viglius' Brief vom 17. Decemucr 153G an Carinus bei Papen- 
drecht a. a. 0. 8. 228. 



— 159 — 

sich auch ihre Bilder unauflöslich iu der Erinnerung der späteren 
Geschlechter: wo in dieser Nesen's Gestalt aus den Schatten der 
Vergangenheit in der Frische ihrer ehemaligen Erscheinung hervor- 
tritt, da wird man auch seines Carinus freundlich gedenken. 



Das war Nesen, ein Mann von reichem Wissen, wie in der römi- 
schen und griechischen Litteratur, bo in der Theologie und Juris- 
prudenz gründlich zu Hause, als sittlicher Charakter hochgeachtet, 
freien Geistes, wahrhaftigen Sinnes, frommen Ernstes und gediegenen 
Strebens, anmutbig im Umgange, voll unerschöpflichem Humor im 
Gespräch, keusch und rein auch im Scherz, durch natürliche Liebens- 
würdigkeit gewinnend und fesselnd. Scharf und schneidig bekämpfte 
er die Schlechtigkeit und zog der Heuchelei unerbittlich die Larve 
vom Angesichte, aber stets hatte er eine warme und neidlose Aner- 
kennung für Alles, was ihm in wahrhafter Grösse nahe trat, und 
stand versöhnend, ein milder Vermittler, in dem Widerstreite mensch- 
licher Ansichten und in den berechtigten Gegensätzen der Zeit. 
Wenige haben sich mit so aufgeschlossener Empfänglichkeit am Kelche 
der Freundschaft gelabt und mit so reinem Genüsse seinen Gehalt 
gekostet. Damm bewährte er sich den Freunden als ergebener und 
verlässiger Genosse und selbst verkannt hat seine Treue nicht in 
ihrem Vertrauen und ihrer Anhänglichkeit gewankt. Im Mannesalter 
noch Jüngling an frischem Schwünge der Kraft und begeisterter 
Wärme des Gemüthes, glich er schon dem Greise an Einsicht und 
besonnenem Maass — ein heiteres, glückliches, menschenwürdiges 
Leben, an dessen milder Klarheit sich Viele erfreuten , und nach 
seinem plötzlichen Erlöschen betrauert von den Edelsten seiner Zeit. 
Von seinen Nachfolgern in Frankfurt mag ihn Micyllus an Feinheit 
des Geschmackes und des philologischen Verständnisses Uberragt 
haben, durch würdigen Sinn und Tiefe des Gemüthes waren sich 
beide ebenbürtig, an Vielseitigkeit der wissenschaftlichen Interessen, 
vor Allem an Thatkraft und Charakterfestigkeit erscheint Nesen dem 
jüngeren Freunde überlegen. Alle Bildungselemente der Zeit hat er 
sich angeeignet und sie haben sich in ihm harmonisch verschmolzen. 
In seiner Persönlichkeit prägte sich zu lebensvoller Wirklichkeit aus, 
was in unsern Tagen meist als abgenützte Phrase gedankenlos von 
Mund zu Mund geht: die Humanität der Weltansicht, der Gesinnung 



- ICO — 

und der Sitte. Nescn hat sie gesucht und gefunden in der durch 
den christlichen Geist veredelten classischen Bildung und sie wurde 
überdies in ihm getragen durch seine acht deutsche Gesinnung, 
durch die glühende Liebe zu seinem Volke und zu seinem Vaterlande. 
Sein Ausgang war erschütternd, aber das Tragische desselben, das 
wir nach mehr als dreihundert Jahren noch mit Wehmuth empfinden, 
mildert sich in dem heiteren Glauzc, der um das Bild seines rastlos 
strebsamen Lebens verklärend webt — unwillkührlich fühlen wir uns 
durch Beides an das Wort erinnert, das Göthe bei der Vergegen- 
wärtigung des gleich thätigen Wirkens und des gleich düsteren Todes 
Verhängnisses Winckelraann's schrieb : „Er hat* als Mann gelebt und 
ist als Mann von hinnen gegangen. Nun geniesst er im Andenken 
der Nachwelt den Vortheil als ein ewig Tüchtiger und Kräftiger zu 
erscheinen, denn in der Gestalt, in welcher der Mensch die Erde 
verlässt, wandelt er unter den Schatten und so bleibt uns Achilles 
als ewig strebender Jüngling gegenwärtig." 



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Vaterstädtisches und Vaterländisches. 



Aaszöge 

aus S. Q. Finger's Tagebüchern 
von 1795 bis 1818. 



Vorwort. 

Der Vater des Unterzeichneten, der am 2. Juni 1777 geborne 
und am 28. Januar 1827 in seinem noch nicht vollendeten fünfzigsten 
Lebensjahre verstorbene hiesige Handelsmann Samuel Gottlieb Finger, 
über welchen die Mittheilungen des Vereins V. 29 nähere Angaben 
enthalten, durchlebte eine für unser deutsches Vaterland Uberhaupt, 
aber auch besonders für unsere Vaterstadt Frankfurt, ernste, ereigniss- 
volle und wechselreiche Zeit. Dass er, und zwar schon von einem 
frühen Lebensalter an, diese Zeit in ihrer vollen Bedeutung und 
Wichtigkeit erfasste, davon geben seine Tagebücher Zeugniss, die er 
in ununterbrochener Reihenfolge von Januar 1705 bis 1825, also 
länger als 30 Jahre hindurch, mit grosser Genauigkeit führte. Was 
sich nun in denselben von allgemeinerer vaterstädtischer und vater- 
ländischer Bedeutung verzeichnet findet, hat der Unterzeichnete 
herausgeschrieben und in den nachfolgenden Blättern zusammen- 
gestellt. Die zwei letzten Jahre dieser Tagebücher boten von solchem 
Stoffe nichts mehr, die unmittelbar vorhergehenden nur noch wenig 
dar, desto mehr aber gar manche der früheren, namentlich diejenigen, 
in denen der Krieg mit seinen Leiden und Drangsalen unser Frankfurt 
nahe oder selbst unmittelbar berührte. Was die Väter durchlebt, 
wie leicht vergessen es die Söhne und gar die Enkel, wenn die 
Quellen fehlen oder verloren gehen, die ihnen solches im Sinn und 
Gedächtniss erhalten könnten. Hier ist eine solche Quelle, und zwar, 
\ I. 11 



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— 162 — 



es lässt sich gewiss sagen, die eines genauen Beobachters und gründ- 
lichen Berichterstatters. Möge sie, wenn auch ursprünglich nur für 
einen engeren Kreis bestimmt, jetzt auch in einem weiteren Leser- 
kreise die Würdigung finden, die sie verdient. Die Vergangenheit 
ist ja eine Lehrerin der Gegenwart. Möge dämm unsere Zeit, möge 
unser Vaterland dies beachten, um festen, sicheren Schrittes, um durch 
Einigkeit stark, der Zukunft entgegengehen zu können, so trüb und 
drohend diese uns auch manchmal in unseren Tagen erscheinen mag. 

Lorenz Friedrich Finger. 

Frankfurt am Main, im Dezember 1870. 



1795 

Januar 1. Das Jahr 1794, so traurig der Lauf desselben war, 
so traurige Aussichten hinterliess es uns bei seinem Abschied , und 
zwar dieses in aller Rücksicht. Was die Kriegsbegebenheiten an- 
langt, so waren die Franzosen am Ende dieses Jahres noch weiter 
vorgerückt als noch je ; sie waren Meister vom ganzen linken Rhein- 
ufer ausgenommen Mainz, davor sie stunden und es von jenseits 
blockirten und mit einer formlichen Belagerung bedrohten. Noch 
ganz zu Ende desselben wurden sie durch Capitulation Meister der 
vor Mannheim jenseits gelegenen vortrefflichen Rheinschanze, mit 
deren Demolirung sie sich nun beschäftigen. Die englische, hol- 
ländische, hannöverische und hessische vereinigte Armee in Holland 
hatte sich über die Waal, den stärksten Arm des Rheins, herüber- 
ziehen müssen, die kaiserliche niederrheinische Armee war in den 
Winterquartieren im Bergischen, Münsterischen, durch den Westerwald, 
in der Wetterau und bis nach Caub am Rhein, 27000 Mann davon 
waren in Mainz und Castel als Besatzung, welche noch immer ver- 
stärkt wurde; von Caub bis Mannheim erstreckte sich die preussische 
Armee längs dem Rhein in Cantonnirungcn, hatte dabei die Besatzung 
und Vertheidigung der bei Mainz liegenden Inseln übernommen, 
und von Mannheim bis Basel erstreckte sich der kaiserliche ober- 
rheinische Cordon, von Basel bis Bregenz aber war noch ein kleiner 
kaiserlicher Cordon, um die Einfuhr der nach Frankreich bestimmten 
Waaren in der Schweiz zu verhindern. 

Bei allen kriegerischen Nachrichten und Zubereitungen aber war 
doch noch ein Strahl der Hoffnung zu einem baldigen Frieden da. 
Preussen hatte schon im Monat Oktober den ersten aber heimlichen 



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- 163 - 

Schritt gethan, und bereits damals theils direkt in Paris mit dem 
Heilsausschuss, theils indirekt mit dem französischen Oesandten in 
der Schweiz durch den Major von Meyerinck praeliminariter traktirt. 
Am Reichstag zu Regensburg wurde gegen Ende des Jahres durch 
Chur-Mainz, zu gleicher Zeit als der Kaiser proponirtc, das fünffache 
Reichs-Contingent zu besserer Betreibung des Kriegs auf kommendes 
Frühjahr aufs schleunigste zu stellen, proponirt, einen Brieden, sollte 
es auch wenigstens ein Separat- Friede sein , oder doch nur vorläufig 
einen Waffenstillstand von Seiten des deutschen Reichs mit Frankreich 
zu schliessen. Dieser Vorschlag wurde von Churpfalz - Bayern am 
kräftigsten unterstützt und von allen Collegien und Ständen theils 
mit, theils ohne Einschränkung und Zusätze angenommen. Nur Han- 
nover und Oesterreich votirten nicht, Holland von seiner Seite aber 
traktirte mit dem französischen General Pichegru und wurde vor- 
läufig ein Waffenstillstand von beiden Seiten verabredet, worauf von 
Seiten Hollands zwei Bevollmächtigte direkt nach Paris zu Friedens- 
unterhandlungen gesandt wurden, deren Erfolg noch zu erwarten steht. 

Oesterreich und England aber zeigten sich dazu noch nicht 
geneigt. 

Die Lebensmittel waren schon seit langer Zeit in sehr hohem 
Preis. Durch die Nähe der Armeen und dadurch vermehrte Consum- 
tion stiegen solche seit kurzem zu erstaunlich hohen Preisen, und 
fingen auch an rar zu werden. Hier kostete 1 Laib Brod ä 6 Pfund 
21 kr., das Fleisch durchgängig 10 kr. das Pfund und das Schweine- 
fleisch in der Schlacht 12 ä 12V« kr. das Pfund, Butter 36 kr. das 
Pfund, ein Ei 2 kr. und das Mehl, Früchte und Salz verhältnissmässig 
ebenso hoch, das Heu 3*/a a 4 fl. der Centner; zu diesem kam am Ende 
noch eine sehr strenge Kälte. Der Magistrat, um die ärmere Volks- 
klasse zu unterstützen, Hess auf seine Rechnung recht gutes Brod 
backen und an jedermann laibweise auf dem Bäckergraben in der 
Salzstube solches den Gpfündigen Laib ä 18 kr. und den 3pfUndigen 
um 9 kr. verkaufen. In unserer Stadt hatten wir das preussischc 
Regiment Thadden, ein Bataillon des Ansbachischen Regiments von 
Reizenstein und das erste Bataillon Leibgarde zur Besatzung. Vor 
dem Galgenthor war ein kaiserliches Magazin. Der Generallieutenant 
Thadden ist Gouverneur unserer Stadt. 



Gestern Abend kamen der Erzherzog Karl, der Herzog Albert 
von Sachsen-Teschen und mehrere kaiserliche und preussische Generale 
hier an und reisten heute nach Mainz ab. 

11* 



164 



Janaar 4. Heute kam der Erzherzog Karl und Herzog Albert 
von Mainz wieder hierher nnd reisten wieder ins Hauptquartier nach 
Heidelberg zurück. 

Januar 6. Die heute angekommenen Baseler Briefe meldeten, 
dass bereits der preussische General von der Gol« als Bevollmäch- 
tigter zum zu haltenden Friedens-Congress angekommen sei und der 
kaiserliche Gesandte auch erwartet würde. Den Schweizer-Cantonen 
wäre bereits die officielle Anzeige geschehen, dass man Basel zum 
Congress-Orte atisersehen hätte und man sie gebeten hätte, dazu 
ebenfalls einen Bevollmächtigten von ihrer Seite zu ernennen. 

Januar 7. Heute Nacht haben alle in unserer Gegend liegenden 
Preussen um 3 Uhr aufbrechen und an den Rhein marschiren müssen 

* 

Ein gleiches haben schon in der Nacht von vorgestern auf gestern 
der grösste Theil der jenseits des Mains liegenden Preussen thun 
müssen, und der übrige Theil hat ebenfalls heute Nacht denselben 
nachfolgen müsse, indem die Franzosen bei Oppenheim Miene 
machten, über den Rhein zu gehen. Wahrscheinlich wird aber nun 
ihr Entwurf vereitelt werden, da bei jetzt eingefallener gelinder 
Witterung derselbe ohne Gefahr nicht mehr wird zu passiren sein. 

Januar 8. Heute mussten 3 Soldaten des Thadden'schen Regi- 
ments Spiessruthen laufen, die letzthin die Ursache einer Schlägerei 
waren, wo sich beinahe in allen Wirthshäusern die Ansbacher und 
Gardisten einerseits mit den Thadden'schen und einigen Dragonern 
anderseits herumschlugen. In Sorg's Weingarten war der Lärm am 
grössten. Daselbst wurde ein Gardist durch Säbelhiebe in den Kopf 
so zugerichtet, dass er den Tag darauf starb. Ein Frankfurter 
Unterofficier, der mit einem Commando hingeschickt war, den Lärm 
zu stillen, ward ebenfalls am Kopf verwundet. 

Jannar 9. Der Haupträdelsführer der gestern schon Spiess- 
ruthen gelaufenen 3 Soldaten musste heuto noch 8 mal laufen. 

In den Zeitungen las man heute die erfreuliche Nachricht, dass 
der Erzfeind von Frankfurt Daniel Stamm, weiland Sekretär und 
Adjutant des Generals (Justine, bei Basel von den kaiserlichen Vor- 
posten gefangen und bereits ins Hauptquartier nach Heidelberg abge- 
liefert worden ist. 

Januar 24. Die Nachrichten aus Holland von den Fortschritten 
der Franzosen sind sehr erschreckend. Sie sind über den Rhein ge- 
gangen, haben Utrecht besetzt und Arnheim eingeschlossen. Die 
alliirte Armee hat sich über die Yssel gezogen. Ein grosser Theil 
der holländischen Armee ist zu den Franzosen übergegangen und 
hat 2 englische und 1 hannöverisches Regiment gefangen den- 



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- 165 - 



selben überliefert. Man fürchtet Bogar, die Franzosen möchten schon 
in Amsterdam sein. 

Die letzten Briefe aus Basel geben uns schlechte Hoffnung zum 
Frieden ; die holländischen Gesandten sind von Paris ohne etwas 
ausgerichtet zu haben abgereist; der preussischc Gesandtschafts-Sekretär 
Ilarnier ist ebenfalls von da nach Basel zurückgekommen, ohne eben 
tröstliche Nachrichten mitgebracht zu haben. 

Februar 2. Heute marschirte ein Theil des hier liegenden Ba- 
taillons vom Regiment Reizenstein weg, theils zur Ergänzung des am 
Rhein befindlichen Grenadier - Bataillons des nämlichen Regiments, 
theils zur Begleitung gefangener Franzosen nach Ansbach. 

Februar 16. Heute gingen 300 Mann vom kaiserlichen Regi- 
meute Waldeck-Dragoner an den Oberrhein hier durch. 

Februar 18. Morgens ging das Regiment Romberg hier durch 
nach Westphalen. Mittags passirten etwa 200 Mann Wurmser Husaren 
von der kaiserlichen niederländischen Armee hier durch an den 
Oberrhein. 

Februar 24. Heute gingen salzburger in kaiserlichem Solde 
stehende Truppen von der niederrheinischen zur oberrheinischen Armee, 
etwa 300 Mann stark, hier durch. 

Februar 26. Heuto gingen die bisher in Mainz gelegenen pfalz- 
bayrischen Truppen, etwa 2000 Mann nebst 12 Kanonen und sehr vielen 
Munitions- und Bagage -Wagen, hier durch nach Heidelberg. Der 
grösste Theil sah aus wie Leichen und war sehr zerlumpt. 

Februar 27. Schon gestern hörte man von Mainz her kanoniren, 
welches man heute Morgen neuerdings wieder hörte. 

Heute gingen kaiserliche Husaren hier durch nach Heidelberg. 

Februar 28. Heute früh marschirte das bisher hier in Besatzung 
gelegene Regiment Thadden in Parade unter klingendem Spiele von 
hier weg nach Westphalen zu, und nahm seinen Weg über Homburg. 
Es brachen zugleich mehrere Truppen in hiesiger Gegend auf und 
nahmen den nämlichen Weg. Auch marschirte heute ein Theil von 
den bisher im Feld gestandenen Sachsen hier durch nach Huna. 

März 2« Heute Morgen marschirte erst ein Bataillon fränkischer 
Kreis-Truppen von jenseits des Mains hier durch in die Gegend von 
Mainz. Sodann marschirten aus jener Gegend vom Hohcnlohiachen 
Corps das preussische Kürassi er- Regiment Weimar und das Dragoner- 
Regiment von Katt hier durch nach Westphalen. Sodann passirten 
150 bis 200 Mann Ansbacher Jäger von Holland kommend hier durch 
in jenseitige Gegend. Auch um die Stadt herum gingen von den 
nach Hause kehrenden Sachsen vorbei. 



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März 3. Heute früh marschirte da» erste Bataillon Garde, das 
bisher hier lag, weg und nahm seinen Maisch in Vereinigung mit 
den anderen in hiesiger Gegend gelegenen Garden über Kassel nach 
Westphalen. Dagegen rückte sogleich das Grenadier-Bataillon des 
Ansbacher Regiments von Reizenstein, das bisher bei Caub am Rhein 
gestanden und dort von Kaiserlichen abgelöst wurde, hier ein. Es 
gingen gestern auch die nach Hause kehrenden sächsischen Husaren 
hier durch, so wie Nachmittags Ergänzungs-Mannschaft einiger preussi- 
schen Füsilier- Bataillone. 

März 4. Heute Morgen gingen sächsische Husaren hier durch, 
und Mittags das Husaren-Regiment von Blücher, das Infanterie- Regi- 
ment von Cronsaz und 5 Compagnien Fussj&ger von Voss, an deren 
Spitze die Generale von Nöllondorf, Prinz Louis von Württem- 
berg, von Pirch, von Cronsaz und von Voss standen, und die den 
Marsch nach Westphalen nahmen. Auch eine reitende Batterie 
war dabei. 

März 10. Das bisher in Bockenheim gewesene Hauptquartier 
des Generals von Kollendorf brach heute auf und geht über Cassel 
nach Lippstadt 

März 20. In Sachsenhausen liegen schon seit einiger Zeit un- 
garische Husaren von Vecsey zur Einquartierung. 

März 21. Morgens marschirten in Parade von der Clairfait'scben 
Armee 4 ungarische Grenadier-Bataillone hier durch in das Darm- 
städtische. Es waren die grössten, schönsten und lebhaftesten Sol- 
daten, die man nur sehen konnte. Das erste Bataillon bestand aus 
den Divisionen von Erzherzog Ferdinand, Samuel Giulay und Ester- 
hazy, das zweite von Alvinzy, Devins und Jelachich, das dritte von 
Erzherzog Anton, Sztaray und Radasti und das vierte von Benjowsky 
und Spoleny. 

März 23. Heute gingen wieder 5 Bataillone deutscher und wal- 
lonischer Grenadiere hier durch nach Heidelberg. 

März 28. Heute marschirten die bisher hier gelegenen 2 Ba- 
taillone des Regiments Reizenstein von hier nach Bergen ab. Dagegen 
marschirten, trotz aller wegen der Messe von dem Magistrate gemachten 
Vorstellungen und Einwendungen, unter dem Vorwand, dass dieses 
wegen veränderter Stellung der Armeen nicht abgewendet werden 
könnte, als Besatzung herein 2 Bataillone des preussischen Regiments 
Hohenlohe und 1 Bataillon chursächsischer Grenadiere. Zugleich 
wurde das Hauptquartier des Prinzen Hohenlohe sowie das sächsische 
Hauptquartier und ein Theil des kaiserlichen Generalstabs hierher 
verlegt. Es marschirte sodann heute durch von dem Rhein kommend 



167 - 



und in die Cantonnirungs - Quartiere zwischen Giessen und Hanau 
gehend das preussische Husaren-Regiment Wolfradt. 

März 29. Heute marschirtcn noch durch das Dragoner-Regiment 
Schraettkc, die Infanterie -Regimenter von Vittinghof und Anhalt- 
Pless nebst 2 Füsilier-Bataillonen. 

Marz 30. Ks marschirte heute das preussische Infanterie-Regi- 
ment von ßorck hier durch, 

März 31. und heute das preussische Infanterie - Regiment von 
Ililler, ehemals Wolfraiusdorf, nebst einer reitenden Batterie. Da- 
gegen ging das kaiserliche Husaren -Regiment vom Clairfait'schcn 
Corps hier durch nach dem Niederrhein. 

April 1. Heute ging das ungarische Infanterie-Regiment Ben- 
jowsky nebst dem Infanterie-Regiment Erbach von der Clairfait'schcn 
Armee hier durch nach dem Oberrheiu. Dagegen passirte das 
nassauischc Reichs- Contingent vom Oberrhein hier durch hinunter- 
wärts. Demselben folgteu nachher noch mehrere Reichstruppen. 

April 2. »Seit gestern befindet sich der Feldzeugmeister Graf 
von Clairfait hier. 

April 6. Gestern ging hier das Graf Joseph Kinsky Chevaux- 
logers-Regiment durch nach dem Oberrhein, und heute kamen von 
da die Wurmserischen Husaren hier durch nach Mainz. Heute von 9 
bis 12 Ulir wurdo eine sehr starke Kanonade von Mainz her gehört. 

Nebst dem General Clairfait befinden sich noch die kaiserlichen 
Generale von Sztaray, von Collowrath und von Lauer allhier. 

April 7. Heute hatten wir Unruhen in der Stadt, die sehr be- 
denklich waren, aber doch bald vermittelt wurden. Die Bierbrauer 
hatten schon ohnlängst bei dem Rechneiamt nachgesucht, dass ihnen 
möchte zugestandeu werden, das Bier im Haus zu 6 kr. statt wie 
bisher zu 5 kr. zu verzapfen. Da man aber wusste, dass sie ganz 
obnboschadet das Bier zu 5 kr. sehr gut geben konnten, so Bchlug 
man es ihnen ab, verstattete ihnen jedoch, da sie anfingen, zu drohen 
und zu trotzen, ihr Gesuch am nächsten Rathstag dem ganzen Rath 
vorzutragen, auf dessen Entscheidung es ankommen solle. Sie aber, 
hiermit nicht zufrieden, verabredeten sich mit einander, am heutigen 
Tag säramtlich ihre Schenken zu schlieasen und unter Strafe, 100 
Reichsthalcr in die Lade zahlen zu müssen, heute kein Bier und keinen 
Brantweiu zu verzapfen. Da nun heute ein Tag war (zweiter Ostcrtag), 
wo alle Handwerksbursche müssig sind und nichts zu tlum haben, 
als in die VVirthshäuser zu gehen, so wollten solche heute Morgen 
in die Bierliäuser um Bier und Brantwein zu trinken, wo aber immer 
zur Antwort gegeben wurde, dass nichts verzapft winde, olmerachtct 



- 168 — 



sogar manche 6, 8, 10 und 12 kr. Tür die Maas Bier anboten. Diese, 
darüber aufgebracht, rotteten sich zusammen, und fingen zur Mittags- 
zeit in grossen Hauten an, alle Bierhäuser zu stürmen, und fragten 
sodann, ob Bier und zu welchem Preis solches verzapft würde? Ant- 
wortete man nun entweder, es würde gar keines verzapft, oder nicht 
anders als G kr. die Maas, so waren in einem Augenblick alle Fenster, 
die nur erreicht werden konnten, mit Steinen, Prügeln, Stücken Holz 
u. s. w. cingesebmisseu, die Fensterladen zerbrochen, die Thülen zer- 
sprengt, Stühle, Tische und Bänke ruinirt, und die Krüge und Gläser 
zerbrochen. Auf solche Art wurden ungefähr 10 Schenken ruinirt. 
Die anderen, durch dieses Beispiel gewitzigt, gaben nach und schenkten 
Bier ein, wovon die Handwerksbursche aber entweder gar nichts 
tranken, oder, was sie tranken, grossmüthig und überflüssig bezahlten, 
indem sie, wie sie sagten, nichts verlangten, als dass die Schenken 
zum allgemeinen Besten geöffnet würden. Die llandwerksbursche 
kamen unter anderen auch an „die dunkle Leuchte" als die Metzger- 
herberge, in welche sich aber alle Metzger-Bursche und Söhne mit 
ihren Hunden und thcils mit Prügeln, theils mit Messern versteckt 
hatten, welche sogleich bei der ersten Anfrage der Handwerksbursche 
mit ihren Hunden heraus- und solche an6clen, sehr auf sie zuschlugen 
und sie in die Flucht jagten, dabei einen Zimmergesellen mit zwei 
Messerstichen tödtlich verwundeten. Der Magistrat hatte sich mittler- 
weile in Eile versammelt, und der Schöll* von Loen ritt herum uud 
ermahneto beide Theile zur Hube, worauf es sich auch gleich ohn- 
gefähr 3 Uhr Nachmittags legte, umsomehr da sodann ausgetrommelt 
wurde, dass das Bier im bisherigen Preis bliebe. Zur Sicherheit 
wurde Nachts stark patrouillirt sowohl von Stadtsoldaten, als von 
Preusscn, Sachsen und Bürgern, auch wurde eine starke Wache in 
die Metzgerherberge zur Beschützuug gelegt. 

April 8. Heute dauerte die Gährung fort, da die Handwerks- 
bursche droheten , ihren verwundeten Kameraden an den Metzgern 
zu rächen, auch verlauten Hessen, den Bäckern ebenso wie deu Bier- 
brauern mitzuspielen. Der Prinz von Hohenlohe bot dem Magistrat 
einige 1000 Mann Infanterie und Cavallerie an, um allen Unruhen 
vorzubeugen und nöthigen Falls die Bäcker-, Bierbrauer- und Metzger- 
Häuser und die Schirnen zu besetzen. Um so mehr vormehrte sich 
die Unruhe, da verlautete, die Handwerksburschc wollten die Schirne 
in Brand stecken, und heute den ganzen Tag solche müssig und 
stark auf der Strasse herumliefen. Es gingen indessen starke Pa- 
trouillen von Bürgern und Soldaten den ganzen Tag herum, und auf 
solche Weise wurde die Ruhe erhalten. Von Magistrats wegen wurde 



— 169 — 



indessen das Gesuch der Bierbrauer näher untersucht und gefunden, 
dass die Maas Bier dieselben nicht mehr als ungefähr U'/s Heller 
stunde, und sie demnach daran 120% verdienten. Es wurde ihnen 
also augedeutet, dass es sein Bewenden bei der bisherigen Taxe zu 
5 kr. habe, und ihnen überdies ihr eigenmächtiges Verfahren ernstlich 
verwiesen. Die beiden Brüder, Metzgerssöhne Sommer von hier, wurden 
als Thäter der Verwundung jenes Zimmergcsellcn verhaftet. 

April 9. Heute passirten hier durch ein kaiserliches Bataillon 
von Gemmingen, 1 Bataillou von Mitrowsky und das kaiserliche 
Infanterie- Regiment von Hohenlohe von der Clairfait'schcu Armee 
an den Oberrhein. Dagegen kamen vom Oberrhein und gingen in 
die Gegend von Giessen das preussische Infanterie Regiment Herz- 
berg, das Dragoner-Regiment vou Voss, das sächsische Husaren-Corps 
und die ansbacher Jäger. 

Heute verlegte General Clairfait sein Hauptquartier nach Bocken- 
heim. 

April 10. Vom Oberrhein ging heute hier durch in die Gegend 
von Mainz das kaiserliche Dragoner-Regiment von Waldeck, dagegen 
von der Clairfait'schen Armee an den Oberrhein das ganze Tyroler 
Scharfschützen -Corps und das Jäger-Regimeut Joseph Colloredo. 

April 11. Von der Clairfait'schen Armee ging das schöne Regi- 
ment Kaiaer-Chevauxlegers hier durch au den Oberrhein. Dagegen 
kamen von da hier durch und gingen in die Gegend von Mainz das 
Prinz Louis Rohau'sche Corps etwa 4500 Manu stark aus Cavallerie 
und Infanterie bestehend und „Tolpatschen" genannt 

Heute rückte wieder das erste Bataillon des preussischeu Regi- 
ments Reizensteiu ab Besatzung hier ein. 

Durch durchgegangene Estafetten und Briefe erfuhren wir heute die 
Nachricht, dass Preussen und Frankreich in Basel wirklich Frieden ge- 
schlossen und solcher am 5. dieses Monats daselbst unterzeichnet worden. 

April 12. Von der Clairfait'schen Armee ging hier durch an 
den Oberrhein das le Coup'sche Jäger-Corps, etwa 000 Mann stark, 
und das Mahon'sche Jäger- Corps, etwa 1500 Mann stark. 

April 13. Von der Clairfait'schen Armee passirten heute durch 
an den Oberrheiu die Regimenter Koburg Dragoner und Brechain- 
ville Infanterie, und vom Oberrhein gingen die fränkischen Kreia- 
truppen hier durch in die Gegend von Mainz. 

April 14. Von der Clairfait'schen Armee gingen an den Ober- 
rhein hier durch das Regiment Herzog Albert Kürassiere und das in 
kaiserlichem Sold stehende übergegangene Regiment Royal AHemand 
oder Grenadiere zu Pferd. 



— 170 — 



April 15. Von der niederrheinischen kaiserlichen Armee passirten 
hier durch an den Oberrhein die Regimenter Nassau-Usingen Küras- 
Biere und Sztaray Infanterie, vom Oberrhein hingegen kam ein 
Bataillon Salzburger Jäger hier an. Diese wurden auf eine Nacht 
einquartiert und setzten 

April 16 heute ihren Marsch nach Mainz fort. Vom Oberrhein 
passirte hier durch in die Gegend von Mainz 1 Bataillon des kaiser- 
lichen Infanterie-Regiments Lascy. 

April 17. An den Oberrhein passirten heute hier durch die 
kaiserlichen Infanterie-Regimenter Grossherzog von Toscana und Erz- 
herzog Karl. 

April 18. Vom Oberrhein gingen etwa 100 Mann kaiserliche 
Sapeurs hier durch in die Gegend von Mainz ; dagegen kam von der 
Clairfait'schcn Armee das Zettwitschische Kürassier- Regiment hier 
durch, um an den Oberrhein zu gehen. 

April 19. Von der kaiserlichen niederrheinischen Armee passirte 
heute das Che vauxlcgcrs - Regiment Lobkowitz hier durch an den 
Oberrhein. 

April 25. Das Elend und die Thcuerung wächst alle Tage. 
Was noch besonders für die Zukunft fürchten macht, ist dass die 
Kaiserlichen ungescheut den kaum aufgeschossenen Klee nnd Saat 
zur Fütterung abmähen oder die Pferde auf den Feldern weiden 
lassen. Gestern ging das kaiserliche Hauptquartier von Bockenheim 
nach Gross-Gerau. Auch wurden von der kaiserlichen Infanterie gestern 
3 Lager bei Schwalbach, Bischofsheim am Main und Stockstadt 
bezogen. 

April 26. Heute gingen hier durch an den Oberrhein die kaiser- 
lichen Kürassier-Regimenter Erzherzog Franz und Kavanagh und ein 
kaiserliches Dragoner-Regiment. Auch passirten verschiedene Rekruten- 
Transporte theils durch die Stadt, theils an derselben vorbei, für die 
oberrheinische und niederrheinische Armee. Am Sandhof stand heute 
ein Artillerie-Train, der dort campirte, von einigen 100 Kanonen und 
Haubitzen nebst Mnnitions- und Bagage- Wagen, welcher für die ober 
rheinische Armee bestimmt ist. 

April 29. Vom Oberrhein passirte heute hier durch in die 
Gegend von Mainz ein erst neu errichtetes Freicorps zu Pferd, das 
in kaiserlichem Sold steht und meistens aus Emigranten besteht, die 
Chasseurs von Bussy benamet. An den Oberrhein passirte ein 
starker Train kaiserliche Artillerie nebst Artilleristen hier durch. 
Sodann gingen auch einige hundert kaiserliche Artilleristen, die 
in Valenciennes und Conde" gewesen waren, hier durch nach 



Schwaben, weil sie geschworen hatten, binnen einem Jahr nicht mehr 
zu dienen. 

April 30. Von hento Nacht 1 Uhr bis Mittag 12 Uhr hörte 
man dahter ans der Gegend von Mainz eine fürchterlich schwere 
und ununterbrochene Kanonade. 

Mai 1. Ursache der gestrigen Kanonade. Die Kaiserlichen 
machten Morgens früh erst eine starke Kanonade, welche die Fran- 
zosen auch erwiderten. Früh Morgens rückten dieselben sodann aus, 
stürmten und eroberten den von den Franzosen besetzten und ver- 
schanzten Hardenberg nebst der Hardonmühle, demolirten die französi- 
schen Verschanzungen und eroberten 2 Kanonen und Munitiona-Karren. 
Sie warfen sogleich neue Verschanzungen gegen die Franzosen auf, 
welche auch sogleich mit Geschütz versehen wurden. Gegen 11 Uhr 
stürmten die Franzosen in starker Anzahl wieder an, wurden aber 
durch das starke Kartätschen- und Musketen-Feuer haufenweise hin- 
gestreckt und endlich zurückgeschlagen, wo sie dann durch die kaiser- 
liche Cavallerie noch sehr zusammengehauen und ihnen 3 Pulverkarren 
in die Luft gesprengt wurden. Der Verlust der Kaiserlichen beträgt 
an 1000, der der Franzosen aber über 2000 Mann. Auf der Flucht 
bedienten sie sich einer desperaten List, sie warfen sich nämlich 
rücklings auf die Erde, und stellten das Gewehr mit aufgepflanztem 
Bajonet auf die Brust, dergestalt dass die Cavallerie viele Mühe 
hatte einzuhauen. 

Mai 15. Heute Vormittag feierten die Preussen das Fest ihres*) 
Friedens und Freundschafts- und Btindniss - Traktats mit den Fran- 
zosen unter Haltung einer Predigt und Absingung des Te Deura 
laudamus unter Trompeten- und Paukenachall und Abfeuerung einiger 
Kanonen. Die hier liegenden Preussen, das Regiment von Hohenlohe 
und 1 Bataillon von Ileizenstein rückten zu dieser ihnen wichtigen 
und uns mit entgegengesetzten Gefühlen erfüllenden Feierlichkeit 
auf das Bornheimer Feld. 

Mai 17. Die Preussen, um ihre verrätherische Demarcations- 
Linie, so wie ihr den Franzosen gegebenes Wort, ihnen den freien 
Durchmarsch durch den Westerwald nach Koblenz und Köln zu- 
zugestehen, behaupten zu können, wollten zu dem Ende die Berg- 
festung Königstein besetzen. Die Kaiserlichen aber kamen ihnen 
zuvor und besetzten dieselbe */a Stunde eher als die PreiiBsen dort 
ankamen, welche sodann wieder abziehen mussten. 

Mai 27. Gestern und heute waren alle beurlaubte Stadtsoldaten 



•) Baeler. 



zusammengezogen, die Stadt- und Thorwachen waren ansehnlich sowohl 
von den Stadtsoldaten, als Preussen und Sachsen verstärkt, und zahl- 
reiche Patrouillen von unseren Soldaten gingen bei Tag und Nacht 
durch die Strassen, um zu verhüten, dass die Handwerksbursche 
etwaige Excesse gegen Bäcker, Metzger und Bierbrauer begingen, wie 
sie zu thun gedroht hatten. Auch auf die Dorfschaften wurden starke 
Commandos unserer Soldaten gesandt, und daselbst waren die Land- 
milizen beordert auch zu patrouilliren. Durch diese Vorsichtsmass- 
regeln ist in diesen Tagen alles ruhig geblieben. 

Mai 31. Heute wurden die hier und in hiesiger Gegend ge- 
wesenen französischen Gefangenen, die den Preussen gehörten, nach 
Wesel zur Auswechselung gebracht Man wollte sie durch Schwaben 
und Breiagau fuhren und bei Basel abgeben, welches die Kaiserlichen 
aber nicht zugaben. 

•I inii 3. Heute gingen die sächsischen Husaren hier durch ins 
Darmstädtische zur Armee Clairfait's, unter dessen Commando seit dem 
1. dieses Monats auf ehurfürstlichen Befehl das 
Corps steht. 

Juni 4. Gestern war es schon angesagt und alles in Bereitschaft 
gesetzt, dass heute ganz früh das hier liegendo sächsische Grenadier- 
Bataillon aufbrechen und zur Clairfait'schen Armee stosaen sollte, als 
gegen Abend ein Kurier von Clairfait an das sächsische Hauptquartier 
hier ankam, auf dessen Estafette jedoch stand, solche nicht eher als 
wenn der 4. Juni angebrochen wäre zu eröffnen. Ob solche pro 
oder contra enthielt, wussto man nicht, und wurde also die Ordre 
nicht geändert bis solche Nachts nach 12 Uhr erbrochen wurde und 
man darin den Befehl zum Hierbleiben fand, welches noch Nachts 
7*3 Uhr den Soldaten angekündigt wurde. 

Heute Morgen ging ein Regiment sächsische Infanterie hier 
durch nach der Clairfait'schen Armee, sowie auch heute das sächsische 
Hauptquartier von hier dorthin abging. 

Juni 12. Luxemburg ist Uber!!! — Dies erfuhren wir heute. 
Den 10. dieses Monats kam der preussische General von Kalkreuth, 
der den Cordon der Demarcations-Linie von hier bis Wesel comman- 
diren wird, hier an, und wird hier sein Hauptquartier nehmen. Auch 
traf heute der bei der Einnahme unserer Stadt gefangen genommene 
französische General van Helden von Ziegenhain, wo er bisher sasa, 
hier ein, und wird seine Reise nach Frankreich fortsetzen. 

Juni H. Das bisher hier gelegene Regiment Hohenlohe war 
befohligt, um 2 Uhr heute Nacht nach Hanau aufzubrechen, und 
sollte sodann durch das heute früh 0 Uhr eintreffende Regiment 



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— 173 — 



Braunschweig ersetzt werden. Damit aber die Stadt alsdann nicht 
za schwach besetzt wäre, und sich mittlerweile die Kaiserlichen der- 
selben bemeistern möchten, rückte gestern noch ein Theil des Regi- 
ments von Reizenstein hier ein. Als es indessen heute Nacht zum 
Abmarsch gehen sollte, so gab man Gegenbefehl, und das Regiment 
von Hohenlohe musste aufmarschirt bleiben bis Morgens 9 Uhr, wo 
das Regiment Braunschweig einrückte, und jenes demnach seinen 
Marsch nach Hanau antrat, von wo es am 17. nach Schlesien auf- 
bricht. Diese Massregel entstand aus dem den Preussen, vermuthlich 
von ihrem bösen Gewissen, beigebrachten Wahn, als ob die Kaiser- 
lichen auf dem Anzüge wären, um nach ihrem Abmarsch Besitz von 
der Stadt zu nehmen. Ja der Preussen Furcht ging bo weit, dass^ 
als Morgens 8 Uhr ein Train kaiserlicher Fouragc- Wagen mit etwas 
Cavallerie-Bedeckung vors Bockenheimerthor kam, um durch die 
Stadt und über die Brücke zu pasBiren, die Preussen trotzdem, dass 
der commandirende kaiserliche Oflficier mehrere Abgeordnete nach 
einander zum Commandanten hereinschickte, denselben durchaus 
nicht wollten durchpassiren lassen, bis endlich der Officier selbst 
herein zum Commandanten sprengte und auf sofortige Durchlassung 
bestand, die denn nun auch gestattet wurde. 

Juni 15; Heute Abend bekam das hier liegende Bataillon säch- 
sische Grenadiere unvermuthet Befehl, noch in dieser Nacht aufzu- 
brechen, welches dann 

Juni 16. heute früh gegen 3 Uhr auch erfolgte, wo solche ins 
Darmstädtische ins Lager marschirten. Dagegen rückte heute Morgen 
7 Uhr dos preussische Grenadier-Bataillon von Reizenstein hier ein. 

Juni 21. Der General von Kalkreuth reiste gestern eiligst nach 
Berlin ab, und der Prinz von Hohenlohe übernahm sogleich dessen 
Commando und kam wieder hierher. 

Juli 15. Heute passirten 3 Escadrons Sachsen-Gotha-Dragoner 
hier durch an den Oberrhein zur Reichsarmee. Sie kamen erst als 
Contingent aus dem Lande. 

Juli 21. Heute passirten 3- bis 400 Mann des in kaiserlichem 
Sold stehenden Emigranten - Cavalleric - Corps von Bussy hier durch 
nach Mainz. 

Es finden dermalen fast täglich sowohl bei den Reizcnsteinern 
als Braunschweigern, besonders wegen des starken Desertirens, Exe- 
entionen statt. Da auch mit den anderen in hiesiger Gegend stehenden 
sowohl kaiserlichen als übrigen Truppen Kartei geschlossen worden, 
so werden fast täglich ganze Haufen herein geliefert, so dass alle 
Casematten und die Constablerwache ganz voll «itzen. Heute wurden 2 



- 174 - 



executirt, der Eine bekam 40 Stockprügel, der Andere musste Gassen 
laufen, weil sie sieh mit einem Dritten in Höchst gegen einen ihrer 
Officiere ungebührliche Ausdrücke erlaubten. Als sie arretirt werden 
sollten, entsprang der Dritte und wurde im Verfolgen todt geschossen- 

August 8. Heute Abend 7 Uhr passirten noch von der Clair- 
fait'schen Armee 2 Escadrons des Regiments Koburg - Dragoner, 450 
Mann, hier durch in die Gegend von Koblenz, wohin sie in Eilmärschen 
gehen, weil dort die Franzosen mit einem Uebergang drohen. 

August 14. Heute früh 4 Uhr marschirte das hier gelegene 
Regiment Herzog von Braunschweig ab und zurück in seine Garnison 
nach Halberstadt. Vor dem Abmarsch desertirten von diesem Regi- 
ment noch etliche und 70 Mann. In der Nacht von gestern auf 
heute gingen mehrere kaiserliche Cavallerie- Regimenter hier durch 
an den Miederrhein. 

August 15. Heute früh marschirte das erste Bataillon des Regi- 
ments von Thadden hier als Besatzung ein. 

August 22. Heute Mittag ging eine Compagnie Schwarzburg- 
Rudolstadter Reichs- Contingent hier durch an den Oberrhein. 

September 21. Heute Morgen marschirte das hier und in der 
Gegend gelegene Regiment Thadden in seine Garnison nach Halle 
ab, und rückte dafür das Füsilier-Bataillon von Bila hier ein. 

September 22. In der Nacht auf heute marschirten beständig 
kaiserliche Truppen auf ihrer Retirade unter preussischer Escorte 
hier durch; auch hielt gestern und heute der Bagage- und Artillerie- 
Durchzug fast beständig an. Der grösste Theil der kaiserlichen 
Armee aber geht seit gestern über die bei Höchst, Sindlingen und 
Rüsselsheim geschlagenen Brücken über den Main, und nimmt seinen 
Marsch wegen der Einnahme von Mannheim nicht durchs Darm- 
städtische, sondern durch den Odenwald nach Schwaben. 

September 23. Gestern war das Hauptquartier des Generals 
Clairfait in Schwanheim. Heute ging noch beständig die kaiserliche 
Armee über den Main bis Abends 5 Uhr, wo sie sodann die Brücken 
in Brand steckten. Schon schwärmten heute französische Vorposten 
und Patrouillen in der Entfernung von 1 bis 1 '/t Stundon um hiesige 
Stadt herum. Ein starker Theil der kaiserlichen Armee lagerte sich 
heute Morgen in den Isenburger Wald und hinter der sachsenhäuser 
Warte und stellten ihre Vorposten auf allen Strassen und Orten 
herum, wodurch sich das Gerücht verbreitete, sie blockirten unsere 
Stadt. Eigentlich aber dient dieses Corps, um die Flanke und den 
Rücken der zurückziehenden kaiserlichen Armee zu schützen, damit 
die Franzosen bei einem Uebergang über den Main an oder in unserer 



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- 175 — 



Stadt sie nicht so leicht überfallen konnten. Das kaiserliche Haupt- 
quartier war heute in Arheiligen. 

September 24. Heute war ein französischer Adjutant Char- 
pentier mit einigen Reitern beim Prinzen von Hohenlohe. Auch 
traf Morgens ein kaiserlicher Husaren - General und Mittags der 
General der Infanterie Nauendorf mit Gefolge hier bei demselben 
ein, doch verliessen diese sämmtlich vor Abends noch die Stadt. 
Ohngefähr 100 Mann Gökingische preussischc Husaren wurden heute 
einquartiert. Die französische Armee zieht sich aus der friedberger 
Gegend nach Mainz hinunter. Heute gegen Abend hörte man eine 
starke Kanonade aus der Gegend von Mainz. 

September 25. Die Kanonade dauerte die ganze Nacht und 
heute den ganzen Tag fast anhaltend und sehr heftig fort. Die 
Franzosen marschirten heute an der Nidda hin, fast alle in die Gegend 
von Flörsheim und gegen Mainz zu. Ein Theil der kaiserlichen jen- 
seits stehenden Armee senkt sich ebenfalls gegen Russelsheim zu. 
Dies erregt bange Besorgnisse, ob es etwa in hiesiger Gegend zu 
einer Schlacht kommen sollte. Das kaiserliche Observations - Corps 
jenseits unserer Stadt in def Stärke von 10000 bis 12000 Mann hat 
seit vorgestern anhaltend seine Stellung inne. Da sie von allen 
Nahrungsmitteln entblösst sind, so wurde ihnen heute von hier und 
Sachsenhausen von Metzgern, Bierbrauern und sonst Bürgern aller 
Stünde, auch von Rathswegen eine ausserordentliche Menge Lebens- 
bedürfnisse aller Art unentgeltlich hinausgeschafft, die sie mit dem 
gerührtesten Danke annahmen. Bei ihrem abgehungerten und ent- 
blössten Zustande vernimmt man doch auch die Nachricht von Ex- 
cessen, die sie, doch aber unter ihnen nur die Kroaten und Freicorps, 
verüben, wobei sie sich indessen meistens nur an Lebensmitteln 
vergreifen. Besonders wird Isenburg, wo das Centrura lagert, hart 
mitgenommen. Diesseits aber auf französischer Seite gehts noch ärger 
zu. Einzelne und ganze Schaarcn plündern und rauben Uberall, wo sie 
hinkommen. Einzelne Marodeurs von der Cavallerie beraubten heute 
die Leute auf den Landstrassen dicht vor der Stadt, nahmen ihuen 
Uhren, Geld, Schnallen und alles von Werth. Die Leute mussten 
die Schnallen selbst aus den Schuhen losmachen und sie ihnen geben, 
während ihnen der blosse Säbel über den Kopf gehalten wurde. 
In Bornheim nahm ein Chasseur auf der Strasse einem Mann die 
Uhr aus der Tasche, plünderte einen Bäckerladen, und schlug die 
Fenster ein, als man sich ihm widersetzen wollte. Auf anderen 
Dörfern um die Höhe herum plündern sie unerhört Die Saline zu 
Soden haben sie rein ausgeplündert. Dabei schreiben sie Contribu- 



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- 176 - 



tionen von Brod, Heu, Hafer, Fleisch u. s. w. aus mit dem Zusatz, 
dass sie es bezahlen wollten, aber noch schuldig bleiben müssten. 
Unsere Stadt mass bis morgen 15000 Laib Brod liefern. 

Hausen sollte auch Brod, Hafer, Heu, Fleisch u. s. w. liefern. 
Allein der Prinz von Hohenlohe Hess ihnen sagen, nicht eines Nagels gross 
zu liefern, und verstärkte die draussen befindliche preussische Wache mit 
demBefehl, den ersten Franzosen, der mit Gewalt sich ins Ort schleichen 
wollte, über den Haufen zu schiessen. Ein französischer Husar war 
im Begriff, bei Bockenheim einen jungen Officicr des Regiments Reizen- 
stein zusammenzuhauen, wenn ihn nicht preussische Füsiliere, die in 
Bockenheim liegen, errettet und den Franzosen verjagt hätten. 

In der Nacht auf heute brach General Clairfait mit dem grössten 
Theil der kaiserlichen Armee von Arheiligen auf; ein grosser Theil 
derselben marschirte gegen Heppenheim. 

Idstein, Wiesbaden, Kleinschwalbach, Liederbach, Sindlingen, 
Hofheim und alle Ortschaften zwischen Höchst und Mainz haben die 
Franzosen an Vieh, Frucht, Kleidern, Geld, Bettung u. s. w. rein 
ausgeplündert. 

September 26. Wegen des Marodirens auf den Strassen wurde 
von dem preussischen General von Hohenlohe bei dem französischen 
General Beschwerde geführt, und patrouilliren nun auf den Land- 
strassen Preussen. Dennoch wurde heute den Leuten in einiger Ent- 
fernung von der Stadt und nach der Höhe zu noch Geld, Uhren 
u. s. w. abgenommen. Gestern wurde auf dem Feld einem preussi- 
schen Officier die Summe von 10 L'dor und einem reitenden Kauf- 
mannsdiener das Pferd abgenommen. 

Die erfreuliche Nachricht von einem zwischen Mannheim und 
Heidelberg zum Vortheil der Kaiserlichen unter Commando des 
Generals Quosdanovich ausgefallenen Treffens traf heute hier ein. 
Beinahe 2000 Franzosen blieben todt, wovon mehrere 100 in den 
Neckar gesprengt wurden, dass derselbe ganz aufgethürmt von ihnen 
wurde. Mehrere 100, worunter 1 General, wurden gefangen genommen 
und IG Kanonen und Munitions- Karren erbeutet. Die Kaiserlichen haben 
hierauf Mannheim eng eingeschlossen. Heute war das Clairfait'schc 
Hauptquartier zu Oberroden bei Dieburg, 4 Stunden von hier. 

September 27. Heute war es stille, nur dass die Brodlieferung 
von unserer Stadt an die Franzosen fortdauerte. Heute sah man 
einen grossen Rauch von unten herauf aufsteigen, und man erfahrt, 
dass die Franzosen das zurückgelassene kaiserliche Stroh- und Heu- 
Magazin zu Sindlingen angesteckt haben, während sie den Bauern 
der umliegenden Gegend Heu, Hafer, Stroh, Korn, Gerste, Grummet, 



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- 177 



Linsen, Erbsen, Bohnen, Vieh, Kleidung, Bettung, Geld und Alles 
von Werth nahmen. 

September 28. Heute war ein Bauer aus Liederbach hier, der- 
seinen ihm gestern und vorgestern zugefügten Schaden auf 5- bis 
6000 fl. schätzet Das Vieh schlugen sie todt und schleppten es weg, 
die Frucht transportirten sie weg, verfutterten sie und machten Feuer 
davon, und das nicht allein ihm, sondern dem ganzen Ort und der 
Gegend machten sie es so. Ueberdies haben sie nun dem Orte noch 
eine unermcssliche und unauf bringbare Lieferung von Hafer, Heu 
u. s. w. unter Bedrohung das Ort in Brand zu stecken, angesagt. 
Die Soldaten sagen, es sei ihnen beim Uebergang über den Rhein 
versprochen worden, dass sie hausen dürften, wie sie wollten. Auf 
den Ortschaften respectiren sie die Preussen fast gar nicht und die Be- 
fehle ihrer Generale sehr wenig. 

September 29. Das kaiserliche bei Aschaffenburg gestandene 
Corps unter General von Wernek ist dort vor einigen Tagen über 
den Main gegangen und bereits bis Friedberg und Vilbel vorgerückt, 
und bedroht demnach die französische vor Mains stehende Armee im 
Ruckeu und in der Flanke, während die Hauptarmee ihr en fronte 
noch jenseits des Mains steht Diese hat die Operationen der Fran- 
zosen nun dadurch sehr verschlimmert, dass sie ausser der neulichen 
Schlacht bei Heidelberg dieselben neuerdings am 26. dieses Monats 
bei Mannheim geschlagen, dieselben darauf eng in Mannheim ein- 
geschlossen, und ihnen daher fast alle Hoffnung zu einer Diver- 
sion von dieser Seite vereitelt hat Auch Wurmser rückt mit 
einem Theil seiner Armee mit starken Schritten vom Oberrhein 
herab. Wie es demnach das Ansehen gewinnt, so könnte sich in 
unserer Gegend der Hauptschauplatz des Krieges concentriren, und 
wir würden demnach bald wichtige und ernsthafte Auftritte zu be~ 
fürchten haben, wenn anders die Franzosen Widerstand leisten wollten. 

September 30. Die kaiserlichen Patrouillen streifen schon eine 
halbe Stunde von Preungesheim. Heute hörte man wieder kanoniren. 

October 2. Heute hörte man die ganze Nacht und den ganzen 
Tag eine starke Kanonade von Mainz her. 

October 3. Von Mitternacht an ununterbrochen die ganze Nacht 
und heute den ganzen Tag hörte man wieder eine ganz erschreckliche 
fürchterliche Kanonade von Mainz her. Die Franzosen wollten bei 
Biberich schanzen , wurden aber von den Kaiserlichen von der Peters- 
und Ingelheimer Aue vertrieben. Auch machten sie einen Angriff 
auf die Zahlbacher Schanze, wo sie aber ebenfalls mit grossem Ver- 
lust vertrieben wurden. 

VI. 12 



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— 178 - 

Oetober 7. Vor einigen Tagen war ein französischer General 
bei dem Prinzen von Hohenlohe mit dem Ersuchen, die Deinarcations- 
Linie sprengen zu dürfen, indem sie sonst nicht subsistiren könnten, 
Hohenlohe gab ihm zur Antwort, er habe den gemessensten Befehl, 
solches nicht zuzugeben, und um zu subsistiren, hätten sie sich Ma- 
gazine mitbringen sollen. Der französische General erwiderte, wenn 
sie es nicht in Gutem zugestehen wollten, würden sie es mit Gewalt 
thun, worauf der Prinz versetzte, der Gewalt könne er nicht wider- 
stehen , jedoch möchten die Franzosen es sich dann zuzuschreiben 
haben, was daraus Nachtheiliges entstehen könnte. Der französische 
General gab sodann die spitzige Antwort, wie der Prinz mit seiner 
kleinen Macht ihn in seinem Vorhaben verhindern wolle! Der Prinz gab 
darauf eine mannhafte, deutsche Antwort: „Mein Herr", sagte er, „meine 
Pferde sind gesattelt ; bei der ersten Verletzung der Linie, schwöre ich 
Ihnen, stehen in 2 mal 24 Stunden 200,000 Mann deutsche National- 
truppen gegen Sie auf." Darauf nahm derselbe seinen Abschied. 

Oetober 8. Heute Nacht starke Kanonade. 

Oetober 10. Heute wurde vom prenssischen Stadt -Com mundo 
ein französischer Befehl bekannt gemacht, vermöge dessen kein Mensch 
mehr durch die französische Armee reisen darf, und den Hinunter- 
reisenden der Weg Uber Königstein, Idstein und sodann auf Wies- 
baden vorgeschrieben wird. 

Oetober 11. Schon seit gestern gegen Abend hatten die Kaiser- 
lichen die Passage nach Sachsenhausen gesperrt, und Hessen keinen 
Menschen, wer es auch war, hinaus und herein. 

In der Nacht auf heute fing die grosse kaiserliche Armee an, 
auf mehreren Brücken oberhalb und unterhalb Hanau Uber den Main 
zu gehen. Hanau wurde geschlossen und sie marechirten daran vor- 
bei. Während dessen kanonirte das Corps des Generals Nauendorf 
herüber auf die am linken Mainufer stehenden Franzosen, und richtete 
daher deren Aufmerksamkeit auf sich. Die Kanonade war den gan- 
zen Morgen fürchterlich. Mittags wurde hier die Thorwache verstärkt, 
die Hauptwache von Preusaen besetzt, und die Kaiserlichen liessen 
sich in unserer Nähe sehen. Nachmittags rückten starke Corps der- 
selben bis in Unsere Gegend vor und marschirten gegen die Nidda, 
andere Corps poatirten sich rechts und links von der Friedberger 
Warte, andere rückten auf die Position bei Bergen, an welchem Orte 
das Hauptquartier von Clairfait genommen wurde. Eino starke 
Husaren-Patrouille kam von Eschersheim herunter, sprengte am 
Eschenheimer und Bockenheimer Thor vorbei nach der Gallenwarte. 
Auf der Chaussee fand sie einen französischen Marketender, und 



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führte ihn mit seinem Karren ins Hauptquartier mit 2 Mann, die 
anderen nahmen an der Windmühle einige Schiffe mit Korn und 
Fourage, die für die Franzosen bestimmt waren, in Beschlag. Sie 
zogen sich darauf bis über die Gallenw&rte nach Höchst zu. Der 
grösste Theil der kaiserlichen Armee zog sich durchs Freigericht 
nach Friedberg zu. Die gegen die Nidda vorgerückten Corps be- 
setzten sofort Rödelheim, Hansen, Bockenheim, Nied, in ersteren 
beiden Orten auch die daselbst befindlichen Brücken. In Nied aber 
hatten die Franzosen die Brücke abgebrochen. 

Oetober 12. Die kaiserliche Armee marscbirte heute Nacht 
und den ganzen Tag immer über den Main, und schlug heute Nacht 
noch 2 Brücken bei liumpenheim und Bürgel. Sie hat sehr viele 
Cavallerie und marschirt meistens gegen Bergen, dann aber grössten- 
theils nach Friedberg zu, um von da hinter dem Gebirge herum zu 
marschiren. Heute gleich früh Morgens begann eine lebhafte Action 
vorzüglich bei Höchst Die Kaiserlichen beschossen die Franzosen von 
Nied aus und von jenseits des Mains von Kelsterbach aus, und fügten ihnen 
während des heutigen Tages an diesem einzigen Orto einen Verlust 
von beinahe 1000 Mann zu. Die Franzosen wehrten sich wie 
Rasende, und die Kanonade und das Pelotonfeuer währten an diesem 
Orte den ganzen Tag mit einer solchen Heftigkeit fort, dass die 
Erde erbebte. Die Kaiserlichen standen hier diesseits und die Fran- 
zosen jenseits der Nied. Erstere konnten, ohnerachtet sie mebrmalen 
ansetzten, die Nied nicht passiren, und erlitten auch einen Verlust 
von etlichen Hundert Mann an Todten und Verwundeten. Diese 
wurden nach Bornheim und der Günthersburg, und die Officiere in 
die Gärten vor dem Bockenheimer Thor gebracht. Während dessen 
wurde längs der Nied auch geplänkelt, sowie auf dem F'elde bei 
Eschborn. Die französische Armee in dieser Gegend stand zwischen 
Eschborn und Höchst in Schlachtordnung. Eine Colonne kaiserlicher 
Truppen, meistens aus Cavallerie bestehend, rückte diesen Abend 
noch von Bornheim aus gegen die Nied vor und stellte sich bei 
Ginheim. So ging dieser Tag unter tausend ängstlichen Sorgen vor- 
bei, welche sich dadurch noch vermehrten, dass am Abend die Kaiser- 
lichen fast noch nichts gewonnen hatten, indem man glaubte, es 
solle in mehr berührten Gegenden eine entscheidende Schlacht vor- 
fallen, da man von dem Marsch des grössten Theils der kaiserlichen 
Truppen hinter das Gebirg noch nichts wusste. Schon gegen Abend 
um 5 Uhr steckten die Franzosen längs dem Gebirge von Hofheim 
und Liederbach an bis in die Gegend von Kronberg, Königstein und 
Falkenstein sehr viele Wachtfeuer an. 

12* 



- 180 — 

October 13. Auf heute ftlrchtcte man einen schrecklichen 
Schlachttag. Man war daher sehr erstaunt, den ganzen Morgen keiue 
Kanonade zu hören. Doch man blieb nicht lange in Ungewissheit, 
und hörte bald die vergnügende Nachricht, dass gestern Abend die 
Franzosen ihren Rückzug begonnen hätten und zwar mit einer Bol- 
chen Eilfertigkeit, dass sie in Höchst ihre Kanonen stehen Hessen, 
und nicht einmal die Flinten und Kleidungen ihrer daselbst haufen- 
weise todt liegenden Kameraden mitnahmen, ja selbst Uhren und 
Geld, die dieselben bei sich hatten, nahmen sie nicht mit, so dass die 
Kaiserlichen an ihnen noch schöne Beute machten. Die Kaiserlichen 
demnach, als sie solche angreifen wollten, fanden sie nicht mehr. 
Sie rochen den Braten, dass sie umgangen würden, und wirklich 
versichert man heute Abend, dass der grösste Theil der französischen 
Armee bei Wiesbaden eingeschlossen und die Kaiserlichen im Besitze 
dieser Stadt wären. 

Es hat demnach geheissen, bis hierher und nicht weiter, hier an 
Frankfurt sollen sich legen deine stolzen Wellen. Die französische 
Armee, Siegerin vom Meer bis Frankfurt und von Strassburg bis 
hier, wurde hier wieder zum ersten Male geschlagen, und dadurch 
Mainz entsetzt, Frankfurt und unsere ganze Gegend gerettet, welcher 
sonst das grösste Unglück bevorstand. Noch letzten Samstag wurde 
unserer Stadt von don Franzosen eine Lieferung von 1000 Ochsen 
und 5000 Ctr. Getreide angesetzt, und Jourdan soll Befehl gehabt 
haben, noch 4 Millionen baares Geld von hiesiger Stadt und Gegend 
zu erpressen. 

Oetober 14. Noch laufen die herrlichsten Nachrichten von der 
ausserordentlichen Flucht der Franzosen ein. Noch weiss man jedoch 
nicht bestimmt, ob ein Theil von ihnen wirklich eingeschlossen und 
wie gross derselbe sei. Die anderen, die sich retten konnten , sind 
schon alle über dem Rhein. Man hofft, die kaiserliche Armee werde 
un ihren Sieg benutzen und schnell vorrücken. Aus unserer Gegend 
und der Gegend von Bergen sind sie schon gestern aufgebrochen, 
und ziehen sich alle durch die Gegend von Homburg über die Höhe 
nach dem Westerwald. Ihr Zug dauerte ununterbrochen durch jene 
Gegend von gestern Abend 5 Uhr an bis heute gegen Mittag mit 
einer ausserordentlichen Menge Artillerie. In der Nacht auf gestern 
verliessen die Franzosen die Festung Königstein, und das in dortiger 
Gegend stehende Corps von etwa 5000 Mann nahm gestern Mittag 
«eine Retirade über das Gebirg nach Limburg zu, wo sio aber 
hoffentlich den Kaiserlichen in die Hände laufen werden. Die Stadt 
Königstein aber musste noch vorher von ihnen eine 12 stündige 



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erschreckliche jammervolle Plünderung auastehen. Aus aüderen Orten 
laufen eben dergleichen traurige Nachrichten ein , und sie zeigen 
dadurch deutlich, dass sie jene Cannibalcn, Hunnen und Vandalen 
sind, die man in ihnen fürchtete. Ja, das Andenken ihrer Grausam- 
keiten und des Einfalls ihrer Horden in unsere vorher glücklichen 
Gegenden muss auf Kindeskinder forterben. 

In Höchst befanden sich preussische Jäger zur Beschützung der 
Dcmarcations-Linie. Als nun die Franzosen dasselbe besetzten, und 
diese sich widersetzen wollten, nahmen die Franzosen sie gefangen. 
Ebenso sollen sie noch an anderen Orten die daselbst befindlichen 
Preussen gefangen genommen, ja in Höchst sogar auf sie geschossen 
haben. Sie sollen überhaupt auf die Preussen erschrecklich erbost 
sein, und denselben ganz ihr sie nun betreffendes Unglück zuschrei- 
ben. Theils haben sie recht; aber weder dem preussischen Frieden 
noch dor Demarcationslinie haben sie solches zu verdanken, sondern 
vielmehr den persönlichen Gesinnungen des rechtschaffenen Prinzen 
von Hohenlohe, der ihnen mit seinor kleinen Macht den Zügel hielt, 
und sich weder von ihnen ängstigen noch hinreissen liess, wie viel- 
leicht mancher andere General an seiner Stelle gethan haben würde. 
Es ist demnach aber nur er allein für seine Person als unser lletter 
und Beschützer anzusehen, und jeder biedere Frankfurter kann nie 
den Dank und die Hochachtung vergessen, dio er ihm schuldig ist, 
ihm, der nur allein die Ursache ist, dass die Franzosen ohnerachtet 
ihres hartnäckigen Begehrens und ohnerachtet es ihnen im Anhange 
zum preussischen Frieden zugestanden war, den Durchzug durch 
unsere Stadt nicht erhielten, wo es ohne Plünderung oder gar viel- 
leicht Besetzung unserer Stadt nicht abgegangen sein würde, und wir 
nun vielleicht ein schreckliches Loos bei dem Vorrücken der Kaiser- 
lichen hätten haben können. 

Schrecklich, erbärmlich, ja für Frankfurt vielleicht auf viele 
Jahre lang ruinirend war das Loos, daa unserer armen Stadt noch 
bevorstand, und welches wir erat jetzt, aber nur um desto bestimmter, 
erfahren. 

Es war beschlossen, dasa am letztverflossenen Montag oder 
Dienstag der grössto Theil der französischen Armee nächtlicher Weile 
hierherdringen, die preussische Besatzung überwältigen und sodann 
Frankfurt mehrere Tago über, so lange sie noch etwas finden könn- 
ten, rein ausplündern sollten. Mit diesem Versprechen hielten Bio 
ihre murrende Armee zurück, und versprachen ihr sodann den lluck- 
zug Uber den Rhein. Nun sehen sie sich zu Letztcrem gonöthigt, 
ohne Erstcrcs ausgeführt zu haben. 



182 — 



Gestern licss auf Befehl des Prinzen von Hohenlohe der preußi- 
sche Commandant von Haus zu Haus ansagen, wer alte Leinwand und 
Charpie hätte, möchte solches zum Gebrauch des kaiserlichen Laza- 
reths zu ihm schicken. Sogleich wurde so viel zusammengebracht, 
dass heute schon eine solche Menge beisammen war, dass man die 
Leute, die noch brachten, bat, solches noch etwas zu behalten, indem 
man nicht Platz genug dazu hätte. 

Heute gingen 130 Franzosen, die bei Hochheim gefangen genom- 
men waren, unter kaiserlicher Escorte hier vorbei. 

October 17. Auf ihrem Rückzug plünderten die Franzosen 
noch aller Orten, wo sie hinkamen, wohingegen man den Kaiser- 
lichen nicht das Mindeste, selbst aus den Gegenden jenseits des Mains, 
vorwerfen konnte, als dass sie hie und da Lebensmittel nahmen, 
welches bei einem Kriege ganz unvermeidlich ist. Die französische 
Armee ist noch nicht über'm Rhein, wie man gesagt, aber in bestän- 
diger Retirade. Man glaubt, sie würden bei Neuwied über den Rhein 
gehen. Die Kaiserlichen haben ihnen schon über 1000 Gefangene, 
über 80 Kanonen, erstaunlich viel Bagage, Munitions- Wagen und 
grosse Trupps Hornvieh abgenommen. Heute gingen einige Wagen 
kaiserliche und französische Verwundete hier durch. 

October 18. In Nied ist fast kein Haus ohnbeschädigt , alle 
Häuser und Dächer sind durchlöchert, allein abgebrannt ist nur das 
Wirthshaus, eines der grössten Häuser im Ort, eine grosse Scheune 
nebst sonst etwas wenigem. Die Mühle zwischen Nied und Höchst 
ist etwas beschädigt. In Höchst aber hat es weder gebrannt, noch 
ist etwas beschädigt ausser im Mittelgcbäude des Bolongaro'schen 
Hauses. Kanonen waren auf der Anhöhe vor diesem Hause nach 
Nied zu aufgestellt, und in dem Hause selbst waren Scharfschützen. 
Diese Anhöhe aber wurde von den jenseits des Mains im Kelsterbacher 
Walde gestandeneu kaiserlichen Kanonen bestrichen, und litten daher 
die Franzosen den stärksten Verlust ; das kleine Gewehrfeuer aber 
ging längs der Nied. Auf der Chaussee zwischen Nied und Höchst 
haben die daselbst stehenden Bäume jeder mehrore Flintenschüsse, 
und an den längs der Nied stehenden Weidenbäumen sind fast alle 
Aeste abgeschossen. Hinter Höchst bei Sossenheim fängt das fran- 
zösische Lager an und erstreckt sich bis nach Wiesbaden. Es besteht 
aus lauter Erdhütten, einige grösser, einige kleiner und sind fol- 
gendermassen beschaffen. Erstlich haben sie 2—3 Schuh tief in die 
Erde gegraben, sodann sind auf beiden Seiten entweder Stämme, 
dicke Aeste oder Pfähle gegen einander gestellt, hinten an der Rück- 
seite wieder einer aufrecht, und vorn an beiden Seiten zwei. Durch 



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diese sind Zweige und Laubwerk ganz dicht und schön geflochten. 
Oben liegt ein Stamm oder dicker Ast vom Hinterthoil der Hütto bis 
vorn am Eingange, wo derselbe durch einen gabelförmigen Ast unter- 
stützt ist lieber diese geflochtene Hütte ist Stroh, meistens aber 
ungedroscheno Frucht, gelegt, und über dieses sodaun die Schichte 
Erde, welche sie ausgegraben hatten, dergestalt, dass jede solche 
Hütte 1 bis 2 Schuh dick und ein wahres schönes Werk ist. Nicht 
die ganze Vorderseite der Hütte ist jedoch zum Eingang gemacht, 
sondern derselbe ist nur knapp mannsbreit. Das Uebrige ist so fest 
zugemacht, wie die ganze übrige Hütte. Inwendig waren von Erde 
theils lange Bänke, theils abgetheilte Sitze, und in den meisten am 
Hintertheile quer eine Art von Trog von Erde, worin sie Kartoffeln 
und Rüben eingeschüttet hatten. Die Hütte war inwendig dick mit 
Stroh belegt, am Eingang innerhalb war entweder rechts oder links 
eine Vertiefung bis ausser der Hütte ausgegraben und über derselben 
ein Schornstein entweder von Erde oder von Steinen und Ziegeln 
angebracht, und dieses diente dann zum Koch- und Feuerplatz, ohne 
dass der Hauch inwendig in der Hütto Beschwerde verursachte. Sie 
hatten übrigens ganz das Ansehen und die Bauart eines Zeltes. Dio 
meisten waren schon grün bewachsen von der darauf geworfenen 
unansgedroschenen Frucht Zu diesen Hütten brauchten sie demnach 
alle die Obstbäume, die sie in der ganzen Gegend abhieben, wodurch 
sie dieser Gegend bis nach Mainz und Wiesbaden hin einen uner- 
8 etzlichen Schaden zufügten. 

Vor diesem Lager zwischen Sossenheim und Liederbach -hatten 
die Franzosen 2 Schanzen aufzuwerfen angefangen, konnten sie aber 
nicht vollenden. Von dieser Gegond, die etwas erhöht ist, konnte 
man die kaiserlichen Schanzen bei Kelsterbach, die von einer unglaub* 
liehen Höhe sind, sehen. 

Man hörte heute stark kanouiren, mehrentheils von Mannheim 
her, das von den Kaiserlichen bombardirt wird, theilweise auch von 
hinter Mainz her. 

October 20. Abgewichenen Samstag erhielt der Magistrat von 
General Clairfait ein Danksagungsschreiben mit der Bitte, es der 
Bürgerschaft bekannt zu machen, ftlr das, was man den Kaiserlichen, 
besonders den Verwundeten zu Gute gethan. 

Das Decret dos National-Convcnts wegen Frankfurt bestaud 
darin : Den 14. dieses sollte alle und jede Neutralität, sowie die De- 
marcationslinie aufhören, und von da an nur das Hecht des Stärkeren 
gelten. Da nun Frankfurt sein (Kontingent nicht zurückgezogen, 
wäre es zu besetzen, feindlich zu behandeln und mit G ( Millionen 



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Gulden zu brandschatzen, uud wenn dieselben nicht binnen einer 
kurzen Frist herbeigeschafft wurden, sollte solches geplündert und 
endlich mit Feuer angesteckt werden. 

Oetober 25. Heute ging ein starker Artillerie- und Munitions 
Transport von Rödelheim her hier vorbei nach Mainz zu. In Mainz 
zündete man heute Freudenfeuer an wegen Entsatz der Festung; 
ein Theil der Clairfait'schen Armee kommt nun wieder zurück und 
geht nach dem Oberrhein; derselbe campirt heute in den Dorfschaften 
hiesiger Gegend. 

Oetober 26. Heute gingen französische Kriegsgefangene hier 
durch. 

Oetober 29. Schon um 4 Uhr Morgens hörte man eine der 
fürchterlichsten Kanonaden, die man in hiesiger Gegend noch je 
hörte. Sie dauerte bis Mittags, war aber von 6 bis 8 Uhr am 
stärksten, so dass der Erdboden zitterte. Man erfährt nun den für 
die deutschen Waffen glücklichen Erfolg dieses Tages. Die Kaiser- 
lichen gingen oberhalb und unterhalb Mainz mit starken Colonnen 
Uber den Rhein, während die sehr verstärkte Besatzung aus Mainz 
einen Ausfall that , alle Verschanzungen vor Mainz einnahm , das 
Geschütz eroberte und die Franzosen total schlug und so die Be- 
lagerung jenseits aufhob. Heute Abend wurden 2 Generale, 
60 Officiere und 2000 Mann als Gefangene nebst einer grossen An- 
zahl Kanonen nach Mainz eingebracht. Man hofft nicht ohne Grund, 
die Kaiserlichen werden ihre Siege noch weiter verfolgen. 

Oetober 31. Heute wurden alle Handfröhner aus den Ortschaf- 
ten zwischen Mainz und hier und weiter aufwärts und hinterwärts 
noch beordert, nach Mainz zu gehen und dort die französischen Ver- 
schanzungen zu demontiren. 

November 2. Heute ging ein Zug von 12- und 24 pfundigen 
Kanonen von Mainz hier durch gegen Mannheim. 

November 5. Heute kam die Nachricht von einem neuen Siege, 
den Nauendorff über Pichegru boi Worms und Frankenthal davon- 
getragen. 

November 8. Heute marschirte das Regiment Reizenstein nebst 
den Füsilier- Bataillonen von Bila und von Wedel von hier ab ins 
Ansbachischo. Dagegen rückten gestern schon einige Compagnien Ans- 
bachische Jäger und heute das Füsilier- Bataillon von Bork hier ein. 

November 11. Heute marschirte^noch'dcr Rest dor hier gewese- 
nen preussischen Truppen, nemlich das Füsilier-Bataillon von Bork, 
die Ansbachischen Jäger und das halbe Regiment Göking-Hasaren 
zurück nach dem Ansbachischen. Auch der Erbprinz von Hohenlohe 



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- 185 — 



Iugelfingen ging mit zurück, und ward von einem grossen Theile 
unserer Kaufleute zu Tlerd begleitet. Das Andenken au diesen 
verehrungswürdigen Fürsten, den, aber nur ihn für seine Person allein, 
uns Gott zum Beschützer gab, wird nie bei uns verlöschen, und 
beständiger »Segen müsse dafür alle seine Schritte und Tritte beglei- 
ten. Er weigerte sich ausdrücklich , eiu Geschenk von der Stadt 
anzunehmen. Da man ihn also auf diese Art nicht belohnen konnte, 
wurde ihm gestern von den zwei Bürgermeistern Namens der Stadt 
das Bürgerrecht in einer grossen goldnen Gbatouille überreicht, 
welches er mit vielem Vergnügen aufnahm. Die Kapsel, worin sich 
das Stadtsiegel befindet, i*t ebenfalls von Gold und in Form einer 
Tabaksdose gearbeitet. Er ist demnach unser Mitbürger. Seine 
zwei Adjutanten, woruuter der Prinz von Braunschweig ist, erhielten, 
dieser eine kostbare goldne mit Brillanten besetzte Uhr, und der 
Andere eine goldne Dose mit 50 Dukaten. Der Commandant, Major 
von Lucadou, erhielt 100 Carolinen. 

Heute rückten etliche Hundert Mann Kaiserliche vom Regiment 
Jordis hier ein und wurden einquartiert. 

November 23. Heute erhielten wir die erfreuliche Nachricht 
von der Uebergabe der Stadt Mannheim. 

1711«. 

Januar 4. Als Folge des geschlossenen Waffenstillstandes geben 
schon seit einigen Tagen beständig kaiserliche Artillerie und Bagage 
hier durch in die Gegend von Seligenstadt in die Winterquartiere ; 
ebenfalls geht durch unsere Gegend viele kaiserliche Cavallcrie nach 
der Wetterau. Auch marschirten vor einigen Tagen die bei der eng- 
lischen Armee gewesenen DarmBtädter Truppen hier durch zur Re- 
crutirnng nach Dannstadt. 

Januar 5. Heute kam General Clairfait hier an und stieg im 
Römischen Kaiser ab; dort war ihm zu Ehren Aie Grenadier-Com- 
pagnie aufmarschirt, welche ihn mit fliegenden Fahnen und klingen- 
dem Spiel empfing. Abends war er in der Comödie, wo er mit 
ausserordentlichem Beifall empfangen und mit einem eigens verfertig- 
ten l'iolog angeredet wurde. Von unserer Stadt hat er gleichmässig 
wie Braut Hohenloho das Frankfurter Bürgerrecht erhalten. 

Januar (>. Heute Abend spat marschirtc die hier gelegene Divi- 
sion vom Regiment Jordis, aus zwei Compaguien bestellend, aus gegen 
Kreuznach. Beständig dauern die Artillerie/.ugo durch unsere Stadt. 

Januar 7. Heute marschirten 3 kaiserliche < i rcnadicr-Bataillone, 
'1 böhmische und 1 wallonisches, hier als Besatzung ein; ein viertes 



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ging durch nach Offenbach. Feldmarschall-Lieutenant Baron v. Wenk- 
heim ist Gouverneur hier. 

Januar 27. Der kaiserliche Major Williams, Commandant der 
Tschaiken-Flotille auf dem Rhein, ist nebst 6 dieser Schaluppen hier 
angekommen, welche den Winter über hier liegen bleiben. 

Februar 27. Seit Mittwoch den 24. d. M. hatten die Zimmer- 
gesellen, wozu sich bald die Maurer, Schlosser und Schreiner, auch 
nachher die Weissbinder schlugen, aufgehört zu arbeiten, und begehr- 
ten mit starken Worten und heftigem Ungestüm Lohnserhöhung- 
Sie betrugen sich dabei so unartig, dass die Zimraergesellen diejenigen 
ihrer Kameraden, die fortarbeiten wollten, mit Schlägen misshandelten. 
Die Rädelsführer hiervon wurden Donnerstag Abend zur Stadt hinaus 
geführt und es wurde ihnen gesagt, man werde die Kundschaften*) 
nachschicken, worüber die anderen sehr erbost wurden und mit Drohun- 
gen kamen. Man Hess nun einige davon wieder hereinkommen und gab 
ihnen die Kundschaften. Von den anderen bekamen Kundschaften, wer 
fort wollte, und es endigte sich damit, dass gestern und heute Uber 180 
Zimmer- und Maurergesellen weggingen, worauf es jetzt wieder ruhig 
ist. Sie wollten anfangs mit der Bedingung auswandern, dass der 
ganze Trupp auf einmal weggehon sollte. Weil aber hiervon unruhige 
Auftritte zu besorgen waren, so gab man ihnen nicht eher Kund- 
schaften, als bis sie von diesem Vorsatz abgelassen hatten. Indessen 
war die Sache so ernstlich, dass in der Nacht vom Donnerstag auf 
den Freitag starke Bürger- und Soldaten-Patrouillen die Strassen 
durchstreifen mussten, auch alle Thorwachen verstärkt uud 80 Mann 
kaiserliche Reserve commandirt wurden. Freitag Morgens wurden 
auch dio kaiserlichen Wachen verstärkt, 100 Mann derselben zur 
Besetzung des Römors commandirt und ins steinerne Haus verlegt, 
und ausser diesen noch 300 Mann Reserve commandirt, welche aber 
Nachmittags gegen 3 Uhr wieder entlassen wurden, da bis dahin 
alles beigelegt war. 

April 7. Am 5. d. M. ging hier das Regiment Zetschwitz- 
Kürassiere vom Oberrhein hier durch zur Armee an der Sieg. 

Heute wurde ein Jude im Wald nahe am Sandhof todt gehauen. 
Als er gefunden wurdo , lebte er noch etwas, und konnte so viel 
sagen, dass die Thäter Soldaten gewesen wären, welche ihn auch 
seiner bei sich gehabten fl. 500 an Geld beraubt hätten. Vor 10 bis 
14 Tagen wurdo auch ein Mann im Frankfurter Wald, wie man 
sagt von Rothmäntlern, todt geschlagen. 



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Heute ging das Infanterie-Regiment Sztaray hier durch von der 
oberrheinischen Armee nach dem Niederrhein. 

April 8. Heute wurde wieder ein Mann im sachsenhäuscr Wald 
todt geschlagen. 

April 10. Heute Abend 7 Uhr kam der Erzherzog Karl, General- 
Commandant der kaiserlichen und Reiehsarmee, hier an, und stieg im 
rothen Haus ab. 

April 11. Heute nahm der Erzherzog die Wacht-Parado in 
Augenschein, und setzte nach der MittagBmahlzeit die Reise nacii 
Mainz weiter fort. 

Vorgestern ging das Infanterie-Regiment Giulay hier durch an 
den Niederrhein. 

April 19. Heute wurde der vor etlichen Tagen verstorbene 
kaiserliche General-Feldmarschall-Lieutenant von Welsch in dem Dom 
neben den vor etlichen Jahren auch hier verstorbenen kaiserlichen 
General Brentano begraben. 

April 29. Seit der Charwoche Bind in der frankfurter und an- 
gränzenden Waldung schon 11 Menschen umgebracht und beraubt 
worden. Niemand getraut sich mehr allein diesen Weg zu machen, 
sondern alles sucht und geht in Gesellschaft, besonders die Strasse 
nach Biber und nach dem Odenwald zu. 

Mal 3. Heute hatten die Bierbrauer bei Gelegenheit ihrer Her- - 
bergsveränderung einen sehr schwülstigen Aufzug, der von Morgens 
8 Uhr bis Nachmittags 4 Uhr herumzog. Sie hatten dabei einen 
König, den König Gambrinus, den Erfinder der Bierbrauerkunst vor- 
stellend, zu Pferd, von 2 Pagen zu Pferd und ohngefahr 10 bis 12 
Cavallcristcn umgeben, alle in dunkelblauen eigens dazu gemachten 
Röcken, und zwar die, welche die Officiere vorstellten, mit goldnen 
Epauletten. Auch war dabei ein Bacchus auf einem Fass sitzend, 
welches auf einem Wagen gezogen wurde, und hinter demselben auf 
dem nemlichen Wagen zwei als Indianer gekleidete Männer. Alles 
war mit gelb und schwarzen (kaiserlichen) Bändern und Cocardem 
•su wie die Anführer und die dabei gewesenen Kinder mit dergleichen 
Schärpen von breitem Band geziert, und der Wagen war gelb und 
schwarz angestrichen. 

Mai 11. Heute marschirte das kaiserliche Grenadier-Bataillon 
Paulus, vormals Rousseau, von Würzburg kommend, wo es, da es 
erst auB der Gefangenschaft zurückgekommen war, hergestellt wurde, 
hier ein, und wurde in Sachsenliausen einquartiert Dagegen mar- 
^chirte von da die bisher daselbst gelegene Division des Grenadier- 
Bataillons von Frankenberg nach Odenbach. 



— 188 — 



Mai 14. Honte brach unsere bisherige Garnison, nemlich die 
Grenadier -Bataillone von Rösa, Ulm und von Zograd (vormals la 
Marseille) auf und marschirteu über Sachsenhausen zur Armee. Ihre 
erste Bestimmung ist nach Dürkheim. Sie ziehen unter Anführung 
ihres Brigadiers General-Major von Kollowrat und des General-Feld- 
marschall-Lieutenants von Wcrnek, commandirenden Generals aller 
in hiesiger Gegend befindlichen kaiserlichen Truppen, die ebenfalls 
heute aufgebrochen sind und die nemliche Richtung nehmen. An 
der Stelle der Abgezogenen wurde das Bataillon Paulus von Sachsen- 
hausen herüber verlegt. Gestern erlicss der Feldmarschall-Lieutc 
nant von Wernek, der zugleich Gouverneur unserer Stadt gewesen 
war, in den schmeichelhaftesten Ausdrücken ein Abschiedsscbreibcn 
an den Magistrat, so wie auch das gesammte Olficier-Corpa in einer 
Adresse an die Stadt seine verbindlichen und herzlichen Empfindungen 
ausdrückte. Ueberhaupt muss mau diesem Corps, besonders den beiden 
deutsch-böhmischen Bataillonen Ulm und Rösa, das verdiente Lob 
beilegen, dass man nicht das Mindeste von Exccssen oder sonstigen 
Unordnungen derselben hörte, und sich dieselben überhaupt so gut 
und ordentlich, als man es nur wünschen konutc, aufgeführt haben. 
Keiner nahm auch ohne Rührung von seinen Wirthsleuten Abschied. 

Mai 16. Gestern passirte das Regiment Kaiser- Carabinier hier 
durch, um über den Rhein zu gehen, und heute ging an der Stadt 
vorbei nach Mainz 1 Bataillon des Regiments Stuart-Infanterie, so 
wie ein ungeheurer Zug Munition, Kugeln und Artillerie-Requisiten 
durch die Stadt nach Mainz passirte. 

Heute kam der Major Williams, Commandeur der kaiserlichen 
Tschaiken-Flotille auf dem Rhein, mit 9 derselben von Offenbach 
herunter. 

Mai 18. Heute zu Mittag fuhren dor Major Williams mit seiueu 
9 Tschaiken ab nach Mainz zu, nachdem sie vorher die Stadt mit 
einer dreimaligen Salvo begrüsst hatten. 

Mai 20. Der kaiserliche Obrist Baron von Mylius ist zum Com- 
mandanten hiesiger Stadt ernannt worden. 

•I im i 5. Heute erfuhr man den die kaiserliche Armee an der 
Sieg betroffenen Unfall, und sah schon mehrere Flüchtlinge uud 
Wagen mit geflüchteten Sachen hier eintreffen. 

Juni 6. Heute war ein schrecklicher Tag! Den gauzeu Tag 
strömte die Strasse von Limburg her und auch von Wiesbaden her unaus- 
gesetzt mit Flüchtlingen und Wagen mit geflüchteten Sachen, die theils 
ihre Rettung in hiesiger Stadt, theils weiter hinauf in Hanau uud dortiger 
Gegend suchten. Erbärmlich war es anzusehen, nicht allein reiche Leute 



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189 - 



und Bürger flüchteu zu sehen, nein, auch Bauern von allen Glossen, 
arme und reiche mit Weib und Kindern, mit ihrem Vieh und Wagen 
und Karren strömten haufenweise und unausgesetzt herbei. Nach 
deren Versicherung giebts in der Gegend der Lahn und jenseits der- 
selben ganze Dörfer, wo keine Seele mehr darinnen ist, andere, wo 
nichts als die alten Leute zurückgeblieben sind. Gestern uud heute 
hörte man stark kanoniren. 

Juni 7. . Der heutige Tng war dem gestrigen an Schrecklichkeit 
gleich. Die Ueberreste der Regimenter ü'Donnell Freicorps, Jordi;». 
Infanterie und Barro Husaren, welche drei Regimenter beinahe gäuz- 
lich durch ihre hartnäckige Tapferkeit und die Treulosigkeit dos 
commandirenden Generals Prinzen von Württemberg (Schandfleck 
seines Hauses!) an der Sieg aufgerieben wurden, trafen heute hier 
ein und wurden hier herum verlegt. Das Flüchten dauerte gleich 
erbärmlich wie gestern fort. Ganze Dorfuchaften sah man kara- 
wanenweise herziehen, darunter auch schon Leute aus den näher hierher 
gelegenen Gegenden. Von Kronberg, Sulzbach, Soden u. s. w. 
kamen eine Menge Flüchtlinge, die ebenfalls von dem Schrecken er- 
griffen wurden, nachdem die kaiserliche Armee nach der bei Altcnkirchen 
verlornen Schlacht immerfort zurückweicht. Nun kamen die Flücht- 
linge auch aus der Gegend von Wetzlar, Butzbach u. s. w. her, da 
ein Theil der französischen Armee sich nach dortiger Gegend hinzog. 
Der dadurch in hiesiger Stadt verbreitete Schrecken war auch über- 
gross, und man dachte ebenfalls auf Rettung seiner Güter. Indessen 
beruhigte uns ziemlich ein Schreiben des Erzherzogs Karl an den 
Commandanten übrist von Mylius, welcher es dem Magistrat bekannt 
zu machen befehligt war, dass er bereits hinlängliche Verstärkung 
nach der Armee an der Lahn abgeschickt habe, und nötigenfalls 
mit seiner ganzen Armee zur Unterstützung herbeieilen würde, um 
unsere Stadt und Gegend sicher zu stellen. 

Juni 8. Auf das gestrige Schreiben des Erzherzogs Karl uud 
auf die Nachricht, dass die Franzosen noch nicht weiter als an die 
Lahn vorgedrungen seien, und sich dort ruhig verhielten, kehrte ein 
grosser Theü der Flüchtlinge wieder zurück, besonders aus den näher 
hierher gelegenen Gregenden. Indessen beunruhigte uns wieder das 
Gerücht, dass die Franzosen bei Wetzlar und Weilburg Miene 
machten, mit Macht durchzubrechen, welches zwar im Grunde wahr, 
doch aber so arg nicht war, als es gemacht wurde. Diesem zu be- 
gegnen, war bereits heute Nacht ein Corps von 3000 Mann Kaiser- 
lichen an hiesiger Stadt nach der Gcgeud von Wetzlar vorbeimar- 
schirt, und heute Abend traf mit Eilmärschen das Reserve-Corps der 





Armee unter General von Wcrnek in die Gegend von Homburg 
10000 Mann stark ein, welches heute Nacht um 10 Uhr wieder auf- 
bricht und bis morgen Abend in Wetzlar sein muas. Es war erst 
gestern Morgen aus der Gegend von Zweibrücken aufgebrochen, und 
war gestern 15 und heute 12—13 Stunden marschirt. 

Juni 9. Heute trafen von Wetzlar Estafetten mit der Nachricht 
ein, dass die Franzosen wahrscheinlich wegen anrückender kaiserlicher 
Verstärkung sich aus dortiger Gegend etwas zurückgezogen hätten. 
Heute Nacht und Morgen gingen von der Reserve bei Seligenstadt 
ungeheure Transporte von Artillerie und Munition hier durch nach 
Mainz und Limburg. 

Juni 10. Heute gingen 12 Stück schwere Belagerungs- Artillerie 
auf Wagen hier durch von Mannheim nach Mainz. Auch passirte 
eine Abtheilung Sachsen von Mainz hier durch nach Offenbach zu 
ihrer Kriegskasse. Die ganze kaiserliche Hauptarmee des Erzherzogs 
Karl war bis heute diesseits des Rheins, und begiebt sich nun sämmt- 
lich an die Lahn. Das Hauptquartier des Erzherzogs Karl ist heute 
in Kleinschwalbach. Von jener Armee trafen heute unter den Be- 
fehlen des General-Feldmarschall-Lieutenants Baron von Lilien und 
des General- Majors von Lincken hier ein das General-Kriegs-Com- 
raissariat, die Reichs-Kriegs-Kanzlei, die Feldvcrpflegungs-Oberdirec- 
tion, die Feldbuchhalterci, die Feld-Operationskasse, das Feld-Postamt 
und die Bagage des Hauptquartiers. Diese wurden sämmtlich hier 
einquartiert. Die Feldbäckerei ging an der Stadt vorbei den Main 
hinauf. 

Juni 11. Heute traf der Churftirst von Cöln von Mainz hier 
ein. Ein ausserordentlicher Transport Artillerie und Munition ging 
heute von Mainz herauf hier vorbei nach Limburg zu. Bei Rödel- 
heim machten sie Halt und campirten. Auch trafen kaiserliche Corps 
bei Ginheim, Stierstadt und in dortiger Gegend ein, wo sie Lager 
aufschlugen. Den ganzen Tag hörte man heute eine lebhafte Kanonade 
von der Seite von Nassau oder Ehrenbreitstein her von 3 Uhr Mor- 
gens bis 8 Uhr Abends. 

Juni 12. Die seit gestern hier gelagerten kaiserlichen Corps 
brechen heute alle wieder zur Armee auf, theils über Königstein nach 
Limburg, theils Uber Homburg nach Wetzlar. In der Nacht auf 
heute gingen Truppen hier durch von der Wurmserischen zur Karli- 
schen Armee, heute um Mittag abermals ein Corps von 8000 Mann, 
nemlich Erzherzog Ferdinand-Husaren, Kinsky-Chevauxlegers, Mack- 
Kürassiere, Erzherzog Ferdinand- Infanterie, Spleny-Infanterie und 
zwei ungarische Grenadier-Bataillone. Nachmittags gingen abermals 



- 191 - 

einige Bataillone durch, alle nach Homburg zu unter Coromando 
des Generals Hotze nebst einer Batterie leichter Artillerie. Auch 
pasairten heute Pontons nach Mainz. 

Jnni 13. Heute kam das Hauptquartier des Erzherzogs Karl 
nach Homburg. Die samstägige Kanonade war von Obristlieutenant 
Williams um die Franzosen von Bingen abzuhalten, bis die Magazine 
geräumt sind. 

Juni 14. Heute vernahm man von früh Morgens eine starke 
Kanonade, die bis gegen Mittag dauerte. Dieselbe war bei Mann- 
heim, wo die Franzosen die Kaiserlichen, jedoch ohne Erfolg, angriffen. 

Jnni 15. Heute Abend hörte man kanoniren. 

Jnni 16. Heute Abend erfuhr man die Ursache der gestrigen 
Kanonade, die bei Wetzlar war, wo die Franzosen die Kaiserlichen 
angriffen. Der Sieg war um 5 Uhr noch nicht entschieden, bis als- 
dann Erzherzog Karl ankam, und Kaiserliche, besonders aber das 
sächsische Corps, 0000 Mann stark, zur Unterstützung brachte, und 
sich selbst an ihre Spitze stellte. Bald entschied sich nun der Sieg 
auf kaiserliche Seite, die Franzosen wurden geschlagen und verfolgt. 
Bis 8 Uhr Abends waren schon 8 Kanonen erobert und eine grosse 
Zahl Gefangene gemacht. 

Juni 17. Nach den heute erhaltenen Berichten sind die Fran- 
zosen in völliger Retirade und die Kaiserlichen im Nachsetzen be- 
griffen. So sind wir nun abermals aufs Neue aus einer nicht bloss 
wahrscheinlichen, nein augenscheinlichen Gefahr gerettet 

Jnni 19. Heute wurden etwa 130 gefangene Franzosen auf 
2 Transporten nebst 2 Spionen von Wetzlar hier eingebracht. 

Jan! 20. Heute Morgen wurde ein kaiserlicher Fuhrknecht, 
welcher einem seiner Kameraden IG fl. gestohlen und ihm den Hals 
abgeschnitten hatte, nachdem schon vorige Woche Standrecht über 
ihn gehalten und ihm das Leben abgesprochen worden, auf der 
Pfingstweide erschossen. Er war zum Strang verurtheilt, ihm hernach 
aber die Gnade angethan erschossen zu werden. Er hatte schon 
einmal einen Juden umgebracht, und war deus wegen zum Hängen 
verurtheilt, hatte damals aber Pardon erhalten. Er war im Augen- 
blicke todt, und lag nach der Gewohnheit bis Sonnenuntergang an 
der Stelle, wo er erschossen wurde, und wurde hernach begraben. 

Heute kam auch wieder ein Transport französischer Gefangenen 
hier an. 

Jnni 25. Heute wurden an 500 Mann gefangene Franzosen 
hier hereingebracht 



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- 192 - 



Juni 27. Heute wurden die gefangenen Franzosen wieder zum 
Austauschen weggeführt. 

Juli 6. Gestern und heute waren schon wieder angstvolle Tage, 
da nicht allein die Franzosen durch Schwaben durchzudringen drohen, 
sondern auch am Unterrhein die Kaiserlichen bis an die Lahn zurück- 
gedrängt wurden, so doss dieselben genöthigt waren, ihre Stellung 
hinter der Lahn zunehmen, die Franzosen hingegen jenseits derselben 
in starker Anzahl versammelt sind. 

Juli 7. Heute Nacht bis Morgens früh hörte man eine sehr starke 
Kanonade. 

Juli 9. Der politische Himmel überzieht sich wieder fürchterlich 
schwarz. Die Kaiserlichen waren von der Lahn verdrängt, die 
Franzosen hatten Wetzlar, Weilburg, Limburg u. s. w. im Besitz, 
und erstere hatten sich bereits bis Friedberg zurückgezogen. Unge- 
wiss, ob dieselben sich uieht uoch mehr zurückziehen würden, gerieth 
nun alles vollends in die grösste Bestürzung, man flüchtete, man 
packte alles, was man konnte. Das Gedränge der Wagen, Kutscheu 
u. s. w. hatte kein Ende, und alles sah mit Furcht den Augenblick 
immer näher kommen, der uns der Gewalt unserer Feinde überlieferte. 
Doch gegen Abend lauteten die Nachrichten tröstlicher. Man ver- 
nahm nemlich, dass die Franzosen zurückgedrängt worden, und die 
Kaiserlichen bei Friedberg eine feste Stellung eingenommen hätten. 
Die Kriegs-Kanzlci wurde wieder ausgepackt. Ob dieses nun etwas 
Entscheidendos oder ein nur eine kurze Frist bewirkender Sieg war, 
wird die Folge lehren. 

Juli 10. Heute war ein ängstigender Tag, da die kaiserliche 
Armee nach allen Anzeigen und Berichten sich in volle Bewegung 
zur Retirade zu setzen anfing. Schon waren heute bis Nachmittag 
die Franzosen bis Königstein vorgerückt, von woher wir heute eine 
fürchterliche Kanonade hörten. 

Juli 11. Heute beständige Retirade der kaiserlichen Bagage, 
Artillerie, Cavalleric und Infanterie. Alles passirte durch nach 
Sachsenhausen zu. Am Allcrheiligcn-Main wurde eine Schiffbrücke 
geschlagen und besetzt. Die Kaiserlichen haben zwar heute noch 
die Nidda besetzt, man weiss aber nicht, ob sie sich da halten werden. 
Die grosse Armee derselben steht im Feld von Höchst bis Bergen, 
und man glaubt, sie werde die Stellung bei Bergen zu behaupten 
suchen. Indessen zogen schon heute früh viele Infanterie und Tyroler 
Scharfschützen und Nachmittags (Kavallerie und viele Artillerie in die 
Stadt und besetzten Wälle und Thore. Eb gewinnt also die trau- 
rige Aussicht, dass die Kaiserlichen sich in der Stadt werden halten 



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— 193 — 



wollen. Ich trat daher um 4 Uhr meinen Weg aus der Stadt 
nach Hanau an, und langte daselbst Abends an. 

Mittaga war wieder eine starke Kanonade von Königstein her. 

Juli 12. Die heutigen Nachrichten von Frankfurt melden, dass 
die Kaiserlichen wohl heute Abend die Stadt verlassen würden. Die 
Stadt habe ihnen bereits das Magazin abgekauft und Abends oder 
morgen früh würden die Franzosen einrücken, jedoch sei alles Lieb's 
und Gutes von ihnen versprochen; — werden's sehen! Indessen 
hörte man doch heute hier kanoniren. Auch Hessen heute Abend 
schon sich die französischen Patrouillen in und bei Dörnigheim sehen, 
wo sie auf der Strasse marodirten. 

Juli 13. Gegen alles Erwarten und Vermuthen war die gestrige 
Nachricht ungegründet, und bereits gegen G Uhr gestern Abend be- 
gann ein fürchterliches Haubitzenfeuer, ohne die Stadt vorher aufzu- 
fordern, auf dieselbe, und dauerte unausgesetzt bis 7 Uhr. Während 
der Zeit gab der Magistrat auf beiden Seiten sich die grösste Mühe, 
eine Capitulation zu Stande zu bringen. Allein der Commandant 
war unerbittlich, ebenso wie der in Isenburg commandirende General 
von Wartensleben, und sie beharrten bei ihrem Entachluss, die Stadt 
aufs Aeusserste zu vertheidigen. Hierauf fing ein neues Haubitzcn- 
feucr um 2 Uhr an, wobei auch glühende Kugeln waren, und dauerte 
bis nach 3 Uhr. Viele Häuser wurden beschädigt, es brannte auch 
einige Mal, wurde aber gelöscht. Es wurde nun ein Stillstand bis 
heute Abend zu Wege gebracht. Viele Menschen kamen heute 
noch herauf. 

Juli 14. Die Nacht auf heute war für Frankfurt eine schreck- 
liche Nacht. Mit Glockenschlag 1 1 Uhr begann ein höllisches Feuer 
aus den französischen Batterien auf der Affensteiner und Stalbnrger 
Anhöhe mit glühenden Kugeln und Haubitzen auf die Stadt, und 
dauerte bis nach 1 Uhr. Auf die ersten Schüsse, da es meist glühende 
Kugeln waren, entstand sogleich Brand. Allein bei dem unausgesetz- 
ten Feuer wollte Niemand sich zum Löschen wagen. Dennoch wurden 
die Häuser in der Stadt gelöscht, die Judenstrasse aber konnte nicht 
gelöscht werden, mehrere Häuser ausserhalb derselben brannten jedoch 
auch ab. Viele Häuser, worunter das Zeughaus, die Constablerwache 
und andere, wurden sehr beschädigt, und mehrere Personen getödtet 
und verwundet. Nach allen Nachrichten ist die ganze Hälfte der 
Judenstrasse verbrannt und fast keine Löschung da anzuwenden. 

Heute Morgen kamen folgende Nachrichten: Nachdem mehrere 
Deputationen bei der kaiserlichen und französischen Generalität 
gewesen und fussfallig um Schonung gebeten hätten, so sei endlich 
VI. 13 



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— 194 - 



um 5 IThr Morgens eine Capitulation geschlossen worden, nach welcher 
in 48 Stunden, also übermorgen früh, die Kaiserlichen die Stadt 
räumten und die Franzosen einzögen. Viele wollten indessen die 
Sache dahin auslegen, dass nur ein Waffenstillstand auf 48 Stunden 
geschlossen sei. 

Heute Mittag war auf einmal Allann, — alle Soldaten liefen 
auf die Wälle, und die Sache klärte sich dahin auf, dass sich die 
Kaiserlichen in der Nähe sehen lassen. Wirklich ist bereits vorgestern 
Abend das WVnekische Corps, das sich am Montag durch Frankfurt 
nach Dettingen zog, daselbst wieder Über den Main gegangen. Dort 
soll die längst erwartete Verstärkung zu ihm gestossen sein, und 
dieses Corps sich nun gegen Frankfurt hinziehen, tun solches zu ent- 
setzen, was denn auch die Ursache ist, warum sich die Kaiserlichen 
dort so hartnäckig vertheidigen. Man vermuthet also auf morgen 
eine Schlacht, die unser Schicksal entscheiden wird, um so mehr, da 
nach anderen Nachrichten eine Colonne Franzosen diesem Corps ent- 
gegenzieht. Gott gebe den Kaiserlichen Sieg ! — Heute kamen viele 
Flüchtlinge von den hessischen Ortschaften mit der Nachricht herein, 
dass die Franzosen bei ihnen so arg wie in Feindesland hauseten. — 
Man zählte heute 18- bis 20,000 frankfurter Flüchtlinge hier, wovon 
zwei Drittel Christen und ein Drittel Juden sind. 

Juli 15. Das gestrige Gerücht wegen Annäherung der Kaiser- 
lichen erhält sich. Jedoch bestätigt sich auch die abgeschlossene 
Capitulation wegeu Frankfurt. 

Juli 16. Heute werden in Folge der abgeschlossenen Capitula- 
tion die Franzosen Morgens früh 7 Uhr in Frankfurt eingerückt sein. 
Wirklich bemerkt man auch jenseits des Mains die Rctirade der bis- 
herigen kaiserlichen Besatzung in Frankfurt. Oberhalb der Kinzig 
bei Kessclstadt haben gestern und heute die kaiserlichen und fran- 
zösischen Vorposten beständig auf einander gefeuert. Heute giug eiu 
Corps von etwa 1000 Mann an Cavalleric und Infanterie bei Hanau 
hinauf nach Gelnhausen. 

Juli 17. Heute kamen wieder zwei Cavallcric-Itegimenter liier 
vorbei die Strasse nach Gelnhausen. Ausser diesen geheu bestäudig 
einzelne kleine Abtheilungen hier vorbei. 

Juli 19. Heute kam ich von Hanau wieder nach Frank- 
furt zurück. Heute Morgen vernahm man eine ausserordentliche 
Kanonade von Könicstcin her. 

Juli 23. Heute Abend kam das französische Hauptquartier nebst 
allen Kriegs- Departements hierher. 




195 — 



Juli 26. Heute ging die kaiserliche Besatzung aus Königstein, 
etwa 000 Mann stark, als Kriegsgefangene hier durch. Vorgestern 
gi ngen 2- his 8000 Wann Franzosen hier durch über Sachsenhausen, 
ob nach Asch äffen bürg oder nach Mannheim, ist ungewiss. Heute 
ging das Hauptquartier wieder von hier weg nach Asch äffen bürg. 

Juli 27. Heute kam der Stab des Generals Marceau hier an. 

Juli 28. In der Nacht auf heute wuÄlen plötzlich nachstehende 
Magietratsglieder von den Franzosen als Geisseln aufgehoben und 
noch vor Tag abgeführt, um nach CiiArlemont an der Maas gebrächt 
zu werden, nein lieh die Schöffen von I [umbracht, von Barkhaus, von 
Holzhausen und Schlosser, und die Senatoren Hetzler, Andreae, Moors 
und Georg Steitz. Die Bestürzung darüber ist allgemein, um so 
mehr, da Niemand, selbst der Magistrat nicht, dieses zur Zeit noch 
ahnete. Die allgemeine Meinung ist nun zwar, e« sei dies wegen 
der nicht bezahlten Oontribution, welche unmöglich aufzutreiben und 
zu bezahlen, und von welcher kaum daa erste Drittel abgetragen ist. 
Andere indessen behaupten, wegen des bevorstehenden Marsches 
unserer Garnison, welche his auf ein Bataillon, daa hier bleiben 
wird, zur Belagerung von Mainz abmnrschiren wird, bitte man die- 
selben deswegen als Geisse!« mitgenommen, damit die wenigen Zurück- 
bleibenden nichts zu befürchten hätten. Noch andere Bind der Mei- 
nung, daas, da gerade diejenigen genommen worden wären, welche 
am stärksten gegen die Ergebung an Hessen gesprochen hätten, so 
wäre solches nur eine Cabale, um dieselben so lange ausser Activitat 
zu halten, bis die Uebergabe oder Wegnahme unserer Stadt von 
Hessen geschehen sein werde. Die Zeit wird's lehren. 

Heute wurde von deu Franzosen eine neue Cöntribution au 
Naturalien im Werth von 4 Millionen Livrca in ganzem Ernst be- 
gehrt, nemlich 2000 Ochsen, 300,000 Pfund Salz, 100,000 Pfund Mehl, 
50,000 Säcke Hafer, 150,000 Centner Heu, 150,000 Gebund Stroh, 
500,000 Maas Branntwein, 100,000 Maas Essig. 

Juü 29. Heute Abend kam auf einmal die vergnügte Nachricht, 
daaa unsere Geissein, nachdem dieselben heute Morgen bis Bingen 
gekommen waren, von da nach Wiesbaden zurückgebracht worden 
seien. Ja, man schmeichelt sich sogar mit der Hoffnung, dasa dieselben 
morgen wieder zurückkommen werden. Inzwischen sind bereits in 
verwichener Nacht die Herren J. F. Schmidt und Syndicus Danz 
zum General Jourdan nach Schweinfurt abgereist, um sich für deren 
Loslassung zu verwenden. 

Juli .'10. Heute brachten die Franzosen ein in Sehweiufurt und 
Leugfurt aufgehobenes kaiserl. Lazareth vou etlichen 100 Mann hierher. 

13* 



— 196 — 

Juli 31. Gestern sind die Geissein noch nicht zurückgekommen, 
und sollen nach heutigen Nachrichten sogar von Wiesbaden wieder 
weiter transportirt worden sein. Die Entscheidung wird eigentlich 
von der Antwort des Generals Joordan an die an ihn deswegen ab- 
geschickten Depntirten abhängen, welche bis jetzt noch nicht zurück- 
gekommen sind. 

August 1. In der lÄcht auf heute wurde plötzlich General- 
marsch geschlagen. Der grösste Theil unserer Garnison musste so- 
gleich aufbrechen, und marschirte auch sofort über Sachsenhausen 
weg nach Mainz zu. Man erfuhr davon heute die Ursache, dass 
ncmlich die Kaiserlichen auB Mainz einen Ausfall gemacht und bis 
gegen Niederrad gestreift haben. Sogar auf dem Forsthaus haben 
sie die dortigen Chasseurs aufgehoben. Bei diesem Streifzuge trieben 
sie eine Menge Vieh, Fourage u. s. w. zusammen und gaben dafür 
Scheine, die nach dem Kriege bezahlt werden sollen. 

Heule Mittag rUckten wieder neue Truppen hier ein und wurden 
einquartiert. 

August 2. Heute Mittag wurden auf Kosten der Stadt zwei Schwa- 
dronen Cavallerie auf der Friedbergergasse in die Wirthshäuser 
einquartiert. Diese hausten dergestalt, dass die Wirthe mit allen ihren 
Leuten sich flüchtig machen oder verstecken mussten. Die eingegebe- 
nen Rechnungen an Verzehrtem und Ruinirtem beliefen sich auf 1500 fl. 

August 8. Heute Nacht rückte schon wieder ein Theil unserer 
Garnison aus und marschirte über Sachsenhausen, ein anderer Theil 
brach um Mittag auf und marschirte zum Neuenthor hinaus. Ersterer 
Theil lagerte sich am Apothekerhof und der andere auf der Pfingst 
weide. Die Veranlassung dazu weiss man nicht Und nun sind 
äusserst wenig Truppen in der Stadt. 

August 4. Heute kamen unsere Depntirten vom General Jourdan 
zurück, hatten aber wegen seiner Krankheit nicht vor ihn kommen 
können. Die Geissein sind auf dem Wege nach Cöln und werden 
doch wahrscheinlich nach Charlemont gebracht 

August 5. Hcuto ging der bisherige Commandant d'Arnaud 
zur Armee ab, und General Duvignot wurde Commandant. Dieser 
Hess heute eine Verordnung bekannt machen, nach welcher man alle 
noch vorräthige Gewehre binnen 48 Stunden ins Zeughaus abliefern 
solle, widrigenfalls solches bei hiernach vorzunehmender Haussuchnng 
schwer geahndet werden sollte. Auch wurde heute von ihm befohlen, 
dass nicht ein Stück von KaufmannsgUtcrn oder Effekten zur Stadt 
hinaus solle. Demzufolge mussten die Darmstädter Fuhrleute und andere» 
die hierher kamen, um Waaren zu holen, leer wieder zurückfahren. 



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— 197 - 



Das Neuethor wurde beute verschlossen und dagegen das Allor- 
heiligenthor geöffnet. 

Es heisst, die Kaiserlichen hätten zwischen Bamberg und Schwein- 
furt einigen Vortheil erhalten, Jourdan hätte sich zurückgezogen 
und wäre selbst beinahe gefangen worden. 

August 6. Seit etlichen Tagen werden unaufhörlich eine Menge 
sowohl Kanonen- als Flinten -Patronen aus unserem Zeughaus au den 
Main gefahren und dort eingeschifft. Die Franzosen sollen hier über 
100,000 Flinten und 4—500,000 Flinten- Patronen bekommen haben. 

Wie man hört, machen die Franzosen Schanzen auf dem Gallen- 
wallc und an der Gallenwarte. 

August 7. In der Nacht auf heute nahmen die Franzosen aber- 
mals wegen der noch nicht bezahlten Contribution , deren letzter 
Termin gestern abgelaufen war, nachstehende 17 Geisse!», und führten 
dieselben heute ganz früh weg. 

Vom Magistrat: 
SchöfF von Ohlenschlager, 
„ Von Uffenbach, 
„ von Günderrode, 
„ von Lersner, 
„ von Loen, 

fj Bonn (statt dessen sein Solui), 
Senator Mühl, 

„ Schcrbius. 

Von der Bürgerschaft: 
Gchcimcrath von Wiescnhütton, 
J. E. Hartmann, 
Manskopf nn der Allee, 
für H. Gontard sein Commis Kling, 
Thurncyssen der Acltcre, 
Brcvillier, 
de Ncufville, 

für Heydcr sein Commis Gwinner, 

Schweitzer- Alesina. 
Ohnerachtct Viele dieses nun voraus fürchteten, so glaubte man doch 
weder, dass es so geschwind gehen, noch dass dio Anzahl so stark 
sein würde. Die Sache war so geheim, dass auch koiner der Arrc- 
tirten nur das Mindeste davon ahnete. Die Arretiruugen geschahen 
mit der . grössteu Vorsicht und Behutsamkeit , beständig mit einer 
Wache von etwa 16 Mann, welche erst alle Nebcnstrassen, Thüren 
u. s. w. besetzten. Die auf der Pfingstweide gelagerten Truppen 



- 108 - 



waren zu dem Ende heute Nacht herein marschirt, und der übrige 
Theil derselben war auf dem Rossmarkt und auf der Zeil aufgestellt. 
Die Geissein wurden alle zum General Duvignot, zeitigen Comman- 
dantcn, ins Schultzische Haus auf der Zeil gebracht, wo dieselben 
sämmtlich von 1 oder 2 Uhr Nachts bis zur Abfahrt, die um 7 Uhr 
unter Escorte von Dragonern geschah, sich in der Hausflur aufhalten 
mussten, und nicht einmal in ein Zimmer gelassen wurden. 

Die Bestürzung ist hierüber allgemein, um so mehr, da nicht 
die mindeste Hoffnung da ist, die verlangte Contribution sobald herbei- 
zuschaffen. Noch 4 Tage Zeit ist gestattet, und dann — — Ach 
Gott, was wird uns bevorstehen! 

Heute kamen mehr als 200 kaiserliche Deserteure hierher. 

August 8. Gestern Abend wurde eine abermalige Aufforderung 
von Kriega-Deputations wegen von Haus zu Haus herumgegeben, mit 
Geldbeiträgen die Stadt, der die grössle Noth bevorstünde, zu retten. 

August 0. Eine abermalige gedruckte Aufforderung von Kriegs- 
Deputations wegen wurde heute versiegelt bei den Kaufleuten und 
Capitalisten herumgegeben, und dringend ermahnt, binnen 24 Stunden 
noch an Geld beizutragen, was nur immer zu erschwingen wäre, 
indem sonst der Umsturz des ganzen Gemeinwesens drohete. Zudem 
wird ermahnt, seine Capital -Schriften, Silber, Pretiosen u. s. w. zu 
verpfänden, und sich von auswärts her Geld darauf zu verschaffen. 

Vor einigen Tagen ging der Güterschaffuer Oehringer auf der 
Schäfergasse von Haus zu Haus zu Leuten, die nicht vermögend 
genug sind, selbst Beiträge zur Contribution zu geben, und sammelte 
kleine Beiträge ein, worüber er Scheine ertheilte ; so brachte er doch 
in einem Tag 870 fl. zusammen. Mehrere Leute haben ähnliche 
Sammlungen veranstaltet, worunter auch der Candidat der Theologie 
und Schulmeister Gräff, welcher eigentlich den Anfang damit gemacht 
hatte. 

August 10. Heute wurden in einigen Quartieren, besonders in 
dem unsrigen Lit. G., durch eigue Veranstaltung von Haus zu Haus 
freiwillige Geschenke zur Contribution erhoben, was sehr gut von 
Statten ging. 

Täglich, heute besonders, hört man hier von Mainz aus sehr 
stark kanoniren. Die Belagerten schiessen dort beständig auf die 
Schanzarbeiter, thun auch fast allo Nacht Ausfülle. Eine Folge da- 
von war der in verwichener Nacht geschehene plötzliche Aufbruch 
des kleinen Lagers am Apothekerhof, zu dessen Besetzung die Hälfte 
der auf der Pfingstweide gelegenen Brigade einrückte. 



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Heute erreicht der am Sonntag noch zugestandene Verlängerungs- 
Termin von 4 Tagen zur Herbeischaflung der Contribution seine 
Endschaft. Gott weiss, was es nun geben wird ! Indessen ist heule 
noch eine unermessliche Menge Geld herbeigekommen. 

August tl. Vermuthlich hat das viele gestern eingekommene 
Geld die Franzosen einstweilen gestillt. Indessen, da wohl nicht mehr 
so viel wird aufzubringen sein, als mau noch bedarf, so wird nun 
auch Gold- und Silbergeschirr, sogar bis auf die Esslöffel, angenommen, 
und ist davon bereits viel, besonders von deu Adeligen, eingeliefert 
worden. O Anualen von Frankfurt, vergesset diesen Punkt nicht! 
— Auch holländische und hamburger Wechsel werden angenommen. 

Fortdauernd hört man täglich von Mainz her fürchterlich kano- 
nireu, indem die Belagerten unaufhörlich Tag und Nacht ciu unaus- 
gesetztes Feuer auf die Arbeiter richten. 

Augast 12. Verwichcne Nacht wurde Dr. Kühl, der- das fran- 
zösische und deutsche Journal schreibt, aus seinem Bette geholt und 
arretirt, vermuthlich weil er am Dienstag auf einen Artikel aus dem 
Journal Röderers, worin, dieser sehr zu Gunsten Frankfurts spricht, 
Bezug genommen hat. 

Da der Commission verrathen wurde, dass im Porzellanhof ein 
Gewölb mit Flinten sei, so wurde heute um .Mittag dort Visitation 
gehalten, und, da es wirklich so befunden wurde y der Inhaber des 
Hoff, Petsch, scharf arretirt und auf die Uauptwache gebracht. 

Heute, kamen viele Verwundete aus der Gegend von Mainz hierher. 
Auch viele Schanz-Baucrn sollen dort schon unglücklich gewesen sein. 
Noch hört man von dort unaufhörlich fort kanoniren. 
Da die Stadt die freiwilligen Kriegs-Geschenke, die in einigen 
Quartieren gesammelt wurden, und die in dein unsrigen 2000 fl. be- 
tragen, nicht als solche, sondern auch nur anlehensweisc annehmen 
will, so bekommt nun Jedermann für seine Gabe einen vom Quar- 
tier ausgestellten Schein, der bis zur Ablage Interessen trägt Im 
neunten Quartier ist ebenfalls ein solches Anlehcn eröffnet, um kleine 
Beiträge von 5 bis 100 fl. anzunehmen, und sind darinnen schon über 
5000 fl. eingekommen. 

Das kostbare Gemälde am Altar in der Dcutachhauä-Kirehc, wo- 
für schon bei 20,000 fl. war geboten worden, haben die Franzosen 
sich zugeeignet und dasselbe bereits weggebracht. 

liier im Zeughause haben sie auch schon dort befindliche be- 
sonders schöne messingne Gewichte weggebracht, und nun wollcu sie 
auch noch die zur Barfüsscrkirche gehörigen, darinnen stehenden 
Ci locken wegbringen- 



— 200 - 



Auch die Schlüssel zum Pfandhaus sollen sie bereits verlangt 
haben. 

August 13. Da Petsoh sich legitimirte, dass der Beständer des 
Gewölbes in seinem Hause ein schon seit 2 Jahren abwesender Jude 
wäre, so kam er heute wieder frei. 

August 14. Heuto Nacht hatten alle Bornheimer Mannsleute 
sich ins Hossische geflüchtet aus Furcht zum Schanzen vor Mainz 
gezwungen zu werden. Nun aber ist es ihnen bei 15 Rcichsthaleru 
Strafe verboten, jemals wieder den Ort auf solche Art zu verlassen. 

Heute sind unsere silbernen und goldnen Kirchen- und Abend- 
mahlsgeräthe zum letzten Male gebraucht worden. Jetzt kommen 
sie in die Münze, und wird daraus, sowie aus dem eingekommenen 
und noch einkommenden übrigen Silber, Geld zur Abtragung der Con- 
tribution geschlagen. 

Seit voriger Nacht und heute hört man von Mainz nicht mehr 
kanoniren. 

August 18. Heute kamen mehrere Hundert kaiserliche Gefan- 
gene, sowie 18 Wagen mit französischen und kaiserlichen Verwundeten, 
aus der Gegend von Bamberg hier an. 

Der König von Preussen hat in einem Schreiben an den Magistrat 
gesagt, dass wir uns dadurch, dass wir seine Vermittelung nicht an- 
genommen, und uns nicht, wie er uns doch angeboten, an seinen 
Frieden angeschlossen hätten, das zugestossene Uebel selbst zugezogen . 
hätten; doch würdo er sich für uns durch seinen Minister in Paris 
so viel als möglich verwenden.' 

August 80. Seit heute Nacht hört man von Mainz fürchterlich 
kanoniren. 

Die am Sonntag von Bornheim erwähnte Geschichte ist eigent- 
lich diese. Heute vor 8 Tagen kamen 12 Chasscurs in den Ort. 
Die Bornheimer, die nicht anders glaubten, als diese würden sie zum 
Schanzen aufheben und gegen Mainz abführen wollen, flüchteten sich, 
alles was Mannsleute, ins Hessische, und blieb selbst kein erwachsener 
Knabe im Ort Die Chasseurs, als sie im ganzen Ort nichts als 
Weiber sahen, fürchteten, die Männer hätten sich versteckt, und 
wurden in der Nacht sie überfallen und todtschlagen. Sie blieben 
deshalb die ganze Nacht munter, hielten ihre Pferde gesattelt und 
ihre Waffen in Bereitschaft. Als vollends um 11 Uhr Nachts der 
Wächter das gewöhnliche Zeichen mit dem Horn gab, glaubten die- 
selben, dies sei die Losung, über sie herzufallen, und fingen an; 
Gegenanstaltcn machen zu wollen, so dass die Weiber die grösste 
Mühe von der Welt hatten, sie hierüber zu beruhigen, bis dann end- 



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— 201 — 



lieb der Tag anbrach, die Chaaseurs wegritten, und die Mannsleute 
wieder herbeikamen, wo sich dann alles auf diese Art aufklärte. 

Die Ursache der von Mainz her diese Nacht und beute Morgen 
gehörten Kanonade war ein starker Ausfall, den die Garnison mit 
sehr glücklichem Erfolge that, wobei sie dem Vernehmen nach bis 
nach Weilbach und anderseits bis nach Wiesbaden vordrang. Die 
Belagerer sollen etliche 100 Mann dabei, verloren haben. Unser 
ehemaliger Stadt- Commandant d'Arnaud kam heute hier an ; er hatte 
durch den Mund eine schwere Verwundung erhalten. 

An teilst 21. In abgewichener Nacht hörte man von Mainz her 
wieder heftig kanoniren. 

Heute Vormittag kamen die Geissein von Nürnberg, 16 an der 
Zahl, hier an, und heute Abend jene von Würzburg, ebenfalls 16. 

Seit vorgestern führen die Franzosen unser schweres Geschütz 
nach Mainz zu, theils zu Wasser, theils zu Land. 

Bei dem letzten Vorfall soll Williams einige grosse mit Kanonen 
beladene Schiffe, die von Würzburg herunter gekommen und gegen 
Mainz bestimmt waren, weggenommen haben. 

Für 2 Carolinen Douceur hat der Platzmajor das Neuethor seit 
vorgestern wieder öffnen lassen. 

Die von Williams weggenommenen Kanonen sind jeno des Land- 
grafen von Hessen-Darmstadt, welche die Franzosen auf ihrer Flucht 
bei Marktateft antrafen und in Beschlag nahmen. Diego wurden in 
Schiffen heruntergebracht und lagen etliche Tage hier still. Sic 
sollten eben in die französischen Vcrschanzungcn auf der Mainspitze 
gebracht werden, als die Kaiserlichen den Ausfall thaten, und William* 
dieselben in der Gegend von Flörsheim wegnahm. 

Bei diesem Ausfall drangen die Kaiserlichen bis Königstein vor, 
und sollen sich noch dort befinden. 

In Wiesbaden eroberten sie das französische Depot, Apotheke, 
Magazin u. s. w. Auch sollen die in voriger Woche hier durch ge- 
brachten kaiserlichen Gefangenen sich noch in jener Gegend befunden 
haben und durch ihre Kameraden befreit worden sein. 

August 2£. Heute Morgen kamen von der versprengten fran- 
zösischen Belagcrungs-Armeo viele Chaaseurs, Bagage, Feldscbmiedcn 
u. s. w. hier an. — Wenn nicht ein Emigrant aus Mainz zu den 
Franzosen desertirt wäre und ihnen zum Theil den kaiserlichen Plan 
verrathen hätte, so würde dem angelegten Plane gemäss die ganze 
Belagerungs-Armee aufgerieben worden sein. 



202 — 



August 24. Heute kamen die schweinfurtor Geissein hier an. 
Heute ward wieder eiue dringliche Ermahnung zum Geldbcrbci- 
schaffen herumgegeben. 

Aligast 27. Heute Nacht machten die Kaiserlichen wieder einen 
Ausfall von Mainz nnd rückten jenseits wieder bis Kelsterbach und 
diesseits bis gegen Höchst vor. Jenseits war das stärkste Gefecht, 
in Folge dessen heute Mittag schon viele Verwundete hereinkamen. 
Den ganzen Tag bis in die Nacht hinein hört man deutlich das 
Pelotonfeuer sowie starken Kanonendonner. 

August 29. Die Viehseuche grasBirt nicht allein iu unserer 
Gegend wieder mit der grüssten Heftigkeit, sondern ebenso auch iu 
den Uberrheinischen Gegenden, in der Pfalz, bis nach den Nieder- 
landen hinein. Man fürchtet den gänzlichen lluin der Horuviehzueht 
in unsorer Gegend, wo bereits ganze Dörfer davon leer sind. Die 
Franzosen haben durch .das mitgetriebeuo holländische Vieh, das 
alles davon angesteckt ist, die Seuche eingeschleppt und dadurch 
einen unersetzlichen Verlust verursacht. 

Nachrichten aus dem Obcrlande stimmen darin überein, dass die 
Franzosen bei Nürnberg eine völlige Niederlage erlitten und in voller 
Flucht, die Kaiserlichen aber schon bis Schweinfurt Vorgerückt und 
im Verfolgen begriffen seien. 

Gestern Abend kam ein starker 'JVain französische Pontons von 
der Armee zurück ; dieselben stehen nun auf der Bornheimor Haide. 

Am abgewichenen Freitag ging in jedem Quartier der Capitän 
desselben nebst einem Officier oder einem Kaufmann hernm nnd 
ermahneten nochmals um schleunigste Unterstützung an Geldbeiträgen, 
anleliensweise der Stadt vorzuschiessen. Die Sache hatte auch so 
guten Fortgang, dass in unserem Quartier über 20,000 fl , in anderen 
selbst mehr, in anderen etwas weniger, noch beigetragen wurden. 

Als ohnlängst in allen Quartieren ein freiwilliges Geschenk ge- 
sammelt wurde, das der Magistrat aber nicht als solches, Bondern auch 
nur auleheusweise annahm, kamen dennoch auf solche Art über 
(50,000 fl. zusammen. 

August 30. Die Retirade der Franzosen*) bestätigt sich, nnd 
bald hofft man nun, was mau vorhin als anglaublich betrachtete, die- 
selben los zu werden. 

Heute führten die Franzosen die Barfüsserkirchen-Glocken weg, 
die im Zeughaus c standen. 



*) vou Würzburg her. 




- 203 - 



Gestern brachten die Franzosen eine Menge Geissein aus der 
umliegenden Gegend aus jedem nur mindest beträchtlichen Dorfe hier 
zusammen, und führten sie nach Charlemont ab. 

Heute kamen ungefähr 50 Mann Chasseurs, meistens leicht Ver- 
wundete der Division Bernadotte, die beinahe ganz aufgerieben worden 
sein soll, als versprengt hier an. 

Heute soll Jourdan's Hauptquartier in AschafFenburg sein, und 
die Bagage u. s. w. der Armee Bchon seit gestern über Friedberg 
retiriren. 

Von Mainz her hört man heute beständig kanoniren. 
Angunt 31. Heute Nacht ging durch Oberrad viele Bagage 
zurück. 

September 1. Heute wurde ein Theil der Verwundeten im 
Deutscheuhaus weiter zurück gebracht. 

Das Gemäldo am Hochaltar im Dom wollten die Franzosen anch 
abmachen. Als ihnen aber versichert wurde, dass es nur eine Copie 
sei und das Original Bich in den Niederlanden befände, so Hessen 
sie es da. 

September 3. Der Commaudant Hess uns heute durch eine ge- 
druckte Proclamation versichern, es sei nur ein von Uebelgesinnten 
ausgesprengtes Gerücht, dass die Sambrc« und Maas-Armee retirire, 
im Gcgentheil setze sie täglich ihre siegreichen Fortschritte woiter 
fort. — Was der Bursche doch so impertinent lügen kann, da die 
von der Armee, die ganz total, theils durch die Kaiserlichen, theils 
durch die Bauern zersprengt ist, täglich zurückkommenden Flücht- 
linge einhellig laut das Gcgentheil aussagen ! 

Heute kam ein zerlumptes Bataillon von Mainz, wo die Blockade 
aufgehoben, wenigstens sehr verschwächt sein soll, hier an, und mar- 
schirte nach einigem Verweilen nach Offenbach zu. 

Sechs Cavalleristen , die heute am Allcrhciligcnthor ankamen, 
versicherten, sie seien die einzigen Ueberbleibsel ihrer beiden Regi- 
menter. 

Mehrere kamen, die ganz ausgezogen waren. Sic versicherten, 
dies hätten die fränkischen Bauern gethan, die in Masse aufgestuudeu 
waren, und viele Tausendo ihrer Kameraden niedergemacht hatten. 

September 4. Heute kam wieder ein Bataillon mit einer Ka- 
none von Mainz hier an und nahm den nemlichen Weg wie das 
gestrige. 

Zwei Schiffe mit Verwundeten kamen heute von oben hier an. 
Viele Wagen mit Bagage gingen heute um die Stadt und nah- 
men ihren Weg nach Königstein. 



- 204 - 

Die vollkommene Retirade der Franzosen bestätigt sich, und 
heute sind die Kaiserlichen ganz sicher in Miltenberg eingerückt 

Heute requirirten die Franzosen eine Menge Wagen und Hessen 
deshalb kein Pferd, selbst keine Reitpferde, zur Stadt hinaus. 

Gestern verlangten dio Franzosen das ihnon von den Oontri- 
butionen und Requisitionen noch Gutkommende. Man gab ihnen, 
was mau noch hatte ; für das Uebrige aber Hessen sie sich mit Vcr- 
schreibungen abspeisen. 

Drei heute hier als Flüchtlinge angekommene Kanoniere ver- 
sichern, sie hätten nebst mehrerer Mannschaft 02 Kanonen zu Schilfe 
escortirt und herunter bringen wollen. Zwölf Stunden von hier aber 
hätten die Bauern sie Uberfallen, ihre Kameraden niedergemacht, und 
alle Schiffe mit den Kanonen in Beschlag genommen. 

September 5. Gestern sind ziemlich viele Franzosen, meistens 
dergleichen versprengte Flüchtlinge, hier einquartiert worden. 

Heute Morgen marschirten die meisten der gestern hier einquar- 
tierton Franzosen, theils Cavallcrie, theils Infanterie, von hier wieder 
weg ebenfalls nach Offenbach zu. Dahin, nemlich gegen Aschaffen- 
burg hinauf, sollten auch dio gestern requirirten Wagen fahren^ 
wahrscheinlich um noch Effecten vou dort herunter zu bringen. Allein 
die Knechte hatten sich alle versteckt, französische Fuhrknochte sind 
nicht da, und also mussten sie hier bleiben. Man versichert jedoch, 
es sei nur Blendwerk, dass die Truppen gegen Offenbach zögen; von 
dort wendeten sie sich rechts nach Heusenstamm und von da nach 
Oppenheim. 

Heute wurden drei gestern geschlossen eingebrachte Spessartor 
Bauern vor dem Affenthor am Bettelbrunnen erschossen; sie starben 
also als Märtyrer fürs Vaterland. 

Auf der Boruheimer Haide und auf der Friedberger Chaussee 
stellen Bcit etlichen Tagen viele Wagen, Pulverkarren und auch meh- 
rere Kanonen. 

Heute ritten Chasseurs hinaus der Post entgegen und nahmen 
ihr die Packete der Erlanger und der Neuwieder Zeitung (die jetzt 
in Hamburg herauskommt) ab. 

Diesen Mittag wurden wieder zwei Bauorn hereingebracht und 
diesen Abend erschossen. 

Der Artillerie- und Munitionspark von der Bornhciraer Haide 
ging heute Morgen hier durch den Weg nach Oppenheim. 

Heule kam abermals ein Bataillon von Mainz herauf und nahm 
wieder den Weg nach Offeubach zu. 

Heute Abend hörte mau von Mainz her stark schicssen. 



Digitizc 



— 205 — 



September 6. Verflossene Nacht hörte man fortdauernd von 
Mainz her eine starke Kanonade, und heute erfahrt man, Williams 
sei bis Flörsheim mit seinen Tschaikon gewesen. 

Die gestrige Reichspost, die seit 4 Tagen zum ersten Male wieder 
gekommen ist, bringt mit, dass eine Abtheilung Franzosen, die sich 
bei Würzburg gestellt hatten, gänzlich geschlagen worden, wovon 
die Uebergabe der Festung Würzburg auf Discrction die Folge war. 
Demohngeachtet sind die hier befindlichen Franzosen so unwissend, 
dass sie noch steif behaupten, ihre Leute seien nicht allein noch in 
Nürnberg, sondern sogar, es sei ihr Hauptquartier schon in Kegcnsburg, 
und was der Lügen mehr sind. 

Indessen sind heute Nacht als Folge einer angekommenen Esta- 
fette alle noch hier gewesene Kriegs-Departemente, Feldpost u. s. w. 
in aller Eile nebst vieler Bagage weggegangen. Der Commondant 
schickte seine Frau weg, alles nach Königstein. Eine im Rothen Haus 
bestellte Gasterei, wo das Essen schon aufgetragen war, unterblieb. 

Das am Sonntag durchgegangene Bataillon kam heute Nacht 
zurück, und als es der am Affenthor commandirende Oflficier nicht 
einlassen wollte, drohete es Gewalt zu brauchen, so dass ob doch end- 
lich eingelassen wurde. 

Hingegen ist das gestern nach Offenbach zu hier durchmarschirte 
Bataillon heute um Mittag den nemlichen Weg zurückgekommen, 
und zum Allerheiligenthor gleich wieder hinaus marschirt. 

Das Lager auf der Pfingstweide, 200 Mann stark, kam heute 
hier durch, und rückte an den Apothekerhof in das dortige Lager. 

Ungefähr 150 Kanoniere kamen heute durch Sachsenhausen her- 
ein, empfingen im Zeughaus ein Jeder eine Flinte, und marschirten 
sodann nach Königsteiu zu ab. 

Auch ist einige Mannschaft nebst Bagage heute zum Gallcnthor 
hinaus marschirt. 

Alles neigt sich zum Ende, nnd recht sichtbar ist heute auf eines 
jeden Gesichte die Bestürzung zu lesen. 

Auch alle in Bornheim und dortiger Gegend befindlich gewese- 
nen Franzosen sind heute Nacht eilends aufgebrochen und nach dem 
Gebirge zu marschirt. 

Seit diesem ganzen Lärm von der Retirade der Franzosen gehen 
beständig zahlreiche Patrouillen in den Strassen. 

Alle hier befindlichen Franzosen, die keine Waffen haben, em- 
pfangen deren nun hier im Zeughaus, da nun schwerlich mehr ein 
Weg offen ist, um alles, was davon noch vorräthig ist, fortbringen 
zu können. 



— 20G — 



Gestern holten die Franzosen noch 4 Kanonen, die aehr süperb 
gearbeitet und im Ganzen vortrefflich sind. Diese worden vor den 
Preussen, als sie von unseren Kanonen zur Belagerung von Maine 
holten, schon unter Wolle versteckt, nun aber von den Franzosen 
doch gefunden. 

September 7. Heute Nacht kamen noch etwa 500 Äfann In- 
fanterie und 300 Mann Cavallerie, die versprengt waren, zum Aller- 
heiligenthor herein. Sic waren von allen nur möglichen Gattungen 
und lagen heute Morgen alle schlafend, die Infanterie auf der Zeil, 
die Cavallerie an und in der Allee. Sie bekamen nachher Quartier- 
zettel nur zum Rafraichiren, um auf den bevorstehenden Lauf etwas 
Kräfte zu haben. Indessen machte ein Zufall, das* die meisten 
auch diese Henkersmahlzeit nicht mehr gemessen konnten. Denn 
um 10 Uhr marschirten die gestern von der Pfingstweide nach 
Sachsenhausen gezogenen ungefähr 200 Manu wieder herüber durch 
die Fahrgasse, Zeil, Katharincnpforle, Liebfrauenberg, Neue Kr&me, 
Römerberg, Bendergassc, Saalgasse, GarkUchenplatz und wieder Uber 
die Brücke hinüber. Diese machten nun auf der Zeil etwa eine 
halbe Stunde Halt, und währenddem gingen einigen von ihnen die 
Gewehre, die alle geladen waren, los. Zur nemlichen Zeit ging auch 
auf dem Rossmarkt der Carabiner eines Ohasseurs los. Dies erregte 
einen ausserordentlichen Lärm in der Stadt. Viele Leute gaben es 
schon für Signalschüsse der Kaiserlichen aus, und dies erschreckte 
die ohnedem sehr schreckbaren Franzosen dermassen, dass sie über 
Hals und Kopf liefen, und alle sich erst wieder auf der Zeil zusammen- 
gesellten. Hier wurden sie nun zwar von ihrer voreiligen Furcht 
geheilt, konnten aber ihre Quartiere nachher nicht mehr finden, son- 
dern verloren ihr Rafraichisscment. 

Die Thore waren heute den ganzen Tag verschlossen. 

Um 9 Uhr Morgens ging General Ernouf mit Bedeckung von 
150 Mann der heute Nacht hereingekommenen Cavnllcristen zum 
Bockenheimerthor hinaus und jagte in vollem Trott nach Königntein 
zu. Ungefähr eine halbe Stunde nach ihm schlug General d'Harville 
mit etwa 10O Mann den nemlichen Weg ein. 

Das Feld um die Stadt herum wird mit Cavallerie\ orposten bestellt. 

Viele Infanteristen, Tross u. dgl. wollten sich an den Zug der 
Generale Ernouf und d'Harville anschliessen. Die Wache aber ver- 
hinderte solches. Als indessen nachher etwas Bagage zum Thor hin- 
ausging, so Uberwältigten sie gleichsam die Wache und drangen mit 
Gewalt hinaus; so sehr sind diese Leute von Furcht geplagt. 



Heute Morgen gingen die Franzosen ins Carmeliterkloster und 
plünderten dort ihr eigenes Magazin von Montirutigsstücken. l>ie 
Schuhe verkauften sie hernach das Paar um 5 Batzen u. dgl. 

Diese Nacht verlangten sie noch mit aller Gewalt Pferde. Ks 
wurden welche herbeigeschafft, doch nicht so viele, als sie deren be» 
nöthigt waren, weil man viele versteckt hatte. Um denn doch ihre 
Sachen fortzuschaffen, wurde noch vieles iu Schiffe geladen, womit 
sie jedoch aehr ihren Zweck verfelden möchten. 

Die heute Nacht hereingelaufenen Franzosen waren meist ohne 
Gewehr, und keiner hatte eine Patrontasche. Sie bekamen demnach 
jeder Gewehr, Degen oder Säbel and eine Bürger-P&tronlasche. 

' Heuto fanden die Franzosen auch das Gewölbe, worin die leine- 
nen Kittel, welche immer unserer Contingents-Mannsohaft ausgetheilt 
worden, aufbewahrt waren. Sogleich machten sie sich daran, uud 
theiltcn solche ihren Leuten aus, so dass heute die Franzosen alle 
wie bewaffnete Bauern aussahen. Die übrig gebliebenen Kittel luden 
sie noch auf ihre Wagen. 

Aua allen Anstalten zu schliessen, konnte man wissen , dass die 
Franzosen wohl heute Nacht wegmarschiren würden, da man wu&ste, 
daas die Kaiserlichen nicht mehr weit entfernt sein konnten. Man 
freute sich zwar allgemein darüber, doch viele Leute, denen das letzte 
Bombardement noch zu frisch im Gedächtniss war, fürchteten sich 
vor einem abermaligen und glaubten dadurch ihre Furcht gerecht- 
fertigt, daas die Franzosen 6 Kanonen auf verschiedene Wälle ge- 
führt hatten. 

September 8. Heute Morgen waren keine Franzosen mehr da. 
Um 2 Uhr heute Nacht waren sie wegmarschirt, nachdem sie vorher 
noch sich recht als Franzosen betragen hatten. 

Gestern Abend winden die Officiere von Stadtwegen noch durch 
den Bürgermeister im Rothen Haus gastirt. Nach geendigter Mahl- 
zeit verfügte »ich jeder nach Haus. (Segen 2 Uhr Hess Duvignot den 
Bürgermeister rufen. Er kam mit seiner Ordonnanz. Sobald er zu 

4 I 

Duvignot kam, forderte dieser von ihm noch 600 Carolinen. Der 
Bürgermeister verweigerte solches. Hierauf hielt nun Duvignot nebst 
dem l'latzmajor ihn fest, durchsuchte ihm alle Taschen und nahm 
ihm das Geld ab, das er bei sich hatte. Seine Ordonnanz, die wahr- 
scheinlich sich dieser Behandlung etwas mochte widersetzt haben, 
erhielt eine Tracht Schläge. Nachher Hess er dem Bürgermeister 
nochmals sagen, er solle zu ihm kommen, um die Stadtschlüssel zu 
holen, was dieser aber wohlweislich uuterliess. 



- 208 - 



Duvtgnot hatte eine Equipage mit 4 Pferden gefordert, welche 
ihm auch aus dem Maratall gegeben wnrdc. 

Als die Franzosen schon vor dem Thore draussen waren, forder- 
ten sie noch einen Wagen Brod. Man schickte solchen mit Stadt- 
pferden hinaus. Kaum war der Wagen vorm Thore, so spannten 
sie die Pferde ab und Hessen den Wagen nebst Brod stehen. 

Vor ihrem Abzug holten sie noch viele Beile, Aexte, Sägen 
u. s. w. zusammen und verdarben damit die Brücke am Affenthor 
förmlich. Die äussere Zugbrücke hieben und sägten sie ganz von 
einander, und warfen sie nebst der kleinen Zugbrücke des Ausfalls 
in den Stadtgraben. Die innere Zugbrücke aber sägten sie nur der 
Quere nach ganz durch, so dass sie zwar liegen, aber nur in den 
Angeln hängen blieb, da sie kein Auflager mehr hatte. Sodann 
hoben sie den einen Flügel des äussersten der drei Thore unter dem 
gewölbten Gang aus und legten ihn unten auf die Seite. Die ande- 
ren Thore verdarben sie zwar nicht, schlössen solche aber fest zu 
und warfen die Schlüssel derselben, sowie auch jeue des Affentbors, 
in den Stadtgraben. Auf der sachsenhäuser Brücke warfen sie die 
zwei mit Holz bedeckten Bögen ab, und die Balken alle der Brücke 
hinunter. 

In Bornheim und anderen Orten, wo sie entweder vor dem 
Abzug sich noch aufhielten oder nachher durchzogen, nahmen sie 
den Leuten noch viele Frucht und Fourage weg. 

Alle Zimmerleute und viele Taglöhner wurden gleich heute Morgen 
aufgeboten, an der Herstellung der Brücken zu arbeiten. 

Um 8 Uhr ungefähr kamen die ersten Kaiserlichen von der 
sachsenhäuser Seite durch das Schaumainthor herein. Es waren zwei 

i 

Trupps, jeder von 20 bis 25 Mann, aus Barco-Husaren und Karaiczay- 
Chevauxlegers bestehend. Sie ritten gleich wieder zum Bockenheimer- 
thor hinaus und den Franzosen nach, deren sie nachher bald mehrere, 
und darunter den Officier, der die letzte Wache am Bockcnhcimerthor 
hatte, als Gefangene einbrachten. Gegen Mittag kamen etwa 1500 
Manu Cavallerie, aus Abthcilungon von Barco- und Blankenstein. 
Husaren, Latour - Dragonern , Ilohan ~ Husaren und Chasscurs von 
Bussy bestehend, hier durch, sowie in der Folge mehrere Cavallerie- 
Abtheilungcn, und unter diesen viele Uhlanen von Keglevich, so wie 
zuletzt ganz spät Abends eine Abtheilung Coburg - Dragoner und 
Szekler-llusarcn durchgingen. 

Nachmittags rückten etwa 200 Mann ungarische Gränz-Scharf- 
schützeu ein und besetzten die Thore. 



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— 209 — 



Mangel an Fuhrwerk hat die Franzosen genöthigt, ungefähr noch 
6- bis 7000 Flinten nebBt vielen Säbeln und anderen Sachen im Zeug- 
haus zurückzulassen. Auch zu Wiedererlangung unserer Kanonen 
soll nicht alle Hoffnung verloren sein, da der grösste Theil derselben 
noch in den Schiffen bei Flörsheim gelegen haben soll. 

Erzherzog Karl soll viele Commissäre, die den Kaiserlichen in 
die Hände gefallen sind , und worunter nicht wenige von höherem 
Rang sein sollen, auf die Citadelle nach Würzburg als Staatsgefan- 
gene mit dem Bedeuten haben bringen lassen, sie würden nicht eher 
wieder loskommen, bis man die frankfurter Geissein ohne Entgelt 
würde freigelassen haben. 

Ein im Kitter versteckt gewesener Commissär wurde entdeckt 
und aufgehoben ; die Kaiserlichen machten gute Beute bei ihm. 

Heute Abend kam eine Abtheilung Mainzer Husaren zur Geleits- 
bedeckung hier an. 

Gestern mussten die Bürgermeister mit ihren Köpfen für die 
Ruhe der Bürger bis zum Abmarsch der Franzosen haften. 

September 9. Von Königstein her hörte man heute Morgen 
ein starkes Pelotonfeuer. 

Seit gestern steht auf der Bornheimer Haide ein kleines kaiser- 
liches Lager, meist Cavallerie. 

September 10. Gestern gab der Magistrat eine gedruckte 
Danksagung an die Bürger herum wegen ihres Wohlverhaltens 
während des verflossenen kritischen Zeitpunkts. 

Zu nemlicher Zeit statteten die Bürger-Capitäne im Namen der 
ganzen Bürgerschaft dem Magistrat und besonders der Kriegs-Depu- 
tation und den Bürgermeistern die Danksagung für bezeigte Stand- 
haftigkeit und gehabte viele Lasten und Bemühungen ab. 

September 13. Heute hörte man von der Lahn her stark 
kanoniren. 

September 14. Heute hörte man wieder von der Lahn her 
stark kanoniren. 

September 15. Eine heute angekommene Stafette bringt die 
erfreuliche Nachricht, dass gestern die Franzosen an der Laim ge- 
schlagen worden wären. 

Von allen Orten laufen die kläglichsten, die schrecklichsten Be- 
richte über die teuflische Aufführung der Franzosen ein. Letztes 
Spätjahr betrugen sie sich schon wie Teufel; welchen Namen 
soll man ihnen denn jetzt geben, wo sie es wo möglich noch ärger 
machteu. Ach ihr schönen fruchtbaren Gegenden Frank» ulands, und 
ihr reichen Gefilde der Wetterau, ihr seid lebendige, redende Zeugen 

VI 14 



- 210 — 

der französischen Grausamkeit, der französischen Mord-, Raub- und 
Plünderungshist ! Viele, sehr viele sonst blühende Dörfer sind jetz t 
Schutt- und Ascbenhaufen, und tausende von Familien klagen um 
ihre ermordeten oder gewaltsam vertriebenen Angehörigen. Ueberall 
aber beseelt auch Ein Geist und Ein Wille die deutsche Nation, und 
überall steht auch der Bürger und der Bauer zur Vertheidigung seiner 
Habe und seines Lebens auf. Viele Beispiele haben sie nicht allein 
von ihrer Tapferkeit gegeben, sondern dadurch auch gezeigt, waa sie 
leisten können. 

September 16. Heute hörte man wieder von der Lahn her 
stark kanoniren. Gestern Abend lagerte die kaiserliche Reserve- 
Armee, 15- bis 20,000 Mann stark, bei Wehrheim, und brach heute 
Morgen 5 Uhr nach der Lahn zu auf. 

September 20. Seit einigen Tagen liegen in Bornheim und 
Seckbach 700 gefangene Franzosen. 

September 25. Heute kam die kaiserliche Kriegs-Kasse hier an; 
auch marschirte viele Ergänzungs-Mannschaft und Depot durch. 

October 4. Heute kam die erfreuliche Nachricht, dass Erzherzog 
Karl mit dem von der Sieg mitgenommenen Truppen- Corps von etwa 
25,000 Mann vorgestern glücklich zwischen Mannheim und Speyer 
den Rhein passirt ist, und wahrscheinlich jetzt schon vor Landau steht. 

October 6» Heute hörte man von Landau her kanoniren. 

Heute kam das kaiserliche Kriegs- Commissariat nebst allen Aem- 
tern hier an. 

Oetober 14. Heute hörte man von Kreuznach her stark schiesseu. 

October 18. Heute ging viel kaiserliche Verstärkungsmann- 
schaft an Cavallerie und Infanterie hier durch. 

October 20. Heute ging wieder kaiserliche Verstärkungsmann- 
schaft hier durch. 

November 3. Heute passirten 700 gefangene Franzosen hier 
durch zur Auswechslung nach Cobleoz. 

November 5. Heute ging das Kriegscommissariat, die Feldpost 
und alle Canzleien von hier ab nach Heidelberg. 

November 8. Heute ging wieder ein starker Transport Kriegs- 
gefangener zum Auswechseln hier durch. 

December 22. Heute Abend kamen endlich die letzten der 
hiesigen Geissein wieder an, nemlich die Herren Schöff von Lersner, 
Schöff von Barkhaus, Senator Andreae, Senator Hetzler, Rathsherr 
G. Steitz, Hartmann. 

Die übrigen waren schon vorher zurückgekommen. 



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- 211 - 
1797. 

Februar 13. Schon vorige Woche marschirten von der nieder- 
rheinischen Armee Truppen, meistens Grenadiere, und gestern auch 
das Regiment Giulay hier durch. Zwei Grenadier- Bataillone blieben 
hier in der Stadt, die übrigen wurden in Offenbach und dortiger 
Gegend einquartiert. Der Sage nach ist ihre Bestimmung nach 
Italien. Auch sollen noch mehrere Truppen in Bewegung sein; es 
scheint jedoch, dass irgend eine andere Expedition der Zweck dieser Be- 
wegungen sei. Morgen brechen solche alle auf und nehmen ihre 
Richtung vorerst nach Heilbronn. Allen öffentlichen Blättern ist bei 
Strafe verboten, von diesem Marsch etwas zu erwähnen. 

Februar 28. Heute pasflirte das Infanterie-Regiment Ulrich 
Kinaky von der unterrheinischen Armee hier durch , wahrscheinlich 
um nach Italien zu gehen. 

März 4. Heute drohete unserer Stadt ein grqsses Unglück. Die 
Schreinerzunft, die schon seit einiger Zeit darauf drang, dass ein 
erneuertes Decret zum Verbot auswärtiger Schreinerwaaren gegeben 
werden möchte, dabei aber solche Klauseln verlangte, die man ihr, 
ohne in die Rechte der Bürger einzugreifen, nicht zugestehen konnte, 
hatte bis jetzt noch keinen Schluss zu ihrem Vortheil erhalten. Sie 
vereinigte sich also, solchen heute zu ertrotzen, und war um so mehr 
aufgebracht, da eben ein Magistrata-Edict sollte publicirt werden, 
welches die Rechte der Bürger darinnen handhaben sollte, dass solche 
auswärts dürften Möbel verfertigen und hereinbringen lassen, dagegen 
aber auch wiederholt bei Confiscations-Strafe verbot, unbestellte Möbel 
zwischen den Messen hereinzubringen. Die Schreiner dagegen ver- 
langten, ersteren Satz, der doch in den kaiserlichen Resolutionen den 
Bürgern zugestanden worden war, aufgehoben zu wissen. Die Ge- 
schwornen des Handwerks Hessen sich also heute nebst noch etlichen 
Meistern zum Beistand beim älteren Bürgermeister ansagen. Dieser 
verwilligte den Zutritt. Statt dessen aber kam das ganze Handwerk 
von 170 Meistern, und erhob auf einmal durch einander solches Ge- 
schrei und mitunter Drohungen, dass der Bürgermeister sie nicht an- 
hören konnte, sondern in den Schöffenrath hinaufging, die Sache an- 
zuzeigen. Die Schreiner drangen nun in die Audienz, insultirten den 
Actuarius Anthes, zerrissen ihm das in seiner Hand befindliche pro- 
jectirte Bdict, und nöthigten ihn, sich zur Audienz hinaus zu flüchten. • 
Der Schöffenrath konnte bei diesem Haufen, der zur Hälfte betrun 
ken war, nichts ausrichten, sondern vertröstete sie auf einen Raths- 
schluas. Mittlerweile hatte eine Anzahl derselben die Rathsstube, 

14* 



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— 212 — 

worin es warm war, an gefüllt. Nun kam auch der grösste Theil 
der Schneidermeister, die ebenfalls Klagen wegen des Pfuschens 
hatten, vereinigten sich mit den Schreinern, und verführten den nem- 
lichen Spectakel. Die meisten der im Römer anwesenden Mitglieder 
des Schöffenraths wurden sehr insultirt, und die grössten und schreck- 
lichsten Drohungen wurden ausgestossen. Nachmittags gegen 3 Uhr 
versammelte sich der Rath. Vorher aber, da die Sache so ernstlich 
wurde, berief der kaiserliche Commandant die ganze kaiserliche 
Garnison unter Waffen auf den Rossmarkt, und schickte Eilboten 
an in der Nachbarschaft cantonireude Cavallerie, dass solche auf den 
ersten Befehl in die Stadt rücken sollte. Die Stadt-Soldateska wurde 
auf der Hauptwache versammelt und dadurch sowohl die Hauptwache 
als die Besatzung der Nicolaiwache sehr verstärkt Ein scharfes 
Commando Grenadiere unter Anführung eines Oflficiers rückte in den 
Römer und besetzte alle Zugänge zu den inneren Höfen, nachdem 
zuvor die darin befindlich gewesenen Volkshaufen genöthigt worden 
waren, dieselben zu verlassen. Besonders um Mittag war der Lärm 
dieser tobenden Menschen am grössten. Der ganze untere Theil des 
Rathhauses bis ans Rathszimmer war mit denselben angefüllt, und 
vor ihrem Schreien, Fluchen und Toben konnte man sein eigenes 
Wort nicht verstehen. Grosse Gruppen, theils der gedachten, theils 
anderer Handwerker, die nur auf den Ausgang warteten, um sodann 
ebenfalls von ihrer Seite gleichen Unfug zu treiben, und mit gleichem 
Ungestüm unbillige Forderungen durchzusetzen, theils Neugieriger, 
waren am Eingang des Römers und auf dem Römerberg versam- 
melt« Bei einigen, besonders der beiden aufrührerischen Handwerke, 
waren Redner, meistens fremde junge Meister, die mit der grössten 
Hitze ihre Forderungen vertheidigten. Mitunter bemerkte man Leute 
mitten in dem Haufen, die ziemlich verdächtig schienen, sowie über- 
haupt dieser Auftritt das Ansehen hatte, als ob eine bösartige feind- 
selige, vielleicht fremde Faction hierunter mitwirkte. Indessen han- 
delte der Magistrat gross, edel und seiner Würde gemäss. Er ver- 
sprach den Schreinern, ihre Klagen zu untersuchen, sagte aber zu- 
gleich, dass man heute noch keinen Schluss fassen könne. Der 
grösste Theil ging nun gegen Abend nach Hause und bei Einbruch 
der Nacht war alles wieder ruhig, worauf dann der Magistrat auch 
wieder auseinander ging. Die Kaiserlichen rückten um 4 Uhr wieder 
ein, doch gingen Abends und die ganze Nacht starke Patrouillen 
derselben. 

März 7. In der Nacht auf heute, versichert man, sei auf dem 
Rossmarkt ein Freiheitsbaum mit einer rotheu Kapp« gepflanzt worden. 



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- 213 - 

Derselbe »oll aber sehr früh von der Wache entdeckt und auf die 
Hauptwache gebracht worden sein. 

Man versichert überdies, dass sich in der Stadt mehrere ver- 
kleidete Franzosen aufhielten, nach denen nun inquirirt würde. 

März 9. Der Rath war heute bis 3 Uhr versammelt; ob in 
der Sache der Schreiner etwas beschlossen worden, ist noch nicht 
bekannt. 

März 13. Auch die Gärtner verlangen, dass kein fremdes Ge- 
müse mehr in die Stadt solle, die Schiebkärcher , dass Kaufleute 
nicht mehr mit eigenen Wägelchen und Schiebkarren durch ihre 
Knechte sollen fahren lassen, sogar die Waschweiber, dass keine 
fremde Waschweiber mehr herein sollen. Ueberhaupt ist die Stim- 
. mung des gemeinen Volks dahier äusserst kritisch. Aber wo kommt 
es her? Irreligion und Sittenverderbniss, Luxus und Schwelgerei 
sind die Quellen alles dieses Uebels, und ach, statt diese Quellen zu 
stopfen, verbreiten sie ihren verheerenden Strom immer weiter, und 
hatten noch nie einen höheren Grad erreicht, als seit dem letzten 
halben Jahre. 

März 29. Vorgestern Abend ist General Mack hier angekom- 
men und heute früh zur .niederrheinischen Armee abgereist. 

April 19. Vorige Woche passirte fast täglich viele kaiserliche 
Cavallerie von der uiederrheinischen Armee hier durch nach Mann- 
heim za. Auch ist Artillerie und Munition thetls hinauf, theils hin- 
unterwärts gefahren. Den 17. dieses ging wieder ein Kegiment kaiser- 
liche Cavallerie hier durch nach der Lahn zu, und man sagt, dass 
die übrige Cavallerie auch wieder zurückkommen und nach der Lahn 
gehen solle. Seit dem 14. dieses haben wir die Nachricht, dass die 
Franzosen den bisher bestandenen Waffenstillstand aufgesagt haben. 

Man versichert heute, die Franzosen seien sehr stark bei Neu- 
wied über den Rhein gegangen, und hätten bereits die Kaiserlichen 
bis diesseits der Lahn gedrängt, so dass nur dieser Fluss noch zwi- 
schen den beiderseitigen Armeen, das jenseitige Land aber alles 
schon erobert wäre. — Gott stehe uns bei! 

April 20. Das Vorrücken der Franzosen erregt hier viele Be- 
sorgnisse und grosse Unruhe, besonders unter den hier anwesenden 
Messfremden. 

April 21. Heute hiess es schon, die Franzosen wären bereits 
in Eschborn, Sulzbach, Soden, Höchst u. s. w. Dies klärte sich nach- 
her dahin auf, dass nur ein Streif-Commando von Chasseurs in jene 
Orte gekommen ist und Contribution erhoben, nachher sich aber 



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- 214 - 



wieder zu seinem Corps, das zur Avantgarde der Lefevre'schen Divi- 
sion gehörte, und heute erst bei Falkenstein und Königstein einge- 
troffen war, zurückbegeben hat. 

In der Stadt ist es beinahe ruhig, nur musste bei obigem Lärmen 
die ganze hier liegende Besatzung vors Bockenheimerthor ausrücken, 
doch rückte sie Abends wieder ein. Die Thorwachen wurden aber 
doch verstärkt, und die Cavallerie-Patrouillen streiften bis an die 
Nidda, wo die letzten kaiserlichen Vorposten standen. Die Brücken 
über die Nidda wurden überall von den Kaiserlichen abgeworfen. 

Die kaiserliche Haupt- Armee zieht sich rechts von unserer Gegend 
weg, dehnt sich von Friedberg gegen Wetzlar und rückt auf diese 
Art immer gegen das Fuldischc zurück, und so auch rückt ihr die 
Haupt- Armee des Generals Hoche nach, so dass wir beide Haupt- 
Armeen nicht in unsere Gegend bekommen werden. 

Jenseits des Mains steht ein Corps kaiserlicher schwerer Caval- 
lerie, welches die Patrouillen und Vorposten abgibt, die demnach 
beständig fort hin und her reiten. 

Heute Nacht ging ein starkes kaiserliches Truppen-Corps jenseits 
des Mains an der Stadt vorbei nach Mainz zu. Man weiss nicht, ob 
diese Truppen zur Verstärkung der Garnison jenes Platzes bestimmt 
sind, oder welchen Zweck sie sonst haben. 

Zur Vertheidigung unserer Stadt werden keine auffallende An- 
stalten gemacht. Die Brustwehren auf den Wällen sind etwas abge- 
stochen, die Schiesslöcher geputzt, die eisernen Kanonen aufgedeckt 
und gerichtet, und am Bockenheiinerthorwall sind 2 kaiserliche Feld- 
stücke in die Batterie, welche die Brücke dominirt, eingeführt worden. 
Doch kann alles dieses nur auf einen Augenblick nutzen, an eine 
längere Vertheidigung aber ist nicht zu denken. 

April 22. Der heutige Tag war für Frankfurt vorzüglich merk- 
würdig, und Gottes allwaltende Obhut hat heute dergestalt sowohl 
über uns als das Glück so vieler Tausend anderer fremder Menschen 
gewacht, dass wir es beständig erkennen und anbetend und preisend 
aagen müssen: Lobe den Herrn» raeine Seele, und vergiss nicht, 
was er dir Gutes gothan hat! 

Heute Morgen war alles noch in vollkommener Ruhe, die Thor wachen 
waren zwar von vorgestern her noch stark besetzt, und die C avallerie 
machte Patrouillen und hatte ihre Vorposten bis an der Nidda stehen. 
Jedoch rückte bald die Avantgarde der Lefevre'schen Division aus 
dem Gebirge herab in die Ebene, und als dieselbe an die Nidda 
kam, fing längs derselben das Geplänkel an. Als gegen Mittag die 
Division selbst zum Vorschein kam, zogen sich die kaiserlichen 



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215 - 



Cavalleristen der entgegenkommenden Uebermacht wegen zurück. 
Die Franzosen passirten demnach die Nidda ohne viele Schwierig- 
keiten, ausgenommen, dass die Brücken erst mussten hergestellt wer- 
den, wozu die Ortsbewohner, wo die Uebergänge geschahen, haupt- 
sächlich in Hausen, unter Bedrohung von Feuer und Schwert, ange- 
halten wurden. Dieaeinnach rückten sie nun gegen unsere Stadt 
vor, und um 1 Uhr konnte man schon den Anmarsch ihrer Colonne 
von Bockenheim her auf den Wällen bemerken. Die kaiserlichen 
Cavalleristen postirten sich tbeils rechts und links vom Bockenheimer- 
thor, theils hatten sie starke Piquets sowohl nach der Mainzer als 
der Bockenheimer Chaussee und auf den Feldern da herum ausgestellt. 
Ihre äussersten Vorposten waren etwa einen Kanonenschuss von der 
Stadt entfernt. Man war demnach nun in der grössten Besorgnis», 
besonders da man die eigentliche Absicht der Kaiserlichen wegen der 
Vertheidigung nicht wusste. Es war nun gegen 2 Uhr, und auf 
einmal hörte man in allen Strassen den ebenso unerwarteten als freuden- 
vollen Ausruf: „Es ist Friede! — Der Courier ist durchpassirt." 
Man stürzte nun aus den Häusern, man lief, man fragte, und erfuhr 
dann, dass um halb 2 Uhr ein französischer Schild-Courier, Namens 
Joseph Bellin von der Armee des Buonaparte in vollem Galopp 
hereingekommen und bei dem Stadt-Commandanten Mjlius abgestiegen * 
war. Er war den 17. dieses von Leoben an der Gränze Steiermarks 
gegen Oesterreich zu abgegangen und hatte den Weg von da bis 
hier in 4 1 /« Tagen zurückgelegt. Dabei war er aber auch so scharf 
geritten, dass er seine Beinkleider an den Knieen ganz abgeritten 
hatte. Er hatte 2 Depeschen, eine an General Wernek, den kaiser- 
lichen General en chef der niederrheinischen Armee, und eine an 
den General en chef Hoche ä Francfort s. M. Seine Pässe 
waren von Buonaparte, dem kaiserlichen General Graf Meerveldt und 
dem neapolitanischen Gesandten Marchese di Gallo als Friedensbe- 
vollmäohtigten, und von General Berthier unterzeichnet. Der Courier 
versicherte, er brächte die Nachricht, dass zwischen obigen Personen *) 
die Präliminar- Friedensartikel unterzeichnet worden seien, und es hätten 
sich bei seiner Abreise Buonaparte, Meerveldt und Gallo unter dem 
Freudenausruf umarmt: „Vive l'Empereur, vive la Republique francaise, 
nous avons la paix!" Er wurde demnach eiligst nach dem Haupt- 
quartier des Generals Wernek nach Friedberg zu abgefertigt, und 
diese freudige Nachricht verbreitete sich schneller als der Blitz durch 
die ganze cStadt Die Freude darüber gränzte nahe an Uebertreibung, 



J in Leoben 



- 216 - 

und es ist nicht zu beschreiben, mit welchem Enthusiasmus in allen 
Strassen der freudige Ausruf: es ist Friede! wiederhallte. Jeder lief, 
um seinen Freunden zuerst diese Nachricht mitzutheilen. Dabei ist 
allerdings zu bemerken, dass diese Neuigkeit doppelten Eindruck auf 
uns machen musste, da gerade der Feind schon Tor den Thoren war 
und wir eben eine Besetzung von demselben befürchteten, und die 
Folgen derselben uns gar zu wohl bekannt waren. Nun lief alles auf 
die Wälle am Bockenheimerthor, um zu sehen, welchen Eindruck 
diese Nachricht auf beiderseitige Truppen machen würde. Man sah 
nun die Franzosen vorwärts dicht an der Bockenheimer Warte mit 
etwa 4000 Mann Cavallerie in einer Linie aufmarschirt. Alles war 
still, nur bemerkte man, dass ebenfalls hinter der Gallenwarte von 
Höchst her eine Colonne im Anzüge war. Schon hatte die Töte der- 
selben die Warte passirt, als plötzlich in der Gegend von Rödelheim 
ein Kanoncn8chuss, wahrscheinlich zum Signal, geschah. Im Augen- 
blick machte jene Linie an der Bockenheimer Warte eine Wendung 
und sprengte nun mit verhängten Zügeln vorwärts, warf die vorderen 
kaiserlichen Piquets auf die hinteren zurück, fing an zu laden, und 
nöthigte nun die kaiserlichen Cavalleristen, sich eilig in die Stadt 
zurückzuziehen. Diese, die glaubten, die Franzosen würden zugleich 
mit in die Stadt eindringen, jagten nun in dem allerstärksten Galopp 
durch die Stadt bis nach Sachsenhausen. Nur die hintersten, da 
sie wussten, dass die Thore verschlosseu waren, ritten in ordentlichem 
Schritt. Dies machte nun wieder den allerlebhaftesten Eindruck in 
der Stadt. Man sah die Cavallerie in der stärksten Carriere retirirend 
durch die Stadt sprengen, fürchtete nun nichts anderes, als dass die 
Franzosen zugleich in die Stadt eindringen würdon, und empfand 
nun alle Schrecken aufs, lebhafteste, die ein sodann erfolgendes Ge- 
metzel, so wie die Unannehmlichkeiten, die eine feindliche Besetzung 
mit sich bringen würde. Der Uebergang von der Freude zum 
ärgsten Schrecken war zu geschwind, und machte also doppelten 
Eindruck. Man verschloss in der allergrössten Eile Läden und Häuser, 
und erwartete nun voller Besorgnisse den weiteren Ausgang; allein 
Gott rettete uns! Es waren von der retirirenden kaiserlichen Cavallerie 
noch etwa 20 Mann zurück, die Franzosen ihnen aber so nahe auf 
dem Hals, dass, wenn man solche zum Thor hereingelassen hätte, 
die Franzosen ganz ohnfehlbar mit eingedrungen wären, und somit 
ihren Plan, Frankfurt durch einen Handstreich in Besitz zu nehmen, 
ausgeführt hätten. Allein der am Bockenheimerthor commandirende 
kaiserliche Oberlieutenant Brzezinsky des Infanterie-Regiments Man- 
fredini, von dem ein Theil die hiesige Besatzung ausmachte, liess eilig 



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- 217 — 



den Schlagbaum nieder, verschloss den Gattern, licss seine Soldaten 
sogleich feuern, nahm selbst ein Gewehr, und that 20 Schüsse damit. 
Gleich blieben einige der ansprengenden Chasseurs auf dem Plate 
und mehrere wurden verwundet. Man feoorte noch von beiden Seiten, 
als der Stadt-Commandant von Mylius zu dem Thor hinausritt, den 
Franzosen die Ankunft des erwähnten Couriers anzeigte und demnach 
um Einstellung der Feindseligkeiten ersuchte. Er liess daselbst 
einen Officier als Geissei und ging sodann weiter zu General Lefevre, 
dem er die nemliche Nachricht brachte. Dieser wollte solches an- 
fänglich nicht glauben, doch aber nach den bündigsten Versicherungen, 
und nachdem auch ihm ein Officier als Geissei gelassen worden war, 
willigte er endlich ein, vorläufig einen Waffenstillstand auf vierund- 
zwanzig Stunden zu schliessen, bis er von General Hoche nähere 
Verhaltungsbefehle würde erhalten haben. Dieser Waffenstillstand 
wurde dann auch, nachdem General Lefevre nebst noch einem General 
und ihren Adjutanten in die Stadt gekommen war, im Römischen 
Kaiser abgeschlossen und die Geissein ausgewechselt. Abends gegen 
5 Uhr zog sodann jene Colonne, die zur Einnahme Frankfurts be- 
stimmt war, vom Bockenheimer bis ans Neue Thor um die Stadt 
herum nach der Friedberger Warte zu, wo sie sich lagerte. General 
Lefevre nahm sein Hauptquartier in Bornheim. 

Die vorhin gedachten , am Bockcnheimerthor ausgeschlossenen 
20 Mann kaiserlicher Cavalleristen retirirten sich nach dem Gallen- 
thor und sodann an den Main, welchen sie durchschwammen, wodurch 
sie glücklich entkamen. Am Gallenthor wurde das daselbst postirte 
Piquet von 30 Mann und 1 Officier gefangen. 

Von Magistrats wegen waren auf die Nachricht, dass die Fran- 
zosen anrückten, bereits Bürgermeister Schweitzer und Syndicus 
Seeger als Deputirte ernannt, dem General Lefevre entgegen zu 
gehen, ihm die vom Directorium bereits am 2. December vorigen 
Jahres zu Gunsten unserer Stadt ausgefertigte Neutralität« -Pacto 
(welche auch Mittags gedruckt von Haus zu Haus ausgetheilt ward) 
vorzuzeigen und um eine derselben gemässe Behandlung zu bitten. 
Als sie oben abfahren wollten , kam jener Courier mit der Friedens- 
nachricht herein, und sie änderten also ihren Vortrag dahin ab, den 
General Lefevre besonders wegen des geschlossenen Friedens zu be- 
complimentiren. Sie fuhren also in einer mit 4 Pferden bespannten 
Kutsche, in Begleitung des Stadtdieners Soldan zu Pferd, zum Bocken- 
heimerthor hinaus. Kaum aber waren sie auf der Chausee, so geschah 
der schon gedachte Angriff, und sie kamen demnach gerade ins Ge- 
dränge. Die vorsprengenden französischen Husaren schössen mit 



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- 218 - 

Vorsatz nach der Kutsche und verwundeten den Kutscher, der nach- 
her in einer Portechaise hereingebracht wurde. Die beiden Deputat! 
entsprangen nach der Gärtnerei, wurden aber dahin von etlichen 
Chasseurs verfolgt, und, ohnerachtet sie sagten, sie seien Deputati 
und brächten ihnen die Botschaft des Friedens, wurden ihnen den- 
noch die Uhren abgenommen. Soldan ward vom Pferd geworfen, 
und fiel gerade auf einen verwundeten Franzosen; sein Pferd kam 
hernach ledig zurück gelaufen. AU sodann die Deputati doch zu 
Lefevre kamen, so versicherte dieser, er hätte keine Instructionen, 
Frankfurt neutral zu behandeln. Ein anderer General versicherte, 
hier bei der Armee sei nichts davon bekannt, dass Frankfurt neutral 
wäre. Lefevre bemerkte weiter, er würde seine Leute beim Ein- 
dringen in die Stadt nicht haben vom Plündern abhalten können. 
Man weiss nun , dass General Lefevre die Ordre hatte, bis 6 Uhr 
Frankfurt zu nehmen, es möge auch kosten, was es wolle, so wie 
auch, dass dafür den Franzosen Plünderung versprochen war. (Trotz 
unserer Neutralität!) Die Franzosen sagten dies allenthalben nicht 
nur einhellig, sondern Lefevre sagte selbst zu ihnen beim Angriff: 
„ Albris, courage mes enfants, si vous venez ä Francfort, tout vous 
appartiendra." — Wir hatten also unsere Errettung und Erhaltung, 
nächst Gott, der Entschlossenheit des Oberlieutonants Brzezinsky 
und der Geschwindigkeit des Couriers Bellin zu verdanken. Auch 
waren die Franzosen dermassen auf letzteren aufgebracht, weil ihnen 
durch seine Dazwischenkunft ihr Streich misBlungen und daher eine 
unerroeBsliche Beute entgangen war, dass selbst Stabsofficiere und 
Generale sagten, sie wünschten, er hätte lieber Hals und Beine ge- 
brochen, und sie könnten ihn vor Bosheit erschiessen. Wenn dem- 
nach nun der endliche Friede, wie zu hoffen steht, zu Stande kommt, 
so kann man sagen, der Krieg des Niederrheins hat an den Thoren 
Frankfurts sein Ende gefunden, und am Schlagbaum des Bocken- 
heimerthora sind die letzten Schlachtopfer desselben gefallen! 

Auch ist dieser unvorhergesehene Fall das Glück der kaiserlichen 
Armee unter Wernck gewesen , die bereits überflügelt war, und statt 
uach dem Fuldischen zu retiriren, sich eiligst nach dem Main zu 
wenden musste, um denselben etwa in der Gegend oberhalb Hanau 
zu passiren. Heute war das Hauptquartier des Generals Wernek 
in Bergen und jenes des Generals Hoche in Friedberg. 

April 23. In der Nacht auf heute passirte auch ein kaiserlicher 
Courier an General Wernek mit der Friedens- Nachricht durch. 

Die Thore blieben heute verschlossen ; an jedem Thore steht ein 



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219 



starkes Cavallerie-Piquet und auf einer gewissen Distanz die Vor- 
posten. Von beiden Seiten wird in der Gegend patrouillirt 

Indessen hören wir die kläglichsten Nachrichten von der Auf 
führung der Franzosen in den benachbarten Gegenden. Hausen, wo 
der Uebergang Uber die Nidda geschah, und Bornheim, wo das Haupt- 
quartier ist, sind besonders hart mitgenommen und in verwichener 
Nacht entsetzlich geplündert worden. 

Auch werden die Felder in der ganzen Gegend aufs beweinens- 
würdigste zugerichtet, indem die Pferde das in der schönsten Hoff- 
nung stehende Getreide rein abfressen. 

April 24. Noch sind heute die Thore geschlossen, und Niemand 
darf ohne Pass weder aus noch ein. 

Heute Morgen kam die beiderseitige Generalität herein und 
blieb bis Abends im Rothen Haus versammelt. Es wurde der Stand 
der beiderseitigen Armeen bestimmt ; die Franzosen ziehen sich nem- 
lich hinter die Nidda und die Kaiserlichen bleiben im Besitz Frank- 
furts, welchen sich beide Parteien streitig machten. 

Die verflossene Nacht wurde in Bornheim und anderen Ortschaf- 
ten wieder geplündert, Vieh weggenommen, vieles Holzwerk und 
sonstige Ger&thschaften, Haus-, Stuben-, Scheuer- und Stallthüren 
auf die gottloseste Art verbrannt, Obstbäume umgehauen und Uber- 
haupt erschrecklich gehauset. 

April 25. Heute zogen sich die Franzosen, der getroffenen 
Uebereinkunft gemäss, hinter die Nidda. Obgleich die Thore ver- 
schlossen sind, so darf doch jedes durch die Ausfülle passiren und 
bei Fuhrwerk werden die Thore aufgemacht. 

Das Hauptquartier des GeneraU Wernek ist in Offenbach, das 
des Generals Hoche in Friedberg und das des Generals Lefevre in 
Höchät. 

Beim Abzug haben die Franzosen ihre Lagerhütten von Stroh 
alle verbrannt 

Die Posten gehen der getroffenen Uebereinkunft gemäss durch 
beide Armeen ungehindert durch. 

April 26. Heute kam das Marktschiff von Mainz wieder an, 
und die Schifffahrt von hier bis Holland ist wieder ganz frei. 

April 27. Heute rückten 4 Bataillone kaiserliche Grenadiere, 
nemlich Frankenbusch, Claue, Segerath und Schreckingen, als Be- 
satzung ein; dagegen zog die bisher gehabte Besatzung von Man- 
fredini ab. 

Am Sonntag den 23. dieses wurden gleich Extrabeilagen zur 
kaiserlichen Zeitung gedruckt und darin die Neutralitätspacte der 



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- 220 — 



Stadt Frankfurt eingerückt Allein sie wurden sogleich auf Befehl 
des kaiserlichen Stadt-Commandanten unterdrückt , und es mussten 
deren andere gedruckt werden, wo solches nicht angeftiget war. 
Gleiches geschah auch mit dem sonntagigen Journal de Francfort. 

April 28. Das Dorf Bornheim hat wahrend des Kriegs schon 
56,000 fl. Schulden gemacht, wozu dasjenige, was die jetzigen Kosten 
betragen, noch nicht gerechnet ist Diesmal betrug der Küchenzettel 
für eine Genoralstafel 200 fl., die Confituren für 2 Mahlzeiten 
kosteten 144 fl. 20 kr., und dies alles muss das Dorf bezahlen. 

April 29. Seit heute haben die Franzosen die Communication 
mit der Stadt gesperrt, lassen über die Nidda nichts weder herüber 
noch hinüber passiren, haben auch das Mainzer Marktschiff, das von 
hier abgefahren war, wieder hierher zurückgeschickt, desgleichen auch 
die Post nach Mainz nicht passiren lassen, und dieses alles, sagen 
sie, alB Repressalien dafür, dass vor einigen Tagen die Kaiserlichen 
etliche Brodwagen, die unsere Stadt den Franzosen schickte, nicht 
passiren liessen, auch dass die Kaiserlichen eine solche starke Be- 
satzung in die Stadt gelegt hätten. 

Der kaiserliche General-Feldmarschall-Lieutenant und General- 
Ober-Kriegs-Commissär von Lilien hat 500,000 fl. von hiesiger Stadt 
als Anlehen gefordert, und zwar unter Bedrohung, dass, wenn solche 
nicht bei geschallt würden, er sie executiv würde eintreiben lassen. 
Allein man hat ihn abgewiesen und dessfalls Deputirte an den Erz- 
herzog Karl nach Durlach gesandt. 

Hai 2. Heute marschirten die 4 hier gelegenen Grenadier-Ba- 
taillone wieder weg nach Schwaben; dagegen rückte das ganse Re- 
giment Manfredini hier ein. Auch wurde das Hauptquartier des Ge- 
nerals Wernek hierher verlegt. 

Mai 3. Nachdem eine Deputation der Kaufmannschaft bei Ge- 
neral Hoohe um Aufhebung der angelegten Sperre angesucht hatte, 
so wurde solche bewilligt und alle Passage ganz frei gegeben. Morgen 
fährt auch das Marktschiff wieder. 

Heute kamen wieder ein französischer und ein kaiserlicher Cou- 
rier hier zum Affenthor herein. 

Am Montag den 1. dieses soll bereits der französische Courier 
von Paris mit der Nachricht der ratificirten Friedens präliminarien 
bei General Hoche angekommen sein. 

Hai 6. Ohngeachtet die Nidda frei zu passiren sein sollte, so 
ist dieses doch keineswegs der Fall, sondern die Franzosen halten 
alle Passanten zurück, die dann entweder durch ein Trinkgeld oder 
durch einen zu erkaufenden Pass sich die Passage frei machen müssen. 



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- 221 - 

Sogar hat heute die Schildwache an der NiddabrUcke zu Bonames 
nach dem Postknecht auf der Homburger Diligence gestochen (glück- 
licher Weise aber ging der Stich nicht durch die Kleider), weil er 
der gehabten Erlaubniss zufolge ohne Pass vorbeifahren wollte. 

Mai 10. Gestern passirten 2 Couriere hier durch, die von Paris 
kamen nnd den Generalen Hoche und Lefevre die Nachricht von 
der Ratification der Friedens-Präliminarien überbrachten. Man ver- 
sichert, in Folge dieser Nachricht hörten nun alle ferneren Requi- 
sitionen und Contributionen auf, die Verpflegung der Truppen fiele 
zwar den von den Franzosen besetzten Ländern zur Last, diesen 
würde es aber von der französischen Regierung vergütet werden. 

Mai 11. Heute Abend war General Hoche mit seinem Gefolge 
hier in der Comödie, wo auf sein Ersuchen die Zauberflöte gespielt 
wurde. 

Mai 12. Heute frühstückte Hoche beim General Wefnek und 
ging Mittags nach Höchst zu General Lefevre ab. 

Vor ungefähr 14 Tagen, als schon die Nachricht der unterzeich- 
neten Friedens-Präliminarien allgemein bekannt und überdies aus- 
drücklich Sicherheit für alles nach der Frankfurter Messe Gehende 
zugesagt war, wurden auf dem Westerwald 11 von Duisburg herauf- 
fahrende mit nach Frankfurt bestimmten Gütern beladenc Karren 
von den Franzosen durchaus samrat Wagen und Pferden geplündert. 

Mai 13. Gestern Abend kam Hoche von Höchst zurück und 
ging heute wieder nach Friedberg ab. 

September 23. Den 19. dieses Nachts starb in Wetzlar der 
Obergeneral der Sambre- und Maas-Armee, Hoche, an den Folgen 
eines kleinen Geschwürs, das sich auf der Luftröhre angesetzt und 
entzündet hatte. Er war erst gegen 30 Jahre alt. Sein Ende war 
erschrecklich, so wie es seine T baten verdienten. Er machte sich 
besonders als der Vendde- Verheerer berühmt, wo er alles mit Feuer 
und Schwert verheerte und mehr als 500,000 Menschen, meistens 
Vendeeisten, würgte. Gleiche Grausamkeit verübte er an den zu 
Quiberon gelandeten und von ihm gefangenen Emigranten, die er 
auf Pardon gefangen nahm und nachher alle erschiessen Hess. — 
Hier zeichnete er sich nicht sowohl durch Grausamkeit aus, als da- 
durch, dasa er erpresste, was er konnte, Erpressungen auf 
Erpressungen häufte, neue Contributionen auflegte, wenn man die 
alten noch nicht abgelegt hatte und keine Möglichkeit sah, nur diese 
su berichtigen, und dabei alles mit der grössten Strenge eintrieb. 
Die Urenkel werden ihm noch fluchen, denn die durch ihn verursachte 
Schuldenlast der jenseits der Nidda bis an den Rhein gelegenen 



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<- 222 — 

Gegenden ist so gross, dass sie von diesen noch nicht wird können 
abbezahlt werden. Aber sein Gewissen malte ihm alle seine ruch- 
losen Thaten vor seinem Ende so lebhaft vor, dass er in der grössten 
Verzweiflung starb. Sein fürchterliches Geschrei konnte man in de r 
halben Stadt hören. Er konnte nicht im Bette bleiben, sondern 
musste auf dem Sofa an die offenstehenden Fenster gebracht werden, 
um etwas Luft zu bekommen. Seine Einbildungskraft war immer 
mit der Vendee und mit Quiberon beschäftigt, er träumte und fanta- 
sirte beständig davon, und sicher ist, dass er nun einen Vorgeschmack 
der Hölle fühlen musste, wenn er bedachte, dass Hunderttausende 
seiner als Ankläger vor dem Richterstuhl Gottes warteten. 

Den 22. dieses feierten die Franzosen ihren Neujahrstag in ver- 
schiedenen Lagern. Die aus hiesiger Gegend hatten sich alle in 
einem Lager bei Oberursel versammelt, wohin dann alles Erforder- 
liche herbeigeschafft werden musste. Die Unkosten des Städtchens 
Homburg für diesen Tag betrugen allein 2500 fl. 

October 6. Heute in aller Frühe rückte das bisher hier in Gar- 
nison gewesene Regiment Mitrowsky aus und kam dagegen das Re- 
giment Lascy herein. 

October 7. Noch leben wir in der gespanntesten Erwartung 
wegen Krieg oder Frieden; die englischen Friedensunterhandlungen 
in Lille sind seit einiger Zeit abgebrochen und jene mit dem kaiser- 
lichen Hofe in Udine sind suspendirt. Die seit dem 4. September in 
Frankreich dominirende Partei scheint eher Krieg als Frieden zu 
wollen, und alles gewinnt das Ansehen, als ob von Neuem dieses 
fürchterliche Uebel Deutschland und besonders unsere Gegend ver- 
heeren wolle. Von beiden Seiten rüstet man sich, ist gespannter 
gegen einander wie bisher, und beobachtet sich mit der strengsten 
Aufmerksamkeit. Nnr Ein Wink fehlt, und wenn dieser kommt, dann 
bricht der Kampf wieder mit erneuerter Wuth und Hitze los, ohne 
dass es möglich wäre, bestimmen zu können, wann wieder Ruhe er- 
folgen sollte. Während dieser ängstigenden Ungewissheit sehen wir, 
ohne daBS es irgend von jemand verhindert werden kann, die Fort- 
schritte des IHuminatismus in den jenseitigen Rheingegenden, beson- 
ders von Coblenz abwärts, wo bereits schon ganze Districte mit Güte 
oder Gewalt sich als unabhängig erklärt und eine Föderation unter 
dem Namen der Cisrhenanischen Republik gebildet haben, die aufs 
eifrigste von den Franzosen unterstützt wird. Auch dies wird viel 
zur Verzögerung des Friedens beiwirken. Und dann, wer weiss, wie 
weit die Transrhenanische Republik noch entfernt ist ! Täglich kann 
man mehr die auffallendsten Beweise von den riesenmäasigen Fort- 



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— 223 - 

schritten des Geistes unserer Zeit bemerken, da mit jedem Tage 
Laster aller Art; Ueppigkeit, Wollust, Religionsverachtung und Ver- 
lästerung zunimmt. Da, wo keine Sitten und Gesetze mehr gelten, 
da, wo Religion die menschlichen Leidenschaften nicht mehr zurück- 
hält, ach, da ist das allgemeine Verderben nahe, sehr nahe vor der 
Thür, und wird, ehe man es sich versehen wird, mit Macht herein- 
und losbrechen. 

October 27. Heute Morgen mit dem Frühesten schon erfüllte 
die Verkündigung der Friedens- Nachricht*) alles mit Freude und 
Entzücken. Heute Morgen 4 Uhr hatte der Major Graf von Collo- 
redo, der vom Erzherzog Karl desshalb als Courier zu dem hier com- 
mandirenden kaiserlichen General Grafen Sporck gesandt worden 
war, dieselbe hergebracht. Nun lebt man wieder froh auf, und viele 
freuen sich schon, nun die süssen Früchte des Friedens und eine 
ungestörte Ruhe wieder schmecken und gemessen zu können. Geb' 
es Gott! den wir herzlich darum bitten, besonders da uns Frieden 
und Ruhe, ein Gut, das wir sonst nur dem Namen nach kannten, 
und von dem wir nicht wussten, dass es uns geraubt werden könnte, 
nach so vielen Jahren des Elends und des Jammers nun so unschätz- 
bar geworden ist. 

November 3. Heute war General Augereau nebst seinem Ge- 
folge hier. 

November 17. Gestern Morgen sind die beiden Schöffen von 
Günderrode und Schweitzer von hier zum Friedens-Congress nach 
Rastatt abgereist. 

Deeember 10. Heute früh marschirte das bisher hier garniso- 
nirende kaiserliche Infanterie - Regiment Lascy dahier aus; es geht 
■urück nach Böhmen. Gestern sind dahier etwas fränkische Kreis- 
truppen eingerückt, die aber bereits morgen wieder weggehen sollen. 

Deeember 11. Die ganze kaiserliche Armee, die in voriger 
Woche aus allen Ihren Standquartieren mit Ausnahme eines kleinen 
Theils, Ider noch als Contingent bei der Reichsarmee verbleibt, die 
bis zum Abschluss des Friedens stehen bleibt, aufgebrochen ist, mar- 
schirt in starken Märschen und mit ganz ungewöhnlicher Eilfertigkeit 
theils nach Böhmen und theils nach Baiern und weiterhin nach Inner- 
österreich, ins Salzbnrgische , Passauische u. s. w. Viel, sehr viel 
wird über diese zwar ganz natürliche, aber durch die Art, wie solche 
ausgeführt wird, ganz unbegreifliche Bewegung gesprochen, wozu 
denn noch das Sonderbare kommt, dass dagegen in der französischen 

*) deB Friedens von Campo Formio. 



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— 224 - 



Armee, besonders der diesseitigen, sehr verdächtige Bewegungen 
vorgehen, und dieselbe noch mit Truppen von jenseits de* Rheins 
verstärkt wird, dagegen wieder andere Corps von ihr abwärts nach 
Holland zu marachiren. Alle Festungen am Rhein werden von den 
Kaiserlichen verlassen und dagegen von den Reichstruppen besetzt. 
Mainz soll, so will man sagen, zum Theil mit Franzosen besetzt 
werden, das linke Rheinufer, wenigstens von unten aufwärts bis an 
die Mosel, scheint für Deutschland verloren zu sein. Unsere Stadt 
hat jetzt keine fremde Besatzung, die Stadtsoldaten besetzen die 
Thore diesseits, die Kanoniere jene jenseits, die bürgerlichen Kano- 
niere die Constablerwache , und die kleinen Thörchen sollen zuge- 
schlossen werden, so auch das Eschenheimerthor, wo nur der Ausfall 
offen ist. Die Bürger machen zur Sicherheit wegen Feuer und 
Dieben Nachts zu 10 Mann aus jedem Quartier Patrouillen in 
der Stadt 

Ueber das Schicksal unserer Stadt, so wie überhaupt Uber die 
noch bevorstehenden politischen Begebenheiten wird viel gemuthmasset, 
doch ohne dass man irgend etwas Bestimmtes wüsste. Gewiss ist es 
indessen, dass wir in der Entwicklung grosser wichtiger Begeben- 
heiten sind, die vielleicht bald einbrechen, vielleicht zusammen, viel- 
leicht besonders eintreffen. Dunkle schwarze Gewitterwolken bedecken 
den politischen Horizont und drohen aus allen vier Weltgegenden 
fürchterlich einzustürmen ! 

December 14. Noch ist man wegen der verschiedenen politi- 
schen, zum Theil fast unerklärbaren Begebenheiten ganz im Dunkeln ; 
es scheint jedoch die Entwicklung nicht mehr fern zu sein. Heute 
sollen dem Vernehmen nach die Franzosen in Mainz einrücken. 
Nach anderen Berichten ziehen viele Franzosen nach dem Fränkischen 
hinauf, und sollen vor etlichen Tagen sowohl bei Tag als bei Nacht 
viele an hiesiger Stadt vorbei dahin gezogen sein. 

December 17. Heute Morgen ging ein sehr langer Zug kaiser- 
liche Artillerie und Munition hier durch von Mainz kommend, nach 
Oesterreich zurück. 

December 18. Sehr bemerkenswerth ist, dass den 10. dieses, 
am nemlichen Tag, als Buonaparte seine solenne Audienz im Direc- 
torium hatte, man in Paris den ganzen Tag Uber einen hell glänzenden 
Stern am Himmel gerade Uber dem Directorial-Palaste stehen sah! 

December 22. Gestern kam ein Theil der abmarschirten Be- 
satzung von Ehrenbreitstein nebst dem seitherigen dortigen Comman- 
danten Freiherrn von Sechtem auf Hermannstein hier au und wurde 



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- 225 — 



einquartiert. Heute halten dieselben Rasttag und setzen morgen 
ihren Marsch nach den Erbstaaten fort 

December 23. Vor etlichen Tagen ging wieder ein Transport 
von 50 Stück schweren Geschützes von Mainz hier durch. 

December 25. In der Nacht auf heute kamen Franzosen ans* 
Allerheiligenthor, und forderten Pechfackeln und Nägel. Diese wurden 
ihnen geliefert. Dann luden sie viele Tausend Stück starke doppelte 
Dielen und Borden, die sie vorher requirirt hatten, auf mehrere Hundert 
Wagen die sie bei sich hatten, auf, und führten dieselben nach Höchst, 
wo sie eine Schiffbrücke schlugen, von wo sie dann ins Darmstadtische 
gingen, und viele Tausend Wagen mit Fourage u. s. w. herüberholten 
und nach Mainz brachten. 

December 26. Heute brachen sie dann die Schiffbrücke wieder 
ab und verkauften die Dielen. 

December 27. Am Sonntag den 24. und Montag den 25. dieses 
waren viele Franzosen von Kamberg her in Kronberg und dortiger 
Gegend angekommen. Sie sagten laut, sie gingen nach Frankfurt. 
Gestern in aller Frühe brachen sie hierher auf. Auf dem Wege 
aber bekamen sie unvcrrauthet Befehl, Halt zu machen, und kehrten 
sodann wieder gegen Kamberg zurück. 

Seit etlichen Tagen sind viele aus der Wetterau kommende 
Franzosen an hiesiger Stadt vorbei gegen Mainz marschirt. 

Andere Corps ziehen sich anhaltend gegen das Fuldische. Auch 
versichert man nun für gewiss, dass ein beträchtliches Corps bereits 
gegen das Münsterische, Paderbornische und Hannoverische im An- 

December 28. Die Schiffbrücke unterhalb Höchst hatte doppelten 
Zweck. Erstlich raarschirten die Franzosen mit einem kleinen 
Corps darüber ins Darmstädtische und fouragirten dermasaen, dass 
die darmstad tische Regierung endlich gezwungen wurde, in das Ver- 
langen der Franzosen zu willigen, die darmatädter Truppen aus 
Mainz zu ziehen. Morgen roarschiren dieselben aus. Man rechnet 
auf 4000 Wagen Fourage und Lieferungen , die die Franzosen er- 
presst haben. Sodann droheten dieselben mit einem Uebergang über 
den Main, um in die oberen Mainzer Länder einzudringen und dort 
alles in Unordnung zu bringen, so dass dadurch der Churfilrst, der 
bereits von Aschaffenburg flüchten wollte, genöthigt wurde, endlich 
die Capitulation der Uebergabe von Mainz zu unterschreiben, so dasn 
diese nun den 31. dieses oder den 1. Januar geschehen wird. 

In unsere Stadt wollten die Franzosen 3 Bataillone Besatzung 
legen, Hessen sich aber in Accord ein, und nun müssen ihnen, mau 



VI. 



15 




- 226 - 

sagt seit Anfang dieser Woche, 400 Carolinen täglich bezahlt werden. 
Dies macht die Woche die grosse Summe von fl. 30,800 — ! Ach 
Gott, wann wird des Jammers ein Ende werden? 

December 31. Vor einigen Tagen kamen von unseren in 
taainz gebrauchten Kanonen 38 Stück zurück. 

Gestern kamen von den aus Mainz noch ausgezogenen letzten 
kaiserlichen Truppen 2 Bataillone von Callenberg hier an und setzten 
heute ihren Marsch weiter fort. 

Heute marschirten die in Mainz gelegenen Mainzer Holdaten hier 
durch und nahmen in Bornheim Nachtquartier. 



1798. 

Januar 6. Morgen wird in Mainz der Freiheitsbaum errichtet. 

Februar 7. Seit etlichen Tagen waren die Bäckerknechte miss- 
vergnügt, da man von Seiten der Meister ihrer Lüderlichkeit und 
ihrem Schwelgen Schranken setzen wollte. Sie t verliessen also Alle 
ihre Backstuben und gestern und heute- wanderten sie sämmtlich zum 
Thore hinaus. Die Meister müssen nun mit ihren Weibern und 
Mägden die Backerei selbst besorgen. 

Februar 16. Die Schusterknechte, deren Einer von seinem 
Meister beleidigt wurde, haben Alle ihre Arbeit niedergelegt und for- 
dern Satisfaction. 

März 28. Seit etlichen Tagen ziehen sich viele Franzosen von 
Mainz in hiesige Gegend und häufen sich erstaunlich auf einander, 
ohne dass man ihre Absicht wüsste. 

Mai 9. Die Franzosen in unserer Gegend brechen durchgängig 
alle sehr eilig auf und ziehen gegen Mainz. Von da sollen sie nach 
der Schweiz gehen und durch andere aus den Niederlanden kom- 
mende Truppen ersetzt werden. 

Juni 22. In Folge des Streites eine« Schmiedgesellen mit sei- 
nem Meister legten seit vorgestern alle Schmiede die Arbeit nieder. 
Da sich nun seit gestern und heute noch die Glaser, Schreiner und 
Schuster mit denselben vereinigten, dabei drohende und unruhige 
Bewegungen machten, so wurden heute die Wachen verstärkt und 
der Römer besetzt. Um 2 Uhr Nachmittags wurde der Bürgerschaft 
angesagt, auf den ersten Trommelschlag sich auf die angewiesenen 
Allarmplätze zu begeben, um dort Gewehre zu bekommen und dann 
zur Erhaltung der öffentlichen Ruhe unterm Gewehr zu verbleiben. 
Um 7 Uhr ungefähr wurde aus Veranlassung der Beschimpfung von 

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- 227 — 

Seiten der herumlaufenden Handwerksbursche gegen einen bürger- 
lichen Adjutanten, wobei es zwischen jenen und den Metzgern zum 
Handgemenge kam, im Metzger-Quartier die Lärmtrommel gerührt. 
Bald wurde in der ganzen Stadt Generalmarsch geschlagen. Militär, 
Bürgerschaft, Scharfschützen, bürgerliche Artillerie und Cavallerie 
sammelten sich auf ihren Plätzen , in weniger als 30 Minuten 
war alles in der besten Ordnung unterm Gewehr, und zahlreiche 
Patrouillen durchzogen die Strassen und jagten alle beisammen- 
stehende Handwerks bursche mit dein besten Erfolg auseinander. 
Nacht» 11 Uhr waren die aufrührerischen Handwerker alle auf 
ihren Herbergen beisammen, und da man keine guten Absichten 
von ihnen vermuthete, so wurden sie in der Güte aufgefordert, in 
ihre Quartiere zu gehen. Da dies nichts fruchtete, so wurden die 
Herbergen quasi gestürmt, die Bursche alle gefangen, die sich gut- 
willig ergaben, unter Escorte in ihre Wohnungen gefuhrt, die Stör- 
rigen aber auf die Wache ^gebracht. Die Schreiner ergaben sich 
nach längerem Weigern gutwillig. Die Schmiede hatten sich bei 
Annäherung der Gefahr von selbst aus dem Staube gemacht. Die 
Schlosser vertheidigten sich anfangs gegen die wenigen Cavalleristen, 
die sie aufheben wollten, mit Steinwürfen, da aber Verstärkung von 
Scharfschützen ankam, so ergaben sie sich. Die Schuster vertheidigten 
sich hartnäckig aus den Fenstern, indem sie Alles, Krüge, Gläser, 
Holz u. s. w. hinauswarfen. Es dauerte hart, ihnen beizukommen. 
Endlich drang eine Partie bürgerliche Artillerie mit dem Säbel in 
der Faust auf sie ein, nachdem sie das Thor aufgesprengt hatten. 
Noch wehrten sie sich mit Stühlen, Bänken u* s. w. ; als aber auf sie 
eingehauen wurde, und etwa 14 oder 15, worunter 3 tödtlich, verwun- 
det waren, so ergaben sie sich auch. Die Herbergen wurden dann 
theils von Bürgern, theils von Militär besetzt, und nun blieb's von 
Mitternacht au ruhig. 

Juni 23. Heute Morgen 6ngen die Handwerksbursche wieder 
an herumzuschwärmen. Am Rossmarkt versammelten sich etwa 
50 Schlosser an einem neuen Bau bei den Steinen, um sich derselben, 
wenn eine Patrouille vorüberginge, zur Vertheidigung zu bedienen. 
Man nahm also eine Abtheilung Scharfschützen , die scharf geladen 
hatten, und eine Abtheilung Soldaten, und verjagte sie, indem mau 
achuaagerecht mit gespanntem Hahn auf sie anrückte. Die Patrouillen 
gingen heute besonders stark, und die ganze Stadt war in einem 
recht militärischen Ansehen. Man hörte den ganzen Tag nichts als 
die Trommeln der Patrouillen. Da gegen Abend die Handwerker, 
besonders die Schlosser und Schmiede, sich zum Ziele legten , so 

15* 



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- 228 — 

wurde die Besatzung von den Herbergen zurückgezogen, und diese 
wurden ihnen wieder eingeräumt Die Nacht auf den 

Juni 24. blieb es ruhig, so auch heute den Tag Uber, obgleich 
unaufhörlich patrouillirt wurde, jedoch ohne Trommelschlag. 

Abends gegen 9 Uhr wurde wiederum in allen Quartieren Ge- 
neralmarsch geschlagen^ und man erfuhr, dass die Zimmergesellen 
unruhig wären. Sogleich versammelte sich wieder alles unter das Ge- 
wehr, besonders da man Uber die Gesinnungen der übrigen Hand- 
werker noch nicht ganz beruhigt war. Es wurde daher allen Hand- 
werkern angedeutet, bis 11 Uhr ihre Herbergen zu räumen. Alle 
befolgten es, nur die Zimmergesellen nicht, die im Gegentheil sich 
zur Gegenwehr gefasst machten, und besonders viel Scheitholz nach 
den oberen Zimmern und Böden gebracht hatten, und sich überhaupt 
so drohend ausliessen, dass schon um 9 Uhr der Herbergswirth sich 
flüchten musstc. Die Sachsenhäuser kamen in sehr starker Anzahl und 
zwar zum Theil mit Hacken, Trester-Messern u. s. w. bewaffnet und 
lagerten auf der Zeil. Als die Zimmergesellen nach wiederholter Auf- 
forderung Bich immer noch nicht zur Ruhe bequemen und auseinander- 
gehen wollten, wurde mit Scharfschützen an der Spitze gestürmt. 
Um sie zu schrecken, wurden etliche Flinten in die Luft geschossen. 
Dies that Wirkung, sie flohen gleich auseinander, und viele sprangen 
über die Mauer in einen an die Herberge stossenden Garten. Man 
bemächtigte sich sogleich der Herberge und fand verdächtige Zeichen 
einer vorgehabten Feueranlegung. Dann blieb es ruhig. 

Juni 25. Heute wurde noch patrouillirt Alle Handwerker ar- 
beiteten, nur die Zimmerleute nicht, von denen heute Mittag ein grosser 
Theil nebst noch einer Menge anderer Handwerksbursche auswanderte. 

Mittags wurde Appell geschlagen. Die Bürger und übrigen 
Corps versammelten sich alle auf ihren Allarmplätzen; sie wurden 
dann von Bürgermeister Moors Namens des Magistrats eomplimentirt, 
und nach der besten Danksagung entlassen, jedoch wurde ihnen dabei 
aufgegeben, auf den ersten Trommelschlag wieder zu erscheinen. 

Juni 26. Sonntag den 24. diese» war der französische General 
Freitag hier und offerirtc französische Mannschaft zur Dämpfung der 
Revolte. Auch der General von Mainz offerirte das Nemliche. Bei- 
des wurde aber mit Dank abgewiesen. 

Juli 8. Am 3. dieses sind die Zoll-Bureaux am Rheinstrom 
von den Franzosen angelegt worden. Bei dieser Gelegenheit gab es 
in Maina einen heftigen Auflauf von Seiten des Mainzer Pöbels, 
wozu sich auch viele französische Soldaten schlugen , gegen das Zoll- 



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— 229 - 



Personale und deren Garden , wobei Letztere den Kürzeren zogen. 
Seitdem sind 6000 Mann frische Truppen in Mainz eingerückt. 

October 2. Gestern ging ein französischer Courier, von Paris 
kommend, hier durch in das Hauptquartier nach Friedberg, und heute 
traf von letzterem Orte General Joubert hier ein und reiste eilig 
nach Paris. 

November 9. Heute haben die Metzger einen jungen Metzger, 
Koch , der als lüderlicher Bursche allgemein bekannt ist, und der 
sich eines Eingriffs in das obrigkeitliche Amt schuldig finden Hess 
und deshalb heute Morgen auf die Mehlwage gebracht wurde, um 
Mittag gewaltsam, nachdem sie alle Tbttren zerschlagen und sonstigen 
Unfug angerichtet, befreit, und im Triumph nach Hause gebracht. 

November 14. Heute haben die Metzger auf ein gestriges 
Raths-Decret, worin ihnen auf den Widersetzungsfall mit einer Strafe 
von 600 Reichsthalern für jede 24 stündige Verlängerung ihrer Wider- 
setzlichkeit gedroht wird, den Koch durch ihre Geschwornen wieder auf 
die Mehlwage geliefert. Indessen ist der ganze Vorfall nach Wien 
berichtet, und bis zum Empfang der kaiserlichen Resolution wird 
alles Zerbrochene und Zerschlagene in Statu quo belassen, und die 
offenstehenden ThUren durch Schildwachen besetzt. 

December 12. Die Franzosen verlassen alle unsere Gegend 
und ziehen sich eilig nach Mainz. 

December 17. Heute marschirten Franzosen, von Homburg 
kommend, an unserer Stadt vorbei nach Mainz. 

December 20. Seit etlichen Tagen marschiren häufig Franzo- 
sen, aus dem Gebirge kommend, an hiesiger Stadt vorbei nach Mainz. 



1799. 

Februar 2. Gestern und heute ging die Trierische Besatzung 
von Ehrenbreitstein hier durch 

Februar 3. Von der Trierischen, Münsterischen und Cölnischen 
Besatzung von Ehrenbreitstein sind gestern Leute hier einquartiert 
worden. 

März 3. Heute erhielten wir Nachricht von dem Uebergang 
der Franzosen bei Strassburg über den Rhein. 

Heute reiste der K. K. Feldmarschall Prinz Friedrich von Nassau- 
Usingen von hier ab. 

März 4. Heute kam Nachricht von der Uebergabe der Stadt 
Mannheim an die Franzosen. 



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- 230 - 

Juli 8. Heute passirte eine kaiserliche Patrouille von 80 Mann 
Husaren den Main, und ging bis nach Homburg, Oberursel und dortige 
Gegend, wo sie einen beträchtlichen Transport Ochsen, der zur Pro- 
viantirung von Mainz bestimmt war, wegnahmen. 

Anglist 27» In der Nacht auf heute verbreitete sich plötzlich 
das Gerücht, es sei eine Colonne französischer Truppen gegen hiesige 
Stadt im Anmarsch, und habe Ordre, solche zu besetzen. Die Gar- 
tenbewohner fluchteten zum grössten Theil mit ihren Effekten in die 
Stadt, und dasselbe Gerücht dauerte den ganzen Vormittag fort. 
Dann ergab sich's, dass der ganze Lärmen auf sehr Ungewissen und 
unsicheren Angaben beruhete, daher man die ganze Sache für einen 
falschen Lärmen ansah und sich völlig wieder darüber beruhigte. 
Indessen erfuhr man heute, dasa die Franzosen bei Mannheim über 
den Rhein gegangen und bia Heidelberg vorgerückt seien. 

August 28. Heute früh 5 Uhr erschien auf einmal ein Corps 
Franzosen vor unseren Thoren, das von Mainz aus über Rödelheim 
anrückte, sogleich alle äusseren Thore diesseits der Stadt jedes mit 
ungefähr 30 Mann besetzte und sich sodann nach Bornheim hinzog, 
wo dasselbe, das aus Cavallerie und Infanterie bestand, sich auf der 
Bornheim er Haide postirte. Man schätzte solche auf etwa 1500 f 
Mann zusammen. Ein kleineres Corps von etlichen 100 Mann 
war bei Bockenheim postirt, woselbst der Divisions-General Baraguay 
d'Hilliers, der dieselben anführte, sein Hauptquartier nahm. Die 
Franzosen Hessen alles zur Stadt herein, aber Niemand durfte 
hinaus passiren, und sie machten hierin nicht die allermindeste Aus- 
nahme. Alles gerieth wegen dieser unvermutheten und selbst zum 
grössten Theil unvorhergesehenen Erscheinung in Bestürzung, und 
wie es gewöhnlich in dergleichen Fällen zu gehen pflegt, so ver- 
grösserte man nicht allein die Anzahl des erschienenen Corps sogar 
bis auf 25,000 Mann, sondern man befürchtete grossentheils nichts 
geringeres als Plünderung, Beschiessung und dergleichen. Um 0 Uhr 
kam ein Adjutant, 4er sich zum Rathe, welcher bereits ausserordent- 
lich versammelt war, begab, und demselben ein Schreiben des Gene- 
rals Baraguay d'Hilliers überreichte, worin dieser forderte, dass sich 
sogleich 12 Rathsglieder als Deputati zu ihm nach Bockenheim be- 
geben sollten. Eine kurze Zeit darauf schickte man eine Depu- 
tation, aus den Schöffen Freiheim von Wiesen hütten und von Riese 
und den Senatoren Brönner und Müller bestehend, an denselben. 
Diese nahm den französischen Gesandten Backer als Fürsprecher mit 
sich, auf welchen der General aber gar nicht Rücksicht nahm, son- 
dern zuerst der hiesigen Stadt und deren Rath viele und grosse Be- 



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- 231 — 

schuldigungen machte, sich Uber dieses und jenes beschwerte, von 
wesentlicher Beleidigung, Neutralitäts- und Friedeusverletzung sprach, 
dann versicherte, dass er demohngeachtet die Neutralität der Stadt 
respectiren und dieselbe nicht besetzen wolle, endlich die eudes- 
angefügten ungeheuren Requisitionen und Contributionen aus den 
dahier angehäuften kaiserlichen und russischen Magazinen und 
Kassen forderte, und verlangte, dass die eine Hälfte binnen 24, 
die andere aber binnen 48 Stunden abgeliefert sein müsste. Man 
machte die bündigsten Gegenvorstellungen, bewies notorisch und 
deutlich, dass sich weder russische noch kaiserliche Magazine und 
Kassen hier befänden ; allein der General blieb unerbittlich und änderte 
auf die letztere Remonstration seine Forderung nicht, sondern bestand 
darauf, dass dennoch alles geliefert werden müsse. Die Deputation kam 
hiernach zurück und erhielt sogleich nach abgestattetem Bericht den Auf- 
trag, wieder zurückzukehren, die gemachten Vorstellungen zu erneuern, 
noch weitere Vorstellungen zu machen und die ganze Forderung 
darum * schlechterdings ganz zu verwerfen, weil erstlich seine vorge- . 
zeigte Directorial-Ordro der Form nach unrichtig und falsch wäre, 
und zweitens das mit schweren Summen erkaufte Neutralitäts-Patent 
uns ausdrücklich von allen und jeden weiteren Anforderungen, sie 
mögen requisitionsmässig oder anlehcnsweise gefordert werden, frei- 
spricht, und uns dieBefuguiss ertheilt, jeden General oder Cominissär, der 
in der Folge dergleichen verlangen wollte, geradezu damit abzuweisen. 
Jedoch erhielt die Deputation den Auftrag, dem General zu ver- 
sichern, man werde die Rechte der Gastfreundschaft nicht verletzen, 
sondern das Corps mit einigen benöthigten Lebensmitteln, Fourage 
und Holz versehen. Der General blieb indessen unerschütterlich, 
und drohte sogar mit Besetzung, Plünderung, Beschiessung u. dgl. 
Man war hierauf vorbereitet und entschlossen, das Aeusserste abzu- 
warten. Man erwiderte ihm kalt und fest, er könne thun, was er 
wolle, und möge abwarten, ob er glücklich sein würde. Man sagte ihm, 
man habe sich bei allen vorhergegangeneu Gelegenheiten aufs äusserste 
bemühet, die Burgerschaft von Unruhen abzuhalten, man thue es auch 
jetzo bei dieser erneuerten Gelegenheit noch, jedoch sehe man es für un- 
möglich an, solches .weiter mit Erfolg fortsetzen zu können, und be 1 
der mindesten gewaltsamen Begegnung gegen die Stadt möge der 
General zusehen, ob er es mit 40,000 nicht allein streitbaren, son- 
dern auch streitlustigen Menschen aufnehmen könnte. Auf solche 
Art verging der ganze heutige Tag in Unterhandlungen, und die 
Deputation war viermal diesen Nachmittag in Bockenheim. Der 
Rath ging erst um 10 Uhr Abends auseinander, und die Deputation 



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- 882 - 

fuhr wiederum hinaus. Um Mitternacht kam sie mit der unvermin- 
derten Contributions Geldanforderung belastet wieder zurück. 

A u st 29. Morgens 2 Uhr wurden der Rath und die bürgerlichen 
Collegien extravocirt. Die Deputation musste zweimal während dieser 
Sitzung wieder nach Bockenheim, und als dieselbe am 6 Uhr Mor- 
gens aufgehoben wurde , fuhr sie wieder hinaus und kam gegen 
8 Uhr zurück, wo der Rath und die Collegien wieder zusammen- 
berufen wurden. Indessen war gestern Abend auch ein Corps von 
etwa 1000 Mann vor Sachsenhausen erschienen und hielt die dortigen 
Thore besetzt. Abends 10 Uhr rückten davon 600 Mann in Sachsen- 
hausen ein, wo sie sich einquartierten und ziemlich ordentlich auf- 
rührten. Die übrigen quartierten sich in Oberrad und Niederrad 
ein, und ein anderes Corps war indessen Uber Heusenstamm gegen 
Aschaffenburg hinauf gerückt. Heute früh gingen die in Sachsen- 
hausen übernachteten Franzosen wieder von da weg und zogen sich 
gegen Isenburg, Hessen jedoch die Thore besetzt, aus welchen fortwährend 
kein Mensch hinausgelassen wurde. Diejenigen Bauersleute, welche, wie 
gestern, sich am Main einschifften, um ausserhalb der Stadt auszusteigen, ' 
konnten heute auch nicht mehr davon Gebrauch machen, weil die 
Franzosen auf einige Schiffe geschossen hatten und daher kein 
Schiffmann mehr zu fahren Bich wagen wollte. Nach vielem Bitten 
kam es endlich dahin, dass die Weibeleute, jedoch nur einzeln, passiren 
durften, den Mannsleuten solches aber schlechterdings verboten blieb. 
Beinahe den grössten Theil des Tages war der Rath und die Colle- 
gien beständig versammelt, und die Deputation, welche jetzt aus den 
Senatoren Brönner und Müller, dem Neuner Goullet und dem 51er 
Hoffmanh bestand, musste oft nach Bockenheim hinaus. Indessen 
hatte Bich bis 'jetzt in der Forderung des Generals nichts weiter ver- 
ändert, als dass derselbe, weil er selbst einsehen mochte, dass die ge- 
forderten Requisitionen in natura zu liefern unmöglich sei, deren 
vollen Betrag in Geld verlangte, und endlich sich mit 6 Millionen 
Livres begnügen zu wollen erklärte. — Abends gegen 5 Uhr hörte 
man von Steinheim her schiessen, woselbst das Mainzer Landvolk 
in Masse aufgestanden war und von den Mainzer Husaren unter- 
stützt wurde. Noch spät Abends mässigten die Franzosen ihre For- 
derung bis auf 5, dann auf 4 Millionen, was ihnen aber fortdauernd 
abgeschlagen wurde. Heute Abend circulirten viele Gerüchte, den 
Anmarsch der Kaiserlichen oder des Landsturms betreffend, und 
viele erwarteten, dass ein Corps der einen oder der anderen diese 
Nacht ankommen würde. Indessen ging diese Nacht ruhig vorüber, 
und am 



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233 



August 30. Morgens früh -fingen die Unterhandinngen auf's 
Neue an. Die Franzosen fingen nun an, ihre Forderungen immer 
mehr zu massigen, und kamen endlich dahin, dass sie sogar darum 
baten. Da man überdies sah, dass alles Widerstandes ohngeachtet 
man dennoch nicht ungerupft würde durchkommen können, so bot 
man endlich 500,000 Livres, und nach einigem Handeln ward man 
dann über 600,000 Livres oder 100,000 Neuethaler gegen Mittag 
einig. Nachdem dieses abgemacht war, so war es etwas leichter, zu 
den Thoren hinauszukommen. Doch ward das desfallsige Verbot 
nicht eher als Abends um 7 Vi Uhr aufgehoben, wo die Franzosen 
sich ganz von den Thoren diesseits zurückzogen, theils nach Bocken- 
heim, theils nach Bornheim einquartierten und zum Theil bivouakirten. 
Morgens früh um 10 Uhr entstand bei Gelegenheit, dass einige Ver- 
wundete von Steinheim her eingebracht wurden, auf einmal der Lär- 
men, die Kaiserlichen seien vor Sachsenhausen. Schnell wurden 
alle Läden verschlossen und Tausende von Menschen strömten nach 
Sachsenhausen hin. Allein der Lärm war falsch. Die Franzosen 
hatten sich meist vor dem Eschenheimer und Neuen Thor concentrirt, 
wo sie auch zum grösstcn Theil bis auf den Abend stehen blieben. 
Ihre Infanterie stand theilweise bei Bockenheim 

August 31. Gestern Abend hörte man von Steinheim her wieder 
schiessen. Auch wurden ungefähr 10 Verwundete von daher hierdurch- 
gebracht. In der Nacht auf heute empfingen die Franzosen die ver- 
sprochenen 600,000 Livres, und an Naturalien, Victualien, Präsenten 
u. s. w. hatten sie nach und nach für ungefähr 60,000 Livres erhalten. 
Heute früh um 6 Uhr ging die Avantgarde des diesseits gelegenen Corps 
hier durch, bestehend ans 200 Kürassiren, 60 Grenadieren, 4 Kanonen, 
2 Haubitzen. Um 8 Uhr folgte das Corps, bestehend aus 100 Husaren, 
72 Grenadieren, 32 reitenden Artilleristen, 1 Kanone, 1 Haubitze, 
1755 Infanteristen, 150 Dragonern, zusammen 2369 Mann, womit sich 
die diesseits gelegenen ungefähr 1000 Mann vereinigten, die dann zu- 
sammen den Weg nach Darmstadt einschlugen. 

September 1, Man vernimmt, dass die Franzosen bei Darm- 
stadt angekommen sind, dort ebenfalls Contribution erhoben haben, 
und dann sich gegen den Odenwald gewendet haben sollen. 

September 3. Der Landsturm bei Aschaffenburg soll 30,000 
Mann stark sein und vorwärts marschiren wollen. 

September 3. Heute gegen Mittag kamen nach Oberrad etwa 
150 -Mann Mainzer Husaren und 150 Mann Spessarter Jäger. Sie 
zehrten dort für ihr Geld und blieben bis 4 Uhr, wo sie dann 
nach Niederrad und Schwanheim aufbrachen. Ein Corps von etwa 



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- 234 - 



8000 Mann des Landsturms soll ilinen heute oder morgen noch nach- 
folgen, und diese Corps sollen freiwillig entschlossen sein, die Position 
bei Wickert zu besetzen. Eine Colonne von 10,000 Mann, den Minister 
von Albini an der Spitze, ist bereits seit vorgestern auf dem Marsche 
gegen Benshoim und Heppenheim, um dort die bereits unter den 
Waffen stehenden Landleute zu unterstützen, sich dann mit dem 
Corps kaiserlicher Truppen, das erwartet wird, zu vereinigen, und 
gemeinschaftlich mit diesen zu agiren. Das Corps ist ordentlich or- 
ganisirt und eingetheilt, ist mit Geschütz versehen, und hat Mainzer 
Officiere und die Beamten an der Spitze. 

September 4. Heute marschirten ö Divisionen des Mainzer 
Aufgebots, zusammen in 1550 Mann bestehend, meistens Scharf- 
schützen, dann regulirte Infanterie, Husaren und sonstiges gut 
bewaffnetes Landvolk hier durch. Nur ungefähr 100 Mann waren 
dabei, die mit Sensen, Gabeln u. s. w. bewaffnet waren. Alle 
nahmen den Weg nach Höchst Der Durchzug wurde nach lan- 
gen Unterhandlungen gestattet, und jede Division wurde von einem 
frankfurter OrTBcier durchgeführt. Gegen Abend kam der Freiherr von 
Albini, der General von Kiedt, der Freiherr von Fechenbach nebst dem 
Generalstab hier durch. Sie beritten die Position des Corps bei der 
Nidda und ritten nach einigen Stunden wieder nach dem Hauptquartier 
zu Niederrad zurück. Morgen sollen noch mehrere nachkommen, und 
eine andere Colonne diesseits des Mains noch zu diesen atossen. 

September 5. Heute marschirten nur wenige des Mainzer 
Landsturms hier durch, unter diesen aber eine kleine Abtheilung 
Förster, die sehr schön aussahen. 

September 6. Heute defilirte eine Abtheilung von 300 Mainzer 
Grenadieren mit zwei Kanonen hier durch, die aus sehr schönen 
Leuten bestand. Nach denselben kamen noch etliche Hundert Mann 
Landvolk hier durch. Alle nahmen sie den Weg nach Höchst. 
Von da aus sind sie bis gegen Königstein in das Gebirge und 
auf der Strasse nach Mainz hin bis nach Hattersheim bereits 
vorgerückt, in welchem Orte gestern acht französische Dragoner 
nebst ihren Pferden von den freiwilligen Schützen, ohne einen Schuss 
zu thun, gefangen wurden. Heute ging ein Officier mit einem Trompeter 
nach Mainz und bedeutete dem dortigen commandirenden Generale, dass 
die in hiesiger Gegend zusammengezogenen bewaffneten Landleute als 
deutsche Nationalgarden angesehen und als solche, wenn sie in Ge- 
fangenschaft geriethen, behandelt sein wollten. Im gegenteiligen 
Falle würde man scharfe und eclatante Repressalien gebrauchen. 
Obgleich seitdem nicht mehrere Truppen und Landleute auf das 



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- 235 — 

rechte Mainufer gekommen sind, so sind deren dagegen auf dem 
linken Mainufer, besonders in der Gegend von Niederrad, Schwan- 
heim, Kelsterbach u. s. w. eine ausserordentliche Menge versammelt, 
die sich zum Theil bis an den Rhein hinunter ausdehnen. Man giebt 
deren Anzahl auf mehr als 20,000 Mann an. In Niederrad liegt die 
kurfürstliche Garde und daselbst ist immer noch das Hauptquartier. 

September 7. Heute wurden zwei Brücken über den Main be- 
endigt, die gestern angefangen wurden. Die eine ist eine Flossbrücke 
und steht an der Windmühle. Die andere ist eine Schiffbrücke bei 
Niederrad. lieber beide sind bereits heute viele Mannschaften herüber 
marschirt. Es kommen immer noch mehrere bewaffnete Landleute an, 
und nun wird auch der Landsturm in den diesseitigen Mainzer Aemtern 
bis ins Rheingau hinunter organisirt. Man will die gesammte Anzahl 
auf 70- bis 80,000 Mann bringen. Der Mann bekommt täglich zwei 
Pfund Brod und 7* Pfund Fleisch, und die Freiwilligen 24 kr. Die 
erforderlichen Kosten bezahlt England. 

September 8. Heuto passirte ein Bataillon vom Mainzischen 
Regiment von Faber mit 2 Kanonen en parade hier durch. Unmittel- 
bar folgten ihnen etwa 700 Mann bewaffnete Landleute ; sie gingen 
die Strasse nach Höchst hinab. Gostern kamen in der Gegend von 
Offenbach eine Division Szeckler-Husaren an, welche heute früh über 
die am Grindbrunnen geschlagene Brücke nach Höchst zu passirten. 

Der Zusammenlauf von Menschen, um die beiden Brücken zu 
sehen, war heute unermesslich. Da jeder Passant über die Brücke 
2 kr. zahlen rausste, so betrug die Einnahme dafür heute ri. 500. 

Noch immer kommen mehrere bewaffnete Landleute herunter, 
wogegen wiederum andere entlassen wurden, um die Anzahl nicht 
unnöthig zu vergrössern. 

September 16. Die kaiserliche Armee unter Erzherzog Karl 
rückt nun unserer Gegend näher, und heute ist das ganze Szeckler- 
Husaren -Regiment nebst vieler reitender Artillerie bei Niederrad 
über die Brücke passirt. Morgen soll mehreres folgen. 

October 5. Gestern den ganzen Tag bis Abends 7 Uhr hörte 
man hier eine ziemlich heftige Kanonade aus der Gegend von Hat- 
tersheim her, und am Abend erfuhr man, dass denselben ganzen Tag 
die Franzosen, nachdem sie Morgens. früh mit etwa 6000 Mann von 
Castell einen Ausfall gemacht, die vorpoussirten Posten des deutseben 
combinirten Blockade-Corps zurück gedrückt, und dann, als sie auf 
das Haupt-Corps, das sich bei Hattersheim zusammengezogen hatte, 
gestossen, dasselbe angegriffen und durch ihre Ueberlegenheit zum 
Rückzug gegen Höchst genöthigt hatten, der jedoch in der besten 



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- 236 — 



Ordnung ohne den mindesten Verlust und so geschah, dass die Fran- 
zosen nicht wagten, dasselbe zu verfolgen. 

Tags vorher waren von diesem Corps 1500 Mann der besten 
Truppen unter Commando des Ingenieur-Majors von Gergens gegen 
das Rheingau aufgebrochen, um daselbst die Abfuhrung der requi- 
rirten 450 Stück Wein zu verhindern. Das Corps selbst war also 
sehr geschwächt, bestand nur kaum noch aus 5000 Mann, wovon der 
grösste Theil, Bauern des Landsturms, durch eine unverzeihliche 
Nachlässigkeit der Inspections-Officiere mit Munition gar nicht, und 
selbst zum Theil nicht mit Flintensteinen versehen, ausserdem nicht 
gehörig organisirt und auf Kampf nicht vorbereitet waren. Die 
Franzosen dagegen waren in ihrer ganzen Stärke sowohl, als an Ca- 
. vallerie und Artillerie insbesondere, sowie an Munitionsvorrath sehr 
Uberlegen, und dennoch konnten sie trotz ihrer so bedeutenden Ueber- 
legenheit keinen besonderen Vortheil gewinnen. 

Während der Nacht auf heute hielten beide Theile sich still und 
ruhig. Das combinirte deutsche Corps hatte sich indessen Morgens 
bis an die Nidda zurückgezogen, und Höchst mit Truppen und Ar- 
tillerie stark besetzt. Das jenseitige Mainufer aber war von der 
oberhalb Griesheim stehenden Schiffbrücke und den dabei befind- 
lichen Verschanzungen an bis nach Kelsterbach hinunter in den 
dort errichteten Laufgräben mit Artillerie besetzt. Hinter Höchst 
über Nied hatte das Haupt-Corps sich zusammengezogen. In dieser 
Verfassung waren sie, als die Franzosen heute früh um 7 Uhr 
mit ihrer ganzen Macht einen Angriff auf Höchst von der Chaussee 
herauf machten, die von Sindlingen dahin fuhrt Dieselben mussten 
diesen Angriff aber bald aufgeben, da die jenseits des Mains postirte 
Artillerie ihnen sehr vielen Schaden zufügte, indem sie die ganze 
Gegend und Strasse bestrich. Sie zogen sich also links herum, 
drangen nun von der Seite von Hofheim her geeren Höchst 
herauf, und verbanden mit diesem Angriff zugleich die Absicht 
zwischen Höchst und Nied einzudringen und sich der Brücke zu 
bemeistern. Allein drei Angriffe, die sie machten, waren ver- 
geblich, und sie mussten sich jederzeit zurückziehen. Dieser stand- 
hafte und unerschrockene Widerstand des regulirten mainzer und 
kaiserlichen Militärs, vereint • mit den Freiwilligen und Scharf- 
schützen des Landaufgebots, ist um so mehr zu beloben, da diese 
nun blosserding8 auf ihre eigenen Kräfte und ihre wenige Zahl 
eingeschränkt waren, indem der allergrösste Theil der aufge- 
botenen Bauern schon Morgens früh die Flucht ergriffen hatte. 
Man sah solche von 7 Uhr Morgens an bis gegen Mittag haufen- 



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weise durch die hiesige Stadt und an derselben vorbei zurückeilen. 
Erst gegen 10 Uhr wurde Höchst verlassen, und das kleine deutsche 
Corps zog sich unter dem Schutz seiner wohldirigirten Artillerie 
durch das De*file*e gegen Nied und hier über die Brücke zurück, 
die sogleich abgeworfen wurde. Eine Demonstration der Franzosen, 
die eine Colonne der Nidda aufwärts schickten, hatte diesen Rückzug 
und Uebergang über die Nidda nöthig gemacht, um nicht in die 
Verlegenheit gesetzt zu sein, abgeschnitten zu werden. Indessen 
wurde sogleich eine Abtheilung kaiserlicher Husaren mit 2 Kanonen 
gegen Rödelheim hinauf geschickt, um die dortige Brücke zu be- 
setzen und zu vertheidigen. • Diese kamen zugleich mit den Fran- 
zosen dort an, schlugen dieselben zurück, verwundeten mehrere und 
machten einige zu Gefangenen. Nun aber rückten die Franzosen 
mit stärkerer Macht und Artillerie bis nahe an die Nidda heran. 
Die Kaiserlichen brachen nun die Brücke in Rödelheim ab, und hiel- 
ten die Franzosen durch ihr Kanonenfeuer eine geraume Zeit ab, 
vorzurücken. Endlich war es gegen Mittag den Franzosen gelungen, 
unter dem Schutz ihrer Artillerie bei Nied eine neue Brücke zu 
schlagen. Hierdurch nöthigten sie das daselbst stehende Corps zum 
Rückzug nach Griesheim, und zu gleicher Zeit mussten die Husaren 
ihre Stellung bei Rödelheim verlassen. Diese zogen sich dann durch 
unsere Stadt ganz gelassen zurück und formirten sich bei Oberrad, 
wo sie Posto fassten, und von wo sie ihre Vorposten bis ans Affen- 
thor ausstellten. Nun war alles still und man hörte kein Schiessen 
mehr. Um diese Zeit wurden alle unsere Thore geschlossen und die 
Brücken aufgezogen. Nach 1 Uhr kam von Rödelheim eine Sterke 
Cavallerie-Abtheilung bis ans Bockenheimerthor zum Recognosciren, 
die sich dann nach Ausstellung einiger Piquets und Vorposten wieder 
dahin zurückbegab, wo sich dann ein Corps von etwa 250 Mann Ca- 
valleric forrairte und aufstellte. ' Gegen 3 Uhr Nachmittags fingen 
die beiderseitigen Vorposten zwischen Griesheim und Höchst zu 
plänkeln an. Bei Anrückung der französischen Verstärkungen zogen 
sich die diesseitigen Vorposten langsam gegen das oberhalb Griesheim 
stehende Hauptcorps zurück, das sich sodann nach der BrUckenschanze 
heraufwürts zog, und diesen Rückzug unter dem Schutze der jenseitigen 
Batterien und der in der BrUckenschanze postirten Kanonen auf die 
schönste Weise bewerkstelligte. Sobald die kaiserlichen Batterien 
zu spielen anfingen, brachten die Frauzosen auch reitende Artillerie 
vor, und es begann dann von allen Seiten ein heftiges anhaltendes 
Kanonenfeuer, das eine geraume Zeit andauerte. Die Franzosen 
brachten nach 4 Uhr einige schwere Kanonen vor, und fingen an ; 



- 238 



die Brücke zu bedrohen. Zu gleicher Zeit sah man, dass von Höchst 
3 starke Infanterie-Divisionen im Anmarsch waren. Der diesseitige 
Brückenkopf ward also, während die jenseitigen Batterien durch an- 
haltendes heftiges Kanonenfeuer die französischen Kanonen auf eine 
Zeitlang zum Schweigen brachten, verlassen, und die Besatzung zog 
sich mit ihren Kanonen Uber die Brücke zurück. Es war nun bei- 
nahe 5 Uhr. Die französische Infanterie war während dem angekom- 
men und formirte sogleich unter dem Schutz eines heftigen Kanonen- 
feuers einen Sturm auf die Brücke, um wahrscheinlich einen Choc 
über dieselbe zu machen. Die jenseits postirten raainzer Grenadiere 
aber unterhielten ein so wohl wirkendes Pelotonfeuer, dass die Fran- 
zosen endlich nach drei Versuchen von ihrem Vorhaben abstehen und 
Bich zurückziehen mussten. Nun richteten dieselben alle ihre Kanonen 
auf die Brücke, von der in Zeit einer Viertelstunde 4 Joche zusam- 
mengeschossen waren, worauf beiderseitige Kanonen schwiegen. 

Um dieselbe Zeit näherte sich eine Division von 200 Husaren 
von Bockenheim her dem Bockenheimerthor. Sie drangen, als eini- 
gen wenigen, die sich als Parlamentäre meldeten, das Thor geöffnet 
ward, zusammen mit Gewalt in die Stadt ein, und sprengten dnreh 
dieselbe durch nach Sachsenhausen hin. Auf der Brücke postirte 
sich eine Abtheilung derselben, und die übrigen ritten ans Affenthor 
hin, und zwangen die frankfurter Wache, das Thor zu öffnen. Die 
Kaiserlichen hatten inmitteist ihre Annäherung über die sachsen- 
häuser Brücke wahrgenommen und sich bereits vor dem Thor am 
Schlagbaum formirt. Sobald also die Franzosen auf die Thorbrücke 
gekommen waren, wurden sie sogleich mit einer allgemeinen Salve 
begrÜBst, wodurch ein Mann verwundet wurde. Sie kehrten dann so- 
gleich wieder um, befahlen das Thor zu schliessen, und kehrten dem 
Bockenheimerthor hinaus gegen Rödelheim zurück. 

Ungefähr um die nemliche Zeit kam eine Abtheilung Cavallerie 
von der Gallenwarte herauf, postirte sich auf der Chaussee und 
schickte Piquets und Vorposten bis an dab Mainufer hinab, die sich 
dann eine geraume Weile damit amttsirten, auf das jenseitige Ufer 
und gegen den Fusspfad, der von Niederrad herauffuhrtj zu schiessen, 
auf welchem viele Leute heraufgingen, die hierdurch genöthigt wur- 
den, sich feldeinwärts auf die Chaussee in Sicherheit zu begeben, 
von denen jedoch niemand verwundet ward. 

October ft. Heute war alles still und ruhig, unsere Thore blieben 
jedoch gesperrt. Die Franzosen hatten sich bis an die Nidda zurück- 
gezogen und die Deutschen gegen Heusenstamm hin; bei Niederrad 
und bis gegen Schwanheim aber standen Cavallerie-Abtheilungen. 



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- 239 - 



Die Franzosen verlangten heute von unserer Stadt 300,000 fl. baar 
und 400,000 Ellen Tuch. Endlich erhielten sie 800 Stück Neuetbaler. 

October 7. Der Major Gergens, der seinen Endzweck im Rhein- 
gau vollkommen erreicht hatte, zog sich um so mehr in gröaster 
Stille zurück, da Samstag den 5. dieses auch eine Colonne Franzosen 
von Coblenz aus bis Limburg und Diez vorgedrungen war. Er ging 
über Idstein und durch das Gebirge, und kam gestern Mittag in die 
Gegend von Homburg, hob in Kirdorf ein kleines Piquot Franzosen 
auf, die dort Contributionen und Requisitionen eintreiben wollten, 
und zog sich dann gegen Vilbel, wo er heute Nacht verblieb. 
Von da brach er heute Morgen früh um 3 Uhr auf, marschirte gegen 
Rumpenheim und passirte dort glücklich den Main. Er brachte eine 
ziemliche Anzahl gefangener Franzosen mit. 

Die Franzosen sind heute Morgen in aller Frühe aufgebrochen 
und haben sich gegen Hattersheim zurückgezogen. 

In allen Dorfschaften hatten dieselben arg gehauset, besonders 
aber in den mainzischen, deren sie mehrere, wie Griesheim , Nied 
u. s. w. ganz ausgeplündert hatten. Letzteres Dorf hat auch viel 
durch die Kanonade gelitten. In Höchst plünderten sie ebenfalls, und 
es musste dieses Städtchen 7000 fl. Contribution zahlen. Die zu 
. hiesiger Stadt gehörigen Höfe, den Hellerhof, den Rebstock, die 
Gallenwarte, plünderten sie ebenfalls ganz aus, und hauseten auch 
in den frankfurter Dorfschaften, als Hausen, Bonames u. s. w. t 
sehr übel. 

October 8. Die combinirten Truppen haben seit gestern und 
heute von Mannheim her einige Regimenter Cavallerie als Verstär- 
kung erhalten- und sind auf dem linken Mainufer vorgerückt. 

Heute Abend kam eine kaiserliche Husaren- Abtheilung herein; 
dieselben pressten an dem Main Schiffe und Schiffer zur Herstellung 
der Schiffbrücke, die in der Nacht auf den 

October 9 hergestellt wurde. 

Alles ist dermalen ruhig. Die Combinirten erwarten noch meh- 
rere Verstärkung von Mainz. 

October 12. In der abgewichenen Nacht war ein beträchtlicher 
Theil der deutschen Truppen über die Schiffbrücke an der Nidda 
bis Höchst und Rödelheim vorgerückt, und war eben im Begriff, sich 
weiter auszudehnen, als um 2 Uhr nach Mitternacht di* Ordonnanzen 
den Befehl brachten, eilig umzukehren und zurück zu marsehiren. 
Der Rückzug geschah sogleich und eilig; denn durch gute Kund- 
schafter und einen Deserteur war im Hauptquartier, das wiederum 
in Niederrad war, die Nachrieht eingelaufen, dass die Franzosen mit 




beträchtlicher Stärke bei Kostheim über den Rhein und Main ge- 
setzt^ und auf dem Marsch gegen Grossgerau begriffen seien, um 
auf diese Art das deutsche Corps wahrscheinlich zu tourniren. Die 
Deutschen zogen sich demnach eilig zusammen, und gingen bis 
Heusenstamm zurück, wo sie sich auf dem dortigen, besonders für 
sie zum Agiren ihrer Cavallerie vortheilhaften Terrain postirten und 
den Feind erwarteten. Dieser aber, der nuu wohl sah, dass sein 
Plan, der in der Stille ausgeführt werden sollte, verrathen und sein 
Project vereitelt war, rückte nicht weiter als bis Mörfelden vor, wo- 
selbst er heute Abend nach den eingetroffenen Nachrichten noch 
stand und sich ruhig verhielt Indessen hörte man von heute Morgen 
5*/t bis 10 Uhr eine ziemlich heftige Kanonade aus jener Gegend, 
über welche uns der nähere AufschlusB noch fehlt 

October 26. Heute Abend 5 Uhr kam unvermuthet ein De- 
tachement von etlichen Hundert französischen Cavalleristen mit dem 
General La Roselle vors Bockenheinierthor. Die Thore wurden so- 
gleich geschlossen. Der General kam gegen Abend in die Stadt 
und forderte dann abermals 600,000 Livres baar und eine Menge ver- 
schiedener Victualien und Montirungs-Requisiten. Der Rath ver- 
sammelte sich sogleich ausserordentlich, und man beschloss, die ganze 
Forderung rund abzuschlagen, welches denn auch geschah. Der 
General fing an zu drohen, sprach von einem Corps von 3000 Mann 
mit Artillerie, das im Anmarsch wäre; allein man blieb hartnäckig 
beim völligen Verweigern. Da der General bis tief in die Nacht im 
Gasthaus zum Schwanen blieb, so liess er ein Detachement Cavallerie 
zu seiner Sicherheit in die Stadt rucken, welche, so lange er hier 
blieb, patrouilliren mussten, indem während diesem etwa 150 Szeckler- 
Husaren vors Affenthor gekommen waren und dort Einlass begehrt 
hatten, um den General aufzuheben. Man schickte auch dabin eine 
Raths- Deputation und liess sie ersuchen, von ihrem Vorhaben, das 
unsere Stadt der grössten Bedenklichkeit und Gefahr aussetzen 
würde, abzustehen. Sie beschränkten sich hiernach auch bloss darauf, 
vor dem Thor und an dem Mainufer starke Piquets aufzustellen. 

October 27. Heute in der Frühe hatten sich die Franzosen in 
einige Entfernung zurückgezogen, doch lagen sie noch im Angesicht 
der Stadt. Heute Morgen war wieder Sitzung des Raths und der 
bürgerlichen Collegien. Als Resultat wurde gegen Mittag der Adju- 
tant Hölken mit einem Trompeter zum General -gesandt der dem- 
selben die definitive Ablehnung aller Forderungen brachte. Der 
General antwortete drohend und gab nochmals 48 Stunden. Bedenk- 
zeit Gegen Mittag zogen die Franzosen sich ganz gegen Höchst 



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241 — 



zurück. Schon seit heute Morgen waren die diesseitigen Thore 
wieder orten ; das Alfenthor aber war gesperrt und vor demselben 
standen kaiserliche Posten ; das Schaumainthor war ganz verschlossen. 

October 30. Heute Btationirte sich ein kaiserliches Husaren- 
Piquet in Isenburg; sie haben fortdauernd ihre Posten bis ans Affen- 
thor ausgestellt. 



1800. 

Mai 17. Von früh Morgens an hörte man von den Gegenden 
zwischen Mainz und hier eine heftige Kanonade und Kleiugewehr- 
Feuer. Man hörte, dass auch alle an der Nidda herauf gelegenen 
kaiserlichen und mainzischen Truppen sich schon in verwichener 
Nacht in den unteren Gegenden Concentrin hatten, um einer gestern 
Abend aus Mainz ausgerückten Colonne zu begegnen. Schon um 
3 Uhr Morgens begann das Gefecht und dauerte bis 9 Uhr, wo ea 
mit dem Rückzug der Franzosen endete, wozu insbesondere die Wirk- 
samkeit der auf dem linken Mainufer gelegenen Truppen und der 
dort postirten Kanonen vieles beitrug. Bei dieser Gelegenheit sollen 
die Husaren 2 Kanonen erbeutet und eine namhafte Zahl Gefangene 
gemacht haben. Während der ganzen Affaire bis Mittag war die 
Stadt verschlossen, und das Bockenheimerthor von 2 Husaren besetzt 
gehalten. 

Juli 4. Nachdem bereits seit einigen Tagen allgemein bekannt 
wurde, dass die französischen Truppen sich bei Mainz nicht allein 
ansehnlich verstärkt, sondern bereits in Bewegung gesetzt hätten, um 
die an der Nidda stehenden Mainzer, Kaiserlichen und Reichstruppen 
von da zu verdrängen, so hatten diese auch sich zusammen- und alle 
rückwärts gelegenen Truppenabtheilungen an sich gezogen, und sich 
besonders unterhalb Höchst concentrirt. Es wechselten allerlei Ge- 
rüchte über die beabsichtigten Operationen der Franzosen, insbesondere 
dass ausser der Uber Wickert auf der Mainzer Chaussee heraufmar- 
schirenden Colonne eine andere bei Oppenheim über den Rhein ge- 
setzt sei, und über Grossgerau vordringe, und eine dritte durch das 
Gebirge über Homburg oder Vilbel de*bouchiren würde, welche beide 
Gerüchte sich indessen in der Folge als ungegründet erwiesen. In- 
zwischen rückten die beiderseitigen Trappen sich einander immer 
näher , und es begann daher gegen 9 Uhr in der Gegend von 
Hofbeira , Weilbach , Hattersheim , Soden , Snlzbach u. s. w. das 
Gefecht, das sehr lebhaft war und znr Folge hatte, dass die Fran- 
zosen biB gegen Wickert zurückgeworfen wurden. Die Kanonade 
Vh 16 



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- 242 - 



und das Pelotonfeuer war sehr lebhaft und deutlich hier zu hören, 
und dauerte bis gegen Abend, wo beide Theile in ihre vorherigen 
Stellungen zurückkehrten. Während dem Gefechte erhielten die 
Mainzer noch einige Verstärkung von Offenbach her, und auf Grund 
des heutigen guten Erfolgs ging ein Theil der Mittags zurückge- 
schafften Bagage Abends wieder vorwärts. Schon Mittags hatte eine 
Abtheilung Mainzer Jäger sich des Bockenheimerthors bemächtigt 
und hielten die Mittelwache und die Zugbrücke besetzt, und am 
Bettelbrunnen war eine Abtheilung Mainzer Infanterie mit 2 Kanonen 
postirt, um die jenseitige Passage zu decken und sich dadurch den 
Rückzug durch die Stadt offen zu halten. Abends war indessen alles 
ruhig und stille. 

Juli 5. Schon um 4 Uhr Morgens begann das befürchtete 
Treffen. Die französischen Truppen, etwa 5- bis 6000 Mann stark, 
worunter viele Cavallerie, lehnten ihren rechten Flügel an Sindlingen, 
das Centrum stand bei Hofheim , Liederbach und Sossenheim, und 
ihr linker Flügel dehnte sich von da über Sulzbach, Soden, Esch- 
born u. s. w. aus. Der deutsche linke Flügel lehnte sich an den 
Main, und wurde durch die bei Kelsterbach auf dem linken Mainufer 
errichtete Batterie geschützt, hielt Höchst besetzt und zog mit seinem 
Centrum eine Linie vor der Nidda, indem dasselbe die rückwärtigen 
Posten besetzte, und besonders die. Brücken bei Rödelheim und 
Hausen besetzt hielt, in welch letzterer Gegend der rechte Flügel 
stand. Auch ihre Stärke bestand in höchstens 5000 Mann, worunter 
viele Jäger, aber nur etwa 5- bis 600 Mann, und dazu lauter leichte 
Cavallerie ; dagegen waren sie den Franzosen an Artillerie Uberlegen. 
Das Treffen begann lebhaft auf der ganzen Linie, ohne dass ein 
Theil wich. Die Franzosen warfen gegen 6 Uhr ihre meiste Stärke 
auf ihren rechten Flügel, um durch einen raschen Angriff Höchst zu 
emportiren, die Brücke bei Nied zu gewinnen, und die sämmtlichen 
deutschen Truppen vom Main abzuschneiden. Mehrere wiederholte 
stürmende Versuche waren jedoch fruchtlos, und hatten überdies 
die Folge, dass starker Verlust die Franzosen endlich zwang, sich 
zurükzuziehen, wobei sie lebhaft verfolgt wurden. Dies geschah 
gegen 9 Uhr. Die Franzosen machten nun mit ihrem Centrum eine 
Bewegung rechts, um die Nidda zu gewinnen, welche aber gleichfalls 
fehlschlug. Die Kanonade und das Kleingewehrfeuer war indessen 
äusserst stark, und dauerte unausgesetzt fort. Um 1 Uhr Nachmittags 
zogen nun die Franzosen, die während dem Verstärkung an frischen 
Truppen erhalten hatten, auch ihre Truppen öfters abwechselten und 
ablöseten, ihre ganze Stärke auf den linken Flügel zusammen, uud 



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— 243 — 



griffen Rödelheim stürmend an, das sie mit Haubitzen bewarfen. 
Erst nach mehrmaligen vergeblichen Versuchen gelang es ihnen, Rödel- 
heim und Hausen und die dortigen Brücken zu erobern, wobei sie 
grossen Verlust erlitten. Die Linie der Deutschen war also hier 
durchbrochen. Diese zogen sich auf ihr Centrum zurück, und, indem 
sie sogleich eine Fronte auf der Flanke formirten, so hielten sie die t , 
Franzosen en Echec, bedroheten diese in Flanke und Rücken, und 
verhinderten dadurch, dass dieselben weit vordringen konnten, beson* 
ders da die Jäger die Waldungen besetzt hielten, und durch unauf- 
hörliches Feuern die Franzosen verhinderten, weit vorzuprallen. 
Eine Abtheilung Cavallerie indessen sprengte dennoch vor auf der 
Chaussee von Rödelheim nach hiesiger Stadt zu. Sie warfen die 
Flanqueurs der Szeckler und Mainzer Husaren bis nahe ans Bocken- 
heimerthor zurück, und waren bereits bis an den Malapertischen Gar- 
ten vorgesprengt, als plötzlich vom Eschenheimerthor her ein Zug 
Szeckler Husaren, der sich zu diesem Zwecke beim Anfang der 
Attaque durch enge Wege auf diesen Punkt gezogen hatte, herbei 
und in voller Carriere mit wildem Geschrei auf die Chaussee den 
Franzosen entgegenstürzte. Diese nahmen gleich Reissaus, und wur- 
den bis nach Rödelheim hin verfolgt. Die Husaren wandten sich 
dann rechts, und sprengten gegen Hausen, das sie wieder wegnah- 
men, während die Mainzer Truppen im Sturmmarsch auf Rödelheim 
losgingen und dieses wieder eroberten. Nun drang der rechte deut- 
sche Flügel über die Nidda an beiden Orten vor, und gewann wieder 
mehr als eine Stunde jenseits der Nidda Terrain. Die Nacht war 
eingebrochen, es war 9 Uhr. Bis dahin war die Kanonade und das 
Pelotonfeuer noch sehr lebhaft, nachher wurde es still. Als die Fran- 
zosen die Linie bei Rödelheim durchbrochen hatten, die Bagage durch 
hiesige Stadt zurückgebracht wurde, auch eine Abtheilung Infanterie 
und Cavallerie durch dieselbe gegen Sachsenhausen marschirte, war 
der Lärm allgemein, die Deutschen seien in Retirade, und ein 
plötzlich verbreitetes, aber ungegründetes Gerücht, als sei eine Co- 
lonne Franzosen von Höchst her in Anmarsch und bereits nahe an 
der Stadt, verbreitete einen ausserordentlichen Schrecken. Gestern 
und heute besonders kamen anhaltend Verwundete, sowohl Deutsche 
als Franzosen, und Gefangene von letzteren einzeln und in Häufchen 
in der Stadt an, die dann durchgebracht wurden. 

Die Deutschen hatten nun zwar das Schlachtfeld behauptet, mit 
unglaublichem Muth und Standhaftigkeit gefocbten, sich 2 Tage lang 
gegen Uebermacht behauptet, und mit Erfolg gegen Truppen ge- 
kämpft, die um so unerschrockener und tollkühner fochten, da sie 

10* 



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- 244 - 



alle ganz betrunken waren. Sie hatten mehr geleistet, als man ihrer 
Stärke zutraute, und weit mehr, als man von zu dem meist ganz uner- 
fahrenen Truppen erwartete ; sie waren zudem meist kaum erst vom 
Marsch gekommen, mussten in der heissesten Witterung den schwersten 
Kampf bestehen, und hatten dennoch gesiegt, und sich selbst die 
^Bewunderung und Achtung des Feindes erworben. Allein als da- 
mals der rechte Flügel ins Gedränge kam, musste der linke, um 
nicht abgeschnitten zu werden, eine rückwärtige Bewegung machen. 
Die Franzosen kamen dadurch in Besitz von Höchst. Die Truppen 
waren durch zweitägigen Kampf zum Hinsinken ermattet, waren 
ohne Lebensmittel, hatten bereits alle Munition verschossen, mussten 
befürchten, dass bei einem neuen Angriff der Franzosen diese die 
Stadt eher als sie gewinnen könnten, und dass ihnen dadurch der 
ganze Rückzug abgeschnitten sein würde, und sie beschlossen also, 
sich aufs linke Mainufer zu ziehen. Die Hetirade ging zum Theil 
durch die Stadt, wo sie das Bockenheimerthor, die sachsenhäuser 
Brücke und das Affenthor besetzt hielten, zum Theil auf Schiffen 

I 

zwischen hier und Höchst, fing um 10 Uhr an und dauerte bis 

Juli 6 nach 1 Uhr früh, geschah in grösster Stille und Ord- 
nung, und alle Artillerie, Bagage, so wie alle Gefangenen wurden 
mitgebracht. Die Nidda wurde dann nur durch schwache leichte 
Cavallerie-Corps besetzt gehalten, welche sich dann gleichfalls zwischen 
8 und 10 Uhr Morgens in bester Ordnung zurückzogen, da sie, indem 
die Franzosen gleichfalls ermattet waren, keine Verfolgung zu be- 
furchten hatten. Sie brachton noch etliche Gefangene von gestern 
zersprengten Franzosen mit; ihnen folgte der Jäger-Posten am 
Bockenheimerthor, worauf auch hier die Brücke aufgezogen und das 
Thor verschlossen wurde, gleichwie auch alle übrigen Thore bereits 
seit gestern Abend verschlossen waren. Gegen 10 Uhr kamen die 
ersten französischen Vortruppen. Sie besetzten sogleich alle dies- 
seitigen äusseren Thore, und eine Colonne von 800 bis 1000 Mann 
zog gegen Bornheim hinauf. Der französische General Collaud lo- 
girte sich in den Eyfriedischen Garten vor dem Bockenheimerthor 
ein, und begehrte eine Raths-Deputation. Diese wurde von ihm sehr 
höflich und artig empfangen, und sein ganzes Begehren beschränkte 
sich auf Brod und Wasser. Man schickte ihm dafür Brod, Fleisch, 
Bier, Branntwein und Wasser. Uebrigens durften keine Franzosen 
als nur einzelne Officiere und Gemeine herein, und die Thore blieben 
ganz verschlossen, dermassen dass niemand hinaus oder hereiu durfte, 
selbst die Wasserthore waren davon nicht ausgenommen. An den 
sachsenhäuser Thoren war dies der nemliche Fall, an welchen aussen, 



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- 245 — 

wie auch hin und wieder am Mainufer, Piquets von Husaren standen. 
Die deutschen Truppen-Corps hatten sich in die nahen Waldungen 
gezogen, und besonders von Isenburg bis Offenbach concentrirt. 
Niederrad und Schwanheim wurden durch leichte Truppen besetzt 
gehalten. Uebrigens war und blieb alles ruhig. 

Der Verlust der Franzosen von gestern und vorgestern belauft 
sich nach ihrer eigenen Bestimmung auf etwa 800 Mann an Todten 
und Verwundeten, ohne die Gefangenen. Er traf meistens die pol- 
nische Legion, welche tiberall voran gestellt wurde, und daher den 
meisten Verlust erlitt. Der deutsche Verlust mag sich zusammen 
auf 2- bis 300 Mann belaufen. Ueberall, wo die Franzosen hinkamen, 
besonders in Rödelheim, raubten und plünderten sie sehr stark, be- 
sonders die Polacken, welche sich äusserst unbändig und ausgelassen 
betrugen, und von denen nachher mehr als 4—500 Mann deser- 
tirten, und in der Gegend von Friedberg von kaiserlichen und 
preussischen Werbern sich anwerben Hessen. 

Juli 7. Heute Morgen 10 Ubr kam General St. Suzanne, Chef 
dieses französischen Truppen-Corps, hierher. Er wurde vor dem 
Bockenheimerthor von einer Raths-Deputation und dem Stadt-Obristen 
von der Planitz empfangen und fuhr mit diesen auf das Rathhaus, 
wo er nur kurz verweilte und sogleich unter dem Titel Indem- 
nisations-Gebtihr für den zugelassenen Durchmarsch der deutschen 
Truppen 800,000 Livres, die Hälfte baar, die andere Hälfte in Liefe- 
rungen, binnen 6 Stunden, so wie die Stellung zweier Schiffbrücken 
binnen der nemlichen Zeit forderte. Es wurde ihm beides rundweg 
abgeschlagen und er ging drohend weg. Den Tag über wurde dess- 
falls beständig unterhandelt, allein alle Forderungen wurden standhaft 
abgelehnt und verweigert. Gegen Abend konnte man jedoch nicht 
verhindern, dass eine Abtheilung Artillerie und Pontoniers herein 
kam, die sich dann an den Main begaben, und dort Schiffe zu einer 
Schiffbrücke pressten, die Bie dann zusammenbrachten, alsogleich dem 
Strom abwärts fuhren und am Gallenthor in den Winterhalt brachten. 

Uebrigens war und blieb heute alles ruhig. 

Ein Versuch, den die Franzosen in abgewichener Nacht machten, 
bei Rumpenheim den Main zu passiren, roisslang, und sie zogen sich 
dann wieder in die Gegend von Bornheim zurück, wo sie bis nach 
Bergen hinauf lagerten. Ihre Reserve lagerte bei Höchst und Nidda. 

Juli 8. Beständig sind die Thore seit dem vorgestrigen Sonn- 
tag noch verschlossen. Nur mit Mühe konnte man bisher einige 
passiren und das dessfallsige Verbot wechselte besonders heute sehr 
stark, da öfters die Franzosen nichts weder herein- noch hinauspassiren 



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- 246 — 

Hessen, manchmal aber auch wieder in diesem Stücke nachgiebiger 

waren. 

Heute Morgen holten die Franzosen zum Behuf ihrer Schiff- 
brücke 1400 Dielen von den Archen am Mainufer, und auf erneuerte 
Requisition unter der Androhung von Besetzung und Gewalt mussten 
ihnen auch Balken dazu angewiesen, von den Stadtzimmerleuten be- 
arbeitet und hinaus an die Windmühle geschafft werden. Man be- 
merkte einige Bewegung unter ihnen, und erfuhr nun Abends, 
dass ein Theil leichter Truppen am Gutleuthof um 4 Ubr Nach- 
mittags den Main passirt sei. Diese nahmen Besitz von Niederrad 
und den dortigen Waldungen, bei welcher Gelegenheit daselbst einige 
Plänkeleien vorfielen ; sie occupirten demnach das dortige Terrain, 
und schickten ihre Patrouillen bis gegen das Affenthor vor, von wo 
sich die Szeckler Husaren wegzogen. 

Späterhin war der Durchgang durch die diesseitigen Thore er- 
laubt , da alle französische Posten bis auf einige Cavallerie am 
Bockenheimerthor abgezogen waren. Nach 8 Uhr kam indessen 
wieder eine Abtheilung von etwa 200 Mann Infanterie von Höchst 
herauf, rückte bis dicht ans Bockenheimerthor, das sie besetzen zu 
wollen schienen, wesshalb alle dort befindliche Menschen sich eiligst 
wieder in die Stadt herein begaben. Sie trennten sich jedoch bald, 
indem sie wieder einzelne Abtheilungen nach jedem Thore abschickten, 
auch eine solche gegen die bockenheimer Warte hin detachirten. 
Die übrigen lagerten sich vor das Bockenheimerthor. 

Sonst blieb im Ganzen heute alles ruhig und stille. Von der 
geforderten Contribution war nicht nur noch nichts geliefert, sondern 
alle Forderungen jeder Art werden den Franzosen fortdauernd abge- 
schlagen. 

Juli 9« Seit heute früh 4 Uhr hörte man starkes Schiessen von 
Kleingewehr. Die Franzosen hatten in abgewichener Nacht, da sie das 
jenseitige Terrain seit gestern Abend im Besitze hatten, ohne Wider- 
stand ihre Schiffbrücke zwischen dem Gutleuthof und Niederrad zu 
Stand gebracht, und waren darüber mit dem grössten Theil ihrer 
Truppen auf das jenseitige Mainufer gegangen. Sie hielten den 
Riedhof, den Apothekerhof und den Platz am EhrmänniBchen Garten 
am Bettelbrunnen besetzt, auf welch letzteren sie 2 Kanonen auf- 
gefahren hatten. Die Deutschen hielten Oberrad besetzt, und ihre 
leichten Truppen waren auf der Chaussee und in den Gärten und 
Weinbergen den sachsenhäuser Berg hinauf- und herabpostirt, und 
beunruhigten die Franzosen sehr, als diese der Chaussee von Nieder- 
rad und vom Forsthaus herauf anrückten. Da ihnen die dortigen 



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Waldungen zu diesem Zweck sehr vorteilhaft waren, und auf jeden 
Fall Deckung gewährten, so engagirte sich ein sehr lebhaftes Vor- 
postengefecht, das bis gegen 9 Uhr fortgedauert hatte, und während 
welchem es den Franzosen gelungen war, die deutschen Tirailleurs 
bis gegen Oberrad hin zurück zu drücken, bis diese wieder verstärkt 
von da vorrückten, eine Division Szeckler der Chaussee von der 
sachsenhäuser Warte herunterkamen, und die Franzosen in Unord- 
nung flohen, und sich auf ihr Hauptquartier am Bettelbrunnen zu- 
rückwarfen. Dieses gerieth in Bewegung, feuerte einige Male mit 
seinen Kanonen; die Szeckler ritten zurück, französische Husaren 
verfolgten sie, — als diese plötzlich von embusquirten Jägern em- 
pfangen wurden. Sie machten linksum, die Szeckler ihnen wieder 
nach, die Jäger schlössen sich diesen an. Aufs Neue kamen die 
Franzosen in Bewegung; selbst die Abtheilung, die das Aussenwerk 
des Thors besetzt hielt, gerieth in Allarm; die Franzosen machten 
eine Schwenkung in die Strasse gegen das Thor. Nun glaubte man 
auf den Wällen, wo man das Gefecht mit zusehen konnte, die Fran- 
zosen retirirten, und würden den Rückzug durch die Stadt nehmen. 
Alles stürzte von den Wällen herunter, wie ein Blitz theilte sich der 
Schrecken den Menschen, die in den Strassen von Sachsenhausen 
waren, mit. Diese strömten gegen die Brücke, auf dieser waren 
viele Tausend Menschen versammelt; die Bestürzung und Verwirrung 
war allgemein ; alles suchte sein Heil in der Flucht, um sich in seine 
Häuser zu verbergen. Man glaubte die fliehenden Feinde und nach- 
setzenden Deutschen schon hinter seinem Rücken. Der Schrecken 
vergrößerte sich, als einige Kanonenschüsse fielen; man glaubte die 
Thore eingeschossen, sogar die Kämpfenden schon in der Stadt mit 
Kanonen an einander. Eine allgemeine Bestürzung theilte sich mit 
Blitzes - Schnelligkeit allen Bewohnern der Stadt mit, alle Läden 
wurden eiligst zugemacht und die Häuser verschlossen. Der Schrecken 
legte sich jedoch bald, und man erfuhr nachher, dass weder die Af- 
faire so bedeutend, noch der Anschein ihrer Wendung so gewesen 
sei, wie Schrecken und Furcht sie vergrösserten. Die Franzosen 
hatten inzwischen Verstärkung erhalten, rückten gegen die sachsen- 
häuser Warte vor und besetzten diese, so wie sie gleichfalls en Co- 
lonne gegen Oberrad hinzogen, das die Deutschen verliessen. Das 
Plänkeln dauerte inzwischen fort, und wurde besonders zwischen 
Oberrad und Offenbach lebhaft fortgesetzt. Es kamen viele, zum 
Theil schwer verwundete Franzosen, auch 2 Mainzer, in die Stadt, 
die ins Hospital im Rothen Ochsen und Friederikaner-Kloster ge- 
bracht wurden. Gegen 12 Uhr waren die Franzosen bis unfern 



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von Ottenbach mit ihren Tirailleurs vorgedrungen, und die Deutschen 
hatten sich bei Offenbach postirt Nachmittags hörte das Feuern 
auf, und beiderseitige Truppen blieben nun in ihren Stellungen, in 
welchen die Franzosen dann besonders den Rest ihrer Truppen , der 
abtheilungsweise über die Schiffbrücke nachmarschirte, an sich zogen» 
so dass bis Nachmittags in den Gegenden der Nidda keine Franzosen 
mehr anzutreffen waren, als jene, die vor unseren Thoren in geringer 
Zahl lagen, sowie einige Tausend Mann, die bei Bornheim und Bergen 
lagerten. Man erfährt, dass auch bis Isenburg die Franzosen gekom- 
men seien. Uebrigens blieb nun fortan alles ruhig. Mehrere Bewe- 
gungen der Franzosen, besonders dass sie das Mainufer von den 
Bleichen an bis an die Gerbermühle mit Posten besetzten, und eine 
Abtheilung Infanterie und Cavallerie hinter denselben in den Gärt- 
nereien aufstellten, Hessen uns bis spät Abends vermuthen, dass 
die Deutschen Offenbach noch besetzt hielten. 

Alle Thore waren auch heute wieder verschlossen, nur das 
Bockenheim erthor war offen, und zu Zeiten ist auch die Passage am 
Allerheiligenthor erlaubt Wer seither auf die sachsenhäuser [Seite 
oder von da herüber wollte, musste sich an den Bleichen übersetzen 
lassen. Wagen und Reiter nahmen den Weg durch den Main, der 
sehr niedrig ist. 

Zwei Schiffleute aus der Aschaffenburger Gegend, die heute von 
hier aus nach Hause gehen wollten, sich durch alle Einreden ihrer 
Landsleute und der übrigen Schiffer davon nicht abhalten Hessen, 
und die ausserdem so tollkühn waren, die jenseitige kürzere Strasse 
zu wählen, kamen unter die Franzosen, welche beide tödtlich ver- 
wundeten. Sie wurden hereingebracht und starben heute Abend. 

In Oberrad, auf der Mühle, die Deutschherren-Mühle genannt, 
und auf den Höfen haben die Franzosen arg gehaust und stark ge- 
plündert 

Juli 10. Heute war im Allgemeinen alles still, und beide Theile 
verhielten sich in ihren Positionen ruhig. Offeubach wurde gestern 
schon von den Deutschen verlassen und von den Franzosen besetzt. 
Erstere hatten sich hinter Offenbach in eine feste Stellung gesetzt, 
und dehnten dann ihren linken Flügel über Heusenstamm durch den 
Wald hin bis gegen Sprendlingen aus, wo die Franzosen sich auch 
postirt hatten. Man erfuhr heute, dass ein starkes Corps deutscher 
Truppen bei Hanau den Main passirt hatte, und von da in die Gegend 
von Hochstadt, Windecken, Dorfeiden und gegen Bergen hin vorge- 
rückt sei, mit dem Gros aber in dem Lamboy- Wald bei Hanau 
stände. Man erwartete und vermuthete also auf den morgenden Tag 



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ein Treffen. Da zugleich bekannt wurde, dass beim ersten Anbruch 
eines Treffens unsere Thore, die seither zwar gesperrt, aber nicht 
immer ganz verschlossen waren, ganz fest verschlossen werden soll- 
ten, so wurde sowohl von den Gartenbewohnern, als den nahen Dorf- 
leuten, noch bis spät Nachts alles hereingeschafft, was geflüchtet 
werden konnte, da der Ausgang des Treffens selbst ungewiss war, 
in jedem Fall aber die Vermuthung nahe lag, dass es sich bis an 
die Mauern der Stadt ziehen könnte. 

Juli 11. Heute geschah von Seiten der Deutschen in der Ge- 
gend der Berger Anhöhen ein ziemlich lebhafter Angriff schon früh 
um 3 Uhr; das nemliche war auch auf der Seite von Offenbach der 
Fall. Das Gewehrfeuer war bis gegen 6 Uhr sehr lebhaft, und zu 
Zeiten hörte man auch Kanonenschüsse. Nach 6 Uhr aber wurde 
alles wieder ruhig, und blieb es auch den ganzen Tag Uber. Die 
Deutschen hatten auf der Seite von Bischofsheim einiges Terrain ge- 
wonnen, und die Franzosen sich mehr gegen Bergen hin concentrirt 
Auf beiden Seiten soll ziemlicher Verlust gewesen Bein; das Ganze 
aber scheint sich nur auf eine Recognoscirung beschränkt zu haben. 
Abends bezogen beide Theile ihre vorherige Stellung. 

Juli 12. Folgendes ist die Lage der beiderseitigen Truppen. 

Franzosen, in allem 7 bis 8000 Mann. Linker Flügel auf den 
Anhöhen von Bergen bis gegen Vilbel hin, der in diesen Gegenden 
durch Flanqueurs gedeckt wurde. Von Bergen zog sich das Cen- 
trum über Bischofsheim bis an den Main herunter, unterhielt hier die 
Communication mit dem Corps bei Offenbach, das den rechten Flü- 
gel formirte, sich von da durch die Waldungen an Heusenstamm 
hin bis Isenburg erstreckte und die Flanqueurs bis gegen Sprend- 
lingen ausbreitete. Die Reserven lagen bei Seckbach und Bornheim 
bis Oberrad und in den näher hierher gelegenen frankfurter Wal- 
dungen. 

Deutsche, die seit etlichen Tagen Verstärkung erhalten haben, 
etwa 9- bis 10,000 Mann. Der rechte Flügel stand bei Hanau, und 
dehnte sich von Windecken, Hochstadt, Dorfeiden bis gegen Vilbel 
hin rechts aus, senkte sich dann links an den Main, war dort mit 
dem Truppencorps, das als Centrum hinter Offenbach, besonders bei 
Bieber stand, über Rumpenheim in Verbindung, und der linke Flügel 
erstreckte sich von da an durch die isenburger Waldungen Uber 
Heusenstamm bis gegen Sprendlingen und schickte seine Flanqueurs 
bis weit in die Waldungen hinunter. 

So standen die beiderseitigen Truppen gegen einander, als bereits 
in aller Frühe um 4 Uhr auf der Seite bei Offenbach bis gegen 



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250 - 



Isenburg und Sprendlingen herunter ein sehr lebhaftes Kleingewehr- 
feuer entstand, das bis gegen 6 Uhr fortdauerte. Es blieb eine 
Stunde ruhig; dann aber um 7 1 /* Uhr fing das Gefecht hier aufs Neue 
an, und wurde bald in dem vorhin beschriebenen Halbzirkel in einer 
Ausdehnung von 4 bis 5 Stunden allgemein. Die Truppen kamen 
alle ins Feuer und eine kleine Zeit später gegen Mittag fing auch 
das Kanonenfeuer an. Jetzt schien das Gefecht noch allgemeiner 
und hitziger zu werden, das Kanonenfeuer wurde immer lebhafter, 
und das Kleingewehrfeuer war fast ununterbrochen. Nachmittags 
um 1 Uhr war bei Bergen und zwischen den Hohen von Bergen 
einerseits und den Höhen und Wäldern von Hochstadt und Dorfeiden 
anderseits die Kanonade und das Kleingewehrfeuer sehr stark. Hin- 
ter Offenbach und durch den Wald hin bis gegen Isenburg war es 
gleichfalls sehr heftig, und um 3 Uhr begann in den W r aldungen 
bei Isenburg ein sehr lebhaftes, oft abwechselndes Gefecht. Drei- 
mal waren die Deutschen bis an die sachseuhäuser Warte hin vor- 
gedrungen, wurden jedoch immer wieder gezwungen, Bich zurückzu- 
ziehen, daher nach 4 Uhr die Franzosen wieder in den Besitz von 
Isenburg kamen. Auf dieser Seite blieben von beiden Theilen viele 
Leute. Gegen 5 Uhr wurde es auf allen Seiten ruhig. Um 7 Uhr 
aber fing es wieder oberhalb Offenbach an zu plänkeln, und das 
Gewehrfeuer wurde immer lebhafter und stärker. Die Deutschen 
hatten angegriffen, und zwangen endlich nach 8 Uhr die Franzosen 
mit bedeutendem Verlust Offenbach zu verlassen, worauf sich diesel- 
ben dann unter dem Schutz einiger auf der Chaussee von Oberrad 
und an dem Mainufer aufgestellten Kanonen bis gegen den Strahlen- 
burger Hof zurückzogen. Nach 9 Uhr wurde alles ruhig. Beide 
Theile hatten ihre vorige Stellung wieder eingenommen. Schon von 
Mittags an bis tief in die Nacht hinein wurden viele schwer Ver- 
wundete, sowohl von Bergen als von Offenbach und Isenburg her, 
worunter auch mehrere Deutsche, in hiesige Stadt gebracht, wo sie 
in das Dominikaner- und das Karmeliterkloster und in das Militär- 
Lazareth untergebracht wurden, und daselbst von den hiesigen Wund- 
ärzten verpflegt werden. Der beiderseitige Verlust soll sich heute 
Uberhaupt sehr hoch belaufen, und nur bei Bergen aHein soll die 
polnische Legion 4- bis 500 Mann verloren haben. Die leicht Ver- 
wundeten und einige wenige Gefangene wurden gleich an hiesiger 
Stadt vorbei nach Höchst gebracht. 

Schon Morgens früh war die Kostheimer Schiffbrücke, welche 
die Franzosen heraufgebracht hatten, bis an die Stadt gekommen. 
Des seichten Stromes wegen konnte sie aber nur mit Mühe aufwärts 



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251 — 



gebracht, und erat gegen Abend zum Theil an der Gerbermühle auf- 
gestellt werden. 

Juli 13. Erst heute Morgen wurde solche beendigt, und man 
bemerkte einige unbedeutende Hin- und Hermärsche. Heute blieb 
den ganzen Tag alles ruhig, nur einzelne Flintenschüsse hörte man 
von Zeit zu Zeit von den verschiedenen Gegenden her. 

Die Thore sind fortdauernd gesperrt und von aussen besetzt, 
und obzwar jeder Fussgäuger und Reiter hinaus und herein passiren 
darf, so erstreckt sich diese Erlaubniss doch nicht auf sowohl beladene 
als unbeladene Wagen, Kutschen u. s. w., welche ohne Pas» vom 
Obergeneral auf keinerlei Weise passiren können. 

Wie so oft die Umstände sich verändern und das Sprichwort 
wahr machen können: „Heute mir, morgen dir", ersahen wir heute 
auf eine auffallende Art. 

Gerade heute ist der Gedächtnisstag, an welchem vor 4 Jahren 
unsere Stadt das Unglück hatte, durch ein verwüstendes Bombarde- 
ment heimgesucht zu werden , welchem zu entgehen am Morgen jenes 
Tages viele Tausende von Frankfurts Einwohnern den WanderstAb 
ergriffen, und Uber Offenbach sich nach Hanau in Schutz begaben, 
auch zum Theil in ersterem Städtchen blieben , und das Schicksal 
ihrer Vaterstadt mit kummervollem Herzen abwarteten. Offenbach 
war damals der erste Schutzort für die Frankfurter, und sie dankten 
Gott, als sie diesen nur erst erreicht hatten. Heute sahen wir nun 
Ottenbachs Einwohner ihre Habseligkeiten, um sie der Plünderung 
zu entziehen, da gestern in Offenbach sehr stark geplündert wurde, 
auf eigenes Anrathen der französischen Officierc, die sie nicht 
schützen können, in hiesige Stadt flüchten, auch diese für ihre Weiber 
und Kinder zum Zufluchtsort wählen, da noch immer Offenbach 
wegen einer etwaigen Beschiessung in einer sehr bedenklichen Lage ist. 

Die Franzosen schreiben nun in den rückliegenden Gegenden, 
besonders den mainzischen Ortschaften, starke Requisitionen an Geld, 
Lieferungen, Naturalien, Ochsen, besonders aber Pferden, aus, deren 
sie schon sehr viele eingebtisst haben, und welche sie dann mit der 
grös8ten Strenge eintreiben. 

Juli 14. Heute war und blieb es ruhig, und die Franzosen 
feierten heute zu einigen Zeiten durch Geschütz-Abfeuerungen das 
Fest des 14. Juli. 

Juli 15. Fortdauernd ruhig. Die Deutschen haben sich auf 
der Seite gegen Bergen etwas zurückgezogen, und ihre Hauptmacht 
oberhalb Hanau hinter die Kahl gestellt; doch haben sie auf der 
vorher besetzten Linie starke Vorposten stehen. Dagegen ist die 



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Position auf dem Unken Mainufer noch dieselbe wie bisher. Die 
Franzosen verschanzen sich auf ihrer ganzen Linie, besonders bei 
Oberrad und den dortigen Waldungen, wozu sie viele Bäume um- 
hauen, — ebenso auch an den Röderhöfen auf der Hanauer Strasse. 

Die in Offenbach am 12. dieses Nachts erfolgte Plünderung 
war leider sehr stark, und viele Einwohner wurden dabei arg miss- 
handelt. Auch verlor einer derselben sein Leben, der sich dem Raub 
seiner Pferde widersetzte. Die Officierc, die abwehren wollten, konn- 
ten die Ruhe nicht herstellen, und begnügten sich damit, den ge- 
ängstigten Einwohnern, die sie um Hülfe anriefen, zuzurufen, das« 
sie die Plünderer todt schlagen sollten. 

Juli 1 7. Fortdauernd Ruhe und Stille. Von unseren Thoren sind 
nun zwar noch die äusseren Pforten gesperrt, doch ist der Durchgang 
nicht mehr gehindert. Nur die Fuhrleute werden öfters von den 
wachehabenden Franzosen gepfändet, und müssen sich dann mit 1, 2 
bis 4 Neuethalern die Erlaubniss erkaufen, hinaus- oder hereinfahren 
zu dürfen. 

Juli 18. Gestern Abend um 7 Uhr passirte ein französischer 
Courier aus Bayern hier durch in das Hauptquartier nach Höchst 
mit der Nachricht des dort für Deutschland geschlossenen Waffen- 
stillstandes, daher denn nun von diesem Augenblick an auch, Gott- 
lob, die Feindseligkeiten in hiesiger Gegend aufhören. W r underbar! 
Gestern Abend kam der Courier, und heute sollten früh um 3 Uhr 
die Franzosen nach der gestern erhaltenen Ordre sich auf der gan- 
zen Linie zum Angriff bereit halten. 

Juli 19. Gegen Abend erst nach 8 Uhr wurde den Garten- 
besitzern vor dem Neuen-, Eschenheimer- und Bockenheimerthor fran- 
zösische Einquartierung auf die Nacht angesagt. Man musste daher 
die Gärten und Häuser aufmachen, und alles zu ihrem Empfang be- 
reit halten. Bis Mitternacht aber waren sie noch nicht angekommen. 
Man glaubte allgemein, es sei blos eine Prellerei der französischen 
Generale. Diese hatten Morgens die Erklärung gegeben, da in Folge 
des geschlossenen Waffenstillstandes ihre Truppen in Cantonnirungen 
verlegt werden müssten, man solche jedoch, während derselbe noch nicht 
ratificirt sei, nicht rückwärts verlegen dürfe, so müsse unsere Stadt 
800 Mann Besatzung einnehmen. Man verweigerte dieses Ansuchen 
standhaft, und sie erklärten dann, dass sie solche nun in die Garten- 
häuser einlegen oder auf der Pfingstweide campiren lassen müssten, 
welches man ihnen auch zugestand. Man war in der Vermuthung, 
es sei blos ein Kunstgriff, um zur Abwendung dieser Beschwerniss 



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eine Summe Geldes von uns zu erpressen, und man ward um so 
mehr in dieser Meinung bestärkt, als den folgenden Tag 

Jnli 20. noch keine kamen, und keine Rede davon weiter war. 
Nur die etlichen Hundert Mann, die bisher gröBStentheils am Bocken- 
heimerthor und in kleineren Partien an den anderen Thoren cara- 
pirten, waren Vormittags in die Gartenhauser am Bockenheimerthor, 
und die Cavallerie derselben in die dortigen Höfe einquartiert 
worden. 

Juli 21. Abends 5 Uhr wurde unversehens die Aufforderung, 
die Gartenhäuser zur Aufnahme von Einquartierung bereit zu halten, 
erneuert, und schon um C Uhr kamen die Truppen an, die von der 
Linien-Infanterie sind, und bisher in und bei Niederrad gelegen hat- 
ten. Die Einquartierung war sehr stark, für ein Gartenhaus 10 Mann 
und mehr, denen nun alles Benöthigte gestellt werden muss, Fleisch 
ausgenommen; an Brod haben sie sehr Mangel. 

Juli 22. Die bisher in den Bornheimer Feldern campirte pol- 
nische Legion marschirte heute etwa 800 Mann stark gegen Höchst 
zurück. Bei ihrem Ausmarsch aus Mainz war sie 3750 Mann 
stark, hat aber durch die seitherigen Gefechte mehr als 1500 Mann 
verloren; die übrigen sind alle desertirt. Nur allein in der abge- 
wichenen Nacht desertirten noch 130 Mann, die alle den Weg nach 
Friedberg einschlagen, und dort sich von kaiserlichen und preussischen 
Werbern engagiren lassen. 

Juli 25. Was gestern Abend noch Vermuthung war, wurde 
heute zur Gewissheit. Anstatt der bisher in den Gärten einquartier- 
ten Truppen, die früh 3 Uhr zum grössten Theile aufbrachen und 
nach Griesheim zogen, rückten gegen 10 Uhr 2000 Mann Infanterie, 
300 Mann Cavallerie und eine halbe reitende Batterie, Nachmittags 
noch 500 Mann Infanterie, und Abends 2 bis 300 Mann Husaren hier 
ein. Als sie eingerückt waren, wurde abermals die schon öfters an- 
geforderte, aber immer verweigerte Indemnisations-Contribution von 
800,000 Livrea für den zugelassenen Durchmarsch der deutschen 
Truppen durch den General Souham wiederholt, aber erneuert abge- 
schlagen. Darauf wurde dann sogleich die Einquartierung der Trup- 
pen gefordert, die auch Mittags geschah. Diese waren zum Theil in 
ihren Forderungen an ihre Hauswirthe sehr unbändig und entblödeten 
sich nicht, sich Executions-Truppen zu benennen. Auch wurden alle 
Thore, so auch die Hauptwache, von ihnen besetzt, jedoch die frank- 
furter Wachen beibehalten. Dagegen aber wurde schlechterdings die 
Passage für jeden beladenen Wagen, selbst für besetzte Kutschen, 



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den Thoren hinaus untersagt, und dieses Verbot soll so lange dauern, 
bis die angeforderte Contribution berichtigt sei. 

.1 uli 26. Heute fortdauernde Hemmung für beladene Wagen 
zur Passirung den Thoren hinaus. 

Juli 27. Dergleichen auch heute. 

Man versichert, es seien von Seiten des Freiherrn von Albini 
und des k. k. commandirenden Generals von Szenkeresty ernstliche 
Protestationen gegen die Besitznahme unserer Stadt geschehen, sogar 
Gewalt angedroht worden, wenu keine Räumung erfolgen würde. 
Das Gewisse ist, dass mehrere kaiserliche Officiere mit wichtigen 
Aufträgen im Hauptquartier des Generals Roland zu Bergen waren, 
auch heute einer mit einem Trompeter hier bei General Souham 
gewesen ist. 

Juli 28. Heute ist in den umliegenden Cantonnements der Fran- 
zosen einige Dislocation erfolgt Auch sind wenige Truppen nebst 
der Artillerie von hier abmarschirt. 

Gestern wurde ein Edict von der Stadt-Canzlei umgetheilt, worin 
angezeigt wird, dass General Souham die vollständigste Verköstigung 
der einquartierten Truppen von ihren Wirthen verlangt habe, und die 
Bürger daher ermahnt werden, nach Verhältniss ihrer Mittel und 
ihres Vermögens diesem zu entsprechen, und ihren Tisch mit den 
Soldaten zu theilen. 

Juli 31. Nachdem seit Einmarsch der Franzosen kein einziger 
beladener Wagen hinauspassiren durfte, und daher alle Fuhrleute 
hier liegen bleiben mussten, ausserdem aber auch gar keine Güter- 
Versendungen von hier aus geschehen konnten, so brachte es der 
junge Bethmann, als er gestern mit General Souham auf der Jagd 
war, durch seine Fürsprache bei demselben dahin, dass er auf heute 
Mittag eine Stunde erlaubte, während welcher alle geladene Wagen 
dem Bockenheimer- und dem Affenthor hinauspassiren durften. Freudig 
eilte jeder Fuhrmann, sein Geschirr bis dahin fertig zu stellen und 
heute Mittag von */a 1 Uhr bis 2 Uhr fuhren sie dann alle, zusammen 
an 200 Geschirren, davon allein 139 durch das Bockenheimerthor, 
von hier ab. Nach dieser Zeit aber war die Passage hinaus wieder 
verboten und nun besteht auch das Verbot wieder wie vorhin. 

August 2. Heute Morgen um 8 Uhr wurde auf einmal General- 
marsch geschlagen und sämmtliche hier liegende Infanteristen mussten 
mit Waffen und Gepäck auf ihren Sammelplätzen erscheinen. Von da 
versammelten sie sich auf dem Römerberg und Liebfrauenberg, und 
rückten dann auf den Rossmarkt, wo sie sich in 2 Corps aufstellten. 
Alles war zum Abmarsch gerüstet und man vermuthete allgemein, 



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dass derselbe erfolgen würde. Die ganze Sache aber reducirte sich 
dahin: Eine Frauensperson wurde gestern Abend von einigen fran- 
zosischen Infanteristen ihrer goldenen Ohrringe beraubt. Ihre Klage 
kam vor General Souham. Dieser Hess also heute sämmtliche hier 
liegende Infanteristen auf vorgedachte Art versammeln, dann diese 
Frauensperson durch Reih und Glieder gehen, um die Diebe aufzu- 
finden, deren sie wirklich auch zwei erkannte und angab, welche 
arretirt wurden, worauf alle Truppen wieder in ihre Quartiere zurück- 
kehrten. 

So bestrafen sie kleine Diebstähle, während die Generale selbst 
die grössten Schurken sind, und Souham unter andern die Erlaubnis* 
vom 31. Juli, die Wagen hinauszulassen, nicht eher ganz ertheilte, 
bis er von sämmtlichen Fuhrleuten 40, andere sagen 50, Karolinen 
erhalten hatte. Ausserdem hatte ihm Bethmann vorher schon zur 
Erlangung dieses Ziels eines seiner schönsten Reitpferde zum Ge- 
schenk gemacht. 

August 4. Heute marschirten 2 Compagnien französische In- 
fanterie von hier nach Seligenstadt ab. 

August 9. Seit Anfang dieser Woche ist der grösste Theil des 
Armee-Corps unter General Augereau, aus Holländern und Franzosen 
bestehend, in hiesiger Gegend angekommen, daher alle Dörfer, be- 
sonders die Gegenden an der Nidda, stark belegt sind. Von den Hol- 
ländern desertiren sehr viele. 

Vor einigen Tagen war der k. k. General von Simbschön nebst 
mehreren Stabsofficieren hier. Während ihres hiesigen Aufenthalts 
hielten die Franzosen aus Scham über ihren schlechten Aufzug keine 
Wachtparade ! 

August 11. Heute Morgen marschirte das eine Bataillon der 
seither hier gelegenen 110. Halbbrigade gegen Seligenstadt ab. 
Mittags folgten die Husaren des 3ten Regiments. Abends gegen 
7 Uhr rückte die 49ste Halbbrigade, zum Armee-Corps des Generals 
Augereau gehörig, hier ein, und konnte zum Theil erst gegen 9 und 
10 Uhr einquartiert werden. Noch lag ein Bataillon der llOten 
Halbbrigado hier, das aber 

August 12« Morgens 5 Uhr abmarschirte. 

Heute rückten noch Abtheilungen Infanterie, Dragoner, Husaren 
so wie reitende Artillerie mit 8 Kanonen und 2 Haubitzen hier ein, 
und wurden einquartiert Auch kam General Augereau hier an. 

Sonntag den 10. dieses forderten die Franzosen unter erneuerten 
Drohungen abermals die bereits geforderte Contribution , und ver- 
langten die Berichtigung derselben binnen 12 Stunden. Der Magistrat 



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und die Collegien wurden mehrere Male ausserordentlich zusammen- 
berufen, und die Kriegs- Deputation wurde noch um einige Mitglieder 
vermehrt, und dieser dann unbedingte Vollmacht zu allen mög- 
lichen vorfallenden Geschäften, Unterhandlungen u . s. w. gegeben, 
ohne <lessl\ill.-< Rücksprache nehmen zu müssen. 

So lumpig und zerrissen die bisher hier gelegenen Franzosen 
aussahen, so schön sind die jetzt eingerückten, eben aus Holland ge- 
kommenen Truppen gekleidet. Dagegen ist ihre Aufführung äusserst 
schlecht und brutal, und es wird im Allgemeinen sehr über ihr im- 
pertinentes Betragen geklagt 

August 13. Seit General Augereau hier ist, dürfen die Fuhr- 
leute mit Gütern , jedoch mit Pässen versehen , wieder den Thoren 
hinaus. Man schreibt diese Verordnung einer persönlichen Feind- 
schaft zwischen Augereau und Souham zu, daher jener aufhob, was 
dieser verordnete. 

Heute Abend um 5 Uhr rückten 550 Mann französische Infan- 
terie hier ein, die erst aus der Gefangenschaft ausgewechselt, in 
Mainz nothdürftig equipirt und arrairt wurden, und nun ihren ver- 
schiedenen Corps und Brigaden nachrücken. Sie wurden auf eine 
Nacht einquartiert, und gehen morgen früh weiter. 

August 14. Gestern Abend waren abermals der Magistrat, die 
Kriegs-Deputation und die bürgerlichen Ausschüsse ausserordentlich 
versammelt und schon heute Morgen um 7 Uhr fing die Sitzung der 
Kriegs-Deputation aufs Neue an. 

August 15. Heute gingen einige Abtheilungen französische In- 
fanterie hier durch, und andere wurden auf eine Nacht einquartiert. 

August. 16. Diese gingen bereits heute früh um 3 Uhr nach 
dem Obermain ab. 

August 26. Heute Nachmittag kam ein Courier von Paris hier 
an, der den Befehl zur Aufkündigung des Waffenstillstandes und zur 
Wiedereröfiiiung des Krieges brachte. Demzufolge wurde auch sogleich 
ein Ofißcier nebst Trompeter zum General Simbschön nach Aschaffen- 
burg abgesandt, um diesem den Waffenstillsand aufzukündigen. 

August 27. Heute ist das hier gelegene 4te Dragoner-Regiment 
nebst der reitenden Artillerie von hier nach den Übermain-Gegenden 
abmarschirt 

August 28. Heute früh marschirte das erste Bataillon der hier 
gelegenen 49sten Halbbrigade nach dem Obermain ab. 

August 29. Heute früh folgte diesem auch das 2te Bataillon. 
Au deren Stelle ist bereits gestern ein Bataillon der 98sten Halb- 
brigade als Garnison hier eingerückt 



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September 9. Gestern sind die bisher hier gelegenen franzö- 
sischen Soldaten znm grössten T heile abmarschirt. 

September 10. Heute früh ruckten dagegen andere von Maiuz 
her ein, die aber bereits gegen Mittag wieder abzogen, so das« der- 
malen nur wenige hier sind. 

September 11. Gestern sind öfters einzelne Abteilungen 
Franzosen hier durchmarschirt, und heute ging ein starker Train Ar- 
tillerie hier durch. 

September 20. Heute kamen einige Abtheilungen holländische 
Truppen, vom Obermain kommend, durch hiesige Stadt zurück. Man 
sagt, sie hätten sich förmlich geweigert zu fechten. 

September 23. Heute ging ein starker Transport Artillerie, 
Munition, Kugeln u. s. w., gegen Würzburg bestimmt, hier durch. 

September 24. Dieser Transport ging heute wieder hier durch 
zurück, was in den heute angekommenen Nachrichten von einer Ver- 
längerung des Waffenstillstandes seine Ursache finden mag. 

September 30. Seit gestern gehen einzelne Abtheilungen der 
Gallo-Bata vischen Truppen hier durch in rückwärtige Cantonnirungen. 

October 19. Vorgestern kamen etliche und 40 Schiffe mit 
Kranken von Philippsburg hier an, und fuhren gestern Morgen nach 
Wtirzburg hin ab. 

October 22. Seit Samstag den 18. dieses lagen in Sachsen- 
hausen etwa 200 münsterische Dragoner, die in Ulm zur Besatzung 
gehörten, und jetzt nach Hause gehen. Heute Morgen brachen sie 
auf, und setzten ihren Marsch nach ihrer Heimath fort. Leute und 
Pferde waren auserlesen schön. 

November 17. Seitdem am 9. dieses der Waffenstillstand von 
Seiten der Franzosen abermals aufgekündigt worden ist, gehen öfters 
Truppen, besonders Holländer, hier durch, die Bich nach den Über- 
main-Gegenden hinziehen. 

November 20. Heute ging ein starker Artillerie-Train durch. 

November 22. In abgewichener Nacht wurde eilends ein Theil 
der hiesigen Besatzung versammelt, und marschirte noch in der Nacht 
ab. Wohin, ist noch unbekannt. 

November 23. In der heutigen Nacht brach alle hier gelegene 
Mannschaft auf, und setzte sich gegen Morgen nach dem Übermain 
zu in Marsch. 

Heute zogen Truppen-Abtheilungen, Kanonen und Munition hier 
durch. Ein Bataillon wurde in Sachsenhausen auf eine Nacht ein- 
quartiert. 

VI. 17 



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258 



November 24. Auch heute zogen wieder Truppen durch, von 
denen ein Theil auf eine Nacht hier einquartiert wurde. 

November 25. Heute passirte viele Cavallerie und Artillerie 
nebst Munitionszügen hier durch. 

Ein Transport Munition ging auch zu Wagen vorbei. 

In der verwichenen Nacht brach das Hauptquartier des Generals 
Augereau nebst allen in Offenbach gelegenen Truppen eilends gegen 
Seligenstadt auf. 

Gestern Abend zogen die bisher in der Gegend von Aschaffen- 
burg gelegenen mainzer Truppen ab, um sich an das zwischen Würz 
bürg und Bamberg postirte Hauptcorps des Generals Simbschön an- 
zuschliessen. Ehe sie aber abzogen, überfielen sie unversehens die 
bei Aschaffenburg postirten Franzosen und Holländer jenseits des 
Mains, säbelten davon viele nieder, und verwundeten etwa 200 Mann, 
meist Holländer, von denen heute Abend viele, auch mehrere Officiere, 
worunter 1 Obrist, hier ankamen. 

December 1. Fortdauernd gehen kleine Truppenzüge durch. 

December 7. Mittags gingen 40 Munitionswagen vorwärts durch. 

December 15. Heute ward auf einmal der Lärmen verbreitet, 
Szeckler - Husaren streiften bis an die Stadt; da die hiesige Be- 
satzung nur aus 30 bis 40 Mann bestand, mussten sogleich alle 
Thore, mit Ausnahme des Friedberger-, Bockenheimer- und Affen- 
Thors, geschlossen werden. Alle Franzosen wurden zur Besetzung 
dieser Thore beordert, und selbst der Gommandant schickte seine 
•Schildwache, sowie die Schildwache bei 2 Munitionskarren dahin, 
welche beide Posten dann mit Stadtsoldaten bestellt wurden. 

December 1 7. Jetzt sind etliche Hundert Mann Franzosen von 
Höchst herauf hier eingerückt, und da es sich zeigte, dass der Lärm 
mit den Szeckler-Husaren nur falsch war, und von Deserteuren her- 
kam, so wurden die Thore wieder geöffnet. 

December 29. Seit einigen Tagen kommen viele Hundert Ver- 
wundete den Main herunter, welche hier in die Klöster und andere 
öffentliche Gebäude untergebracht werden, von wo sie dann transport- 
weise nach Mainz gebracht werden sollen. 

Heute rückten etwa 1500 Mann holländische Truppen, Infanterie 
und Cavallerie, hier ein, die aus Holland kommen, und morgen der 
Armee nachrücken sollen. 

1801. 

Januar 13. Gestern gingen einige Truppen hier durch nach 
den rückwärtigen Gegenden, und einige Infanterie wurde einquartiert 



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- 259 - 

Januar 27. Heute gingen 2- bis 300 Mann darmstädter Infanterie 
mit 2 Kanonen hier durch in die Wetterau gegen die Räuberbanden, 
die unter der Anführung eines gewissen Schinder-Hannes, eines gelern- 
ten Abdeckers, seit mehr als einem Jabr bereits in der Pfalz und im 
Hunsrücken hauseten, nun sich diesseits des Rheins herübergezogen 
haben, hauptsächlich die Gegenden zwischen der Lahn und der Nidda 
unsicher machen, und insbesondere häufig nächtliche Einbrüche be- 
gehen. Man giebt ihre Rotte auf 800 bis 1000 Mann stark an, die 
sämmtlich bewaffnet sind, und die Frechheit sogar so weit treiben, 
da, wo nicht Militär ist, Contributionen an Geld und Lieferungen unter 
Bedrohung von Feuer und Schwert auszuschreiben, die ihnen der 
ängstliche Landmann auch liefert. 

Februar 2. Heute hielt General Augereau über die seit kurzem 
hier garnisonirenden , und seit einigen Tagen ganz neu equipirten 
und montirten 2 Bataillone der 27sten Halbbrigade leichte Infanterie 
Revue auf dem Rossmarkt 

Februar 4. Heute ging ein Bataillon der hiesigen Besatzung 
in die Gegend von Königstein gegen die Räuberbanden ab. Auch 
von Kassel und Hanau sind Truppen gegen sie abgegangen, allein 
bis jetzt hat man noch von keinem besonderen Erfolge gehört. 

Februar 19. Gestern wurden in Mainz bei Bekanntmachung 
des nun endlich am 9. dieses in Lüneville abgeschlossenen öster- 
reichischen und Reichs-Friedens die Kanonen gelöset 

Februar 21. Heute wurde der versammelten hiesigen franzö- 
sischen Besatzung der in Lüneville abgeschlossene Friede bekannt 
gemacht, und nach dessen Endigung von diesen ein: „Vive la Repu- 
blique"! gerufen und mit Musik die Feierlichkeit beschlossen. 

März 29. Heute ging ein Train holländische Artillerie und Mu- 
nition hier durch, und fuhr vor dem Gallenthor auf. Die Mannschaft 
und Pferde halten morgen Rasttag. 

April 14. Seit einigen Tagen gehen starke Corps der Gallo- 
Batavischen Armee hier durch, die immer zu 1000 bis 1500 Mann 
hier eine Nacht über einquartiert werden. 

April 18. Täglich fort dauert der Durchzug der holländischen 
Truppen, die immer einquartiert werden, und zuweilen Rasttag halten. 

April 26. Heute ging von dem linken Flügel der Moreau'schen 
Armee, der zum grossen Theil sich nach dem Würzburgischen aus- 
gedehnt hatte, viele Infanterie, Cavallerie und Artillerie hier durch. 

April 29. Gestern gingen wieder einige Bataillone Infanterie 
und Artillerie von dem linken Flügel der Moreau'schen Armee hier 

17» 



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- 260 



durch, und heute passirte das 4te Dragoner-Regiment, das noch zum 
Augereau'schen Armee- Corps gehört, gleichfalls hier durch. 

Mai 3. Auf den umliegenden Dorfschaften in hiesiger Gegend, 
die hessischen Dörfer ausgenommen, kommen seit einigen Tagen die 
seither bei der kaiserlichen Armee gestandenen trierer und mainzer 
Truppen an. Diesen werden noch andere Abtheilungen der rcichs- 
Btändischen Truppen folgen, um thoils in hrc Friedens-Statiouen, theils 
aber um nach gänzlicher Auflösung derselben nach Hause zurückzu- 
kehren. 

Mai 4. Heute ging daß 23ste Regiment Chasseurs ä Cheval 
hier durch. 

Mai 5. Heute kam unser bisher bei der kaiserlichen Armee ge- 
standenes Contingent, noch aus 60 bis 70 Mann bestehend, von daher 
hier zurück, und rückte in Parade ein. 

Mai 10. Heute ging hier das mainzische Scheiber'sche Jäger- 
und Füsilier-Corps durch, und wird nach Höchst und in die mainzischen 
Ortschaften dasiger Gegend verlegt werden. 

Juni 18. Heute passirte ein Bataillon darmstädter Infanterie 
von der Revue nach Giossen zurück, und zum ersten Male seit vielen 
Jahren ward wieder vom Thurm geblasen und die Fahne ausgesteckt. 

August 8. Die Schreinersbursche und ein Theil der Weiasbinder- 
gesellcn, erstere in Streitigkeiten mit der Meisterschaft über einen 
Vorfall von eigenmächtiger Pfuscher- Aushebung, wo diese nun au 
jene nicht die aufgegangenen Kosten bezahlen wollte, — und letztere 
missvergnügt über ihren bisherigen Lohn, hatten ihre Arbeit heute 
eingestellt, und gaben Anlass, ruhestörende Bewegungen fürchten zu 
müssen. Diesem zu begegnen, und da die Sehreiner sich sehr dreist 
zu bezeigen anfingen, wurde gegen Mittag die Nicolai-Wache mit 
100 Mann Militär besetzt, und zwischen Mittag marschirten diese 
100 Mann in die Borngassc nach der Herberge derselben, die sie 
enge einschlössen, wobei sie zugleich den Eingang der Strasse oben 
und unten allen Genossen anderer Handwerke streng verwehrten. 
Nun wurden die Altgesellen von der Herberge mit Bedeckung auf den 
Römer gebracht, und dort die Sache gütlich beendigt; dann gegen 
3 Uhr ward die Blockade der Herberge aufgehoben und das Militär 
sodann entlassen. 

August 9. Da morgen das Brod, das bisher 12 kr. kostete, 
wegen durch die starken Aufkäufe bewirktem Fruchtaufschlag 14 kr. 
kostet, so wollte ein Theil der Bewohner von Sachsenhausen sich heute 
noch mit Brod zum alten Preise versorgen, und fing schon frühe an, 
sich grössere Partien als gewöhnlich bei den Bäckern cinzuthun. 



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— 261 - 



Diese, die nur nach dem gewöhnlichen Bedarf ihrer Kundschaft mit 
Vorrath verschen waren, hatten auf solche Art bald ausverkauft, und 
konnten also spätere Bedürfnisse nicht mehr befriedigen. Man spricht 
überhaupt davon, es sei Verabredung unter den Bäckern gewesen, 
wenig für heute zu backen. Wenigatens war dies vorher schon die 
Meinung des Volks und die Ursache der schwierigen Stimmung, in 
die es versetzt war, und die nicht fehlen konnte auszubrechen. Ein 
wüthender Haufe, besonders aus Weibern und grossen Buben be- 
stehend, rottete sich zusammen, und stürmte die Bäckerladen in 
Sachsenhausen. Bei sieben derselben wurde das Weissbrod, Wecke, 
Kuchen, Bretzcln u. s. w. geplündert, oder in die Strassen auf den 
Koth verstreuet, ausserdem wurden die Fenster, selbst zum Theil 
bis in die oberen Stockwerke, eingeworfen. Der letzto und achte, 
wo der wüthende II an tu hinkam, hatte zum Glück noch einigen 
Vorrath von Schwarzbrod, den er auslegte, wobei er durch gute Worte 
Misshandlungen zuvorkam und auswich. Jetzt stürmte der Haufe in 
die Stadt herüber, und zuerst au das Hafnerische Backhaus in der 
Fischergasse. Hier aber hatten sich schon Metzger mit ihren Hunden 
versammelt, die alsbald auf die angreifen wollenden losgingen, und 
nach kurzem Handgemenge, wobei die Sachsenhäuser einige leicht 
Verwundete hatten, diese zurückschlugen, womit die Sccnc endigte. 

Weiteren unangenehmen Auftritten der Art vorzubeugen, wurden 
sogleich Militär-AbtheUungen beordert, die stark patrouillirten. 

August 11. Da die Schreinersbursche sich noch immer nicht 
wieder in die Arbeit begeben haben, auch die Gährung in Sachsen- 
hausen nech nicht aufgehört haben soll, so gehen fortdauernd häufig 
Militär- Patrouillen durch die Stadt. 

August 12. Heute gehen keine Patrouillen mehr, und die Ruhe 
ist allgemein hergestellt. 



1802. 

März 29. Heute traf hier die Nachricht von dem am 25. diese» 
zu Amiens zwischen England und Frankreich, Spanien und Holland 
abgeschlossenen Frieden ein. 

Juni 14. Der berüchtigte Räuber-Hauptmann Schinder-Hannes 
ward vorgestern unter starker Bedeckung aus dem Wied-Run kcl'schcn 
hierhergebracht und der hiesigen Justiz übergeben. 

Juni 1<>. Heute Morgen ward der Räuber-Anführer Schinder- 
Hannes mit seinen Gefährten und ihren Weibern und Kiuderu unter 



- 262 - 

starker Escorte von hier nach Mainz abgeführt, woselbst er der dor- 
tigen Regierung überliefert wird. 



1803. 

Juli 21. Nachts Aufruhr wegen Kingenheimer. Bestürmung bei 
Senator Georg Steitz. Pechfackeln und Kränze. Mitternacht Ruhe! 

Jnli 22. Fortdauernde Unruhe. Versammlung der Bürger. 
Generalmarsch von Mittag an. Patrouillen. Gegen die Nacht stiller. 

Juli 23. Um 8 Uhr Morgens Generalmarsch. Versammlung 
der ganzen Garnison und Bürgerschaft. Aufsteckung der Fahnen. 
Feuermarsch. Grosse Besorgniss. Alles kam unter die Waffen. 
Mittags 2 Uhr Friede! Gegen 4 Uhr kam der Bürgermeister zur 
Danksagung. Sodann feierlicher Abmarsch mit 126 Mann zur Fah- 
nenbegleitung, und Abdankung der Mannschaft. 



1804. 

März 5. Gestern Mittag gingen 50 Mann darmstädter Chevaux- 
legers hier durch von Friedberg zurück nach Darmstadt. Gestern 
Nachmittag hörte man von Mainz her bei Gelegenheit des Dank- 
festes wegen Entdeckung der Moreau-Pichegru'schen Verschwörung 
gegen Buouaparte stark kanoniren. 



1805. 

September 22. Eine Abtheilung der französisch-hannöverischen 
Armee ist heute in unserer Gegend, namentlich in Seckbach, ange- 
kommen. 

September 25. Heute Vormittag gingen in mehreren Abtei- 
lungen 5- bis 6000 Mann französische Truppen nebBt einem Train 
Artillerie von der gallo-batavischen Armee hier durch an den Ober- 
main. Weitere etwa 6- bis 7000 Mann trafen Mittags in unserer Nähe 
ein, und wurden auf die benachbarten Dörfer, der Stab derselben 
aber in unsere Stadt einquartiert. 

Die in der Gegend bei Bergen cantonnirende Bernadotte'sche 
Armee setzte sich heute gegen Gelnhausen in Marsch. 



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— 263 — 



September 26. Seit heute früh 4 Uhr bis Mittag passirten 
wieder etwa 5000 Mann Franzosen und Holländer, etwas Cavallerie 
und einige Artillerie hier durch. Hier blieb nur wenige zum Stab 
gehörige Mannschaft als Einquartierung. 

September 27. Heute gingen abermals etwa 5000 Maun Fran- 
zosen und Holländer nebst etwas Artillerie in vielen Abtheilungen hier 
durch au den Obermain. 

September 28. Heute gingen nur wenige holländische Truppen 
nebst etwas Artillerie hier durch. 

October 6. Unterhalb des Grindbrunnens werden Anstalten zu 
Errichtung einer Schiffbrücke getroffen. 

December 25. Wegen dos Anmarsches des Augereau'schen 
Armee-Corps von der Bergstrasse, angeblich gegen Mainz, wurde 
heute Nacht eine Schiffbrücke an der Windmühle geschlagen, die bis 
heute Mittag vollendet war. 

December 27. Heute fuhr ein Floss an die Schiffbrücke, riss 
davon 6 Joche mit fort, und zerbrach selbst. Der Schaden soll sehr 
bedeutend sein. 



1806. 

Januar 28. Heute rückte das lüto Regiment leichte Infanterie 
unter Brigade-General La Pisse, zur Division Desjardins des Ar- 
mee-Corps von General Augereau gehörig, aus 3 Bataillonen be- 
stehend, nebst den Generalen Desjardins uid La Pisse hier ein und 
ward einquartiert. 

Januar 30. Heute geschah der Einmarsch des 44 sten und 
lo5ten Regiments Linien-Infanterie, jedes aus 2 Bataillonen bestehend, 
unter Brigade-General Lamarquc. Das 7to Chassour-Rcgiment zu 
l'ferd nebst einem Bataillon reitender Artillerie unter Brigade-General 
Augereau ging durch. 

Januar 31. Heute geschah der Ausmarsch des loten Regiments 
leichter Infanterie nach Homburg und dortiger Gegend. 

Februar 2. Nachmittags rückte das löte Regiment leichter 
Infanterie wieder hier ein und wurde einquartiert, so dass unsere 
Besatzung abermals aus etwa 7200 Mann besteht. 

Februar 5. Forderung durch den General und Marschall 
Augereau von 4 Millionen Livrcs Contribution. 

Februar 6. Dringende Zahlungsforderung von einstweilen 2 
Millionen Livrcs, indem sonst noch 10,000 Mann in die Stadt ver- 



- 264 - 

legt werden sollten. Gezwungenes Anlehen von 2 Simpla des Ca- 
pital-Vermögens. Weitere Anforderung von Lazareth-Einrichtuugen. 

Febraar 8. Heute kam der Marschall Augereau, so wie an diesem 
Tag und den nächstfolgenden der ganze Generalstab, aus 2- bis 300 
Officiereu bestehend, hier an, für dessen und deren Verpflegung von 
Seiten der Stadtkassc starke Diätengelder bezahlt werden müssen. 

Februar 13. Heute marschirte unsere ganze Garnison aus nach 
der Wetterau und dem Gebirge zu, und wir hatten keine Truppen 
bis deu 

Februar 14., wo das das 32ste Linien- und das Cte leichte In- 
fanterie-Regiment, und den 

Februar 15., wo das 96ste Linien-Iufanterie-Reginient einrück- 
ten und einquartiert wurden. Diese Truppen gehören zur Division 
Dupont, standen unter den Befehlen des Marschalls Soult, machten 
alle Schlachten des letzten Krieges mit, lagen als Besatzung in Wien, 
und sind jetzt dem Armee-Corps des Marschalls Augereau einverleibt. 

Im Anfang dieses Monats war das batavische Armee-Corps unter 
General Dumonccau abtheilungsweise in ein paar Tagen nach einander 
durch hiesige Stadt gezogen; vor einigen Tagen gingen G000 Mann 
des Lefe Vreschen Corps Uber unsere nun bei Kostheim aufgeschla- 
gene Schiffbrücke von Mainz aus ins Darmstäd tische, und heute zog 
die Brigade Sarasin, aus mehreren Regimentern, zusammen 5000 Mann 
bestehend, zur Division Maurice Mathieu gehörig, hier durch. Diesen 
folgte die Artillerie der Division Dupont, sowie die Artillerie des 
Lefevreschen Corps, die von Mainz herauf gleichfalls nach dem 
Darmstädtischen hier durch ging. 

So viele Beschwerden man über die ersten hier einquartierten 
Truppen der Brigaden La Pisse und Lamarque in Hinsicht ihrer im- 
pertinenten Forderungen und ihres Betragens hatte, so allgemein 
hört man Zufriedenheit äussern über das Betragen der jetzt hier 
liegenden Truppen, obgleich diese letzteren das Beschwerliche des 
Kriegs empfunden und alle Actionen mitgemacht haben, dessen sich 
erstcre nicht rühmen konnten. 

Februar IG. Heute marschirten 2 Regimenter, aus dem Darm- 
städtischen kommend, hier durch in das Usingische. 

Februar 18. Ileuto marschirten von jedem hier liegenden Ba- 
taillon o Compagnicn, zusammen 18 Compagnicn, etwa 2000 Mann, aus. 

Miirz 7. Heute marschirten 300 Mann unserer Besatzung aus. 

März 10. Um Mittag ging einige französische Cavallerie hier 
durch nach Vilbel. 



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März 14. Heute marschirte unsere bisherige französische Be- 
satzung aus, dem Vernehmen nach an den Unterrhein. 

Gegen Abend ging ein Train von etwa 20 Kanonen, eine Menge 
Munitionswagen und eine kleine Abtheilung Cavallerie, von Mainz 
herkommend, hier vorbei nach der Strasse von Königateiu. Dagegen 
rückte um selbige Zeit von Friedberg her ein Bataillon des 105 ten 
Linien-Infantcrie-Regiments als Garnison hier wieder ein. 

März 16. Heute rUckte noch 1 Bataillon des 24sten Linien - 
Infanterie-Regiments, Division Mathieu, Armee-Corps von Augereau 
zur Einquartierung hier ein. 

Mai 4. Gestern und heute rückten noch einige Tausend Fran- 
zosen zur Einquartierung auf eine oder zwei Nächte hier ein, mit wel- 
chen mit Zuziehung der hiesigen Garnison und mehrerer in der um- 
liegenden Gegend einquartierten Truppen dor Marschall Augereau heute 
Morgen bis gegen Mittag zwischen Nied und Griesheim mauövrirte. 

Mui 20. Heute marschirte das hier gelegene Bataillon des 
105 ten Linien-lnfanterie-Regimcnts aus. Dagegen rückte gestorn schon 
ein Bataillon vom 44sten Linien -Infanterie -Regiment ein. 

August 8. Heute wurde wegen der bevorstehenden Feierlich- 
keit des Napoleonsfestes der Galgen eiligst abgebrochen. 

August 14. Gestern rückten einige Depots, zum Bcrnadotte- 
schen Armee-Corps gehörig, hier ein, die heute Morgeu 3 Uhr wieder 
abrnarschirten. 

Dermalen liegen ausser 2 Compagnien des 16 ten leichten Infan- 
terie-Regiments nur ein Bataillon des 24 »ten Regiments hier zur 
Besatzung. Es rückten aber heute noch ein und wurden einquartiert: 
2 Bataillone leichte Infanterie vom IG ten Regiment, 
1 Bataillon vom listen Linien- Infanterie- Regiment, 
nebst Artillerie und etlichen Escadrons Cavallerie. 
August 15. Heute rückte noch 1 Bataillon des 41sten Regi- 
ments ein. 

Heute wurden zur Feier des Napoleons-Tages öfters Kanonen ge- 
löst. Um 11 Uhr war musikalisches Hochamt im Dom, wohin Mar- 
schall Augereau mit seinem Generalstab sich in feierlichem Zuge be- 
gab. Mittags war bei demselben Diner. Abends waren der Römer, 
der Springbrunnen auf dem Rossraarkt, die Allee, der Coraödien- 
platz, das Theater, das Rothe Haus zum Theil, das Schweitzerische 
Haus, der Darmstädter Hol* und sonst noch mehrere Logis von hohen 
französischen Officieren beleuchtet. 

Amjiisf l*K Heute marschirte das lüte Regiment leichte Infan- 
terie und die zwei Bataillone des 24 Bten und 44sten Infanterie-Regi- 



- 266 - 



ments au», und kam dagegen das erste Bataillon des 24sten Regi- 
ments herein als Besatzung. 

September 9. Heute Morgen war der Rath, das 51er Colleg, 
das Oer Colleg, die Bürger-Capitäne und die 28er im grossen Römer- 
saal zur feierlichen Uebergabe der Stadt an die Commissaricn des 
Fürsten Primas versammelt. 

Es wurden heute Morgen die Kanonen gelöst. 

September 16. Heute rückte das hier gelegene 2te Bataillon 
des 24sten Regiments aus, und ging an die Lahn. Dagegen kam 
von daher wieder ein Bataillon des 63sten Regiments, etwa 1200 Mann 
stark, an und wurde einquartiert. 

September 25. Gestern rückte ein Bataillon des 21 sten leichten 
Infanterie-Regiments und heute das 2tc Bataillon dieses Regiments 
hier ein; sio wurden einquartiert. 

September 26. Heute Morgen früh ging das 21ste Regiment 
leichte Infanterie von hier nach Seligenstadt ab. Dagegen rückte 
heute das 2te Bataillon des 63 sten Linien • Infanterie - Regiments ein. 

September 27. Der Theil des 63Bten Regiments, der gestern 
einrückte, ging heute weiter, und 4 andere Compagnien rückten 
wieder ein. Es war heute dreifache Einquartierung angesagt, die 
aber bis den Abend noch nicht angekommen war. 

September 28. Heute gingen viele Depots und Bagage aus 
Franken nach Mainz hier durch. 

Gegen Mittag kamen etwa 80 Pferde des Kaisers Napoleon von 
Mainz hier an, von denen Abends wieder ein Theil nach Höchst 
zurückgeführt wurde. 

Mittags kam das erste Husaren-Regiment und etwas später das 
9te leichte und das 32ste Linien-Infanteric-Regimcnt mit Artillerie 
hier an, und wurden sämmtlich einquartiert. 

September 29. Diese Truppen brachen heute Morgen wieder 

auf, und zogen Uber Offcnbach weiter. Auch ging heute Morgen 

das 96ste Regiment Linien-Infanterie hier durch, und nahm den 
nomlichen Weg.. 

Mittags kamen 1 Escadron Kürassiere vom 9ten Regiment, 2 Ba- 
taillone Garde-Grenadiere, 2 Bataillone Garde-Chasseurs und 1 Ba- 
taillon Linien-Infanterie vom 30 sten Regiment Diese zogen en Pa- 
rade in die Stadt und wurden einquartiert Sie bestanden zusammen 
aus etwa 5000 Mann. 

Man erwartete heute Abend auch den Kaiser Napoleon mit Ge- 
folge; es kam aber nur der Prinz Murat, Schwager desselben. 



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September 30. Die gestern Abend eingerückten Truppen gingen 
heute früh gegen 5 Uhr wieder die Strasse nach Offenbach zu weiter. 

Heute früh 8 Uhr rief der Generalmarsch die hier liegenden 
Truppen unters Gewehr. Sie versammelten sich auf dem Rossmarkt, 
und zogen dann vor das Bockenheimerthor, wo sie zum Empfang des 
Kaisers, der erwartet wurde, Spaliere bildeten. Ein Bataillon des 
68 sten Regiments machte Spalier in der Stadt von dem Bockenheimer- 
thor bis an den Darmstädter Hof, das andere Bataillon vor dem 
Thor. Gegen 10 Uhr rückte das 105 te Linien-Infanterie-Regiment 
von Offenbach her hier ein, und marschirte gleich vor das Bockcn- 
heimerthor, wo die Spalierlinie durch dasselbe bis an die Warte aus- 
gedehnt wurde. Allein obgleich Marschall Augcreau nebst dem ganzen 
Generalstab zweimal dem Kaiser entgegengeritten war, so kam der- 
selbe doch nicht. So wurden denn gegen 3 Uhr die Truppen zurück- 
beordert, und das 105 te Regiment wurde einquartiert. 

Gegen Abend rückten noch ein und wurden einquartiert: 

2 Bataillone Garde-Grenadier-Chasscurs, 

2 „ Dragoner zu Fuss, 

1 Corps Garde-Mariniers, 

1 „ Garde-Bäcker und Metzger. 

Die hier liegende Grenadier-Compagnie des löten leichten Infan- 
terie-Regiments nebst einigen Compagnien des hiesigen Stadt-Militärs 
hatten sich von heute Morgen bis Nachmittag vor dem Hdtel des 
Fürsten Primas postirt, weil der Kaiser daselbst absteigen sollte. 

Auch gingen heute viele Depots der in Franken stehenden Re- 
gimenter hier durch nach Mainz. 

Es liegen heute Abend in der Stadt einquartiert: 

das 33ste Regiment Linien-Infanterie 2 Bataillone 2000 Mann, 

n 105 te „ 2 „ 2000 „ 

Garde-Grenadier- Chasseurs .... 2 „ 2000 „ 

Dragoner zu Fuss 2 „ 2000 „ 

Garde-Mariniers 150 „ 

„ Metzger und Bäcker 50 „ 

vom löten leichten Inf.-Regim. . 2 Compagnien 200 „ 

Cbasseurs vom 7ten Chasseur-Rcgiment .... 300 „ 

zusammen 8700 Mann 

nebst dem Tross und Generalstab des Marschalls Augereau, so dass 

man ^egeu 10,000 Mann Einquartierte herausreebnen kann. 



- 268 



Gestern und beute früh wurden liier viele Pferde und zwar mit 
solcher Strenge retjuirtrt, dass sogar eine Zeitlang strenge Weisung 
gegeben war, dass kein Pferd dem Thor hinaus passiren durfte. 

October 1. Heute Morgen marsehirten wieder sämmtlielic gestern 
angekommenen Garde-Corps, sowie die Dragoner zu Fuss aus. 

Den ganzen Tag ward der Kaiser erwartet, und das G3stc und 
105tc Kegiment waren daher stets unter den Waffen. Gegen Abend 
inarschirte das 105 te Regiment von hier ab. Die hier liegenden 
Chasseurs vom 7 ton Regiment sind heute auch grösstenteils abge- 
gangen. Nachmittags wurde auf den Fall, dass der Kaiser Abends 
oder zur Nachtzeit hereinkommen sollte, Illumination der Bockcn- 
heimergasse, der Zeil, der Fahrgassc und in Sachsenhausen verordnet, 
was denn auch, besonders von den Juden, befolgt wurde. Da der Befehl 
spät noch und dringend wiederholt wurde, so unterlicssen es nur 
wenige. Indessen waren bis Mitternacht in den meisten Häusern 
die Lichter schon wieder ausgelöscht. Der Kaiser passirte dann 
nebst mehreren Wagen seines Gefolges nach 1 Uhr Nachts unter 
starker Cavallerie-Bedeckung hier durch, und wechselte die Pferde 
an dem weissen Schwanen, wo dieselben bereit gehalten waren. Er 
nahm den Weg nach Aschaifenburg, und wurde von den Kindern 
Israel mit lautem Vivat empfangen und durch die Fahrgasse begleitet. 

Spät Abends wurde noch angesagt, sich für heute Nacht auf 
doppelte Einquartierung zu richten. Ks kamen auch gegen 11 Uhr 
und später mehrere Abtheilungen Husaren vom 20. und 21. Kegi- 
ment hier herein. Um Mitternacht 

October 2. rückte das 44. Linien-Infantcric-Kegiment urd später 
das löte leichte Infanterie-Regiment, aus 3 Bataillonen bestehend, aus 
der Wctterau kommend ein. Sie erhielten Quartier-Billette. Da 
aber die meisten bei Nacht die angewiesenen Quartiere nicht finden 
konnten, so blieb der grösste Theil auf der Zeil und dem Rossmarkt 
gelagert 

Früh Morgens gingen 2 Bataillone reitende Artillerie durch. 
Die heute Nacht angekommene Cavallerio zog weiter, und das 
44. und 16. Regiment folgten um 8 Uhr alle den Main aufwärts. 

Seit mehreren Tagen und heute die ganze Nacht hindurch wurde 
von allen Bäckern Brod für die Franzosen gebacken und das Mehl 
aus dem Stadt- Magazin geliefert. 

Da heute Morgen die hiesigen Stadtsoldateu gemustert wurden 
und zur Fahne des neuen Laudesherrn schwuren, so wurden «ämmt- 
lichc Wachen von den Bürgern besetzt, die jedoch Mittags von den 
Stadtsoldaten wieder abgelöst wurden. 



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— 269 - 



Das acit etwa 1 4 Tagen hier gelegene 63. Regiment, 2 Bataillone 
stark, ging gegen Mittag weg, und nahm auf 4 Tage Brod und 
Fleisch mit. Es gingen heute anhaltend kleine Detachements Caval- 
lerie, Artillerie, Schanzwerkzeuge u. 8. w. durch, ferner um Mittag 
das 7. leichte Infanterie -Regiment, 3000 Mann stark. Hiernach 
rückte daa 24. Linien -Infanterie • Regiment, 15 Bataillone, 3000 Mann 
stark, ein, und wurde einquartiert Gegen Abend ging einige schwere 
Artillerie mit etwa 100 Munitions-Karren und Wagen hier durch, 
und das 14. Linien-Infanterie-Regiment, 2 Bataillone, 2000 Mann 
stark, rückte ein und wurde einquartiert. 

October 3. Nach dem Willen des Marschalls Augereau sollten 
Biimmtliche hiesige Stadtsoldaten, so viel deren zum Dienst tauglich 
wären, demselben gewidmet werden und zu dem Ende nach Aschaficn- 
burg aufbrechen. Zu diesem Zweck musterte er solche gestern selbst, 
und wählte davon den bei weitem grössten Theil aus. Da aber alle 
sich standhaft widersetzten, so konnte er seine Gewalt nur gegen 
jene gebrauchen, die von frankfurter Dorfschaften gebürtig, also zum 
Dienst verpflichtet sind. Ein anderer kleiner Theil stellte sich frei- 
willig, und es kamen nur etwa 110 Mann heraus, die heute frUh 
zwischen 4 und 5 Uhr sich nebst 12 Officieren auf dem Paradeplatz 
versammelten und nach Aschaffenburg abraarschirten, um dort in- 
corporirt zu werden. Gleich hinter ihnen marschirten 2 Compagnicn 
des 16. leichten Infanterie-Regiments, die bisher die Wachen bei 
dem Marschall Augereau versahen. Nach diesen brachen das 24. 
und das 14. Linien-Infanteric-Regiment auf, und alle nahmen den 
Weg am linken Mainufer aufwärts, — und so waren Morgens auch 
keine Franzosen mehr hier. 

Heute brach auch das Hauptquartier des Marschalls Augereau 
von hier auf und nahm den nemlicheu Weg. 

Mittags marschirte das Regiment Grossherzog von Darmstadt 
von Giesscn hier durch nach Darmstadt; es war überhaupt 7- bis 
800 Maun stark. 

Heute kamen mehrere Abthcilungcn französischer Truppen 

vom 2. Regiment Carabiniers zu Fuss, 
„ 7. „ leichte Infanterie 
und von anderen Regimentern ferner 

etwa 500 Mann des 48. Linien-Infanterie-Regimeuts, 
n ^00 „ „ 108. „ „ „ 
und „ 1000 Dragoner zu Fuss, 
hier an, und wurden einquartiert. 



- 270 - 

Viele Artillerie, Munition, Schanzwerkzeuge u. 8. w. ging durch. 

October 4. Die gestern angekommenen Truppen gingen heute 
Morgen wieder ab. Heute paasirten "nur etwa 400 Mann Naaaau- 
Uaingischer Contingenta-Truppen hier durch, und gingen aufwärta 
zur Armee. 

Abends spat nach 8 Uhr kamen etwa 150 Mann Primatiacher 
Truppen von Aachaffenburg zu Waaaer an und wurden einquartiert. 

October 10. Am 8. dieaea rückten 2 Bataillone dea 28. leichten 
Infanter ie-Regimenta, etwa 1800 Mann, hier ein, und brachen geatern 
früh Morgens wieder auf. 

Geatern Abend kam ein Theil dea 13ten leichten Infanterie - 
Regiments, etwa 400 Mann, hier an, und ging heute Morgen wieder 
weiter. 

Auch kam gestern Abend wieder eine Anzahl Primatiacher Sol- 
daten hier an. 

October 11. Geatern Mittag kamen wieder Ergänzunga-Corps 
von mehreren Regimentern hier an, wurden einquartiert, und gingen 
heute früh zur groaaen Armee ab. 

October 12. Geatern und heute paasirten Darmstädter Soldaten, 
aus Weatphalen kommend, hier durch nach Darraatadt. 

October 13. Heute rückte daa 2te leichte Infanterie-Regiment, 
aus dem Lager von Meudon kommend, hier ein und wurde ein- 
quartiert. 

Auch hat Marschall Mortier hier aein Hauptquartier. 

October 16. Da aua dem Fuldaiachen preussische Husaren bis 
nahe an die Stadt streifen, so besetzen schon seit einigen Tagen die 
Franzosen von der hiesigen Garnison die Landstrassen mit starken 
Piqueta. 

October 17. Seit der Nacht vom 15. auf den 16. diesea, geatern 
und heute, hörte man auf dem Felde in weiter Entfernung von Osten 
her von Zeit zu Zeit kanoniren. 

• 

October 28. Heute früh marschirten die hier gelegenen zwei 
Bataillone dea 2ten leichten Infantcrie-Regimenta von hier ab. Daa 3 te 
Bataillon deaaelben Regiments, daa 4te Regiment leichte Infanterie 
und 1 Regiment Cavallerie paaairten durch , und nahmen alle den 
Weg nach Aachaffenburg. Um Mittag rückte daa 12 te Regiment 
leichte Infanterie ein und wurde einquartiert. Auch kamen einige 
leicht Verwundete von der groaaen Armee hier an. 

October 24. Daa geatern eingerückte 12te Regiment leichte 
Infanterie ging heute wieder vorwärts. 



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- 271 - 

Ortober 25. Auch heute Morgen ging ein Regiment hier durch. 

October 26. Abends kamen etwa 3000 Mann preussische Kriegs- 
gefangene hier an. Diese Gefangenen wurden in die Leonhards - 
kirche, das Reithaus und den rothen Ochsen untergebracht und die 
Bedeckung einquartiert. Da viele derselben fehlten, so wurden noch 
Nachts 11 Uhr von allen 14 Quartieren die Spritzen nebst gehöriger 
Mannschaft auf die Allarm-Plätze commandirt, und solche erst 

October 27. Morgens wieder abgefahren. Heute Morgen 9 Uhr 
wurden die Gefangenen weiter nach Mainz gebracht, und bis zu ihrem 
Abmarsch die Thore sämmtlich verschlossen gehalten. 

October 28. Abends kamen etliche Hundert Mann Franzosen 
verschiedener Regimenter nebst 2 Bataillonen des ersten italienischen 
Linien-Infanterie-Regiments hier an und wurden einquartiert. 

October 29. Die gestern eingerückten Truppen gingen heute 
auf der Strasse nach Hanau zu wieder weiter. 

October 30. Heute wurden etwa 700 Mann preussische Ge- 
fangene hier -eingebracht, die in die Lepnhardskirche gelegt wurden. 

Abends kamen mehrere Depots vieler französischen Regimenter 
an, die zur Armee gehen und einquartiert wurden. 

October 31. Die gestern eingerückten französischen Truppen 
gingen heute zur Armee ab, und die gefangenen Preussen wurden 
nach Mainz abgeführt 

Nachmittags kamen wieder etwa 800 preussiache Gefangene an, 
und wurden in die Leonhardskirche und die Wellenscheuer gelegt. 

November 2. Gestern waren wieder preussische Gefangene 
angekommen, die heute Morgen mit jenen von vorgestern zusammen 
nach Mainz transportirt wurden. Dagegen wurden um Mittag aber- 
mals etwa 600 Mann eingebracht, die morgen weiter gehen. Auch 
kamen mehrere Hundert französische Verwundete an, wovon die leicht 
Verwundeten einquartiert wurden. 

November 3. Gestern Abend kamen noch 1000 Mann preussi- 
sche Gefangeno zu Wasser hier an. Heute kamen 2 Transporte der- 
selben etwa 1500 Manu und eine grosse Zahl Officiere hier an, die 
zum Theil bei den Bürgern einquartiert wurden. Siebzehn Schiffe 
mit Verwundeten fuhren an der Stadt vorbei. Mehrere Depots von 
französischen Regimentern kamen von Mainz herauf und wurden 
einquartiert. 

November 4. Die gestern Abend angekommenen Franzosen 
waren zahlreich; dieselben gehörten zu vielen Regimentern und ein- 
zelnen Detachements derselben. Sie wurden von 5 bis 6 Uhr zum 



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- 272 — 

Rafraichiren einquartiert, und brachen dann nach Hanau auf, das sie 
in abgewichener Nacht besetzten. 

Heute kamen wieder etwa 1200 preussische Kriegsgefangene hier 
an, worunter viele Füsiliere, die bei Halle gefangen wurden. Sie 
hatten noch ihre Regiraentsmusik bei sich, die bei dem Zug durch 
die Stadt aufspielte. 

Auch kamen heute mehrere Hundert preussische und französische 
Verwundete hier au, und wurden in die Lazarethe gebracht. 

November 5. Von Mittag bis 8 Uhr Abends hatte die Spritaen- 
mannschaft mit der Spritze des 7ten Quartiers die Spritzen-Station 
auf der Altcngasso wegen der in der Wellenscheuer befindlichen ge- 
fangenen Preussen. 

Es wurden heute wieder mehrere Transporte derselben, sowie 
viele Verwundete zu Wasser hier eingebracht 

Auch einzelne Detachoments Franzosen kamen hier an, und 
wurden einquartiert. 

November (i. Es kamen heute wieder viele verwundete Preussen 
und Franzosen hier an. 

November 7. Heute Morgen marschirten die seit vorgestern 
hier gelegenen französischen und Würzburger Truppen zur Armee 
ab. Ein Theil der Verwundeten in den Lazarethen ward nach Mainz 
abgeführt. Mittags kamen wieder Verwundete an. Abends kamen 
von Mainz her wieder sehr viele französische Truppen von verschie- 
denen Regimentern an und wurden einquartiert. 

November 8. Heute wurden wieder preussische Verwundete ein- 
gebracht. Abends rückten mehrere Tausend Mann frische Franzosen 
von Mainz hier ein, die morgen wieder abgehen. Die gestern einge- 
rückten sind heute früh weiter gegangen. 

Was von den hier befindlichen vielen Verwundeten transportabel 
war, ist heute Morgen nach Mainz abgeführt worden. 

November 9. Abends kamen 2- bis 3000 Mann frische fran- 
zösische Truppen von mehreren Regimentern, worunter auch Abthei- 
lungen der kaiserlichen Garde, an, wurden einquartiert, und gehen 
morgen früh zur grossen Armee ab. 

Heute wurden etliche Hundert Mann, besonders sächsische, Ge- 
fangene hier eingebracht, die morgen nach Mainz transportirt werden. 

Heute wurden die frankfurter Soldaten gemustert und vereidigt 
und dabei zum morgenden Auszug mobil gemacht. 

November 10. Heute früh marschirte der grösste Theil sowohl 
der Primatischen als der Stadt-Soldaten hier aus zur grossen Armee. 



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- 273 - 

November 11. Abends kam da» erste Regiment der italienischen 
leichten Infanterie nebst etwa 100 Mann Conscribirtcr hier an, die 
einquartiert wurden und morgen weiter gehen. 

November 12. Die .gestern eingerückten Truppen gingen heute 
früh über Vilbel gegen Cassel. Abends kamen etliche Hundert Mann 
derselben wieder zurück und »wurden einquartiert. 

Um Mittag wurde ein Transport preussischer Kriegsgefangenen 
. hier eingebracht, und in die Kasernen nach Sachsenhausen verlegt. 

Auch kamen heute wieder französische Verwundete an ; desgleichen 
mehrere Depots der Jäger zu Pferde und reitende Artillerie der kaiser- 
lichen Garde, sowie mehrere Hundert Artillerie-Pferde. 

November 18. Abends kamen eine Menge Wagen mit den Ge- 
wehren und Armaturstücken der entwaffneten Baseler Garnison, des- 
gleichen viele Kanonen von ebendaher hier an, die morgen weiter 
nach Mainz gehen. 

November 14. Heute trafen wieder Transporte hessischer Ge- 
wehre und Armaturen hier ein, die nebst den gestern angekommenen 
heute in Schiffe geladen wurden, um nach Mainz gebracht zu werden . 

November 15. Heute kamen einige Detachements Conscribirter 
von Cavallerie-Regimentern hier an, und wurden einquartiert. 

November ltt r Wegen des heute hier in allen Kirchen auf 
höchsten Befehl gefeierten Dank- und Siegesfestes*) wurden bereits 
gestern Abend von 5 bis 0, heute Morgen von G bis 7 und Mittag 
von 11 bis 12 Uhr alle Glocken geläutet, auch wurde Mittags mit 
Kanonen geschossen. Der Fürst war mit seinem ganzen Hofstaat 
in festlichem Zuge im Dom. 

Ich war heute in keiner Kirche. 

November 17. Heute kamen etwa 3000 Mann frische franzö- 
sische Truppen als Ergänzungen mehrerer Regimenter hier an , die 
morgen weiter gehen. 

Seit einigen Tagen, besonders heute, ist viel Geschütz aus dem 
Zeughaus zu Cassel hier angekommen und zu Schiffe nach Mainz 
geführt worden. • 

November 18. Abends kamen einige Detachements Cavallerie 
von Mainz hier an, unter anderen von den Guides interpretes und 
von den Gensd 'armes d'ordonnance, die morgen zur Armee abgehen. 

November 19. Vorgestern Abend kam ein Bataillon badischer 
Jäger hier an, die gestern Rasttag machten, und heute zur Armee 
abgegangen sind. 

*) Wegen des Sieges bei Jena. 

VI. 18 



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— 274 



Heute Mittag rückten etwa 400 badische Dragoner zu Fuss hier 
ein. Abends kamen mehrere Abtheilungen von französischen Infan- 
terie-Regimentern. Desgleichen wurden wieder viele hessische Ka- 
nonen hereingebracht, die nach Mainz eingeschifft werden. 

November 20. Abends kamen wieder viele Abtheilungen meh- 
rerer Cavallerie- und Infanterie-Regimenter von Mainz hier an und 
wurden einquartiert. 

November 21. Heute Morgen marschirten dieselben weiter. 
Eine Abtheilung badischer Artilleristen befindet sich hier. Mittags 
wurde eine Colonne von 4- bis 5000 Mann preussischer Kriegsgefangenen 
liier eingebracht, die von G00 Darmstädtern escortirt wurden. Erstere 
wurden eingesperrt und letztere einquartiert. 

Ferner kamen wieder viele Abtheilungen französischer Truppen 
von der Garde, leichte Infanterie, Husaren und Dragoner hier an, 
die auf eine Nacht einquartiert wurden. 

November 22. Heute kamen wieder etwa 3000 Mann preussi- 
sche Kriegsgefangene in äusserst elendem Zustande, von Würz- 
burger Truppen escortirt, hier an, und es wurden die letzteren ein- 
quartiert. 

Abends rückten mehrere Tausend Mann französische Ergänzungs- 
truppen hier ein, die einquartiert wurden und morgen weiter gehen. 

November 23. Von Mainz her kamen die zurückkehrenden 
Darmstädter hier an und wurden einquartiert. 

November 24. Gestern waren noch viele französische Truppeu 
von Mainz her hier angekommen, die heute zur Armee abgingen. 

Heute Mittag wurden wieder mehrere Tausend preussische Kriegs- 
gefangene von Darmstädtern escortirt hier eingebracht; letztere wur- 
den einquartiert. 

Die gestern angekommenen Darrastädter halten heute Rasttag 
und gehen erst morgen weiter. 

Ferner kamen viele kranke und verwundete Prenssen zu Schiff 
hier an, und wurden in den rothen Ochsen gebracht. 

Abends kamen die Würzburger Truppen, welche gestern die 
gefangenen Preussen nach Mainz escortirten, hier an, und wurden 
einquartiert. 

Ferner kamen etwa 600 Mann Infanterie und 200 Mann Cavallerie 
der Ergänzungstruppen, die einquartiert wurden, und morgen weiter 
gehen. 

November 25. Heute rückte wieder viele französische Ergänzungs- 
mannschaft hier ein und wurde einquartiert. 



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- 275 - 



Auch kamen heute wieder mehrere Tausend preussische Kriegs- 
gefangene von der magdeburger Garnison, von Franzosen escor- 
tirt, desgleichen mehrere Tausend von der stettiner Garnison, von 
üarmstädtern escortirt, hier an. Zwei Tausend andere zogen 
hier vorbei nach Höchst. Auch viele Kranke und Marode kamen zu 
Schiff hier an, und wurden in dem rothen Ochsen untergebracht. 

November 26. Etwa 5000 Manu preussische Kriegsgefangene 
wurden heute wieder hier eingebracht, theils von Magdeburg, theils 
von Stettin, sowie 400 Kranke, die zu Schiff kamen. Etliche Tausend 
gingen an der Stadt vorbei nach Bockenheim und Höchst. 

November 27. Um Mittag kamen wieder mehrere Tausend 
preussische Gefangene von der magdeburger Garnison unter franzö- 
sischer Escorte hier an. Ein anderer Theil von mehreren Tausend 
ging an der Stadt vorbei nach Bockenheim und Höchst. 

November 28. Es wurden heute wieder sehr viele preussische 
Kriegsgefangene hier eingebracht, und andere gingen vorbei. Auch 
kam wieder viele französische Ergänzungs-Mannschaft und von Mainz 
zurückkehrende Convoi-Soldaten hier an, und wurden einquartiert. 

November 29. Heute kamen abermals preussische Kriegsgefangeue 
und wieder viele französische Krgänzungstruppen zur Einquartierung 
hierher. 

December 1. Es kamen heute einige preussische Kriegsgefangene, 
meist Marode und Kranke, — desgleichen französische Ergänzungs- 
mannschaft, sowie mehrere Tausend Preussen mit hessischen Ge- 
wehren bewaffnet, die in französischen Sold gegangen sind, von Mainz 
her hier an und wurden einquartiert. 

December 2. Heute kamen ausser 4000 Mann französischen 
Ergänzungstruppen, die einquartiert wurden, noch 3200 Mann der 
preussisch-polnischen Legion hier an, die, da sie voller Ungeziefer 
und völlig zerlumpt sind, nicht einquartiert wurden, sondern wie folgt 
untergebracht und dort mit Essen und Trinken versorgt wurden: 

600 Mann, Leonhardskirche, 

800 „ Wellenscheuer, 

(300 „ Leinwandhaus, 

450 „ Reithaus, 

150 „ Bestätteramt, 

150 „ BrUckenmüble, 

450 „ Rother Ochse. 
Diese Menschen waren äusserst roh und unbändig, äusserten 
ihren Unmuth wegen solcher Unterbringung auf die drohendste Art, 
und erregten um so mehr£Besorgnisse für die Sicherheit der Stadt, 

18* 



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- 276 - 



% 

da sie, obwohl zerlumpt und zum Theil barfuss, doch alle bewaffnet 
und sogar mit scharfen Patronen versehen waren, deren sie sich zu 
bedienen öfters droheten. Dennoch geschah, Gottlob! kein Unglück, 
und obwohl es öfters an vielen dieser Orten brannte, so ward das 
Feuer durch angestrengte Wachsamkeit doch wieder gleich gelöscht. 

December 3. Heute kamen preussische Kriegsgefangene, ferner 
viele französische Ergänzungsmannschaft, sowie wieder eine Abtheilung 
der preussisch- polnischen Legion hier an. 

December 4. Heute kamen wieder mehrere französische Er- 
gänzungstruppen hier an, besonders Cavalleristen , die noch keine 
Pferde hatten und wurden einquartiert. 

December 5. Morgens ging ein badisches Infanterie-Regiment, 
das heute Nacht in Offenbach gelegen hatte, hier durch nach Hanau. 

December 6. Heute sind badische Dragoner und Husaren zu 
Fuss, desgleichen mehrere andere einzelne Truppen, hier einquartiert. 

Seit mehreren Tagen, und heute auch, ist viel hessisches Geschütz, 
worunter mehrere Kanonen von massivem Silber, desgleichen ein 
Theil des Schatzes von Cassel, hier durch nach Mainz gebracht 
worden. 

December 7. Heute rückte wieder viele französische Ergänzungs- 
raannschaft hier ein, die auf eine Nacht einquartiert wurde. 

December 8. Heute kamen wieder viele preussische Kriegs- 
gefangene, desgleichen französische Ergänzungstruppen hier an. 
Ulj December 10. Abends kam wieder viele französische Ergänzungs- 
mannschaft, besonders von mehreren Corps der kaiserlichen Garde, 
hier an und wurde einquartiert. 

ri* December 1 1. Mittags kamen wieder preussische Kriegsgefangene 
und Abends sehr viele französische Erganzungstruppen von Infanterie 
und unberitteuer Cavallerie hier an, die sämmtlich untergebracht 
wurden. 

December 12. Heute kamen badische Truppen hier an und 
wurden einquartiert. 

December 13. Gestern kamen viele preussische Kriegsgefangene 
vom Blücher'schen Corps, desgleichen viele preussische gefangene 
Officiere desselben Corps hier an; letztere wurden einquartiert und 
gingen heute weiter. Auch wurden heute wieder mehrere Transporte 
preussische Kriegsgefangene von demselben Corps hier eingebracht. 

December 14. Abends kamen einige badische Truppen von 
Mainz hier an. 

December 16. Mittags kamen etliche Hundert preussische Kriegs- 
gefangene von Lübeck hier an, und Abends mehrere Hundert 



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— 277 — 



darmstadter Rekruten, meist gewesene preussische Soldaten und 
darmstädter Landeskinder. 

December 17. Wegen der morgenden Ankunft der Kaiserin 
werden heute schon viele vorbereitende Einrichtungen zu Einholung, 
Empfang und Beleuchtung gemacht. 

December 18. Um Mittag versammelten sich das 1., 2., 3., 4., 5., 
6., 7. und 13. Quartier auf dem Rossmarkt. Von da ging gegen 
Mittag der Abmarsch, und diese Quartiere besetzten dann die Strassen 
von . dem Bockenheimerthor an bis an die Eschenheimerstrasse. Auf 
der Hauptwache standen primatische Soldaten, auf der Eschenheimer- 
strasse badische Jäger in Spalier aufmarschirt. Vorher war bereite 
der Fürst in Begleitung seiner Husaren hinausgefahren, und bald 
nach ihm die bürgerliche Cavallerie hinausgeritten. Zwischen 2 und 
3 Uhr kam erst der Fürst in Begleitung Beiner Husaren, dann 
die Kaiserin , die Königin von Holland , die Erbgrossherzogin von 
Baden etc. nebst Suite, begleitet von Gensdarmen, Ordonnanzen und 
der bürgerlichen Cavallerie. Abends war grosse Tafel im Schloss, 
um 8 Uhr Theater, viele Strassen mussten beleuchtet werden, und 
die Kaiserin nebst Suite fuhr herum, um solches zu sehen. 

December 20. Von gestern Abend 8 Uhr bis heute Morgen 
3 Uhr dauerte der Bai pare", den die Stadt der Kaiserin zu Ehren 
gab. Die Kaiserin verliess den Ball schon vor 12 Uhr wegen kleiner 
Unpässlichkeit, weswegen auch das Souper, das um 2 Uhr sein 
sollte, eingestellt wurde. Der Fürst hatte sie begleitet und fuhr 
nachher wieder zurück auf den Ball, wo derselbe nebst der 
Königin von Holland und der Erbgrossherzogin von Baden, die 
wacker tanzten, bis nach 1 Uhr verblieb. 

Vorgestern waren die bei Travemünde gefangenen Schweden, 
etwa 800 bis 1000 Mann, hierhergekommen, und wurden gestern frllh 
nach Mainz abgeführt. 

Seit den letzten Tagen kamen sowohl conscribirte Franzosen als 
auch badische Truppen hierher und wurden einquartiert, neute rückten 
viele Conscribirte zur Einquartierung hier ein. 

December 21. Gestern waren noch gefangene kranke Schweden 
angekommen und wurden heute weiter transportirt. 

December 22» Da heute die Kaiserin wieder nach Mainz ab 
reisete, so versammelten sich schon Morgens 8 Uhr das 1., 2., 3., 8., 
iK t 11., 12. und 14. Quartier und bildeten Spaliere von dein Schloss 
bis an das Bockenheimerthor. Nach 12 Uhr fuhr dann die Kaiserin 
unter Kanonendonner, begleitet von dem Fürsten, einer Abtheilung 
primatischer Husaren und der bürgerlichen Cavallerie, von hier ab. 



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278 — 



December 23. Heute Abend kamen wieder viele französische 
Ergänzungstruppen hier an, desgleichen eine Abtheilung kranker 
schwedischer Gefangenen. 

December 24. Heute Nacht lagen viele französische Ergänzungs- 
truppen, desgleichen Abtheilungen der polnischen Nord-Legion, auf 
den umliegenden Dorfschaften, die heute nebst den hier gelegenen 
über Friedberg weiter zur Armee marschirten. 

December 26. Bisher waren täglich Truppen- Detachements, 
theils Ergänzungsmannschaften, die zur grossen Armee gingen, theils 
auch solche, die von der Armee ins Innere gehen, um ConBcribirte zu 
holen, hier angekommen. Heute trafen deren wieder mehrere von 
Mainz her hier ein, worunter auch Abtheilungen der polnischen Nord- 
Legion, desgleichen des zweiten leichten italienischen Infanterie-Re- 
giments, die auch viele Conscribirte als Rekruten bei sich hatten. 

December 27. Die gestern eingerückten Truppen waren heute 
früh bereits ausmarschirt, erhielten aber Contreordre, und warten noch 
auf Artillerie, die sie heute erhielten, um damit erst durchs Hessische 
zu ziehen, wo starke Gährung ist, und wohin sie morgen früh auf- 
brechen. 

December 28. Heute Abend rückten wieder viele französische 
Truppen ein, die morgen Kasttag halten. 

December 20. Abends kamen französische Carabinierc als Er- 
gänzungBiuannBchaft hier an und wurden einquartiert. 

December 30. Mittags kamen einige französische Cavalleristen 
und Abends Conscribirte hier an und wurden einquartiert 

Die vorgestern eingerückten französischen Truppen, etwa 2000 
Mann, sollen noch einige Tage hier bleiben. 



1807. 

Januar 1. Es kamen heute mehrere Depots französischer Truppen, 
auch vom der Garde ein Regiment Füsiliere, hier an, desgleichen eine 
Anzahl Verwundete und Kranke in das Lazareth. 

Januar 2. Auf Veranstaltung des Fürsten, der nicht den heu- 
tigen festlichen Huldigungstag in Anwesenheit französischer Truppen 
feiern und die Huldigung unter französischen Bajonetten annehmen 
wollte, gingen heute früh sämmtliche seit einigen Tagen hier gelegene 
sowohl, als die gestern angekommenen Franzosen schon vor Tages 
Anbruch ab, so dass sieh heute Morgen, nur was zum Stab des Com- 
mandanten gehört, hier befindet. 



279 - 



Um 8 Uhr rief die grosse Stadtglocke alle Bürger zur Huldigungs- 
versammlung. Diese versammelten sich bei ihren Capitäncn. Die 
»Stadt- und primatischen Soldaten besetzten den Kömerberg und die 
angränzenden Strassen, damit niemand Unberufenes auf den Römer- 
berg kommen möge. Bis um 9 Uhr hatten sich sämmtliche Bürger 
unter Anführung ihrer Capitänc und Officiere, sowie die bürgerlichen 
Kanoniere und Cavallerie , desgleichen die Scharfschützen , jedoch 
sämmtlich unbewaffnet, auf dem Römerberg versammelt und in einen 
Halbzirkel gestellt; Dann erschien der Fürst mit mehreren Carossen, 
stieg am Römer ab, und empfing erst die Huldigung des Raths und 
der Gerichte im grossen Saal. Das 51er und das 9er Colleg blieben 
inzwischen in dem Saale des ersteren versammelt, und, als die Hul- 
digung des Raths vorüber war, begab sich dieser auch herunter in 
den inneren Kreis vor den Römer, wo sich inmittelst noch die Geistlich- 
keit, die Lehrer am Gymnasium, die Glieder der Häuser Frauenstein 
und Limpurg, Honorationen und Dicasterianten versammelt hatten, — 
der Fürst aber auf den dafür errichteten Balkon, und in demselben 
Augenblick traten auch beide bürgerliche Collegien in den Kreis ein, 
und stellten sich dem Rath zur Seite. Die Huldigung ward dann feier- 
lich unter dem Donner der am Main postirten Kanonen abgelegt, und, 
nachdem der Fürst im Rathszimmer noch den Aemtereid abgenommen, 
so fuhr derselbe an Hof zurück, wo um 11 Uhr die Judeuschaft im 
Schlosshof die Huldigung leistete. 

Mittags 1 Uhr versammelten sich sämmtliche Bürger-Quartiere 
mit Waffen, Fahnen und Musik auf ihren Sammelplätzen, desgleichen 
die bürgerliche Cavallerie, die Constabler und Scharfschützen. Unser 
siebentes Quartier hatte eine vortrefflich equipirte Avant-Garde, etwa 
25 Mann von der blinden Rotte, worunter von den angesehensten 
Bürgern, und die Musik der National-Garde von Mainz im Zug. Um 
2 Uhr versammelten sich sämmtliche 14 Quartiere auf dem Rossmarkt, 
und, nachdem die Cavallerie, die Constabler und die Scharfschützen den 
Anfang gemacht, so setzten sich diese um 3 Uhr in den Marsch, und 
zogen über die Zeil, hinter der Schlimmauer, über die Eschen- 
heimergasse, dem grossen Schlosshof hinein, defilirten im Schlosshof 
vor dem Fürsten, der zu Fuss im Hof stand, vorbei und dem kleineren 
Thor hinaus, und gingen dann auf ihren Sammelplätzen wieder aus- 
einander. Der Fürst daukte gerührt durch Ausdruck und Verbeugung 
und jedem Capitän durch Händedruck und mündliche Aeusseruug für 
diesen Zug. 

Um 6 Uhr nahm eine allgemeine, an vielen Orten sehr koötbare 
und geschmackvolle Beleuchtung der Stadt ihren Anfang. Später 



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— 280 - 

ging der Fürst, von einigen Cavalierie-Officieren zu Pferd begleitet» 
zu Fuss durch alle Strassen, um die Illumination anzusehen. Er 
wurde von den vielfachen Beweisen der treu und gut gemeinten Herz- 
lichkeit der Frankfurter so gerührt, dass er weinte, und oft diesen 
Tag als den glücklichsten und schönsten seines Lebens pries. 

Januar 3. Gestern rückten einige kleine Abtheilungen Franzosen 
hier ein und wurden einquartiert. 

Morgens früh 5 Uhr reiste der Fürst nach Aschaffenburg ab. 

Abends kamen viele französische Truppen, unter anderen auch 
die Pariser Garde, hier an und wurden einquartiert. 

Januar 4. Die gestern eingerückten Truppen gingen heute 
Morgen wieder weiter. 

Januar 5. Heute kam viele Ergänzungsmannschaft, besonders 
von der kaiserlichen Garde, hier an, und wurde einquartiert. 

Januar 7. Wegen gestern in Hanau ausgebrochener unruhiger 
Auftritte musste noch gestern Abend 7 Uhr ein Theil der seit vor- 
gestern hier liegenden französischen Truppen dahin aufbrechen. Heute 
Morgen 2 Uhr folgte wieder ein Theil, und um 7 Uhr abermals. 

Januar 8. Die weiter noch hier gewesenen französischen Truppen 
inarschirten heute früh ab. 

Januar 10. Gestern Abend kam viele französische Ergänzungs- 
mannschaft hierher, wovon 300 Mann einige Zeit hier bleiben sollen, 
der grössere Theil aber heute früh weiter ging. 

Januar 11. Unter den gestern eingerückten Franzosen befanden 
sich meistens Nationalgarden. Obgleich ein Theil derselben hier 
bleiben sollte, so erhielten sie doch Befehl von dem Marschall Keller- 
maun, sämmtlich nach Hanau aufzubrechen, welches auch theils noch 
vor Tages Anbruch theils Morgens geschah, so dass keine hier blieben. 

Januar 12. Gestern Abend waren noch französische und italienische 
Truppen eingerückt die aber bereits nach Mitternacht nach Hanau 
aufbrachen. 

Januar 13. Abends passirten etwa 150 Mann Infanterie und 
Cavallerie dem Bockenheimerthor herein. 

Januar 18. Gestern gingen viele Wagen mit Gewehren hier 
durch zur Armee, und heute kamen mehrere Truppenzüge an, die 
morgen weiter gehen. 

Januar 20. Seit einigen Tagen liegen wieder mehrere Hundert 
Franzosen hier, die zum Theil auch die Wachen besetzt haben. 

Januar 84. Gestern Abend waren wieder viele Abtheilungen 
Franzosen von mehreren Regimentern und Corp» angekommen und 
über Nacht einquartiert 



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281 - 



Januar 26. Heute nickten sehr viele Ergänzungstruppen, be- 
sonders Cavallerie, hier ein, die morgen weiter gehen. 

Auch kamen eine Menge Gewehre von Mainz hier an, die nach 
Polen gebracht werden. 

Februar 6. Abends rückten wieder viele Abtheilungen Fran- 
zosen, besonders Conscribirte, hier ein, die einquartiert wurden. 

Februar 8. Gestern Abend rückten wieder viele französische 
Truppen hier ein, die heute früh die Revue passirten. 

Auch kam gestern eine Abtheilung primatischer Rekrutcu aus 
der Gegend von Regensburg hier an. 

Februar 10. Heute kamen wieder französische und italienische 
Truppen zur Einquartierung hier an. 

Februar 11. Seit mehreren Tagen kommen täglich kleine 
Transporte Kriegsgefangener an. Bei einem derselben befanden sich 
vor einigen Tagen auch 6 Russen. 

Februar 13. Heute kamen wieder einige preussische Kriegs- 
gefangene, desgleichen viele hessische und auch einige preussische 
und russische Officiere als Kriegsgefangene hier an. 

Februar 22. Vor einigen Tagen kamen 1 1 russische und gestern 
11 preussische kriegsgefangene Oftlciere, desgleichen vor einigen 
Tagen 40 bis 50 französische Nationalgarden, die im Hessischen als 
Garnison liegen und daselbst subordinationswidrig handelten, diese 
geschlossen als Gefangene, — ferner gestern 300 Mann der preussi- 
schen Besatzung von Breslau unter baierischer Escorte und etwa 40 
Mann gefangene hessische Soldaten und Bauern, die der Rebellion 
beschuldigt sind, hier an und gehen alle nach Frankreich ab. 

Februar 24. Heute mussten die bisher hier gewesenen 5 preus- 
sischen Junker von Bartkowsky älter, von Sierokowsky, von Bart- 
kowsky jünger, von Marde und von Velten auf Befehl des Comman- 
danten nach Mainz abgehen. 

Heute kamen viele französische Verwundete aus den oberen 
Lazarethen hier an, desgleichen einige Abtheilungen Sergeanten, die 
Conscribirte holen, welche sämmtlich morgen nach Mainz abgehen. 

Februar 27. Heute rückten mehrere Tausend Mann badische 
und französische Truppen ein, die morgen früh zur Armee abgehen. 

Februar 28. Heute kamen etliche Hundert preussische Kriegs- 
gefangene hier an. 

März 2. Der grösste Thcil der hier gelegenen r ranzosen ging 
zur grossen Armee ab. Dagegen kamen gegen Abend wieder 12- 
, bis 1500 Mann an, die einquartiert wurden. 



— 282 — 



März 3. Mittags wurden 500 meist russische uud einige preus- 
sische Kriegsgefangene, äusserst erbärmlich anzusehen, hier einge- 
bracht; sie wurden auf der Pfingstweide gelagert, dort gespeist und 
getränkt, dann um die Stadt geführt und gegen Abend an der Wind- 
mühle zu Schiff gebracht. 

März i. Heute kamen noch etwa 50 Mann kranker Hussen und 
Preussen hier an. 

März 12. Ein Theil der hier gelegenen französischen Besatzung 
brach heute nach Friedberg auf. 

März 16. Seit mehreren Tagen trafen oft Abteilungen fran- 
zösischer Truppen hier ein, die einquartiert wurden und zur grossen 
Armee abgehen ; auch heute kamen deren an. Auf dem Main gingen 
einige Schiffe mit russischen Gefangenen, die meistens krank sind, 
vorbei. 

März 21. Sämmtliche hier gelegenen Franzosen sowie einige 
Compagnien Sappeurs, die gestern Abend angekommen waren, er- 
hielten in der Nacht Ordre zum Aufbruch, und gingen heute früh 
nach Hessen ab, wo Unruhen ausgebrochen sein sollen. 

Heute wurden wieder etwa 170 Mann gefangene Küssen und 
Preussen, meist Kranke, hier eingebracht; dieselben gehen morgen 
zu Schiff nach Mainz ab. 

März 24. Gestern Abend kamen wieder viele Conscribirte hier 
an, die heute Morgen weiter gingen. 

März 25. Gestern Abend kamen etwa 600 Mann gefangener 
Russen und Preussen an, die heute weiter nach Mainz abgingen. 

März 29. Gestern trafen etwa 300 Mann der kaiserlichen 
Garde von Paris hier ein, die auf Wagen kamen, zum Rafraichiren 
einquartiert wurden, und sogleich weiter auf Wagen nach Friedberg 
abfuhren. 

März 31. Seit mehreren Tagen gehen fortdauernd einzelne Ab- 
theilungen französischer Ergänzungstruppen theils hier durch, theils 
hier vorUber zur Armee. 

April 5. Heute kamen unter mehreren Abtheilungen Franzosen, 
die zur Armee marschiren, auch 1 Bataillon des in Leipzig orgam- 
sirt gewordenen preussischen Regiments für den französischen Dienst 
hier an, die einquartiert wurden und morgen nach Mainz abgehen. 

April 13. Heute kamen wieder etwa 1000 Manu in franzö- 
sische Dienste getretene Preussen hier an, die morgen nach Mainz 
abgehen. 

April 10. Mittags rückten etliche Tausend Mann französische 
Ergänzungstruppen hier ein, die auf eine Nacht einquartiert wurden. 



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283 — 

April 17. Auch heute kamen wieder französische Ergänzungs- 
truppen hier an, die morgen zur Armee marschiren. 

April 18. Heute kamen wieder viele französische Truppen 
von Mainz hier an, die morgen zur Armee abgehen. Desgleichen 
kam von Fulda ein Theil der munsterischen Legion, aus Preussen 
u. s. w., Desertirten und Gefangenen bestehend, die morgen nach 
Mainz marschiren. 

April 20. Gestern kamen sowohl Franzosen von Mainz, als 
enrolirte Preussen von Leipzig her hier an, die heute Morgen theil» 
zur Armee, theils nach Mainz aufbrechen. 

Heute trafen wieder Abtheilungeu französischer Truppen hier 
ein, die morgen zur Armee gehen. 

April 23. Seit den letzten Tagen und heute wieder kamen 
täglich starke Abtheilungen französischer Truppen von Mainz hier 
an, die alle folgenden Tags über Friedberg zur Armee marschiren. 

April 24. Heute marschirte der grösste Theil des fUrstlich 
primatischen Militärs von hier nach Braunschweig ab. Seit gestern 
Laben die Bürger wieder alle Wachen besetzt. 

April 28; Gestern waren wieder mehrere Tausend Mann Fran- 
zosen von Mainz angekommen und auf eine Nacht einquartiert. Heute 
kamen deren wieder, jedoch weniger. 

Auch passiren viele französische Officiere, die als russische Kriegs- 
gefangene auf Parole nach Frankreich gehen, besonders von der 
Garde, hier durch. 

April 29. Heute kamen wieder mehrere Tausend Franzosen, 
Infanterie und Cavallerie, zur Einquartierung auf eine Nacht hier an. 

April 30. Auch heute kamen viele Franzosen zur Einquartierung 
auf eine Nacht hierher. 

Mai 1. Es trafen heute wieder viele Ergänzungstruppen, 
namentlich zur Garde, hier ein, die auf eine Nacht einquartiert 
wurden. 

Mai 2. Heute kamen etwas preussische und russische Kriegs- 
gefangene unter baierischer Escorte, desgleichen einige französische 
Verwundete, ferner 270 Mann hessische Grenadiere, die in franzö- 
sische Dienste getreten sind und morgen nach Frankreich abgehen, 
hier an. 

Mai 1). Gestern waren wieder viele Franzosen zur Einquar- 
tierung bis heute angekommen ; auch kommen täglich Transporte von 
Verwundeten hier an, die nach Mainz gebracht werden. 

Mai 10. Von dem voriges Jahr 3000 Mann stark hier ausmar- 
schirten lßten leichten Infanterie- Regiment kam heute der Ueberrest 



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— 284 - 

von 60 Mann nebst ihren 3 Fahnen von der Armee zurück; sie- 
gehen nach Frankreich, um sich wieder zu ergänzen. Ein anderes 
Bataillon, das ebenfalls zurückmarschirte, bestand aus etwa 40 Mann. 

Mai 11. Auch heute kam wieder viel Durchmarsch. Von den 
gestern angekommenen Franzosen ist ein grosser Theil als Einquar- 
tierung und Besatzung hier geblieben. 

Mai 16. Gestern wurden etliche Hundert Mann gefangene 
Schweden hier eingebracht und heute nach Mainz abgeführt. 

Mai 18. Gestern kamen etliche Hundert Mann gefangene Russen 
und Schweden, desgleichen der Rest des hier 3000 Mann stark aus- 
marschirten 24. Linien-Infanterie- Regiments von etwa 50 Mann an. 

Mai 22. Heute rUckten wieder viele französische Truppen hier 
ein, von denen ein Theil einige Zeit hier bleiben und morgen auch 
einige Wachen übernehmen wird. 

Mai 23. Der preussische General von Zwiefel nebst 30 Offi- 
cieren kamen heute unter starker Bedeckung von Baireuth als Kriegs- 
gefangene hier an, und gehen morgen nach Mainz ab. 

Juni 3. Heute kamen viele Verwundete aus den Lazarethen, 
desgleichen viele Ergänzungsmannschaft, die morgen zur Armee 
abgeht, hier an. 

Juni 11. Gestern und heute» waren wieder viele französische 
Truppen von Mainz angekommen, die nach gehaltenem Nachtlager 
zur Armee marschiren. 

Täglich treffen Transporte von Verwundeten ein, die nach 
Mainz gehen, auch öfters kleine Abtheilungen Gefangener. 

Heute gingen etwa 1500 Mann badisches Militär, Infanterie und 
Cavallerie, zur grossen Armee hier durch. 

Juni 12. Heute kamen wieder 1400 Mann von Mainz, und zwar 
zu Schiff, an, die morgen zur Armee gehen, desgleichen etwa 
100 Mann Husaren. 

Juni 15. Heute gingen die hier in Besatzung gewesenen Fran- 
zosen zur Armee ab, und die Bürger Ubernahmen wieder »um 
grössten Theil die Wachen. 

Auch kamen heute wieder viele Truppen mehrerer Regimenter 
an, die auf eine Nacht einquartiert wurden. 

Juni 18. Heute kamen wieder viele Truppen, unter anderen 
auch für den französischen Dienst geworbene Hessen, zu vorüber- 
gehender Einquartierung an. 

. Juni 19. Heute wurden etwa 500 preussische Gefangene aus 
Schlesien hier eingebracht, die morgen nach Mainz gehen. 




Jnni 21. Vor einigen Tagen kamen 135 eroberte preussische 
und russische Kanonen hier an, die nach Mainz eingeschifft wurden. 

Juni 22. Gestern gingen 500 Mann Badener hier durch, und 
etliche Hundert Mann französische Cavallerie wurden auf eine Nacht 
einquartiert. 

Juli 6. Gestern früh ging ein Theil der seit einiger Zeit hier 
gelegenen Franzosen nach Bamberg ab. 

Vorgestern kam wieder viel erobertes Geschütz hier an, und 
wird am Main ausgeladen. 

Nachmittags kamen 1100 Mann spanischer Truppen von Mainz hier 
an, und wurden auf eine Nacht einquartiert. Sie entsprachen nicht der 
Erwartung, die man von ihrer Schönheit hatte, und sollen sehr 
unreinlich sein. 

■ 

Juli 12. Heute war in allen Kirchen Siegesfest wegen der 
Schlacht bei Friedland und dem Waffenstillstand. Ich war in 
keiner Kirche. 

Schon gestern Abend und heute mehrmals wurde mit allen 
Glocken geläutet und mit Kanonen geschossen. 

Juli 13. Ein grosser Theil der hier gelegenen Franzosen ging 
heute weg. 

August 14. Wegen des morgen statt findenden Napoleons-Festes 
wurde Abends von 5 bis 6 Uhr mit allen Glocken geläutet, und um 
8 Uhr wurden 21 Kanonenschüsse gethan. 

August 15. Ein Gleiches geschah heute früh um G Uhr, und 
gegen die Mittagszeit, wo in dem Dom ein feierliches Hochamt und 
Tedeum gehalten wurde, welchem die General-Commission , so wie 
Deputationen des Raths und des Stadt- und Landgerichts, beiwohnten. 
Abends waren das fürstliche Palais, der Triumphbogen auf der Zeil, 
das Bethmann'sche Haus, der Darmstädter Hof und die Post illuminirt. 

August 16. Zur Feier des Napoleons -Festes ward heute in 
allen protestantischen Kirchen Uber dazu vorgeschriebene Texte ge- 
predigt und das Tedeum gesungen. Ich ging in keine Kirche. 

Augast 25. Mittags kam ein spanisches leichtes Dragoner-Regi- 
ment, Almanza, 4- bis 500 Mann stark, hier an, die morgen hier 
Rasttag halten, und dann weiter nach dem Hannöverischen gehen. 
Die Mannschaft war ziemlich schön, die Pferde weniger und sehr 
abgemattet. 

Oetober 24. Heute rückten hier 1800 Mann Chasseurs ä pied 
der kaiserlichen Garde ein und setzen morgen den Weg nach 
Mainz fort. 



- 286 - 



October 27. Um Mittag nickten etwa 2000 Mann Garde-Füsi- 
liere ein, die morgen wieder nach Mainz aufbrechen. 

October 28. Mittags rückten etwa 1000 Mann Chasseurs a cheval 
der kaiserlichen Garde und etwa 60 Mameluken hier ein, die morgen 
nach Mainz aufbrechen. 

October 29. Heute kamen etwa (300 Mann Dragoner der kaiser- 
lichen Garde und 200 Mann polnische berittene Leibgarde hier an, 
die morgen nach Mainz aufbrechen. 

October 30. Heute kamen 50 preussisehe Kanonen hier an, 
die zu Schiffe gebracht, und nach Mainz geführt werden. 

October 31. Mittags kamen etwa 900 Mann Grenadiers a cheval 
de la Garde hier an und wurden für eine Nacht einquartiert. 

November 5. Seit gestern war 1 Bataillon des 31. Linien - 
Infanterie-Regiments hier einquartiert, welches seither in Dillenburg 
als Execution lag, und morgen nach Mainz aufbricht. 

November 7. Gestern kam ein Transport eroberter Artillerie- 
stücke an, die zu Wasser nach Mainz gebracht werden. 

November 11. In abgewichener Nacht brachen plötzlich und 
unerwartet die hier schon seit mehreren Monaten gelegenen etlichen 
Hundert Mann des 33. Linien - Infanterie - Regiments nach Mainz auf. 
Dagegen rückten Mittags drei, jedoch schwache Bataillone des 28. 
leichten Infanterie -Regiments von Hanau kommend hier ein, die 
morgen früh ebenfalls nach Mainz abgehen. 

December 5. Nachmittags kam der König von Westphalen hier 
an, und wurde von einer Compagnie der bürgerlichen Cavallerie von 
der Warte an bis in die Stadt begleitet und mit 50 Kanonenschüssen 
salutirt. 

December 6. Heute früh reiste der König von Westphalen 
unter Abfeuerung der Kanonen, jedoch ohne Escorte, die er sich ver- 
beten hatte, nach Cassel ab. Auch wurden heute zur Feier der 
Schlacht von Austerlitz und der Krönung Napoleons mehrere Male 
im Tage die Kanonen gelöst. 

December 7. Abends kamen 1800 Mann Russen in 2 BataihV 
nen organisirt, vollständig gekleidet und bewaffnet, aus der fransö- 
aischen Kriegsgefangenschaft an, wurden einquartiert, und gehen morgen 
weiter nach ihrem Vaterlande. 

December 20. Gestern Abend rückten hier wieder 2 voll- 
ständig organisirte russische Bataillone aus der Kriegsgefangenschaft 
rückkehrend ein, und setzten nach einmaligem Nachtlager ihre Route 
heute weiter fort. 



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287 - 



December 24. Heute kamen wieder 2 Bataillone Russen, etwa 
1300 Mann stark, von Mainz hier an und gingen heute Morgen weiter. 

Deccmber 25. Vormittags trafen wieder etwa 000 Mann Russen 
ein, die morgen weiter marschiren. 

December 31. Das von der grossen Armee rückkehrende naa- 
sauische Contingent kam gestern durch hiesige Stadt und Gegend. 
Einige Compagnien waren hier einquartiert. 



1808. 

Januar 7. Heute rückte das 2te Regiment leichte Infanterie 
von der Armee kommend hier ein, und geht morgen nach Mainz ab. 

Januar 8. Gestern kam auch noch eine Abtheilung polnische 
Uhlanen der kaiserlichen Garde hier an. Diese sowohl als ein grosser 
Theil des zweiten leichten Infanterie - Regiments führten sich sehr 
schlecht auf. 

Heute kam das 14te Linien -Infanterie -Regiment hier an und 
geht morgen nach Mainz ab. 

Januar 9. Heute kam das Regiment leichte Infanterie hier- 
her und geht morgen nach Mainz ab. 

Januar 18. Heute gingen etliche Regimenter darmstädtcr In- 
fanterie hier durch, die nach Friedberg, Giessen u. s. w. in Garnison 
kommen. 

Auch kamen gegen Abend etliche Compagnien fürstlich prima- 
tischer Soldaten von der Armee zurück, die nun ferner hier verbleiben 
werden. 

Januar 19. Heute früh ging dagegen ein Theil der seither hier 
gewesenen primatischen Truppen nach Aschaffenburg ab. 

Januar 20. Heute kam das 51 te Linien- Infanterie -Regiment, 
2000 Mann stark, von der Armee zurück hier an, und wurde auf eine 
Nacht einquartiert. 

März 19. Seit einigen Tagen sind mehrere Truppen der fran- 
zösisch-polnischen Legion hier durch gegangen. Heute kam auf eino 
Nacht auch ein dergleichen Regiment Uhlanen an, deren Bestimmung 
Spanien sein soll. 

März 24. Gestern kam wieder ein Regiment der polnischen 
Legion hier an und ging heute Morgen zur Armee nach Spanien ab. 

Auch heute rückte ein Regiment der polnischen Legion hier ein, 
das morgen früh weiter geht. 



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— 288 - 



April 8. Gestern kamen wieder 2 Bataillone der polnischen 
Legion hier an, die heute nach Mainz abgingen. 

Allgast 28. Heute fing der Rückmarsch der hier durch und 
durch Frankreich nach Spanien eilenden französischen Armee an. 
Die heute eingetroffene Colonne kam in Schiffen von Aschaffenburg 
an. Ein Theil ging in Schiffen an der Stadt vorbei nach Höchst und 
weiter. Etwa 5000 Mann wurden einquartiert, und gehen heute Nacht 
schon wieder zu Schiff nach Mainz ab. 

Auglist 59. Heute Vormittag und gegen Abend kamen 9 Regi- 
menter, etwa 0000 Mann, hier an, die auf eine Nacht einquartiert 
wurden. In den benachbarten Ortschaften wurden etwa 4000 Mann 
untergebracht', die sämmtlich morgen früh nach Mainz aufbrechen. 
Das Betragen und die Forderungen dieser aus Preussen heimkehrenden 
Truppen sind weit überspannter und kränkender als je. 

August 30. Heute kamen abermals mehrere Regimenter In- 
fanterie, etwa 4000 Mann, zur Einquartierung auf 1 Nacht hier an, 
und eben so viele wurden in der umliegenden Gegend einquartiert 
Auch ging viele Artillerie durch. 

August 31. Der Rückmarsch der französischen Armee dauert in 
gedrängten starken Colonnen auf allen Seiten und nach allen Richtungen 
ununterbrochen fort. Auch hier kommen solche auf den 3 Strassen 
über Aschaffenburg, Fulda und Cassel an. Andere Colonnen gehen 
von Franken nach Mannheim und Heidelberg und von dort an den 
Oberrhein. Von jenen, die auf der nördlichen Strasse ziehen, sondern 
«ich wieder Colonnen ab, die über den Westerwald nach Coblenz 
instradirt sind, gleich wie jene, die auB den nördlichsten Gegenden 
Deutschlands kommen und bei Wesel den Rhein passiren. Hier dauert 
Durchmarsch und starke, durch übles Betragen äusserst lästige, Ein- 
quartierung immer fort, und heute waren wieder 3- bis 4000 Mann 
einquartiert, die morgen mit dem frühesten nach Mainz auf- 
brechen, wohin sie theils zu Schiffe, theils zu Wagen gebracht werden ; 
die wenigsten gehen zu Fuss. Ausser der vielen Einquartierung, die 
alle umliegenden Ortschaften gleich stark zu tragen haben, werden 
dieselben auch durch den stark requirirten Vorspann sehr hart mit- 
genommen. 

September 1. Heute kamen 1 Infanterie- und 1 Husaren-Re- 
giment zur Einquartierung herein. Mehrere Truppen zogeu durch 
die Stadt und an derselben vorbei. 

September 2. Heute kamen nur wenige Franzosen herein und 
hindurch. 



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- 289 



September 3. Heute kamen nur wenige Franzosen herein und 
hindurch. 

September 4. Heute kam Artillerie und Cavallerie hier durch, 
uud wurde zum Thoil, sowie mehrere einzelne Detachements, die an- 
gekommen waren, einquartiert. Abends trafen von Mainz 2- bis 
3000 Mann Conscribirte hier ein, die einquartiert wurden, und morgen 
wieder nach Preussen autbrechen. 

September 5. Heute kam viele Cavallerie und vieles Personale 
des Generalstabs, desgleichen einzelne Abtheilungen Infanterie von 
der Armee, so wie auch Conscribirte von Mainz, zur Einquartierung 
•n. Cavallerie und Artillerie ging durch die Stadt. 

September 6. Der Durchmarsch des rückkehrenden Theils der 
französischen Armee dauert wieder stark fort. Heute ging Cavalle- 
rie, Artillerie, Bagage und Train durch, und wurde zum Theil ein- 
quartiert. 

September 7. Die seit gestern hier und in der Gegend liegen- 
den Franzosen vom Generalstab, dann Artillerie, Cuvallerie u. s. w., 
bleiben bis auf weitere Ordre liegen. 

September 15. Vorgestern ging eine Abtheilung Grenadiers 
a cheval hier durch, die in den nahe gelegenen Dörfern einquartiert 
wurden und nach Preussen gehen. Heute kamen zu Schiffe von 
Mainz etwa 500 Mann der kaiserlichen Grenadier-Garde an, uud 
wurden, nachdem sie hier zu Mittag gegessen hatten, auf Wagen 
weiter nach Hanau gebracht, um von da nach Erfurt zu gehen , wo- 
selbst Napoleon und Alexander eine Zusammenkunft halten sollen. 

Wegen der nahe bevorstehenden Ankunft des Kaisers Napoleon 
ist gestern Abend der Fürst Primas von Aachaftenburg hier ange- 
kommen. 

September 23. Gestern kamen der Erbgrossherzog von Baden 
und seine Gemahlin, sowie der GrosBherzog von W r ttrzburg an, und 
warten die Ankunft des Kaisers Napoleon hier ab. Der Herzog von 
Benevent (Talleyrand), Minister Champagny und eine Menge zur 
Suite des Kaisers gehörige Personen sind schon durchgegangen und 
gehen fortdauernd durch nach Erfurt. Seit einigen Tagon liegt hier, 
sowie in allen Plätzen der Koute von Mainz nach Erfurt, ein De- 
tachement Dragoner, welche zur Begleitung des Kaisers dienen 
sollen. 

September 24. Heute früh ging ein Dragoner-Regiment, rei- 
tende Artillerie und ein Train Kanonen und Munition von der Ar- 
mee kommend, hier durch nach Mainz. 

VI. 19 



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— 290 - 



September 25. Abends £egen 7 Uhr kam Kaiser Napoleon 
von Mainz hier an und stieg im fürstlichen Palais ab. Der Fürst 
war ihm bis an die Gallenwarte entgegengefahren. Er war von 
Kürassieren escortirt, sonst aber war alle andere Feierlichkeit, als Ka- 
nonenschüsse, Einholung der bürgerlichen Cavallerie, Paradirung der 
Bürgerschaft, Illumination u. s. w. abbestellt und unterblieben. Nur 
von dem Palais an bis zum Allerheiligenthor waren auf den Strassen 
von Distancc zu Distance Pechkränze, um die Strassen zu erhellen, 
weil derselbe Nacht* 2 Uhr nach Hanau abreisen will. 

Oetober 15. Zum Wiederempfang des Kaisers Napoleon war 
der Fürst mit Begleitung ihm bis auf die Köderhöfe entgegengefah- 
ren. Man wartete bis Abends nach 7 Uhr. Da erhielt der Fürst 
die Nachricht, dass gegen die anfängliche Bestimmung der Kaiser sich 
hier nicht aufhalten würde. Der Fürst fuhr daher zurück, war je- 
doch der Erwartung, der Kaiser würde der getroffenen Veranstaltung 
zufolge dem Eschenheimerthor hereinfahren. Daher blieb s&mnit- 
liches in Parade ausgerücktes Militär und die Bürger-Corps bis um 
9 Uhr stehen. Nachdem aber Napoleon mit der wenigen Begleitung, 
die für ihn an den Röderhöfen zurückgeblieben war, dem Fricdberger- 
thor hereingefahren und nach schnell gewechselten Pferden, ohne sich 
aufzuhalten, sogleich nach Mainz weiter gefahren war, so wurde alles 
befehligt, wieder auseinander zu gehen. 

November 15. Seit mehreren Tagen Bind viele französische 
Truppen, von Hamburg kommend, hier durchgezogen und ineist auf 
2 Tage einquartiert gewesen. Das vorgestern eingerückte 56ste 
Linien-Infanterio-Regiment, welches heute abmarschiren sollte, erhielt 
Ordre, bis auf weiteres liegen zu bleiben. Die anderen Truppen 
dieser Division Boudet sollen auf die Ortschaften vertheilt worden seiu. 

December 2» Gestern kam ein französisches Linien-Infanterie- 
Regiment herein, und soll 3 Tage liegen bleiben. Heute kam aber- 
mals ein anderes Regiment herein, das einquartiert wurde, und morgen 
nach Mainz gehen soll. 

December 3. Heute kam wieder ein Regiment Infanterie hier 
zur Einquartierung herein, und, da die gestern und vorgestern an- 
gekommenen 2 Regimenter auch noch hier sind, so befinden sich 
nun 3 Regimenter in der Stadt, nemlich das 2., 37., und 67. Linien- 
Infanterie-Regiment der Division Molitor. 

December 4. Heute früh marschirte das 37. Regiment nach 
Mainz ab. Dagegen kam das 16. Regiment und einige Cavallerie 
herein und mehrere Cavallerie ging an der Stadt vorbei! 



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- 291 - 

■ 

December 5. Heute früh ging das 2. Linien-! nfanterie-Regiment 
von hier nach Mainz ab. 

December 6. Heute ging das 67. Infanterie-Regiment nach 
Mainz ab ; dagegen kamen verschiedene Abtheilungen von Cavallerie 
und Artillerie zur Einquartierung herein. 

Deceniber 8. Gestern früh war das 16. Infanterie -Regiment 
nach Mainz aufgebrochen, und dagegen bereits vorgestern 1 Cavallerie- 
Regiment zur Einquartierung hereingekommen. 

Deeember 18. Heute kam das 24. Regiment leichte Infanterie 
von der Division St Cyr auf einen Tag zur Einquartierung herein, 
nebst dem Stabe des wUrzburgischen Infanterie-Regiments, dessen 
Übriger Theil auf die umliegenden Dörfer verlegt wurde und morgen 
mit jenem nach Mainz aufbricht. 

December 20. Statt des früh vor Tag ausmarschirten 4. Linien- 
Infanterie-Regiments kam das 46. Linien-Infauteric-Regimeut auf einen 
Tag zur. Einquartierung herein. 



1809. 

Januar 3. Seit etlichen Tagen ist wieder täglich Durchmarsch 
und Einquartierung von der nach Frankreich rückkehrenden Division 
Legrand. 

Februar 14. Seit dem 11. dieses hat sich das in hiesiger 
Gegend, besonders in dem Fürstenthum Hanau, seither gelegene 
etwa 30,000 Mann starke Oudinot'sche Corps in Bewegung gesetzt 
und geht in forcirten Märschen zuerst nach Augsburg. Andere 
Truppen von Mainz kommend nehmen über Darmstadt die nemliche 
Richtung. 

Februar 20. Gestern war 1 Bataillon westphälischer Jäger und 
heute das 2. westphälische Infanterie-Regiment hierher gekommen, 
die nacb Mainz gehen und, wie verlautet, nach Spanien bestimmt 
sein sollen. Täglich gehen Transporte rückkehrender preussiseher 
Kriegsgefangenen hier durch. Auch von Mainz kommen Artillerie 
und Munitions- Transporte häufig an, die nach den oberen Main- 
gegenden abgehen. 

Februar 26. Gestern war wieder ein Regiment westphälischer 
Infanterie hier, das heute nach Mainz aufbrach. 

März 14. Heute marschirte die giessener Brigade der darm- 
städter Truppen hier durch nach Darrastadt und von da zur Armee. 

19* 



März 18. Abends kamen etwa 1500 Mann französische Infan- 
terie, in Conscribirten bestehend, von Mainz hier an, die zur Armee 
aufwärts marschiren. 

März 19. Heute kam Abends eine ähnliche Zahl hier an, die 
morgen früh weiter aufbrechen. 

März 20. Heute trafen wieder etwa 1400 Conscribirte auB Ab- 
theilungen mehrerer Regimenter hier ein, die morgen früh zur Armee 
aufwärts abgehen. 

März 24. Abends kam ein Regiment französische Linien-Infan- 
terie von Mainz hier an, das morgen aufwärts weiter geht. 

April 21. Seit gestern haben die Bürger wieder alle Wachen 
mit Ausnahme der Hauptwache besetzt. Bis auf eine sehr kleine 
Zahl ist heute das noch hier befindlich gewesene primatische Militär 
nach Erfurt aufgebrochen. 

April 26. Wegen in Hessen ausgebrochener Volksunrnhen kam 
in verwichener Nacht die mainzer Besatzung von 7- bis 800 Mann 
hier an. Diese gingen heute in aller Frühe nebst etwa 00 bis 70 
Mann fürstlich primatischer Truppen von hier nach Butzbach ab. 
Nachmittags kam das 3. grossherzoglich bergische Linien-Infanterie- 
Regiment, das nach Strassburg bestimmt und eben in der Gegend 
von Mainz eingetroffen war, auf Wagen hier an. Nachdem die 
Leute vor dem Thore schnell rafraichirt hatten, Btiegen sie auf andere 
seit Morgens schon bereit gehaltene Wagen und fuhren nach Butz- 
bach ab. 

April 29. Seit gestern kommen viele verwundete Franzosen 
hier an und andere gehen zu Schiffe vorbei nach Mainz. 

Mai 10. Heute kamen etwa 1000 Mann französische Dragoner 
von Strassburg über Darmstadt hier an, die morgen nach Hessen 
aufbrechen. 

Mai 16. Heute kamen viele französische Truppen, Infanterie 
und Cavallerie, von Mainz herauf, die morgen nach Hanau aufbrechen. 

Mai 18. Täglich kommen von Mainz französische Truppen, 
meist Depots und Conscribirte, an, die ins Hanauische zur Reserve- 
Armee gehen. 

Mai 19. Heute kamen wieder viele Franzosen von Mainz herauf 
und andere gingen nach Hanau ab. 

Mai 20. Heute war wieder starker Truppen-Durchmarsch. 

Juni 4. Heute ward in allen Kirchen*) ein Siegs- und 
Dankfest gefeiert und bei dieser Gelegenheit wurde gestern Abend 

*) Wegen der Einnahme von Wien. 



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bereits und beute noch mehrere Male mit allen Glocken geläutet und 
mit Kanonen geschossen. Abends war das Palais beleuchtet. 

Juni 30. Seit mehreren Tagen gehen starke Transporte Lager- 
Gerätschaften, Feldkessel, Montirungs - Equipage von Mainz zur 
Reserve- Armee hier durch. Heute kam eine Anzahl Truppen auf 
eine Nacht hier an, die morgen früh nach . . . aufbrechen. 

October 16. Heute gingen 300 Mann Würzburger Ergänzungs- 
Truppen hier durch nach Spanien. 

October 20. Mittags von 12 bis 1 Uhr wurde zur Feier des 
am 14. dieses mit Oesterreich geschlossenen Friedens mit allen Glocken 
geläutet und 50 Kanonenschüsse abgefeuert. 

October 25. Heute kamen 1200 Mann französische Dragoner 
auf dem Rückmarsch nach Mainz zur Einquartierung hier an. 

October 26. Heute kam wieder ein Regiment französische 
Cavallerie, etwa 1200 Mann stark, zur Einquartierung auf dem Durch- 
marsch hier an. 

October 28. Gestern ging der Marschall Junot, Herzog von 
Abrantes, hier durch. 

Heute kam das grossherzoglich Bergische Dragoner - Regiment, 
7- bis 800 Mann stark, zur Einquartierung auf eine Nacht hier an. 

October 31. Gestern waren 4 Bataillone französische Infanterie, 
etwa 3000 Mann stark, hier zur Einquartierung eingerückt und heute 
vor Tag noch nach Mainz aufgebrochen. 

Auch heute trafen wieder etwa 3400 Mann Infanterie ein, die 
morgen früh aufbrechen und den nemlichen Weg einschlagen. 

November 2. Heute kam die Artillerie des 8ten Armee-Corps 
zur Einquartierung hier an, und geht morgen nach Mainz ab. 

Gestern waren etwa 1200 Mann Dragoner hier angekommen, die 
heute früh nach Mainz abgingen. 

November 9. Heute kamen wieder etwa 1000 Mann bergische 
Infanterie zur Einquartierung auf eine Nacht hier an. 

November 10. Heute kam wieder 1 französisches Infanterie- 
Regiment, etwa 3000 Mann stark, zur Einquartierung auf eine Nacht 
hier an. 

November 12. Zur Feier des Friedens*) wurde heute wieder 
früh von 6 bis 7 Uhr mit allen Glocken geläutet und dabei mit 
Kanonen geschossen. Um 10 Uhr begab sich die General-Commission 
mit allen Hofbeamten u. s. w. in den Dom, wo ein feierliches Hoch- 
amt mit Musik und Trommelbegleitung unter Abfeuerung der am 



*) von Wien. 



— 294 - 



Main aufgefahrenen Kanonen gehalten wurde. Eine Compagnie 
Scharfschützen hatte den Dom besetzt. In den protestantischen 
Kirchen wurde nach dem Gebet noch das Tedeum gesungen. Mit- 
tags war grosse Tafel bei dem Grafen von Ben st, und Abends war 
das Palais, so wie das Cronstettische Stift, die Wohnung des Gene- 
rals von Zweyer, illumiuirt 

November 27. Gestern ward hier unter den Beisassensöhnen 
zur Conscription gezogen, und bei dieser Gelegenheit von denselben 
ziemlicher Unfug im Römer verübt, bo dass Wache geholt werden 
inu88te. 



1810. 

Februar 6. Seit dem 2. dieses kamen fast täglich 1 Regiment 
französischer Truppen bier an, die Ubernachteten und hernach theils 
nach Mainz, theils nach Holland aufbrachen. Diese Durchzüge sollen 
noch einige Zeit fortdauern. 

Februar 8. Die vorgestern hierhergekommenen Franzosen hatten 
gestern Rasttag und brechen heute auf. Dagegen kamen heute wieder 
3000 Mann auf einen Tag hier an ; und so wird es noch einige Tage 
fortdauern. 

Februar 16. Seit den letzten Tagen war wieder starker Durch- 
marsch von Franzosen, die ihren Weg meist alle nach Holland 
nahmen. 

Märe 21. Heute kamen 11- bis 1200 Mann russische Matrosen 
und Seesoldaten hier an , die aus Toulon kommen, hier auf etliche 
^Tage einquartiert werden, und dann nach Russland zurückgehen. 

Juni 12, Am 9. dieses kam aus dem Hannöverischen das 2te 
französische Carabiniers-Regiment zu Pferd hier an und ging am 10. 
nach Mainz. Ihm folgte an diesem Tage das lte dergleichen Regi- 
ment, das gestern nach Mainz ging, worauf sodann 5 Bataillone der 
portugiesischen Legion über Würzburg hier ankamen, die heute nach 
Mainz aufbrachen. Auch ist in diesen Tagen täglich ein Theil des 
grossen Armee-Artillerie- Parks von Würzburg hier angekommen und 
folgenden Tags nach Mainz aufgebrochen. Heute trafen 2 Regi- 
menter portugiesische Cavallerie hier ein, die morgen ebenfalls nach 
Mainz abgehen. 

Juni 15. Gestern war ein Bataillon Tirailleurs du Po ange- 
kommen und heute früh nach Mainz aufgebrochen. Heute kam da- 
gegen 1 Bataillon Tirailleurs Corses hier an, die morgen frün nach 



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- 295 — 



Mainz aufbrechen. Auch ist bisher noch immer Artillerie-Park von 
Wurzburg hier durchgegangen. 

Juli 5. Seit gestern ist das grosse französische Hauptquartier 
der Armee in Deutschland hier eingerückt. An Truppen besteht 
solches aus wenig Mannschaft, dagegen aber aus 250 bis 300 OfTficicren. 

October 17. Heute kam auf dem Durchmarsch nach Hannover 
das Hauptquartier des Generals Friant, so wie das 15 te Regiment 
leichte Infanterie, zur Einquartierung auf 2 Tage hier an. 

October 18. Heute kam wieder ein Regiment hier an, und 
wurde zum grössten Theil in der Stadt, zum Thcil auf den nahe 
gelegenen Dörfern einquartiert. 

October 22. Heute vor 18 Jahren kamen die ersten Franzosen 
unter Custinc vor hiesige Stadt, und heute an demselben Tage, 
gerade auch Montag am ersten Herbsttage, Hess General Friant die 
in der Stadt und Gegend liegenden 2 Regimenter seiner Division 
nebst einigen Batterien Artillerie früh 4 Uhr Bchon aus- und zusam- 
menrücken, ertheilte dann versiegelte Befehle au die Bataillons- und 
Compagnie-Cheft, und Hess sofort alle Thore, öffentliche Plätze, die 
Brücke , die Hauptwache u. s. w. sehr stark besetzen , durch die 
ausgestellten Schildwachen alle und jede mit Kaufmannswaare be- 
ladene Wagen in den Strassen und an den Thoren anhalten und 
auf den Rossmarkt bringen. Um 12 Uhr gab er einer zu ihm ge- 
forderten Deputation von Kaufleuten die Weisung, binnen vierund- 
zwanzig Stunden ihm eine getreue Declaration aller in ihrem Besitze 
befindlichen euglischen und Colonial-Waarcn einzureichen und ueben- 
dem zugleich anzugeben, was und wie viel dieser Art Waaren sie in 
den letztverflossenen 4 Monaten abgesetzt hätten, übrigens den vor- 
handenen Vorrath als unter Sequester anzusehen, nichts davon zu 
veräU8sern, und nach eingereichten Declarationeu weitere Resolutionen 
von ihm und von Paris aus zu gewärtigen. 

Diese Insinuation, verbunden mit den zu gleicher Zeit gezeigten 
militärischen Kräften zur allenfallsigen gewaltsamen Unterstützung 
dieser Maasregeln, hat die ganze Stadt in die äusserstn Bestürzung 
versetzt. Gegen Abend zogen zwar zum grössten Theil die ausge- 
rückten Truppen wieder in ihre Quartiere zurück. Dennoch wurde 
hierdurch dieser schreckliche Befehl nicht gemildert oder aufgehoben, 
und es steht nun zu erwarten, welchen Erfolg eine heute Abend 
noch nach Hanau zum Fürsten abgegangene Deputation von Kauf- 
leuten, so wie die Unterhandlungen mit dem General Friant selbst 
haben werden. 



- 296 - 



Oftober 23. Heute durften auf Befehl des Generals Friant 

keine heladene Wagen zur Stadt hinaus. Die gestern nach Hanau 
abgegangene Deputation von Kaufleuten kam von dem Fürsten ohne 
Trost zurück, und die erforderte Declaration aller englischen und 
Colonial-Waaren wird ohne Nachsicht geschehen müssen. Die ganze 
Stadt ist darüber in der äussersten Bestürzung» 

October 2ti. Schon seit einigen Tagen sind an den Thoren 
ausser der französischen Militär-Besatzung auch Douaniers, die alle 
auwgehende Wagen und selbst zuweilen Fussgänger, besonders solche, 
die Mahnen, Körbe uud Säcke tragen, visitiren und alle sich vorfin- 
dende Colomal- oder englische Waareu wegnehmen. Eben so ist die 
sachsenhäuser Brücke von Douaniers besetzt, die alles, was nach 
Sachsenliausen geht, visitiren, und bereits öfters einzelne Viertel- 
Pfunde Zucker, Kaffee und dergleichen weggenommen und gerades 
Wegs in deu Main geworfen haben. 

Heute wurde von Seiten der Franzosen der Anfang gemacht, 
alle Gewölbe, worinnen sich englische und Colonialwaaren befinden, 
zu versiegeln. 

October 27. Mit der Obsignation der englischen und Colonial- 
Waaren wurde heute fortgefahren. 

October 28. Auch heute, des Sonntags ohugeaehtet, wurde 
damit fortgefahren und solche beendigt 

October 29. Heute Mittag fingen die Franzosen an, Haussuchung 
nach englischen und Colonial-Waaren zu halten. Die dazu beauf- 
tragten Douaniers sind von starker Militär-Wache begleitet 

October 30. Die Haussuchungen nach englischen Waaren dauerten 
heute fort, und wurden mit äusserster Strenge vollzogen. 

October 31. Die Haussuchungen dauerten auch heute fort 

November 1. Sogar in abgewichener Nacht fanden Haussuchun- 
gen und Confiscationen statt. Bei D II . . . wurde für 

fl. 6000 Nanquin weggenommen. 

November 2. Heute fanden keine Haussuchungen mehr statt 

November 3. Auf 3 Uhr Nachmittags waren ins Palais zum 
Grafen Beust von jedem Quartier 2 bürgerliche Officiere zusammen- 
berufen, die den Auftrag erhielten, in ihren betreffenden Quartieren 
die nun noch erfordert werdenden Declarationen derjenigen Colonial- 
und englischen Manufacturwaaren, die jeder Privatus zu seinem be- 
sonderen Gebrauch besitzt, einzusammeln und zusammenzutragen. 

November 6. Seit gestern und heute fanden wieder mehrere 
Haus- Visitationen statt, und heute wurde von den Franzosen mit 



- 297 - 



dem Entriegeln und Verificiren der Colonialwaarenlager der Anfang 
gemacht 

November 14* Die französischen Douaniers fahren noch immer 
fort, Haussuchungen nach englischen Waaren zu halten und solche 
wegzunehmen. 

November 17. In Folge eines gestern bekannt gemachten 
kaiserlich französischen Decrets wurden heute um die Mittagszeit 
2 Wagen voll mit Kiatchen, Bällchen u. s. w., enthaltend englische 
Waaren, beladen, unter Begleitung etlicher Tausend Mann des hier 
liegenden Militärs vor das Allerheiligenthor gefuhrt, und daselbst 
verbrannt. Die anderen weggenommenen und ungleich mehr be- 
tragenden dergleichen Waaren sind von den Franzosen wahrschein- 
lich auf Seite geschafft und nach Mainz abgeführt worden. 

November 20. Heute wurden abermals 7 W agen voll mit 
Kistchen und Ballen englischer Waaren beladen vor dem Aller- 
heiligenthor verbrannt! 

November 23. Heute wurden abermals 6 Wagon voll engli- 
scher Waaren verbrannt 

November 27. Heute Mittag wurde abermals ein beträcht- 
licher Transport englischer Waaren, worunter auch plattirte, 
lackirte und Stahlwaaren gewesen, von den Franzosen verbrannt. 

December 2. Zur Feier des KrönungsfosteB Napoleons und der 
Schlacht von Austerlitz war heute grosse Parade, grosses musikalisches 
Hochamt im Dom, dem die französischen und primatischen Generale, 
Officiere u. s. w. beiwohnten, festliches Dtner bei General Friant, 
Abends Illumination der Wohnungen der Generale Friant und 
von Zweyer. 

December 15. Gestern kam der Grossherzog in Begleitung 
des designirten künftigen Gouverneurs Grafen Tascher von Aschaffen- 
burg hier an. 

December 31. Heute war die letzte Versammlung des Bürger- 
Ausschusses der 51er, in welcher dessen Aufhebung und Aufhören 
bekannt gemacht wurde, und zugleich sämmtliche bisherige Gegen- 
schreiber ihrer Pflichten entlassen wurden. 



1811. 

Januar 24. Heute wurde mit dem Messen der hiesigen Con 
scriptionspflichtigen der Anfang gemacht. 



März 20. Unglücklicher Tag, an welchem dahier Stempel und 
Knregistrement anfing! 

März 82. Gestern Abend kam über Strassburg die Nachricht 
hier an, das» dem Kaiser Napoleon ein Kronprinz geboren worden 
sei, und heute wurden bereits die Kauoneu aufgeführt, um sogleich 
bei Ankunft des offiziellen Couriers dieses Ereigniss mittelst der ver- 
ordneten 101 Schüsse zu verkündigen. 

März 23. Heute Morgen früh gegen G Uhr wurde nach An- 
kunft des offiziellen Couriers die Geburt des Kronprinzen von Frank- 
reich (Königs von Rom) durch 101 Kanonenschüsse und das Läuten 
aller Glocken verkündigt 

März 25. Wegen der auf morgen aus Anlass der Geburt des 
Königs von Rom dahier stattfindenden Feierlichkeiten wurden heute 
Abend 6 Uhr 21 Kanonenschüsse gelöst, und ward eine halbe Stunde 
lang mit allen Glocken geläutet 

März 26. Morgens früh um 6 Uhr ward das Beginneu des heu- 
tigen Festes durch 21 Kanonenschüsse und das Geläute aller Glocken 
verkündigt. Gegen Mittag fuhr der Gouverneur Graf von Tascher 
mit dem Präfecten, dem Maire, den Präsidenten der hiesigen (Kolle- 
gien, sowie den sämmtlichen Gliedern des diplomatischen Corps in 
einem feierlichen Zug in den Dom, woselbst unter abermaligem 
Glockengeläute und Kanonendonner ein feierliches Hochamt gehalten 
und das Tedeum abgesungen wurde. Nachher war Gratulationsvisite 
bei dem französischen Gesandten Hedouville, dann grosses Diner bei 
ebendemselben, und Abends Assemblee bei dem Gouverneur Grafen 
von Tascher. 

März 27. Heute Mittag war zur Fortsetzung der Feierlichkei 
ten wegen der Geburt des Königs von Rom grosses Diner bei dem 
Gouverneur von Tascher im PalaiB, und heute Abend war eine all- 
gemeine Illumination angeordnet, die zwar, weil es also von Seiten 
der Ober-Polizei-Direction, und zwar au Theils Orten bei Strafe, be- 
fohlen war, ziemlich allgemein, jedoch bei weitem nicht glänzend 
oder schön war. 

April 9. Vor einigen Tagen gingen die Ueberbleibsel der 2ten 
westphälischen Division, die seinerzeit 5000 Mann ausmachte, noch 
in etwa 70 Mann bestehend, aus Spanien kommend, hier durch zurück. 

Mai 24. Aus Veranlassung einer abermaligen Bedrohung der 
Franzosen, hier erneuerte Visitationen nach englischen Waaren an- 
stellen zu lassen, wurde heute früh von Seiten der grossherzoglichen 
angeordneten Handlungs-Deputation jener Massregel dadurch zuvor- 
gekommen, dass jeder Waaren-Transport aus einem Haus in das 



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— 299 — 



andere verboten, und durch Patrouillen verhindert wurde, alle auf 
den Strassen mit Kaufmanns waaren betretene Fuhrleute arretirt und 
unter Surveillance gesetzt wurden, jede Ausfuhr aus der Stadt streng 
verboten und jede eingekouimene Waare unter Sequester genommen 
wurde, ferner durch 8 dazu ernannte Commissarien alle Gewölbe und 
Läden, worinnen sich Colonialwaaren befänden oder englische Waaren 
vermuthet werden möchten, unter Siegel gelegt wurden, wobei die- 
selben von Polizei- und Militärwache begleitet waren. Die Scharf- 
schützen und die Bürger des lOten Quartiers machten Patrouillen, 
das Militär war auf dem Paradeplatz versammelt, und die Thorwachen 
waren verstärkt. 

Mai 25. Die Massregel der Versiegelung dauerte heute noch 
fort. Indessen wurden unverdächtige Güter sowie acquittirte Colonial- 
waaren wieder sowohl zur freien Circulation, als zur Ausfuhr frei 
gegeben, jedoch nicht anders als gegen Bescheinigung der Mairie. 

Juni 18. Heute Nachmittag wurden die hier vorgefundenen 
und confiscirten englischen Waaren auf 3 Fuhren geladen und in 
15 Kisten gepackt, Öffentlich im Beisein des Maire und unter mili- 
tärischer Bedeckung vor dem Allerheüigenthor auf dem äusseren 
Fischerfeld verbrannt. 

Juli 15. Heute wurden dahier unter den vorgeschriebenen 
Feierlichkeiten auf dem grossen Römersaal die Conscribirten aus- 
gelost. 



1812. 

Februar 12. Heute marschirten die hier gelegenen grossher- 
zoglichen Truppen, die in ein Bataillon formirt worden waren, von 
hier über Hanau dem Vernehmen nach nach Erfurt ab. 

Februar 17. Heute rückten auf dem Durchmarsch 3 Bataillone 
darrastädter Infanterie, etwa 2400 Mann, hier ein, die über Nacht 
einquartiert wurden. 

Februar 18. Heute rückten etwa 3000 Mann badische und noch 
etwa 1000 Mann darmstädtcr Infanterie auf eine Nacht zur Einquar. 
tierung auf ihrem Durchmarsch nach Norden hier ein, und etwa 600 
Mann darmstädter Cavallerie ging hier durch, und wurde auf die 
nahe gelegenen Dörfer einquartiert. 

Februar 20. Heute Nachmittag kam ein Eegiment badisclier 
Husaren und ein Regiment Infanterie auf eine Nacht zur Einquar- 
tierung hier an; es waren zusammen etwa 3000 Mann. 



- 300 - 

Februar 22. Gestern sino* 100 Pferde des Kaisers Napoleon 
hier angekommen, die heute weiter nach Norden gingen. 

Februar 25. Heute war Conscriptionsziehung und Verlosung. 

Februar 27. Heute wurde für die nächsten Tage der Durch- 
marsch von 16,000 Mann von dem Armee-Corps des Marschalls Ney 
(Herzogs von Elchingen) angekündigt. Auch die nahe Durchreise 
des Kaisers Napoleon ward erwartet, ohne dass sie jedoch erfolgte. 

Februar 28. Die auf heute angesagte und erwartete Einquar- 
tierung, aus 2 Regimentern französischer Cavallerie bestehend, ging 
gerade hier durch nach Hanau. 

Februar 29. Ein Regiment Dragoner und ein Regiment Hu- 
saren wurden heute auf eine Nacht einquartiert. 

März 2. Heute wurden auf eine Nacht einquartiert ein franzö- 
sisches Linien- und ein leichtes Infanterie-Regiment, sodann Artillerie 
u. 8. w., etwa 5000 Mann. 

März 3. Heute kamen ein Regiment französische Linien-Infan- 
terie und zwei Bataillone portugiesische Jäger hier an, die einquar- 
tiert wurden, und morgen Rasttag halten, sowie ausserdem noch 
Artillerie, Fuhrwesen u. s. w., etwa 4000 Mann. Zwei andere Ba- 
taillone Portugiesen marschirten hier durch nach Offenbacb, wohin 
auch gestern bereits ein Regiment leichte Infanterie instradirt wor- 
den war. 

Marz 4. Zu der seit gestern hier liegenden und erst morgen 
aut brechenden Einquartierung kamen heute noch Husaren, Artillerie, 
Gensd'armerie de la Garde, Fuhrwesen, Train, kaiserliche Equipagen 
und Pferde u. s. w., so dass alle Häuser der Stadt mit Einquartierung 
Uherlegt werden mussten und es an Stallungen so mangelte, dass ein 
Theil der Pferde bivouaquiren musste. 

März 5. Heute vorblieben von den in diesen Tagen zur Ein- 
quartierung angekommenen Truppen u. s. w. ein bedeutender Theil 
noch hier, und kam hierzu noch ausser einzelnen Detachements ein 
beträchtlicher Theil des grossen Hauptquartiers, in Officieren, Employes 
und sonstigem Personale bestehend, an, welchen die übrigen morgen 
nachfolgen sollen. Das Ganze des Hauptquartiers besteht in etwa 
1200 Personen und 1700 Pferden. 

März 6. Heute blieb es mit Einquartierung ziemlich ruhig. 

März 7. Ausser vielen täglich durchpassirenden französischen 
Handwerkern aller Art, deren auch heute viele durchkamen, kam 
sonst nichts Besonderes von Einquartierung an. 



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- 301 - 



März 16. Heute rückte das Regiment polnischer Lanzenträger 
der kaiserlichen Garde, etwa 1100 Mann stark, hier ein, und wurde 
auf eine Nacht einquartiert. 

März 17. Heute kam das 129ste Linien-Infanterie-Regiment und 
einige Gcnsd'armerie, zusammen 11- bis 1200 Mann, zur Einquartie- 
rung auf eine Nacht hierher und gehen morgen weiter. 

März 23. Gestern war hier das 1 1 te Husaren-Regiment nebst 
Artillerie-Train einquartiert, und gingen heute nach Erfurt ab. 

März 24. In abgewichener Nacht zwischen 12 und 1 Uhr kam 
noch eine Abtheilung Artilleristen hier an, die in der Nacht einquar- 
tiert wurden. Heute Nachmittag und Abend kamen 5- bis 600 Mann 
Cavallerie der kaiserlichen Garde hier an, die auf eine Nacht ein- 
quartiert wurden. 

März 25. Heute kamen 4- bis 500 Mann Cavallerie der kaiser- 
lichen Garde, ein Regiment holländischer Grenadiere zur Garde ge- 
hörig, und etliche Hundert Mann Artilleristen auf eine Nacht zur 
Einquartierung an. 

März 28. Gestern traf ein Bataillon kaiserlich französische 
Garde-Füsiliere nebst mehrerer anderer Einquartierung hier ein, die 
heute Morgen ihren Marsch weiter fortsetzten. Heute kamen zwei 
Bataillone Garde-Grenadiere, etwa 2000 Mann, dann etwa 400 rei- 
tende Artilleristen, Chasseurs, Dragoner und Fuhrwesens-Mannschaft, 
Abends ferner noch 16*00 Mann portugiesische Infanterie, zur Ein- 
quartierung herein, die morgen weiter gehen werden. 

März 31. Vorgestern kam noch ein Theil der Garde-Grenadiere 
hier an, die gestern Morgen weiter gingen. Gestern kamen die Gre- 
nadiere zu Pferd von der Garde an, und setzten heute Morgen ihren 
Weg weiter fort Heute waren wieder 4- bis 500 Mann, meist von 
der Garde, zur Einquartierung auf eine Nacht angekommen. 

April 2. Es kam heute ein Regiment portugiesischer Cavallerie, 
jedoch unberitten, zur Einquartierung auf eine Nacht hier an. 

April 5. Heute rückten wieder einige Tausend Manu Grena- 
nadiere, Füsiliere und Dragoner der Garde zur Einquartierung auf 
. eine Nacht hier ein. 

April 6. Jleute kam abermals beträchtlicher Durchmarsch vou 
Truppen hier an, die morgen weiter gehen. 

April 13. Heute kam wieder ziemlich Einquartierung, meist 
Cavallerie, theils beritten, theils unberitten, hier an; dabei war auch 
viel Artillerie- Train. 



- 302 



April 15. Heute kam ein Regiment Flanqueurs zur Garde ge- 
hörig, aus lauter Förster- und Jager-Söhnen bestehend, auf eine 
Nacht zur Einquartierung hier an. 

April 18. Heute kam wieder vielerlei Einquartierung auf eine 
Nacht hier an. 

April 21. Gestern traf viele Einquartierung, hauptsächlich von 
verschiedenen Cavallerie-Regimentern der kaiserlichen Garde, etwa 
3000 Mann, hier ein, und gingen heute Morgen weiter. 

Ein badischen Ergänzungs-Bataillon, welches ebenfalls einquar- 
tiert «ein wollte, wurde auf die Dörfer verlegt. 

Heute kam abermals einige Einquartierung, Infanterie von der 
Garde, hier an, die morgen weiter gehen wird. 

April 22. Heute kamen viele unberittene Dragoner und Chas- 
seurs zur Einquartierung hier an. 

April 23. Ancb heute kam ziemlich viele Einquartierung von 
verschiedenen Corps und Waffen hier an. 

April 24. Heute kam ein polnisches Infanterie-Regiment von 
etwa 1600 Mann, sodann unberittcue Dragoner, Fuhrwesen, Train 
u. s. w. zur Einquartierung an. 

April 25. Heute trafen wieder mehr als 2000 Mann Infanterie 
Durchmarsch-Einquartierung hier ein. 

April 26. Heute kam auf dem Durchmarsch ein polnisches In- 
fanterie-Regiment zur Einquartierung auf ein« Nacht hier an. 

April 27. Heute kam wieder ein Regiment Füsiliere der Garde 
auf dem Durchmarsch zur Einquartierung an. 

Mai 2. Gestern und heute war wieder einige Einquartierung 
auf dem Durchmarsch hereingekommen. 

Mai 8. Heute kamen 1500 Mann Infanterie von der Garde zur 
Einquartierung an. 

Mai 9. Heute waren etwa 2000 Mann von der Garde, meist In- 
fanterie, sodann etwas Cavallerie, wobei die Mameluken, zur Einquar- 
tierung eingetroffen. 

Der Grossherzog kam heute von Aschaffenburg hier an, und 
geht morgen nach Mainz dem Kaiser Napoleon entgegen, der über- 
morgen auf der Durchreise hier erwartet wird. 

Mai 10. Heute kam wieder ein Regiment Infanterie auf eine 
Nacht zur Einquartierung hier an. 

Mittags wurden die bttreerlichen Militärs durch die Trommel zu- 
sammenberufen, um aus jedem Quartier die tauglichsten und schönsten 
Leute zu bestimmen, welche bei der bevorstehenden Durchreise des 
Kaisers Parade machen sollen. 



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- 303 — 



Mai 11. Der Grossherzog kam pestern Abend von Mainz, wo- 
selbst Napoleon noch nicht eingetroffen war, wieder hierher und ging 
in der Nacht noch nach Asehaft'enburg zurück. 

Heute blieb alles ruhig, da der Kaiser erst morgen erwartet wird. 

Mai 12. Heute früh wurden die Bürger-Militärs bereits um 7 Uhr 
versammelt; es dauerte indessen bis 9 Uhr, bis solche sämmtlich auf 
dem Rossmarkt aufgestellt waren. Dann hielt der General von Huin- 
bracht Musterung, und theilte die Divisionen zur Paradirung bei der 
Ankunft des Kaisers Napoleon, die auf Nachmittags 2 bis 3 Uhr er- 
wartet wurde. Auf ein Circulare des Maire versammelte sich die 
Municipalität mit demselben in einem Hause nächst am Bockenheimer- 
modo Mainzer-Thor, um ihn bei seiner Hereinfahrt zu empfangen. 
Man wartete indessen bis 5 Uhr vergeblich. Um diese Zeit -erhielt 
man Nachricht, dass die Ankunft des Kaisers, den Mittheilungen eines 
soeben angelangten Couriers zufolge, erst morgen früh erfolgen würde. 
»Später wurde diese Nachricht noch bestätigt, und man ging daher 
nach 7 Uhr auseinander. 

Heute kam wieder ein Regiment Infanterie zur Einquartierung 
herein, und ein Munitionstransport ging um die Stadt. 

Mai 13. Gestern Abend wurde die Municipalität zur Versamm- 
lung auf heute Morgen G Uhr eingeladen. Indessen fing heute Mor- 
gen 4 Uhr die Lärmtrommel Bchou wieder zu schlagen an, um alles 
schleunig zusammenzuberufen , indem der Kaiser früher , und sehr 
bald erwartet würde. Wirklich kam auch um halb G Uhr der 
Kaiser und die Kaiserin in einem Wagen beisammensitzend, unter 
Bedeckung einer Abtheilung bürgerlicher Cavallerie und Dragoner 
der Garde. Er fuhr ohne Aufenthalt und schnell durch die »Stadt, 
wechselte vor dem Allerheiligenthor die Pferde, und fuhr unter aber- 
maliger Begleitung bürgerlicher Cavallerie schnell weiter. Am Bocken- 
heimer- und Allerheiligenthor waren Kanonen aufgestellt, womit seine 
Ankunft begrüsst wurde. Indessen erfolgte diese so unvermuthet 
schnell, dass weder die gehörige Anzahl Bürger zur Parade ver- 
sammelt waren, noch weniger ihn der Präfect mit den Departementa- 
räthen an der Gränze empfangen konnte, wie es bestimmt war. 

Heute kam wieder ein Regiment Infanterie der Garde und etwa 
30<) Mann als Bataillons-Coupon aus Spaniern und Portugiesen be- 
stehend, sodann viel uuberittene Cavallerie, zur Einquartierung an. 

Mai 16. Vorgestern kam der König von Neapel hier an, und 
reiste gestern zur Armee ab. 

Mai 19. Gestern uud heute war wieder jedesmal ein Regiment 
Garde-Infanterie zur Einquartierung hier. 



- 304 — 

Mai 21. Gestern kamen etwa 600 und heute gegen 1500 Mann 
zur Einquartierung hier an. Die Militär-Transporte dauern täglich 
fort, und es werden meist über den andern Tag 180 Vorspannpferde 
erfordert. Heute war auch ein Zug von 80 bis 100 meist mit Zwie 
back beladenen Wagen angekommen, die mit Ochsen bespannt waren, 
welche, etwa 400 an der Zahl, ebenfalls einquartiert wurden. 

Mal 22. Die französischen Ochsenfuhrwerke mit täglich 2- bis 
300 Ochsen dauern alle Tage fort, und sollen 4 Wochen anhalten. 

Mal 24. Heute kam wieder viele Einquartierung von der Garde, 
und dann Fuhrwesen hier an. 

Juli 14. Da die Durchreise der Kaiserin heute erwartet wurde, 
so wurden die Bürger-Militär-Corps um die Mittagszeit versammelt, 
eine Abtheilung Cavallerie au das Boekenheimerthor zur Begleitung 
postirt, eine andere Abtheilung an die Röderhöfe zur Einholung auf- 
gestellt; an dem Bockenheimer- und dem Hanauer-Thor wurden Ab- 
theilungen der Infanterie aufgestellt, die übrige bürgerliche Infanterie 
aber auf der Zeil postirt Um halb 2 Uhr fuhr der Präfect und 
die Departementsräthe auf die Röderhöfe, um daselbst die Kaiserin 
zu erwarten und zu complimentiren. Der Maire und der Municipal- 
rath versammelten sich um halb 3 Uhr in einem Hause am Aller- 
heiligenthor, um daselbst die Honneurs zu machen. Später rückte 
ein Bataillon Franzosen, welche zur Einquartierung auf dem Durch- 
marsch angekommen waren, vor das Allerheiligenthor hinaus, und 
stellte sich auf der Chaussee auf. Nach langem Warten kam dieselbe 
endlich um halb 8 Uhr, und fahr, ohne sich aufzuhalten, hier 
durch nach Mainz. 

October 4. Heute wurde unter dem Läuten aller Glocken uud 
dem Abfeuern der Kanonen in der Domkirche ein Tedeura wegen des 
grossen Siegs an der Moskwa abgesungen, wozu alle Autoritäten ein- 
geladen waren. — I ch blieb heute den ganzen Tag zu Hause. 

October 15. Heute wurde der Anfang gemacht, die Mannschaft 
der künftigen National-Garde zu mustern, zu messen und ihrer künf- 
tigen Bestimmung zuzutheilen. 

October 1 7. Seit einiger Zeit kommen fast täglich wieder mehr 
und minder zahlreiche Truppendurchmärsche hier durch, auch kommen 
einzelne Abtheilungen Kriegsgefangene hier durch nach Frankreich, 
insbesondere die schwedische Besatzung von Stralsund uud andere 
in Schwedisch - Pommern stationirt gewesene schwedische Truppen 
nebst dem dazu gehörig gewesenen Generalstabe. 

November tt. Heute Vormittag wurde dahier die neu errichtete 
medicinische Facultät feierlich eröffnet. 



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- 305 - 

December 28, Gestern waren 1200 Mann badischc Ergänzunga- 
Mannschaft hierher gekommen, die heute Morgen zur grossen Armee 
weggingen. 

Seit einiger Zeit gehen täglich Transporte von verwundeten 
Franzosen auf Wagen durch, meistens in Abtheilungen von 60 bis 
100 Mann, die über Nacht hier bleiben, und dann auf Wagen nach 
Mainz geschafft werden. 



1813. 

Januar 30. Abends rückten 2 Bataillone französische leichte 
. Infanterie hier ein, wovon 1 Bataillon hier bleiben, das andere aber 
morgen weiter marschiren soll. 

Januar 31. Heute kamen wieder Franzosen zur Einquartierung 
auf unbestimmte Zeit hier an. 

Februar 1. Heute kamen 4 Bataillone Durchmarsch zur Ein- 
quartierung auf eine Nacht hier an. 

Februar 3. Gestern kam ein Regiment Infanterie, aus 2 Ba- 
taillonen bestehend, hier an, das heute weiter marschirte. 

Februar 10. Gestern Abend waren 3 pasBirende Bataillone 
Franzosen hier eingerückt; sie wurden hier einquartiert und gingen 
heute Morgen weiter zur Armee. 

Heute kamen 8 in Hanau ausgehobene Geissein unter Bedeckung 
als Staatsgefangene hier an, die nach Mainz gebracht wurden. 

Heute kam auf dem Durchmarsch ein Bataillon von etwa 800 
Mann hier an, die morgen weiter gehen. 

Februar 11. Abends spät kam noch ein Bataillon Infanterie, 
das den Weg über Oppenheim gemacht hatte, zur Einquartierung 
hier an. 

Februar 12. Gestern Nacht 1 Uhr kam noch 1 Regiment In- 
fanterie von Worms hier an, das heute hier liegen blieb, und nebst 
dem früher hereingekommenen Bataillon morgen nach Erfurt geht. 

Heute räumten die grossherzoglichen Soldaten die Kaserne und 
wurden einquartiert. Morgen wird dieselbe von 600 Mann Franzosen 
bezogen. 

Februar 13. Die Durchmärsche französischer Truppen gehen 
täglich fort, und ausser den zur Einquartierung hier liegenden sind 
heute wieder viele auf dem Durchmarsch zur Einquartierung ange- 
kommen. 

VL 20 



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- 306 - 



Februar 16. Heute ging der grösste Theil unserer bisherigen 
Besatzung von hier weg, und es blieb nur 1 Bataillon von 600 Mann 
in der Kaserne. Abends kamen wieder viele Durchmarschirende zur 
Einquartierung an. 

Februar 18. Gestern Nacht gegen 12 Uhr kam noch Einquar- 
tierung in die Stadt; heute war starke Einquartierung sowohl von 
zurückkehrenden Cadres, als von neuen Bataillonen, die zur Armee 
gehen. 

Februar 18. Heute kamen die Cadres der kaiserlichen Garde 
auf etwa 30 Wagen, und in noch einigen Hundert Mann bestehend, 
hier an. Auch kamen wieder mehrere Bataillone neuer Truppen 
auf dem Marsche zur Armee an. 

Februar 20. Heute kamen viele Cadres von aufgeriebenen 
Regimentern von der Armee zurück, dagegen kamen aber auch einige 
frische Bataillone, die zur Armee gehen, zur Einquartierung auf dem 
Durchmarsch hier an. 

Februar 22. Die Durchmärsche von und zu der Armee dauern 
täglich fort. Heute kamen wieder 3 Bataillone frische Truppen auf 
dem Durohmarsch zur Armee zur Einquartierung hier an. 

Februar 25. Heute sind hier angekommen die Cadres der 
12ten Division der in Russland gewesenen französischen Armee, die 
einen Theil des Armee -Corps des Marschalls Herzog von Belluno 
(Victor) ausmachte, und ursprünglich 30,000 Mann stark war, der- 
malen noch bestehend in 23 Officieren, 44 Unterofficieren und Sol- 
daten und 2 Pferden. 

Ausserdem kamen wieder mehrere Truppen theils auf dem Durch- 
marsch, theils zum Garnisoniren hier an. Dagegen brachen die hier 
in Garnison gelegenen Cohorten nach Westphalen auf, um dem Ver- 
nehmen nach nach Magdeburg zu gehen. 

Februar 26. Heute kamen nebst mehreren von der Armee 
zurückkehrenden Detachements abermals 2 Bataillone hier an, die 
nebst anderen bereits hier liegenden Bataillonen bis auf weitere Ordre 
hier verbleiben. 

Februar 27. Von den gestern angekommenen Truppen ist heute 
der grösste Theil weiter marschirt Dagegen sind wieder einige Ba- 
taillone auf dem Durchmarsch angekommen. 

März 2. Heute kamen etwa 4500 Mann, worunter das 10 te 
Husaren-Regiment, etwa 600 Mann stark, auf dem Durchmarsch zur 
Armee zur Einquartierung hier an. 

März 3. Heute kamen wieder etwa 6000 Mann auf dem Durch- 
marsch zur Einquartierung hier an. 



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— 307 — 



März 4. Auch heute kamen wieder viele Truppen auf dem 
Durchmarsch zur Einquartierung hier an. 

März 5. Wie bisher täglich, also kamen auch heute wieder 
viele Truppen auf dem Durchmarsch zur Einquartierung hier an. 

März 7. Heute kamen wieder viele Truppen, auch Fuhrwesens- 
Transporte, zur Einquartierung hier an. 

Ein Gleiches war auch gestern, besonders mit mehreren Hundert 
von der Armee zurückkehrenden Officieren, der Fall. 

März 9. Heute brach das seit einigen Tagen hier gelegene 
136 te Linien-Regiment plötzlich auf, und schlug die Strasse nach 
Würzburg ein. 

Die hier gelegenen Husaren sind gestorn eben dahin aufgebrochen. 
Abends kamen wieder frische Truppen auf dem Durchmarsch an. 

März 10. Nachmittags und Abends kamen wieder viele Truppen 
auf dem Durchmarsch zur Einquartierung hier an, worunter auch 
zur Garde gehörige. Morgens ging ein Transport Artillerie und 
Munition um die Stadt nach der friedberger Strasse. 

März 11. Die gestern einquartierten Garden sind etwa 2000 
Mann von der Garde des Königs von Rom, die bis auf weiteres hier 
verbleiben. 

März 13. Gestern Abend sind wieder viele französische Truppen 
auf dem Durchmarsch zur Einquartierung eingetroffen. 

Heute Abend kamen etwa 2500 Mann kaiserliche Garden hier 
an, die nebst den 2000 Mann , die bereits als Garnison hier liegen, 
einige Zeit hier verbleiben sollen. 

März 14. Heute Nachmittags rückten abermals 2500 Mann 
kaiserliche Garden hier ein, so dass nun 7000 Mann Garden des 
Kaisers und des Königs von Rom hier anwesend und bis auf weiteres 
einquartiert sind. 

Auch der Marschall Mortier ist mit seinem Generalstab hier an- 
gekommen. 

März 15. Heute Abend spät kamen noch auf dem Durchmarsch 
600 Mann zur Einquartierung hier an, und da die ganze Stadt, und 
zwar die meisten Quartiere doppelt, etliche sogar dreifach belegt sind, 
so wurden davon 350 Mann in das Weissfrauenkloster , 250 Mann 
aber in den Zimmermann'schen Saal hinter die Rose verlegt und auf 
öffentliche Kosten ernährt 

März 16. Heute kamen wieder Truppen, sowohl durchmarschi- 
rende, als zur Einquartierung, hier an. 

März 17. In abgewichener Nacht kamen abermals Truppen 
hier an, die in das Weissfrauenkloster verlegt und aus Speisehäusern 

20* 



- 308 



verköstigt wurden. Auch heute Abend kamen wieder frische Truppen 
auf dem Durchmarsch zur Einquartierung an. Von der Armee aber 
kamen viele Wagen mit Kranken und Verwundeten hier an. 

März 26. Heute Abend kamen noch 2000 Mann Infanterie auf 
eine Nacht hier zur Einquartierung an , die meistens in öffentlichen 
Gebäuden, Weissfrauenkloster, Leinwandhaus etc., untergebracht und 
auf Öffentliche Kosten abgefüttert wurden. 

März 30. Gestern Abend und so auch heute Abend kamen 
starke Abtheilungen französischer Truppen über Nacht zur Einquar- 
tierung hier an, die wieder in öffentlichen Gebäuden untergebracht 
wurden. 

April 9. Zu unserer bereits etwa 8000 Mann starken Garnison 
erhielten wir heute noch 1 Bataillon Garden von 700 Mann als stän- 
dige Einquartierung. Ferner mussten heute noch 1600 Mann auf 
eine Nacht einquartiert und untergebracht worden. 

April 15. Heute Morgen war die hiesige Garnison zum Auf- 
bruch befehligt, auch bereits versammelt, um wegzumarschiren, er- 
hielt aber nachher Gegenbefehl, und blieb wieder hier. 

Heute kamen noch einige Cavallerie-Detachements zur Einquar- 
tierung an. 

April 16. Heute brach endlich der grösste Theil der so lange 
hier gelegenen kaiserlichen Garde auf, nachdem solche auf 4 Tage 
Brod gefasst und mitgenommen hatte. Die Zubereitungen und der 
Aufbruch selbst dauerte von Morgens früh 5 bis Mittags 12 Uhr. 
Sie nahmen den Weg nach Hanau. Es kamen Abends wieder an- 
dere Truppen aus Cohorten und Cavallerie bestehend hier an, die 
auf dem Durchmarsch einquartiert wurden. Auch kamen Equipagen 
und Pferde des Kaisers Napoleon an, der, so wie unser Grossherzog, 
morgen erwartet wird. 

April 17. Heute kam der Grossherzog an, um den Kaiser 
Napoleon hier zu erwarten, der gestern in Mainz angekommen ist. 

April 19. Gestern war der Grossherzog nach Mainz abgefahren, 
von wo derselbe heute früh zurück kam. 

April 22. Heute kam wieder viele Einquartierung auf dem 
Durchmarsch hier an. 

April 23. Unter mehreren kam heute 1 Bataillon alte kaiser- 
liche Garde, 700 Mann stark, zur Einquartierung hier an. 

April 24. Napoleon, der Abends erwartet wurde, kam gegen 
11 Uhr in Begleitung einiger Cavallerie-Bedeckung und mit Gefolge 
von noch 3 Wagen dem Bockenheimerthor herein und fuhr ohne 
Aufenthalt durch die Stadt. Vor dem Allerheiligenthor wurden die 



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- 309 — 



Pferde gewechselt, und er setzte dann sogleich den Weg nach 
Hanau fort. 

April 26. Heute war wieder viele Einquartierung, vornehmlich 
von der Garde r hier angekommen. 

April 28. Gestern und heute kamen jedesmal starke Durch- 
märsche zur Einquartierung hier an. 

April 29. Heute verliess uns die seit gestern und vorgestern 
gehabte Einquartierung, dagegen kamen wieder etwa 2000 Mann auf 
dem Durchmarsch hier an. 

April 30. Auch heute kamen wieder durchmarschirende Truppen 
zur Einquartierung hier an. 

Mai 11. Heute kam der Leichnam des in der Schlacht am 1. 
dieses an der Saale getödteten Marschalls Bessi&res, Herzogs von 
Istrien, auf dem Transport nach Frankreich hier an. Auch sind heute 
schon viele Verwundete hier angekommen, denen in den nächsten 
Tagen noch 16,000 folgen sollen. 

Mal 13. Seit heute kamen starke Transporte von Verwundeten 
hier an, denen täglich fernere Abtheilungen folgen sollen, und zu 
deren Aufnahme ausser den schon bestehenden Lazarethen noch ein 
neues Lazareth- Gebäude auf der Pfingstweide errichtet wird. Die 
leicht Verwundeten werden bei den Bürgern einquartiert 

Mai 16. In diesen Tagen und insbesondere heute kamen wieder 
viele Tausend Verwundete hier an, die, da die Lazarethe mit Kranken 
angefüllt sind, alle bei den Bürgern einquartiert werden mussten. 

Mai 17. Auch heute kamen wieder viele Verwundete hier an, 
und die Stadt ist davon so voll, dass der 6te Mensch, der einem auf 
der Strasse begegnet, ein verwundeter Franzose ist. 

Heute wurden auch 200 russische und preussische Kriegsgefangene 
hier eingebracht. 

Mai 19. Heute kamen wieder 1500 Mann Verwundete hier an, 
so dass die Gesammtzahl der in den Lazarethen und bei den Bürgern 
einquartierten Kranken und Verwundeten sich dermalen auf Uber 
7000 Mann beläuft. 

Ausser diesen kamen etwa 1700 Mann frischer Truppen auf 
dem Durchmarsch von Mainz zur Armee hier an. 

Mai 20. Heute kam auf dem Durchmarsch wieder viele Ein- 
quartierung, worunter viele sogenannte Ouvriers. Auch kam wieder 
ein Transport Verwundeter zur Einquartierung hier an. 

Mai 24. Heute kamen wieder Truppen auf dem Durchmarsch 
zur Einquartierung an. Auch wurde ein Transport verwundeter 
Russen und Preussen hierher gebracht. 



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- 310 - 



Mai 25. Auch heute kamen wieder viele durchmarschirendc 
Truppen zur Einquartierung an. 

Mai 26. Auch heute kamen wieder viele Truppen durchpassi- 
rend als Einquartierung hier an. 

Vor einigen Tagen war unter den durchpassirenden Truppen die 
capitulirte Besatzung von Spandau, die nach dem Ueberrhein zurück- 
kehrte. 

Juli 1. Heute kamen so viele durchmarschirende Truppen hier 
an, dass in der folgenden Nacht über 15,000 Mann hier einquartiert 
waren. 

Juli 27. Gestern Abend 9 Uhr ging der Kaiser Napoleon un- 
erwartet und incognito nach Mainz hier durch, und zwar unter dem 
Namen des Fürsten von Neufchatel. 

Juli 31. Gestern Nachmittag kam der Grossherzog hier im 
Palais an, und reiste heute Nacht nach Mainz ab. In jetzt bevor- 
stehender Nacht wird der Grossherzog wieder hier durch nach Aschaf- 
fenburg zurückreisen und Kaiser Napoleon einige Stunden später 
unter dem Namen Fürst von Neufchatel, zur Armee zurückkehrend, 
ebenfalls durchkommen. Von der bürgerlichen Cavallerie ist zur Be- 
gleitung des Kaisers eine Abtheilung von 40 Mann aufgeboten. 

August 1. Der Grossherzog kam heute Nacht 1 Uhr hier an, 
stieg in dem Palais ab, verweilte bis gegen 5 Uhr, und fuhr 
dann nach Aachaffenburg. Der Kaiser Napoleon kam erst Abends 
um 9 Uhr hier an, und fuhr auf der Strasse nach Würzburg hier durch. 

September 15. Heute kamen einige Hundert gefangene öster- 
reichische und russische Officiere von den Schlachten am 26. und 27. 
vorigen Monats bei Dresden hier an und wurden über Nacht ein- 
quartiert. 

September Mi. Heute kamen etwa 9000 Mann Kriegsgefangene, 
Oesterreicher, Russen und Preusscn en Colonne, und etwa 1400 Kranke 
und Marode in Schiffen hier an, die an den Grindbrunnen in Bivouac 
gelagert und daselbst mit den nöthigen Lebensmitteln und Unterhalt 
versorgt wurden, und dorten über Nacht campiren müssen. Morgen 
früh sollen dieselben nach Mainz abgeführt werden. 

September 18. Heute kamen wieder etwa 2400 Kriegsgefangene 
hier an, die an dem Grindbrunnen bivouaquiren mussten. 

September 21. Heute kamen sehr viele Verwundete und Kranke 
von der französischen Armee hier an, so dass, da alle Lazarethe an- 
gefüllt sind, ein grosser Theil derselben einquartiert werden musste. 

September 22. Heute kamen etwa 3000 Mann Kranke und 
Verwundete aus den sächsischen Lazarethen hier an, und musste ein 



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grosser Theil in die Bürgerhäuser einquartiert werden, da alle Laza- 
rethe voll sind. 

September 23. Auch heute kamen viele Verwundete und Kranke 
aus den sächsischen Lazarethen hier an, und dies wird eine Zeitlang 
fortdauern. 

September 30. Auf die heute eingetroffene Nachricht, dass am 
28. dieses Monats die Russen und Preussen in Kassel eingerückt 
seien und bis gegen Marburg streiften, brachen die hier befindlichen 
französischen Ehrengarden auf und nahmen den Weg nach Fried- 
berg. Ein Bataillon Infanterie, das heute Morgen von Mainz ankam, 
wurde in der Rossmarktallee eiuige Stunden auf Stroh gelagert, so- 
dann rafraichirt, und nahm hierauf den Weg nach Gelnhausen. 

öctober 1. Heute war starke Unruhe in der Stadt; man ver- 
breitete das Gerücht, die Russen und PreusBen seien von Kassel her 
bereits bis Giessen vorgerückt. Alle Kranke und Verwundete, welche 
erst vor einigen Tagen in die Gegend von Friedberg, Butzbach etc. 
transportirt worden waren, kamen heute von daher zurück. Von 
Giessen kamen dannstädtische Militär-Train- Wagen hier an und 
ausserdem geflüchtete Equipagen etc. von Kassel, und man hatte die 
Befürchtung, in Baldem wichtige Auftritte in hiesiger Gegend zu er- 
fahren. 

October 2. Heute war es ruhiger. Das in Hessen eingefallene 
Corps scheint Marburg noch nicht passirt zu haben ; dagegen gewinnt 
es Anschein, dass es sich nach dem Fuldischen gewendet haben möge. 
Indessen ist eine Abtheilung französische Infanterie, die hierher be- 
stimmt war, und in Höchst übernachtet hatte, nicht hierhergekommen, 
sondern hat den Weg nach dem Gebirge heute Morgen eingeschlagen. 
Eine Abtheilung Lanzenreiter von der Garde, die hier seit einiger 
Zeit gelegen haben, ist heute Morgen nach Friedberg aufgebrochen; 
daselbst sollen sich einige französische Truppen sammeln. Der König 
von Westphalen ist vorgestern durch Wetzlar nach Coblenz geeilt, 
und die heute angekommenen Giessener Briefe vom gestrigen Tage 
bringen die Nachricht, es seien daselbst viele geflüchtete westphä- 
lische Beamte in grösster Eile durchgekommen. Der gestern ange- 
kommene Eisenacher Postwagen ist zwar nach Mitternacht den Ko- 
sacken begegnet und von denselben durchsucht worden; sie haben sich 
aber ausser der Beraubung zweier darauf gewesenen französischen 
Officicre keine Gewalttätigkeit erlaubt. 

Es kamen heute wieder ziemlich viele Verwundete aus Sachsen, 
thcils zu Land über Hanau, theils zu Wasser, hier an. Ein Trans- 
port Militär-Eflecten und Lazareth-Erfordcrnisse von 600 Kisten, der 



- 312 — 



nach Würzburg gehen sollte und nach Dresden bestimmt war, auch 
bereits eingeladen gewesen ist, hat heute Gegenbefehl erhalten, wurde 
wieder ausgeladen, und bleibt bis auf weiteres hier. 

Der Grossherzog ist gestern von Aschaffenburg nach Constanz 
abgereist. Die Archive des französischen Gesandten sind gestern 
nebst dessen Legations- und Privat-Secretären nach Mainz abgegan- 
gen. Auch der Kriegs-Commissär Rey hat gestern seine Familie, 
seine Papiere und Effecten nach Mainz abgehen lassen. 

Gestern lieas der Polizei-Präfect die Handwerks-Geschworenen 
und heute General-Major von Humbracht die Stabsofficiere der Na- 
tionalgarde zusammenkommen, und instruirten dieselben in Hinsicht 
der Erhaltung guter Ordnung bei etwa eintretendem Fall einer poli- 
tischen Veränderung. 

October 3. Der heutige Tag war ein merkwürdiger Tag. Es 
kamen nemlich 2 Colonnen Cadres von französischen Cavallerie-Re- 
gimentern, zusammen etwa 6000 Mann betragend und wenigstens 
30 bis 40 Regimentern angehörend, welche vorzüglich in den Schlach- 
ten von Trebbin und Jüterbogk, sodann in den nachfolgenden Ge- 
fechten an der Elbe, ruinirt und aufgerieben worden sind, in einem 
unbeschreiblich erbärmlichen Zustand,, sowohl was die Mannschaft, 
als den Ueberrest der noch mitgebrachten Pferde betrifft, hier an. 
Die erste und schwächere Colonne nahm den Weg Uber die Brücke 
nach Grossgerau, die andere und stärkere um die Stadt nach Höchst. 
Beide sollen morgen bei Mainz und Oppeuheim den Rhein passiren. 
Elender, erbärmlicher, zerrissener und hülfloser als diese Haufen hat 
man hier noch nichts gesehen ; ihr Anblick erregte Staunen und das 
tiefste Mitleiden. Regimenter, die wir noch erst kürzlich in voller 
Pracht und ganz vollzählig hier durchgehen sahen, waren bis auf 20, 
30, 40 höchstens 50 Mann zusammengeschmolzen. Diese waren zer- 
lumpt und zerfetzt, viele ohne Schuhe und Strümpfe, viele halb be- 
schuhet, theils mit theils oLne Waffen, die Waffen selbst grossentheils 
in völlig unbrauchbarem Zustand, — der grössere Theil zu Fuss, der 
kleinere Theil auf Pferden, die meistens durch Strapazen und An- 
strengungen als elende Gerippe sich nur mit Mühe fortzuschleppen 
vermochten. Die meisten der Pferde konnten ihre Reiter nicht mehr 
tragen, sondern mussten mit Mühe von denselben fortgezogen werden. 
Vom Friedberger- bis Bockenheimer-Thor blieben während des Um- 
zuges nicht weniger als 5 Pferde liegen, die umgefallen waren. 
Ebenso sehen viele der Menschen aus, deren manche auch nicht wei- 
ter konnten, und obgleich die Colonnen nicht in die Stadt durften, 
in die Lazarethe gebracht werden mussten. Einen schrecklichen An- 



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— 313 - 

blick gewährte es, Reiter in dem erbärmlichsten Zustand zu Fuss 
gehen und ihr weniges übriges Gepäcke und ihre verrosteten Säbel 
auf dem Buckel schleppen, andere völlig barfuss zu Fuss, andere 
barfussig mit geschwollenen und verwundeten Füssen auf den Pferden 
hucken zu sehen. Diesen Colonnen folgte eine Menge zu den- 
selben gehörige, mit Kranken und Maroden beladene Wagen, und 
es dauerte bis in die Nacht hinein, dass deren noch nachkamen. Auch 
kamen heute viele Kranke und Verwundete aus vorwärts gelegenen 
Lazarethen, nicht minder eine grosse Zahl Stabs- und andere Infan- 
terie-Officiere, zu zerrissenen und aufgeriebenen Regimentern gehörig, 
theiis zu Land theils zu Wasser hier an, von denen erstere aufge- 
nommen, letztere einquartiert wurden. 

Die Allürten sollen sich in Hessen und Westphalen ausdehnen, 
und bis Marburg, Hersfeld und Fulda vorgedrungen sein. Bei letz- 
terem Orte sollen die Franzosen eine grosse Schlacht verloren haben, 
und die grosse Armee soll auf dem Rückmarsch sein. 

Bei Friedberg und Giessen sammelt sich ein kleines Corps von 
Franzosen und versprengten Westphalen, an deren Spitze sich der 
geflüchtete König von Westphalen stellen soll. 

October 4. Die verwichene Nacht hindurch und heute den 
ganzen Tag gingen einzelne zerstreute Haufen aufgelösten Militärs, 
meistens Cavallerie, grösstentheils ohne Pferde, fortdauernd um hie- 
sige Stadt und folgten den gestrigen Colonnen. Sie waren in dem- 
selben erbarmungswürdigen Zustand. Unter anderen kamen auch 
40 badische Dragoner als der übrig gebliebene Rest des ganzen Regi- 
ments hier vorbei. Nach ihrer Aussage soll die ganze französische 
Armee in Sachsen ihnen gleich aussehen, und in einem unbeschreib- 
lich elenden Zustande sein. Nach Nachrichten aus Hessen rücken 
daselbst die Allürten nur langsam vor. Die Strasse von Fulda ist 
noch frei. Die Hauptarmee hat ihren Rückzug von Dresden nach 
der Leipziger Gegend angetreten. Napoleon soll einen Tagesbefehl 
erlassen haben, zufolge welchem er die lauen Fürsten des rheinischen 
Bundes ihrem Schickaal überlassen will. Ein österreichisches Corps 
soll über Böhmen nach Franken, über Nürnberg nach Würzburg vor- 
rücken, und die Baiern sollen sich demselben angeschlossen haben. 

October 5. Heute kamen fortdauernd kleine einzelne Trupps 
zurückkehrender Soldaten im erbärmlichsten Zustand hier an und 
gingen meistens vorbei nach Höchst. 

Mit der Ausräumung der Lazarcthe und Wcgschnflfung der Kranken 
und Verwundeten nach Mainz zu Schiffe wird tliiitig fortgefahren. 



- 314 - 

Es kommen jedoch auch frische Transporte von solchen von oben 
her aufs Neue an. 

öctober 6. Fortdauernd gehen einzelne Haufen zurückkehren- 
der dienstunfähiger Militärs, meistens von der Cavallerie, hier vorbei 
von Hanau kommend, theils nach Höchst, theils nach Grossgerau. 
Heute Abend kamen auch etwa 120 Mann der Lanzenreiter von 
der Garde, alle ohne Pferde, viele ohne Beschuhung, und die meisten 
ohne Gepäck, hierher zurück, welche dann ausnahmsweise in die Stadt 
gelassen und einquartiert wurden. 

Napoleon soll in Leipzig sein und seine Armee sich in die dor- 
tige Gegend ziehen. Kassel soll von den Alliirten wieder verlassen 
worden sein. 

October 7. Fortdauernd kommen jetzt einzelne Detachements 
rückkehrender dienstunfähiger Cavallerie hier vorbei. Eine weitere 
Abtheilung Lanciere der Garde, die ohne Pferde ankamen, wurden 
in der Stadt einquartiert. Auch kommen fortdauernd viele Kranke 
und Verwundete aus den oberen Spitälern hier an, die theils hier 
aufgenommen, theils mit anderen aus den hiesigen Spitälern weiter 
geschafft werden. Von Mainz trafen heute Abend etwa 1000 In- 
fanteristen verschiedener Regimenter als Verstärkungstruppen ein, 
die morgen nach Friedberg marschiren. 

Benningscn soll mit einer Armee von 70- bis 80,000 Mann aus 
Böhmen durchs Baireuthische debouchiren und Franken bedrohen. 

October 8. Ob Kassel von den Alliirten verlassen ist oder 
nicht, ist noch immer zweifelhaft. Die neuesten Berichte aus Sachsen 
sagen, dass sich die französische Hauptarmee in die Gegend von 
Leipzig zurückzieht und wahrscheinlich noch weiter zurückziehen 
wird. Die Ankunft der mobilen Truppen von der Armee, so wie 
vieler Hospitalisten, dauert fort. 

October 9. Nach umlaufenden Gerüchten soll das Bülow'sche 
Corps, 16,000 Mann stark, in Hessen und in der Stadt Kassel ein- 
gerückt sein. Die Ankunft von Kranken, Maroden, Verwundeten 
und aufgelösten Truppen in starker Anzahl dauert fort. 

October 10. Aus Sachsen ertahrt man ungünstige Nachrichten 
für die französische Armee, die sich mit ihren verschiedenen Abthei- 
lungen zwischen Torgau, Leipzig und Wittenberg zu concentriren 
sucht. Heute kamen viele der seitherigen Passanten wieder theils 
hier an, theils gingen sie vorbei. Unter ihnen befanden sich viele 
KüraBsiere und Ehrengarden. 

October 11. Fortdauernd kommt hier eine Menge zurück- 
kehrender französischer Cavallerie, meist in elendem Zustand, an. 



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- 315 — 



Ebenso dauern die ankommenden Züge von Kranken und Verwun- 
deten stets fort. 

Durch Estaffetten will man wissen, es sei am 7. oder 8. dieses 
bei Eilenburg zwischen Torgau und Leipzig eine den Franzosen 
nachtheilige Schlacht vorgefallen. 

October 12. Heute sagt man, das Corps von Augereau sei bei 
Orlamtlnde von den Oesterreichern unter Lichtenstein geschlagen 
worden. 

Heut kamen etwa 3000 Mann frischer Truppen von Mainz an, 
die morgen früh nach Sachsen aufbrechen sollen. 

October 13. Es kamen heute wieder Cadres von französischer 
Cavallerie und viele Lazarethisten aus Sachsen hier an. Nach Nach- 
richten von Reisenden sollen sich die Oesterreicher aus dem Erz- 
gebirge und die preussisch- schwedische Armee von Dessau her bei 
Weimar mit einander vereinigt haben. Die Niederlage des Auge- 
reau'schen Corps wird bestätigend erzählt. Auch heisst es, der fran- 
zösische General Lefevre - De*nouettes Bei bei Altenburg und Zeitz 
total geschlagen, die grosse französische Hauptarmee aber auf diese 
Weise umstellt. 

October 14. Heute Abend spät kamen wieder ziemlich viele 
Ergänzungstruppen, zum Theil aber noch unbewaffnet, hier an. 

Heute wurde die Nachricht von dem Beitritt Baierns zur Coali- 
tion als unbezweifelt bekannt. General von Wrede hat sich mit 40,000 
Baiern und 26,000 Oesterrcichern Uber Landshut gegen Bamberg 
und Würzburg in Marsch gesetzt. 

October 15. Heute kamen 12 Kanonen und Haubitzen zurUck, 
die vor einigen Tagen an hiesiger Stadt vorbei, nach Erfurt bestimmt, 
gegangen waren ; sie mussten mit Vorspann von hier aus nach Mainz 
transportirt werden. 

Ausser einzelnen Trupps kam heute ein Schiff' mit 300 äusserst 
elenden Kranken und Verwundeten von oben herunter hier an, die 
in die Lazarethe verlegt wurden. Es herrschen leider in den Laza- 
rethen bösartige Nerven-, Faul- und Fleck-Fieber. 

October 16. Heute sind sehr viele kranke, verwundete und 
aufgelöste Truppen, Infanterie und Cavallerie, um hiesige Stadt herum 
nach Höchst gegangen. Oeffentliche Nachrichten aus Sachsen fehlen 
ganz. Der Sage nach sollen vom 5. bis 11. dieses blutige und mörde- 
rische Gefechte zwischen Dresden und Leipzig vorgefallen sein, 
letztere Stadt soll stürmend eingenommen worden sein, und dabei 
bedeutende Brandschäden erlitten haben. 

In Württemberg soll ein allgemeiner Landsturm organisirt werden. 



- 316 



October 17. Es kamen heute viele verwundete, kranke, raarode 
und aufgelöste französische Truppen von der sächsischen Armee theils 
hier an, theils gingen dieselben vorbei nash Höchst. 

An ächten Nachrichten von dem Kriegsschauplatz fehlt es ganz. 
Verlässig will man jedoch sagen, es sei die französische Armee in 
der gefährlichstiii Lage, eine am 10. dieses Monats bei Leipzig zu 
ihrem Nachtheil ausgefallene Schlacht, bei welcher der Marschall 
Macdonald, Herzog von Ragusa, mit 12000 Mann gefangen worden, 
habe ihr Unglück entschieden. Die Bewegungen der baierisch-Öster- 
reichischen Armee lassen eine nahe Besetzung von Würzburg ver- 
muthen. 

October 18. Fortdauernd kommen viele kranke, verwundete, 
elende und marode Franzosen von Sachsen hier an. 

• Von den hier liegenden, seit einigen Tagen durch frisch von 
Mainz angekommene ziemlich vermehrten Truppen brach heute 
Mittag schnell eine Abtheilung von 7- bis 800 Mann nach Vacha 
auf; die sämmtlichen übrigen sollen morgen eben dahin folgen. 

Die Nachrichten aus Sachsen sind unbestimmt, aber alle für die 
Franzosen nachtheilig. Die baierische Armee, mit einem Corps Oester- 
reicher verstärkt, ist, wie es heisst, in vollem Marsch gegen Bam- 
berg und Würzburg. 

October 19. Heute kamen wieder sehr viele elende Franzosen 
theils um die Stadt herum, theils in dieselbe. 

Die Sterblichkeit in den Lazarethen nimmt täglich zu ; die Nerven- 
und Faulfieber greifen sehr um sich. Auch in der Stadt grassiren 
die Nervenfieber stark. Seit mehreren Tagen sind öfters von den 
angekommenen elenden Franzosen auf der offenen Strasse gestorben. 

Die heutigen Nachrichten von dem Stand der Armeen sind 
äusserst nachtheilig für die Franzosen. Auch Württemberg soll sich 
den Alliirten angeschlossen haben. 

October 20. Fortdauernd kommen elende Franzosen von der 
Armee hier an, und werden theils einquartiert, theils in die Lazarethe 
aufgenommen. 

Man verbreitet heute Abend die Nachricht, Napoleon habe sich 
in der Gegend von Dessau durch die ihn aufhaltenden Armeen nach 
der Gegend von Magdeburg durchgeschlagen. 

October 21. Nach den heutigen Nachrichten soll zwar Napoleon 
in Magdeburg sein, aber in sehr üblen Umständen. Er soll Sachsen 
mit seinen Truppen geräumt, Dresden und Leipzig mit einer unge- 
heuren Anzahl Kranker und Verwundeter übergeben, und Kassel aufs 
Neue bedroht haben, der dortige Hof aber soll abermals flüchtig sein. 



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317 — 



Von Nürnberg dringen Oesterreicher und Baiern nach unseren Ge- 
genden vor. 

Es kamen heute Abend wieder mehrere Tausend Mann frische 
Truppen auf dem Durchmarsch von Mainz hier an. 

October 22. Von den gestern einquartierten Truppen war heute 
Morgen der grösste Theil auf der sächsischen Strasse ausmarschirt; 
sie kamen aber Abends unverhofft wieder zurück, und sollen bis auf 
weiteres hier verbleiben. 

Es kamen heute Armee-Transporte von Mehl u. s. w. zu Wasser 
von Würzburg zurück. Militär- Effecten und ruinirter Fuhrwesens- 
Train kamen auf der Hanauer Strasse hier an. Die Züge von Ver- 
wundeten und Kranken hören nicht auf. 

Nach heutigen Nachrichten sollen die Anstrengungen Napoleons, 
sich durchzuschlagen, bis jetzt noch stets gescheitert, dagegen er 
umstellt und in einer sehr miaslichen Lage sein. Man versichert 
ausserdem, die Oesterreicher und Baiern seien in der Stadt Würz- 
burg, auch sei Braunschweig und die dortige Gegend von den 
Alliirten überschwemmt. 

October 23. Es kamen heute fortdauernd zurückkehrende 
Franzosen hier an. Sie sind zum Theil so elend, dass sie auf der 
Strasse liegen bleiben. Viele sind schon auf der Strasse gestorben. 
Die Sterblichkeit ist in den Lazarethen sehr gross, und die Nerven- 
krankheiten und Faulfieber raffen viele dieser Unglücklichen weg. 
Ein Theil der in den Lazarethen Angehäuften in der Zahl von etwa 
1000 Mann wird heute eingeschifft und nach Mainz geschafft. Aus 
Sachsen mangeln bestimmte Nachrichten; der 18. dieses Monats soll 
für die französische Armee verderblich gewesen sein. Aus Franken 
hört man von weiterem Vordringen der Alliirten nichts. 

October 24. Die hiesigen französischen Behörden haben seit 
gestern eiligst gepackt, alle Schiffe, selbst die Holzschiffe, welche 
schnell ausgeladen werden mussten, wurden in Beschlag genommen, 
alle hier befindlichen Depots von Militär-Effecten wurden eingeladen, 
die ganze Nacht wurden die Kranken und Verwundeten aus den 
Lazarethen an den Main geschafft und dort nach Mainz eingeladen 
Viele derselben starben unterwegs oder am Mainufer; das menschliche 
Eleiid am Mainufer soll unbeschreiblich gross gewesen sein. So ging 
es heute mit Ausleerung der Lazarethe den ganzen Tag fort; es 
wurden Uber 4000 Mann eingeschifft, und bleiben nur wenige Hun- 
derte, die gar nicht transportabel sind, in denselben zurück. Andere 
Lazarethschiffe, so wie Schiffe mit demontirten Ehrengardisten, kamen 
den Main herunter, und wurden zum Theil an der Stadt beigelegt, 



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— 318 — 



um rafraichirt zu werden. Die hier befindliche etwa 3000 Mann 
Btarke Garnison hat sämmtliche Thore Abends mit doppelter Wache 
versehen, und es wurden Patrouillen angeordnet. 

Vorgestern Nachmittag und gestern gegen Abend hörte man aus 
Osten eine Zeitlang Kanonade. 

Die Nerven- und Faulfieber raffen auch in der Stadt viele Men- 
schen weg; heute wurden 9 Leichen beerdigt. 

üctober 25. Was noch an transportabel Kranken und Ver- 
wundeten hier war oder ankam, wurde heute uoch nach Mainz zu 
Schiffe weggeschafft. Ebenso gingen Militar-Effecten, die zum Theil 
vom Lande herein kamen, auf gleiche Weise dahin ab. 

Der Platz-Commandant Obrist ßoissart hat heute in einer Ver- 
sammlung der hier anwesenden Minister, des Präfecten, dea Maire, 
des Generals und der Stabsofficiere der National -Garde letztere 
aufgefordert, zur Erhallung der Ruhe und Ordnung auf jeden Fall 
durch Patrouilliren mitzuwirken, welches ihm zugesagt wurde. 

Die Ungeduld Uber das Resultat der bevorstehenden Veränderun- 
gen war heute allgemein und liess nicht viel ans Arbeiten denken. 

Abends spät kamen noch etwa 700 Mann Artillerie-Train herein, 
die aber alle demoralisirt waren. 

Die Franzosen haben Schanzwerkzeuge, Bauhölzer und der- 
gleichen requirirt und erhalten, man weiss nicht, zu welchem Zweck; 
sie schafften alles zum Allerheiligenthor hinaus auf den Bivouac in 
dem Bar schen Garten. 

Die Besatzung hat Ordre, sich auf den ersten Allarm sogleich 
auf dem Sammelplatz einzufinden. 

October 2b*. Gestern Abend wurden den grossherzoglichen 
Soldaten scharfe Patronen ausgetheilt. Dies hatte die Folge, dass 
heute Nacht und bisMorgens frühe etwa 150 Mann derselben deaertirten. 

Morgens ward die ganze Garnison hiesiger Stadt auf dem Ross- 
markt versammelt. Die Cavallerie wurde hier zusammengezogen, 
und gegen Mittag in verschiedenen Detachements nach mehreren 
Richtungen ausgesandt. In Bornheim und dortiger Gegend soll 
ein Corps von 3000 Mann zu stehen kommen. Patrouillen gingen 
auf den Landstrassen hin und her. Gegen Mittag ging die Infan- 
ten t- wieder auseinander, zur grossen Freude der grossherzoglichen 
Soldaten, welche früher ebenfalls aufmarschirt und mitten unter 
die Franzosen gestellt waren. Gegen Abend wurden solche allge- 
mein beurlaubt, und ihnen gestattet, nach Hause zu gehen. Eine Ab- 
theilung bürgerlicher Cavallerie wurde commandirt, um Patrouillen zu 
machen. Nachmittgas wurde die ganze Garnison der französischen 



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1 



— 319 — 

Truppen wieder versammelt; zwei Bataillone Infanterie und einige 
Abtheilungen Cavallerie ohne Pferde blieben bis Abends auf dem 
Rossmarkt und Alles im Bivouac; dann wurden sie entlassen. Ein 
Bataillon Infanterie hatte das Aschaffenburgerthor*) besetzt ; an diesem 
Thor war eine Kanone aufgestellt; Vorposten standen bis gegen 
Isenburg und Wachtposten auf dem Mühlberg und an der Sachsen- 
häuser Warte, bei jedem derselben befand sich eine Kanone. Uebri- 
genB blieb alles ruhig und stille ; die anderen Thore waren nur auf 
gewöhnliche Weise besetzt. 

Deu ganzen Tag kamen Chaisen mit französischen Officieren 
und Employe*s von Hanau hier au, die nach Mainz durchgingen. 

Heute hier angekommene Estaflfetten von Leipzig brachten uns 
die Kunde der in den Tagen des 16., 18. uud 19. dieses von der 
französischen Armee in der Nähe von Leipzig erlittenen schrecklichen 
Unfälle und der völligen Niederlage derselben. 

October 27. Die verwichene Nacht war im Innern der Stadt 
zwar ruhig, aber ausserhalb derselben war es sehr unruhig, besonders 
in Sachsenhausen und der Gegend der Brücke, so wie jenseits 
Sachsenbausen und in Oberrad. Es wurden starke Commandos auf 
die Strassen jenseits Sachäeuhausen verlegt, die sich in die Gärten 
und Güterstücke lagerten, und Schaden mannigfacher Art anrichteten. 
Starke Pikets Cavallerie gingen hin und her, Oberrad war als 
Bivouac stark besetzt, die Besatzung von Sachsenhausen wurde ver- 
mehrt, und musste die ganze Nacht unter den Waffen bleiben. Der 
übrige Theil der Besatzung versammelte sich um Mitternacht auf 
dem Rossmarkt und in der Allee, und blieb daselbst die ganze Nacht 
ebenfalls unter den Waffen. Die bürgerliche Cavallerie machte Pa- 
trouillen in den Strassen. Gegen Morgen zog Cavallerie von allen 
Waffengattungen nach und von Sar.hsenhausen hin und her; man 
führte einige Kanonen und Pulverwagen an der schönen Aussicht 
auf. Mit Tagesanbruch deckten die Franzosen die Brücke in der 
Mitte auf, barricadirten dieselbe auf der frankfurter Seite, und setzten 
dadurch die ganze Stadt in Allarm. Die Communication zwischen 
diesseits und Sachsenhausen war gänzlich unterbrochen, Niemand 
durfte der Brücke hinüber oder herüber; am Fahrthor durften jedoch 
die Nachen gehen. Kein Mensch wurde dem Affen- und Oppen- 
heiraerthor, die stark besetzt waren, hinaus gelassen, am Schaumain- 
thor aber war die Passage frei. Im Verlaufe des Tages wurde die 
Brücke auf einer Seite wieder belegt urd die Passage mehreremale 

*) (lautaligL-r Name für ArTcnthor. 



— 320 - 

erlaubt, dann aber wieder gesperrt. Es war ein Zustand, der zwischen 
Besorgnissen aller Art stets schwankend erhielt Die Besatzung zog 
ab und zu, und Niemand erfuhr die Ursache, warum dies alles ge- 
schehen war. Am Abend befand sich alles in demselben eben so 
unruhigen als ungewissen Zustand. 

Die Besatzung der Stadt war heute Öfters .versammelt und ging 
dann wieder auseinander. Ein Theil der hier gelegenen und von 
Sachsenhausen hereingekommenen Cavallerie war theils nach Fried- 
berg, theils dem Bockenheimerthor hinaus abgezogen. 

Die bürgerliche Cavallerie und Infanterie machte Patrouillen in 
der Stadt, wo es übrigens ganz ruhig war. 

Das Hauptquartier der Alliirten soll den 23. dieses in Erfurt ge- 
wesen sein, und Napoleon soll seinen Rückzug über Eisenach gegen 
Westphalen nehmen. Die Baiern und Oesterrcicher, sagt man, seien 
bei Lengfurt über den Main gegangen und coupirten die Strasse von 
Fulda, eine andere Colonne derselben, heisst es, sei heute in Dann- 
stadt eingetroffen. Genaues aber ist durchaus nicht bekannt. 

Indessen kommen auf der Strasse von Hanau fortwährend zu- 
rückkehrende Officiere, Employe*s, Bediente, Bagage und Marodeurs 
an, die nach Mainz gehen oder dahin geschafft werden. 

Die gesammte Nationalgarde ist durch Extra-Befehl aufgefordert, 
auf den ersten Trommelschlag unter Waffen auf den Sammelplätzen 
zu erscheinen. 

October 28. Während der verwichenen Nacht war, wie man 
heute früh vernahm, starke Retirade um die Stadt herum gegangen, 
und dauerte heute den ganzen Tag, meist um die Stadt, zum Theil 
auch durch dieselbe, fort. Das Aussehen dieser Flüchtigen ist äusserst 
erbärmlich und elend, die Kleider hängen ihnen in Fetzen vom Leibe, 
und vor Elend können sie sich bald nicht weiter schleppen. 

Frühe um 9 Uhr hörte man hier, dass die bei Aschaffenburg 
gestern Uber den Main gegangene baierisch-österreichische Armee in 
die Nähe von Hanau vorgerückt, und bei Hanau heute Morgen schon 
Gefechte vorgefallen seien, in deren Folge die Alliirten in den Besitz 
von Hanau gekommen wären. Indessen konnte man darüber keine 
hinlängliche Gewissheit erlangen, dieweilen doch immer die Retirade 
der französischen Armee von der Hanauer Strasae her fortdauerte. 
Auch hörte man von dieser Richtung her stark schiessen. 

Seit dieser Zeit wurde man in der Stadt sehr unruhig. Vou 
Mittag an wurden alle Läden geschlossen upd alles war in ängstlicher 
Erwartung der Dinge, die da kommen sollten, besonders da man den 
ganzen Tag anhaltend und fortdauernd kanoniren hörte. 



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- 321 - 

Die Nationalgarde wurde aufgeboten und machte zur Erhaltung 
der Ruhe und Ordnung in der Stadt häufige Patrouillen, sowohl die 
Cavallerie als die Infanterie. 

Indessen wurde der Kaiser Napoleon seit 7 Uhr Morgens er- 
wartet und für denselben Pferde in Bereitschaft gehalten, seine An- 
kunft erfolgte aber nicht. 

Die Brücke war fortwährend halb aufgedeckt, auch stark besetzt, 
und die französische Garnison war theils hier, theils in Sachsenhausen 
unter dem Gewehr und auf ihrer Hut. 

October 29. Die verflossene Nacht war sehr unruhig. Die 
Retirade ging die ganze Nacht durch meist um die Stadt herum, und 
soll sehr zahlreich gewesen sein. Sie dauerte bis Mittags gegen 
1 Uhr, dann hörte der stärkere Tross auf, und es kamen nur einzelne 
kleine Trupps nach. Man hörte von Hanau her und Abends von 
Nordosten her stark kanoniren. 

Heute Morgen hatten die Franzosen die Brücke nach Sachsen- 
hausen wieder abgeworfen und Sachsenhauseu verlassen. Die Be- 
satzung von daher kam in Schiffen herüber und vereinigte sich mit 
der diesseitigen. Diese war und blieb stets unter dem Gewehr und 
hatte ihren vorzüglichen Versammlungsort ■ vor und an dem Aller- 
heiligenthor, in dessen Nähe die daselbst befindlichen Häuser starke 
Einquartierung aufnehmen mussten, wobei es zum Theil etwas ge- 
waltsam und unruhig herging. 

Die bürgerliche Nationalgarde, Cavallerie und Infanterie, setzte 
den Dienst der Patrouillen und der Thorbesetzungen fort, und hatte 
dabei viele Beschwerde, besondere da seit einigen Tagen das gross- 
herzogliche Militär beurlaubt worden war. 

Man verlässigte sich von Seiten der französischen Commandant- 
schaft, dass man von deren Seite nicht willens sei, die Stadt einiger 
Gefahr preis zu geben , und dass die Franzosen heute Abend oder 
die folgende Nacht uns in der Stille verlassen würden, und beruhigte 
sich demnach hierüber, besondere da auch der Verlauf der Nacht sehr 
stille und ruhig war. Es wurden daher mit Erlaubniss des Gouver- 
neurs General PreVal zwei Deputationen den Baiern entgegengesandt, 
um Schutz und Sicherheit für unsere Stadt bei deren Besetzung 
nachzusuchen, wovon die eine aus dem Nationalgarden-General von 
Humbracbt und Staatsrath Mulzer, die andere aus dem Staatsrath 
Molitor und Bataillonschef Sarasin bestand, davon die ersterc dies- 
seits, die andere jenseits des Mains abging. 

Schon gestern hatten die Franzosen den grössten Theil der hier 
liegenden Schiffe requirirt, um Bie nach Mainz abzurühren, welches 
VI. 21 



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auch heute ausgeführt wurde. Von Offenbach brachten sie nebst 
dem dortigen Marktschiffe noch zwei audere Schiffe, die eben dahin 
abgeführt wurden. 

October 30. Nachdem heute Morgen frühe die bisherige fran- 
zösische Besatzung in der Stille von dem Allerheiligcnthor sich zu- 
rückgezogen, dieses Thor verschlossen und dessen Schlüssel mitge- 
nommen, die Bewachung desselben aber den Bürgern überlassen 
hatte, so zog sie still und ruhig dem Bockenheiraerthor hinaas. 
Der die Arrieregarde führende General liess sich noch von einigen 
bürgerlichen Cavalleristen bis an dieses Thor begleiten, rühmte das 
gute Benehmen der Frankfurter und ihrer Nationalgarde, und nahm 
freundschaftlichen Abschied. Hierauf verschloss er auch dieses Thor, 
nahm den Schlüssel mit sich und zog ab. 

Gegen G Uhr Morgens wurden sodann durch den Generalmarsch 
die nicht auf der Wache befindlich gewesenen Nationalgarden unter 
die Waffen gerufen. Die bürgerliche Cavallerie versammelte sich 
und alles lief auf die Strassen den zu erwartenden Alliirten entgegen. 
Die Thore blieben noch verschlossen, und die nahen Zugänge zu den- 
selben von der Nationalgarde besetzt. Die Brücke wurde eiligst her- 
gestellt, die diesseits gomachtc Barrikade rasch niedergerissen. Man 
wusste nicht, von welcher Seite die Alliirten kommen würden. Ein- 
zelne Nachzügler der Franzosen wurden, wenn sie in der Stadt waren, 
dem Gallenthor hinausgewiesen, andere, die an das Allerheiligenthor 
kamen, wurden auf die Strasse nach Mainz gewiesen. In den Strassen 
der Stadt fand man mehrere Kranke und Marode, die man in eines 
der Lazarethe brachte. Es dauerte lange, und die Ungeduld ver- 
mehrte sich, die Deutschen zu sehen. Während der Zeit hatte die 
Nationalgarde aller Waffen die Zeil besetzt, und war in Linie auf 
derselben aufmarschirt. 

Endlich gegen 10 Uhr verkündigte der laute Freudenruf des ge- 
drängt auf der Zeil befindlichen Volkes die Ankunft der Deutschen. Es 
waren baierische Chevauxlegers , die als Avantgarde eines kleinen 
Corps von etwa 200 Mann desselben Regiments eingerückt waren 
und von Sachsenhausen herüber kamen. Sie gaben in der Stadt 
Piquets ab, die allen Thoren hinausritten und recognoscirten- Der 
grössere Theil derselben ritt zum B ockenheimer thor hinaus, theils 
auf der Strasse nach Mainz, theils auf jener nach Rödelheim. Sie 
wurden von bürgerlichen Cavalleristen und Polizei-Personale geführt, 
und ihnen die verschiedenen Richtungen angewiesen. Bald kamen 
deren einzelne mit einigen aufgefundenen französischen Traineurs als 
Gefangenen zurück. Etwa eine Stunde später kamen 200 baierische 



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— 323 - 

Jäger zu Fuss, welche die nemliche Richtung wie die Cavallcrie ge- 
nommen hatten , und an dem Bockenheimerthor einen Wachtposten 
zuriickliessen. Man erwartete indessen vergebens mehrere. Mittags 
1 Uhr wurde der grösste Theil der Natioualgarde zum Essen beur- 
laubt Auch der grössere Theil der Neugierigen zerstreute sich. 
Man hörte von Rödelheim her schiessen, und erfuhr jetzt, dass die 
Franzosen und Baiern bereits an der Nidda plänkelten. Bei der 
kleinen Anzahl der vorgegangenen Baiern gegen die grössere Zahl 
der von hier abgezogenen Franzosen fürchtete man ein Zurück- 
dringen der letzteren, und schickte desswegeu Eilboten nach Offen- 
bach und Hanau, um Vorstellung zu machen, wie nothwendig Ver- 
stärkung zur Unterstützung jener sei. Von Offenbach Hess der die 
von daher kommende baierische Brigade commandirende Prinz Karl 
von Baiern wissen, er werde bald nach 2 Uhr einrücken und mau 
aolle ruhig sein. Es versammelten sich nun abermals die Natioual- 
garden, und alles Volk vertheilte sich in den Strassen der Stadt. 
Man ward ruhiger, als man Nachmittags von der Nidda her nicht mehr 
schiessen hörte, und die Nachricht erhielt, die Franzosen hätten dort 
nicht Stand gehalten. Es wurden mehrere Gefangene, aber auch 
einige Verwundete von daher hereingebracht. Man versicherte, es 
sei die Armee von Blücher bereits bis Friedberg vorgerückt, und 
dessen Uhlanen ständeu in Vilbel, Napoleon sei vollkommen ge- 
schlagen und abgeschnitten und auf der Flucht über Wetzlar. Um 
so ausgelassener war die Freude, als um 3 Uhr eine Abtheilung 
leichte baierische Cavallcrie und bald auf dieselbe der Priuz Karl 
von Baiern an der Spitze einer Brigade von etwa 3000 Mann In- 
fanterie mit einer leichten Batterie einrückte. Er wurde mit unbe- 
schreiblichem Jubel empfangen, den er höflich dankend aufnahm. 
Er marschirte durch die Stadt, Hess nur wenige seiner Truppen in 
derselben bivouaquiren, und stellte die übrigen vorwärts der Stadt 
im Bivouac auf. Eine zu derselben Zeit erhaltene Depesche veran- 
lasste ihn jedoch bald, ein Bataillon Infanterie um die Stadt herum 
zurück zu führen und auf der Strasse nach Hanau aufzustellen. Hierauf 
kehrte er dem Allerheiligenthor herein zurück und nahm sein Ab- 
steigquartier im von Leonhardi'schen Hause. Gegen Abend kamen 
ungefähr 30 Mann Kosacken dem Allerheiligenthor herein, deren Er- 
scheinen mit dem ungemessensten Jubel aufgenommen wurde. Tausende 
von Menschen wogten um sie her und bestrebten sich, sie zu begrüssen 
und ihnen Speise und Trank zu reichen, so hässlich sie auch aussahen 
Es wurde jetzt Nacht. Man hatte den ganzen Tag bis Abends und 
fortdauernd aus Nordosten und von Hanau her kanoniren hören. 

21* 



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324 - 



Man sagte nun, es sei noch ein französisches Corps von 10,000 
Flüchtlingen im Lamboywald bei Hanau eingeschlossen und umstellt, 
und dies habe heute die Ankunft der baierisch- österreichischen Haupt- 
armee verhindert, die nun morgen früh jene delogiren und vernichten, 
sodann aber hierher kommen würde. Auf diese Nachricht hin be- 
schloss man den Tag, der als neuer Jahrestag gefeiert wurde, froh 
und fröhlich, wie man ihn angefangen hatte. 

Gegen die Nacht war noch etwas österreichische Infanterie und 
einige Abtheilungen k< »sacken von Hanau her eingerückt, welche 
nebst den Ersteren auf dem Rossmarkt und in der Allee bivouaquirten. 

October 31. Früh Morgens bemerkte man, wie österreichische 
Infanteristen einzeln und in kleinen Abtheilungen, vermischt mit 
Baiern, still und langsam nach der Brücke zogen. Ihnen folgten die 
Kosacken ebenfalls dumpf und stille, bald hernach die baierischen 
Jäger, letztere in regelmässigem Zuge. Dies war höchst auffallend. 
Man erfuhr, sämmtliche gestern einmarschirte deutsche Truppen 
hätten sich nach Sachsenhausen zurückgezogen und die Brücke hinter 
sich aufgehoben. Dies erregte Bedenklichkeit und lebhafte Besorg- 
nisse. Jetzt erst erfuhr man, dass Napoleon gestern bei Rückingen 
und Gelnhausen mit der zurückkehrenden französischen Hauptarmee 
und seiner Garde angekommen sei, sich mit letzterer auf die baierisch- 
österreichische Armee geworfen und sich durchgeschlagen habe. Die 
Schlacht dauerte den ganzen Tag, und soll eben so hartnäckig als 
blutig gewesen sein. Versprengte, diese Nacht und heute früh 
angekommene Oesterreicher bestätigten leider die Gewissheit dieses 
Vorfalls, und man erfuhr ferner, dass Hanau heute Morgen früh 
von den Alliirten wieder verlassen werden musste , und die fran- 
zösische Armee unter Napoleons Anfiihrung im Marsch auf hier sei. 
Dumpfe Stille herrschte auf den Strassen, Bestürzung und Angst las 
man auf jedem Gesichte. Mit ängstlicher Spannung freute man sich 
jedes besseren Gerüchtes und tröstete sich, dass man nicht schiessen 
höre. So fasste man begierig die Nachricht auf, dass General Blücher 
heute früh noch zu rechter Zeit zu dem General Wrede gestossen 
sei, um Napoleon zurück nach Langenselbold und auf die Strasse 
nach dem Gebirge zu werfen. Doch verbreitete sich neue Angst auf 
das Gerücht hin, dass eine französische Colonne von Mainz her im 
Anzüge sei. Man wurde aber hierüber beruhigt, als man zuverlässig 
erfuhr, dass dieses nicht wahr sei. So verging der Morgen und es 
nahete der Mittag. Die Thore waren verschlossen und von Bürgern 
besetzt Um sämmtliche Thore standen Cavallerie- Vorposten, und die 
bürgerliche Cavallerie und Infanterie machten starke Patrouillen in 



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- 325 - 



der »Stadt. Noch schwebte man zwischen Furcht und Hoffnung, noch 
wusste man nicht, welche der umlaufenden Gerüchte sich bewahr- 
heiten würden, als auf einmal , es war eben die Mittagsstunde, uns das 
Krachen von Pelotonfeuer und der Kanonendonner schreckte, und uns 
die leidige Gewissheit gab, dass unsere Besorguisse nicht ungegründet 
gewesen sind. Die als Vorposten ausgestellten baierischen Chevaux- 
legers hatten sich beim Erblicken der französischen Avantgarde zu- 
sammengezogen und jagten durch die Fahrgasse nach der Brücke zu, 
wo sie von der Infanterie aufgenommen wurden. Französische Ca- 
vallerie jagte hinter ihnen drein ; man schoss in der Allerheiligeu- 
und Fahrgasse von beiden Seiten auf einander, und sobald sich die 
französische Cavallerie der nun ganz aufgedeckten Brücke näherte, 
so machten die jenseits postirten baierischen Jager ein solches Feuor, 
dass jene zurückprallten und mehrere derselben von ihren Pferden" 
herunter geschossen wurden. Von baierischer Seite war eine Batterie 
an der Hohenradmühle aufgepflanzt, die nun eine anhaltende heftige 
Kanonade auf das diesseitige obere Mainufer machte. Die baierischen 
Schützen und Tirailleur» hatten das deutsche Haus und die Brücken- 
mühlen besetzt, von wo aus sie herüber schössen. Von französischer 
Seite wurde an dem Obermainthor eine Batterie errichtet, die dies- 
seitigen Quais der Brücke so wie die Häuser an der schönen Aus- 
sicht wurden mit französischen Tirailleurs stark besetzt, und in der 
Fahrgasse und auf dem Wollgraben mehrere Bataillone als Reserve 
aufgestellt. Auch unterhalb der Stadt beschoss man sich von beiden 
Seiten, und das Feuer wurde auf der ganzen Linie zur grossen Be- 
atürzang der Stadt und ihrer Einwohner anhaltend und lebhaft unter- 
halten. Es dauerte bis Abends 8 Uhr beinahe unaufhörlich fort 
Alles was längs der Linie wohnte, eilte weg und verliess seine Woh- 
nung. Die Flintenkugeln fielen in der Fahrgasse und bis an die 
Mehlwage. Au dem Kayser'schcn Haus an der Brücke wurde von 
den Franzosen nun auch eine Kanone aufgepflanzt, und im Verfolg 
der wechselseitigen Kanonade gerieth die obere Brückenmühle gegen 
Abend in Brand, und röthete fürchterlich den Himmel. Die andere 
Brückenmühle wurde sehr beschädigt. Erstere aber brannte während 
der Nacht ganz ab. Während solches an dieser Seite nun vorging, 
kamen die französischen Marschälle, die Generale, die Kranken und 
Verwundeten, die Equipagen des Kaisers und des Hauptquartiers, die 
Eliten-Gendarmerie und ein Theil der Garden in die Stadt und wurden 
einquartiert. Die grosse Armee defilirte um die Stadt herum nebst 
der Artillerie und Bagage, und machte einen eben so ungeheuren 
und furchtbar aussehenden als anderntheils um desswillen interessanten 



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— 326 — 



Zug, weil die ganze Armee in beinahe wildem aufgelöstem Zustande 
war, und somit Schrecken und Mitleid zugleich erregte. Alsbald nach 
Ankunft der Franzosen, bei deren Erscheinen die Bürgerwache am 
Allerheiligenthor sich schnell auf Seite machte, wurde der zufällig an 
diesem Thor gewesene Bataillons-Chef der Nationalgarde Aubin von 
einem Officier aufgefordert, sich auf ein eben vorhandenes Kosackcn- 
pferd zu setzen, und mit ihm auf den Bivouac des Kaisers an der 
Knallhütte zu reiten. Hier stellte ihm der Kaiser hunderterlei Fragen, 
die hiesige Stadt, unscro inneren und äusseren Verhältnisse, den Ver- 
mögensstand der Einwohner u. s. w. betreffend, behielt ihn bei sich, 
und als der Kaiser bald hernach, nachdem die ersten Corps der 
Armee, welche meistens an der Stadt vorbei nach Höchst gingen, 
abdefilirt waren, mit seiner etwa 12,000 Mann starken Garde, den 
einzigen noch brauchbaren Truppen, welche die ganze Armee hat, 
aufbrach, musste derselbe mitreiten und ihn an den Bethmann'schen 
Garten begleiten, in welchem er sein Hauptquartier nahm. Der 
grössto Thcil der mitgebrachten Garden lagerte sich nun in den 
Gärten und in der Promenade um die Stadt en bivouac, und es 
wurden ihnen Lebensmittel, Fouragc u. s. w., so viel nur aufzubringen 
gowesen, hinausgeschafft. Nach der Garde kamen noch andere Corps 
und Divisionen im bekannten kläglichen und aufgelösten Zustand, 
die theils ebenfalls bivouaquirten, theils weiter gingen. Da es indessen 
am Abend stark zu regnen anfing, so zerstreuten sich diejenigen 
bivouaquirenden Truppen, welche nicht mehr in den erbrochenen Garten- 
häusern oder in den aus Läden, Thttren, Planken u. s. w. von ihnen 
selbst verfertigten Bivouac - Hütten unterkommen konnten, kamen 
in die Stadt herein, und trieben besonders in den zunächst an den 
Thoren gelegenen Strassen nicht allein grossen Unfug in übermässiger 
Anforderung von Essen und Trinken, sondern auch mit eigentlicher 
Plünderung. So wurden insbesondere die Bewohner der Friedberger-, 
Vilbeler-, Alte-, Stelzen-, Schäfer- und kleinen Eschenheimer- Gasse, 
der Schlimramauer, der Zeil, der Bockenheimergasse und anderer an- 
gränzenden Strassen, nicht minder die Bewohner der auf den neuen 
Wallanlagen stehenden Häuser, sehr hart und empfindlich mitgenom- 
men. Aber auch bis in die Mitte der Stadt verbreiteten sich diese 
ungestümen Gäste, die grösstenteils zur alten- Garde gehörten, 
drangen an einigen Orten mit Gewalt, an anderen anfangs durch 
glatte Worte ein, bis sie in den H äusern waren, wo sie dann m i 
ihren Forderungen herausrückten, die man, um Schlimmeres zu ver 
meiden, möglichst befriedigen musste. An manchen Häusern, die man 
ihnen nicht öffnen wollte, wurden die Fenster eingeschlagen, und so ging 



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cs demnach die ganze Nacht durch äusserst unruhig/ wild und ge- 
fahrvoll zu. In manchen nahe an den Thoren gelegenen Häusern 
hatten sich 30, 40, 50, G0 bis 100 und mehrere Mann eingedrängt, 
die alle vorfindlichen Ess- und Trinkwaaren sich zueigneten und 
nebenbei nahmen, was ihnen anstand. Die Nationalgarde war weder 
stark noch ermächtigt genug, einem solchen von den stolzen Gar- 
disten verübten Unfug überall zu steuern. Auf Ersuchen und des- 
fallaige Vorstellung bei dem Major-General der Armee, Fürst von 
Neufchatel, gab dieser demnach einige Detachements Infanterie und 
Cavallerie von der Gendarmerie d'dlite, welche auch während des 
Tags mit der bürgerlichen Cavallerie Patrouillen gemacht hatte, zur 
Verfügung des General-Commandos der Nationalgarden, welche dann 
das Ihrige thaten, um da, wo sie hinkommen konnten und hinbe- 
rufen wurden, Ordnung und Ruhe herzustellen. Meist aber kamen 
sie zu spät, als schon alles geleert, verdorben oder genommen war. 
In manchen Häusern ging cs so bunt her, dass der grössere Theil 
der Bewohner, um Misshandlungen zu entgehen, sich flüchten musste. 
Wenn schon hierdurch diese Nacht eine völlige Angstnacht wurde, 
so ward der Schrecken derselben noch dadurch vermehrt, dass mitten 
im tiefen und grauenvollen Dunkel einer rabenschwarzen Nacht sich 
auf der Linie des Mains um 11 Uhr wieder eine heftige Kanonade 
hören liest*, die besonders an der Brücke stark war, wohin diesseits 
die Franzosen am Abend noch mehrere Kanonen aufgefahren hatten. 
Die Kanonade und das Pelotonfeuer erneuerten sich um 12 Uhr, und 
dauerten eine Zeitlang schreckensvoll fort. 

November 1. Der Unfug, der französischen Marodeurs im 
innern Theil der Stadt während dieser Nacht hatte nun nach Mitter- 
nacht meistens, in den äusseren Theilen aber ziemlich aufgehört, und 
man fing an, einige Luft zu schöpfen, als um 1 Uhr sich abermals 
Kanonen- und Pelotonfeuer an der Linie des Mains vernehmen liess 
und einige Zeit tortdauerte. Es fing auf gleiche Weise um '2 Uhr 
früh wieder an, und besonders stark und heftig war solches um 
3 Uhr. Hernach hörte dieses Schiessen auf, und man konnte einige 
kurze Ruhe und Erholung gemessen. 

Während der Nacht dauerte der Rückzug der französischen 
Armee immer fort, und es nahmen die Truppen stets den W r eg nach 
Höchst. Ebenso ging es den ganzen heutigen Vormittag fort. Der 
Kaiser war mit seinem Hauptquartier noch stets hier und seine Garden 
bivouaquirten noch immer in den Gärten zwischen dem Hanauer- * ) 



*) damaliger Namo für AUerhciligenthor. 



328 - 



und den anderen Thoren so wie in den Promenaden um die Stadt. 
Er hatte den Personen, welche als Deputirte des Gouvernements und 
hiesiger Stadt ihm aufwarten durften, die beruhigendsten Versicherun- 
gen wegen Schonung der Stadt vor jeden gewaltsamen Unfällen ge- 
geben, und erklärt, wenn von Seiten der Baiern in Sachsenhausen 
kein Angriff auf diesseitige Stadt geschehen würde, so werde er auch 
keinen Angriff auf Sachsenhausen unternehmen lassen. Es blieb denn 
wirklich gegen alle Erwartung mit Schiessen von beiden Seiten den 
ganzen Tag über vollkommen ruhig. Nur Abends zwischen 8 und 
9 Uhr feuerten die baierischeu Kanonen an der Radmühle einige Male 
herüber auf das diesseitigo Mainufer oberhalb der Stadt. 

Der Kaiser hatte ausserdem geäussert, er sei mit dem Beneh- 
men der frankfurter Bürger wohl zufrieden so wie mit der Veran- 
staltung der Nationalgarde, und empfahl, solche fortan zur Hand- 
habung der Polizei in Thätigkeit zu erhalten. Zugleich veranstaltete 
er und gab Befehl, dass keine der noch ankommenden Truppen 
ferner in die Stadt gelassen werden sollten, ausser jenen, die zur 
Besetzung der Brücke, des Obermainthors und des Hanauerthors ge- 
hörten und aus Füsilieren der jungen Garde beständen. Er hatte 
schon gestern 150 Mann Gensdarmes tlYlite der bürgerlichen Ca Val- 
ien <• beigeordnet, die gemeinschaftlich mit denselben Patrouillen in 
der Stadt machten, um Ruhe und Ordnung zu erhalten, die insbe- 
sondere aber auch mit derselben sich beeiferten, alle in der Stadt 
aufzufindenden, noch zerstreut herum irrenden Franzosen zur Stadt 
hinaus zu bringen, nicht minder mit den die Thore besetzt haltenden 
Bürgern das Eindringen der ankommenden Soldaten abwehrten, und 
gemeinschaftlich mit den bürgerlichen (Kavalleristen an der Constabler- 
wache ein starkes Piquet unterhielten, sowohl um diejenigen, welche 
durch die Stadt kamen, von der Verbreitung in die Seitenstrassen 
abzuwehren, als zur Hülfe derjenigen bereit zu sein, welche von der 
Besatzung der Brücke molestirt werden möchten. 

Zwischen 1 und 2 Uhr brach das kaiserliche Hauptquartier nebst 
der Suite des Kaisers und den sämmtlichen Garden nach Höchst auf. 
Ihnen folgten die Trümmer der Corps Bertrands und des Herzogs 
von Reggio, die auch an der Stadt vorüberzogen. Abends und 
Nachts aber kam die aus jungen Garden bestehende Arrieregarde 
unter Befehl des Marschalls Mortier, Herzogs von Treviso, vor der 
Stadt an. Dieser quartierte sich in dem Bethmann'schen Garten ein, 
während seine Truppen die gewesenen Bivouacs der alten Garde be- 
setzten, und durch vorher getroffene Veranstaltungen mit den nötbi- 
gen Speisen und Getränken in denselben versehen wurden. 



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- 329 - 

So tröstlich auch die Versicherungen des Kaisers Napoleon wegen 
Schonung unserer Stadt vor gewaltsamen Unfällen sein mochten, so 
vermochten sie doch nicht, die Angst der Oemüthcr zu beruhigen. 
Diese wurden durch zweierlei Vorstellungen aufs äusserste geängstigt. 
Die eine war, dass während dem Laufe dieses Tags auaser den an 
der Brücke postirten Kanonen, deren nach und nach bis zu 16 Stück, 
worunter mehrere Haubitzen, in der Fahrgasse aufgefahren wurden, 
die nebst den Munitionswagen und der nöthigen Artilleriebedienung 
abtheilungsweise bis in die Hälfte dieaer Strasse standen. Ob nun 
zwar die Baiern jenseits sich ganz ruhig verhielten, so konnte man 
doch nicht wissen, ob sie dieses ferner thun würden, noch weniger . 
aber, ob mit diesen furchtbaren Anstalten der Franzosen nicht die 
ernstliche Absicht verbunden sein möchte, die Brücke zu forciren 
und die Baiern aus Sachsenhausen zu verdrängen. Man hatte um 
so mehr Grund zu dieser Befürchtung, da man nun erfahren hatte, 
dass bei Gelegenheit der in abgewichener Nacht mehrfältig gehörten 
Kanonaden und Peloton feuer die Franzosen wirklich dreimal versucht 
hätten, sich der Brücke stürmend zu bemeistern, aber jedesmal, und 
zwar mit namhaftem Vorlust, zurückgeschlagen worden seien, bei 
welchen Gelegenheiten sowohl die gefallenen Todten als die schwer 
Verwundeten, die zusammen weit über 100 angegeben werden, sämmt- 
lich durch die Oeffnung der Brücke ohne Umstände in den Main ge- 
worfen worden sind, und erwartete also voll banger Besorgnisse eine 
ßeschiessung der Stadt nebst allem Unglück, das mit einer solchen 
verbunden ist. Dies veranlasste ein den ganzen Tag Uber und noch 
bis in die Nacht andauerndes FlUchteu aus der Fabrgasse und sämmt- 
lichen angränzenden oder gegen den Main gelegenen Strassen, so- 
wohl Seitens christlicher als jüdischer Bewohner, von Effekten, Möbeln, 
Waaren, Weibern und Kindern nach den mittleren und inneren 
Theilen der Stadt, bo dass dieser Anblick allein in Verbindung mit 
dem Gedanken, wie nirgends ausser der Stadt einiger Bergungsplatz 
zu benutzen stehe, fähig gewesen, auch das standhafteste Gemilth zu 
erschüttern. Hiermit vereinigte sich nun noch die Vorstellung eines, 
ohnerachtet der gegebenen kaiserlichen Befehle noch möglichen Ein- 
dringens der auf 10,000 Mann geschätzten Arrieregarde in die 
Stadt und die von daher entstehen könnende Unordnung und unaus- 
bleibliche Plünderung. Im Andenken an die gestern stattgefundenen, 
an vielen Orten äusserst gewalttätigen Excesse vermehrte sich die 
Angst wegen der bevorstehenden Nacht, um so mehr, da die Gen- 
darmen mit dem kaiserlichen Hauptquartier abgezogen waren, und 
die Sorge für Erhaltung der Ruhe und Ordnung lediglich den Bürger- 



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— 330 - 



garden oblag. Daher wurden am Abend dieses Tages durch einen 
gedruckten Commandobcfehl nicht allein alle enrollirten, sondern auch 
alle nicht enrollirten Bürger ohne Ausnahme bei Vermeidung einer 
Geldstrafe von 10 fl. und öffentlicher Bekanntmachung ihrer Namen 
aufgefordert, unter die Waffen zu treten, um durch häufige und starke 
Patrouillen, so wie durch verstärkte Besetzung der Thore jeden Un- 
fällen vorzubeugen. So sah man mit banger Erwartung einer 
Schreckensnacht entgegen, indessen blieb es nur bei der gehabten 
Angst, die Nacht verlief vollkommen ruhig, und bei den sehr häufig 
und stark streifenden Patrouillen der Nationalgarde fiel nicht das 
mindeste vor. 

November 2. Nachdem die abgewichene Nacht gegen alle 
Erwartung ruhig vcrlaufeu war, und nur gegen Morgen in der Ent- 
fernung nach dem Gebirge hin einige Kanonenschusse gehört wurden, 
so erfuhr man nun, dass während der Nacht die vor der Stadt ge- 
legene Arrieregardc unter Befehl des Herzogs von Treviso nach 
Höchst aufgebrochen sei, auch die Kanonen aus der Fahrgasso und 
von der Brücke, mit Ausnahme von 2 derselben, ebenfalls in der 
Nacht abgefahren worden seien, die letzte Colonne der Arrieregarde, 
aus ungefähr 2000 Mann bestehend, um G Uhr den Rückmarsch durch 
die Stadt angetreten habe, und jene 2 Kanonen von derselben auch 
noch abgeführt und mitgenommen worden seien. Jetzt war auf einen 
kurzen Augenblick die Stadt verlassen und nur von den Bürger- 
wachen besetzt. Auf einmal sprengten bald nach 7 Uhr österreichische 
Uhlanen, Husaren und Kosacken an dem Allerheiligenthor an, welches 
ihnen geöffnet wurde. Sie ritten alsbald durch die Stadt zum 
Bockenheimerthor hinaus, vor welchem sie eineu verspäteten franzö- 
sischen Lanzenreiter niederhieben, und einen kurz zuvor noch zur 
Stadt hinaus geflüchteten französischen Stabsofficier bald hernach 
gefangen zurückbrachten. Nach ihnen kamen bald mehrere, die sich 
nach allen Richtungen in die Stadt verbreiteten. Diesen folgte gegen 
8 Uhr der Einmarsch des gesammten Wrede'schen österreichisch- 
baierischen Armee -Corps nebst dem von Hanau aus mit demselben 
verbundenen Streifcorps des Generals Orlow-Dcnisow, zum Corps des 
Generals Czernitschef gehörig. Inmittelst hatte auch die in Sachsen- 
hausen befindliche baierische Brigade die Brücke hergestellt, und 
rückto von daher zur Stadt herein. Jetzt war sehr bald diese mit 
Truppen aller Art, und bis um Mittag schon ausserordentlich stark 
angefüllt. Es waren dies Baiern von allen Waffengattungen, Oester- 
reicher Infanterie, Husaren, Uhlanen, Jäger, russische und preussische 
Kosacken, preussische Jäger und andere mehr, wovon der grösste 



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T heil hier verblieb, andere Abtheilungen sich an die Nidda und gegen 
das Gebirge begaben , und wieder andere Bivouac-Lagor an ver- 
schiedenen Orten vor der Stadt bezogen. Den ganzen Tag hörte 
das Ankommen und Durchziehen von Truppen nicht auf, die sich 
Btets nach verschiedenen Richtungen verbreiteten, und Abends spät 
rückten noch 7 österreichische Grenadier -Bataillone ein, die bin 
gegen Mitternacht einquartiert wurden, was Veranlassung gab, dass 
oft kleine Häuser mit 8, 10 und mehr Manu belegt werden mussten. 

Die Nationalgarde setzte während dieses Tages den Patrouillen- 
dienst fort, und es wurden derselben sowohl baierische Chevauxlegers, 
österreichische Husaren als Kosacken beigegeben, mit welchen sie ge- 
meinschaftlich ritten, um Unordnung zu verhüten. Diesen Vorkeh- 
rungen war es vorzüglich zu verdanken, dass die Judengasse nicht 
geplündert wurde, womit die baierischen Jäger, wahrscheinlich von 
schlechtem Pöbel aufgereizt, gleich nach ihrem Einmarsch sich be" 
schäftigen wollten. Da indessen nichts derartiges vorfiel, wich die 
grosse Bestürzung, die sich in der Stadt verbreitet hatte, und die 
Gemüthsruhc ward wieder hergestellt. 

Im Laufe des Tags wurden von den Kosacken und anderen 
leichten Trappen bedeutend viele Gefangene eingebracht, die sie 
theils bis an die Nidda, theils in den Gegenden um die Stadt zer- 
streut oder in den Gärten versteckt angetroffen und aufgegriffen hatten. 

Jetzt erfuhr man denn auch, dass die am 28. October bis in 
die Nähe von Hanau vorgerückte eombinirte Armee am 20. October 
Morgens 8 Uhr diese Stadt besetzt hatte, und bei diessr Gelegenheit 
t- bis 500 Mann zu Gefangenen gemacht habe. Von da wendete 
sich diese Armee, etwa 30,000 Mann stark, gegen Gelnhausen, um 
der auf der Fuldaer Heerstrasse anrückenden grossen französischen, 
Armee entgegen zu gehen. Am 30. October, an demselben Tage, 
an welchem die französische Besatzung unsere Stadt verlassen hatte, 
und die Baiern dieselbe besetzt hatten, standen sich beide Armeen, 
wovon die französische noch auf 70- bis 80,000 Mann geschätzt wurde, 
einander bei Langensebold, Rückingen und Hanau entgegen. Es 
begann eine schreckliche Schlacht, die von Morgens bis Abends 
währte, und in Folge deren Napoleon durch die äussersto Anstren- 
gung seiner Garde, die er vorzüglichst in ih r Schlacht verwendete, 
so wie durch die Aufführung von 120 bis 180 Kanonen endlich die 
Freiheit der ihm versperrten Heerstrasse erzwang, wobei es auf beiden 
Seiten ungeheuren Menschenverlust kostete, den man auf jeder Seite 
auf 8- bis 7000 Mann rechnen kann, die insbesondere in der Nähe 
des Lamboy-Waldes in hohen Schichten aufgelagert sein sollen. Da 



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in Folge dieser Schlacht die Baiern sich hinter die Kinzig 
zurückziehen mussten, rückten die Franzosen Abends und Nachts 
vor Hanau, das sie vergebens mehrere Male mit Sturm zu nehmen 
versuchten, und daher mit Granaten beschossen, wodurch besonders 
die Vorstadt starken Brandschaden erlitt. Am 31. October Morgens 
früh räumten indessen die Baiern Hanau, das nun von den Franzosen 
besetzt und theilweise durch Plünderung hart mitgenommen wurde» 
bis am Nachmittag des 31.' October die Baiern und Oesterreicher 
solches wieder stürmend nahmen, wobei sie 2 Generale und 1000 Mann 
zu Gefangenen machten, dabei aber den Unfall erlitten, dass der kominan- 
dirende General von Wrede eine tödtlichc Wunde in den Unterleib 
erhielt In Folge dieser Gefechte und Vorfalle wurde es demnach 
möglich, dass die grosse Armee am 31. October und 1. November 
nicht allein ihren Rückzug Uber hier nehmen , sondern auch noch 
etwa 2000 Mann Gefangene, die sie den Baiern und Oesterreichern bei 
Hanau abgenommen hatte, mit sich führen und an hiesiger Stadt 
vorbei bringen konnte. 

Während dieser Schlacht hatte sich das Streifcorps des Generals 
Czernitschef von Kassel kommend bei Hanau mit der baierisch-Öster- 
reichischen Armee vereinigt, an der Schlacht Antheil genommen, und 
seinerseits den Franzosen nicht unbedeutend geschadet. 

Die Strassen von Fulda bis hierher und von hier bis an die 
Nidda sollen einen schrecklichen Anblick von todten Monschep und 
Pferden , liegen gebliebenen Fuhrwerken u. s. w. darbieten. Von 
hier bis an die Nidda sollen wenigstens 1000 todte oder marode 
Pferde zu finden sein, und um die Stadt herum auf den Wegen und 
in den Gärten viele todte Soldaten liegen. 

Da man heute wieder vor die Thore kommen konnte, so hört 
man mit Entsetzen, welcher Gräuel der Verwüstung erfolgt, und wie 
sehr um die Stadt herum alles verheert worden sei, die Promenaden 
um die Stadt seien wie rasirt und durchaus verdorben, alle Gärten 
mehr und minder im Innern und Aeussern verdorben, erbrochen, ver- 
wüstet, geleert und geplündert, so dass der überall angerichtete 
Schaden unberechenbar ist. Schrecklicher aber noch lauten die 
Nachrichten vom Lande, da überall, wo die französische Armee 
durchzog, alles rein ausgeplündert worden ist, und die unglücklichen 
Bewohner dem grössten Elende preisgegeben sind. Daher kommt es 
denn, dass für den Augenblick hier und in der Gegend ein solcher 
Mangel an Lebensmitteln, vorzüglich au Brod und Fourage, herrscht, 
dass hierdurch das schnelle Vorrücken der alliirten Armee gegen 
Mainz augenblicklich aufgehalten ist. 



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- 333 - 



Der in Sachsenhausen durch die Kanonade am Sonntag den 
L November angerichtete Schaden soll an mehreren zunächst an den 
Brücke gelegenen Häusern ziemlich bedeutend sein. Das deutsche 
Haus hat viele Kugeln erhalten, die jedoch bei seiner festen 
Bauart meistens abprallten. 

November 3. Man hörte heute von Mainz her kanoniren und 
versichert, es sei eine Abtheilung des preussischen Blücher'schen 
Armee- Corps von dem Gebirge her gegen Wiesbaden vorgerückt. 
Uebrigens haben die an der Nidda gestandenen Truppen diese heute 
erst passirt, um sich auf dieser Strasse vorwärts gegen Mainz zu 
begeben. Die vor der Stadt bivouaquirenden Truppen haben theils 
diesen Weg genommen, theils sind dieselben in die Stadt eingerückt 
und durch dieselbe gegen Darmstadt abmarschirt, wohin insbe- 
sondere viele Kosacken abgegangen sind, die General OrlofF anfuhrt. 

Heute ist das württenibergische Truppencorps, von Aschaffenburg 
kommend, hier eingerückt Die Zahl der heute in der Stadt ein- 
quartierten Truppen wird zusammen an 30,000 Mann angegeben. 

November 4. Da heute die Avantgarde der grossen östereichisch- 
russischen Hauptarmee in hiesiger Gegend und hier ankam, so ist 
der gröBste Thcil des baierisch-österreichischen Armee-Corps von hier 
nach Darmstadt und Mannheim aufgebrochen und dahin abmarschirt. 
Die württembergischen Truppen sind ebenfalls dahin abgegangen. 
Es kam dagegen Einquartierung von der gesammten Hauptarmee 
hier an. Dessgleichen nahm der Feldmarschall Fürst von Schwarzen- 
berg sein Hauptquartier in hiesiger Stadt 

Jetzt erst fing man an, sich Uber die Sicherheit der Stadt zu 
beruhigen, da man stets in der Befürchtung war, es möchte Napoleon 
von Mainz aus einen Zug zu unserem Verderben noch unternehmen 
können oder anordnen. 

Mehrere Bataillone in diesseitiger Stadt gelegene Grenadiere 
wurden heute Abend nach Sachsenhausen verlegt, es wurde denselben 
jedoch zur Erleichterung der dortigen Einwohner auf gemeine Kosten 
Brod, Fleisch, Mehl und Branntwein geliefert 

Lebensmittel und Fourage mangeln im höchsten Grade. Heute war 
gar kein Heu da, und die Pferde mussten mit Hafer gefuttert werden. 

Die Nicolaikirche ist zu einem Proviant- und die Peterskirche 
zu einem Fourage-Magazin gemacht worden. Auf geschehene Auf- 
forderung, die bald nach dem Einmarsch der Alliirten erlassen ward, 
wurde jedermann ersucht, alle entbehrliche Schuhe und Stiefel auf 
die Approvisionirungs-Section zu liefern, alle vorräthige Schuhe und 
Stiefel der Schuhmacher mussten ebendahin abgeliefert werden, und 



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seitdem sind alle Schuhmacher der Stadt in permanenter Requisition, 
um Schuhe und Stiefel zum Bedarf der Armee zu liefern, an welchen 
Artikeln dieselbe sehr starken Mangel leidet. 

November 5. Da besonders am ersten Tag des Einmarsches 
der Alliirten viele Oesterreicher ohne Geld zu kaufen kamen, so 
wurden allgemein die Läden verschlossen gehalten und erst heute 
wieder eronnet. 

Eine öffentliche Bekanntmachung des.Maire bestimmt, dass die 
(österreichischen) Einlösungsscheine der Gulden zu 48 kr. angenommen 
werden müssen. Andere öffentliche Bekanntmachungen, die in diesen 
Tagen erlassen wurden, bestimmen die Verpflegung der Einquartie- 
rung, ferner die Auslieferung verborgener Franzosen, französischer 
Effecten und französischen Eigenthums, — dessgleichen die Sistirung 
aller hier befindlichen Fremden auf die Polizei und die Anordnung, 
dass keine Einquartierung mehr in Kosthäusern könne eingelegt 
werden, sondern von Jedem selbst übernommen werden müsse. 

Man erfährt, dass bereits Kosacken und andere leichte Truppeu 
der verbündeten Armee bei Gernsheim über den Rhein gegangen 
waren, die ganze Gegend allaruiirt hatten, und viele Schiffe vom 
linken Ufer auf das diesseitige herüber gebracht haben. 

Das Blücher'sche Armee-Corps soll bereits gegen Coblenz und 
Bonn hin angekommen sein, der Kronprinz von Schweden aber, 
nachdem am 28. vorigen Monats Kassel besetzt worden, durch West- 
phaleu gegen Holland vordringen. In Italien haben die Oesterreicher 
die Alpen passirt, und bedrohen Venedig und Mantua. 

Heute um die Mittagszeit kam bei dem Geläute aller Glocken 
unter ausserordentlichem Zusammenlauf des Volks und grossem Zu- 
jauchzen Kaiser Alexander von Bussland, dessen Bruder Grosgfürst 
Konstantin und deren Suite hier an. Sie wurden von der bürger- 
lichen Cavalleric eingeholt und begleitet Sie kamen von Aschaffen- 
burg und hielten zu Pferde ihren Einzug in die Stadt. Ihnen folgte 
die Cavallerie der russischen Garde, aus Husaren, Dragonern, Uhlanen. 
Kosacken und Kürassieren bestehend und wenigstens 8- bis 9000 Mann 
betragend, deren Haltung, Kraft und Schönheit, nicht nur der Mann- 
schaft, sondern insbesondere auch der Pferde , nicht genug bewundert 
und gerühmt werden konnte. Ein Theil dieser Cavallerie blieb in 
der Stadt, der grössere Theil aber wurde ausserhalb derselben dies- 
seits und jenseits des Mains verlegt. 

Abends war die ganze Stadt illuminirt 

Der österreichische Minister der auswärtigen Angelegenheiten 
Graf von Metternich nebst vielen anderen zum Gefolge und Hofe 



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— 335 — 



des Kaisers von Oesterreich gehörigen Personen ist heute hier einge- 
troffen. 

Man erfahrt vom Lande, dass die Kosacken da, wo sie hinkommen, 
sich ziemlich wild und ungestüm betragen und nicht selten selbst bis 
zum Plündern übergehen. 

November 6. Da heute Kaiser Franz von Oesterreich, von Hanau 
kommend, hier erwartet wurde, so Versammelten sich Morgens zwi- 
schen 8 und 9 Uhr sämmtliche hier liegende österreiohlsche Grenadier- 
Bataillone und besetzten die Zeil, die Katharinenpforte, die Neuekräme, 
den Römerberg und den Markt, wo sie doppelte Spaliere 3 Mann hoch 
bildeten. An diese sc bloss sich eine etwa 4000 Manu starke öster- 
reichische Infanterie- Division an, welche dem Allerheiligenthor herein- 
gekommen war, und in verwichener Nacht in der Gegend von Bergen 
gelegen hatte. Diese bildeten von der Zeil bis an das Allerhoiligen- 
thor eben solche Spaliere, — und nun war alles in Erwartung des 
ankommenden hohen Gastes. Um 10 Uhr wurden 6 Kanonen vor 
das Allerhciligenthor zur Begrllssung desselben aufgefahren. Nach 
10 Uhr ritt der Kaiser von Russland mit einer sehr zahlreichen und 
glänzenden Suite seinem Alliirten entgegen, und gegen 11 Uhr ver- 
kündete der Kanonendonner und das Geläute aller Glocken die bal- 
dige Ankunft der beiden Monarchen. Sie erfolgte dann unter Voraus- 
reitung zweier russischer Garde- Kürassier -Regimenter, welche der 
Grossfürst Konstantin anführte, und denen die beiden Kaiser unter 
Begleitung der zu ihrem Empfang hinausgerirtenen bürgerlichen Oaval- 
lerie und ihrer äusserst zahlreichen und glänzenden Suite folgten, 
in der Mitte der Kaiser F ranz, demselben rechts Feldmarschall Fürst 
von Schwarzenberg und links der russische Kaiser. Der Jubel und 
das Vivatmfen war unbeschreiblich, und man konnte sichtbar merken, 
wie sehr Kaiser Franz davon gerührt wurde. Ihnen folgte nun in 
einem ununterbrochenen Zuge eine herrliche Colonne von 7 oder 8 
österreichischen Kürassier-, 1 Carabinier- und 2 Dragoner-Regimen- 
tern, zusammen wenigstens 8000 Mann stark, welche ohne Aufent- 
halt durchmarschirten, und sich, so wie die vorgenannte Infanterie- 
Division, welche nun an jene sich anschloss, an die Nidda begaben, 
um daselbst zu cantoniren. Jene Cavallerie war an Mannschaft und 
Pferden so schön, als ob sie eben erst aus der Garnison ausgerückt 
wäre, und man sah derselben eben so wenig als der Infanterie die 
Strapazen eines starken Feldzugs an. Die beiden Kaiser ritten an 
der Katharinenpfortc mit ihrem Gefolge durch die Neuekräme, über 
den Röraerberg und Markt nach dem Dom, woselbst die vornehmsten 
öffentlichen Behörden und die Geistlichkeit versammelt waren, sie er- 



warteten und feierlich empfingen. Hier wurde ein Hochamt und 
Tedeum unter Abfeuerung des Geschützes und dem Geläute aller 
Glocken gehalten, nach deren Beendigung der Zug sich wieder zurück 
nach der Zeil begab, wo zuerst der russische Kaiser sich in sein 
Palais im Schweizerischen Hause (nun Russischer Hof), hernach aber 
Kaiser Franz sich in das für ihn zubereitete Taxis'sche Palais begab. 

Nachmittags brachen die hier gelegenen Österreichischen Grena- 
dier-Bataillone von hier nach Grossgerau und gegen den Rhein auf. 

Abends war die Stadt äusserst glänzend und allgemein erleuchtet 

November 7. Unsere Stadt gleicht einem grossen Waffenplatz. 
Das Ab' und Zugehen von Truppen aller Art und aller Nationen 
ist ausserordentlich stark , und in den meisten Häusern ist die Ein- 
quartierungslast bis zur Unerträglichkeit gross. 

Von den Fortschritten der verbündeten Armeen haben wir keine 
bestimmte Kenntniss. LJas baierisch- österreichische Corps ist an den 
Oberrhein abmarschirt, mit demselben die Württemberg! i ; das 
Schwarzenbergische Corps scheint gegen Maiuz bestimmt, die Blücher- 
sche Armee soll in der Nähe von Coblenz angekommen, und die 
Armee unter den Befehlen des Kronprinzen von Schweden bei Düssel- 
dorf angelangt sein, und letztere insbesondere Holland bedrohen. 

November 8. Die Truppen-Unruhe mit Hin- und Hermarschiren, 
Requisitionen und Forderungen aller Art ist ungemein gross. Heute 
marschirte ein preussisches starkes Truppencorps mit vielem Geschütze 
hier vorbei auf der Strasse nach Mainz. Schanzwerkzeuge und Sturm- 
leitern sind in starker Anzahl requirirt und müsson heute Nacht noch 
zusammengebracht sein. 

November 9. Der Einquartierungsstand in hiesiger Stadt ist 
stets etwa 20,000 Mann. An Generalen und Officieren ist eine ausser- 
ordentliche Menge hier, und die Plage der Einquartierung ist ärger 
als sie je gewesen. 

Die Kosacken sowohl in der Stadt als in den benachbarten Ort- 
schaften treiben ausserordentlichen Unfug, plündern und rauben nach 
Gutdünken, und leider! ist gegen sie keine geeignete wirksame Hülfe 
zu erhalten. 

Die Requisitionen für die alliirten Armeen in allen Gattungen 
von Erfordernissen sind ungeheuer, und lassen den Ruin der Stadt 
und ihrer Bewohner befürchten. 

Man hörte heute von Hochheim her anhaltende heftige Kanonade, 
und gewärtigt den Erfolg des wahrscheinlichen Angriffs auf das dort 
befindliche französische Lager. 



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- 337 — 

November 10. Gestern Nachmittag ging der kaiserlich öster- 
reichische Feldraarschall Fürst von Schwarzenberg von hier auf der 
Strasse nach Mainz ab, und heute erfährt man, dass das französische 
verschanzte Lager bei Hochheim am gestrigen Tage mit Sturm er 
obert und genommen worden sei. Ein Theil des dabei erbeuteten 
Geschützes und der dort Gefangenen ist heute schon unter 
baierischer Escorte hier eingebracht worden. Man hörte heute wieder 
atarke Kanonade aus der Gegend von Mainz und will versichern, 
dass bereits einige Aussenwerke von Kastell weggenommen, auch 
dass die Alliirten bei Mannheim über den Rhein gegangen, und im 
Besitz von Frankenthal, Worms und dortiger Gegend seien. 

Heute rückte die , russisch-kaiserliche Garde zu Fuss nebst einem 
Theil der königlich preussischen Garde hier ein, unerhört viel, aber 
sehr schönes, kernhaftes Volk. Der grösste Theil derselben blieb hier, 
der kleinere wurde auf die Dörfer verlegt. 

Die Einquartierung ist in Folge dessen ungemessen stark und 
nach Umständen fast unerträglich. 

November 11. Schon gestern kamen einige und heute mehrere 
Stücke des bei Hochheim den Franzosen abgenommenen Geschützes 
nebst den daselbst gemachten Gefangenen hier an. Die alliirte 
Armee steht nun vor Kastell, das ehestens beschossen werden soll. 

Die Einquartierung in hiesiger Stadt ist heute durch das Ein- 
rücken mehrerer Bataillone Östorr. Grenadiere noch weiter vermehrt 
worden, und ist in vielen, besonders den grösseren Häusern unerträglich. 

November 12. Die gestern eingerückten österreichischen Gre- 
nadiere bestanden aus 7 Bataillonen. Dagegen sind zwar einige 
andere Truppen ausmarschirt, es beträgt jedoch der heutige Ein- 
quartierungsstand etwa 150 Generale und hohe Staatsbeamte, gegen 
2000 Stabs- und andere Officiere und über 26,000 Mann Gemeine, dabei 
eine solche unerhörte Anzahl Pferde, dass eine Menge derselben im 
Freien stehen muss. 

November 13. Es kamen heute wieder mehrere Truppen herein, 
und wurde die heute hier befindliche Einquartierung auf wenigstens 
30,000 Mann geschätzt. 

Alle grossen öffentlichen Plätze sehen aus wie Feldlager, und die 
Allee am Rossmarkt steht voller Pferde und Wagen. 

Heute Abend kamen die Könige von Preussen und Baiern in- 
cognito hier an. Viele andere Fürsten und höhere Standespersonen 
sind ebenfalls angekommen oder werden erwartet. 

November 14. Heute war grosse Parade der hier befindlichen 
russischen Garden, österreichischen Grenadiere, preussischen Garden, 
VI. 22 



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- 338 — 



und anderer hier befindlichen Truppen, welche die Kaiser von Oester- 
reich und Russland und der König von Preussen zu Pferde in 
Augenschein nahmen , und die bis 1 Uhr dauerte. Indessen hatten 
sich bereits um 10 Uhr die Minister, der Staatsrath und sämmtlichc 
administrative und Justiz-Behörden in Galla im Römer versammelt, 
und fuhren dann um 1 Uhr von da ab in den Darmstädter Hof, wo- 
selbst der König von Preussen seine Wohnung genommen hat, bei 
welchem sodann Präsentation und Aufwartung war. 

Nach geendigter Parade marschirte ein Theil der hier gelegenen 
Truppen ab, doch blieb die Einquartierung noch immer sehr stark 
und drückend. 

November 15. Morgens 10 Uhr fuhren vom Römer aus der 
Präfect und einige Departementaräthe, der Maire und einige Adjuncten 
und Municipalrätho in das Palais, wo Kaiser Franz wohnte, und 
hatten Audienz bei demselben, der sie sehr befriedigend empfing und 
entliess. Von hier fuhren sie in den Römer zurück und warteten bis 
11 Uhr, dann fuhren dieselben so wie die Minister, der Staatsrath 
und die Mitglieder der Gerichtsstellen in das Rothe Haus*), woselbst 
der König von Baiern wohnt, bei welchem Präsentation und Cour 
war. Nachdem diese vorbei, gingen die gedachten Personen von da 
nebenan in das Schweitzer sehe Haus, als das Hötel des russischen 
Kaisers, und warteten nebst vielen anderen Personen in den Apparte- 
ments bis um 12 Uhr, wo ßie in den grossen Audienzsaal eingeführt 
wurden, und daselbst noch einige Zeit verweilten, bis Kaiser Alexander 
erschien, wo sodann grosse Cour und Präsentation war. 

November 16. Morgens 10 Uhr fuhren der Präfect, der General- 
secretär, eine Deputation des Departementsraths, der Maire und einige 
Adjuncten und Municipalrätho in Galla zu dem Gouverneur Prinzen 
von Hessen- Homburg, bei welchem sie Audienz hatten, die grossen 
Bedrängnisse der Stadt vorstellten, und um Schonung und Erleichte- 
rung nachsuchten. Sie wurden daselbst durch den Staatsrath von 
Mulzer vorgestellt, sehr artig aufgenommen und mit Vertröstungen 
entlassen. 

Die Noth in unserer Stadt wird täglich fühlbarer, die Bedürfnisse 
der Armeen sind ungeheuer gross, und die Befriedigung derselben 
fällt grossentheils auf unsere Stadt. Die bereits bestehenden Laza 
rethe sind angefüllt, und man verlangte gestern noch das VV aisenhaua 
als Lazareth. Man hatte viele Mühe solches abzuwenden, und es 
wurde dagegen der Sandhof genommen, der nun als Lazareth einge- 



*) jetzt Postgebaude, Zeil 52. 



— 339 - 



richtet werden muss. Die Nerven- und Faulfieber raffen viele Men- 
schen in der Stadt weg, und viele derselben liegen krank. Dies 
erregt ängstliche Besorgnisse und Unruhe In dem heutigen Intelli- 
genzblatt ist die Zahl der seit 8 Tagen verstorbenen Personen 87 
aus allen Ständen und von jedem Alter. 

November 17. Der Ab- und Zumarsch von Truppen dauert 
immer anhaltend fort. 

, November 18. Die Nervenkrankheiten verbreiten sich immer 
weiter, und das Sterben in der Stadt nimmt, leider! täglich zu. 

Es marschirten heute Truppen ab, andere gingen durch, andere 
aber kamen an und bleiben bis auf weiteres liier. 

November 19. Heute Abend kam der König von Württemberg 
nebst Gefolge hier an. 

November 20. Mittags gegen 12 Uhr versammelten sich in der 
Wohnung des Königs von Württemberg die Minister, die Staatsräthe, 
der Präfect, der Maire und seine Adjuncten, einige Mitglieder des 
Appellations- und des Departements-Gerichts, fies Departements- und 
Municipalraths u. s. w., worauf Präsentation und Aufwartung bei dem 
Könige war. 

Der Druck der Einquartierung ist noch immer sehr gross und 
beträgt die vierfache Taxe, demnach etwa 20,000 Manu. Man hofft 
stets baldige Erleichterung. Das russische Hauptquartier des Gene- 
rals Barclay de Tolly soll nach Aschaffenburg verlegt werden. Man 
wartete bisher vergebens, dass die Armeen über den Rhein gehen 
würden; man bezweifelt selbst, ob es ihre Absicht sein möge. Daher 
leidet unsere Stadt und Gegend ungemein durch die Anhäufung der 
Truppen. Lebensmittel werden täglich theurer und besonders ist die 
Fourage, aller Beischaffungen und Zufuhren ohngeachtet, ausserordent- 
lich rar und theuer und mangelt oft augenblicklich ganz. Vom Lande 
gehen klägliche Berichte, besonders über die Aufführung der Kosacken 
ein, die überall alles ausfouragiren und nicht selten plündern. Das 
Dorf Niederursel hat heute eine Unkostenberechnung für Liefe- 
rungen u. dgl. eingegeben, die seit 1. November sich ' auf 2;J,4()G 
Gulden beläuft. Wir sehen schweren, nothvollen und armen Zeiten 
entgegen. Die Nerven- und Faulfieber- Krankheiten greifen immer 
weiter um sich, und das Bürgerhospital bo wie das Heilig -Geist- 
Hospital sind so voller Kranken, dass Niemand mehr aufgenommen 
werden kann. Auch die vielen Militär-Lazarethe sind so angefüllt, 
dass annoch der Sandhof und die Günthersburg zu Lazarethen ge- 
nommen sind und eingerichtet werden müssen. 

22* 



Von Kriegsereignisson ist es ziemlich still, und man hört nichts 
von wichtigen Vorfällen. 

November 22. Nach den Visitationslisten ist der heutige Ein- 
quartierungsstand : 2 Feldmarschälle, 126 Generale, 1685 Oflfieiere, 
20,462 Unterofficiere und Gemeine, wobei jedoch weder die zu den 
hier befindlichen Hoflagern gehörigen Personen, noch die mehrere 
Tausend Köpfe betragende Dienerschaft gerechnet ist. 

November 23. Noch dauert der Druck der Einquartierung an- 
haltend fort, und die meisten Quartiere sind nach der 6 fachen Taxe 
belegt. Von Kriegsereignissen aber hört mau durchaus nichts Wich- 
tiges, als dass ein bedeutender Theil der alliirten Armeen sich nach 
der Schweiz hinzieht. 

November 24. Die Nachrichten von den Gegenden auf der 
Route von Sachsen bis hierher lauten über alle Beschreibung kläglich. 
Auf den Strassen finden sich noch eine Menge todter Menschen und 
Pferde, die niemand begräbt; viele Dörfer stehen leer und sind von 
den Einwohnern verlassen; es irren auf diesen Strassen noch viele 
zersprengte und krante Franzosen herum, deren sich kein Mensch 
erbarmt und annimmt. Sie werden wegen ihrer erbärmlichen Um- 
stünde und krankhaften Zustände geflohen wie die Pest; sie legen 
sieh an die Strassen und in die Fehler, zünden sich Feuer an, lagern 
sich, wenn sie nicht weiter können, darum her, und sterben wie das 
Vieh. In verlassenen Dörfern findet man deren auch viele, die sich 
in die offenstehenden, ausgeplünderten Häuser geborgen haben und 
darin gestorben sind. Nicht minder traurig sind die Nachrichten 
über die Sterblichkeit der unglücklichen Bewohner dieser Route, wo 
ganze Familien und Haushaltungen ausgestorben sind, oder rettungs- 
tmd hülflos krank darnieder liegen und elendiglich sterben. Auch in 
unserer Stadt ist die Sterblichkeit am Nerven- und Faulfieber noch 
zunehmend, und die gestrige Todtenliste des Intelligenzblatts zeigte 
101 Todesfälle in Zeit von 7 Tagen an. Stärker aber soll die Sterb 
liebkeit in Mainz sein, wo überhaupt das allgemeine Elend unbe- 
schreiblich gross sein soll, und woselbst die Todtengräber Tag und 
Nacht mit dem Begraben der Leichen anhaltend zu thun haben. 

November 26. Die Einquartierung ist fortdauernd gleich stark 
und lästig. Uebrigens gehen immer Truppen ab und kommen frische 
an. Die Armeen sind nach der Schweiz und Holland hin in Bewegung, 
in hiesiger Gegend aber stehen sie still und begnügen sich, Mainz 
zu beobachten. Ein Uebergang über den Rhein scheint nicht in 
ihrem Plan zu liegen; auch spricht man von Friedenshoffnungen. 
Gott gebe, dass sich solche erfüllen! 



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- 341 - 

Die Räubereien der Kosacken hören nicht auf, auch in den 
Wäldern hausen sie übel, und von dem im frankfurter Walde befind- 
lichen gehauenen Holze wird nicht wenig von den in Offenbach und 
da herum liegenden Russen und Kosacken geraubt. 

November 27. Abends kamen etwa 5000 Mann frische öster- 
reichische Truppen an, die auf eine Nacht einquartiert wurden. 

November 28. In der letztverflossenen Woche sind starke Fuhr- 
wesens-Transporte mit Kleidungsstücken und sonstigen Requisiten, 
auch Zufuhren an Brod und Mehl, theils hier angekommen, theils 
durchgegangen, dessgleichen sehr bedeutende Züge Feld- und schwerer 
Artillerie und Munition. 

Heute war die Katharinenkirche zum Frühgottesdieust für die 
preussischen Truppen überlassen worden. 

November 30. Die heutige Todtenliste zeigt in den letzten 7 
Tagen 86 Sterbefalle; indessen soll die Ansteckung der Nervenfieber 
im Abnehmen und die Krankheit selbst ziemlich beschwichtigt sein. 

December 1. Man spricht von bedeutenden Fortschritten der 
alliirteu Armeen in Holland, besonders in Folge des Aufstaudes und 
der Verbindung der dortigen Landesbewohner mit den eingerückten 
preussischen Truppen. 

December 2. Heute kam viel Armee -Fuhrwesens -Train hier 
an- Man spricht von baldigem Aufbruch des österreichischen Haupt- 
quartiers. 

December 6. Seit verwichener Nacht entstand unter den hier 
liegenden Truppen plötzlich viele Bewegung. Ein grosser Theil der- 
selben ist schnell nach dem Oberrhein und dem Breisgau aufge- 
brochen, und morgen soll das österreichische Hauptquartier dahin 
nachfolgen. Auch in der Gegend um unsere Stadt findet seit heute 
starke Truppenbewegung statt, doch erfährt man durchaus nichts von 
der Ursache, dem Zweck und der Absicht derselben. 

December 7. Heute brach das österreichische Hauptquartier des 
Feldmarschalls Fürsten von Schwarzenbe: g hier auf gegen Heidel- 
berg hin. 

December 8. Heute gingen noch Abtheilungen des österreichi- 
schen Hauptquartiers von hier ab nach dem Oberrhein. Nachmittags 
rückten wieder frische österreichische Truppen ein. 

Nach der gestrigen Todtenliste sind in der verwichenen Woche 
59 Menschen gestorben. Die Nervenfieber dauern noch fort, doch 
mindert sich, Gottlob, die Ansteckung. 

December 11. Heute ist der Kaiser von Oesterreich von hier 
nach Würzburg abgereist, und der grösste Theil der hier gi 



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- 342 - 



legendi österreichischen Truppen ist zur Armee an den Oberrhein 
aufgebrochen. 

December 12. Heute brach die Infanterie der russischen Garde 
von hier zur Armee an den Oberrhein auf. Um Mittag reiste der 
Kaiser von Russland nach Darmstadt ab. Abends rückte ein preussi- 
sches Infanterie-Regiment ein. 

December 13. Leider haben die Nervenkrankheiten seit voriger 
Woche hier mehr zu- als abgenommen, und es sterben daran täglich 
noch viele Personen. Kläglicher aber noch lauten die Berichte vom 
Uebcrrheiu, woselbst die Sterblichkeit so gross ist, dass in einem 
Orte in der Nähe von Mainz, der überhaupt 500 Einwohner zählt, 
bereits vor 12 Tagen 100 derselben gestorben waren, und der grössere 
Theil der übrigen krank darnieder lag. In Mainz selbst sollen täg 
lieh gegen 80 Menschen sterben, die zwei Hauptstrassen, die grosse 
und mittlere Bleiche, mit Pallisaden verschlossen und alle Verbindung 
derselben mit den übrigen Stadttheilen verboten worden sein. 

Auch in den sächsischen Festungen, worin sich noch Franzosen 
befinden, wüthet diese Pestkrankheit fürchterlich fort.- So sollen in 
Torgau nach Zeitungsberichten vom 13. bis 14. November 900 Kranke 
gestorben und 30 Schildwachen auf den Wällen todt gefunden wor- 
den sein. (?) 

December 14. In verwichener Woche sind nach der heutigen 
Todtenliste 63 Personen gestorben. 

December 22. In der gestrigen Liste sind 78 in der verwiche- 
nen Woche verstorbene Personen angezeigt 

December 24. Gestern war ein zahlreicher Train russischer 
Artillerie zur Armee am Oberrhein hier durchgegangen, und heute 
kam eine starke Colonne preussischer Infanterie auf dem Weg aus 
Sachsen hier an, die auf einige Tage einquartiert wurde. 

December 25. Seit einigen Tagen verbreitet man die Gerüchte, 
es seien die alliirten Armeen sowohl im Breisgau als in der Schweiz 
über den Rhein gegangen, ohne dass man jedoch etwas Bestimmtes 
hierüber anzugeben vermag. 

December 26. Die vorgestern eingerückte preussische Infanterie 
der Landwehr ging heute gegen Mainz ab. 

Ein starker Zug russischer Bagage kam auf der Strasse von 
Friedberg an, und ging gegen Darmstadt ab hier durch. 

December 29. Die gestrige Todtenliste des Intelligenzblatts 
bringt 67 Sterbefälle in voriger Woche. Noch immer dauern die 
verheerenden Nervenkrankheiten hier und in der Gegend fort, auch 
raffen solche in den Militär Laznrethen viele Leute weg. 



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343 — 



Seitdem vom 20. zum 21. dieses Monats die grosse in Schwaben 
und im Breisgau gestandene Armee über den Rhein in die Schwei/, 
und das Elaass eingerückt ist, erwartet man nun auch in hiesigen 
Gegenden einen baldigen Uebergang über den Rhein und die völlige 
Gernirung von Mainz. 

December 30. Die in unserer Stadt gelegenen preussischen 
Truppen, dergleichen der Marschall BlUcher und sein Hauptquartier, 
bind heute alle gegfcn den Rhein aufgebrochen. 

December 31. Heute ist der König von Preusaen mit seiner 
Suite von hier nach dem Oberrhein aufgebrochen. 

Von Kriegsoperationen hörte man heute nichts besonders Be- 
stimmtes, als dass sowohl bei Mannheim ein Corps Russen, als unter- 
halb Mainz ein Corps Preussen bereits ohne Widerstand über den 
Rhein gegangen sein sollen , der grössere und . bedeutendere Theil 
der beiderseitigen Armee-Corps aber in dieser Nacht folgen solle. 

Da zufolge EntschliesBung der verbündeten Mächte die hiesige 
Stadt wieder eine eigonthümliche freie Verfassung, wie solche vorhin 
gewesen , erhalten sollte , und zur Entwerfung eines dessfallsigen 
ürganisationsplans bereits vor einiger Zeit der seitherige Präfect Frei- 
herr von Günderrode zum Stadtschultheiss , der Generalmajor der 
Nationalgarde Freiherr von Humbracht zum älteren Bürgermeister, 
und derDirector deB Gerichts erster Instanz zum jüngeren Bürgermeister 
ernannt worden, diese Herren auch einen vorläufigen Organisationsplan 
an das General-Gouvernement eingereicht hatten, welcher die höchste 
Genehmigung erhielt, so wurde der heutige Tag dazu bestimmt, da- 
mit an demselben die seitherige und insbesondere seit dem 1. Januar 
1811 bestandene grossherzogliche Regicrungs -Verfassung aufgelöst 
und eine neue Belbstständige, freie Verfassung wieder begründet würde. 
Zu dem Ende versammelten sich heute Vormittag wieder die Glieder 
der ehemaligen ersten und zweiten Rathsbank, und constituii ten sich als 
Bürgermeister und Rath der freien Stadt Frankfurt am Main. Des3glei- 
chen versammelten sich die Glieder des ehemaligen Bürgerausschusses 
und constituirten sich ebenfalls als solcher aufs Neue, besetzten und ver- 
theilten die ehemals bestandenen und jetzt wieder neu errichteten 
Aemter, und somit überliess man sich der Hoffnung künftiger besserer, 
jetzt aufblühender Zeiten. Desshalb war auch ohne besondere oder 
höhere Aufforderung durch einstimmige Entscbliessung sämmtlicher 
Einwohner der Vorsatz gefasst worden, künftige Nacht mit dem Be- 
ginnen des neuen Jahres diesen Tag der Wiedergeburt durch eine 
aligemeine Beleuchtung zu feiern. 



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1814. 



Januar. Die Sterblichkeit in Folge der stets grassirenden und 
sich sogar wieder vermehrenden Nervenfieber dauerte auch in diesem 
Monat auf sehr starke Weise fort. 

Durchmärsche waren mehr und minder zahlreich und die Ein- 
quartierungen fortwährend sehr lästig und öfters 8- bis 4 fach stark 
ausgelegt. 

Februar. Nervenkrankheiten und Sterblichkeit dauerten auch 
in diesem Monat fort 

Durchmärsche und Einquartierung waren fortdauernd mehr und 
minder stark. 

Februar ltt. Nachts 12 Uhr brach in einem der Lazareth-Ge 
bäude auf der Pfingstweide Feuer aus, das bei heftigem Nordwind 
und schneidender Kälte so um sich griff, dass binnen wenigen Stunden 
sämmtliche 5 grosse Lazareth-Baracken nebst den Oekonomie-Gebäuden 
in vollen Flammen standen und bis auf den Grund abbrannten. Die 
darin befindlichen Kranken, deren Anzahl sich auf über 1000 belief, 
wurden alle bis auf 2 glücklich gerettet, die ohnehin beim Ausbruch 
des Feuers am Sterben waren. 

März 4. Gestern war die Nachricht verbreitet, dass die bereits 
bis in die Nähe von Paris vorgedrungen gewesenen alliirten Armeen, 
durch die Offensiv - Operationen Napoleons so wie durch absoluten 
Mangel an Lebensmitteln gezwungen, sich bedeutend zurückziehen 
mussten, und die heutige Zeitung bestätigt dies in einem officiellen 
Artikel, giebt übrigens diesen Rückzug als eine Kriegslist aus, wel- 
ches sich aus den weiteren Ereignissen ergeben wird. 

März 5. Von der Armee hat man heute nichts Neues erfahren. 
Nach umlaufenden Gerüchten sollen die Alliirten bei ihrem Rückzug 
bedeutend gelitten haben. 

März 6. Noch am gestrigen Abend erfuhr man indessen , dass 
sich das Kriegsglück plötzlich wieder auf die Seite der Alliirten ge- 
neigt habe, Napoleon in eine ihm gestellte Falle gezogen worden sei, 
und seine Heere überall geschlagen seien. 

März 11. Gestern Abend und in abgewichener Nacht wurde 
von Mainz her eine sehr heftige Kanonade gehört, wodurch die hier und 
in der Nähe liegenden verschiedenen Cavallerie-Abtheilungen veran- 
lasst wurden, sich zu sammeln und gegen Mainz aufzubrechen. Man 
erfährt indessen nicht, dass etwas Ernsthaftes vorgefallen sei. 

März 16. Gestern raarschirten die Freiwilligen von Fraukfurt, 
jene des Spessarts und die von Fulda, die Landwehr des Grossherzog- 



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345 



thuras nebst Würzburger und reussischen Truppen von hier ab, um 
sich durch die Schweiz nach dem südlichen Frankreich ^u begeben. 

März 20. Seit den letzten Tagen sind wir nach vorausgegan- 
genen bedenklichen Besorgnissen durch die erhaltenen Nachrichten 
der von den verbündeten Armeen am 9., 10., 11., 12. und 13. dieses 
Monats erfochtenen Siege und der erfolgten Besetzung von Lyon 
durch die Oesterreicher sehr erfreut worden. 

März 29. Anhaltende Truppendurchzüge haben seit geraumer 
Zeit tagtäglich fortgedauert. Heute kam viele russische Reserve- 
Cavallerie hier an, die auf ihrem Durchmarsch hier und in der Gegend 
einquartiert wurde. 

März 30. Heute kamen die übrigen in Spanien gewesenen und 
daselbst zu den Engländern übergegangenen diesseitigen Truppen, 
etwa 250 Mann, hier an. 

April 7. Morgens 9 Uhr verbreitete sich schnell die Nachricht 
eines mit wichtigen siegreichen Depeschen angekommenen Couriers. 
Bald erfuhr man, dass derselbe die Nachricht von einer am 30. März 
unter den Mauern von Paris gelieferten, für die Alliirten siegreichen 
Schlacht, von der hierauf am 31. erfolgten Uebergabe von Paris und 
dem stattgehabten Einzug der alliirten Souveräne in diese Stadt über- 
bracht habe. Unsere Stadt gerieth in freudige Bewegung, und Jubel 
und Entzücken waren allgemein. Mittags von l bis 2 Uhr verkün- 
dete das Geläute aller Glocken dieses freudige Ereigniss der ganzen 
Stadt und Umgegend. Mit den Aeusserungen tief gefühlter Freude, 
Beruhigung und schöner Hoffnung verband sich aber leider auch wilder 
Unfug, da, nicht zufrieden damit, dass auch dieser schöne Tag durch 
Kanonendonner erhabener gefeiert werde, eine Menge roher Menschen 
nicht allein vor der Stadt, sondern auch innerhalb derselben in den 
Strassen und aus den Häusern durch unsinniges und bis in die Nacht 
fortgesetztes Schiessen ihre Freude auf ihre Art zu erkennen gaben. 

April 8. Heute erhielt man hier die Nachricht, dass der Senat 
von Paris Napoleon der Regierung entsetzt, und sich so wie die 
Hauptstadt für Ludwig den 18ten erklärt habe. 

April 9. Da auf morgen die Feier des Einzuges der Alliirten 
in Paris angeordnet ist, so wurde desshalb heute Abend von 6 bis 
7 Uhr unter dem Donner der Kanonen mit allen Glocken geläutet. 

April 10. Der heutige Ostersonntag war dazu bestimmt, das 
Fest des Einzugs der alliirten Armeen in Paris zu feiern. Zu dem 
Ende wurden bereits früh Morgens von G bis 7 Uhr die Kanonen 
abgefeuert und wurde mit allen Glocken geläutet. Morgens bis 
9 Uhr waren alle hier liegenden Truppen und die verschiedenen 



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Corps der Nationalgarde versammelt und machten Spaliere von dem 
Taxis'schen Palais bis an den Dom. Durch deren Reihen begab sich 
der General-Gouverneur Fürst von Reuss, alle zum General-Gouver- 
nement gehörige Personen und eine weitere zahlreiche Suite aus dem 
Palais in den Dom, woselbst grosses Hochamt gehalten und ein musi- 
kalisches Tedoum gesungen wurde. Während dessen wurden aber- 
mals die Kanonen gelöst und es wurde wenigstens V/t Stunden lang 
mit allen Glocken geläutet. Hierauf war grosse Parade auf dem 
Rossmarkt, wonach die sämmtlichen Corps vor dem General-Gouver- 
neur vorbei defiürten, was bis gegen Mittag währte. Auch in allen 
protestantischen Kirchen wurde ein Tedeum gesungen, welchem in 
der Katharinenkirche der Senat beiwohnte. Uebrigens wurden in 
allen Kirchen ohne Ausnahme bedeutende Beiträge für die verwun- 
deten Vaterlandskämpfer gesammelt, welche an dem heutigen und 
morgenden Tage, soviel deren Verwundete und Kranke in den hie- 
sigen Lazarethen befindlich sind, mit Braten, Kuchen und Wein be- 
wirthet wurden und werden. 

Abends 7 Uhr fing die Beleuchtung der ganzen Stadt an und 
dauerte die ganze Vormitternacht hindurch. Sie war durchaus allge- 
gemein und zum Theil durch passende Trausparente und Allegorien 
verschönert. Vorzüglicher Erwähnung verdienen die Bewohner des 
dritten Quartiers, die an dem Bürger-Einigkeits-Brunuen (damals am 
südlichen Ende der Altgasse) durch Hülfe freiwillig erhobener Bei- 
träge ein sehr imponirendes , schönes, grosses Transparent in Form 
einer Tcmpel-Facade aufgestellt hatten, das mit passenden Sinnbildern 
und Inschriften versehen war und einen schönen Eindruck machte. 
Obgleich durch eine Polizei-Ermahnung und Verwamuug das Schiessen 
in den Strassen und aus den Häusern verboten war, so wurde solches 
heute, leider, doch wieder sehr häufig gehört, wenu auch nicht so 
übermässig als am 7. dieses Monats. 

April 15. Als am heutigen Morgen eine Abtheilung hiesiger 
groBsherzoglichcr Truppen , meistens aus denjenigen bestehend , die 
kürzlich aus Spanien zurück gekommen waren, zur Armee aufbrechen 
sollten und bereits- versammelt waren , so entstand dadurch Unruhe 
unter ihnen, dass sie denjenigen Theil ihres rückständigen Soldes, 
welcher ihnen mit dem Versprechen noch gutbehalten worden war, dass 
er ihnen bei ihrer Ankunft in Basel zum Behuf des besseren Fort- 
kommens auf dem Marsch durch Frankreich ausbezahlt werden solle, 
mit Ungestüm forderten, den Gehorsam verweigerten und ihre Offi- 
ciere gröblich beleidigten. Der grössere Theil derselben war indessen 
dennoch bis vor das Affenthor hinausmarschirt , während andere zu- 



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- 347 - 



rückgeblieben waren, sich in Wirthsbäusern versteckt hielten und sich 
dabei betranken. Auch der grössere Theil der Ausraarschirten waren 
nicht nüchtern. Sie wiederholten ihre Soldforderung abermals, und 
als ihnen solche verweigert wurde, kehrten sie nm, und zerstreuten 
sich unter Aeusserungen und Drohungen, die für die öffentliche Ruhe 
bedenklich waren, überall in der Stadt herum. Alsbald wurde die 
hier garnisonireude österreichische Landwehr unter die Waffen ver- 
sammelt, die Bürgergarde ebenfalls aufgeboten, Und nun auf die zer- 
streut herum laufendon primatischen Soldaten Jagd gemacht, solche, 
wo man sie fand, entwaffnet und in das Reithaus gesperrt. Ein be- 
deutender Theil derselben kehrten bald von selbst zu ihrer Pflicht 
zurück, und so sehr man eine Zeit lang wegen der Folgen dieser Un- 
ordnung in Besorgniss war, so wurde doch die öffentliche Ruhe nicht 
gestört, vielmehr durch fleissiges Patrouilliren vollkommen aufrecht 
erhalten. Mehrere der llaupträdclsführer wurden atretirt und alsbald 
einem Kriegsgericht übergeben. 

April 16. In abgewichener Nacht wurde das Patrouilliren fort- 
gesetzt, auch eine Abtheilung bürgerlicher Cavallerie mit dazu ver- 
wendet ; doch blieb alles ruhig. Früh Morgens wurden zwei der 
Hauptunruhestifter nach dem Beschluss des Kriegsgerichts, und nach- 
dem solche förmlich durch Geistliche zum Tode vorbereitet worden 
waren, an den Grindbrunneu geführt, um daselbst erschossen zu 
werden. Als ihnen bereits die Augen verbunden waren, und sie 
da knieten, um den Todesschuss bu erhalten, so ertheilte ihnen der 
Gouverneur Gnade, und milderte die Strafe in sechsjährige Schanzarbeit. 
Das energische Benehmen in diesen gefährlichen Umständen und Vor- 
gängen hatte die Folge, dass die übrigen zum Marsch bestimmten 
Soldaten nun ohne Weigerung gehorsam zur Pflicht zurückkehrten. 

Mai 6. Vorgestern ward Mainz von den Franzosen geräumt 
und von den Allürten besetzt. 

Mai 21. Am vorgestrigen Tage kam eine Colonne von 10,000 
Mann russischer Cavallerie und Artillerie auf dem Rückmarsch hier und 
in hiesiger Gegend an. Der kleinere Theil nur nebst dem Stab kamen 
in die Stadt, der grössere und zahlreichere ward in das Nassauische 
und Hanauische verlegt. Sie hielten gestern Rasttag, und zogen 
heute theils um die Stadt, theils durch dieselbe auf der Strasse von 
Hanau weiter. Mannschaft und Pferde, insbesondere auch die Ka- 
nonen und die Bespannung derselben, sollen von auserlesener Schön- 
heit gewesen sein. 

Da der Aufführung derselben, besonders in Bezug auf Schonung 
der Felder und Früchte, keine rühmlichen Gerüchte vorausgingen, 




- 348 - 

so wurde ein Thcil der Freiwilligen und des dritten Banners des 
Landsturms sowohl an Cavallerie als Infanterie in Activitat gesetzt, 
und an verschiedenen Orten ausser der Stadt postirt, von wo aus 
häufige und starke Patrouillen nach allen Richtungen gemacht wurden. 

Mai 26. Seit einigen Tagen marschiren theils durch unsere 
Stadt, thoils durch hiesige Gegend viele Russen nach Hause. Da- 
gegen kommt ein frisches Corps preussischer Infanterie hier durch, 
welche Mainz und den Rheinstrom besetzen sollen. 

Juni 3. Es kamen heute mehrere Regimenter regulärer Ko- 
sacken hier und in hiesiger Gegend an, die auf ihrem Durchmarsch 
einquartiert wurden. 

Juni 4. Es kamen heute auf dem Rückmarsch von Frankreich 
mehrere Regimenter Kosacken, Uhlanen, Kaimucken, Baschkiren, 
Tartaren etc. hier an. Der grössere Theil derselben ward in die um- 
liegende Gegend verlegt, und nur ein Theil, sowie angekommene 
Infanterie, wurden in der Stadt einquartiert. Um Unfug zu verhüten, 
war ein Theil der Freiwilligen und des ersten Banners des Land- 
sturms aufgeboten, die ausserhalb der Stadt Patrouillen machen 
mus8ten, wozu auch ein Theil der hier liegenden österreichischen 
Landwehr verwendet wurde. 

Juni 5. Diese Massregel wurde auch heute bei fortdauerndem 
Durchzug russischer Truppen fortgesetzt Es kamen heute 8 Regi- 
menter regulärer Cavallerie, weiter die Artillerie, viel Train, Bagage 
etc. hier an und gingen grossentheils hier durch. 

Juni 7. Heute kam eine starke Coloune russischer Infanterie 
hier an, wovon ein bedeutender Theil einquartiert und der andere in 
die umliegende Gegend verlegt wurde. 

Juni 8. Auch heute kam eine Colonnc von 9 Regimentern 
Infanterie und ein grosser Zug Artillerie hier an, wovon ein Theil 
hier einquartiert wurde, der andere aber auf die Dörfer verlegt ward. 

Juni 15. Seit etlichen Tagen und heute besonders kommen 
zahlreiche Abtheilungen russischer, aus französischer Kriegsgefangen- 
schaft zurückkehrender Militärs hier durch, die in sehr abgerissenem 
und unsauberem Zustande sind. 

Jnni 19. In den letzten Tagen marschirten viele sächsische, 
waldeckische und andere deutsche Truppen, theils von Mainz, theils 
aus dem Feldzuge kommend, hier durch, nach Hause zurückkehrend. 
Dessgleichen kommen öfters starke Transporte rückkehrender fran- 
zösischer Kriegsgefangenen, theils aus Preussen, theils aus Oesterreich 
kommend, hier an, die nach Frankreich abgeführt werden. 



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— 349 - 

• ■ 

Juli 7. Um die Mittagszeit rückten heute die 3 Bataillone des 
im Feld gewesenen grossherzoglich frankfurtischen Militärs in schönster 
Haltung ein. Ein Bataillon blieb in der Stadt, die beiden anderen' 
wurden auf die Dörfer verlegt. 

Juli 8. Morgens frühe schon wurden in Parade versammelt die 
Freiwilligen des Landsturms zu Fuss und zu Pferde, sodann der uni- 
formirte Theil des Landsturms der Stadt und der Dörfer nebst dem 
Scharfschützen-Corps. Diese zogen um 8 Uhr zu feierlichem Em- 
pfang und Einholung der aus dem Felde heimkehrenden diesseitigen 
Jäger zu Pferde und zu Fuss nebst der diesseitigen Landwehr aus. 
Um 11 Uhr geschah unter jener Begleitung der feierliche Einzug der 
Letzteren unter lautem Zujauchzen einer unbeschreiblich zahlreich ver- 
sammelten Volksmenge. Mit ihnen rückten 1 Escadron Husaren des 
GroBsherzogthums und 1 Bataillon Reuss- Greiz -Infanterie hier ein, 
welche alle, mit Ausnahme der Cavallerie, dahier einquartiert wurden. 

Juli 13. Das hiesige Bataillon Landwehr und Freiwilliger rückte 
heute früh hier aus und bezog Cantonirungen im Darmstädtischen. 
Dagegen rückte das Bataillon der Aschaffenburger Landwehr und 
Freiwilligen hier ein und wurde einquartiert. 

Juli 14. Morgens früh 4 Uhr ging der russische Kaiser von 
Karlsruhe kommend hier durch nach Petersburg. Er reiste incognito 
und wechselte nur die Pferde. 

Juli 15. Gestern marschirte das seit 8 bis 9 Monaten hier ge- 
legene -österreichische Landwehr-Bataillon von Erbach-Infanterie von 
hier nach Oesterreich zurück. Dagegfcn rückten heute die hiesige 
Landwehr und die Freiwilligen aus der Gegend von Dieburg wieder 
ein und wurden einquartiert. 

October 4. Zur Feier des Namensfestes des Kaisers Franz 
waren heute Abend alle öffentliche Plätze und fast alle Häuser er- 
leuchtet. In mehreren Häusern, wo man solches unterlassen hatte, 
wurden die Fenster eingeworfen. 

October 17. Abends von 5 bis G Uhr wurde wegen des auf 
morgen anberaumten grossen Siegs-, Dank- und Freudenfestes mit 
allen Glocken geläutet. 

October 18. Schön und hehr stieg heute Uber den Nebel die 
Sonne auf und verkündete frühe schon einen schönen, heiteren Tag 
zur herrlichen Feier der Errettung Deutschlands, welcher der heutige 
Tag festlich gewidmet war. Frühe von 6* bis 7 Uhr verkündete das 
Geläute aller Glocken den Anfang des Festes. Um diese Zeit ver- 
sammelten sich das reguläre Militär, die freiwilligen Jäger des Land- 
sturms zu Pferd und zu Fuss, die verschiedenen Banner des Land- 



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— 350 - 

• 

stürm», die bürgerlichen Schützen- und Artilleristen-Corps und zogen 
an den Grindbrunnen, wo sie sich in ein Quarre* aufstellten, in dessen 
Mitte sich ein grosses Zelt befand, liier versammelten sich nach und 
«ach die Mitglieder der Armirungs-Conferenz , der Landsturms- 
Schutz-Deputationen, sodann der Civil-Gouverneur Freiherr von Hügel, 
der Militär- Vice -Gouverneur General Freiherr von Hardegg mit 
ihrem Stabe und Gefolge, worauf nach der Letzteren Ankunft in 
der Mitte des Quarrcs erst eine feierliche Militär-Messe aufgeführt, 
hernach aber von Pfarrer Kirchner eine angemessene Rede gehalten 
wurde, und vor und nach derselben eigens dazu vertheilte Lieder 
von der ganzen Versammlung gesungen wurden. Diese Feierlichkeit 
hatte viele Tausend Zuschauer eben dahin gezogen. Sie fand von 
0 bis 10 Uhr statt, und wurde mit vieler Würde begangen. Nach 
deren Endigung wurde eine dreimalige Salve gegeben, und von den 
aufgestellten Kanonen 101 mal abgefeuert. Unter dieser Zeit und 
bis 10 Uhr hatte sich der Senat in corpore in dem Belli'sehen *) Hause 
an der Hauptwache und die Mitglieder des Bürgerausschusses zu- 
nächst daran in dem Schepeler'scheu Hause versammelt. Nach 10 Uhr 
rückte sämmtliches Militär wieder in die Stadt ein, und Abtheilungen 
von bürgerlichen Schützen und Freiwilligen des Landsturms stellten 
sich an der Katharinenkirche auf und bildeten Spaliere von da an 
bis an die Versammlungsorte des Senates und des Bürgerausschusses, 
während die abgesessenen Jäger zu Pferd des Landsturms sich in 
die Kirche begaben, und sich in dem zweiten Rang der ersten Empor- 
bühne ordneten. Jetzt ging zuerst der Zug des Bürgerausschusses, 
sodann jeuer des Senats durch das aufgestellte Spalier in die Kirche, 
und nahmen die zubereiteten Plätze in dem vorderen Rang der ersten 
Emporbühnc ein. Sofort gegen 11 Uhr begann hierauf der Gottes- 
dienst mit einer feierlichen Kirchenmusik, worauf nach Absin- 
gung des verordneten Liedes Uber den dafür bestimmten Text ge- 
predigt und sodann das Tedeum unter Trompeten- und Paukenschall 
gesungen wurde. Der Zudrang in die Kirche war ganz ungemein 
gross, und es wurde dadurch die Feierlichkeit cinigermassen gestört. 
Kurz nach 10 Uhr fing in allen übrigen Kirchen ebenfalls festlicher 
Gottesdienst an, der aber früher als in der Katharinenkirche beendigt 
war. Daselbst währte die Feier bis */* 1 Uhr, nach welcher der Btirger- 
ausschuss und der Senat wieder in vorgedachter Ordnung durch das 
aufgestellte .Spalier nach ihren Versammlungsorten sich begaben und 
von da sich nach Hause verfügten. Die Mitglieder des General- 

*) jetzt Heuer'scben. 



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- 351 



Gouvernements und die angesehensten Glieder der katholischen Ge- 
meinde hatten sich in die Domkirche verfügt, woselbst das Militär 
Spalier gemacht hatte, und wo die ersteren von einer aus zwei Gliedern 
des Senats bestehenden Deputation empfangen wurden. Auch hier 
wurde ein grosses Hochamt gehalten und hernach das Tedeum gesungen. 
Nachmittags 2 Uhr versammelten sich alle Kinder, Knaben und Mäd- 
chen, alle festlich, letztere weiss gekleidet mit grünen Bändern und 
mit grünen Guirlanden geschmückt, erstere mit Eichenlaub geziert, 
in ihren Schulen, und begaben sich von da in paarweisen Zügen unter 
Anführung ihrer Lehrer auf die hierzu bestimmten Sammelplätze, den 
Römerberg, den Paradeplatz, am Leinwandhaus, an der Peterskirche 
and vor der Dreikönigskirche in Sachsenhauseu , wo sie bis um 
3 Uhr in förmlichen, schönen Kreisen aufgestellt waren, während sich 
auf den 3 Thürraen*) Musiker eingefunden hatten, worauf dann unter 
Begleitung von Blas-Instrumenten drei eigens gedruckte und ausge- 
feilte Lob- und Danklieder unter freiem Himmel mit einer Rührung 
und einer acht religiösen Feierlichkeit, die die zahllos versammelten 
Zuschauer zauberisch ergriff, abgesungen wurden, in welchen Gesaug 
Tausende von Zuhörern und Zuschauern begeistert mit einstimmten. 
Diese Feierlichkeit endete um 4 Uhr, worauf nochmals von da bis 
5 Uhr mit allen Glocken geläutet wurde. Nach G Uhr strömte man 
allgemein vor die Thore, die Beleuchtung der Wartthürme, die für 
heute Abend angeordnet war, sowie die Beleuchtung der umliegenden 
Gebirgshöhen zu sehen, die an dem heutigen Abend durch fast ganz 
•Deutschland stattfand. Es war letztere nicht so imposant, als man 
gedacht hatte, woran die auf dem Scheitel der Gebirge ruhenden 
Abendnebel, so wie der starke Luftzug, der dort wehete, schuld ge- 
wesen sind. Ks nahmen sich daher die Feuer auf den niederen Höhen 
und in der Ebene vor den Dörfern besser aus als jene auf den 
höheren Bergen, und die Beleuchtung der Höhen des Spessarts, der 
Bergstrasse, des Donnersbergs etc. waren hier nicht sichtbar. 

October 19. Heute Abend war die Stadt beleuchtet; diese Be- 
leuchtung war allgemein, an vielen Orten prächtig und glänzend, und 
dauerte von vor (> Uhr Abends bis nach Mitternacht. So wie an dem 
gestrigen Tage in allen Kirchen und in der Synagoge reiche Spenden 
für die Verstümmelten und die Wittwen und Waisen der gefallenen 
Vaterlandsvertheidiger gesammelt wurden, so waren auch an dem 
heutigen Abend an mehreren der vorzüglichst beleuchteten Orte 
Opferaltäre aufgestellt, worin Dankbarkeit ihre Gaben einlegte. 



*) Pfarrthurm, Katharinenthurm, Nikolaithunu. 



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— 352 — 



December 8. Seit einiger Zeit gehen täglich wieder Transporte 
französischer Kriegsgefangenen hier durch, die aus Russland kommen 
und in ihre Heimath zurück kehren. 



1815. 

Februar 12. Es wurde heute der Geburtstag des Kaisers Franz 
gefeiert. Zu dem Ende war bereits gestern Abend und heute mehrere 
Male mit allen Glocken geläutet; aus Kanonen, die an der Schönen 
Aussicht aufgefahren waren, wurden gegen Mittag und Abends jedes- 
mal 100 Schüsse abgefeuert; der gesammte Landsturm rückte Morgens 
aus und machte Parade; das General-Gouvernement etc. und sämmt- 
lichc Officier-Corps , so wie die Cavallerie des Landsturms begaben 
sich in den Dom, wo ein feierliches Tedeum gesungen wurde; Abends 
war die ganze Stadt illuminirt. 

März 11. Heute kam die Nachricht von der Entweichung 
Napoleons und seiner Landung in Frankreich hier an und verbreitete 
allgemeine Bestürzung. 

März 10. Die Nachrichten ans Frankreich lauten sehr bedenk- 
lich und lassen alles fürchten, da Napoleon bereits bis gegen Lyon 
vorgerückt ist, und sehr verstärkt und furchtbar sein soll. 

März 20. Die heute hier angekommenen Nachrichten aus Frank- 
reich lauten sehr betrübend ; sie verkündigen Aufstaud und Revolution 
in den Provinzen zunächst der Hauptstadt Paris. Auch spricht man 
von der Flucht des Königs nach Brüssel. 

März 21. Dieses Letztere hat sich zwar nicht bestätigt, doch 
sind darum die Nachrichten von daher eigentlich nicht beruhigender. 

Heute wurde hier die Erklärung der verbündeten Souveräne in 
Wien bekannt, wonach Napoleon in die Acht erklärt wird. 

März 25. Heute wurde der Einzug Napoleons in Paris bekannt 
und machte starken Eindruck. 

April 3. Gestern reiste der Herzog von Wellington von Wien 
kommend eilend hier durch zur Armee in den Niederlanden. 

April 9. Heute kam eine Colonne hessischer - Truppen von 
Hanau hier an, die theils hier, theils in den benachbarten Ortschaften 
einquartiert wurden, und morgen nach Coblenz marschiren. 

April 17. Erzherzog Karl kam heute Nachmittag von Wien 
hier an, und reist morgen nach Mainz und zur Armee ab. 

Mai 7; Heute kamen beträchtliche Abtheilungen baierischer 
Truppen hier an, die einquartiert wurden. 



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- 353 — 

Mai 8. Es war das 14 to baierische Linien-Infanterie-Regiment, 
welches gestern Abend zum Theil hier, zum Theil in Oberrad ein- 
quartiert wurde, und heute früh über Mainz nach Kreuznach wieder 
aufbrach. Auch ging heute ein darmstädtisches Regiment von Giesseu 
kommend hier durch nach Darmstadt. 

Mai 9. Heute ging wieder ein Regiment darrastädter Infanterie 
von Glessen kommend hier durch nach Darrastadt. 

Mai 11. Gestern rückte ein Bataillon fürstlich reussischer Trup- 
pen hier ein, die einige Tage einquartiert werden. Heute kamen 
einige Compagnien sächsischer Infanterie hier an, die ebenfalls ein- 
quartiert wurden. 

Juni 12. Seit einigen Tagen sind Abtheilungen der preussischen 
Garde hier eingetroffen, um den Dienst bei dem König von Preussen 
zu thun, der täglich erwartet und im Rothen Hause einkehren wird. 
Gestern ist ein Bataillon russischer Infanterie hier, und mehrere an- 
dere Abtheilungen derselben sind in der Umgegend eingerückt und 
wurden einquartiert. Die Durchmärsche der grossen russischen Armee 
werden unverzüglich beginnen. 

Juni 19. Heute früh brachen sämmtliche hiesige grossherzog- 
liche Truppen so wie die hier und in der Nähe gelegenen fürstlich 
reussischen Truppen von hier auf und marschirten nach Mainz. Sie 
waren jedoch kaum unterwegs, so erhielt ihr Marsch eine andere 
Bestimmung, und sie gingen bei Höchst über den Main, um Uber 
Darmstadt an den Oberrhein zu gehen. 

Nachdem gestern die von Wien hierher gebrachten Aktenstücke 
übergeben worden waren, die Bich auf die am Congress in Wien 
definitiv ausgesprochene Selbstständigkeit hiesiger Stadt, so wie auf 
das am 20. dieses Monats eintretende Aufhören des seitherigen General- 
Gouvernements beziehen, versammelte sich demzufolge heute Vor- 
mittag der Senat, und constituirte sich hiernach endgültig statt des 
seitherigen provisorischen Zustandes. Ein gleiches geschah Nach- 
mittags bei einer ausserordentlichen Versammlung des Bürger-Aus- 
schusses, der ¥on heute an die Bezeichnung „Bürger-Colleg" annimmt 

Juni 21. Nachdem man in den letzteren Tagen in banger Er- 
wartung über den Erfolg der kriegerischen Ereignisse gewesen, die, 
wie man wusste, am 15. dieses Monats in den Niederlanden, und 
zwar Anfangs zum Nachtheil der Alliirten, begonnen hatten, so wurden 
wir heute durch die Nachrichten mehrerer durchpassirender Cou- 
riere erfreut, die uns die Anzeige überbrachten, dass nach hartnäcki- 
gen Schlachten endlich am 18. dieses Monats der Sieg sich für die 
VI. 23 



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Alliirten erklärt habe, und die französische Armee geschlagen und 
zur Flucht genüthigt worden sei. 

Juni 22. Nach den heutigen Nachrichten bestätigt sich dieser 
Sieg so wie ein anderer, der als Fortsetzung desselben am darauf- 
folgenden Tage, den 19. Juni, errungen wurde. 

Heute Mittag kamen 2 Bataillone baierischer Landwehr hier an, 
die von Aschatfenburg kommen und nach Mainz gehen. Eines der- 
selben wurde hier und das andere auf den nahen Dörfern für eine 
Nacht einquartiert. 

Juni 23. Wegen des am 18. dieses Monats*) in' den Nieder- 
landen zwar schrecklich blutig, aber endlich vollständig glorreich er- 
rungenen Sieges der preussischen und englischen Heere über Na- 
poleon Bonaparte und dessen Hauptarmee, beging die hier befindliche 
Abtheilung preussischer Garden ein feierliches Dankfest. Um dasselbe 
aber noch feierlicher und ernster zu machen, schlössen sich zu glei- 
chem Zwecke sämmtliche Corps des hiesigen Landsturms an dieselbe 
an. Bis 10 Uhr waren solche alle in Parade versammelt. Dann 
gingen ausser sämmtlichen hier befindlichen preussischen Kriegern 
und allen hier anwesenden preussischen und russischen Stabs- und 
Ober-Officieren (worunter auch der Schwager des Königs von Preussen, 
Prinz von Mecklenburg-Strelitz), sodann dem gesammten Officier-Corps 
des Landsturms, auch Abtheilungen jedes Corps desselben nach Ab- 
stellung der Gewehre in der Katharinenkirche, die von den Frei- 
willigen des Landsturms besetzt war, und deren Schiff ausschliesslich 
für diese Militärs bestimmt gewesen ist, während die Emporbuhnen 
dem Publikum geöffnet und gedrängt voll gewesen sind. Auch eine 
Deputation des Senats so wie die Mitglieder der Schutzdeputation 
wohnten diesem feierlichen Gottesdienst bei, der mit dem Gesang: 
„8ei Lob und Ehr dem höchsten Gut" unter musikalischer Begleitung 
begann. Hierauf hielt Pfarr-Vicar Stein von dem Altar nach einem 
kurzen kräftigen Gebet eine sehr eindringliche Rede über den Text 
aus dem 118tcn Psalm: „Man singet mit Freuden vom Siege des 
Herrn in den Hütten der Gerechten, die Rechte des Herrn ist er- 
höhet, die Rechte des Herrn behalt den Sieg," wosauf das Lied: 
„Nun danket alle Gott" gesungen wurde. Diese Feierlichkeit endete 
dann mit einem von dem Prediger gesprochenen, und alle Zuhörer 
und Mitbetenden zu Thränen rührenden Gebete, während dessen die 
ganze Versammlung auf den Knieen lag, welches einen unbeschreib- 
lichen Eindruck machte. Nach Er-digung des Gottesdienstes war 

•) bei Waterloo. 



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355 - 



Parade, und alle Corps defilirten vor dem Prinzen von Mecklenburg 
über die Zeil. 

Nachmittags traf die erste Colonne des rechten Flügels der 
grossen russischen Armee von Hanau kommend, etwa 14,000 Mann und 
2000 Pferde stark, nebst 3 Batterien Geschütz, hier und in der Ge- 
gend ein und wurden auf eine Nacht einquartiert. 

Juni 24. Heute geschah der Einmarsch der zweiten Colonne 
der Russen, aus 2 Infanterie- und 2 Jäger -Regimentern bestehend, 
nebst 3 Batterien Geschütz, welchen am Nachmittag noch 1 Regi- 
ment Infanterie folgte, die sämmtlich theils hier, theils auf den um- 
liegenden Dörfern wieder auf eine Nacht einquartiert wurden. 

Juni 26. Heute marschirte die dritte russische Colonne hier ein, 
die aus 6 Regimentern Infanterie und Jäger und 2 Batterien Geschütz 
bestand, welche gleich den vorhergegangenen hier und in der Gegend 
auf einen Tag einquartiert wurden. 

Jnni 26. Mittags zog eine russische Cavallerie - Colonne aus 
1 Pulk donischer Kosacken und 4 Regimentern Dragoner, alle Kern- 
truppen und vortrefflich beritten, nebst einer schweren reitenden Ar- 
tillerie-Batterie von der grössten Schönheit, etwa 5- bis 6000 Mann 
hier ein, und wurden hier und auf den umliegenden Dörfern auf eine 
Nacht einquartiert. 

Heute früh war die Abtheilung preussischer Garden, die einige 
Zeit hier gelegen hatte, nebst den königlichen Equipagen nach Mann- 
heim aufgebrochen. 

Juni 27. Heute früh 7 Uhr reiste der König von Preussen von 
Hanau kommend hier durch nach Mannheim, und hielt sich nur so 
lange auf, bis die Pferde gewechselt waren. 

Der Kronprinz vou Preussen war gestern bereits hier angekom- 
men, und hat im Schultze'schen Haus auf der Zeil seine Einkehr 
genommen. Heute Nacht bringen ihm die Officiere des Landsturms 
bei Fackelschein ein Musikständchen. 

Heute erfuhr man die Abdankung Napoleons und die Einnahme 
der Festung Avesnes durch die Preussen. 

Jnnl 28. Heute Vormittag kam eine russische Grenadier-Division 
von 4 Regimentern, 12- bis 14,000 Mann stark, nebst 3 Batterien Ge- 
schütz hier an, und wurden theils hier, theils auf den Dörfern ein- 
quartiert. Bereits am Abend erhielten sie wieder Befehl zum Auf- 
bruch, und marschirten von Abends 0 Uhr bis Mitternacht sämmtlich 
auf der Strasse nach Mainz ab. • 

Juni 29. Heute kamen auf dem Durchmarsch zur Armee 2 
Regimenter preussische Garde-Infanterie nebst einer reitenden Bat- 

23* 



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- 356 - 



terie und einer Batterie Fussgeschütz zur Einquartierung auf eine 
Nacht hier an. 

Juni 30. Morgen» früh ging das Regiment preussischer Garde- 
Kürassiere so wie ein Bataillon Garde-Jäger hier durch, die nicht hier 
einquartiert wurden, sondern gleich gegen den Rhein abmarschirten. 

Der übrige Theil der preussischen Colonne von 26,000 Mann, 
grösstenteils aus Garden bestehend, ist über Usingen gegen Koblenz 
hin marschirt, und wir erhalten nun auf einige Zeit keine Durch- 
märsche mehr. Einquartiert sind dermalen hier nur 2 Depot-Com- 
pagnien unseres eigenen Militärs, die hiesigen Freiwilligen, die meistens 
ins Feld rücken sollen, zwei Compagnien Sachsen, die der preussischen 
Garde einverleibt werden sollen, und einige Abteilungen Russen. 

Juli 1. Auf morgen sollte ein feierliches Dankfest wegen wieder- 
hergestellter Selbstständigkeit unserer Stadt in allen Kirchen gefeiert 
werden, und dabei der Senat, die Gerichte und das Bürger-Colleg, 
unter Paradirung des Landsturms aus dem Römer in die Katharinen- 
kirche ziehen, wozu alles bereits vorbereitet war. Da indessen von 
Seiten des gewesenen General-Gouverneurs Fürsten von Reuss dem 
Rath insinuirt wurde, wie er nach höchstem Auftrag zuvor erst in 
einer feierlichen Handlung diese von den verbündeten Monarchen 
bestimmte Selbstständigkeit hiesiger Stadt zu verkündigen und die 
dessfallsigen Urkunden zu übergeben habe, so wurde die Feier 
dieses Festes heute bis auf weiteres wieder abbestellt 

Juli 2. Nach den Nachrichten von den alliirten Armeen sind 
diese von allen Seiten ohne besonderen Widerstand in Frankreich 
eingerückt und bedrohen Paris aus allen Richtungen. Napoleon hat 
entsagt; die Franzosen sind in der äussersten Bestürzung, ihre Ar- 
meen sind aufgelöst und unfähig ferner Stand zu halten, und aller 
Wahrscheinlichkeit nach dürften heute die Armeen Blücher 's und 
Wellington'8 bereits in Paris sein. 

Juli 5. Heute Mittag verbreitete sich auf einmal das Gerücht 
von der Ankunft eines Couriers, der die Mittheilung von dem am 2. 
dieses Monats erfolgten Einzug der Alliirten in Paris überbracht habe. 
Diese Nachricht blieb jedoch ohne Bestätigung. 

Juli 8. Abends von C bis 7 Uhr wurde wegen der morgenden 
Festfeierlichkeiten geläutet. 

Gestern Nacht bis Morgens frühe und ebenso heute Nacht bis 
am frühen Morgen zogen jedesmal mehrere Regimenter russischer 
Grenadiere theils an der Stadt vorbei, theils durch dieselbe, welche 
ohne Aufenthalt von Hanau nach Hochheira marsch iren und in gleich 



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starken Märschen nach Frankreich gehen. In den nächsten Tagen 
werden auf gleiche Weise noch mehrere Colonnen derselben folgen. 

Juli 9. Die heutige Festfeier wegen Niederlegung der Befug - 
nisso des bisherigen General-Gouvernements und Uebertragung der 
freien, selbstständigen Regierungs- und Vorwaltungs-Gewalt an die 
eignen hiesigen städtischen Behörden, so wie wegen Erhebung unserer 
freien Stadt zu einem mitberechtigten Theil des deutschen Staaten- 
bundes ward Morgens von 6 bis 7 Uhr durch das Geläute aller 
Glocken verkündigt Von da an bis nach 8 Uhr hatten sich sämmt- 
liche Corps des Landsturms einschliesslich jener des Landbanners 
versammelt und die ihnen angewiesenen Plätze besetzt. Die Scharf- 
schützen hatten den Römerberg und die Freiwilligen der Landwehr 
den Römer, die grosse Treppe und den Kaisersaal besetzt. Von hier 
aus waren Spaliere bis an das Taxis 'sehe Palais, die Wohnung des 
Fürsten Reuss, gestellt. Um Va9 Uhr versammelten sich die Glieder 
des Senats und des Bürger-Collegs im Rathszimmer und nahmen vor 
9 Uhr im Kaisersaal die ihnen bestimmten Plätze ein. Um 9 Uhr 
kam sodann der Fürst Reuss unter Begleitung einer Abtheilung bür- 
gerlicher Cavallerie, wurde von einer Deputation des Senats feierlich 
empfangen und eingeführt, und, nachdem er mit seinem Gefolge sich an 
die für sie bestimmten Plätze begeben hatte, so las derselbe diejenige 
Rede vor, welche ihm zu diesem Akt aus der kaiserlich österreichi- 
schen Staats - Kanzlei zugefertigt worden war. Bürgermeister von 
Humbracht beantwortete dieselbe durch Ablesung einer Danksagungs- 
rede, worauf der Rathsschreiber Dr. Thomas das Protokoll des heu- 
tigen Vorgangs verlas, welches sodann von dem Fürsten Reuss und 
dem älteren Bürgermeister unterzeichnet wurde. Während des ganzen 
Vorgangs wurde mit allen Glocken geläutet und bei diesem Akt von 
der vor dem Kaisersaalc erbauten Altane, welche mit den ehemaligen 
14 Quartier-Fahnen und den 3 Standarten der ehemaligen bürgerlichen 
Cavallerie geziert war, mit Trompeten und Pauken die Anzeige der 
vollzogenen Uebergabe gegeben, worauf aus sechs am Schaumainthor 
aufgestellten Kanonen 101 Schüsse geschahen. Auf allen Thürmen 
weheten roth und weisse Fahnen. Nach Vollendung dieser Hand- 
lung begrtisste Fürst Reuss die Versammlung, worauf derselbe dann 
durch eine Abtheilung bürgerlicher Cavallerie feierlich in das Palais 
zurückbegleitet wurde. 

Nach Verlauf einer guten Viertelstunde wurde dann der festliche 
Kirchengang angetreten. Er ging durch die von dem Römer bis 
an die Katharinenkirche aufgestellten Spaliere und wurde durch eine 
Abtheilung bürgerlicher Cavallerie eröfinet und geschlossen. Voran 



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gingen die Mitglieder des Bürger- Collegs, diesen folgten jene des 
Stadtgerichts und hierauf jene des Senats, wonach sich die Stabs- 
Offi eiere des Landsturnis anschlössen. Bei dem Eintritt in die Kirche 
nahmen Sftmmtliche die ihnen bestimmten Plätze ein, worauf eine 
Cantate von der Musik aufgeführt, hiernach das verordnete Lied 
gesungen, sodann von Dr. Hufnagel die Predigt gehalten wurde. 
Nach derselben folgte eine musikalische Aufführung des Vaterunser 
und die Handlung schloss mit Absingung des Te Deum laudamus. Die 
kirchliche Feierlichkeit endigte um i /tl Uhr. Nach derselben begaben 
sich die Glieder des Senats, des Gerichts und des Bürger-Collegs auf 
den freien Platz vor der Kirche, wo sodanu sämmtliche Corps des 
Landsturmes in Parade unter lautem Vivatrufen vorbeizogen, worauf 
man sich nach Hause begab. 

Um 4 Uhr fuhr man wieder in den Römer, wo ein Gastmahl für 
etwa 160 Personen in dem Kaisersaal gegeben wurde. Man ging um 
5 Uhr zu Tisch, wo ungezwungene Fröhlichkeit und herzliche Einigkeit 
herrschte, und wo alle Stände und Ordnungen in gemischten Gruppen 
beisammen waren. Die ausgebrachten Gesundheiten wurden mit 
Trompeten- und Paukenschall begleitet, und durch Abfeuern der 
Kanonen wurde ihnen lauter Nachdruck gegeben. Bereits am Vor- 
mittag hatte man erfahren, dass Paris sich mit Capitulation ergeben 
habe. Während des Essens erhielt der preussische Geschäftsträger 
von Otterstedt die gedruckten näheren Umstände Uber dieses erwünschte 
und herrliche Ereigniss. Freiherr von Humbracht las diese Bekannt- 
machung der ganzen Gesellschaft laut vor, worauf unter allgemeinem 
Jubel auf das Wohl Blücher's und Wellingtons und der verbündeten 
Heere getrunken wurde. Um 8 Uhr wurde die Tafel aufgehoben. 

Am Abend waren ausser sämmtlichen Stadtgebäuden und Thürmen 
auch die Häuser der ganzen Stadt erleuchtet. 

September 24. Heute rückte ein Regiment königlich sächsischer 
Truppen auf dem Rückmarsch aus Frankreich hier ein ; es hält morgen 
Rasttag und bricht dann nach Sachsen zurück auf. 

October 5. Seit gestern hat der Durchmarsch der über hier 
gehenden Colonne der aus Frankreich zurückkehrenden russischen 
Armee angefangen. Kosacken und Artillerie waren gestern ange- 
kommen und wurden Uber Nacht einquartiert ; ein Train Pontons ging 
durch, und heute, jedoch erst spät Abends, kam Infanterie zur Ein- 
quartierung auf eine Nacht hier an. 

Ootober (>. Die gestern Abend hier angekommene russische 
Infanterie hält heute Rasttag. 



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* 



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October 7. Heute kamen wieder 2 Bataillone russische Infanterie 
auf dem Durchmarsch auf eine Nacht zur Einquartierung an. 

Oft ober 11. Der Durchmarsch der aus Frankreich zurück- 
kehrenden russischen Truppen dauert taglich fort, und heute kam 
eine sehr beträchtliche Colonno hier an. Auch der Feldmarschall 
Barclay de Tolly kam heute an. 

October 12. Heute kam wieder doppelte, und in den Officiers- 
Quartieren selbst dreifache Einquartierung hier an. 

October 13. Heute kam viel russische Cavallerie als Einquar- 
tierung hier an. 

October H. Nachmittags war der Einmarsch unserer aus dem 
Felde rückkehrenden Freiwilligen uud des Feld-Bataillons, die zuvor 
auf Kosten der Stadt auf dem Oberforsthaus waren gespeist worden 
und hierauf einquartiert wurden. 

October 15. Gestern früh war der König von Preussen ganz 
iueognito hier durchgereist, auch ist schon vorgestern ein T heil und 
gestern der andere Theil des grossen russischen Hauptquartiers von 
hier nach Hanau aufgebrochen. 

Heute kamen 2 Regimenter russische Husaren hier an und wur- 
den zum Theil hier einquartiert, zum TheU legten sie sich in den 
Bivouao auf die Pfingstweide, woselbst die Pferde hingestellt wurden. 

October 16. Heute kam wieder viel russische Infanterie auf 
dem Rückmarsch zur Einquartierung hier an. 

October 17. Auch heute traf wieder viel russische Infanterie 
auf dem Rückmärsche aus Frankreich hier ein, die morgen Rasttag 
halten. 

Abends von 5 bis 6 Uhr wurde zur Vorfeier des morgenden 
deutschen FeBttages mit allen Glocken geläutet. 

October 18. Morgens früh von 6 bis 7 Uhr ward der Anfang des 
heutigen Festtages mit allen Glocken eingeläutet. Zu gewöhnlichen 
Kirchenzeiten war in allen Kirchen feierlicher Gottesdienst 

Inmittelst hatte das Militär und alle Landsturm - Corps sich am 
Grindbrunnen versammelt, welche um 11 Uhr ein Quarre* bildeten, 
in dessen Mitte ein Zelt aufgeschlagen war, worin sich Deputationen 
des Senats, des Kriegszeugamts, die Herzogin von Oldenburg, mehrere" 
hier anwesende Standespersonen und sonstige Honoratioren versam- 
melt hatten. Hiernach ward zuerst unter Begleitung einer Harmonie- 
Musik ein eigens gedrucktes Lied von der versammelten Menge 
abgesungen, worauf Pfarrer Kirchner vor dem Zelte eine dem heu- 
tigen Feste entsprechende Rede hielt, nach deren Endigung ein 
Schlussgesang angestimmt wurde. Hierauf stellten sich erwähnte 



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— 360 



Corps in Front nach dem Main auf, die Artillerie mit 6 Kanonen 
auf dem linken Flügel, und, während diese letztere mehrmalige Salven 
gab, gaben auch die Infanterie-Corps, ein jedes besonders, eine drei- 
malige Salve. Der Einmarsch in die Stadt geschah gegen i ft2 Uhr. 

Nachmittags versammelten sich die Kinder der Muster- and der 
Volksschule mit ihren Lehrern auf dem Römerberg, um von 3 bis 
4 Uhr 3 eigens ausgewählte Lieder unter Begleitung von Blas- Instru- 
menten zu singen, welches auch sehr schön gelang. Andere ähnliche 
Veraammlungen von Schulkindern fanden am Leinwandshause, an 
der Peterskirche, in Sachsenhausen und an der Synagoge statt Von 
4 bis 5 Uhr wurde wieder mit allen Glocken geläutet 

Auf Veranstaltung des Landsturms war an der Friedbergerwarte 
ein sehr schöner, grosser und hoher Scheiterhaufen auf einem hohen 
Gertiste, aus Tannenholz, Tannenwellen und Oelfässern bestehend, 
aufgerichtet Nahe daran war ein grosses Zelt aufgeschlagen und 
ohnfern davon eine Rednerbühne, die mit grünem Laubwerk und dem 
hanseatischen Kreuz verziert war. Das Zusammenströmen von Men- 
schen jeden Altere und Geschlechts und aus allen Ständen dorthin 
Ubertraf alles, was man bis jetzt an Volksversammlungen gesehen hatte, 
so dass die Gesammtzahl aller, die ab- und zu-, hin- und herströmten, 
wohl auf 30,000 angenommen werden konnte. Indessen verzögerte sich 
die daselbst stattfinden sollende Feierlichkeit. Während dessen nun 
wurden alle Wartthürme, also auch der Friedberger Wartthurm, Btark 
und schön erleuchtet, auf allen nahen und entfernten Höhen erglänzten 
zahlreiche Feuer, vorzüglich in dem Gebirge, worunter sich das auf dem 
Feldberge besonders auszeichnete, und der helle Himmel, verbunden 
mit dem vollen Glänze des aufgegangenen Mondlichtes, gab diesen An- 
blicken einen hohen Grad vou Vollkommenheit Von Seiten des Land- 
sturms war ein festlicher Fackelzug vorbereitet, der aber wegen der 
grossen Menge Menschen nicht ordnungsmässig zu Stande kommen 
konnte. Unzählige Fackeln aber erleuchteten die Strasse und flim- 
merten im bunten Gewühle der Ungeheuern, unzählbaren, das ganze 
Feld bedeckenden Menschen- und Kutschen -Menge. Endlich nach 
'7 Uhr Abends kam die Deputation des Senats, das Kriegszeugamt, 
sowie die Herzogin von Oldenburg unter Begleitung einer Abtheilung 
freiwilliger Cavallerie an der Stelle der Feierlichkeit an, worauf 
sodann Pfarrer Friederich von Bornheim auf der dafür errichteten Bühne 
eine passende Rede hielt, nach deren Ende der gedachte Scheiter- 
haufen vermittelst 6 auf einmal im Innern desselben losgezündeten 
und oben durchgeflogenen starken Raketen entzündet wurde, der 



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sodann mit starker Flamme, die eine ausserordentliche Wirkung her- 
vorbrachte, sich nach und nach verzehrte. 

October 19. Statt der vorgestern hier angekommenen, gestern 
Rasttag haltenden, heute früh aber abgegangenen russischen Ein- 
quartierung kam heute wieder viele leichte russische Infanterie als 
Einquartierung auf eine Nacht hier an. Dessgleichen kam eine Ab- 
theilung österreichische Infanterie hierher, die einquartiert wurde. 

October 21. Gestern war wieder eine Colonne russischer In- 
fanterie zur Einquartierung auf eine Nacht hier angekommen und 
heute weiter marscbirt. Heute kam wieder eine Colonne nebst starkem 
Zug Artillerie an, die morgen Rasttag halten sollen und erst über- 
morgen wieder aufbrechen werden. 

Diese heimkehrenden Russen führen sich im Allgemeinen schlecht 
auf und geben, insbesondere über Dieberei, viele Ursache zu klagen. 
In abgewichener Nacht war in Sachsenhausen , wo eine Abtheilung 
von 300 Mann russische Gendarmerie zu Pferd einquartiert ist, grosser 
und starker Unfug. Eb kam zwischen denselben und den zu Hülfe ge- 
rufenen W acht mann schatten zu ernsthaften Auftritten , in welchen 
auf beiden Seiten mehrere Menschen mehr oder weniger bedeutend ver- 
wundet wurden, daher auch für heute von unserem auf den Dörfern 
cantonnirenden Militär starke Abtheilungen in die Stadt hereinge- 
zogen und sämmtliche Wachtposten doppelt besetzt wurden. 

October 23. Heute kam die letzte Colonne des dermaligen 
russischen Rückmarsches aus Frankreich, aus Iufauterie und Artillerie 
bestehend, hier in der Gegend an und bricht morgen früh wieder auf. 

November 13. Gestern ist derjenige Theil unserer hiesigen 
Truppen, welche aus dem dem König von Preussen angefallenen 
Theil des Fuldaer -Landes gebürtig Bind , in ihre Heimath zurück- 
marachirt. Diejenigen, die aus dem österreichischen Antheil des 
Fuldaer Landes gebürtig waren, sind bereits vor einiger Zeit an 
Oesterreich Ubergeben worden. 

November 28. Vorgestern ging ein darmstädtisclies Regiment 
hier durch nach Giessen und heute ein kurhessisches nach Hanau. 

Derein her 1. Gestern schon kamen einige Tausend Mann der 
zurückkehrenden preussischen Armee zur Einquartierung hier an und 
hatten heute Rasttag. 

December 3. Gestern kam eine kleinere, heute aber eine stär- 
kere Colonne preussischer Truppen auf dem Rückmarsch zur Ein- 
quartierung hier an. 

December 4. Auch heute kamen deren wieder viele auf dem 
Durchmarsch zur Einquartierung an. 



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December 9. Gestern endete der Durchmarsch des Thiele 
maun'schen preussischcn Armeecorps und heute begann der Durch- 
marsch des Btilow'schcn Corps, wovon eine so starke Colonne ankam, 
dass hiesige Stadt meist mit doppelter Einquartierung belegt war. 

December 12. Heute kam wieder eine starke Colonne preussi- 
schcr Truppen zur Einquartierung auf eine Nacht hier an. 

December 17. Heute um Mittag kam Fürst Blücher hier an. 
Auch kam heute wieder eine Btarke Colonne preussischer Truppen 
zur Einquartierung hier an. 

December 18. Gestern Abend brachten die Officierc des Land- 
sturms und des Feldmilitärs, unter militärischer Begleitung von ein- 
zelnen Abtheilungen c\pr verschiedenen Corps, dem Feldmarschall 
Blücher eine musikalische Serenade, welche er durch freundliche An- 
rede von dem Balcon des weissen Schwanen verdankte, worauf dem- 
selben von der versammelten grossen Volksmenge ein jubelndes Vivat 
dargebracht wurde. 



1816. 

Januar 4. Heute früh nach 8 Uhr reiste Fürst Blücher unter 
Begleitung der Landsturm - Cavallerie von hier ab, um sich nach 
Berliu zu begeben. 

Januar 22. Heute fanden in allen Quartieren die Wahlen zur 
Bestimmung der Wahlmänner statt, wurden aber in den meisten Quar- 
tieren durch revolutionäre Umtriebe gestört und in einigen ganz 
hintertrieben, wovon die leidigen Folgen zu erwarten stehen. 

Januar 23. Die Spannung der Gemüther in Absicht auf die 
politischen Verhältnisse der hiesigen Verfassung hat heute noch fort- 
gedauert, und ist das endliche Ergebniss hiervon noch zu erwarten. 

Februar 1. Die heute in allen Quartieren stattgefundenc wieder- 
holte Wahl der 56 Wahlmänner fiel, leider! so aus, dass davon weder 
Heilsames noch Erspriessliches für das gemeine Wohl zu erwarten 
stehen mag. 

Februar 13. Am gestrigen Nachmittag wurde von der Wahl- 
versammlung der 56er die Wahl der 13er vorgenommen. 

Februar 19. Heute ist die Commission der 13er zum ersten 
Mal zusammengetreten und hat sich constituirt. 

März 26. Heute ging ein russischer Pulver-Transport von 5000 
Centnern, auf 34 Schilfen von Bamberg kommend und nach Ant- 
werpen gehend, an hiesigor Stadt vorbei. So lange derselbe unter der 
Brücke durchfuhr, durfte niemand über dieselbe gehen. 



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8eptember 9. Heute wurden von den Mitgliedern des Senat» 
die ihnen in diesen Tagen zugetheilten Aemtcr angetreten und über- 
kommen. Merkwürdig ist hierbei, dass heute vor 10 Jahren hiesige 
Stadt von dem französischen Marschall Augereau an die Bevoll- 
mächtigten des Fürsten Primas übergeben wurde. Sic transit gloria 
mundi! 

October 18. Am gestrigen Abend schon von 5 bis 6 Uhr 
wurde die Feier des heutigen Tages durch das Geläute aller Glocken 
und das Lösen von 101 Kanonenschüssen verkündet. Dasselbe geschah 
von 6 bis 7 Uhr heute Morgen. Um 8 Uhr hatte die feierliche 
Eidesleistung des Senats und der Bürgerschaft auf die Festhakung 
der Constitution hiesiger Stadt auf dem Römerberge statt, deren 
Ablegung abermals Artillerie-Salven verkündigten. Um 10 Uhr war 
festlicher Kirchengang des Senats und des Bürger-Collegs aus dem 
Kömer in die Katharinenkirchc durch die aufgestellten Spaliere des 
Landsturms, während welchem abermals die Glocken geläutet und 
die Kanonen gelöset wurden. Der Landsturm hatte dann auf dem 
Rossmarkt Quarre* gemacht und hielt daselbst einen feierlichen 
Gottesdienst, worauf derselbe dann an der Katharinenkirche vor dem 
Senate vorbei defilirte. Nachmittags von 3 bis 4 Uhr war Gesang 
der sämmtlichen Schuljugend an den dazu bestimmten freien Plätzen. 
Von 4 bis 5 Uhr wurde abermals mit allen Glocken geläutet und 
wurden 101 Kanonenschüsse abgefeuert. Abends gegen 6 Uhr 
zog ein grosser Theil des Landsturms, jedoch ohne Waffen, an die 
Friedberger Warte, die wie alle audere Wartthürme erleuchtet war. 
Hier hielt Pfarrer Friederieh von Bornheim eine Rede zur Feier dieses 
Tages, worauf ein grosser Holzstoss angezündet wurde, dessen 
Flamme hoch aufloderte. Nach 8 Uhr wurde auf dem Mühlenwehr 
oberhalb der Brücke ein grosses Feuerwerk abgebrannt und um 
gleiche Zeit die Allee auf dem Rossmarkt und das Theater erleuchtet, 
dessgleichen ein von dem Landsturm auf dem Rossmarkt errichtetes 
grosses Amphitheater mit einer Pyramide mit den Namenszügen 
der verbündeten 4 Monarchen. Diese Erleuchtungen wurden bis 
nach Mitternacht unterhalten und auf dem Amphitheater eigens ge- 
dichtete Lieder mit musikalischer Begleitung gesungen. Gegen 
Abend erblickte man auch am Gebirge und sonsten nahe und fern 
viele Feuer. 

November 4. Abends wurde durch das Abfeuorn der Kanonen 
und das Geläute aller Glocken die morgen bevorstehende Eröffnung 
des deutschen Bundestags verkündigt. 



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November 5. Die heute geschehene Eröffnung des Bundestags 
wurde Vormittags von 10 bis 11 Uhr und Abends von 5 bis 6 Uhr 
durch das Geläute aller Glocken und Artillerie -Salven gefeiert. 



1817. 

Februar "ZH. Heute wurde in der Domkirche für den kürzlich 
in Regensburg verstorbenen Fürsten Primas, vormaligen Grossherzog 
von Frankfurt, ein feierliches Seelenamt gehalten und war dabei 
ein geschmackvoll decorirtes Castrum dolor is aufgestellt. Bereits 
gestern Abend wurde eine halbe Stunde und heute während der 
Handlung selbst nochmals mit allen Glocken der hiesigen katholischen 
Kirchen geläutet 

März 9. Heute gegen Mittag wurde das Versorgungshaus feier- 
lich eröffnet. 

Juli 7. Heute Abend wurde ein hoch geladener, Gspännigcr Wagen 
Wintergerste, dem Ackerbegüterten Schmidt im Riesen gehörig, als 
Erstling der diesjährigen Ernte mit Ngrosser Feierlichkeit unter Be- 
gleitung der Schulkinder aller Schulen mit ihren Lehrern, umgeben 
von festlich geschmückten Schnittern und Schnitterinnen, geziert mit 
Bändern und Blumen-Guirlanden, mit aufgesteckten Tannenspitzeu, 
an welchen nachbemerkte zwei Inschriften angeheftet waren, unter 
dem Geläute der Glocken und unter Begleitung einer ungemein grossen 
dankbaren und mit frohen Hoffnungen erfüllten Volksmenge in langsam 
feierlichem Zuge dem Bockenheimer Thorc herein und bis vor die 
St. Katharinenkirche gebracht Hier hielt der Zug still, und unter 
Begleitung von Blas instrumenten von den Thürmen wurden einige 
Strophen des Lieds: „Allein Gott in der Höh sei Ehr" gesungen, 
hierauf von Pfarrer Friederich auf einer dafür errichteten Estrade 
eine zweckgemässc Rede gehalten, nach deren Endigung die 
Schulkinder und der grösste Theil der gedrängt versammelten Volks- 
menge das Lied : „Nun danket alle Gott" unter Begleitung der 
Blas-Instrumente vom Thurme absangen, worauf sodann der Wagen 
unter Vortritt des Musikcorps in den Riesen abgefahren wurde. Die 
zugeströmte Menschenmenge war so gross, das der Wagen sich nur 
langsam bewegen konnte, und, obgleich dessen Abfahrt vom Gallen- 
felde um 5 Uhr geschah, dessen Ankunft im Riesen doch erst um 
8 Uhr erfolgte. Die Inschrift oben auf dem Vordertheü des Wagens 
lautete: 



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. — 365 - 

„Dies geschiehet Gott zu Ehren, 
Der uns reichlich will ernähren", 
und jene auf dem hinteren Theile des Wagens : 

„An Gottes 8egen 
Ist Alles gelegen." 
Oetober 18. Fest aller Deutschen! Nachdem dasselbe 
gestern Abend und heute früh durch das Geläute aller Glocken und 
das Abfeuern des Geschützes angekündigt war, so wurde es heute 
auf festgesetzte und vorgeschriebene Weise begangen, und die Fest- 
feier und Festfreude wurde durch vollkommen heitere und schöne 
Witterung begünstigt Den Schluss bildete das Abendfest an der 
Fried berger Warte mit Rede von Pfarrer König, Abbrennen eines 
Feuerwerks und Anzünden des dort errichteten Holzstosses, bei 
welcher Gelegenheit in näherer und entfernterer Richtung auf den 
Höben umher mehr als 30 Feuer sichtbar waren. 

Oetober 30. Zur Ankündigung des morgenden Säcular-Refor- 
mationsfestes wurde heute Abend von 5 bis 6 Uhr mit allen Glocken 
geläutet und dann die Melodie eines Liedes von den Thürmen ge- 
blasen. 

Oetober 31. Heute wurde das 3. Säcular-Jubelfest der Refor- 
mation nach vorgeschrieben gewesener Ordnung feierlich begangen, 
und eine allgemeine rührende Theilnahme erhob dasselbe zu einem 
der seltensten und erhebendsten Feste. Nachmittags predigte Pfarrer 
Spiess (von der reformirten Gemeinde) in der St. Katharinenkirche. 

November 1. Heute Vormittag war als Fortsetzung der Sftcular- 
Reforraationsfeier in der St. Kathariuenkirche allgemeine Versamm- 
lung aller protestantischen Schulen , bei welcher etwa 4600 Kinder 
versammelt waren. Abends 4 Uhr war ebendaselbst Austheilung 
von Bibeln an solche Kinder, die deren noch keine hatten, mit ent- 
sprechender Feierlichkeit. 



1818. 

September 22. Nachmittags 4 Uhr reiste Kaiser Franz von 
Oesterreich hier vorbei nach Aachen. Er wurde von einer Senats- 
Deputation an der hessischen Gränze empfangen, von einer Abthei- 
lung bürgerlicher Reiterei escortirt, an dem Allerheiligenthor, wo er 
nur so lange weilte, bis die Pferde gewechselt waren, von den beiden 
Bürgermeistern becompliraentirt und mit Musik und Paradirung einer 
Militär-Abtheilung empfangen. Er fuhr durch die Stadt und die 



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Cavallerie begleitete ihn bis an die nassauische Gränze auf dem 
Wege nach Höchst. 

September 25. Heute kam der Kaiser von Russland auf der 
Durchreise nach Aachen hier an. 

September 26. Der Kaiser von Russland ist bei von ßethmann 
eingekehrt und bleibt bis morgen hier. 

Heute Morgen 7 Uhr ist der König von Preussen hier durch- 
gereist und hat hier nur die Pferde gewechselt 

Ortober 17. Abends von 5 bis 6 Uhr wurde der morgende 
deutsche Festtag durch das Geläute aller Glocken und das Abfeuern 
der Kanonen angekündigt. 

October 18. Deutscher Fest- und Feiertag. Ein Gleiches 
geschah der Anordnung zu dieser Festfeier gemäss Morgens früh 
von 6 bis 7 Uhr. Um 8 Uhr fing der Gottesdienst in allen Kirchen 
an, der gegen 10 Uhr und in der Katharinenkirche nach 10 Uhr 
beendigt war. Um diese Zeit zog das Militär und sämmtliche 
Landwehr-Corps auf die Haide am Grindbrunnen, wo sie sich in ein 
Quarre' aufstellten, und, nachdem die Bürgermeister und übrigen 
Senats -Mitglieder daselbst angekommen und in das dort aufge- 
schlagene Zelt eingetreten waren , fing der Gottesdienst mit Ge- 
sang an, dann sprach Pfarrer Friederich ein in Jamben verfasstes 
Gebet, worauf diese Handlung , bei der jedoch leider wenig Andacht 
herrschte, mit einem Gesang schloss. Hiernächst defilirte sämmtliches 
Militär vor dem Senate vorbei und zog in die Stadt zurück. Diese 
Feierlichkeit endigte um 1 Uhr. Um* 3 Uhr fing der Gesang der 
Schulkinder auf den bestimmten freien Plätzen an und endigte um 
4 Uhr. Von 4 bis 5 Uhr wurde nochmals mit allen Glocken ge- 
läutet und mit Kanonen geschossen. Von da an zog man in dichten 
Schaaren nach der Anhöhe der Friedberger Warte. Gegen 7 Uhr kamen 
die Bürgermeister daselbst an und nach der durch Pfarrer König von 
Bornheim gesprochenen Rede wurde gegen 8 Uhr der dort errichtete 
Holzstoss angezündet, welcher sich sowie das damit verbundene Feuer- 
werk sehr schön ausnahm, und dessen Grundflamme noch bis 10 Uhr 
fortbrannte. Von 8 Uhr an wogte die zahllos hinausgeströmte Menge 
wieder zur Stadt zurück. 

■ 

November 23. Gegen Abend war der König von Preussen ganz 
incognito hier angekommen. Um Mitternacht kam auch der Kaiser 
von Russland hier an. Durch einen Irrthum hatten die Thürmer 
schon um 7*9 Uhr geglaubt, dass derselbe angekommen sei, und das 
zur Feier seiner Ankunft bestimmte Geläute von den Thürmon aller 



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Kirchen begann daher schon um diese Zeit und dauerte bis */tlO 
Uhr. 

November 25. Heute Morgen gegen 9 Uhr reiste der Kaiser 
von Russland Uber Darmstadt von hier ab. Abends gegen 5 Uhr 
traf dessen Mutter unter dem Geläute aller Glocken und Abfeuerung 
der Kanonen hier ein. 

November 27. Heute Morgen reiste die Kaiserin von liussland 
unter Abfeuerung der Kanonen und dem Geläute aller Glocken, be- 
gleitet von einer Abtheilung der Landwehr-Reiterei, von hier auf der 
Strasse .nach Marburg ab. 



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Johann Nicolaus Körner. 

Ein Frankfurter Naturforscher des vorigen Jahrhunderts. 

Von Dr. Max Schmidt, 

Director des zoologischen Gartens zn Fraukfurt a. M. 

(Mit Körner's Bildnis».) 

Die Insektenkunde ist in Frankfurt stets von zahlreichen Lieb- 
habern gepflegt worden , welche dieselbe neben ihren eigentlichen 
Berufsgeschäften betrieben und sich nicht damit begnügten, Samm- 
lungen anzulegen, sondern sich auch als Schriftsteller um diesen 
Zweig der Zoologie Verdienste erworben haben und deren Namen 
daher in der einschlägigen Literatur, zum Theil selbst weit über 
diese hinaus, rühmlichst bekannt geworden sind. Es gehören dazu 
aus älterer Zeit: Sibylle Merian, geboren dahier 1647, gestorben 
1717 zu Amsterdam, Dr. Peter Pasquay, Arzt, gestorben 1777, Dr. 
Georg Jacob Gladbach, Arzt, geboren den 3. October 1735, gestorben 
den 13. September 1796, Joh. Christ. Gerning, Kaufmann, und in 
der Gegenwart : Senator von Heyden f 1866, sowie dessen Sohn, Haupt- 
mann L. von Heyden, Dr. G. Haag, Oekonom, A. Schumi, Gabr. 
Koch, früher Spengler, Joh. Mart. Riese, Gürtler, geboren 1792, 
gestorben 1858, G. G. Mühlig, Carl Schneider, Kaufmann, u. A. und 
dank den Leistungen derselben lässt sich wohl mit Recht behaupten, 
dass kaum eine Gegend Deutschlands in dieser Hinsicht so fleissig 
untersucht worden sei, als gerade die Nachbarschaft von Frankfurt. 
Während nun die meisten der hierher zu zählenden Persönlichkeiten, 
soweit sie nicht mehr unter den Lebenden weilen», längst ihre Bio- 
graphen gefunden haben, welche Mittheilungen Uber ihr Leben und 
Wirken der Nachwelt überlieferten, ist über die näheren Umstände 
desjenigen Forschers, dessen Namen der gegenwärtigen Mittheilung 
als Titel voransteht, Nichts bekannt, obwohl er doch mit allem Recht 
stets neben den oben Erwähnten genannt zu werden pflegt. Wenn 
ich nun, ohne Entomologe zu sein, es unternehme, hier das Wenige, 
was über Körner zu ermitteln war, zusammenzustellen, so erklärt 
sich dies wohl zur Genüge daraus, dass mir als seinem Urenkel 



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— 369 — 

einigt-, wenn auch schwache und «um Theil nur auf mündlicher Tra- 
dition älterer Familienglieder beruhende Anhaltspunkte zu Gebote 
standen, welche mir* weitere Nachforschungen erleichterten. 

Körner war kein geborner Frankfurter, sondern seine 'Wiege 
hatte in Rodach, einem Städtchen im Herzogthum Coburg, gestanden, 
welches Rtickert in einem bekannten Gedichte folgendermassen besingt : 

„In der Mitte von zwei herzoglichen Hof-Residenzen, 
Die von einander so weit, oder so nahe vielmehr, 
Dass, wenn hier von der einen nach eingenommenem Frühstück, 
Nicht zu langsamen Schritt hebet ein wandernder Mann, 
Er zum Thore der andern gelangt dort, wann von dem Tliurme 
Ladet Hungernde mittägliches Glockengeläut ; 
Liegt, gleich weit von beiden, ein Städtchen zwischen den Städten, 
Das Ursache nicht hat, neidisch anf eine zu sein, 
Denn, wenn irgend was Hohes, Bedeutendes nimmt von der einen 
Stadt zur andern den Weg, muss es das Städtchen hindurch. 
Uud wenn irgend was Schönes und Festliches soll in der einen ■ 
Oder der andern geschehn, hört es das Städtchen denn auch, 
Und kann gehn zu der Stadt. Doch eigentümlich im Städtchen 
Sind Vorzüge daheim, welche nicht gehn zur Stadt. 
Preisen will ich hier nicht die Behaglichkeit oder die Stille, 

Oder die freiere Luft, oder den freieren Sinn; 

Sondern die Floren umher, die fruchtbaren, die es umgeben, 

Sinti der eigenste Schatz, den es besitzt und benutzt. 

Denn, wenn, nahend vielleicht den fürstlichen Sitzen, der* Wandrer 

Schlösser stehet uud Dach leuchten in hellerem Glanz; 
So sieht hier er dagegen, den letzteren Hügel besteigend, 

Der ihm das Städtchen entdeckt, glänzen ein dunkleres Grün, 

Das schon fern ihm verkündet die Ueppigkeit, bis er, genaht nun, 
Misst den Klee mit den Knien nnd mit dem Haupte das Korn. 

Ja, so scheint es, erwählte zum Lieblingskinde der Himmel 

Diesen gesegneten Gau unter den Nachbarn umher, 

Dass, so weit umreichend des Weichbilds Grenz in die Kundung 

Sich ausbreitet, so weit breitet die Fülle sich auch, 

Und da, wo Bich ihm schliessen die Markungen, scheinet die Erde 

Auch zu schliessen zugleich ihren gesegneten Schoos; 

Und die fruchtbare Schwärze des Erdreichs läuft von der Mitte 

Spröd in bläulichen Kies gegen die Enden hinaus. 

Also reichliche Quellen des himmlischen Ueberrlusses 

Strömen auf dieses Gebiet, aber der irdische Fluss, 

Der durchbin sich schlängelt, ein winziger, nennet sich Rodach, 

Der Taufpathe der Stadt, welcher den Namen ihr lieh. — " 

Hier wurde Johann Nicolaus Körner am 12. Januar 1710 geboren, 
als das dritte von den sechs Kindern des Sehlossermeisters Nieolaus 
VI. 24 



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Kömer uud dessen Ehefrau Margarethe, geb. Starckerin. Nach ein- 
gezogenen Erkundigungen liefert die Familie Körner dem Städtchen 
Rodach seit Jahrhunderten stets Schlosserraeister; das Haus, in 
welchem unser Johann Nicolaus das Licht der Welt erblickte, steht 
noch, und in der Werkstätte, in welcher auch gegenwärtig ein Körner 
die Schlosserei betreibt, findet sich ein Stein, in welchen „Nicolaus 
Kürner 1704" eingemeiselt ist, und dieser sinnige Zug des Vaters, 
der das Jahr, in welchem er als Meister das Geschäft seines Vorgän- 
gers Ubernahm und sich verheirathete, auf diese Weise verewigte, 
ist das Einzige, was über Körners Eltern zu ermitteln war. Ueber 
seine Jugendzeit und seinen Bildungsgang liegen keinerlei Nachrich- 
ten vor, doch scheint er eine gute Erziehung genossen zu haben, 
welche ihn in den Stand setzte, sich in Frankfurt, wohin er schon 
im Anfang der dreissiger Jahre des vorigen Jahrhunderts, also etwa 
zwanzig Jahre alt, kam, mit schriftlichen Arbeiten zu ernähren, denn 
er findet sich als „Skribent" bezeichnet und bekleidete vermnthlich 
eine Stelle als Commis. 

Am 24. November 1734 verheirathete er sich mit Anna Marie 
Goldmann, der Tochter eines hiesigen Beisassen, welche ihm sieben 
Kinder schenkte, und im Juli 175G starb. Schon im folgenden Jahre, 
den 31. Mai 1757 sehloss er ein neues Ehebilndniss und zwar dies- 
mal mit einer hiesigen Bürgerstochter, „nahmens Anna Elisabetha 
Friessin, deren Vatter Johann Philipp Fries, Metzgermeister allhier ist", 
wie es in der Eingabe an den Senat heisst, in welcher sich Körner 
um das hiesige Bürgerrecht bewirbt. Er erwähnt bei dieser Gelegen- 
heit, dass er als „Buchhalter nebst Schreib* n y ' sich „biahero ehrlich 
uud ohne jemandes Beschwerde ernähret und dergleichen ferner zu 
thun intentionirt" sei. Nach mündlicher Ueberlieferung soll er in dem 
Schärft" sehen Eisengeschäft in der Fahrgasse, welches jetzt noch be- 
steht, als Buchhalter angestellt gewesen Bein ; später war er auch 
Kanzlist bei der „Ober Rheinischen Kreis- Diktatur." Er starb am 
28. März 1773, also etwas über (>3 Jahre alt. Auch seine zweite Ehe 
war, wie die erste, mit sieben Kindern gesegnet, doch starben die 
meisten, nämlich 8 von den 14 Nachkommen schon vor dem Vater, 
die übrigen blieben theila unverheirathet, theils starben sie kinderlos 
uud nur dem jüngsten Sohne, Johann Jacob, geboren am 15. Juli 1770, 
war es vergönnt, den Stamm fortzuführen. Die Wittwe Kömers 
Uberlebte ihn um eine Reihe von Jahren und starb am 27. October 1805, 
78 Jahre alt. 

Aus dem üben Mitgetheilleu lässt sich schliesseu, dass Körner 
nicht mit Glücksgütern gesegnet geweseu «ein kann; wir haben iut 

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Gegentheil alle Ursache, zu vermuthen, dass er sich die Erwerbung 
de« täglichen Brodes mitunter recht sauer werden Hess und in der 
That gibt er selbst im Jahr 1757 sein Vermögen auf dreihundert 
Gulden „sowohl baarem Gelde alss Haussrath" an, eine selbst für die 
damalige Zeit gewiss höchst bescheidene Summe. Um so höher ver- 
dient es anerkannt zu werden, dass Körner trotzdem stets Zeit und 
Müsse fand, seiner Liebhaberei, dem Beobachten und Sammeln von 
Schmetterlingen und anderen Insekten, Rechnung zu tragen. Wir 
werden wohl nicht irren, wenn wir annehmen, dass die Neigung 
hierzu schon in früher Jugend in seiner Heimath geweckt wurde und 
namentlich scheint in dem nahe gelegenen Coburg Jemand gelebt zu 
haben, der in dieser Hinsicht mehrfach anregend gewirkt hat Offen- 
bar steht es auch hiermit im Zusammenhang, dass Hösel von Rosen- 
hof fü